Im Januar ’23 gelesen

Gerade eben war doch noch Weihnachten und schon neigt sich der Januar wieder dem Ende entgegen – verrückt, wie die Zeit vor sich hinrast! Weihnachten ist aber ein gutes Stichwort, denn abgesehen vom neuen Buch von Arno Geiger (den ich zum Monatsabschluss noch auf einer Livestream-Lesung aus dem Hamburger Literaturhaus erleben darf) lagen alle Januar-Lektüren unter dem Weihnachtsbaum. Gute Geschenke allesamt, wobei ich vor allem mit Mariana Leky und Dagmar Leupold, die sich sprachlich und hinsichtlich ihrer Vorliebe für leicht windschiefe Figuren relativ nah sind, viel Freude hatte. Selbiges gilt auch für Arno Geiger – ein gelungener Abschluss für einen sehr gelungenen Lesemonat ohne Ärger und Verdruss.

Mariana Leky: Kummer aller Art // Eine sichere Bank für einen ebenso vergnüglichen wie klugen Einstieg ins neue Lesejahr: Mariana Lekys gesammelte (und leicht überarbeitete) Kolumnen aus der Zeitschrift „Psychologie Heute“. Wie der Titel verrät, geht es in den 39 jeweils knapp vier Seiten langen Geschichten um „Kummer aller Art“ – von diversen Ängsten und Schlaflosigkeit über Liebeskummer und Zwangsneurosen bis hin zu allgemeiner Seelenverknitterung.

Gewohnt fein beobachtet und erzählt im ganz eigenen „Leky-Sound“, sind es vor allem die wiederkehrenden Figuren, die diese Miniaturen so liebenswert machen. Man kann gar nicht anders, als den schwermütigen Herrn Pohl mit seinem altersschwachen Zwergpinschermischling Lori, die zaudernde, stets etwas verzagte Frau Wiese oder den Rilke-Verehrer Onkel Ulrich, der auch im Ruhestand nicht aus der beruflichen Rolle des Psychoanalytikers heraus kann, umgehend ins Herz zu schließen.

Was sich aus „Kummer aller Art“ fürs neue Jahr mitnehmen lässt? Nun, vielleicht sollten wir uns alle darum bemühen, unseren Mitmenschen freundlicher, staunender und gütiger gegenüberzutreten. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert.

Katherine May: Überwintern // Mehr zu diesem und anderen Winterbüchern HIER.

Dagmar Leupold: Dagegen die Elefanten // Der Deutsche Buchpreis mag es zwar gelegentlich etwas krachig und schillernd, aber dennoch hat es Dagmar Leupold mit dem leisen Helden ihres Romans „Dagegen die Elefanten!“ auf die letztjährige Longlist geschafft. Nach 2013 und 2016 bereits ihre dritte Nominierung.

Der angesprochene „Held“ ist Herr Harald, ein unscheinbarer, nicht mehr ganz junger Mann, der seinen Dienst an der Garderobe der Oper (Balkon links) mit großer Ernsthaftigkeit und tadellosen Manieren versieht. Von anderen kaum bemerkt und dementsprechend einsam, ist der Junggeselle selbst ein genauer Beobachter, der schöne Wörter, die Ergebnisse seiner Grübeleien und nicht zuletzt seine unschuldige Schwärmerei für die Frau, die bei ausgewählten Klavierkonzerten die Noten umblättert, akribisch in seinem Notizbuch festhält.

Ein Jahr lang begleiten wir Herrn Harald bei seinen alltäglichen Verrichtungen und auf seinen Spaziergängen durch München. Trotz einer sacht angedeuteten Krimihandlung um einen mysteriösen vergessenen Mantel (darin: eine Schreckschusspistole) überschlagen sich die Ereignisse auf den etwas mehr als 250 Seiten nicht gerade – eher passt sich das Buch dem gemäßigten Lebenstempo seines Protagonisten an.

Ich habe „Dagegen die Elefanten!“ trotz der wenig aufregenden Handlung sehr gerne gelesen. Herr Harald ist ein äußerst angenehmer Begleiter für ein paar ruhige Lesestunden und vor allem sprachlich ist der Roman ganz wunderbar gelungen – für mich auf jeden Fall preisverdächtig.

Arno Geiger: Das glückliche Geheimnis // Arno Geiger verrät uns in seinem neuen Buch ein Geheimnis. Ein Vierteljahrhundert lang streifte er regelmäßig durch die Straßen Wiens, um Altpapiercontainer nach Brauchbarem zu durchwühlen. In seiner Zeit als Student und erfolgloser Möchtegern-Schriftsteller suchte er neben interessanter Lektüre für sich selbst vor allem nach Dingen, die sich auf dem Flohmarkt zu Geld machen ließen.

Doch auch später machte der mittlerweile erfolgreiche Autor seine Runden – dann eher auf der Suche nach Briefen und Tagebüchern, die ihm als Inspiration für die Figuren seiner eigenen Werke dienten. „Feldstudien“, wie er selbst es nennt. Für seinen Roman „Unter der Drachenwand“ zum Beispiel las Arno Geiger rund 20.000 Briefe aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs; ein Drittel davon hatte er aus dem Müll gefischt.

