Karl Rittner: Die Toten von Wien

Wer diesen Blog einigermaßen regelmäßig verfolgt, weiß, dass ich ein gewisses Faible für historische Kriminalromane aus Wien habe. Glücklicherweise ist die österreichische Hauptstadt neben Berlin einer der beliebtesten Schauplätze dieses Genres, so dass es immer ausreichend Nachschub gibt. In „Die Toten von Wien“ schickt Karl Rittner (das Pseudonym eines österreichischen Schriftstellers und Hochschulprofessors) mit Alexander Baran nun einen neuen Ermittler in den Ring, von dem wir sicher noch öfter hören werden — zumindest riecht das Ende des Buches stark nach Fortsetzung.

Angesiedelt ist die Handlung von „Die Toten von Wien“ im Frühjahr 1922, was sofort an Alex Beers inzwischen fünf Bände umfassende, ebenfalls in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg spielende Reihe um August Emmerich denken lässt. Allerdings sind die Hauptfiguren der beiden Serien äußerst unterschiedlich. Während Beers Protagonist August Emmerich ein eher raubeiniger Typ aus einfachen Verhältnissen ist, der raucht und trinkt und stets nahe der Obdachlosigkeit entlangtaumelt, ist Rittners Alexander Baran Spross eines ungarischen Adelshauses. Die Wirren des Krieges und das damit verbundene Ende der Monarchie haben auch das Leben Barans, der früher Baron Sandor von Baranyi hieß, gehörig auf den Kopf gestellt. Nach Kriegsende heuerte der ehemalige Jurastudent bei der Wiener Polizei an, wo er schnell zum Kriminalkommissär aufstieg. Lustigerweise haben sowohl Alex Beer als auch Karl Rittner ihren Protagonisten jeweils grundverschiedene Gegenparts an die Seite gestellt: Emmerich wird ergänzt von Ferdinand Winter, einem jungen Mann aus gutem Hause, dem beim Anblick von Leichen schnell übel wird. Barans Partner ist Ferdinand Meisel, ein erfahrener Polizist, der seine Fähigkeiten als Boxer gerne auch beruflich einsetzt.

Die Wiener Staatsoper um 1898.

Anders als August Emmerich, der sich oft in den dunkelsten und ärmsten Ecken Wiens herumtreibt, führt „Die Toten von Wien“ Alexander Baran in ein anderes, seiner Herkunft eher entsprechendem Milieu. Allerdings deutet zu Beginn des Romans noch nichts darauf hin, geht es doch zunächst um zwei Todesfälle, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Zum einen wird nahe der Roßauer Lände die misshandelte Leiche einer jungen Tänzerin der Staatsoper gefunden, zum anderen wird ein pensionierter Hofbeamter von einer Tram erfasst und tödlich verletzt. Beim zweiten Fall ist noch nicht einmal klar, ob es sich nicht doch um einen Unfall gehandelt hat, wobei mehrere Zeugen aussagen, der ältere Herr sei vor die Straßenbahn gestoßen worden. Bei den Ermittlungen stellt sich aber natürlich schnell heraus, dass die beiden Morde miteinander zu tun haben. Die Spur führt in die nach der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinands untergegangene Welt des österreich-ungarischen Adels und nicht zuletzt in Alexander Barans eigene Vergangenheit.

Stellenweise ist „Die Toten von Wien“ ein wenig überladen und es ist nicht immer ganz einfach, den vielen Verästelungen der Handlung zu folgen. Für Freundinnen und Freunde des Genres ist der Roman aber trotzdem eine empfehlenswerte Lektüre, weil Karl Rittner eine ganz andere Seite des historischen Wiens beleuchtet als Alex Beer. Deren schmuddeliges Wien der frühen 1920er Jahre ist für mich zwar ein wenig reizvoller, aber wer weiß, wohin es Alexander Baran in Zukunft noch verschlägt?

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Aus dem Lesesessel #2

Seit der ersten Folge dieser losen Reihe habe ich „Die Selbstmord-Schwestern“ von Jeffrey Eugenides zu Ende gelesen. Ein teilweise etwas seltsamer und vor allem verstörender (unbedingt mit den Triggerwarnungen „Suizid“ und „Missbrauch“ zu versehender), aber auf jeden Fall empfehlenswerter Roman. So tragisch die Geschichte um die fünf Töchter der Familie Lisbon auch sein mag, ist das Buch dennoch eine über weite Strecken humorvolle Coming-of-Age-Geschichte aus den 1970er Jahren, die neben dem persönlichen Drama der Schwestern auch allerlei weiter gefasste Themen behandelt. Es geht zum Beispiel um den bis heute andauernden Niedergang der einstmals so stolzen Autostadt Detroit, den unaufhaltsamen Lauf der Zeit, und die Frage nach einem selbstbestimmten Leben. Auf Sofia Coppolas Verfilmung aus dem Jahr 1999 habe ich jedenfalls ebenso Lust bekommen wie auf Jeffrey Eugenides‘ mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman „Middlesex“.

