Aus dem Lesesessel #1

Noch immer liegt Irene Vallejos „Papyrus. Die Geschichte der Welt in Büchern“ auf meinem Nachttisch, aber mehr als ein oder zwei kurze Kapitel des schwergewichtigen Sachbuchs schaffe ich momentan nicht. So faszinierend die Thematik an sich auch sein mag, muss man schon ein großes Faible für die griechische Mythologie oder das alte Rom haben, um zügig mit der Lektüre voranzukommen. Allerdings ist „Papyrus“ eine ganz wunderbare Fundgrube für Bücher, die man schon immer oder unbedingt noch einmal lesen wollte — meine persönliche Wunschliste hat sich in letzter Zeit jedenfalls deutlich verlängert, und erste Positionen darauf durften bereits als „gelesen“ oder zumindest als „in Arbeit“ markiert werden. Zum einen „Die tanzenden Männchen“, eine sehr kurzweilige Sherlock Holmes-Geschichte von Arthur Conan Doyle, die Irene Vallejo zusammen mit Edgar Allan Poes „Der Goldkäfer“ empfiehlt. In beiden Erzählungen geht es um Verschlüsselungstechniken, wobei man zumindest im Falle der „tanzenden Männchen“ den Fortgang der Handlung erahnt, wenn man mit der Idee vertraut ist, dass man einen Text verschlüsseln kann, indem man einen bestimmten Buchstaben durch einen Platzhalter (eine Zahl, ein Symbol oder eben ein Strichmännchen) ersetzt.

Ebenfalls in „Papyrus“ erwähnt wird meine aktuelle Lektüre, „Die Selbstmord-Schwestern“ von Jeffrey Eugenides. Das Buch habe ich mir vor einer halben Ewigkeit im hervorragenden Bamberger Antiquariat „Fundevogel“ gekauft und seit einer halben Ewigkeit steht es nun auch schon im Regal herum. Ein Fehler, denn trotz der niederschmetternden Ausgangslage — die fünf halbwüchsigen Töchter einer Familie begehen binnen eines Jahres Selbstmord — ist das Buch, das aus Sicht verschiedener Nachbarsjungen erzählt wird, bisher erstaunlich vergnüglich.

Apropos „Bücher, die schon ewig ungelesen im Regal herumstehen“: In diese Kategorie fällt bei mir auch „Mein Herz so weiß“, der wohl größte Erfolg des jüngst viel zu früh verstorbenen Javier Marías. Wer schon alles vom Spanier kennt, darf sich dieser Tage über Nachschub freuen, denn mit „Tomás Nevinson“ erscheint ein aktueller Roman von Javier Marías neu in deutscher Übersetzung von Susanne Lange.

Gar nichts mit den bisher erwähnten Büchern hat „Junge mit schwarzem Hahn“ zu tun, das ich neulich ebenfalls gelesen habe. An den Debütroman von Stefanie vor Schulte hatte ich hohe Erwartungen, die allerdings leider nur zum Teil erfüllt wurden. Die düstere Grundstimmung und die märchenhaften Elemente (vom jugendlichen Helden über einen sprechenden Hahn bis hin zu einer verrückten, kinderraubenden Fürstin und dem obligatorischen Happy End ist wirklich alles dabei) mochte ich sehr gerne, die etwas vorhersehbare Geschichte und die arg simple — für Märchen aber letztlich nicht untypische — Figurenzeichnung haben mich dagegen nicht ganz überzeugt. Kann man lesen, muss man aber nicht!

Falls eines der in diesem Blogpost erwähnten Bücher Euer Interesse geweckt hat, leiht Ihr es am besten in der nächstgelegenen Bibliothek aus oder kauft es in einer unabhängigen Buchhandlung. Zum Beispiel in Konstanz bei „Homburger & Hepp“ am Münsterplatz, wo auch das Foto oben entstanden ist.

6 Kommentare zu „Aus dem Lesesessel #1

  1. Ein stimmungsvolles Foto! Es lädt ein, in die Buchhandlung einzutreten und in der wunderbaren Schmökerwelt nach Schätzen zu tauchen. Schade, dass sie nicht bei uns um die Ecke liegt. Liebe Grüße aus Italien! Anke

    1. Ja, das ist wirklich eine sehr schöne Buchhandlung, die ich immer gerne besuche, wenn ich in Konstanz bin. Und als besonderes Extra ist das Bodenseeufer nicht weit, wo man dann die Neuerwerbungen mit Blick aufs Wasser lesen kann. 🙂

  2. Hallo Christoph!
    Ich reihe mich ein in die Kategorie: Bei mir steht „Mein Herz so weiß“ ebenfalls seit langem noch ungelesen im Regal. Hatte es diese Woche schon mal in der Hand, den Klappentext gelesen und dann erst mal doch wieder ins Regal gestellt. Mal sehen, wann ich das Projekt angehe… aber irgendwie waren andere Bücher dann doch immer gerade verlockender. Herzliche Grüße! Barbara

    1. Ich kann mir vorstellen, dass „Mein Herz so weiß“ recht weit vorne in der Liste der prominentesten ungelesenen Bücher zu finden ist — aber natürlich weit hinter „Ulysses“ und dem „Zauberberg“. Ich bin auch nicht ganz so zuversichtlich, dass ich mich dem Roman bald widmen werde. Aber immerhin steht er inzwischen ein einer Stelle, an der er mir öfter ins Auge fällt. Womöglich hilft das ein wenig. 😉

  3. Liebe Christoph,
    danke für diesen so toll verfassten Beitrag. Es hat mir viel Freude gemacht, ihn zu lesen.
    „Die Selbstmordschwestern“ habe ich vor einigen Jahren auch gelesen. Mir hat es ganz gut gefallen, auch wenn ich mich so nicht mehr ganz an die Atmosphäre und den Inhalt des Buches erinnern kann.

    „Mein Herz so weiß“ habe ich leider auch noch immer nicht gelesen.
    Herzlichst,
    Barbara

    1. Dankeschön — freut mich, dass Dir der Beitrag gefällt!

      Mal sehen, wer es als erstes schafft, „Mein Herz so weiß“ tatsächlich zu lesen. 😉

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