Sebastian Herrmann: Gebrauchsanweisung fürs Fahrradfahren

Fast genau auf den Tag vor 200 Jahren, nämlich am 12. Juni 1817, absolvierte Karl Friedrich von Drais in Mannheim eine gut sieben Kilometer lange „Jungfernfahrt“ mit der von ihm ersonnenen Laufmaschine, die man sich ungefähr so vorstellen kann wie eine größere Version der beliebten Laufräder für kleine Kinder. Mit den heute erhältlichen eleganten Rennrädern, den hochgerüsteten Mountainbikes oder den immer beliebter werdenden E-Bikes, die ihren Fahrern einen Großteil der Arbeit abnehmen, hatte die recht plump wirkende „Draisine“ nicht allzu viel gemein, aber dennoch markierte sie den Ausgangspunkt eines rasanten Siegeszuges, der nicht nur eine Revolution des Verkehrswesens mit sich brachte. Abgesehen davon, dass das Fahrradfahren nicht nur den Weg von A nach B erleichtert, ist es für unzählige Menschen auch zu einer Betätigung geworden, die irgendwo zwischen schöner Freizeitbeschäftigung und an Wahnsinn grenzender Besessenheit pendelt. Von all dem und noch mehr handelt Sebastian Herrmanns unterhaltsames und lesenswertes Buch „Gebrauchsanweisung fürs Fahrradfahren“.
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Wie alle Gebrauchsanweisungen“  aus dem Piper Verlag darf man natürlich auch bei diesem Buch den Titel nicht wortwörtlich verstehen — um einen Ratgeber, welcher Fahrradtyp am zu den eigenen Bedürfnissen passt, wie man einen platten Reifen flickt, oder wohin die nächste Radtour gehen könnte, handelt es sich nämlich ausdrücklich nicht. Vielmehr ist „Gebrauchsanweisung fürs Fahrradfahren“  eine flammende Liebeserklärung an die schönste aller Fortbewegungsarten. Und Sebastian Herrmann weiß, wovon er spricht bzw. schreibt: Immerhin legt er bei Wind und Wetter die (einfach) mehr als 20 Kilometer lange Strecke von seinem Zuhause im Speckgürtel Münchens zu seinem Arbeitsplatz bei der Süddeutschen Zeitung, wo er als Redakteur im Wissenschaftsressort beschäftigt ist, auf dem Rennrad zurück und ist auch in der Freizeit regelmäßig auf dem Rad zu finden, gerne bei langen Touren über die Alpen an den Gardasee oder als Teilnehmer an diversen Ultra-Radmarathons. So sympathisch die ganzen Anekdoten von den Erlebnissen während dieser Touren auch geschildert sind, könnten sie für diejenigen unter den Leserinnen und Lesern, die eher in der Stadt oder am Wochenende gemütlich auf dem Land unterwegs sind, auf Dauer ein wenig ermüdend wirken, weil eben die Berührungspunkte zum eigenen Fahrradfahrerdasein nicht unbedingt vorhanden sind.

Uneingeschränkt großartig ist aber der Rest des Buches, der sich zusammensetzt aus einer sehr humorvollen und kenntnisreichen kleinen Kulturgeschichte des Radfahrens, den wohl allen bekannten Ärgernissen, denen man als Radler gerade im Stadtverkehr täglich begegnet, einem Lob des Fahrradfahrens als fast schon meditativer, glücklich machender Beschäftigung sowie dem Plädoyer, die Städte der Zukunft nicht mehr vornehmlich den Autos zu überlassen.

Es geht beim Fahrradfahren nicht nur darum, von A nach B zu kommen; nein, es geht darum, die weißen Flecken der Landkarte mit Farbklecksen zu füllen.
[…]
Wie schön könnten Städte sein, wenn sie für Fahrrad fahrende Flaneure optimiert und nicht nach den Bedürfnissen des Autoverkehrs gestaltet wären. Denn die innere Landkarte eines Radfahrers ist bunt und aufregend.

Das größte Verdienst dieses Buches ist aber wohl, dass es das Verlangen weckt, sich sofort nach der Lektüre aufs eigene Fahrrad zu schwingen und eine Runde zu drehen. Diesem Verlangen sollte man unbedingt nachgeben…


Sebastian Herrmann: Gebrauchsanweisung fürs Fahrradfahren. Piper Verlag; ISBN: 978-3-492-27692-4; 224 Seiten; 15 Euro.

Wer mehr wissen möchte über die Frühzeiten des Radfahrens, dem sei als Ergänzung Uwe Timms Roman „Der Mann auf dem Hochrad“  wärmstens empfohlen. Bei dtv ist dieser Tage eine sehr schön aufgemachte Neuauflage des Buches erschienen.