Aktuell lese ich einmal mehr einen historischen Krimi aus Wien. Dazu aber demnächst mehr in einem eigenen Beitrag.

Am 22. September ist mit Hilary Mantel eine weitere große Autorin im Alter von nur 70 Jahren überraschend gestorben. Umgehend auf meine Leseliste gewandert sind zwei ihrer frühen (Schauer-) Romane, nämlich „Jeder Tag ist Muttertag“ und „Im Vollbesitz des eigenen Wahns“. Beide sind — wie die meisten anderen Bücher der Britin auch — in der hiesigen Bibliothek momentan vergriffen.

Zum Glück bringt aber nicht nur der Tod gesteigerte Aufmerksamkeit. Dörte Hansen zum Beispiel ist quicklebendig und trotzdem in aller Munde. Einerseits wegen ihres frisch erschienenen Romans „Zur See“ (an dem ich in der Buchhandlung nicht vorbeigehen konnte), zum anderen wegen der Verfilmung ihres Bestsellers „Mittagsstunde“. In Ermangelung eines Kinos in meiner Nähe werde ich den Film vermutlich erst mit ein paar Monaten Verspätung zu sehen bekommen.

Dank den Segnungen moderner Technik sind manche Veranstaltungen, die früher unerreichbar waren, inzwischen problemlos verfügbar. So freue ich mich schon sehr auf einen Livestream aus dem Literaturhaus Hamburg am kommenden Mittwoch (5. Oktober). Claudia Schumacher und Mariana Leky sprechen über „das, was uns tröstet“.

Falls eines der in diesem Blogpost erwähnten Bücher Euer Interesse geweckt hat, leiht Ihr es am besten in der nächstgelegenen Bibliothek aus oder kauft es in einer unabhängigen Buchhandlung.

Aus dem Lesesessel #1

Noch immer liegt Irene Vallejos „Papyrus. Die Geschichte der Welt in Büchern“ auf meinem Nachttisch, aber mehr als ein oder zwei kurze Kapitel des schwergewichtigen Sachbuchs schaffe ich momentan nicht. So faszinierend die Thematik an sich auch sein mag, muss man schon ein großes Faible für die griechische Mythologie oder das alte Rom haben, um zügig mit der Lektüre voranzukommen. Allerdings ist „Papyrus“ eine ganz wunderbare Fundgrube für Bücher, die man schon immer oder unbedingt noch einmal lesen wollte — meine persönliche Wunschliste hat sich in letzter Zeit jedenfalls deutlich verlängert, und erste Positionen darauf durften bereits als „gelesen“ oder zumindest als „in Arbeit“ markiert werden. Zum einen „Die tanzenden Männchen“, eine sehr kurzweilige Sherlock Holmes-Geschichte von Arthur Conan Doyle, die Irene Vallejo zusammen mit Edgar Allan Poes „Der Goldkäfer“ empfiehlt. In beiden Erzählungen geht es um Verschlüsselungstechniken, wobei man zumindest im Falle der „tanzenden Männchen“ den Fortgang der Handlung erahnt, wenn man mit der Idee vertraut ist, dass man einen Text verschlüsseln kann, indem man einen bestimmten Buchstaben durch einen Platzhalter (eine Zahl, ein Symbol oder eben ein Strichmännchen) ersetzt.

Ebenfalls in „Papyrus“ erwähnt wird meine aktuelle Lektüre, „Die Selbstmord-Schwestern“ von Jeffrey Eugenides. Das Buch habe ich mir vor einer halben Ewigkeit im hervorragenden Bamberger Antiquariat „Fundevogel“ gekauft und seit einer halben Ewigkeit steht es nun auch schon im Regal herum. Ein Fehler, denn trotz der niederschmetternden Ausgangslage — die fünf halbwüchsigen Töchter einer Familie begehen binnen eines Jahres Selbstmord — ist das Buch, das aus Sicht verschiedener Nachbarsjungen erzählt wird, bisher erstaunlich vergnüglich.

Apropos „Bücher, die schon ewig ungelesen im Regal herumstehen“: In diese Kategorie fällt bei mir auch „Mein Herz so weiß“, der wohl größte Erfolg des jüngst viel zu früh verstorbenen Javier Marías. Wer schon alles vom Spanier kennt, darf sich dieser Tage über Nachschub freuen, denn mit „Tomás Nevinson“ erscheint ein aktueller Roman von Javier Marías neu in deutscher Übersetzung von Susanne Lange.

