Karl Rittner: Die Toten von Wien

Wer diesen Blog einigermaßen regelmäßig verfolgt, weiß, dass ich ein gewisses Faible für historische Kriminalromane aus Wien habe. Glücklicherweise ist die österreichische Hauptstadt neben Berlin einer der beliebtesten Schauplätze dieses Genres, so dass es immer ausreichend Nachschub gibt. In „Die Toten von Wien“ schickt Karl Rittner (das Pseudonym eines österreichischen Schriftstellers und Hochschulprofessors) mit Alexander Baran nun einen neuen Ermittler in den Ring, von dem wir sicher noch öfter hören werden — zumindest riecht das Ende des Buches stark nach Fortsetzung.

Angesiedelt ist die Handlung von „Die Toten von Wien“ im Frühjahr 1922, was sofort an Alex Beers inzwischen fünf Bände umfassende, ebenfalls in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg spielende Reihe um August Emmerich denken lässt. Allerdings sind die Hauptfiguren der beiden Serien äußerst unterschiedlich. Während Beers Protagonist August Emmerich ein eher raubeiniger Typ aus einfachen Verhältnissen ist, der raucht und trinkt und stets nahe der Obdachlosigkeit entlangtaumelt, ist Rittners Alexander Baran Spross eines ungarischen Adelshauses. Die Wirren des Krieges und das damit verbundene Ende der Monarchie haben auch das Leben Barans, der früher Baron Sandor von Baranyi hieß, gehörig auf den Kopf gestellt. Nach Kriegsende heuerte der ehemalige Jurastudent bei der Wiener Polizei an, wo er schnell zum Kriminalkommissär aufstieg. Lustigerweise haben sowohl Alex Beer als auch Karl Rittner ihren Protagonisten jeweils grundverschiedene Gegenparts an die Seite gestellt: Emmerich wird ergänzt von Ferdinand Winter, einem jungen Mann aus gutem Hause, dem beim Anblick von Leichen schnell übel wird. Barans Partner ist Ferdinand Meisel, ein erfahrener Polizist, der seine Fähigkeiten als Boxer gerne auch beruflich einsetzt.

Die Wiener Staatsoper um 1898.

Anders als August Emmerich, der sich oft in den dunkelsten und ärmsten Ecken Wiens herumtreibt, führt „Die Toten von Wien“ Alexander Baran in ein anderes, seiner Herkunft eher entsprechendem Milieu. Allerdings deutet zu Beginn des Romans noch nichts darauf hin, geht es doch zunächst um zwei Todesfälle, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Zum einen wird nahe der Roßauer Lände die misshandelte Leiche einer jungen Tänzerin der Staatsoper gefunden, zum anderen wird ein pensionierter Hofbeamter von einer Tram erfasst und tödlich verletzt. Beim zweiten Fall ist noch nicht einmal klar, ob es sich nicht doch um einen Unfall gehandelt hat, wobei mehrere Zeugen aussagen, der ältere Herr sei vor die Straßenbahn gestoßen worden. Bei den Ermittlungen stellt sich aber natürlich schnell heraus, dass die beiden Morde miteinander zu tun haben. Die Spur führt in die nach der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinands untergegangene Welt des österreich-ungarischen Adels und nicht zuletzt in Alexander Barans eigene Vergangenheit.

Stellenweise ist „Die Toten von Wien“ ein wenig überladen und es ist nicht immer ganz einfach, den vielen Verästelungen der Handlung zu folgen. Für Freundinnen und Freunde des Genres ist der Roman aber trotzdem eine empfehlenswerte Lektüre, weil Karl Rittner eine ganz andere Seite des historischen Wiens beleuchtet als Alex Beer. Deren schmuddeliges Wien der frühen 1920er Jahre ist für mich zwar ein wenig reizvoller, aber wer weiß, wohin es Alexander Baran in Zukunft noch verschlägt?

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Kristina Ohlsson: Die Tote im Sturm

Mit den Urlaubsorten ihrer Kindheit verbindet viele Menschen eine lebenslange Beziehung — erst recht natürlich, wenn sie das Glück hatten, ihre Ferien Jahr für Jahr am gleichen Ort verbringen zu dürfen. Oft zieht es diese Menschen auch als Erwachsene immer wieder an die liebgewonnenen Plätze ihrer Kindheit zurück. Meist natürlich, um mit ihren eigenen Kindern Urlaub zu machen, manchmal aber auch, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. So wie August Strindberg (nicht der August Strindberg übrigens — „Die Tote im Sturm“ spielt in der Gegenwart und die Namensgleichheit ist einzig und allein der Fantasie der Autorin geschuldet), der nach einem Jahr voller Schicksalsschläge sein altes Leben als Vermögensverwalter in Stockholm hinter sich lässt und sich in einem idyllischen Fischerdörfchen an der schwedischen Westküste, wo seine Großeltern einst ein Sommerhäuschen besaßen, niederlässt. Der Mittvierziger, ein sympathischer Zeitgenosse mit einem Faible für analoge Dinge, hat ein insolventes Bestattungsinstitut (nebst Leichenwagen, den er dank der etwas lebensbejahenderen Optik kurzerhand gelb lackiert) gekauft, in dessen Räumlichkeiten er einen Secondhand-Laden eröffnen und auch wohnen möchte. Bis die entsprechenden Renovierungsarbeiten abgeschlossen sind, kommt er in einem kleinen Häuschen unter, das er zu einem verdächtig günstigen Preis von einem freundlichen älteren Ehepaar gemietet hat.

