August Emmerich zum Fünften

Seit einigen Jahren entführt uns Alex Beer in ihren Kriminalromanen um Kommissar August Emmerich ins Wien der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Mit „Der letzte Tod“ liegt nun bereits der fünfte Band der Reihe vor, in dem eine grenzübergreifende Mordserie aufgeklärt werden muss.

Obwohl die Serie inzwischen im September 1922 angelangt ist, sind die Nachwehen des Ersten Weltkrieges nach wie vor deutlich zu spüren und die Goldenen Zwanziger zumindest für die allermeisten Bewohnerinnen und Bewohner Wiens weit entfernt. Die Schere zwischen den wenigen Reichen und den vielen Armen geht nicht zuletzt wegen der grassierenden Hyperinflation, die die Preise für Waren des alltäglichen Bedarfs in schwindelerregende Höhen treibt, immer weiter auseinander; Hunger, Elend und Wohnungsnot sind an der Tagesordnung. Zudem kommt es immer öfter zu gesellschaftlichen Verwerfungen, die Verbrechensrate steigt und auch der Antisemitismus ist weiter auf dem Vormarsch.

Als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre, erschüttert ein grausiger Fund die österreichische Hauptstadt. In einem alten Tresor am Hafen finden zwei neugierige Obdachlose eine mumifizierte Leiche. Entgegen der ersten Vermutung der entsetzten Finder handelt es sich bei dem Toten natürlich nicht um einen Ghul, sondern um das bedauernswerte Opfer eines schrecklichen Verbrechens. August Emmerich und sein Assistent Ferdinand Winter nehmen, unterstützt vom Psychoanalytiker Sándor Adler, die Ermittlungen auf und sind bald einem Serientäter auf der Spur, der sich quer durch Europa mordet.

Fortsetzung folgt ganz bestimmt

Konnte man die bisherigen Bände der Reihe noch problemlos als jeweils eigenständige Fälle lesen, empfiehlt sich „Der letzte Tod“ nicht unbedingt als Einstieg. Immerhin ist in den vier Vorgängern jenseits der Kriminalfälle so viel rund um die Vorgeschichte von August Emmerich und Ferdinand Winter passiert, dass es inzwischen recht schwierig ist, als „Neuling“ den ganzen Rückblenden und Querverweisen zu folgen. Für Kenner der Serie bieten die Nebenhandlungen dieses Buchs — diesmal natürlich vor allem die unerwartete Rückkehr von Emmerichs Erzfeind Xaver Koch — eine gelungene Abwechslung von den eigentlichen Ermittlungen, die nach einem etwas zähen Beginn doch noch deutlich an Spannung und Rasanz aufnehmen.

Wien ist seit dem Krieg ein einziges großes Scheißhäusl.

Alex Beer: Der letzte Tod

Wunderbar gelungen sind Alex Beer auch in Band fünf wieder die Beschreibung des düsteren, heruntergekommenen Wiens und der zeitgeschichtlichen Hintergründe. So haben einige tatsächlich existierende Personen Gastauftritte, die Figur des Doktor Sándor Adler trägt der damals noch jungen, stetig populärer werdenden Psychoanalyse Rechnung und die grenzübergreifenden Ermittlungen in „Der letzte Tod“ nehmen die Gründung von Interpol im Jahr 1923 vorweg.

Dass am Ende der Mordfall zwar aufgeklärt ist, aber dennoch einige Fragen offen sind, lässt auf eine baldige Rückkehr von Emmerich und Winter in einem sechsten Band hoffen. Gut so!

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Verlass die Stadt (*)

Raus aufs Land geht es in Lisa Kreißlers drittem Roman „Schreie & Flüstern“. Darin macht die Hauptfigur Vera, die zunächst mit der neuen Umgebung fremdelt, eine unerwartete Wandlung durch.

Das Leben von Schriftstellerin Vera und Maler Claus, die mit ihrem gemeinsamen Sohn Siggi in Leipzig wohnen, ist gehörig ins Stocken geraten. Zwar sind die beiden ein fester Bestandteil der Künstlerszene der hippen sächsischen Stadt, aber größere Erfolge können beide nicht unbedingt vorweisen. Außerdem erleidet Vera eine Fehlgeburt, die das Paar in eine Krise stürzt und einen Neuanfang ausweglos erscheinen lässt.

Da kommt ein großzügiges Geldgeschenk von Claus‘ wohlhabenden Eltern gerade recht — statt aber in Wohneigentum in Leipzig zu investieren, entscheiden sich Vera und Claus für einen radikalen Schnitt und kaufen einen baufälligen Hof im niedersächsischen Pohle, in der Nähe des Dorfes, dem Vera einst entflohen ist und in dem ihre Verwandtschaft nach wie vor lebt. Claus blüht in der neuen Umgebung regelrecht auf. Er stürzt sich in die Renovierungsarbeiten, schmiedet Pläne für ein Leben als Bio-Landwirt, tritt dem Männergesangsverein bei und wird schnell Teil der Dorfgemeinschaft. Vera dagegen vermisst ihre Leipziger Freunde und muss sich stattdessen mit den Problemen der alternden Verwandtschaft herumplagen. Für sie ist das neue Zuhause kein Zuhause, sondern eine feindselige Umgebung. Der riesige, halb verfallene Hof bedrückt sie, zu den neuen Nachbarn hat sie keinen Draht und selbst Claus kommt ihr auf einmal eher wie ein Widersacher als ein Partner vor.