Paula Hawkins: Into the Water

Mit dem inzwischen verfilmten „Girl on the Train“  ist der britischen Autorin Paula Hawkins vor gut zwei Jahren ein internationaler Beststeller gelungen und wie bei vielen Bands, die sich nach einem erfolgreichen Debüt mit dem viel zitierten „schwierigen zweiten Album“  herumplagen, stellt sich auch hier die Frage, wie so ein großer Wurf denn noch zu toppen sein könnte. Immerhin soll einerseits die Erwartungshaltung der begeisterten Leserinnen und Leser des ersten Buches nicht enttäuscht oder durch etwas völlig Neues irritiert werden, andererseits soll das Zweitwerk aber eben auch kein lauwarmer Aufguss des Vorgängers sein.DSC_0089
Mit  „Into the Water“  (das in nicht allzu ferner Zukunft ebenfalls verfilmt werden wird) ist Paula Hawkins der Spagat zwischen Bewährtem und Neuem recht ordentlich geglückt. Ganz ähnlich wie in  „Girl on the Train“  lässt die Autorin die Handlung auch diesmal wieder von unterschiedlichen, mehr oder weniger zuverlässigen Stimmen erzählen, so dass sich beim Lesen erst nach und nach ein schlüssiges Gesamtbild ergibt. Allerdings ist das Tableau der erzählenden Figuren diesmal deutlich erweitert und umfasst ein gutes Dutzend Personen, was gerade zu Beginn nicht gerade der Übersichtlichkeit dient. Mit zunehmender Dauer findet man sich zwar ganz gut zurecht, aber nach längeren Lesepausen muss man sich schon immer wieder überlegen, welche Person denn nun welche Rolle in den Geschehnissen einnimmt. Die größere Anzahl der Charaktere, die im Vergleich zu den leicht holzschnittartigen Figuren des Vorgängers etwas vielschichtiger gezeichnet sind, hat aber auch ihre Vorteile, wird doch die Spannung durch die vielen Szenen- und Perspektivwechsel bis zum Schluss beibehalten.

Auch die gesamte Handlung ist in  „Into the Water“  etwas opulenter als im recht überschaubaren  „Girl on the Train“. Im Zentrum stehen die ungeklärten Todesfälle der alleinerziehenden Fotografin und Autorin Nel Abbott und der jungen Katie Whittaker (die beste Freundin von Nels fünfzehnjähriger Tochter Lena), die kurz hintereinander im  Drowning Pool, einer Untiefe im Fluss des nordenglischen Örtchens Beckford, in dem im Laufe der Jahrhunderte viele Frauen mehr oder weniger freiwillig ihr Leben gelassen haben, ertrunken sind. Nel hat sich mit ihren hartnäckigen Recherchen zu einem Bildband des mythenumrankten Ortes unter der Dorfbevölkerung nicht nur Freunde gemacht und auch Katie trug ein unangenehmes Geheimnis mit sich herum. Mehr soll von der Handlung an dieser Stelle nicht verraten werden, aber wie schon bei der Fülle der erzählenden Figuren hat auch die mit einem leichten Mystery-Touch versehene und aus vielen Strängen bestehende Geschichte ihre Vor- und Nachteile. Einmal mehr trägt die größere Bandbreite an möglichen Auflösungen zur Spannung bei der Lektüre bei, aber andererseits verheddern sich die vielen losen Fäden ganz gerne einmal ineinander. Ein wenig mehr Geradlinigkeit hätte der Geschichte jedenfalls an manchen Stellen nicht geschadet.

Trotz der vorhandenen Schwächen ist  „Into the Water“  ein kurzweiliger und spannender Thriller. Dass ein Buch beim Lesen „einen Sog entwickelt, dem man sich nur schwer entziehen kann“,  mag in Rezensionen eine mittlerweile arg abgedroschene Floskel sein, aber angesichts der Thematik dieses Romans ist sie durchaus zutreffend.


Paula Hawkins: Into the Water. Traue keinem. Auch nicht dir selbst. Deutsch von Christoph Göhler. Blanvalet Verlag; ISBN: 978-3-7645-0523-3; 480 Seiten; 14,99 Euro.

Nehmen. LESEN! Tauschen.

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Ein idyllischerer Standort als die Fürther Gustavstraße lässt sich für ein öffentliches Büchertauschregal wohl kaum finden. Qualitativ kann die Bestückung des Regals da nicht ganz mithalten: Um einen echten Schatz zu bergen, muss man schon viel Glück haben, dafür herrscht (wie in beinahe allen Bücherschränken) ein Überangebot an Johannes Mario Simmel und Michael Burk. Wer sich nicht ganz auf sein Glück verlassen möchte und obendrein ein wenig Geld dabei hat, wechselt einfach auf die andere Straßenseite und stöbert im gut sortierten (modernen) Antiquariat „Libresso — Bücher und mehr“  (Gustavstraße 43).

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen

DSC_0337Eine Art Öko-Version von Charles Dickens‘ „Weihnachtsgeschichte“  erzählt die norwegische Jugend- und Drehbuchautorin Maja Lunde in „Die Geschichte der Bienen“, ihrem hervorragenden ersten Roman für eine erwachsene Leserschaft. Allerdings ganz unweihnachtlich und statt Geistern sind es Bienen, die uns zu drei Protagonisten bringen, die in unterschiedlichen Zeiten an einem entscheidenden Punkt ihres Lebens stehen.

Der in der Vergangenheit angesiedelte Handlungsstrang spielt in der englischen Grafschaft Hertfordshire des Jahres 1852, wo Ich-Erzähler William mit seinem Schicksal hadert. Einst war er ein aufstrebender und wissbegieriger Insektenforscher, aber nach der Geburt von acht Kindern, darunter sieben Töchter, hatte er seine akademische Karriere zugunsten eines weniger spannenden, aber einträglicheren Daseins als Saatguthändler aufgeben müssen. Ein Umstand, der ihm so sehr zusetzt, dass er sich eines Tages vor lauter Selbstmitleid in sein Bett verkriecht und dieses monatelang nicht mehr verlässt. Als er doch wieder ein wenig Lebensmut schöpft, muss er feststellen, dass seine Leidenschaft für Bienen ein wenig zu spät neu entfacht wurde, um bahnbrechende neue Erkenntisse zu gewinnen, da er sich in einer Epoche befindet, in der sowohl die wissenschaftliche Forschung als auch die kommerzielle Nutzung der Imkerei ein noch nicht gekanntes Level erreicht haben.