Neben der Ankunft August Strindbergs in Hovenäset gibt es am Abend Ende August, an dem die Geschichte des Krimis beginnt, ein weiteres Ereignis. Agnes Eriksson verlässt während eines aufziehenden Sturms das Haus, das sie gemeinsam mit ihrem Mann und dem Sohn im Teenageralter bewohnt, und verschwindet spurlos. Die Suche nach der beliebten Lehrerin wird sofort eingeleitet, bleibt aber erfolglos. Ist Agnes während des Sturms ins Wasser gefallen und ertrunken? Hat sie ihre Familie vorsätzlich verlassen, um ein Geheimnis zu vertuschen, das nicht ans Licht kommen durfte? Oder hat ihr Verschwinden mit einem 30 Jahre alten Mordfall zu tun, der sich just in dem Haus ereignet hat, in dem August nun lebt und das von den Bewohnern Hovenäsets nur „das Eishaus“ genannt wird?

Man weiß es nicht und tatsächlich bleibt fast bis zum Ende des mehr als 500 Seiten starken Romans offen, was an diesem Abend mit Agnes passiert ist. Dass man es aber trotz der von Kristina Ohlsson geschickt konstruierten Handlung doch sehr schnell ahnt, liegt an einer äußerst seltsamen Entscheidung des deutschen Verlags. „Stormvakt“ (zu Deutsch „Sturmwache“) heißt der Krimi im schwedischen Original recht neutral — der deutsche Titel „Die Tote im Sturm“ und der „Mord“, der in roten Lettern hinten auf dem Einband versprochen wird, plaudern da schon deutlich mehr aus. Unverständlich vor allem angesichts einer Geschichte, in der es weniger um die Suche nach einem Mörder geht, sondern eher um die Rekonstruktion von Ereignissen.

Sieht man von dem Spoiler im Titel aber einmal ab, ist dieser August Strindberg eine echte Bereicherung für das Genre des Schwedenkrimis. Sympathische, gut gezeichnete Charaktere, eine ruhige, aber keineswegs langatmige Erzählweise (wobei ein paar Seiten weniger sicher nicht geschadet hätten) und der Verzicht auf blutrünstige Szenen sind die großen Pluspunkte von „Die Tote im Sturm“. Zudem hat Kristina Ohlsson mit dem Thema Familie — in ihrer gelingenden, aber oft auch in ihrer dysfunktionalen Erscheinungsform — einen roten Faden gewählt, der dem Roman eine zusätzliche Ebene und etwas mehr Tiefe gibt.

Nächstes Jahr darf man sich auf den nächsten Krimi um August Strindberg und die Polizistin Maria Martinsson freuen. Bleibt zu hoffen, dass der deutsche Titel dann mit etwas mehr Bedacht gewählt wird.

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Peter Swanson: Acht perfekte Morde

Bücher, in denen andere Bücher, Buchhandlungen und/oder Bibliotheken eine wichtige Rolle einnehmen, haben schon immer eine besondere Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Kein Wunder also, dass mich bereits der Klappentext von Peter Swansons neuem Thriller „Acht perfekte Morde“ fast magisch angezogen hat. Ein zentrales Element des Buches ist nämlich eine Liste von — man ahnt es vielleicht — perfekten Morden aus der Kriminalliteratur, die Malcolm Kershaw, Buchhändler und Besitzer des „Old Devils Bookstore“ in Boston, einst für den Blog seines Ladens zusammengestellt hat.

Jahre nach der Veröffentlichung der Liste taucht die FBI-Agentin Gwen Mulvey in dem herrlichen Laden auf, in dem ich nur zu gerne selbst einmal herumstöbern und der Angestellten mit der Vorliebe für T-Shirts der Band The Decemberists zu ihrem hervorragenden Musikgeschmack gratulieren möchte, und äußert den Verdacht, dass eine Reihe von Verbrechen in Neuengland im Zusammenhang mit Malcolms Liste stehen könnte. Offenbar treibt ein Täter sein Unwesen, der die Morde aus den erwähnten Krimis mehr oder weniger präzise nachstellt.

Im Buchhandel aktuell erhältlich sind die Romane von Agatha Christie (Atlantik), Patricia Highsmith (Diogenes) und Donna Tartt (Goldmann). Den Rest gibts antiquarisch und sicher auch in der ein oder anderen Bibliothek — viel Spaß beim Stöbern!