Dies hier ist meine letzte Station. Hier werde ich den Rest meines Lebens verbringen — und irgendwann verschwinden.

Lisa Kreißler: Schreie & Flüstern

Doch kurz, bevor die Situation unerträglich wird, geschieht etwas völlig Unerwartetes: Vera wird wieder schwanger und parallel zu dem neuen Leben, das in ihr heranwächst, scheint auch sie eine Art Wiedergeburt zu erfahren. Auf einmal weiß sie, dass es die richtige Entscheidung war, der Stadt den Rücken zu kehren.

Vielschichtige Handlung mit autobiographischen Zügen

Romane, in denen Menschen die Großstadt verlassen und aufs Land ziehen, erfreuen sich seit einigen Jahren in der deutschsprachigen Literatur großer Beliebtheit. Während anderswo aber gerne die ganz großen gesellschaftlichen Probleme angepackt werden und sich Konflikte zwischen den „spießigen“ Alteingesessenen und den „weltoffenen“ Neuankömmlingen entwickeln, bleibt Lisa Kreißler ganz nah an ihren Hauptfiguren, allen voran Vera. Dass die Autorin, die ebenfalls auf einem Hof in Niedersachsen lebt, eine ganz ähnliche Lebensgeschichte hat wie ihre Protagonistin, legt die Vermutung nahe, dass „Schreie & Flüstern“ zumindest zum Teil autobiographisch geprägt ist. Unabhängig davon taucht man nach dem etwas verwirrenden Beginn schnell in die Handlung ein und folgt der Entwicklung des Geschehens und der Figuren, die einem zunehmend sympathischer werden, sehr gerne.

Lisa Kreißler singt kein undifferenziertes Loblied aufs Landleben, sondern arbeitet stattdessen die Grautöne gekonnt heraus. Vor allem aber ist „Schreie & Flüstern“ ein Plädoyer dafür, nicht voreilig aufzugeben und sich die nötige Zeit zu nehmen, um sich auf neue Umstände und Situationen einzulassen. Gut Ding will Weile haben, sagt der Volksmund — in diesem Roman bestätigt sich die Richtigkeit dieser alten Weisheit auf ebenso eindringliche wie kurzweilige Weise.

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(*) Die Überschrift zu diesem Blogeintrag habe ich von einem älteren, aber nach wie vor sehr aktuellen Song der österreichischen Musikerin Gustav „geklaut“. Zum Anhören HIER ENTLANG.

Milchschaum in Westberlin

Endlich ein Wiedersehen mit Frank Lehmann, Karl Schmidt, P. Immel & Co.! Sven Regener greift in „Glitterschnitter“ auf sein bewährtes Personal zurück und knüpft zeitlich nahtlos an den Vorgänger „Wiener Straße“ an.

Kreuzberg im Dezember 1980: Während Raimund, Ferdi und Karl Schmidt (an der Bohrmaschine) den ersten Auftritt ihrer sehr experimentellen Band Glitterschnitter vorbereiten und auch in anderen subkulturellen Nischen munter herumgewerkelt wird, künden bereits einige kleine Veränderungen von einer nahenden Zeitenwende.

Der Aktionskünstler H. R. Ledigt verliebt sich bei IKEA in eine praktisch-fröhliche Musterwohnung und sogar in den Cafés der Wiener Straße verlangt die Kundschaft immer öfter nach Milchkaffee und Frühstück. Gerade der Wunsch nach Milchschaum auf dem Kaffee überfordert Frank Lehmann hinter dem Tresen von Erwin Kächeles Café Einfall zunächst ziemlich. Zumindest in der Theorie sind die Österreicher aus der ArschArt-Galerie da schon ein ganzes Stück weiter: Aus ihrer abgeranzten Kneipe soll in naher Zukunft ein Wiener Kaffeehaus mit Melange, Sachertorte und allem Drum und Dran werden. Allerdings stehen sich die selbsternannten Hausbesetzer bei ihren Plänen selbst im Weg und dann wittert Impressario P. Immel unter den Seinen zu allem Überfluss auch noch einen Verrat von shakespeare’schen Ausmaßen.

Ein Fest fürs „Stammpublikum“

Wer bei dieser Kurzzusammenfassung nur Bahnhof versteht, dürfte mit „Glitterschnitter“ keine allzu große Freude haben. Für alle anderen ist Sven Regeners inzwischen sechster Roman aus dem Lehmann-Kosmos hingegen wieder ein Fest. Auch diesmal kommt der Autor ohne eine nennenswerte Handlung aus — die 480 Seiten spielen sich innerhalb weniger Tage rund um das Glitterschnitter-Konzert an einer überschaubaren Zahl von Orten ab — und setzt stattdessen auf die Zugkraft seiner Charaktere, die treuen Leserinnen und Lesern über die Jahre längst zu guten Bekannten geworden sind, sowie sein nach wie vor unübertroffenes Gespür für Situationskomik und Dialoge.