Gar nichts mit den bisher erwähnten Büchern hat „Junge mit schwarzem Hahn“ zu tun, das ich neulich ebenfalls gelesen habe. An den Debütroman von Stefanie vor Schulte hatte ich hohe Erwartungen, die allerdings leider nur zum Teil erfüllt wurden. Die düstere Grundstimmung und die märchenhaften Elemente (vom jugendlichen Helden über einen sprechenden Hahn bis hin zu einer verrückten, kinderraubenden Fürstin und dem obligatorischen Happy End ist wirklich alles dabei) mochte ich sehr gerne, die etwas vorhersehbare Geschichte und die arg simple — für Märchen aber letztlich nicht untypische — Figurenzeichnung haben mich dagegen nicht ganz überzeugt. Kann man lesen, muss man aber nicht!

Falls eines der in diesem Blogpost erwähnten Bücher Euer Interesse geweckt hat, leiht Ihr es am besten in der nächstgelegenen Bibliothek aus oder kauft es in einer unabhängigen Buchhandlung. Zum Beispiel in Konstanz bei „Homburger & Hepp“ am Münsterplatz, wo auch das Foto oben entstanden ist.

Im August gelesen

Schon wieder ist ein Monat vorbei und diesmal habe ich es leider verpasst, alle meine Lektüren auf einem Foto festzuhalten. Vielleicht klappt es ja im September wieder — als kleine Gedächtnisstütze sind diese Übersichtsbilder schließlich nicht schlecht.

Verglichen mit dem sehr erfreulichen Lesemonat Juli war der August nicht ganz so ertragreich. Allein schon hinsichtlich der Seitenzahl, aber auch hinsichtlich der Qualität des Gelesenen. Echte Ausreißer nach unten gab es zum Glück keine, aber ob auf der anderen Seite ein großes Highlight dabei war, wird sich erst im September noch herausstellen. Los ging es in den heißen Tagen zu Beginn des Monats mit zwei weiteren Krimis. „Bittersüße Zitronen“, den zweiten Capri-Krimi von Luca Ventura, habe ich recht gern gelesen (sogar lieber als den Vorgänger „Mitten im August“), wobei mich die ganze Machart schon sehr an die von den Öffentlich Rechtlichen produzierten TV-Krimis von diversen touristisch interessanten Orten erinnert hat — hübsche Kulisse und ein bestenfalls halbinteressanter Kriminalfall. (⭐⭐⭐)

Deutlich origineller fand ich da schon „Die Tote im Sturm“, den Auftakt zu einer neuen Schwedenkrimi-Reihe von Kristina Ohlsson. Sympathische Hauptfiguren und ein klug konstruierter Fall zum Miträtseln sind die Pluspunkte des angenehm unblutigen Krimis, den man sicher auch auf weniger als 540 Seiten hätte erzählen können. Getrübt wurde das Lesevergnügen allerdings durch die seltsame Entscheidung des deutschen Verlags, des Rätsels Lösung bereits im Titel auszuplaudern. (⭐⭐⭐1/2)

Nach so viel Mord und Totschlag durfte es dann mal wieder ein Klassiker sein, nämlich Truman Capotes „Die Grasharfe“ aus dem Jahr 1951. Mordopfer gibt es hier keine, wenngleich ein junger Mann bei einem Aufruhr eine Schussverletzung erleidet. Grund für die Auseinandersetzung ist die Besetzung eines Baumhauses durch ein Grüppchen von der Welt (und vor allem von der herrischen Verena Talbo) gegängelter Außenseiter um die kindlich-naive Dolly (Verenas Schwester) und den Waisenjungen Collin (Verenas Neffe). Ein humorvoller Südstaaten-Roman mit ernsthaften Untertönen, aber so recht gepackt hat mich das schmale Buch trotzdem nicht. (⭐⭐⭐)

Als großer Höhepunkt könnte sich schließlich „Papyrus“ herausstellen, Irene Vallejos ausgiebige Reise durch „die Geschichte der Welt in Büchern“. Nach gut 120 von — ohne den umfangreichen Anhang — rund 660 Seiten bin ich sehr angetan von der Lektüre. Die Erzählweise der Spanierin ist fesselnd, dazu erweist sie sich als wahre Meisterin der Abschweifung und des Exkurses. Vielleicht stören der manchmal fehlende Fokus und die kaum zu überblickende Masse an Fakten später noch ein wenig, aber bisher macht das Buch viel Freude. Und meine Lese- und Filmliste ist auch schon wieder ein ganzes Stück länger geworden.

