Viola Ardone: Ein Zug voller Hoffnung

Mit ihrem im Original im Herbst 2019 erschienenen Roman „Ein Zug voller Hoffnung“ („Il treno dei bambini“) landete die 1974 in Neapel geborene Autorin, Lehrerin und Journalistin Viola Ardone einen beachtlichen Erfolg. Mehr als 200.000 Exemplare wurden von dem Buch in Italien verkauft und auch der Nachfolger „Oliva Denaro“ schaffte es letztes Jahr auf die vorderen Plätze der Bestsellerliste. Kein Wunder, dass Viola Ardone damit das Interesse internationaler Verlage geweckt hat. Esther Hansens deutsche Übersetzung von „Ein Zug voller Hoffnung“ ist soeben erschienen, „Oliva Denaro“ soll 2023 folgen.

„Ein Zug voller Hoffnung“ beleuchtet eine gerade hierzulande kaum bekannte Episode der italienischen Nachkriegsgeschichte. Ab 1946 wurden auf Betreiben der Kommunistischen Partei mehr als 100.000 Kinder aus dem verarmten Süden in den wohlhabenden Norden „verschickt“, um bei Gastfamilien aufgepäppelt zu werden und etwas Schulbildung zu bekommen. Oft entwickelten sich aus den mehrmonatigen Aufenthalten jahrelange Verbindungen und nicht wenige Kinder kehrten gar nicht mehr in die Heimat zurück, sondern wurden von ihren Gasteltern adoptiert.

Einer der Jungen, die im Herbst 1946 einen Zug von Neapel in Richtung Bologna besteigen, ist der knapp achtjährige Amerigo Speranza (ein sprechender Name, denn immerhin bedeutet der Nachname „Hoffnung“), der Ich-Erzähler des Romans. Amerigo wächst in ärmsten Verhältnissen bei seiner wenig liebevollen Mutter, einer alleinerziehenden Analphabetin, auf. Seinen Vater, der angeblich nach Amerika ausgewandert ist, kennt er nicht, die Schule musste er nach kurzer Zeit verlassen, um als Lumpensammler zum Familieneinkommen beizutragen. Trotzdem ist er von der Aussicht auf eine vermeintlich angenehme Auszeit in Norditalien nicht besonders angetan. Das hängt vor allem damit zusammen, dass in den Gassen seines Viertels allerlei Gruselgeschichten (heute würde man wohl Fake News dazu sagen) über diese Aufenthalte kursieren — so heißt es zum Beispiel, die Kinder würden in Wirklichkeit nach Russland verkauft und dort zum Frühstück verspeist. Als Amerigo aber vor der Abfahrt Schokolade und neue Schuhe bekommt, ist er schnell Feuer und Flamme. Trotz einiger Anlaufschwierigkeiten werden die Monate in der Nähe von Modena zu einer lebensverändernden Erfahrung. Seine Gastfamilie Benvenuti (zu Deutsch „Willkommen“, also noch so ein sprechender Name) ist freundlich und liebenswert, zudem gibt es bei den Landwirten stets ausreichend zu essen. Vater Benvenuti arbeitet neben der Landwirtschaft außerdem in einem Klaviergeschäft und entfacht bei seinem jungen Schützling Amerigo, der auch in der Schule schnell Fortschritte macht, die Liebe zur Musik.

Umso größer fällt der Kulturschock nach der Rückkunft in Neapel aus. Amerigo sieht sich aller Zukunftschancen beraubt, die er in Modena hatte. Auch die Mutter freut sich nicht übermäßig über die Heimkehr des Sohnes, sondern ärgert sich über die Flausen, die man dem Jungen in den Kopf gesetzt hat. Ein einschneidendes Ereignis zwingt Amerigo schließlich zu einer weitreichenden Entscheidung…