Der geschockte Malcolm bietet an, Agent Mulvey bei den Ermittlungen mit seiner Krimi-Expertise zu unterstützen und in den Romanen der Liste nach Hinweisen auf das weitere Vorgehen des Mörders zu suchen. Ganz so überrascht, wie es zu Beginn den Anschein macht, ist der Buchhändler von den Morden und dem Auftauchen des FBI allerdings nicht. Auch hat keineswegs ein irrer Serienmörder zufällig die Liste im Internet entdeckt und als Inspiration für seine grausigen Taten verwendet — Malcolm steckt selbst ziemlich tief in der Sache mit drin, und das schon seit Jahren…

Dass Peter Swanson die Handlung von „Acht perfekte Morde“ aus Sicht seines Protagonisten, der sich dann und wann auch direkt an die Leserschaft wendet, erzählen lässt, erweist sich als grandioser Kunstgriff. Schnell baut man als Leser*in eine Beziehung zum äußerst sympathischen, manchmal etwas schüchtern und unbeholfen wirkenden Malcolm auf und mag ihn auch dann noch gerne, wenn er einem Dinge offenbart, die ganz und gar nicht harmlos sind. Ein wenig erinnert er damit an Patricia Highsmiths Tom Ripley, der ebenfalls trotz seiner diversen Untaten immer ein Sympathieträger bleibt. Auch der Geschichte tut es gut, dass die Wahrheit nur häppchenweise ans Licht kommt. So gibt es in fast jedem Kapitel des ruhig erzählten, erfreulich unblutigen Thrillers eine überraschende Wendung.

Gegen Ende hin entfernt sich „Acht perfekte Morde“ leider ein wenig von seiner Ursprungsidee und die Auflösung wirkt etwas arg weit hergeholt. Trotzdem bleibt der Roman, der in erster Linie von seiner hervorragenden Atmosphäre und den zahlreichen Querverweisen auf Kriminalromane und Filme getragen wird, bis zum Schluss spannend.

Eine große Empfehlung — und wer danach Lust auf weitere Krimis hat, ist nach der Lektüre von „Acht perfekte Morde“ nicht nur dank Malcolm Kershaws Liste mit einer großen Menge an Empfehlungen ausgestattet.

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Norbert Scheuer: Mutabor

Über die Jahre hat Norbert Scheuer in seinen Romanen einen faszinierenden Kosmos geschaffen, den er mit jedem folgenden Werk ausbaut und weiterspinnt. Stets eine Rolle spielen dabei das Örtchen Kall in der Eifel, das Urftland, der Rauschen und die Mitglieder der Familie Arimond; Motive und Personen aus früheren Büchern werden viel später wieder aufgegriffen und aus einer anderen Perspektive beleuchtet. Das ist auch in „Mutabor“, dem schmalen neuen Roman des 1951 geborenen Autors nicht anders. Sogar Egidius Arimond, der Held des großartigen Vorgänger-Romans „Winterbienen“, wird kurz einmal erwähnt, wobei die Handlung deutlich näher am 2017 erschienenen „Am Grund des Universums“ ist.

Im Zentrum des Geschehens steht diesmal Nina Plisson, eine Außenseiterin in Kall. Der Vater unbekannt, die Mutter irgendwann verschwunden, wächst Nina zunächst bei der herrischen Großmutter und dem sanften Großvater auf, der mit seinem alten Opel Kapitän am liebsten nach Byzanz zum Palast der Störche fahren möchte. Nach dem Tod der Großeltern schmeißt Nina schnell die Schule und wird das, was die mitunter sehr übergriffigen Betreuer vom Jugendamt einen „Sozialfall“ nennen. Einzig die pensionierte Lehrerin Sophie Molitor sieht Potenzial in dem Mädchen und ermutigt es, seine Geschichte aufzuschreiben und Nachforschungen zu ihrerseiner Vergangenheit anzustellen. Die märchenhaften, an Traumsequenzen erinnernden Aufzeichnungen der inzwischen volljährig gewordenen Protagonistin wechseln sich ab mit Szenen aus Ninas Leben, das zwischen Dramatischem wie einer Gruppenvergewaltigung und Banalem wie Nebenjobs als Zeitungsausträgerin und Aushilfe bei Evros, dem griechischen Gastwirt mit einem Faible für Mythologie, Stunden in der tristen Cafeteria des örtlichen Supermarkts oder der Sorge um ihren schwer verwundet von einem Afghanistan-Einsatz zurückgekehrten Schwarm Paul Arimond (übrigens der Urgroßneffe des Imkers Egidius) zwar eine große Bandbreite, aber nur wenig Erfreuliches zu bieten hat.

Und just, als Licht ins Dunkel zu kommen scheint und Entscheidungen anstehen, bricht die große Flut des Sommers 2021 über das Urftland herein und hinterlässt auch in Kall Verwüstung und schwere Schäden.