„Das glückliche Geheimnis“ ist ein wunderbares Buch, in dem es keineswegs nur ums heimliche Sammeln von Altpapier geht. Es ist ein sehr persönlicher Einblick in das Leben und Arbeiten des Autors und nicht zuletzt eine Art Fortsetzung von „Der alte König in seinem Exil“. Ein Buch über das Bewahren und das Verschwinden, über das Vergehen der Zeit und Trauer, über die Dinge, die wirklich wichtig sind. Und natürlich ein Plädoyer für die großen und kleinen Geheimnisse in unserem Leben.

Die Fotos und Kurzrezensionen in diesem Beitrag sind zuerst auf meinem Instagram-Account erschienen. Schaut doch gerne einmal vorbei, um stets auf dem aktuellen Stand zu bleiben – ich freue mich!

Peter Süß: 1923

Willkommen, 2023! Was das neue Jahr bringt, steht natürlich noch in den Sternen, weshalb jetzt ein ganz guter Moment ist, den Blick erst einmal in die Vergangenheit zu richten. 100 Jahre zurück zum Beispiel, wie es Peter Süß in „1923. Endstation – Alles einsteigen!“ tut. Dabei folgt der Autor dem spätestens seit Florian Illies‘ Bestseller „1913“ ebenso beliebten wie bewährtem Muster und lässt die zentralen Ereignisse des turbulenten Jahres in chronologischer Reihenfolge Revue passieren, wobei sich die Abschnitte manchmal nur über einen Satz, manchmal über mehrere Seiten erstrecken.

Da politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen ebenso viel Platz einnehmen wie Kultur, Unterhaltung und Promi-Tratsch, entfaltet sich im Laufe der Lektüre das Bild eines von Gegensätzen geprägten Jahres, das sich nur schwer in wenigen griffigen Schlagworten zusammenfassen lässt. Auf der einen Seite stellt die völlig außer Kontrolle geratende Hyperinflation weite Teile der deutschen Bevölkerung vor existenzielle Nöte, zudem schürt die Besetzung des Ruhrgebiets durch belgische und französische Truppen neue Kriegsängste. Die politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen nutzt der damals 34 Jahre alte Adolf Hitler, um zumindest in Bayern an Einfluss zu gewinnen. Der Putschversuch vom 8. und 9. November misslingt zwar und bringt Hitler eine Haftstrafe ein, aber ohne die Lehren aus dem Jahr 1923 wären die schrecklichen Ereignisse ab 1933 kaum vorstellbar gewesen.

Trotz der vielen Nöte und düsteren Vorboten ist 1923 auf der anderen Seite aber auch von allerlei schillernden Ablenkungen geprägt. Warenhäuser locken mit immer prächtigeren, für die meisten freilich völlig unerschwinglichen Angeboten, eine Begeisterung für Okkultes und Parapsychologisches macht sich breit (sogar bei Thomas Mann, der ansonsten mit der Fertigstellung des „Zauberbergs“ kämpft) und überhaupt stehen die goldenen Zwanziger schon in den Startlöchern.

Hinter jeder Ecke lauert die Katastrophe, und jeder weiß es. Also lasst uns taumeln im Jazz-Delirium! Nichts als ein kurioses Missverständnis, die „goldenen zwanziger Jahre“, die nie golden waren, auf die Zeit zwischen 1924 und 1929 zu begrenzen. Alles ist bereits da in diesem Jahr 1923!

Und die Künstlerinnen und Literaten? Nun, auch deren Leben sind geprägt von allerlei Gegensätzen. Else Lasker-Schüler leidet an beklemmender Geldnot, was zu diversen Streitigkeiten führt. Bertold Brechts Stern am Theaterhimmel geht endgültig auf, wobei er zunächst von Misserfolg zu Misserfolg eilt – sowohl auf der Bühne als auch im Liebesleben. Kurt Tucholsky dagegen hat erst einmal genug von der Literatur und beginnt mit 33 Jahren eine Banklehre. Der bereits schwer an Tuberkulose erkrankte Franz Kafka lernt mit der 15 Jahre jüngeren Dora Diamant seine letzte große Liebe kennen, während bei Erich Kästner zwar eine Beziehung zerbricht, aber eine erste Erzählung veröffentlicht wird. Ende des Jahres erblickt außerdem einer der ganz Großen das Licht der Welt:

Nirgendwo ein Lichtblick? Doch: Am 12. November wird in Brandenburg an der Havel Loriot geboren.

Mit „1923“ ist Peter Süß ein hervorragendes Buch gelungen, durch das man mit großem Vergnügen hindurcheilt. Dass der Autor in den vergangenen Jahren vor allem für Film und Fernsehen gearbeitet hat, kommt dem Lesefluss dabei sehr zugute – prägende Ereignisse wie der Hitlerputsch werden mit genauer Beobachtungsgabe und viel Gespür fürs richtige Timing dargestellt, während an anderer Stelle Witz und leise Ironie dominieren. Eine äußerst unterhaltsame Geschichtsstunde!

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Malachy Tallack: 60° Nord

Nach dem frühen Tod seines Vaters träumte Malachy Tallack davon, eines Tages die Welt entlang des 60. nördlichen Breitengrades zum umrunden. Knapp ein Jahrzehnt später begann der schottische Autor, Journalist und Musiker damit, den Traum in die Tat umzusetzen und reiste von den heimischen Shetland-Inseln aus in westliche Richtung einmal den 60. Breitengrad bis zum Ausgangspunkt entlang. Dokumentiert hat Malachy Tallack, der mit seinem Debütroman „Das Tal in der Mitte der Welt“ auch bei uns etwas Bekanntheit erlangte, dieses Projekt in „60° Nord“. Das im Original bereits 2016 erschienene Buch liegt in der Übersetzung von Klaus Berr nun auch auf Deutsch vor.