„Glitterschnitter“ ist letzten Endes wie das neue Album der Lieblingsband (unter Umständen handelt es sich dabei ja sogar um Element of Crime). Keine Experimente, viel Altbewährtes und gerade deshalb genau richtig. Bei all dem Spaß schleicht sich aber auch ein wenig Melancholie ein. Das alte, längst verblasste Kreuzberg erscheint einem da als ein zwar ziemlich oberflächlicher, aber trotzdem offener und toleranter Ort, an dem jede*r willkommen und alles erlaubt ist — so erklärt es zumindest Freddie Lehmann seinem kleinen Bruder Frank:

„Du stellst dich einfach dazu und bist dabei. Ich meine, du bist jetzt ein paar Wochen in der Stadt und hast eine Wohnung, drei Mitbewohner oder Freunde oder was, einen Job, kennst alle möglichen Leute … — ist doch klasse!“

Sven Regener: Glitterschnitter
  • Sven Regener auf Lesereise: 29.09. Hamburg: Laeiszhalle * 06.10. Bamberg: Konzert- und Kongresshalle * 28.10. Erlangen: Redoutensaal * 29.10. Stuttgart: Liederhalle * 30.10. Erfurt: Theater * 04.11. Hannover: Pavillon * 07.11. Frankfurt: Union-Halle * 12.11. München: Volkstheater * 13.11. Ö-Wien: Rabenhof * 19.11. Siegen: Kulturhaus Lyz * 20.11. Bremen: Glocke.

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Eine besondere Freundschaft

Für seinen letzten Roman „Offene See“ wurde Benjamin Myers vergangenes Jahr mit dem „Lieblingsbuch“-Preis des unabhängigen Buchhandels ausgezeichnet — eine Ehre, die zuvor unter anderem Dörte Hansen, Mariana Leky und Benedict Wells zuteil wurde. In seinem neuen Werk „Der perfekte Kreis“ erzählt der Brite nun von der Freundschaft zweier Außenseiter und knüpft damit qualitativ nahtlos an den Vorgänger an.

Im Sommer 1989 tauchen in den Getreidefeldern des ländlich geprägten, dünn besiedelten Süden Englands mysteriöse geometrische Muster auf. Niemand weiß, wer diese riesigen, ebenso präzisen wie schönen Kunstwerke zu welchem Zweck geschaffen hat. Schon an der Frage, ob es sich überhaupt um Kunst von Menschenhand handelt, scheiden sich die Geister. Viele der echten und selbsternannten Wissenschaftler und Forscherinnen, New-Age-Jünger, Ufo-Gläubigen und Esoterikerinnen, die sich mit dem Phänomen beschäftigen, sind vielmehr der Ansicht, dass es sich bei den „Kornkreisen“ um Zeugnisse außerirdischen Lebens handeln muss. Vielleicht sind die Muster Botschaften einer hochentwickelten Zivilisation an die Menschen? Oder aber Abdrücke von Raumschiffen, die auf den Feldern gelandet sind?

Zwei, die sich nicht an solchen Spekulationen beteiligen, sind Calvert und Redbone, die beiden Protagonisten des Romans. Müssen sie auch nicht, denn sie wissen es besser. Immerhin sind sie die Schöpfer der faszinierenden Kreise — keine Außerirdischen, aber doch zwei Männer, die in gewisser Weise am Rande der Gesellschaft stehen.

Calvert ist ein ehemaliger Elite-Soldat, der im Falklandkrieg schwer verwundet wurde und seine äußeren wie inneren Narben unter einem dichten Bart und einer auch in der Nacht getragenen Sonnenbrille verbirgt. Ein wortkarger, stets planvoll agierender Einzelgänger, der in einem winzigen Häuschen ein zurückgezogenes Leben führt. Redbone dagegen ist ein wandelnder Widerspruch. Der frühere Punkmusiker ist oft aufbrausend und hat einen Hang zu Alkohol, Schlägereien und komplizierten Frauengeschichten. Eine gescheiterte Dreiecksbeziehung ist schließlich der Grund, warum er in seinem VW-Bus haust und zunehmend verwahrlost. Gleichzeitig ist er aber auch ein feinsinniger, künstlerisch begabter Zeitgenosse — die komplexen Entwürfe der „Kornkreise“ stammen aus seiner Feder — der die Natur, die Tiere und die Sterne mehr liebt als die Menschen.

Auf den ersten Blick haben die beiden Außenseiter nicht viel gemeinsam. Sie reden auch nur das Nötigste miteinander und wissen kaum etwas vom jeweils anderen. Trotzdem ist ihre gemeinsame Leidenschaft die Basis einer tiefen Freundschaft. Jedes Wochenende im Sommer ziehen Calvert und Redbone los und setzen im Schutz der Dunkelheit ihre immer komplexer werdenden Entwürfe in einem sorgsam ausgewählten Feld in die Tat um. Krönender Abschluss der Saison soll die „Honigwabe-Doppelhelix“ werden.