[…] die Bienen sollen dem Menschen ja nicht gleichgemacht werden — sie sollen von uns gezähmt werden. […] Unser Kontakt mit ihnen muss naturgemäß auch von oben herab geschehen.

Für die Gegenwart steht der Bienenzüchter George, der im Ohio des Jahres 2007 zunehmend die Auswirkungen der modernen, auf Effizienz und Gewinn ausgerichteten Landwirtschaft zu spüren bekommt. Mit der Produktion von Honig ist es ihm längst nicht mehr möglich, das Auskommen seiner Familie und den Lohn seiner beiden Angestellten zu sichern, weshalb er auf die Expansion seines Betriebes und die Erschließung neuer Geschäftsfelder setzt. Das ist leichter gesagt als getan, denn einerseits ist ihm die Konkurrenz bereits ein paar Schritte voraus und andererseits zieht auch Georges Familie nicht so recht mit. Seine Frau träumt von einem möglichst baldigen Ruhestand in Florida und auch sein Sohn hat eigentlich andere Pläne als eine unsichere Zukunft im schwächelnden Familienbetrieb. Mitten in diese Zeit der großen Umbrüche fällt zu allem Überfluss auch noch der Beginn des rätselhaften Bienensterbens.

Der spannendste und auch beunruhigendste Handlungsstrang des Romans ist jedoch der Blick ins China des Jahres 2098. Die uns bekannte westliche Zivilisation ist zu diesem Zeitpunkt längst kollabiert und auch um China, die einzige verbliebene Weltmacht, steht es nicht besonders gut. In den großen Städten herrscht nur noch wenig Leben, stattdessen spielt sich fast alles auf dem Land ab, wo das Regime mit aller Macht und großer Gnadenlosigkeit versucht, in erster Linie sein eigenes und eher nebenbei das Überleben der verbliebenen Bevölkerung zu sichern. Hier treffen wir Tao, die als Arbeiterin auf riesigen Feldern von Hand Blüten bestäubt, da Bienen und andere bestäubende Insekten längst ausgestorben sind ¹. Für ihren kleinen Sohn Wei-Wen wünscht sich Tao ein besseres Leben, doch als der Dreijährige bei einem Ausflug einen rätselhaften Anfall erleidet, scheint dieser Traum zu zerplatzen wie eine Seifenblase.

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Doch Bienen kann man nicht zähmen. Man kann sie nur pflegen, ihnen Fürsorge geben.

In meist recht kurzen Kapiteln springt Maja Lunde munter zwischen den einzelnen Zeit- und Handlungsebenen hin und her, was zum einen für willkommene Abwechslung sorgt, zum anderen immer wieder Cliffhanger produziert, die zum Weiterlesen animieren. Überhaupt sind alle drei Stränge für sich genommen lesenswert und interessant, wobei sich erst zum Ende hin alles zu einem stimmigen Bild zusammenfügt.

Was — im Gegensatz zur Dickens-Geschichte, in der Ebenezer Scrooge sein Verhalten gerade noch rechtzeitig ändert und so das Schlimmste abwendet — in Maja Lundes Roman trotz des leichten Hoffnungsschimmers ganz am Schluss fehlt, ist ein glückliches Ende. Es liegt an uns, so die Moral und Mahnung dieses wunderbaren, sehr packenden und hochaktuellen Buches, den drohenden Zusammenbruch unseres Ökosystems und den damit verbundenen Verlust unserer Lebensgrundlage noch zu verhindern. Falls es dafür nicht bereits längst zu spät ist.


Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen. Deutsch von Ursel Allenstein. btb Verlag; ISBN: 978-3-442-75684-1; 512 Seiten; 20 Euro.

Ab dem 29. Mai lesen Bibiana Beglau, Markus Fennert und Thomas M. Meinhardt täglich um 8.30 Uhr in der Radiosendung „Am Morgen vorgelesen“  auf NDR Kultur aus Maja Lundes Roman.

¹ Das ist übrigens keine ausgedachte Zukunftsvision, sondern in Teilen Chinas schon seit mehreren Jahrzehnten bittere Realität, wie unter anderem im immer noch sehr empfehlenswerten Film „More Than Honey“  von Markus Imhoof in eindringlichen Bildern zu sehen ist.

Ein sehr lesenswerter Artikel über den Zusammenhang zwischen Pestizideinsatz in der Landwirtschaft und dem Bienen- bzw. Insektensterben findet sich bei GEO.

J.L. Carr: Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten

Gerade in Zeiten des hemmungslos durchkommerzialisierten Fußballs sehnen sich viele Fans zunehmend nach überraschenden Erfolgen unscheinbarer Außenseiter (davon zeugten in jüngerer Vergangenheit etwa die Begeisterung über das starke Abschneiden der isländischen Nationalmannschaft bei der EM 2016 und den Premier-League-Titel von Leicester City im gleichen Jahr) und der „guten alten Zeit“, in der man bei günstiger Bratwurst und ebenso billigem Bier von der Stehplatztribüne aus Spieler anfeuerte, die in der Regel ihre gesamte Laufbahn bei einem einzigen Verein verbrachten. Dass es sich bei den heutigen Außenseitern meist dennoch um gut verdienende Profis handelt und dass früher auch nicht alles besser war, wird aus Gründen der Romantik und des genussvollen Schwelgens in Erinnerungen natürlich gerne unter den Teppich gekehrt.