Nach Norden zu gehen, heißt für mich, nach Hause zu gehen, und jede Reise, die ich in diese Richtung mache, bringt das Gefühl einer Rückkehr mit sich.

Gleich zu Beginn seiner Reise tut sich für den Autor auf Shetland ein kleines Problem auf, denn er möchte den symbolischen ersten Schritt unbedingt direkt auf dem auf den Karten verzeichneten 60. Breitengrad tun – allerdings ist dieser in der Realität der rauen, windumtosten Inselgruppe gar nicht so einfach zu finden. Deshalb dient der 60. nördliche Breitengrad im weiteren Verlauf eher als Orientierungspunkt, der gelegentlich leicht unter- bzw. überschritten wird. Von Shetland aus geht es nach Grönland, in den nur dünn besiedelten Norden Kanadas, nach Alaska, von Sibirien und St. Petersburg – die größte Stadt entlang des Breitengrades – nach Finnland und schließlich über Schweden und Norwegen wieder zurück nach Shetland.

Allerdings handelt es sich bei der in „60° Nord“ beschriebenen Route nicht um eine einzige zusammenhängende lange Reise, sondern um mehrere, über einen Zeitraum von mehreren Jahren absolvierte Trips. Damit fehlt dem Buch leider das auf Reisen so besondere „Dazwischen“, das Unterwegssein, auf dem sich oft mehr Erkenntnisse gewinnen lassen als an den eigentlichen Zielen. Was ändert sich, wenn man nicht mehr in Alaska ist, sondern in Sibirien? Was bleibt gleich und was haben die Menschen gemeinsam, die im hohen Norden in unterschiedlichen Ländern leben? Welche Auswirkungen haben die unglaubliche Weite dieser Gegend und das Unterwegssein unter oft widrigen Bedingungen auf den Reisenden? Antworten auf all diese Frage bekommt man höchstens ganz am Rande. Stattdessen ist „60° Nord“ in erster Linie eine Sammlung von Reisereportagen von oft recht unterschiedlicher Qualität. Das Kapitel über Grönland zum Beispiel gerät äußerst zäh, weil Malachy Tallack schon am zweiten Tag nach seiner Ankunft grippekrank im Bett bleiben muss. In Kanada und Alaska dagegen gibt es launige Szenen in einem Buchladen-Café am Ende der Welt und mit einem vermeintlich angriffslustigen Bären, der sich als harmloser Labrador entpuppt. Das Finnland-Kapitel kommt natürlich ohne den obligatorischen Saunabesuch nicht aus, während der Abschnitt über St. Petersburg dank der weltpolitischen Entwicklungen des zu Ende gehenden Jahres äußerst aktuell und aufschlussreich ist. Überhaupt dürften sich geschichtsinteressierte Leser*innen von „60° Nord“ besonders angesprochen fühlen. Der persönlicher gehaltene Teil und die versprochene „Suche nach einem Zuhause“ bleiben im Vergleich dazu eher blass.

So ist „60° Nord“ leider ein etwas unentschlossenes Buch, das viel Potenzial ungenutzt liegen lässt.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Hervorgehoben

Bücher für den Winter

Winterzeit ist Lesezeit. Als passionierte Bücherfreund*innen wissen wir natürlich, das immer Lesezeit ist, aber tatsächlich machen die dicken Wälzer und die großen Geschichten in den kalten, dunklen Monaten des Jahres besonders viel Freude.

Ich habe vor einer Weile eine kleine Liste von Romanen und Sachbüchern angelegt, die ich in diesem Winter gerne zum ersten oder ein weiteres Mal lesen möchte. Alle werde ich bestimmt nicht schaffen und womöglich kommen noch ein paar unverhoffte Neuzugänge hinzu. Je nach Lust und Laune eben – eine mit fast bürokratischem Eifer organisierte „Lese-Challenge“ soll es auf keinen Fall werden. Vielmehr möchte ich nach jedem beendeten Buch einen kurzen persönlichen Eindruck teilen, so dass dieser Beitrag nach und nach wächst und bestenfalls zu einer Inspirationsquelle für Eure nächste winterliche Lektüre wird.

Daniel Mason: Der Wintersoldat

Gelangweilt vom sehr theoretischen Medizinstudium, meldet sich der junge Wiener Lucius Anfang 1915 freiwillig als Sanitätsoffizier und landet in einer zum Feldlazarett umfunktionierten Kirche im unwirtlichen Bergland Galiziens. Dort erwarten den blitzgescheiten Sprössling aus bestem Hause Herausforderungen, auf die er an der Universität nicht annähernd vorbereitet wurde. Schlimmste Kriegsverletzungen und damit einhergehende Infektionen erfordern ein beherztes und äußerst handfestes Einschreiten – trotzdem gibt es für einen nicht unerheblichen Teil der Patienten keine Rettung mehr. Einzig die resolute Kranken- und Ordensschwester Margarete bewahrt Lucius vor der Verzweiflung. Natürlich entspinnt sich bald eine zarte Bande zwischen den beiden Schicksalsgenossen.