Verbindung zu den großen Themen der Gegenwart

Zwei Männer, deren selbst gewählte Lebensaufgabe darin besteht, „Kornkreise“ zu erschaffen. Einfach so, ohne speziellen Grund. Es geht ihnen nicht um Berühmtheit oder gar um Geld, sondern vielmehr um die Sache an sich und darum, die Dämonen ihrer Vergangenheit im Zaum zu halten und ihre ansonsten gleichförmigen Tage ein wenig abwechslungsreicher zu gestalten. Das kann man seltsam finden, aber Benjamin Myers macht aus der Freundschaft von Calvert und Redbone eine berührende Geschichte und einen ganz wunderbaren Roman. Alle, die sich schon einmal unverstanden oder fehl am Platz gefühlt haben, werden das ungleiche Duo sofort ins Herz schließen.

Neben Calvert und Redbone hat „Der perfekte Kreis“ aber noch einen dritten Hauptdarsteller, nämlich die Landschaft Südenglands. Auf fast jeder Seite finden sich eindrucksvolle Beschreibungen dieser Gegend, deren urtümlicher Charakter schon im Jahr der Handlung im Verschwinden begriffen ist. Gerade hier gelingt Benjamin Myers die Verbindung zur Gegenwart. Immer wieder ärgern sich Calvert und Redbone über Menschen, die versuchen, aus ihren Werken Profit zu schlagen — die Kritik am Hang des Menschen, alles kommerzialisieren zu müssen, ist heute fast noch aktueller als damals.
Außerdem kann die hinreißend komische nächtliche Begegnung der beiden „Kornkreis-Macher“ mit einem einfältigen Earl, der zu betrunken ist, um zu begreifen, dass auf seinem Land gerade etwas Illegales vor sich geht, als Seitenhieb auf das gegenwärtige politische Personal Großbritanniens verstanden werden. Überhaupt beweist der Autor neben seinen sonstigen Stärken immer wieder ein feines Gespür für Humor. In einer Szene sinniert Calvert zum Beispiel über den drohenden Zusammenbruch der Zivilisation und lässt dabei eine Bemerkung fallen, die einen unweigerlich ans Frühjahr 2020 erinnert:

„Klar ist: Der Planet heizt sich auf, und falls wir nichts verändern, wird das Folgen haben. Du kannst einen Ofen nicht ewig anlassen.“

„Und an welche Vorbereitungen denkst du?“

„Ach, das Übliche. Die wesentlichen Dinge. Nahrung, Wasser, Treibstoff. Waffen, falls nötig. Und natürlich Medikamente. […] Und Klopapier, fällt mir gerade ein.“

Benjamin Myers: Der perfekte Kreis

Kurzum: Ein famoser Roman und eine unbedingte Empfehlung!

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The Final Six

Gestern wurde in der Rezension zu Mary Lawsons lesenswertem Roman „Im letzten Licht des Herbstes“ die Bekanntgabe der Shortlist des diesjährigen Booker Prize erwähnt. Lawson stand (bereits zum zweiten Mal) auf der Longlist, schaffte es aber leider nicht in die Endauswahl.

Folgende Bücher wurden in die „Final Six“ gewählt — wer am Ende das Rennen macht, entscheidet sich am 3. November. Besonders erfreulich: Für drei der Shortlist-Romane ist bereits eine deutsche Übersetzung geplant, zwei davon erscheinen noch in diesem Monat.

Die Finalist*innen im Überblick:

  • Damon Galgut: The Promise
  • Anuk Arudpragasam: A Passage North
  • Patricia Lockwood: No One Is Talking About This (dt. Titel „Und keiner spricht darüber“, ab 8. März 2022 in der Übersetzung von Anne-Kristin Mittag bei btb)
  • Nadifa Mohamed: The Fortune Men (dt. Titel „Der Geist von Tiger Bay“, ab 16. September in der Übersetzung von Susanne Urban bei C. H. Beck)
  • Richard Powers: Bewilderment (dt. Titel „Erstaunen“, ab 29. September in der Übersetzung von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié bei S. Fischer)
  • Maggie Shipstead: Great Circle

Die Schatten der Vergangenheit

Auf der Longlist zum diesjährigen Booker Prize: Morgen entscheidet sich, ob es Mary Lawsons berührendes Kleinstadt-Familiendrama „Im letzten Licht des Herbstes“ auch in die Endauswahl des renommierten Literaturpreises schafft.

Im Herbst 1972 steht die knapp achtjährige Clara am Fenster ihres Elternhauses in der Kleinstadt Solace im Norden Ontarios und hält Ausschau. Nach ihrer 16 Jahre alten Schwester Rose, die nach einem Streit mit den Eltern mal wieder abgehauen ist und im Gegensatz zu den anderen Malen schon seit fast zwei Wochen weg ist. Und nach Mrs. Orchard aus dem Nachbarhaus, die wegen ihrer Herzbeschwerden im Krankenhaus behandelt wird und um deren Kater Moses sich Clara währenddessen kümmert.