Nach „Papyrus“ widme ich mich in den ersten Tagen des meteorologischen Herbstes dann dem Anfang August leider verstorbenen Jean-Jacques Sempé. Zwei Zusammenarbeiten mit Patrick Süskind habe ich mir herausgesucht, nämlich das wunderbare „Das Geheimnis des Fahrradhändlers“ (Text und Illustrationen von Sempé, deutsche Übersetzung von Süskind) und „Die Geschichte von Herrn Sommer“ (Text von Süskind, Illustrationen von Sempé).

Kristina Ohlsson: Die Tote im Sturm

Mit den Urlaubsorten ihrer Kindheit verbindet viele Menschen eine lebenslange Beziehung — erst recht natürlich, wenn sie das Glück hatten, ihre Ferien Jahr für Jahr am gleichen Ort verbringen zu dürfen. Oft zieht es diese Menschen auch als Erwachsene immer wieder an die liebgewonnenen Plätze ihrer Kindheit zurück. Meist natürlich, um mit ihren eigenen Kindern Urlaub zu machen, manchmal aber auch, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. So wie August Strindberg (nicht der August Strindberg übrigens — „Die Tote im Sturm“ spielt in der Gegenwart und die Namensgleichheit ist einzig und allein der Fantasie der Autorin geschuldet), der nach einem Jahr voller Schicksalsschläge sein altes Leben als Vermögensverwalter in Stockholm hinter sich lässt und sich in einem idyllischen Fischerdörfchen an der schwedischen Westküste, wo seine Großeltern einst ein Sommerhäuschen besaßen, niederlässt. Der Mittvierziger, ein sympathischer Zeitgenosse mit einem Faible für analoge Dinge, hat ein insolventes Bestattungsinstitut (nebst Leichenwagen, den er dank der etwas lebensbejahenderen Optik kurzerhand gelb lackiert) gekauft, in dessen Räumlichkeiten er einen Secondhand-Laden eröffnen und auch wohnen möchte. Bis die entsprechenden Renovierungsarbeiten abgeschlossen sind, kommt er in einem kleinen Häuschen unter, das er zu einem verdächtig günstigen Preis von einem freundlichen älteren Ehepaar gemietet hat.

Neben der Ankunft August Strindbergs in Hovenäset gibt es am Abend Ende August, an dem die Geschichte des Krimis beginnt, ein weiteres Ereignis. Agnes Eriksson verlässt während eines aufziehenden Sturms das Haus, das sie gemeinsam mit ihrem Mann und dem Sohn im Teenageralter bewohnt, und verschwindet spurlos. Die Suche nach der beliebten Lehrerin wird sofort eingeleitet, bleibt aber erfolglos. Ist Agnes während des Sturms ins Wasser gefallen und ertrunken? Hat sie ihre Familie vorsätzlich verlassen, um ein Geheimnis zu vertuschen, das nicht ans Licht kommen durfte? Oder hat ihr Verschwinden mit einem 30 Jahre alten Mordfall zu tun, der sich just in dem Haus ereignet hat, in dem August nun lebt und das von den Bewohnern Hovenäsets nur „das Eishaus“ genannt wird?

Man weiß es nicht und tatsächlich bleibt fast bis zum Ende des mehr als 500 Seiten starken Romans offen, was an diesem Abend mit Agnes passiert ist. Dass man es aber trotz der von Kristina Ohlsson geschickt konstruierten Handlung doch sehr schnell ahnt, liegt an einer äußerst seltsamen Entscheidung des deutschen Verlags. „Stormvakt“ (zu Deutsch „Sturmwache“) heißt der Krimi im schwedischen Original recht neutral — der deutsche Titel „Die Tote im Sturm“ und der „Mord“, der in roten Lettern hinten auf dem Einband versprochen wird, plaudern da schon deutlich mehr aus. Unverständlich vor allem angesichts einer Geschichte, in der es weniger um die Suche nach einem Mörder geht, sondern eher um die Rekonstruktion von Ereignissen.

Sieht man von dem Spoiler im Titel aber einmal ab, ist dieser August Strindberg eine echte Bereicherung für das Genre des Schwedenkrimis. Sympathische, gut gezeichnete Charaktere, eine ruhige, aber keineswegs langatmige Erzählweise (wobei ein paar Seiten weniger sicher nicht geschadet hätten) und der Verzicht auf blutrünstige Szenen sind die großen Pluspunkte von „Die Tote im Sturm“. Zudem hat Kristina Ohlsson mit dem Thema Familie — in ihrer gelingenden, aber oft auch in ihrer dysfunktionalen Erscheinungsform — einen roten Faden gewählt, der dem Roman eine zusätzliche Ebene und etwas mehr Tiefe gibt.