In J.L. Carrs kurzem, im Jahr 1975 erstmals erschienenen und nun wohl dank des großen Erfolgs von „Ein Monat auf dem Land“  wieder zu entdeckenden Roman „Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten“, erfüllen sich zwar die großen Sehnsüchte aller Fußballromantiker, aber letzten Endes geht es natürlich um weit mehr als die fiktive Geschichte eines Hobbyteams aus einem tristen Dorf in den Hochmooren Yorkshires, dem es wie durch ein Wunder gelingt, den FA Cup zu gewinnen ¹. Vielmehr ist das Büchlein ein kleines Lehrstück darüber, dass auch auf die größten Triumphe im Leben meist Ernüchterung folgt und gerade die seltenen Momente des Glücks deshalb ganz besonders ausgekostet werden sollten.
DSC_0339So ist das Streben nach sportlichem Erfolg für J.L. Carrs Protagonisten weniger ein Selbstzweck als eine Ablenkung von fundamentaleren Problemen. Joe Gidner, der die Geschichte in seiner Funktion als Vereinschronist erzählt, fühlt sich als unverzichtbares Organisationstalent bei den Steeple Sinderby Wanderers gebraucht und anerkannt, während er ansonsten etwas haltlos durchs Leben geistert. Ähnlich geht es Dr. Kossuth, der dem bunt zusammengewürfelten Haufen zwar die zum Erfolg nötige Philosophie eintrichtert, aber damit hadert, dass er als politischer Flüchtling als Rektor an einer Dorfgrundschule gelandet ist und nicht als Philosophieprofessor in seiner ungarischen Heimat lehrt. Besonders schlimm getroffen hat es Torjäger Alex Slingsby, der nur wegen eines familiären Schicksalsschlages bei den unterklassigen Wanderers kickt statt bei einem renommierten Profiverein.

Alle eint, dass sie zwar während ihrer „Mission Pokalsieg“ einige unbeschwerte Monate erleben und ein paar harte sportliche Brocken aus dem Weg räumen, die Probleme des Alltags aber auch nach dem Erreichen des großen Ziels unangetastet daliegen:

Bald nahm das Leben wieder seinen gewohnten Lauf, und es war großartig, wieder gemächlich über die ausgetretenen Pfade zu trudeln.

Und dann …
Und dann funktionierte es plötzlich nicht mehr. Was geschehen war, war nun einmal geschehen, und nichts würde — oder konnte — mehr so sein, wie es einmal gewesen war.

Es sind gerade die nachdenklichen, wehmütigen Momente, die „Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten“  so lesenswert machen. Dass es zwischendurch allerdings auch viele vergnügliche, mit trockenem Humor gewürzte Momente mit den findigen Dorfkickern gibt, die schon einmal auf einen ihrer wichtigsten Akteure verzichten müssen, weil er dummerweise just am Spieltag als Pfarrer einen Trauergottestdienst abzuhalten hat, schadet dem äußerst liebevoll aufgemachten Buch, das gerade bei der mitreißenden Beschreibung der Spiele selbst leider etwas unter seinen Möglichkeiten bleibt, jedoch ebenfalls nicht.


J.L. Carr: Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten. Deutsch von Monika Köpfer. DuMont Buchverlag; ISBN: 978-3-8321-9854-1; 192 Seiten; 20 Euro.

¹ Die Wirklichkeit ist natürlich wieder einmal profaner als die Fiktion: Pokalsieger des Jahres 1974, in dem die Geschichte spielt, wurde der große FC Liverpool. Trotz einiger Achtungserfolge ist es zumindest in Zeiten professionellen Fußballs keiner unterklassigen Amateurmannschaft gelungen, den FA Cup zu gewinnen und die Wahrscheinlichkeit, dass das jemals passieren wird, ist mit „äußerst gering“ wohl deutlich zu optimistisch umschrieben.

Patrick Flanery: Ich bin niemand

Ohne böse oder gar kriminelle Absichten durch unterschiedlich interpretierbares Verhalten, Leichtgläubigkeit oder unbedachte Äußerungen auf einmal unter Verdacht zu geraten, ist für gesetzestreue Bürgerinnen und Bürger eine echte Horrorvorstellung, die in Zeiten nahezu flächendeckender Überwachung und einer zunehmenden Aufweichung der Privatsphäre des Einzelnen so abwegig gar nicht ist. Eine neue Generation von Überwachungskameras soll zum Beispiel in der Lage sein, aus Gesichtsausdrücken und Bewegungen der Aufgezeichneten selbständig auf mögliche Gefahrensituationen zu schließen. So könnte unter bestimmten Bedingungen jemand, der mit gehetztem Blick einen Bahnsteig entlang rennt, nicht mehr als harmlose Person wahrgenommen werden, die schnell noch ihren Zug erreichen möchte, sondern schlimmstenfalls als flüchtiger Terrorist.
DSC_0275Einer dieser unbescholtenen Bürger, die plötzlich auf den Schirmen der Sicherheitsbehörden auftauchen, ist Jeremy O’Keefe, der Protagonist und Ich-Erzähler von Patrick Flanerys Roman „Ich bin niemand“. Dabei beginnt alles ganz harmlos: Der Geschichtsprofessor, nach knapp einem Jahrzehnt in Oxford gerade wieder zurück in seiner Heimatstadt New York, wird von einer normalerweise zuverlässigen Studentin versetzt und stellt später fest, dass er das Treffen selbst per E-Mail abgesagt hatte. Allerdings kann er sich weder an seine eigene Mail noch an die Antwort der Studentin erinnern. Zunächst befürchtet der Mittfünfziger, er könnte unter beginnender Demenz leiden, doch diverse Untersuchungen bestätigen diesen Verdacht nicht – außerdem kommt es zu weiteren, deutlich handfesteren Vorfällen: So werden ihm in regelmäßigen Abständen Päckchen zugestellt, die mal Ausdrucke seines gesamten Webverlaufes der letzten Jahre, mal ausführliche Details über all seine Telefongespräche enthalten. Zudem fühlt sich Jeremy ständig verfolgt und beobachtet, unter anderem von einem jungen Mann – angeblich ein Studienfreund seines Schwiegersohnes – der ihm immer wieder „rein zufällig“ begegnet. Nach und nach dämmert ihm, dass all diese Merkwürdigkeiten womöglich mit Begegnungen und Verhaltensweisen während seiner Zeit in Oxford zusammenhängen, die mit etwas Fantasie und unter Nichtberücksichtigung der Unschuldsvermutung doch durchaus verdächtig erscheinen könnten.