Auf einmal taucht ein fremder Mann in Mrs. Orchards Haus auf und fängt an, Kartons mit seinen Sachen aus- und mit den Sachen der alten Dame einzupacken. Was Clara nicht weiß: Mrs. Orchard ist bereits gestorben (eine Information, mit der die Eltern ihre kleine Tochter nicht auch noch belasten wollten) und der Mann ist kein Eindringling, sondern der rechtmäßige Erbe des Hauses. Liam Kane, gescheitert in Ehe, Beruf und der Großstadt, kommt ein Tapetenwechsel im verschlafenen Nest Solace gerade recht, wobei er das geerbte Haus möglichst schnell gewinnbringend loswerden möchte. Immerhin hat er zu dem Gebäude keine Beziehung und auch die letzte persönliche Begegnung mit Mrs. Orchard liegt schon fast dreißig Jahre zurück, so dass die Erinnerung längst verblasst ist.

Ganz anders sieht es bei Elizabeth Orchard selbst aus, die in einem dritten Handlungsstrang, der ein wenig früher spielt als die beiden anderen — immerhin lebt sie damals noch, ist sich aber ihres nahenden Endes bewusst — erzählt, wie der damals noch keine vier Jahre alte Nachbarsjunge Liam ihren unerfüllten eigenen Kinderwunsch zumindest für eine Weile befriedigte und warum der Kontakt dann auf dramatische Art und Weise endete.

Ruhig, aber dennoch eindringlich erzählt

Ein verschwundener Teenager, ein plötzlich in einer Kleinstadt auftauchender Fremder und ein Geheimnis aus der Vergangenheit. Das könnten glatt Zutaten für einen Thriller sein, aber „Im letzten Licht des Herbstes“ ist alles andere als das — obwohl die Handlung streckenweise so packend ist, dass man sich kaum losreißen kann. Mary Lawson versteht es gekonnt, die Schicksale ihrer drei Hauptfiguren Clara, Liam und Mrs. Orchard einfühlsam miteinander zu verknüpfen und die genauen Verbindungen erst nach und nach zu enthüllen. Das alles gelingt der Kanadierin, die schon seit vielen Jahrzehnten in England lebt, in einem zugänglichen, ruhigen Erzählton und ohne größere Knalleffekte, wobei es dem Buch keineswegs an Dramatik mangelt.

Die Quintessenz von „Im letzten Licht des Herbstes“ ist dabei die Feststellung, dass sowohl ein Zuwenig als auch ein Zuviel an Liebe fatale, langwierige Folgen haben kann. Trotzdem gibt es immer auch Linderung für die Wunden der Vergangenheit — wo, wenn nicht in einem Städtchen, das den Trost (der Originaltitel „A Town Called Solace“ ist da deutlich treffender als der recht beliebige deutsche Titel) bereits im Namen trägt?

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Ein Lächeln wie von Mona Lisa

Zum zweiten Mal schickt Leif Karpe seinen kunstsinnigen Ermittler Peter Falcon von New York nach Europa, um ein kniffliges Rätsel zu lösen. Stand in „Der Mann, der in die Bilder fiel“ noch der Impressionismus im Mittelpunkt, begibt sich „Die Göttin, die von Blüten träumte“ nun an die Schauplätze der Renaissance.

Ein Kunstschatz von womöglich unermesslichem Wert lagert im Berliner Bode-Museum, nämlich eine vermeintlich von Leonardo da Vinci geschaffene Wachsbüste der Göttin Flora. Schon seit vielen Jahren tobt ein erbitterter Streit um die Urheberschaft der keine 70 Zentimeter hohen Büste und die gerade überwundene Corona-Krise (der Roman spielt in einer nahen Zukunft, in der wieder weitgehend Normalität herrscht) bietet für einige Akteure einen willkommenen Anlass, ein für alle Mal zu klären, was tatsächlich Sache ist. Die junge Wissenschaftlerin Laura Petreus hat ein neues Datierungsverfahren entwickelt, unter dessen Einsatz am Teilchenbeschleuniger des Louvre geklärt werden soll, ob es sich bei der Flora mit dem an die Mona Lisa erinnernden Lächeln um ein Werk da Vincis handelt oder ob die Büste von einem weit weniger bedeutenden englischen Künstler des 19. Jahrhunderts geschaffen wurde, wie dessen Nachfahren beharrlich behaupten. Finanziert wird die kostenintensive Datierung vom umstrittenen Chemiegiganten und Glyphosat-Hersteller Mortapes, der mit seinem Engagement um die Kunst ein wenig Greenwashing betreiben möchte.