Nächstes Jahr darf man sich auf den nächsten Krimi um August Strindberg und die Polizistin Maria Martinsson freuen. Bleibt zu hoffen, dass der deutsche Titel dann mit etwas mehr Bedacht gewählt wird.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Im Juli gelesen

Meine Lektüren im Juli: Passend zur Sommerhitze viel (Krimi-) Unterhaltung und wenig Anspruchsvolles. Erfreulicherweise haben mir drei der vier Bücher gut oder sogar sehr gut gefallen, nur Norbert Scheuers „Mutabor“ fand ich ein wenig rätselhaft. Angesichts des Vorgängers „Winterbienen“, der mich wirklich begeistert hat, leider eine kleine Enttäuschung. (⭐⭐1/2)

Ebenfalls ausführlicher auf dem Blog vorgestellt habe ich Peter Swansons sehr atmosphärischen, erfreulich unblutigen Thriller „Acht perfekte Morde“, der meine Leseliste um einige Klassiker der Kriminalliteratur bereichert hat. (⭐⭐⭐⭐)

Höhepunkte des Monats waren aber die beiden Bücher, die hier bisher nicht erwähnt wurden. Zum einen „Das Buch des Totengräbers“ von Oliver Pötzsch, das Ende des 19. Jahrhunderts in Wien spielt und mich ziemlich an die etwas später angesiedelten, großartigen August Emmerich-Krimis von Alex Beer erinnert hat. Da neben dem jungen Kommissar Leopold von Herzfeldt auch der titelgebende Totengräber und der Wiener Zentralfriedhof eine zentrale Rolle in der Handlung einnehmen, ist der Roman wunderbar morbide und schwarzhumorig — genau nach meinem Geschmack also. Der Nachfolger „Das Mädchen und der Totengräber“ steht bereits weit oben auf meiner Wunschliste. (⭐⭐⭐⭐1/2)

Eine unglaublich triste und traurige, dabei aber auch sehr zärtliche und berührende Familiengeschichte erzählt Chris Whitaker in „Von hier bis zum Anfang“. Die Mischung aus Rache-Western, Roadtrip und Liz Moores ebenfalls sehr empfehlenswertem Roman „Long Bright River“ mit ihren unvergesslichen Charakteren wird mich so schnell nicht loslassen. Ende Juni ist außerdem Chris Whitakers dem Vernehmen nach nach ähnlichem Muster gestrickter Debütroman „Was auf das Ende folgt“ in deutscher Übersetzung erschienen — sicher auch ein lesenswertes Buch. (⭐⭐⭐⭐1/2)

Für den August liegen nun erst einmal zwei weitere Krimis aus Italien und Schweden bereit und dann bin ich gespannt, wohin mich die Leseabenteuer des neuen Monats wohl noch führen. Genießt den Sommer (trotz der gerade enormen Hitze)!

Peter Swanson: Acht perfekte Morde

Bücher, in denen andere Bücher, Buchhandlungen und/oder Bibliotheken eine wichtige Rolle einnehmen, haben schon immer eine besondere Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Kein Wunder also, dass mich bereits der Klappentext von Peter Swansons neuem Thriller „Acht perfekte Morde“ fast magisch angezogen hat. Ein zentrales Element des Buches ist nämlich eine Liste von — man ahnt es vielleicht — perfekten Morden aus der Kriminalliteratur, die Malcolm Kershaw, Buchhändler und Besitzer des „Old Devils Bookstore“ in Boston, einst für den Blog seines Ladens zusammengestellt hat.

Jahre nach der Veröffentlichung der Liste taucht die FBI-Agentin Gwen Mulvey in dem herrlichen Laden auf, in dem ich nur zu gerne selbst einmal herumstöbern und der Angestellten mit der Vorliebe für T-Shirts der Band The Decemberists zu ihrem hervorragenden Musikgeschmack gratulieren möchte, und äußert den Verdacht, dass eine Reihe von Verbrechen in Neuengland im Zusammenhang mit Malcolms Liste stehen könnte. Offenbar treibt ein Täter sein Unwesen, der die Morde aus den erwähnten Krimis mehr oder weniger präzise nachstellt.

Im Buchhandel aktuell erhältlich sind die Romane von Agatha Christie (Atlantik), Patricia Highsmith (Diogenes) und Donna Tartt (Goldmann). Den Rest gibts antiquarisch und sicher auch in der ein oder anderen Bibliothek — viel Spaß beim Stöbern!