Eine dramatische Wendung nimmt der ohnehin bedrückende Alltag im Lazarett, als immer mehr äußerlich weitgehend unversehrte, aber von den Erlebnissen an der Front schwer traumatisierte Soldaten im Lazarett eingeliefert werden. Unter diesen Männern ist auch der titelgebende „Wintersoldat“, den der unsichere Lucius nicht vor der Willkür höherrangiger Militärs schützen kann – ein Fehler, über den er lange nicht hinwegkommt. Gleichzeitig rückt das Kriegsgeschehen immer näher an das abgelegene Behelfskrankenhaus heran, was letzten Endes dazu führt, dass Lucius und Margarete, an deren Ordenszugehörigkeit es inzwischen doch arge Zweifel gibt, getrennt werden und sich aus den Augen verlieren.

Zurück in Wien scheitert Lucius weitgehend daran, den Weg zurück in ein normales Leben zu finden. Es hilft alles nichts: er muss sich auf die Suche nach Margarete machen, von der er wenig mehr als den Vornamen weiß und sich nicht einmal sicher sein kann, dass sie den Krieg und die folgende große Grippewelle überlebt hat.

Daniel Masons Roman hat alles, was ein herrlicher Schmöker für lange Winterabende braucht: Dramatik, Liebe, Verrat, Vergebung, überraschende Wendungen und prägnante Charaktere. Gerade in der ersten Hälfte ist „Der Wintersoldat“ mit seinen recht detaillierten Schilderungen von schwersten Verletzungen und Amputationen nichts für Zartbesaitete, aber mit zunehmender Dauer gerät die Geschichte in ein etwas ruhigeres Fahrwasser, was jedoch nicht zulasten der Spannung geht. Ein paar Längen gilt es zwischendurch zwar zu überbrücken und auch die Auflösung am Ende ist keine ganz große Überraschung, aber insgesamt lohnt sich die Lektüre auf jeden Fall.

  • Daniel Mason: Der Wintersoldat; Deutsch von Sky Nonhoff und Judith Schwaab; dtv Taschenbuch; 432 Seiten; ISBN: 978-3-423-14807-8.

David Park: Reise durch ein fremdes Land

Kurz vor Weihnachten: Ein Schneechaos hat die Britischen Inseln im Griff, die Flughäfen sind geschlossen, die Straßen kaum befahrbar. Bei diesen widrigen Bedingungen kämpft sich Tom von Nordirland ins englische Sunderland, um seinen kränkelnden Sohn an dessen Studienort abzuholen. Zum Fest – dem ersten nach einem schweren Schicksalsschlag – soll die Familie unbedingt vereint sein.

Auf der langen Fahrt hört Tom die Smiths, The National und Van Morrison und denkt viel nach. Über das vergangene Jahr, seine nicht immer glückliche Rolle als Vater und Ehemann, und seinen Beruf als Fotograf, der seine künstlerischen Ambitionen bald zugunsten von Hochzeits- und Familienfotografie aufgegeben hat.

Das mache ich oft – mir Bilder ausdenken, die in ein künftiges Glück führen sollen, aber sie bleiben nicht lang, verblassen fast sofort, nachdem sie ausgedruckt und dem Licht ausgesetzt sind, weil hartnäckigere, schmerzlichere an ihre Stelle treten, über die mein Wille keine Macht hat.

Mit „Reise durch ein fremdes Land“ ist David Park ein hervorragender Romangelungen – einfühlsam, klug und berührend. Vor allem das letzte Viertel des nur knapp 190 Seiten kurzen Buches ist dabei eine echte Wucht!

  • David Park: Reise durch ein fremdes Land; Deutsch von Michaela Grabinger; DuMont Taschenbuch; 192 Seiten; ISBN: 978-3-8321-6652-6

Katherine May: Überwintern

„Winter“ – das ist für Katherine May nicht nur eine Jahreszeit, sondern ein Sammelbegriff für all die Zeiten, in denen das Leben aus welchen Gründen auch immer komplett auf Eis liegt oder zumindest vorübergehend eine unerwartete Wendung nimmt. In „Überwintern“ (übrigens auch der Titel eines Gedichts von Sylvia Plath, das im Buch eine Rolle spielt) erzählt die Britin, mit welchen Strategien sich große Umbrüche und Herausforderungen etwas leichter bewältigen lassen und wie es gelingt, nach einer Phase des Ruhens und Heilens wieder aus dem „Winterschlaf“ herauszufinden.

„Überwintern“ ist zum Glück kein pseudowissenschaftlicher Ratgeber, sondern vielmehr ein ruhig und sympathisch erzähltes Memoir, aus dem man sich als Leserin oder Leser Anregungen fürs eigene Leben herauspicken kann. Eine Lektüre, die zwar nicht mit völlig neuen Erkenntnissen aufwartet, die aber beruhigt und Trost spendet – zumindest, wenn es sich beim gerade zu meisternden Winter wie in meinem Fall tatsächlich nur um den grauen, verregneten Januar handelt.

  • Katherine May: Überwintern. Wenn das Leben innehält; Deutsch von Marieke Heimburger; Insel Taschenbuch; 272 Seiten; ISBN: 978-3-458-68243-1.

John von Düffel: Das Wenige und das Wesentliche

Ein Neujahrsmorgen im ligurischen Hinterland. Ein klösterliches Zimmer. […] In dieser stillen Umgebung, am Tag des Anfangs und des Endes stellt sich die älteste Frage von allen noch einmal neu: Wie lebe ich richtig?

