Kristina Ohlsson: Die Tote im Sturm

Mit den Urlaubsorten ihrer Kindheit verbindet viele Menschen eine lebenslange Beziehung — erst recht natürlich, wenn sie das Glück hatten, ihre Ferien Jahr für Jahr am gleichen Ort verbringen zu dürfen. Oft zieht es diese Menschen auch als Erwachsene immer wieder an die liebgewonnenen Plätze ihrer Kindheit zurück. Meist natürlich, um mit ihren eigenen Kindern Urlaub zu machen, manchmal aber auch, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. So wie August Strindberg (nicht der August Strindberg übrigens — „Die Tote im Sturm“ spielt in der Gegenwart und die Namensgleichheit ist einzig und allein der Fantasie der Autorin geschuldet), der nach einem Jahr voller Schicksalsschläge sein altes Leben als Vermögensverwalter in Stockholm hinter sich lässt und sich in einem idyllischen Fischerdörfchen an der schwedischen Westküste, wo seine Großeltern einst ein Sommerhäuschen besaßen, niederlässt. Der Mittvierziger, ein sympathischer Zeitgenosse mit einem Faible für analoge Dinge, hat ein insolventes Bestattungsinstitut (nebst Leichenwagen, den er dank der etwas lebensbejahenderen Optik kurzerhand gelb lackiert) gekauft, in dessen Räumlichkeiten er einen Secondhand-Laden eröffnen und auch wohnen möchte. Bis die entsprechenden Renovierungsarbeiten abgeschlossen sind, kommt er in einem kleinen Häuschen unter, das er zu einem verdächtig günstigen Preis von einem freundlichen älteren Ehepaar gemietet hat.

Neben der Ankunft August Strindbergs in Hovenäset gibt es am Abend Ende August, an dem die Geschichte des Krimis beginnt, ein weiteres Ereignis. Agnes Eriksson verlässt während eines aufziehenden Sturms das Haus, das sie gemeinsam mit ihrem Mann und dem Sohn im Teenageralter bewohnt, und verschwindet spurlos. Die Suche nach der beliebten Lehrerin wird sofort eingeleitet, bleibt aber erfolglos. Ist Agnes während des Sturms ins Wasser gefallen und ertrunken? Hat sie ihre Familie vorsätzlich verlassen, um ein Geheimnis zu vertuschen, das nicht ans Licht kommen durfte? Oder hat ihr Verschwinden mit einem 30 Jahre alten Mordfall zu tun, der sich just in dem Haus ereignet hat, in dem August nun lebt und das von den Bewohnern Hovenäsets nur „das Eishaus“ genannt wird?

Man weiß es nicht und tatsächlich bleibt fast bis zum Ende des mehr als 500 Seiten starken Romans offen, was an diesem Abend mit Agnes passiert ist. Dass man es aber trotz der von Kristina Ohlsson geschickt konstruierten Handlung doch sehr schnell ahnt, liegt an einer äußerst seltsamen Entscheidung des deutschen Verlags. „Stormvakt“ (zu Deutsch „Sturmwache“) heißt der Krimi im schwedischen Original recht neutral — der deutsche Titel „Die Tote im Sturm“ und der „Mord“, der in roten Lettern hinten auf dem Einband versprochen wird, plaudern da schon deutlich mehr aus. Unverständlich vor allem angesichts einer Geschichte, in der es weniger um die Suche nach einem Mörder geht, sondern eher um die Rekonstruktion von Ereignissen.

Sieht man von dem Spoiler im Titel aber einmal ab, ist dieser August Strindberg eine echte Bereicherung für das Genre des Schwedenkrimis. Sympathische, gut gezeichnete Charaktere, eine ruhige, aber keineswegs langatmige Erzählweise (wobei ein paar Seiten weniger sicher nicht geschadet hätten) und der Verzicht auf blutrünstige Szenen sind die großen Pluspunkte von „Die Tote im Sturm“. Zudem hat Kristina Ohlsson mit dem Thema Familie — in ihrer gelingenden, aber oft auch in ihrer dysfunktionalen Erscheinungsform — einen roten Faden gewählt, der dem Roman eine zusätzliche Ebene und etwas mehr Tiefe gibt.

Nächstes Jahr darf man sich auf den nächsten Krimi um August Strindberg und die Polizistin Maria Martinsson freuen. Bleibt zu hoffen, dass der deutsche Titel dann mit etwas mehr Bedacht gewählt wird.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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