Der geschockte Malcolm bietet an, Agent Mulvey bei den Ermittlungen mit seiner Krimi-Expertise zu unterstützen und in den Romanen der Liste nach Hinweisen auf das weitere Vorgehen des Mörders zu suchen. Ganz so überrascht, wie es zu Beginn den Anschein macht, ist der Buchhändler von den Morden und dem Auftauchen des FBI allerdings nicht. Auch hat keineswegs ein irrer Serienmörder zufällig die Liste im Internet entdeckt und als Inspiration für seine grausigen Taten verwendet — Malcolm steckt selbst ziemlich tief in der Sache mit drin, und das schon seit Jahren…

Dass Peter Swanson die Handlung von „Acht perfekte Morde“ aus Sicht seines Protagonisten, der sich dann und wann auch direkt an die Leserschaft wendet, erzählen lässt, erweist sich als grandioser Kunstgriff. Schnell baut man als Leser*in eine Beziehung zum äußerst sympathischen, manchmal etwas schüchtern und unbeholfen wirkenden Malcolm auf und mag ihn auch dann noch gerne, wenn er einem Dinge offenbart, die ganz und gar nicht harmlos sind. Ein wenig erinnert er damit an Patricia Highsmiths Tom Ripley, der ebenfalls trotz seiner diversen Untaten immer ein Sympathieträger bleibt. Auch der Geschichte tut es gut, dass die Wahrheit nur häppchenweise ans Licht kommt. So gibt es in fast jedem Kapitel des ruhig erzählten, erfreulich unblutigen Thrillers eine überraschende Wendung.

Gegen Ende hin entfernt sich „Acht perfekte Morde“ leider ein wenig von seiner Ursprungsidee und die Auflösung wirkt etwas arg weit hergeholt. Trotzdem bleibt der Roman, der in erster Linie von seiner hervorragenden Atmosphäre und den zahlreichen Querverweisen auf Kriminalromane und Filme getragen wird, bis zum Schluss spannend.

Eine große Empfehlung — und wer danach Lust auf weitere Krimis hat, ist nach der Lektüre von „Acht perfekte Morde“ nicht nur dank Malcolm Kershaws Liste mit einer großen Menge an Empfehlungen ausgestattet.

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Norbert Scheuer: Mutabor

Über die Jahre hat Norbert Scheuer in seinen Romanen einen faszinierenden Kosmos geschaffen, den er mit jedem folgenden Werk ausbaut und weiterspinnt. Stets eine Rolle spielen dabei das Örtchen Kall in der Eifel, das Urftland, der Rauschen und die Mitglieder der Familie Arimond; Motive und Personen aus früheren Büchern werden viel später wieder aufgegriffen und aus einer anderen Perspektive beleuchtet. Das ist auch in „Mutabor“, dem schmalen neuen Roman des 1951 geborenen Autors nicht anders. Sogar Egidius Arimond, der Held des großartigen Vorgänger-Romans „Winterbienen“, wird kurz einmal erwähnt, wobei die Handlung deutlich näher am 2017 erschienenen „Am Grund des Universums“ ist.

Im Zentrum des Geschehens steht diesmal Nina Plisson, eine Außenseiterin in Kall. Der Vater unbekannt, die Mutter irgendwann verschwunden, wächst Nina zunächst bei der herrischen Großmutter und dem sanften Großvater auf, der mit seinem alten Opel Kapitän am liebsten nach Byzanz zum Palast der Störche fahren möchte. Nach dem Tod der Großeltern schmeißt Nina schnell die Schule und wird das, was die mitunter sehr übergriffigen Betreuer vom Jugendamt einen „Sozialfall“ nennen. Einzig die pensionierte Lehrerin Sophie Molitor sieht Potenzial in dem Mädchen und ermutigt es, seine Geschichte aufzuschreiben und Nachforschungen zu ihrerseiner Vergangenheit anzustellen. Die märchenhaften, an Traumsequenzen erinnernden Aufzeichnungen der inzwischen volljährig gewordenen Protagonistin wechseln sich ab mit Szenen aus Ninas Leben, das zwischen Dramatischem wie einer Gruppenvergewaltigung und Banalem wie Nebenjobs als Zeitungsausträgerin und Aushilfe bei Evros, dem griechischen Gastwirt mit einem Faible für Mythologie, Stunden in der tristen Cafeteria des örtlichen Supermarkts oder der Sorge um ihren schwer verwundet von einem Afghanistan-Einsatz zurückgekehrten Schwarm Paul Arimond (übrigens der Urgroßneffe des Imkers Egidius) zwar eine große Bandbreite, aber nur wenig Erfreuliches zu bieten hat.