Die Tage und Wochen rund um den Jahreswechsel werden aus nachvollziehbaren Gründen gerne genutzt, die vergangenen Monate Revue passieren zu lassen, ein wenig Selbstkritik zu üben und seine Lebensweise zu überdenken und zumindest in Teilen neu zu justieren. Allzu oft bleibt es natürlich beim bloßen Vorsatz – der Alltag hat einen dann eben doch schnell wieder eingeholt.

Bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage, wie man seinem Leben jenseits von albernen Neujahrs-Vorsätzen mehr Sinn und eine klarere Richtung geben kann, hilft John von Düffels kluges Stundenbuch „Das Wenige und das Wesentliche“. Der Titel des Buches lässt schon erahnen, wohin die Reise geht und der Inhalt folgt dem konsequent.

Es geht darum zu erkennen
Wie wenig ich brauche

Der Dramaturg, Autor und promovierte Philosoph von Düffel entwirft in seinem Brevier das Modell des „Asketen der Zukunft“, der sich keiner Religion oder sonstigen Heilsversprechungen unterwirft und auch nicht mit eiserner Disziplin krampfhaft den Verzicht übt, sondern die Konzentration aufs Wesentliche als Genuss und Erfüllung sieht. Ein sehr zeitgemäßer Ansatz, denn eigentlich haben wir alle doch längst eingesehen, dass weniger in ganz vielen Bereichen des Lebens mehr ist – nur an der Umsetzung hapert es irgendwie noch.

Revolutionäre neue Erkenntnisse zum Thema bietet „Das Wenige und das Wesentliche“ zwar auch nicht, dafür viele kleine Denkanstöße.

Ein ebenso minimalistisch wie hochwertig aufgemachtes Buch zum kurzen Innehalten und Immer-mal-wieder-reinschauen.

John von Düffel: Das Wenige und das Wesentliche. Ein Stundenbuch; Dumont Buchverlag, 208 Seiten, ISBN: 978-3-8321-8220-5

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Alex Beer: Felix Blom. Der Häftling aus Moabit

Nach Kommissar August Emmerich, der in inzwischen fünf Romanen Verbrechen im Wien der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg aufklären durfte, und dem jüdischen Antiquar Isaak Rubinstein, der bislang zweimal im Nürnberg des Jahres 1942 im Einsatz war, schickt Alex Beer mit Felix Blom nun noch einen dritten Ermittler ins Rennen und erweist sich ein weiteres Mal als Meisterin des historischen Kriminalromans.

Schauplatz des ersten Bands der neuen Reihe ist das sich im steten Wandel befindliche Berlin des Sommers 1878. Nicht nur in der Stadt tut sich in dieser Zeit jede Menge, sondern auch im Leben des Protagonisten Felix Blom. Drei Jahre saß der als „Schatten von Berlin“ berühmt-berüchtigte Meisterdieb zuletzt im Gefängnis Moabit in Einzelhaft und gleich nach der Entlassung droht schon wieder Ungemach. Der smarte, dank seiner Raubzüge einst wohlhabende und einem rasanten Lebensstil nicht abgeneigte Blom ist mittel- und obdachlos – gerade einmal drei Tage bleiben ihm, um bei den Behörden Bescheinigungen über eine Bleibe und eine Arbeitsstelle vorzulegen, ansonsten geht es postwendend zurück in Haft. In seiner Verzweiflung verschlägt es den tief gefallenen Ganoven wieder in seine alte Heimat, die heruntergekommene Gasse Am Krögel. In dem gefürchteten Elendsquartier kommt Blom in einer schäbigen Bude unter und findet tatsächlich eine Anstellung in der neu eröffneten, schlecht laufenden Detektei von Mathilde Voss, die ebenfalls gerade einen erstaunlichen Neuanfang hinter sich hat.

Just zu der Zeit, als Felix Blom versucht, in Freiheit wieder Fuß zu fassen, nimmt sich anderswo in Berlin ein junger Konditorgehilfe das Leben. Da bei der Leiche allerdings eine Karte mit der mysteriösen Aufschrift „Binnen dreißig Stunden musst Du eine Leiche sein“ gefunden wird, geht die Polizei davon aus, dass der Suizid des jungen Mannes wohl doch nicht ganz freiwillig war. Wenig später erhält auch Blom eine Karte mit einer ganz ähnlichen Aufschrift und fragt sich, wer wohl hinter dieser Drohung stecken mag. Etwa sein alter Erzfeind Alfred von Mesar, der ihn nicht nur ins Gefängnis gebracht hat, sondern ihm auch seine geliebte Auguste ausgespannt hat? Oder der Gangsterboss Lugowski, der seinen einstmals besten Mann davor warnen möchte, gegen ihn zu arbeiten? Schon Bloms erster Fall als Privatdetektiv ist also nicht nur äußerst persönlich, sondern auch lebensgefährlich.