Er meint, das Leben sei vergleichbar mit einer leeren Flasche, die auch nur Sinn habe, wenn man etwas hineinfüllt, egal was, es müsse nur etwas hinein, das glücklich macht.

Norbert Scheuer: Mutabor

War „Winterbienen“ zuletzt noch ein unmittelbar zugänglicher Roman, verlangt „Mutabor“ seiner Leserschaft trotz des geringen Umfangs von nicht einmal 190 Seiten — davon über 30 mit wunderbaren Zeichnungen von Norbert Scheuers Sohn Erasmus — deutlich mehr ab. Griechische Mythologie, Querverweise auf Scheuers andere Romane, Märchen (nicht umsonst trägt der Roman das Zauberwort aus Wilhelm Hauffs „Kalif Storch“ als Titel) und sogar Virginia Woolf, auf deren „Orlando“ in Gestalt einer Schildkröte angespielt wird — es steckt jede Menge drin in dieser etwas rätselhaften Geschichte vom Erwachsenwerden der Nina Plisson. Man muss sich schon einlassen wollen auf diesen Roman. Tut man es aber, gehört „Mutabor“ auf jeden Fall zu den Büchern, die man im Laufe der Zeit immer wieder aus dem Regal zieht.

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Maren Gottschalk: Fräulein Steiff

Die Historikerin und Autorin Maren Gottschalk hat bereits Bücher über Sophie Scholl, Astrid Lindgren, Nelson Mandela und zuletzt Frida Kahlo veröffentlicht. In ihrer neuen Romanbiografie widmet sie sich Margarete Steiff — eine Persönlichkeit, die mich nicht zuletzt deshalb interessiert, weil ich seit jeher ein großer Freund der wunderbaren Stofftiere dieser Marke bin und mich mein treuer Bär auch heute noch auf jeder Reise begleitet.

Schon die erste Szene in „Fräulein Steiff“ ist ganz entscheidend. Im Jahr 1879 näht die 32 Jahre alte Margarete Steiff in ihrer kleinen Werkstatt in Giengen an der Brenz, in der sie Filzwaren im Auftrag einer größeren Stuttgarter Fabrik fertigt, als Geburtstagsgeschenk für ihre Schwägerin Anna ein Nadelkissen in Form eines Elefanten. Allerdings ist vor allem Annas dreijähriger Sohn von dem „Elefäntle“ so sehr hingerissen, dass Margarete eine Idee kommt: Warum nicht Filztiere zum Spielen und Liebhaben für alle Kinder produzieren und damit eine eigene Firma gründen? Trotz einiger Widerstände hält die kreative und kluge Geschäftsfrau an ihrem Plan fest und legt den Grundstein für ein Unternehmen, das auch fast 150 Jahre später weltweit einen exzellenten Ruf genießt.

Der Teddybär, der einem beim Stichwort „Steiff“ sofort in den Sinn kommt, hat es übrigens erst später — um 1900 herum — ins Sortiment geschafft und war zunächst im fernen Amerika ein Verkaufsschlager.

Es ist kein böser Bär, vor dem man Angst haben muss, sondern ein durch und durch lieber Bär, ein Freund. Ein Bär, dem man alles erzählen kann.

Maren Gottschalk: Fräulein Steiff
Mit dem „Elefäntle“ fing alles an.

„Fräulein Steiff“ ist ein kurzweiliger, in einem sympathischen Tonfall und mit viel Zeitkolorit erzählter Roman, der das Leben der Margarete Steiff nachzeichnet, wie es gewesen sein könnte. Neben Details aus der Biografie und der Firmengeschichte sowie echten Personen aus dem Umfeld der Geschäftsfrau gibt es auch eine Reihe fiktiver Begebenheiten und Charaktere, die dazu dienen, das Geschehen lebhafter und die Protagonistin greifbarer zu machen. Mit Erfolg, denn als Leser*in lernt man Margarete Steiff als eine humorvolle, liebenswerte Frau kennen, mit der man zu gerne befreundet gewesen wäre.

Obwohl Margarete nach einer Polio-Erkrankung gelähmt und auf den Rollstuhl sowie fremde Hilfe bei vielen alltäglichen Dingen angewiesen war — im 19. Jahrhundert ein riesiger Makel und eine große Last für die Familie — war sie zeitlebens ein lebhafter, neugieriger Mensch, der unbeirrt seine Pläne und Ziele verfolgte. Statt zur „unnützen Esserin“ zu werden, wie von der oft sehr grausamen Mutter prophezeit, sicherte Margarete Steiff dank ihrer Kreativität und Beharrlichkeit Familienangehörigen und vielen Menschen aus ihrer Heimatstadt — vor allem Frauen, die als Näherinnen eine Anstellung fanden — den Lebensunterhalt und bereitete mit ihren Stofftieren bis heute Millionen eine große Freude. Mit „Fräulein Steiff“ ist Maren Gottschalk eine lesenswerte Hommage an diese außergewöhnliche Frau gelungen.