Die Freiheit, nicht erreichbar zu sein, unbehelligt durch die Stadt zu spazieren, in Buchhandlungen und Bibliotheken zu stöbern, ohne das Bewusstsein, gejagt oder verfolgt oder einfach abgelenkt zu werden von albernen, unerwünschten Botschaften und der Möglichkeit, alle dreißig Sekunden die Börsenkurse zu checken oder die neusten Nachrichten zu empfangen, diese Freiheit muss bedeutet haben, dass wir noch vor zehn Jahren mehr mit Denken als Reagieren beschäftigt waren.

Ein Unschuldiger gerät unter Verdacht und weiß eigentlich gar nicht genau, was ihm von wem vorgeworfen wird – ein wenig erinnert diese Ausgangslage an Kafkas „Prozess“  und in der Tat entwirft Patrick Flanery ein bedrückendes, zumindest in weiten Teilen durchaus realistisches Szenario. Dass „Ich bin niemand“  kein rasanter Spionagethriller mit großen Knalleffekten, sondern ein (stellenweise beinahe ein wenig zu) langsam erzählter, nachdenklicher und fast philosophisch angehauchter Roman ist, dient der Glaubwürdigkeit der Handlung und ist durchaus als Pluspunkt zu werten. Allerdings übertreibt es Flanery leider ein wenig, denn statt auf seine erzählerische Stärke, seine klugen Grundgedanken und sein zeitgemäßes, brisantes Grundthema zu vertrauen, hat er das große Ganze im Blick. Bald geht es nicht mehr nur um einen Mann, der in die Mühlen eines Sicherheitsapparates geraten ist, sondern um klassische Spionage, die Datensammelwut von Internetkonzernen, den arabischen Frühling, islamistischen Terrorismus, Whistleblower, Geheimgefängnisse, politisch motivierte Vertuschung, 9/11 und etliches mehr. Angesichts dieses Sammelsuriums an Themen, die eine mehr oder weniger wichtige Rolle spielen bzw. teilweise nur ganz am Rande angeschnitten werden, gerät die eigentliche Geschichte zunehmend aus dem Blick und wird in ihrem Verlauf zusehends verwirrend. Kleinigkeiten wie der Umstand, dass der Forschungsschwerpunkt des Protagonisten ausgerechnet auf den Überwachungsmethoden der Stasi liegt und er zum ersten Mal bemerkt, dass er verfolgt wird, nachdem er sich im Fernsehen nacheinander Michelangelo Antonionis „Blow Up“  und Francis Ford Coppolas „Der Dialog“  angeschaut hat, verfestigen den Eindruck, dass der Autor allzu dick aufträgt, noch zusätzlich.

Dennoch ist Patrick Flanery mit „Ich bin niemand“  etwas ähnliches gelungen wie Dave Eggers mit „Der Circle“,  denn obwohl sein Roman nicht vollends zu überzeugen weiß, regt er seine Leserinnen und Leser dennoch dazu an, das eigene (Online-) Verhalten kritisch zu beleuchten, unbequeme Fragen zu stellen und nicht blind allem zu vertrauen, was einem als vermeintlich tolle, das Leben vereinfachende Neuerung aufgetischt wird.


Patrick Flanery: Ich bin niemand. Deutsch von Reinhild Böhnke. Blessing Verlag; ISBN: 978-3-89667-578-1; 400 Seiten; 22,99 Euro.

Helen Macdonald: Falke

„Falke“  ist nicht das Buch nach  Helen Macdonalds international gefeiertem Bestseller „H wie Habicht“, sondern das Buch davor. Ursprünglich bereits im Jahr 2006 erschienen, liegt die „Biographie eines Räubers“  in einer um ein Vorwort erweiterten Neufassung nun erstmals in deutscher Übersetzung vor.
DSCN9432Anders als „H wie Habicht“, das man unabhängig von der dominierenden Greifvogelthematik auch als eine autobiographische Trauerbewältigung oder als berührendes Buch über eine Vater-Tochter-Beziehung lesen konnte, ist „Falke“  ein reines Sachbuch, das im Kern aber gar nicht so weit entfernt ist von ihrem Welterfolg, wie die Autorin im Vorwort bemerkt:

Im Grunde aber handelt dieses Buch genau wie „H wie Habicht“ davon, dass wir Menschen die Natur als Spiegel benutzen. Dass jede Begegnung mit einem Tier immer auch eine Begegnung mit uns selbst ist und mit der Art, wie wir uns wahrnehmen.