„Basierend auf einer wahren Begebenheit“ steht auf dem Einband von „Felix Blom. Der Häftling aus Moabit“, was doch ein wenig hoch gegriffen ist. Für die Figur des Felix Blom stand der 1775 geborene Franzose Eugène François Vidoq Pate, der sich vom Gauner zum Privatdetektiv und einem der Begründer der modernen Kriminalistik wandelte, und tatsächlich wurde im Sommer 1878 bei der Leiche eines vermeintlich durch eigene Hand zu Tode gekommenen Konditorgehilfen eine Karte mit der Aufschrift „Binnen dreißig Stunden musst Du eine Leiche sein“ gefunden, aber der Rest der Geschichte ist rein fiktiv. Trotzdem hat Alex Beer natürlich auch für diesen Roman wieder akribisch recherchiert, so dass die Geschichte mit viel Zeitkolorit glänzt – beim Lesen fühlt man sich zuweilen wirklich zurückversetzt ins ebenso aufregende wie schäbige Berlin von vor knapp 150 Jahren. Die tolle Atmosphäre lässt dann auch den etwas arg konstruiert wirkenden, leicht verwirrenden Kriminalfall in den Hintergrund treten. Sicher bleibt in dieser Hinsicht für die Folgebände noch etwas Luft nach oben. Gleiches gilt für die beiden Protagonisten, die zwar einen durchweg sympathischen Eindruck machen, aber vor allem im Falle von Mathilde Voss durchaus Entwicklungspotenzial haben.

Alles in allem aber ist „Felix Blom. Der Häftling aus Moabit“ ein vielversprechender Auftakt für eine neue Reihe, auf deren Fortsetzung man gespannt warten darf. Einem August Emmerich – Band sechs soll dem Vernehmen nach nächstes Jahr erscheinen – kann Felix Blom aber (noch) nicht das Wasser reichen.

Alex Beer: Felix Blom. Der Häftling aus Moabit; Limes Verlag, 368 Seiten, ISBN: 978-3-8090-2759-1.

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Dörte Hansen: Zur See

Das kleine Frieren üben, weil irgendwann das große Frieren kommen wird.

Dieses Zitat ist nicht nur ein wertvoller Tipp, um für den nahenden Winter gewappnet zu sein, sondern auch eine aufs Wesentliche beschränkte Inhaltsangabe von „Zur See“. Wie in den beiden bisherigen Romanen von Dörte Hansen stehen auch diesmal die kleinen und großen Brüche und Veränderungen im Mittelpunkt – persönlich wie auch in größeren Zusammenhängen.

„Zur See“ führt uns auf eine Nordseeinsel, in der Jahrhunderte lang alles dem ewig gleichen Schema folgte: Die einen fuhren zur See, die anderen blieben an Land und warteten (oft vergebens) auf die Väter, Söhne oder Ehemänner. Dazwischen ab und an eine verheerende Sturmflut, von der man sich noch Generationen später erzählte. Irgendwann allerdings wurde weniger zur See gefahren, dafür kamen die Touristen. Erst als Sommerfrischler, die mehrere Wochen blieben, mit den einheimischen Familien am Tisch aßen und keine großen Ansprüche stellten. Später folgten für die immer zahlreicher und unverschämter werdenden Gäste gesichtslose Hotels, Souvenirläden mit allerlei Leuchtturm- und Anker-Kitsch, Kutschfahrten und Touristenfallen mit „authentischen“ Fischgerichten aus der Mikrowelle. Die alteingesessen Insulaner machten entweder als urige Gestalten in Fischerhemden und Trachten mit bei diesem Nordsee-Disneyland, verkauften ihren Grund an Investoren und ihre Häuser an betuchte Wochenendgäste vom Festland oder wurden zunehmend an den Rand gedrängt.

So wie Inselpastor Matthias Lehmann, der während der Urlaubssaison eine Art Seelsorge-Entertainer für die Touristen gibt und die Tagesränder, wie er es nennt, für seine eigentlichen Tätigkeiten in der Gemeinde und sein Privatleben nutzen muss, was leidlich gelingt. Sein Glaube beginnt zu bröckeln und die Ehe leidet – seine Frau Katrin mag zwar nicht von Trennung sprechen, zieht es aber dennoch vor, unter der Woche in einer Wohnung auf dem Festland zu leben („Nicht weg von dir. Weg von der Insel.“).

Noch mehr treffen die nicht mehr rückgängig zu machenden Veränderungen der Insel-DNA die seit Generationen dort lebende Familie von Hanne Sander, Bewohnerin des prächtigsten Kapitänshauses weit und breit. Ihr Mann Jens, einst ein stolzer Kapitän, hat sich vor 20 Jahren als Vogelwart auf eine vorgelagerte, menschenleere Insel zurückgezogen, weil er die Sommergäste in seinem Haus nicht mehr ertragen konnte. Ryckmer, der älteste Sohn und als Kapitän in die Fußstapfen des Vaters getreten, kann nicht vom Alkohol lassen, weshalb er inzwischen keine großen Tanker mehr steuert, sondern nur noch die kleine Touristenfähre und ansonsten in seinem alten Kinderzimmer sitzt, Fluttabellen studiert und darauf wartet, dass der Klimawandel die Insel wegspült. Henrik, der Jüngste, hatte nie etwas anderes im Sinn, als am Strand und am Meer zu sein, verdient mit seinen Treibgut-Skulpturen aber immerhin ganz gut an den wohlhabenden Neu- und Teilzeitinsulanern. Eske, die einzige Tochter der Familie, wollte sofort nach dem Abitur ganz weit weg von der Insel und den ihr verhassten Touristen, ist aber längst wieder zurück. Als Altenpflegerin kümmert sie sich um die langsam aussterbende alte Generation der Insulaner und versucht, die Sprache der Einheimischen zu bewahren und so ein letztes Stückchen vom Ursprünglichen, Echten zu retten.