Sollte sich die Büste als echter da Vinci herausstellen, würde dies natürlich auch für das Bode-Museum einen gehörigen Gewinn an Renommee bedeuten und das große Auktionshaus Chroseby würde ebenfalls von einem nach Corona wieder in Schwung kommenden Kunstmarkt profitieren. Dummerweise kommt es aber gar nicht zu der geplanten Datierung, denn zuerst verschwindet Laura Petreus spurlos und dann wird auch noch die Büste gestohlen — auf ganz ähnliche Weise wie im März 2017 die 100 Kilogramm schwere Goldmünze.

Peter Falcon, der Kunsthistoriker und Comichändler, zu dem „die Bilder sprechen“, soll herausfinden, was passiert ist. Seine Suche führt ihn quer durch Europa, aber vor allem natürlich nach Florenz, die Wiege der Renaissance.

Geschicktes Spiel mit Fakten und Fiktion

Krimis und Thriller mit kunstbeflissenen Ermittlern — da denkt man natürlich sofort an Dan Browns genialen Symbolologen Robert Langdon oder an Martin Suters chronisch klammen Lebemann John von Allmen. Von beiden hat Leif Karpe seinem Peter Falcon etwas mitgegeben, wobei der New Yorker doch deutlich bescheidener und zurückhaltender (manchmal allerdings auch etwas blasser) auftritt als der schier allwissende Langdon oder der allzu luxusaffine Allmen.

Mit etwas mehr als 200 Seiten ist „Die Göttin, die von Blüten träumte“ deutlich schmaler als vor allem Browns umfangreiche Thriller und auf Actionszenen verzichtet der Roman nahezu gänzlich. Stattdessen glänzt Karpe vor allem mit einer geschickten Mischung aus Fakten und Fiktion. Von Botticelli bis zum „Decamerone“, das im Verlauf der Handlung eine wichtige Rolle spielt, bekommt man als Leserin oder Leser einen kleinen, kenntnisreichen Crashkurs in Sachen Renaissance und auch viele andere Begebenheiten und Personen in Karpes Buch sind zumindest an Tatsachen angelehnt. Das und der kurzweilige, humorvolle Erzählstil machen „Die Göttin, die von Blüten träumte“ zu einer lohnenden Lektüre für kunstinteressierte Krimifreundinnen und -freunde mit einem Faible für Italien.

Einzig ein etwas aufmerksameres Lektorat hätte man dem Roman gewünscht. So heißt der Chemiekonzern „Mortapes“ an einer Stelle auf einmal „Montarpes“ und auch ansonsten haben sich immer wieder kleinere (aus dem Komponisten Edvard Grieg zum Beispiel wird ein Herr „Krieg“) oder größere („Meine Herren, es ergibt doch keinen Sinn, wenn wir hier uns hier gegenseitig belauern. Ich schlage vor, wie setzen uns und legen die Karten auf den Tisch“, heißt es etwa auf Seite 141 der 1. Auflage) Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen. Kein Drama zwar, aber doch ärgerlich!

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Teuflischer Spuk auf hoher See

Nach dem bei den Costa Book Awards 2018 mit dem Preis fürs beste Debüt ausgezeichneten „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ liegt nun auch der zweite Roman des Briten Stuart Turton in deutscher Übersetzung vor. Mit mehr als 600 Seiten ist „Der Tod und das dunkle Meer“ ähnlich umfangreich wie der Vorgänger, wagt sich aber auf ein ganz anderes Terrain. Ob es sich lohnt, bei dieser abenteuerlichen Lesereise an Bord zu gehen, erfahrt Ihr im Folgenden.

Im Jahr 1634 macht sich im Hafen von Batavia, dem heutigen Jakarta und damaligen Hauptquartier der Niederländischen Ostindien-Kompanie, eine Flotte von sieben Schiffen bereit für die lange Reise nach Amsterdam. Hauptschauplatz ist die Saardam, an deren Bord sich der machthungrige Generalgouverneur Jan Haan nebst seiner Entourage, einem phantastischen Schatz und einem ganz besonderen Gefangenen befindet. Samuel Pipps, ein Mann von scharfem Verstand und der Kombinationsgabe eines Sherlock Holmes, hatte dem Generalgouverneur einst wertvolle Dienste geleistet, ist dann aber in Ungnade gefallen, weshalb er nun in Amsterdam hingerichtet werden soll.

Schon vor dem Ablegen steht die fast zehnmonatige Reise allerdings unter keinem günstigen Stern. Ein in Lumpen gehüllter Aussätziger stößt noch am Kai düstere Drohungen gegen das Schiff aus, bevor seine Kleidung in Flammen aufgeht und er qualvoll verbrennt. Schnell spricht sich unter den Passagieren und der Mannschaft das Gerücht herum, ein auf Rache sinnender Dämon (kurioserweise — aber durchaus passend zum oft recht augenzwinkernden Grundton des Buches — trägt er den nicht unbedingt einschüchternden Namen „der Alte Tom“) hätte von einer auf dem Schiff befindlichen Person Besitz ergriffen. Ist es tatsächlich ein teuflischer Spuk oder bringen trotz der merkwürdigen Ereignisse an Bord ganz andere, keineswegs übersinnliche, sondern allzu menschliche Konflikte die Saardam und ihre Besatzung in höchste Gefahr? Unterstützt von Pipps‘ scharfsinnigen Ferndiagnosen macht sich dessen rechte Hand Arent Hayes gemeinsam mit Sara Wessels, der von ihrem Gatten mehr als genervte Ehefrau des Generalgouverneurs, sowie deren blitzgescheiter Tochter Lia auf Spurensuche an und unter Deck.