Dementsprechend widmet sich Helen Macdonald vornehmlich dem menschlichen Blickwinkel auf und der seit Jahrtausenden bestehenden Faszination für den eleganten Greifvogel, was insofern fast ein wenig schade ist, da gerade das Kapitel, in dem der Falke anhand seines Körperbaus, der überragenden visuellen Wahrnehmung und seines präzisen Flugverhaltens als idealer, perfekt angepasster Jäger beschrieben wird, zu den interessantesten Passagen des ganzen Buches gehört.

Dennoch ist natürlich auch der kulturgeschichtliche Part abgesehen von einigen wenigen Längen äußerst lesenswert und lehrreich, zumal dieser sowohl zeitlich als auch geographisch ein beeindruckend weites Feld abdeckt. Bereits im alten Ägypten wurden Falken als Mittler zwischen Diesseits und Jenseits oder als Bindeglied zwischen Menschen- und Götterwelt verehrt, später breitete sich in nahezu allen Kulturen eine Faszination für Greifvögel und deren Abrichtung aus, was unter anderem dazu führte, dass sich die Falknerei gerade bei den Mächtigen, die die positiven Eigenschaften des Falken — Stärke, Eleganz, Willenskraft — gerne auf sich selbst projizierten, größter Beliebtheit erfreute — womit wir wieder bei der eingangs erwähnten „Natur als Spiegel“  wären.

Obwohl die Falknerei in der Neuzeit eher ein Nischendasein als exklusives Hobby von Biologen, reichen arabischen Prinzen und sonstigen Greifvogelfanatikern fristet und der Mensch die Tiere nicht zuletzt durch den Einsatz von Insektiziden zeitweise an den Rand des Aussterbens gebracht hat, ist die grundsätzliche Faszination für den Falken nahezu ungebrochen, wie Helen Macdonald schreibt. Das Militär, das in diversen Kriegen tatsächlich abgerichtete Falken dazu einsetzte, Brieftauben der feindlichen Seite abzufangen, versucht, Erkenntnisse über das Flugverhalten der Greifvögel zur Entwicklung moderner Kampfjets zu nutzen. In Literatur, Musik und Film (zum Beispiel in Wes Andersons wunderbarem Streifen „Die Royal Tennenbaums“, in dem die Figur des Richie Tennenbaum einen Sakerfalken namens Mortdecai hält) wird das Bild des stolzen, eleganten Jägers nach wie vor gerne eingesetzt und auch Wanderfalken, die sich an urbane Bedingungen angepasst haben und unter anderem auf Wolkenkratzern diverser Großstädte oder — ganz aktuell — auf der Kaiserburg in Nürnberg brüten, lösen regelmäßig große Begeisterung in den Medien und unter den Bewohnerinnen und Bewohnern der jeweiligen Städte aus.
DSC_0273Wer sich bereits bei der Lektüre von „H wie Habicht“  nicht recht anfreunden konnte mit langen, von Fachbegriffen wie „Atzung“ oder „Schmelz“ gespickten Passagen über die Greifvogelhaltung, dürfte an „Falke“  nicht ganz so viel Gefallen finden, allen anderen aber sei das reich bebilderte und liebevoll aufgemachte Buch wärmstens ans Herz gelegt, bietet es doch einen umfassenden, kenntnisreichen und gut lesbaren Einblick in die Welt des Falken und darüber, wie der Mensch ihn sieht.


Helen Macdonald: Falke. Biographie eines Räubers. Deutsch von Frank Sievers. C.H. Beck Verlag; ISBN: 978-3-406-70574-8; 240 Seiten; 19,95 Euro.

Meine Besprechung zu „H wie Habicht“ , inzwischen bei Ullstein als günstige Taschenbuchausgabe erhältlich, findet Ihr HIER.

Veit Bronnenmeyer: Tod Steine Scherben

Erfolg ist manchmal ein zweischneidiges Schwert. Findet zum Beispiel eine Krimireihe ein halbwegs ansehnliches Publikum, führt das nicht selten dazu, dass die Verfasserin oder der Verfasser — sicher auch auf den sanften Druck eines Verlages — künftig im Jahresrhythmus einen neuen Band der Reihe auf den Markt wirft. Die Kasse klingelt, die eingefleischten Fans sind begeistert, aber meist geht die Quantität zu Lasten der Qualität. Die erhöhte Schlagzahl hat eben oftmals fast zwangsläufig die Folge, dass Geschichten nur noch nach Schema F am Fließband produziert werden und sich Figuren kaum mehr weiterentwickeln dürfen, sondern mehr und mehr zu Abziehbildern verkommen. Diesen Weg wollte Veit Bronnenmeyer mit den Kriminalromanen um seine beiden Nürnberger Ermittler Renan Müller und Alfred Albach nicht gehen und gönnte ihnen zwischen „Gesünder sterben“  und dem aktuellen, fünften Fall „Tod Steine Scherben“  eine mehr als vier Jahre dauernde Pause, die er im Nachwort zum Buch allerdings nur teilweise dem Missverhältnis von Quantität und Qualität zuschreibt:

Aber es ist tatsächlich so, dass sich meine Bücher überwiegend selbst schreiben und ich als Medium nur geringen Einfluss auf die zeitliche Entwicklung nehmen kann. Dazu kommt, dass die anhaltende „Inflation“ von regionalen Kriminalromanen mich eher defensiv als offensiv macht.