Auf allen Inseln gibt es eine, die sich schämt für die Fischerhemden und die Kissen mit den Walen und den Ankern in den Hafenläden. Die die Wahrhaftigkeit vermisst und die Touristenautos an die Straßenränder drängelt.

Obwohl die Lektüre des Buches viele gute Gründe liefert, seine Ringelshirts in die Altkleidersammlung zu geben und den nächsten Nordsee-Urlaub zu stornieren, ist „Zur See“ keine bitterböse Abrechnung mit den Auswüchsen des Tourismus an den Küsten. Vielmehr stellt dieser leise Roman mit dem für Dörte Hansen typischen lakonischen Humor eine kaum zu beantwortende Frage: Wie kann ein Leben gelingen, wenn man sich in der Gegenwart zunehmend fremd fühlt, der Rückgriff auf die längst nicht so „gute alte“ Vergangenheit keine Option ist und die Zukunft nur mehr als Bedrohung erscheint? Eine Antwort hat dieses exzellente Buch leider nicht parat.

Dörte Hansen: Zur See; Penguin Verlag, 256 Seiten, ISBN: 978-3-328-60222-4.

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Charlie Corbett: Die zwölf Seelen-Vögel

Zugegeben: Titel und Untertitel dieses Buchs hören sich ein wenig esoterisch an und auf Anhieb ist nicht ganz klar, wohin die Reise eigentlich führt. Handelt es sich um einen leicht spirituell angehauchten Ratgeber oder doch eher ein nüchternes Sachbuch? Ratgeber und Sachbuch stimmen zumindest zum Teil, aber spirituell und nüchtern-wissenschaftlich geht es in „Die zwölf Seelen-Vögel“ dagegen nicht zu. In erster Linie ist Charlie Corbetts Buch nämlich sehr persönlich und am ehesten in der Nähe von Raynor Wynns „Der Salzpfad“ oder Helen Macdonalds „H wie Habicht“ anzusiedeln.

Am Anfang der Geschichte steht ein Schicksalsschlag: Die Mutter des Autors, eine fröhliche Frau und Zentralgestirn der Großfamilie, erkrankt unheilbar an Krebs und stirbt wenig später im Alter von nur 66 Jahren. Für Charlie Corbett, zu diesem Zeitpunkt frisch verheiratet und eigentlich voller Euphorie für die Zukunft, beginnt eine finstere Zeit. Einerseits ist da natürlich die Trauer um die geliebte Mutter, andererseits aber auch die Sorge um den Vater, einen wortkargen Schäfer, der sich immer weiter zurückzieht. Und dann kommen auch noch schwer zu kontrollierende Panikattacken hinzu, die den Alltag und das Arbeitsleben für den Autor zunehmend zu einer Qual machen. Trost und Ablenkung findet Charlie Corbett schließlich in der Natur und vor allem beim Beobachten der Vögel, die ihm in seinem Garten und auf seinen Spaziergängen begegnen. War er zuletzt lange Jahre größtenteils blind und taub durch seine nächste Umgebung geeilt, lernt er nun wieder, auf kleine Details zu achten, genau hinzuhören und im Einklang mit den Jahreszeiten zu leben.

Jeden Tag, jeden Monat, in jeder Jahreszeit erzählt mir die Natur eine Geschichte. Ich höre diesen Geschichten zu und habe es noch nie bereut.

Charlie Corbett: Die zwölf Seelenvögel

„12 Birds to Save Your Life“, so der Originaltitel des von Martin Bayer übersetzen Buchs, mag ein wenig dick aufgetragen sein, aber Charlie Corbett gelingt es sehr anschaulich, den Einfluss unserer gefiederten Freunde auf den Prozess der Trauerbewältigung und seinen Weg zurück ins Leben deutlich zu machen. Etwa, wenn er seine Familie liebevoll mit einem fröhlichen, manchmal zänkischen Schwarm von Sperlingen vergleicht, vom Glück der alljährlichen Rückkehr der Schwalben und Mauersegler erzählt, oder wenn er mit seinem Vater am Grab der Mutter steht und den ersten Zilpzalp des Jahres singen hört.

Allerdings ist „Die zwölf Seelen-Vögel“, wie eingangs bereits geschrieben, nicht nur ein berührendes Memoir, sondern auch eine Aufforderung, selbst nach draußen zu gehen, seine Umgebung bewusst wahrzunehmen und sich mit der Natur und den Lebewesen in der unmittelbaren Umgebung zu beschäftigen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass sich das sehr lohnt und einem immer wieder kleine und größere Glücksmomente beschert, die einem Netflix oder Instagram nicht geben können. Wer bisher noch nicht der Vogelbeobachtung verfallen ist, fängt am besten demnächst damit an:

Wer sich gern intensiver mit der Natur vertraut machen möchte, hat im Winter die beste Gelegenheit, in ihr Trost und Wissen zu suchen. Die Landschaft ist kahl und übersichtlich, die Vögel sind hungrig, man kommt deshalb leicht an sie heran.

Charlie Corbett: Die zwölf Seelenvögel

Und nach der Heimkehr von der Beobachtungsrunde macht man es sich am besten mit einer Tasse Tee bequem, schmökert ein wenig in diesem Buch und staunt nicht zuletzt über die Poesie, die die englische Sprache für Naturbeschreibungen zu bieten hat (ein Schwarm Lerchen ist etwa an exaltation of larks, während ein Starenschwarm als a murmuration of starlings bezeichnet wird).