Seemannsgarn für Abenteuerlustige

„Kriminalroman“ heißt es zwar auf dem Cover, aber „Der Tod und das dunkle Meer“ ist noch viel mehr: Abenteuergeschichte, Schauermärchen, Thriller und – zumindest in seiner Auflösung – tatsächlich ein klassischer Krimi im Stile Agatha Christies. Unabhängig von Genreschubladen spinnt Stuart Turton jede Menge Seemannsgarn — mit allem, was dazugehört zu einer solchen Geschichte. Kapitale Stürme, Geisterschiffe, Musketiere im besten Mantel-und-Degen-Stil, sagenhafte Schätze, Pirateninseln, verschlagene Seeleute, ränkeschmiedende Adlige und natürlich Papageien. Fehlen eigentlich nur noch das ein oder andere Holzbein und ne Buddel voll Rum.

Obwohl also alles angerichtet ist für ein rasantes und spannungsgeladenes Vergnügen, dauert es doch eine ganze Weile, bis die Handlung so richtig in Fahrt kommt und die Leserinnen und Leser in ihren Bann schlägt. Zu Beginn ist der Roman überraschend gemächlich und das anfangs noch etwas unüberschaubare Personentableau erschwert es zusätzlich, sich zurechtzufinden. Im Verlauf des Buches ändert sich das aber zum Glück und Stuart Turton zieht das Tempo mit überraschenden Wendungen immer mehr an. Kleine, oft beiläufig eingestreute Hinweise ermutigen einen außerdem zum Mitraten während des Lesens.

Wer schon immer ein Faible für Abenteuerromane hatte, „Die Schatzinsel“ begeistert verschlungen und mit dem Piratenschiff von Playmobil gespielt hat, wird großen Spaß mit den vielen Rätseln und den liebevoll gezeichneten Helden dieses Buches haben. Alle anderen könnten allein vom schieren Umfang von „Der Tod und das dunkle Meer“ erschlagen werden und mehr als einmal drauf und dran sein, die Segel vorzeitig zu streichen. Dranbleiben lohnt sich aber auch in diesem Fall, denn am Ende gibt es noch einige echte Überraschungen.

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Ali Smith: Sommer

Brexit, die Buschfeuer in Australien, das zweite Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump und eine neuartige Viruserkrankung, die sich von China aus langsam ihren Weg um die Welt bahnt — das, was Ali Smith auf den ersten Seiten von „Sommer“, dem letzten Teil ihres vielfach preisgekrönten Jahreszeitenquartetts, beschreibt, ist noch gar nicht so lange her, fühlt sich aber schon sehr weit weg an. Trotzdem sind natürlich all diese Dinge, wenn auch auf eine veränderte Art und Weise, nach wie vor Teil unserer Gegenwart, was „Sommer“ zu einem sehr aktuellen Roman macht, der dennoch etwas Allgemeingültiges, Zeitloses hat.

Wie immer in den Jahreszeiten-Romanen von Ali Smith gibt es auch diesmal mehrere Handlungsstränge, die meisterhaft miteinander verwoben sind — letztlich hängt bei der Schottin alles mit allem zusammen. In der Gegenwart treffen wir auf Grace Greenlaw, eine ehemals hoffnungsvolle Schauspielerin und nun von ihrem Ehemann wegen einer Jüngeren sitzengelassene alleinerziehende Mutter zweier Teenager-Kinder, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die 15-jährige Sacha könnte man wohl mit dem Adjektive „woke“ gut umschreiben; sie interessiert sich für gesellschaftliche Entwicklungen, sorgt sich wegen des Klimawandels und kümmert sich um Obdachlose in ihrer Heimatstadt Brighton. Der zwei Jahre jüngere Robert, ein hochintelligenter Einstein-Bewunderer, gefällt sich dagegen in der Rolle des Querulanten und eckt gerne mit rassistischen und sexistischen Kommentaren an (die Gründe für seine Wut werden im Lauf der Handlung klar — letzten Endes ist er Täter und Opfer zugleich). Neben dieser Familiengeschichte aus dem Post-Brexit-England gibt es einen zweiten Handlungsstrang, der in der Vergangenheit spielt. Hier begegnen wir dem heute 104 Jahre alten, damals jungen Lebensmittelhändler Daniel Gluck, der im Sommer 1940 ebenso wie sein Vater wegen seiner deutschen Abstammung von der britischen Regierung als „Feindstaatenausländer“ in einem Lager interniert wird. Kurioserweise finden sich unter den Mithäftlingen viele deutschstämmige Juden, die den Briten als Nazis oder zumindest als deren Sympathisanten gelten. Als Bindeglied zwischen den Figuren der beiden Stränge fungieren die Blogger Charlotte und Art, die für ihre Webseite „Art in Nature“ stets auf der Suche nach kuriosen Geschichten von gesellschaftlichem Belang sind, die revolutionäre Kraft ihres Wirkens aber doch arg überschätzen.