DSC_0250Ohne an dieser Stelle viel über die Handlung von „Tod Steine Scherben“  verraten zu wollen, darf festgehalten werden, dass sich die längere Pause durchaus bezahlt gemacht hat. Bedienen allzu viele Regionalkrimis nämlich nur althergebrachte Klischees (zum Beispiel die des Franken als maulfaulem Miesepeter, der höchstens dann halbwegs zufrieden ist, wenn er vor seinem Seidla sitzt), kommt Veit Bronnenmeyer zum Glück ohne Folklore aus. Der regionale Bezug erschließt sich demnach in seinem vollen Umfang auch nur den ortskundigen Leserinnen und Lesern. Welcher Stadtteil im Nürnberger Westen Pate stand für das fiktive Konradshof, wo die Leiche eines gegen die zunehmende Gentrifizierung des Viertels kämpfenden Aktivisten in einem ausgebrannten Auto gefunden wird, dürfte schnell klar sein und überhaupt ploppen beim Lesen immer wieder Bilder real existierender Orte und Erinnerungen an Zeitungsberichte zu Ereignissen der letzten Jahre in besagtem Stadtteil auf. So ist „Tod Steine Scherben“  ein Regionalkrimi, wie er im besten Fall sein sollte: Klischeefrei, verwurzelt in der Gegend, in der er spielt und gleichzeitig interessant genug, um auch Ortsfremden ein paar spannungsreiche Lesestunden zu bereiten.


Veit Bronnenmeyer: Tod Steine Scherben. Albach und Müller: Der fünfte Fall. ars vivendi Verlag; ISBN: 978-3-86913-727-8; 291 Seiten; 14 Euro.

Mit einem Kurzkrimi ist Veit Bronnenmeyer außerdem in der Ende April ebenfalls bei ars vivendi erscheinenden Anthologie „Das Gewissen ist ein ewig Ding. 13 Kirchenkrimis aus Franken“  vertreten. Die Geschichten aus dem Sammelband, zu dem unter anderem auch Tessa Korber, Sigrun Arenz, Tommie Goerz, Elmar Tannert und Theobald Fuchs beisteuerten, stehen im Mai im Zentrum des an verschiedenen Orten im Landkreis Fürth stattfindenden Kirchenkrimi-Festivals (die dem 500. Jubiläum der Reformation angepasste Nachfolgeveranstaltung des im letzten Jahr äußerst erfolgreichen Bierkrimi-Festivals — wobei Martin Luther gegen Bier ja auch nichts einzuwenden hatte).

Termine Kirchenkrimi-Festival:
7. Mai — Obermichelbach, Hl. Geist Kirche (mit Sigrun Arenz und Killen McNeill)
10. Mai — Seukendorf, St. Katharina (mit Thomas Kastura und Susanne Reiche)
12. Mai — Cadolzburg-Zautendorf, St. Johannes (mit Johannes Wilkes und Tessa Korber)
19. Mai — Wilhermsdorf, Spitalkirche (mit Tommie Goerz und Theobald Fuchs)
20. Mai — Roßtal, St. Laurentius (mit Petra Nacke und Veit Bronnenmeyer)

Bill Clegg: Fast eine Familie

„Did you ever have a family“  heißt der vorzügliche Debütroman des amerikanischen Schriftstellers Bill Clegg im Original und anders als „Fast eine Familie“, der etwas nichtssagende Titel der deutschen Übersetzung, verrät der Originaltitel bereits, worum es in diesem Buch im Kern geht. „Falls du, liebe Leserin, lieber Leser, jemals selbst Teil einer Familie warst, wirst du dich hier angesprochen fühlen“, scheint einem der Autor damit schon vor Beginn der Lektüre mitteilen zu wollen.DSCN9423Im Zentrum des aus verschiedenen Perspektiven und auf unterschiedlichen Zeitebenen erzählten Romans steht ein schreckliches Unglück: Am Abend vor der Hochzeit ihrer Tochter Lolly fliegt im Haus von June Reid der altersschwache Gasherd in die Luft und reißt neben Lolly, zu der sich June nach langen Jahren der Funkstille langsam wieder ein halbwegs normales Mutter-Tochter-Verhältnis aufgebaut hatte, auch Will, ihren Schwiegersohn in Spe, ihren Ex-Mann Adam und ihren deutlich jüngeren Lebensgefährten Luke in den Tod. Einzig June bleibt zurück und nach einer Weile der sprachlosen Trauer setzt sich die erfolgreiche Galeristin in ihr Auto und fährt von ihrem Wohnort in Connecticut einmal quer durch die USA in ein abgelegenes Motel im Staat Washington, zu dem sie eine ganz besondere Verbindung hat.

Das mag sich zwar nun fast ein wenig nach dem rührseligen Roadtrip einer verzweifelten Frau knapp über Fünfzig anhören, ist (zum Glück) aber ganz anders. Junes Reise und ihr Aufenthalt im Motel nehmen nur einen geringen Teil der Romanhandlung ein. Vielmehr sind das Unglück und Junes spätere Reaktion darauf nur die beiden Fixpunkte, um die herum Bill Clegg zahlreiche andere Menschen, die von diesen beiden Ereignissen mehr oder weniger berührt werden oder wurden, zu Wort kommen lässt. All diese Personen, darunter Lukes Mutter Lydia, die ihren Sohn in einem entscheidenden Moment hat hängen lassen, der junge Silas, der glaubt, für die Gasexplosion verantwortlich zu sein, oder die beiden Besitzerinnen des „Moonstone“-Motels, die als lesbisches Paar in den 80er Jahren noch gegen die Widerstände der Gesellschaft und ihrer eigenen Familien für ihre Liebe kämpfen mussten, entstammen völlig unterschiedlichen Milieus, sozialen Schichten und Generationen, haben aber allesamt ihr Päckchen zu tragen und sind — im positiven wie im negativen Sinne — von ihren Entscheidungen, Zufällen und den Menschen, die ihnen im Laufe ihrer Leben begegnet sind, geprägt.