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J. L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp

Dem DuMont Buchverlag ist es zu verdanken, dass die Romane des 1994 verstorbenen britischen Autors J. L. Carr in wunderbarer Aufmachung (man beachte die Halskrause auf dem Einband des neuesten Buches!) und der hervorragenden Übersetzung von Monika Köpfer nach und nach auch ihren Weg zur deutschen Leserschaft finden. Angefangen mit dem immens erfolgreichen „Ein Monat auf dem Land“ wurden inzwischen fünf der acht Romane des ehemaligen Lehrers und spätberufenen Schriftstellers und Verlegers Carr auf Deutsch veröffentlicht — ganz aktuell das im Original 1988 erschienene „Leben und Werk der Hetty Beauchamp“.

Protagonistin des Romans, der auf Englisch etwas treffender und weniger prätentiös „What Hetty Did“ heißt, ist die 18 Jahre alte Ethel „Hetty“ Birtwisle, eine literaturbegeisterte, altkluge Einserschülerin. Mit ihrer Intelligenz und dem Faible für Lyrik ist Hetty in ihrem Heimatstädtchen im recht dünn besiedelten, landwirtschaftlich geprägten Fenland im Osten Englands eher eine Außenseiterin, und auch in ihrer eher bildungsfernen Familie mit dem jähzornigen Vater fühlt sie sich recht fremd. Einschneidende Ereignisse führen schließlich dazu, dass Hetty kurz nach dem Schulabschluss Reißaus nimmt. Zuerst endet ein Streit mit dem Vater handgreiflich (in der Auseinandersetzung bezieht dieser allerdings sehr zu meiner Freude selbst ordentlich Prügel), dann erfährt Hetty, dass sie — ebenso wie ihr jüngerer Bruder — adoptiert ist. Es gibt also keinen Grund, noch länger an dem Ort zu bleiben, den sie insgeheim schon immer verabscheut hat. Das Ziel steht auch schon fest:

Nach London! In den Büchern landen Ausgestoßene immer dort. Ich habe jedenfalls noch nie von jemandem gelesen, der sein Glück in Stoke-on-Trent gefunden hat.

J. L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp

Durch einen Zufall landet Hetty aber schließlich nicht in London, sondern in Birmingham in der von allerlei liebenswert schrägen Figuren bewohnten Pension der resoluten Rose Gilpin-Jones. Hier legt Hetty erst einmal ihren alten Nachnamen ab und nennt sich fortan Hetty Beauchamp. Aller Aufbruchsstimmung zum Trotz muss sie aber schnell feststellen, dass es im grauen Thatcher-England gar nicht so einfach ist, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen…

Ich hatte gelernt, dass das Leben nicht wie in den Büchern war […]. Auf das Leben war kein Verlass. Das Leben war unberechenbar. Das Leben schwang wild von hier nach da, ohne jeden Sinn. Und meistens geschah es nicht so, wie man von Rechts wegen eigentlich erwarten durfte, dass es geschehen würde.

J. L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp

Dafür, dass „Leben und Werk der Hetty Beauchamp“ bereits fast 35 Jahre auf dem Buckel hat, ist der Roman erfreulich wenig angestaubt. Kein Wunder, denn eine Geschichte wie die der jungen Hetty, die ihren Platz im Leben sucht, kommt eigentlich nie aus der Mode. Abgesehen davon ist das leichtfüßig geschriebene Buch mit seinem feinen Humor und dem teils sarkastischen Witz auch sprachlich ein großes Vergnügen — umso mehr, wenn man sich (anders als ich) sehr gut mit englischer Literatur auskennt, auf die ständig Bezug genommen wird.

Ein besonders interessanter Aspekt nicht nur von „Leben und Werk der Hetty Beauchamp“ ist der Umstand, dass J. L. Carr Figuren und Orte seiner Bücher mehr oder weniger prominent auch immer wieder in seinen anderen Romanen auftreten lässt. Um diese ganzen Querverweise zu verstehen, dürfte es sich also lohnen, das Werk des Briten noch ein weiteres Mal aufmerksam zu lesen, wenn es erst einmal komplett auf Deutsch vorliegt.

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Diane Cook: Die neue Wildnis

Mit ihrem im Sommer 2020 erschienenen Debütroman „The New Wilderness“ gelang der Amerikanerin Diane Cook gleich der Sprung auf die Shortlist des Booker Prize. Inzwischen steht der dystopische Roman auch in der deutschen Übersetzung von Astrid Finke in den Regalen der Buchhandlungen. Trotz der vielen Vorschusslorbeeren und der durchaus interessanten Thematik war „Die neue Wildnis“ für mich leider eine eher zähe Lektüre.