Und just, als Licht ins Dunkel zu kommen scheint und Entscheidungen anstehen, bricht die große Flut des Sommers 2021 über das Urftland herein und hinterlässt auch in Kall Verwüstung und schwere Schäden.

Er meint, das Leben sei vergleichbar mit einer leeren Flasche, die auch nur Sinn habe, wenn man etwas hineinfüllt, egal was, es müsse nur etwas hinein, das glücklich macht.

Norbert Scheuer: Mutabor

War „Winterbienen“ zuletzt noch ein unmittelbar zugänglicher Roman, verlangt „Mutabor“ seiner Leserschaft trotz des geringen Umfangs von nicht einmal 190 Seiten — davon über 30 mit wunderbaren Zeichnungen von Norbert Scheuers Sohn Erasmus — deutlich mehr ab. Griechische Mythologie, Querverweise auf Scheuers andere Romane, Märchen (nicht umsonst trägt der Roman das Zauberwort aus Wilhelm Hauffs „Kalif Storch“ als Titel) und sogar Virginia Woolf, auf deren „Orlando“ in Gestalt einer Schildkröte angespielt wird — es steckt jede Menge drin in dieser etwas rätselhaften Geschichte vom Erwachsenwerden der Nina Plisson. Man muss sich schon einlassen wollen auf diesen Roman. Tut man es aber, gehört „Mutabor“ auf jeden Fall zu den Büchern, die man im Laufe der Zeit immer wieder aus dem Regal zieht.

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Maren Gottschalk: Fräulein Steiff

Die Historikerin und Autorin Maren Gottschalk hat bereits Bücher über Sophie Scholl, Astrid Lindgren, Nelson Mandela und zuletzt Frida Kahlo veröffentlicht. In ihrer neuen Romanbiografie widmet sie sich Margarete Steiff — eine Persönlichkeit, die mich nicht zuletzt deshalb interessiert, weil ich seit jeher ein großer Freund der wunderbaren Stofftiere dieser Marke bin und mich mein treuer Bär auch heute noch auf jeder Reise begleitet.

Schon die erste Szene in „Fräulein Steiff“ ist ganz entscheidend. Im Jahr 1879 näht die 32 Jahre alte Margarete Steiff in ihrer kleinen Werkstatt in Giengen an der Brenz, in der sie Filzwaren im Auftrag einer größeren Stuttgarter Fabrik fertigt, als Geburtstagsgeschenk für ihre Schwägerin Anna ein Nadelkissen in Form eines Elefanten. Allerdings ist vor allem Annas dreijähriger Sohn von dem „Elefäntle“ so sehr hingerissen, dass Margarete eine Idee kommt: Warum nicht Filztiere zum Spielen und Liebhaben für alle Kinder produzieren und damit eine eigene Firma gründen? Trotz einiger Widerstände hält die kreative und kluge Geschäftsfrau an ihrem Plan fest und legt den Grundstein für ein Unternehmen, das auch fast 150 Jahre später weltweit einen exzellenten Ruf genießt.

Der Teddybär, der einem beim Stichwort „Steiff“ sofort in den Sinn kommt, hat es übrigens erst später — um 1900 herum — ins Sortiment geschafft und war zunächst im fernen Amerika ein Verkaufsschlager.

Es ist kein böser Bär, vor dem man Angst haben muss, sondern ein durch und durch lieber Bär, ein Freund. Ein Bär, dem man alles erzählen kann.

Maren Gottschalk: Fräulein Steiff
Mit dem „Elefäntle“ fing alles an.

„Fräulein Steiff“ ist ein kurzweiliger, in einem sympathischen Tonfall und mit viel Zeitkolorit erzählter Roman, der das Leben der Margarete Steiff nachzeichnet, wie es gewesen sein könnte. Neben Details aus der Biografie und der Firmengeschichte sowie echten Personen aus dem Umfeld der Geschäftsfrau gibt es auch eine Reihe fiktiver Begebenheiten und Charaktere, die dazu dienen, das Geschehen lebhafter und die Protagonistin greifbarer zu machen. Mit Erfolg, denn als Leser*in lernt man Margarete Steiff als eine humorvolle, liebenswerte Frau kennen, mit der man zu gerne befreundet gewesen wäre.