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Benjamin Myers: Der längste, strahlendste Tag

Im englischen Original heißt „Der längste, strahlendste Tag“, Benjamin Myers‘ von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann ins Deutsche übersetzte Erzählband, „Male Tears“. Ein deutlich treffenderer Titel, denn obwohl in den über einen Zeitraum von gut anderthalb Jahrzehnten entstandenen Geschichten nicht allzu viele Tränen fließen, handeln sie doch von Männern in Grenzsituationen jenseits der gängigen Klischees von Heldentum und klassischer Männlichkeit.

Viele der Protagonisten sind dabei keine allzu großen Sympathieträger und dementsprechend hält sich das Bedauern für den sadistischen Wildhüter, der eines Tages selbst zur Beute wird, ebenso in Grenzen wie das für den gewalttätigen Alkoholiker, der von seiner Ehefrau vor deren morgendlicher Schwimmeinheit zur Strecke gebracht wird. Andere Hauptdarsteller in den meist zwischen einer und 25 Seiten umfassenden Erzählungen sind zwar weniger bösartig, aber nicht minder jämmerlich. Für den gefeierten Astronauten, der mit dem Leben auf der Erde heillos überfordert ist, bringt man immerhin noch etwas Mitleid auf, für den von den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte überholten ehemaligen Erfolgs-Schriftsteller, der von seiner Frau wegen seiner Vorliebe für Saxofon-Solos aus Songs der 1980er Jahre verlassen wird, dagegen eher nicht.

Besonders stark allerdings sind die Stories geraten, in denen man mit den Protagonisten mitfühlt. Etwa „Wien (Die Jäger im Schnee)“, in der es einen jungen Mann — vermutlich der Autor selbst — beim Betrachten von Pieter Bruegels „Die Jäger im Schnee“ in einer Sonderausstellung im Kunsthistorischen Museum in Wien im wahrsten Sinne des Wortes umhaut. Oder „Snorri & Frosti“ über zwei mürrische alte Holzfäller irgendwo im kargen Norden Europas, die nur noch ihren jeweiligen Bruder haben und deren kleine Welt langsam vom Verschwinden begriffen ist. Eine berührende Geschichte in Dialogform, die nicht nur wegen ihrer Länge von gut 60 Seiten aus der Sammlung heraussticht.

Ansonsten zeigt Benjamin Myers in der kurzen Form all die Qualitäten, die schon seine beiden tollen Romane „Offene See“ und „Der perfekte Kreis“ ausgezeichnet haben. Wunderbare Naturbeschreibungen, einen genauen Blick fürs Detail und Gegensätze zwischen archaischer Brutalität und großer Zärtlichkeit finden sich auch in „Der längste, strahlendste Tag“ zu Hauf.

Ein rundum gelungener Erzählband und eine großartige Ergänzung zu den beiden Romanen!

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Aus dem Lesesessel #3

In der letzten Folge dieser kleinen Reihe ging es unter anderem um die Vorausschau auf ein Gespräch von Claudia Schumacher und Mariana Leky über „das, was uns tröstet“ im Hamburger Literaturhaus. Die Veranstaltung, die ich mir im Livestream angeschaut habe, war äußerst kurzweilig und mindestens so humorvoll wie tröstlich. Mariana Leky sprach über ihre ersten Schreibversuche in Form von Gedichten an ihr Jugendidol Morten Harket von a-ha (die an die Bravo geschickten Werke wurden unverständlicherweise niemals abgedruckt), das Aufwachsen als Tochter eines Psychologenpaars und natürlich das Tröstende in ihren Büchern. Auf die Frage, welche Bücher sie denn trösten, empfahl Mariana Leky unter anderem „Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau“ von Max Scharnigg. Dieser Empfehlung kann ich mich nur anschließen — ein großartiger Roman, den ich demnächst unbedingt ein zweites Mal lesen muss.

Kein „Muss“ sind dagegen Veilchenpastillen, die wie Mon Cheri, Haselnusslikör und Marzipankartoffeln eine Rolle im Werk Mariana Lekys spielen, bei der Verkostung allerdings glatt durchfielen.

Aktuelle Bücher:

Zuletzt gelesen habe ich ein weiteres Buch über Bücher, Bibliotheken und die Liebe zur Literatur im Allgemeinen, nämlich „Die verborgene Bibliothek“ von Alberto Manguel, der gerne als einer „der größten Leser unserer Zeit“ bezeichnet wird. Trotz allerlei kluger Gedanken konnte mich die Sammlung von Essays nicht völlig begeistern. Die Unterzeile „Eine Elegie und zehn Abschweifungen“ sagt zwar eigentlich schon alles, aber trotzdem war es mir stellenweise etwas zu viel an Abschweifung. Interessanter erscheint mir da Alberto Manguels Buch „Fabelhafte Wesen. Dracula, Alice, Superman und andere literarische Freunde“, das jüngst in deutscher Übersetzung erschienen ist.

Zum Abschluss noch ein Tipp aus der Mediathek, nämlich der preisgekrönte TV-Film „Martha Liebermann – Ein gestohlenes Leben“, der lose auf dem 2019 erschienenen Roman „Dem Paradies so fern“ von Sophia Mott basiert.

Falls eines der in diesem Blogpost erwähnten Bücher Euer Interesse geweckt hat, leiht Ihr es am besten in der nächstgelegenen Bibliothek aus oder kauft es in einer unabhängigen Buchhandlung.