Sommer ist, eine Straße wie die hier entlangzugehen, Licht und Dunkel vor sich. Denn Sommer ist nicht bloß eine fröhliche Geschichte. Weil es fröhliche Geschichten nicht gibt ohne das Dunkle.

Ali Smith: Sommer

Streckenweise ist „Sommer“, das kein „typisches“ Sommerbuch ist (ebenso wenig waren die drei Vorgänger Frühlings-, Herbst- oder Winterbücher, wenn es so etwas überhaupt gibt), wütend und pointiert, ohne dabei aber ins Zynische zu kippen. Daraus, dass Ali Smith die gegenwärtigen Verhältnisse auf der Welt und erst recht in Großbritannien nicht gefallen, macht sie keinen Hehl. Trotzdem überwiegt aber das Hoffnungsvolle. Die Beschäftigung mit der Kunst, der Literatur, dem Film und nicht zuletzt der Wissenschaft — das ist die Essenz dieses großartig geschriebenen, anspielungsreichen Romans — hat die Kraft, uns selbst durch die dunkelsten Zeiten zu tragen. Und genau dazu leistet auch „Sommer“ seinen nicht unerheblichen Beitrag.

[Bonus-Tipp: Im Buch wird mehrmals die Filmemacherin Lorenza Mazzetti erwähnt. Friedemann Fromms berührender Dokumentarfilm „Einsteins Nichten“ über sie und ihre Schwester Paola ist unbedingt sehenswert.]

  • Ali Smith: Sommer (aus dem Englischen von Silvia Morawetz; Luchterhand Verlag; ISBN: 978-3-630-87581-1).

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Graham Greene: Die Reisen mit meiner Tante

Sommerzeit ist Urlaubs- und damit Reisezeit. Da größere Reisen angesichts grassierender Virus-Varianten auch in diesem Jahr eine eher schlechte Idee sind, empfiehlt es sich, den Liegestuhl im eigenen Garten oder zumindest irgendwo in der Nähe aufzustellen und lesend in die Ferne zu schweifen. Geeignete Urlaubslektüren stelle ich ab sofort hier in loser Folge vor.

Henry Pulling, der Protagonist von Graham Greenes „Die Reisen mit meiner Tante“ (im Original 1969 erschienen), führt ein sehr übersichtliches und unspektakuläres Leben. Seit seiner vorzeitigen Pensionierung als Bankangestellter widmet sich der Mittfünfziger in erster Linie den Dahlien in seinem Garten — Aufregung oder Abenteuer: Fehlanzeige. Das ändert sich schlagartig, als er auf dem Begräbnis seiner Mutter erstmals seiner ihm zuvor nur vom Hörensagen bekannten Tante Augusta begegnet. Die alte Dame ist das komplette Gegenteil des biederen Henry und strotzt trotz ihrer 75 Jahre nur so vor Lebensfreude, was ihren Neffen schnell in unangenehme Situationen bringt. Zuerst versteckt Augustas Hausfreund Wordsworth Haschisch in der Urne von Henrys Mutter, dann überredet die Tante den passionierten Stubenhocker Henry, sie auf allerlei Reisen zu begleiten. Es geht nach Brighton, mit dem Orientexpress von Paris nach Istanbul, auf den Spuren von Henrys früh verstorbenem Vater nach Boulogne und schließlich nach Südamerika, zu dieser Zeit ein wahres Paradies für Schmuggler und Glücksritter aller Art.

Während der Reisen gibt Augusta allerlei Anekdoten aus ihrem bewegten Leben als ehemalige Animierdame zum Besten, beeindruckt mit ihren zahllosen Männerbekanntschaften und lässt immer wieder durchklingen, dass sie es nicht ganz so genau mit den Gesetzen nimmt. Anfangs ist Henry natürlich erschüttert von all diesen Geschichten, aber schon bald findet er durchaus Gefallen am Lebenswandel seiner Tante.

Obwohl die Figuren viel unterwegs sind und die Reisen schon im Titel stecken, ist Greenes Roman kein typisches Reisebuch. Überhaupt animieren die Beschreibungen der besuchten Städte und vor allem des Orientexpress, der in den 1960er Jahren offenbar schon viel von seinem ehemaligen Glanz eingebüßt hatte (die noblen Speisewägen, die man etwa von Agatha Christie kennt, sind verschwunden, stattdessen läuft die Verpflegung über mobile Imbisswägelchen, denen man heute noch in vielen Zügen begegnet), nicht unbedingt dazu, schnell die Koffer zu packen.

Ein wenig hat der Zahn der Zeit schon an „Die Reisen mit meiner Tante“ genagt, aber insgesamt ist das Buch noch immer eine vergnügliche Lektüre für Daheimgebliebene, die über ein paar Längen hinwegsehen bzw. -lesen können.

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