Obwohl Margarete nach einer Polio-Erkrankung gelähmt und auf den Rollstuhl sowie fremde Hilfe bei vielen alltäglichen Dingen angewiesen war — im 19. Jahrhundert ein riesiger Makel und eine große Last für die Familie — war sie zeitlebens ein lebhafter, neugieriger Mensch, der unbeirrt seine Pläne und Ziele verfolgte. Statt zur „unnützen Esserin“ zu werden, wie von der oft sehr grausamen Mutter prophezeit, sicherte Margarete Steiff dank ihrer Kreativität und Beharrlichkeit Familienangehörigen und vielen Menschen aus ihrer Heimatstadt — vor allem Frauen, die als Näherinnen eine Anstellung fanden — den Lebensunterhalt und bereitete mit ihren Stofftieren bis heute Millionen eine große Freude. Mit „Fräulein Steiff“ ist Maren Gottschalk eine lesenswerte Hommage an diese außergewöhnliche Frau gelungen.

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J. L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp

Dem DuMont Buchverlag ist es zu verdanken, dass die Romane des 1994 verstorbenen britischen Autors J. L. Carr in wunderbarer Aufmachung (man beachte die Halskrause auf dem Einband des neuesten Buches!) und der hervorragenden Übersetzung von Monika Köpfer nach und nach auch ihren Weg zur deutschen Leserschaft finden. Angefangen mit dem immens erfolgreichen „Ein Monat auf dem Land“ wurden inzwischen fünf der acht Romane des ehemaligen Lehrers und spätberufenen Schriftstellers und Verlegers Carr auf Deutsch veröffentlicht — ganz aktuell das im Original 1988 erschienene „Leben und Werk der Hetty Beauchamp“.

Protagonistin des Romans, der auf Englisch etwas treffender und weniger prätentiös „What Hetty Did“ heißt, ist die 18 Jahre alte Ethel „Hetty“ Birtwisle, eine literaturbegeisterte, altkluge Einserschülerin. Mit ihrer Intelligenz und dem Faible für Lyrik ist Hetty in ihrem Heimatstädtchen im recht dünn besiedelten, landwirtschaftlich geprägten Fenland im Osten Englands eher eine Außenseiterin, und auch in ihrer eher bildungsfernen Familie mit dem jähzornigen Vater fühlt sie sich recht fremd. Einschneidende Ereignisse führen schließlich dazu, dass Hetty kurz nach dem Schulabschluss Reißaus nimmt. Zuerst endet ein Streit mit dem Vater handgreiflich (in der Auseinandersetzung bezieht dieser allerdings sehr zu meiner Freude selbst ordentlich Prügel), dann erfährt Hetty, dass sie — ebenso wie ihr jüngerer Bruder — adoptiert ist. Es gibt also keinen Grund, noch länger an dem Ort zu bleiben, den sie insgeheim schon immer verabscheut hat. Das Ziel steht auch schon fest:

Nach London! In den Büchern landen Ausgestoßene immer dort. Ich habe jedenfalls noch nie von jemandem gelesen, der sein Glück in Stoke-on-Trent gefunden hat.

J. L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp

Durch einen Zufall landet Hetty aber schließlich nicht in London, sondern in Birmingham in der von allerlei liebenswert schrägen Figuren bewohnten Pension der resoluten Rose Gilpin-Jones. Hier legt Hetty erst einmal ihren alten Nachnamen ab und nennt sich fortan Hetty Beauchamp. Aller Aufbruchsstimmung zum Trotz muss sie aber schnell feststellen, dass es im grauen Thatcher-England gar nicht so einfach ist, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen…

Ich hatte gelernt, dass das Leben nicht wie in den Büchern war […]. Auf das Leben war kein Verlass. Das Leben war unberechenbar. Das Leben schwang wild von hier nach da, ohne jeden Sinn. Und meistens geschah es nicht so, wie man von Rechts wegen eigentlich erwarten durfte, dass es geschehen würde.

J. L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp

Dafür, dass „Leben und Werk der Hetty Beauchamp“ bereits fast 35 Jahre auf dem Buckel hat, ist der Roman erfreulich wenig angestaubt. Kein Wunder, denn eine Geschichte wie die der jungen Hetty, die ihren Platz im Leben sucht, kommt eigentlich nie aus der Mode. Abgesehen davon ist das leichtfüßig geschriebene Buch mit seinem feinen Humor und dem teils sarkastischen Witz auch sprachlich ein großes Vergnügen — umso mehr, wenn man sich (anders als ich) sehr gut mit englischer Literatur auskennt, auf die ständig Bezug genommen wird.

Ein besonders interessanter Aspekt nicht nur von „Leben und Werk der Hetty Beauchamp“ ist der Umstand, dass J. L. Carr Figuren und Orte seiner Bücher mehr oder weniger prominent auch immer wieder in seinen anderen Romanen auftreten lässt. Um diese ganzen Querverweise zu verstehen, dürfte es sich also lohnen, das Werk des Briten noch ein weiteres Mal aufmerksam zu lesen, wenn es erst einmal komplett auf Deutsch vorliegt.

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