Die Grundidee des in näherer Zukunft spielenden Buches ist ziemlich nah an der Realität. Diane Cook denkt bereits bestehende Probleme konsequent weiter und entwirft eine Welt, die der unseren nicht allzu fern, aber kaum noch lebenswert ist. Ein Großteil der Menschheit vegetiert zusammengepfercht in aus allen Nähten platzenden Megastädten mit schlechter Luft und hoher Kriminalitätsrate dahin, während der große Rest der vom Klimawandel gezeichneten Landfläche dazu da ist, den Ressourcenhunger der Metropolen zu befriedigen. Echte Natur existiert nur noch im von der Regierung geschaffenen „Wildnis-Staat“, einer Art großem Nationalpark. In einer wissenschaftlichen Studie soll herausgefunden werden, ob der Mensch überhaupt in der Lage ist, in Einklang mit der Natur zu leben (die Frage wird im Lauf des Buches geklärt, wobei die Antwort kaum zu überraschen vermag). Dazu werden 20 Frauen, Männer und Kinder ausgewählt, die streng reglementiert unter einfachsten Verhältnissen und den wachsamen Augen unnachsichtiger Ranger als nomadische Gemeinschaft im „Wildnis-Staat“ leben. Zu den ersten Siedlern gehören Bea und ihr Mann Glen, die sich vor allem wegen der angeschlagenen Gesundheit ihrer (Stief-) Tochter Agnes auf das Experiment eingelassen haben. Während sich Agnes, der die Stadt buchstäblich die Luft zum Atmen geraubt hat, in der Natur bald erholt, haben Bea und Glen wie alle anderen Siedlerinnen und Siedler mit diversen Problemen zu kämpfen. Bea hadert hin und wieder damit, ihr Dasein als Designerin in der Stadt hinter sich gelassen zu haben, und Glen, als Professor für Frühgeschichte ein Experte für primitive menschliche Lebensformen, muss sich eingestehen, dass Theorie und Praxis zwei Paar Schuhe sind. Hinzu kommen allerlei Gefahren, die in der Wildnis lauern, Streitigkeiten darüber, wer in der Gruppe das Sagen hat, und — gegen Ende — eine Entscheidung der Regierung, die existenzielle Folgen für die Gemeinschaft hat.

Das alles hat schon seinen Reiz und ist zweifellos klug konstruiert, aber wirklich fesseln konnte mich „Die neue Wildnis“ nicht. Der Roman mag trotz einiger drastischer Momente nicht auf Knalleffekte und aufregende Abenteuer ausgelegt sein, aber ganz so spröde hätte die Handlung nun auch nicht erzählt werden müssen. In nicht wenigen Passagen des knapp 540 Seiten starken Buchs laufen die Protagonist*innen vom einen Ort zum anderen oder diskutieren schier endlos über irgendwelche demnächst anstehenden Entscheidungen. Dementsprechend froh war ich, als ich das Buch wieder zuklappen konnte — schade drum, denn meiner Meinung nach wurde hier viel Potenzial liegengelassen.

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Viola Ardone: Ein Zug voller Hoffnung

Mit ihrem im Original im Herbst 2019 erschienenen Roman „Ein Zug voller Hoffnung“ („Il treno dei bambini“) landete die 1974 in Neapel geborene Autorin, Lehrerin und Journalistin Viola Ardone einen beachtlichen Erfolg. Mehr als 200.000 Exemplare wurden von dem Buch in Italien verkauft und auch der Nachfolger „Oliva Denaro“ schaffte es letztes Jahr auf die vorderen Plätze der Bestsellerliste. Kein Wunder, dass Viola Ardone damit das Interesse internationaler Verlage geweckt hat. Esther Hansens deutsche Übersetzung von „Ein Zug voller Hoffnung“ ist soeben erschienen, „Oliva Denaro“ soll 2023 folgen.

„Ein Zug voller Hoffnung“ beleuchtet eine gerade hierzulande kaum bekannte Episode der italienischen Nachkriegsgeschichte. Ab 1946 wurden auf Betreiben der Kommunistischen Partei mehr als 100.000 Kinder aus dem verarmten Süden in den wohlhabenden Norden „verschickt“, um bei Gastfamilien aufgepäppelt zu werden und etwas Schulbildung zu bekommen. Oft entwickelten sich aus den mehrmonatigen Aufenthalten jahrelange Verbindungen und nicht wenige Kinder kehrten gar nicht mehr in die Heimat zurück, sondern wurden von ihren Gasteltern adoptiert.