Der Zauber der Welt schleicht sich heimlich an und setzt sich neben dich, wenn du gerade nicht hinschaust.

Bill Clegg, dessen Buch im Jahr 2015 sowohl für den Man Booker Prize als auch für den National Book Award nominiert war, nähert sich den unterschiedlichen Biographien seiner Charaktere mit viel Einfühlungsvermögen und auf eine sehr behutsame, ruhige und nüchterne Art an. Effekthascherische Szenen, die auf die Tränendrüse drücken, sowie übertriebenes Pathos vermisst man hier komplett, dafür gibt es in „Fast eine Familie“  etliche Momente, die wirklich berühren und noch lange nachklingen.


Bill Clegg: Fast eine Familie. Deutsch von Adelheid Zöfel. S. Fischer Verlag; ISBN: 978-3-10-002399-5; 320 Seiten; 22 Euro.

Luca D’Andrea: Der Tod so kalt

Ein abgeschiedenes Bergdorf mit wortkargen Bewohnern, die ein ungeheuerliches Geheimnis bewahren und ein Fremder, der in die verschwiegene Gemeinschaft eindringt und versucht, Licht ins Dunkel zu bringen — für Spannungsliteratur ist das ein geradezu klassisches Setting.

Man denke da nur an Thomas Willmanns fulminanten, alpenländischen Rachewestern „Das finstere Tal“, in dem ein angeblicher Landschaftsmaler in einem abgelegenen Tal auftaucht und abrechnet mit einem skrupellosen Familienclan, der die anderen Dorfbewohner seit Jahrzehnten mit physischer und psychischer Gewalt unterdrückt.siebenhochAnders als der Fremde bei Willmann, dessen Biographie untrennbar mit den Vorgängen im Dorf verbunden ist, kommt Jeremiah Salinger, der Protagonist von Luca D’Andreas Romandebüt „Der Tod so kalt“ eher zufällig mit der finsteren Geschichte in Berührung, die Siebenhoch, das Heimatdorf seiner Ehefrau Annelise, und dessen Bewohner seit beinahe dreißig Jahren nicht mehr loslassen will. Unterfordert und gelangweilt von der Genesungsphase nach einem folgenschweren Unfall in den Bergen, der dem amerikanischen Dokumentarfilm-Autor (übrigens eine Gemeinsamkeit mit Luca D’Andrea, der das Buch zur erfolgreichen italienischen Doku-Serie „Mountain Heroes“ verfasste) beinahe das Leben gekostet hatte, erfährt Salinger in einem beiläufig mitgehörten Gespräch vom „Bletterbach-Massaker“, bei dem während eines tagelangen Unwetters im Jahr 1985 drei junge Leute aus Siebenhoch in der Bletterbachschlucht auf äußerst grausame Art und Weise ermordet worden waren. Da die Morde trotz diverser mehr oder weniger plausibler Theorien und einiger Verdächtiger niemals aufgeklärt wurden und Salingers Schwiegervater, der Bergretter Werner Mair, unter denjenigen war, die die schlimm zugerichteten Leichen damals fanden, ist der Neuankömmling, der immer auf der Suche nach einer packenden Geschichte ist, sofort Feuer und Flamme. Die anfängliche Faszination steigert sich aber schnell in eine ungute Besessenheit, die weder bei den Dorfbewohnern noch bei Salingers Familie auf viel Gegenliebe stößt.

Dass Luca D’Andreas eigentliches Metier der (Dokumentar-) Film ist, merkt man beim Lesen von „Der Tod so kalt“ auf nahezu jeder Seite: Der in Bozen lebende Autor hat ein gutes Gespür für ansteigende und wieder abflauende Spannungskurven, schnelle Schnitte, prägnante Figuren und starke Bilder (neben Wissenswertem aus der wechselhaften Geschichte Südtirols ist von Knödeln über Speck bis hin zum Krampus schließlich auch nahezu jedes Südtirol-Klischee im Roman vertreten). Obwohl die Handlung an einigen Stellen durchaus hätte gestrafft werden können, liest sich das mit mehr als 450 Seiten recht umfangreiche Buch flott und kurzweilig weg. Just in dem Moment, in dem allerdings bereits eine plausible Auflösung auf dem Tisch zu liegen scheint, biegt „Der Tod so kalt“ im Schlussspurt dann noch einmal in eine ganz neue Richtung mit leichtem Mystery-Einschlag ab. Ob man diese letzte Wendung nun originell oder schlichtweg überzogen und überflüssig finden möchte, bleibt wohl jedem selbst überlassen. Wer — wie ich — eher zur zweiten Variante tendiert, dürfte diesen eigentlich spannenden und gut gemachten Thriller mit einem leichten Gefühl der Ernüchterung aus der Hand legen.


Luca D’Andrea: Der Tod so kalt. Deutsch von Verena von Koskull. DVA Belletristik; ISBN: 978-3-421-04759-5; 480 Seiten; 14,99 Euro.

Thomas Willmann: Das finstere Tal. Ullstein Verlag. ISBN: 978-3-548-28640-2; 320 Seiten; 9,99 Euro.

Ein Interview mit Luca D’Andrea findet sich hier, ein Beitrag des BR-Kulturmagazins „Capriccio“ dort.

Lesungen:
3. April — Hannover, Buchhandlung Leuenhagen & Paris
4. April — Frankfurt, Romanfabrik
5. April — München, Alpines Museum (im Rahmen des Krimifestivals)
6. April — Wiehl, Evangelisches Gemeindehaus