An dieser Stelle endet die 1946/47 spielende Handlung. Das restliche Viertel des Romans wird fast 50 Jahre später vom erwachsenen Amerigo erzählt, der nach dem Tod der Mutter nach Neapel reist und sich fragt, wie sein Leben verlaufen wäre, hätte er sich damals anders entschieden. Dabei erfahren wir auch, wie es ihm in dem halben Jahrhundert, das zwischen den beiden Erzählsträngen liegt, ergangen ist. Der kurze zweite Teil ist dabei deutlich nachdenklicher und berührender als der längere erste, weil dabei universelle Fragen gestellt werden, die uns alle betreffen. Allein die Idee, dass eine Kleinigkeit wie das Besteigen eines bestimmten Zuges zu einer bestimmten Zeit ein Leben von Grund auf ändern kann, ist faszinierend. Allerdings liest sich auch der vom jungen Amerigo, der fast ein wenig zu schlau und aufgeweckt ist (stellenweise fühlte ich mich an den „kleinen Lord“ erinnert), äußerst kurzweilig. Besonders gut versteht es Viola Ardone, die kleinen Gassen und die Gerüche des Nachkriegs-Neapels zum Leben zu erwecken. Ein hoffnungsvoller Roman mit ernsten Untertönen — unbedingt lesenswert!

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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3 Kommentare zu „Viola Ardone: Ein Zug voller Hoffnung

  1. Vielen Dank für den interessanten Tipp. Ich habe auch erst kürzlich hier in Italien bei einer Buchbesprechung, bei der es um ein kurzes, grafisch gestaltetes Kinderbuch ging („Tre in tutto“ von Davide Calì (Autor), Isabella Labate (Illustration), von dieser Episode der italienischen Geschichte erfahren, und man sagte, dass selbst in Italien viele Jahrzehnte lang nicht davon gesprochen wurde. Leider war es auch die Kirche, die im Süden die Eltern davon abhalten wollte, ihre Kinder in den Norden zu schicken. Man versuchte, die Eltern mit diesen Gruselgeschichten, dass ihre Kinder von den Kommunisten verspeist werden würden, zu beeinflussen. Es ist heute kaum vorstellbar, aber für die arme Bevölkerung im Süden war der Norden Italiens damals weiter weg als und so fremd wie der Mond. Erschreckend zu hören, dass Ignoranz und Vorurteile dem Guten im Weg standen, denn es war eine zutiefst menschliche Geste von Hilfsbereitschaft, die viele Kinder von der Straße und aus der Armut gezogen hat und ihnen neue Perspektiven gab. Gut, dass Helfer und Kinder von damals heute auf vielen Kanälen davon berichten und so auch ein wertvolles Beispiel geben für die Herausforderungen unserer Zeit. Den Roman werde ich bestellen!

    1. Dass die Lebensverhältnisse im Norden und im Süden damals so extrem unterschiedlich waren (und das ist ja eigentlich noch untertrieben), war mir bisher nicht bewusst. Die Beschreibung des Alltags aus den armen Vierteln Neapels hat mich teilweise fast ein wenig an Romane von Charles Dickens erinnert.

      Mich wundert nicht, dass viele Menschen allerlei Gerüchte geglaubt haben, die ihnen von wem auch immer erzählt wurden. Wahrscheinlich steckte da auch ein wenig die Angst dahinter, dass die Kinder tatsächlich nicht mehr zurückkommen, weil es anderswo eigentlich nur besser sein kann. Dabei haben ja nicht nur die Kinder selbst von diesen Gastaufenthalten profitiert, sondern später auch ihre Heimatregion. Eine Figur aus dem Roman kehrt zum Beispiel später nach Neapel zurück und arbeitet dort als Richter.

  2. Jedes Wort, jeder Satz ist wahr…mein Erzähler spielte die Mandoline…
    Wenn man fern der Heimat ist, dann läuft man immer wieder in Gedanken die Wege der Heimat ab. Die Gerüche der Gassen bleiben unvergessen.

    Ein schönes Buch, dass ich weiter empfehlen kann.

    Lieber Gruß

    Maria🦋

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