Einer der Jungen, die im Herbst 1946 einen Zug von Neapel in Richtung Bologna besteigen, ist der knapp achtjährige Amerigo Speranza (ein sprechender Name, denn immerhin bedeutet der Nachname „Hoffnung“), der Ich-Erzähler des Romans. Amerigo wächst in ärmsten Verhältnissen bei seiner wenig liebevollen Mutter, einer alleinerziehenden Analphabetin, auf. Seinen Vater, der angeblich nach Amerika ausgewandert ist, kennt er nicht, die Schule musste er nach kurzer Zeit verlassen, um als Lumpensammler zum Familieneinkommen beizutragen. Trotzdem ist er von der Aussicht auf eine vermeintlich angenehme Auszeit in Norditalien nicht besonders angetan. Das hängt vor allem damit zusammen, dass in den Gassen seines Viertels allerlei Gruselgeschichten (heute würde man wohl Fake News dazu sagen) über diese Aufenthalte kursieren — so heißt es zum Beispiel, die Kinder würden in Wirklichkeit nach Russland verkauft und dort zum Frühstück verspeist. Als Amerigo aber vor der Abfahrt Schokolade und neue Schuhe bekommt, ist er schnell Feuer und Flamme. Trotz einiger Anlaufschwierigkeiten werden die Monate in der Nähe von Modena zu einer lebensverändernden Erfahrung. Seine Gastfamilie Benvenuti (zu Deutsch „Willkommen“, also noch so ein sprechender Name) ist freundlich und liebenswert, zudem gibt es bei den Landwirten stets ausreichend zu essen. Vater Benvenuti arbeitet neben der Landwirtschaft außerdem in einem Klaviergeschäft und entfacht bei seinem jungen Schützling Amerigo, der auch in der Schule schnell Fortschritte macht, die Liebe zur Musik.

Umso größer fällt der Kulturschock nach der Rückkunft in Neapel aus. Amerigo sieht sich aller Zukunftschancen beraubt, die er in Modena hatte. Auch die Mutter freut sich nicht übermäßig über die Heimkehr des Sohnes, sondern ärgert sich über die Flausen, die man dem Jungen in den Kopf gesetzt hat. Ein einschneidendes Ereignis zwingt Amerigo schließlich zu einer weitreichenden Entscheidung…

An dieser Stelle endet die 1946/47 spielende Handlung. Das restliche Viertel des Romans wird fast 50 Jahre später vom erwachsenen Amerigo erzählt, der nach dem Tod der Mutter nach Neapel reist und sich fragt, wie sein Leben verlaufen wäre, hätte er sich damals anders entschieden. Dabei erfahren wir auch, wie es ihm in dem halben Jahrhundert, das zwischen den beiden Erzählsträngen liegt, ergangen ist. Der kurze zweite Teil ist dabei deutlich nachdenklicher und berührender als der längere erste, weil dabei universelle Fragen gestellt werden, die uns alle betreffen. Allein die Idee, dass eine Kleinigkeit wie das Besteigen eines bestimmten Zuges zu einer bestimmten Zeit ein Leben von Grund auf ändern kann, ist faszinierend. Allerdings liest sich auch der vom jungen Amerigo, der fast ein wenig zu schlau und aufgeweckt ist (stellenweise fühlte ich mich an den „kleinen Lord“ erinnert), äußerst kurzweilig. Besonders gut versteht es Viola Ardone, die kleinen Gassen und die Gerüche des Nachkriegs-Neapels zum Leben zu erwecken. Ein hoffnungsvoller Roman mit ernsten Untertönen — unbedingt lesenswert!

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Alan Bennett: Drei daneben

Spätestens seit dem immensen Erfolg von „Die souveräne Leserin“ und Nicholas Hytners Verfilmung von „The Lady in the Van“ mit der großen Maggie Smith ist Alan Bennett literarisch Interessierten auch hierzulande ein Begriff. Dem Wagenbach Verlag ist es zu verdanken, dass die Werke des britischen Altmeisters seit Jahren zuverlässig in deutscher Übersetzung und in bibliophiler Ausstattung genossen werden können.

„Genuss“ ist das Stichwort, denn ein solcher ist natürlich auch „Drei daneben“ wieder. Dabei ist das dünne Bändchen ein ziemliches Sammelsurium unterschiedlichster Texte. Im Zentrum stehen zwei neue Monologe, die Alan Bennett anlässlich der Neuinszenierung seiner BBC-Serie „Talking Heads“ (ein großer Fernseherfolg in den 1980er und 1990er Jahren) geschrieben hat. In einem davon verliebt sich die Protagonistin in ihren halbwüchsigen Sohn, im anderen pilgert eine Witwe täglich an die Stelle, an der ihr Mann mit dem Motorrad tödlich verunglückt ist und lernt dabei eine ganz andere Seite ihres so biederen Clifford kennen. Wie alles aus der Feder Alan Bennetts sind auch diese beiden kurzen Szenen wunderbar hintersinnig und humorvoll — wofür andere ganze Romane bräuchten, genügen dem brillanten Dramatiker wenige Seiten.

Einen Großteil von „Drei daneben“ nimmt allerdings ein einleitender Essay von Regisseur Nicholas Hytner ein, der erläutert, wie knifflig es war, die Neuinszenierung der zwölf Monologe während des ersten Corona-Lockdowns im März und April 2020 unter der Einhaltung strengster Abstandsregelungen zu realisieren. Zweifellos ein Zeitdokument, dessen wahren Wert man vermutlich erst in ein paar Jahren vollständig zu schätzen weiß.

Aber noch viel, viel mehr hoffe ich, dass irgendjemand eines fernen Tages dieses Buch in einem Antiquariat zur Hand nimmt (mal angenommen, so etwas gibt es dann noch), die Einleitung durchblättert und sich undeutlich daran erinnert, dass es da einst dieses schreckliche Virus gab, das beinahe alles zum Stillstand brachte.

Nicholas Hytner (in Alan Bennett: Drei daneben)

Apropos Corona: Eine Episode um eine Geistererscheinung während einer Zoom-Trauerfeier enthält das schmale, vergnügliche Büchlein ebenso wie eine — erstmals auf Deutsch vorliegende — Erinnerung an die 2003 verstorbene Schauspielerin Thora Hird.

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Klara Jahn: Das Lied des Waldes

Zwei Handlungsstränge, zwischen denen mehr als 600 Jahre liegen, verwebt Klara Jahn (eines der gleich mehreren Pseudonyme der Autorin Julia Kröhn, die als Klara Jahn bereits „Die Farbe des Nordwinds“ veröffentlicht hat) in „Das Lied des Waldes“ gekonnt zu einem stimmungsvollen, kurzweiligen Ganzen. Im 14. Jahrhundert begegnen wir der jungen Patriziertochter Anna Stromer, die sich als Achtjährige im Nürnberger Reichswald verirrt, Bekanntschaft mit einer Einsiedlerin schließt und fortan ein ganz besonderes Verhältnis zum Wald entwickelt. Entgegen der damals landläufigen Meinung, dass der Wald beliebig gerodet und ausgebeutet werden kann, wächst die ruhige, wissbegierige Einzelgängerin zu einer frühen Umweltschützerin und Pionierin in Sachen nachhaltiger Nutzung natürlicher Ressourcen heran. Mit viel Eifer und Leidenschaft wird sie zu einer Vorreiterin auf dem Gebiet der Aufforstung und überzeugt sogar ihren geschäftstüchtigen Vater, sich von der holzintensiven Waffenproduktion abzuwenden und stattdessen die erste Papiermühle nördlich der Alpen zu eröffnen. Von den öden Monokulturen, die die geplante „Waldsaat“ eines Tages mit sich bringen würde, konnte Anna zu ihrer Zeit natürlich ebenso wenig ahnen wie von dem Umstand, dass die für die Papierherstellung benötigten Lumpen bald so knapp werden würden, dass man sich nach neuen Ausgangsmaterialien für Papier umschauen und ausgerechnet im Wald fündig werden würde.

Es heißt, man verliere den Verstand, wenn man zu lange allein im Wald ist. Ich jedoch glaube, man findet den Verstand nur in der Stille.

Klara Jahn: Das Lied des Waldes

Protagonistin der in der Gegenwart spielenden Teils des Romans ist die Mittvierzigerin Veronika, die nach dem Tod der Mutter in den Nürnberger Reichswald zurückkehrt, um das Forsthaus ihrer Eltern nebst des dazugehörigen Waldstücks möglichst schnell zu verkaufen. Möglichst schnell deshalb, weil sie dringend Geld braucht: Ihren Job als PR-Managerin in einer großen Agentur hat sie gerade verloren und wegen des Auszugs der Tochter sowie einer der Midlifecrisis ihres Mannes geschuldeten Ehekrise stehen gravierende berufliche wie private Umbrüche bevor. Die eigentlich rein geschäftliche Rückkehr in die Umgebung ihrer Kindheit wird aber schnell zu einer Reise in die Vergangenheit, auf der Veronika schnell mit einigen unbequemen Fragen konfrontiert wird. Konnte es ihr damals nicht schnell genug gehen, nach dem Abitur nach Frankfurt zu ziehen und eine glänzende Karriere anzustreben, fragt sie sich heute, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie nicht alle ihre früheren Überzeugungen und ihre Jugendliebe Martin hinter sich gelassen hätte. Neben den „Geistern der Vergangenheit“ tauchen, nachdem sich herumgesprochen hat, dass Veronikas bevorzugter Kaufinteressent auch in der ressourcenintensiven Papierproduktion tätig ist, bald ganz handfeste aktuelle Probleme in Person von Waldbesetzern auf.

Durch die Gliederung in zwei parallele, abwechselnd erzählte und eher lose miteinander verknüpfte Handlungsstränge sowie die Grundthematik erinnert „Das Lied des Waldes“ ein wenig an Maja Lundes „Klimaquartett“-Romane, wobei bei Klara Jahn das dystopische Element fehlt, wodurch die Geschichte etwas weniger reißerisch und dringlich wirkt. Die ruhige Erzählweise ist aber kein Nachteil, denn auch ohne größere Knalleffekte hört man dem „Lied des Waldes“ gerne zu. Schöne Naturbeschreibungen, interessante Exkurse in die Geschichte der Papierherstellung und des Forstwesens sowie ins Nürnberg des Spätmittelalters, gepaart mit der Erkenntnis, dass sich vermeintlich gute Entscheidungen manchmal erst viel später als Fehler herausstellen, machen diesen Roman äußerst lesenswert

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