Graham Greene: Die Reisen mit meiner Tante

Sommerzeit ist Urlaubs- und damit Reisezeit. Da größere Reisen angesichts grassierender Virus-Varianten auch in diesem Jahr eine eher schlechte Idee sind, empfiehlt es sich, den Liegestuhl im eigenen Garten oder zumindest irgendwo in der Nähe aufzustellen und lesend in die Ferne zu schweifen. Geeignete Urlaubslektüren stelle ich ab sofort hier in loser Folge vor.

Henry Pulling, der Protagonist von Graham Greenes „Die Reisen mit meiner Tante“ (im Original 1969 erschienen), führt ein sehr übersichtliches und unspektakuläres Leben. Seit seiner vorzeitigen Pensionierung als Bankangestellter widmet sich der Mittfünfziger in erster Linie den Dahlien in seinem Garten — Aufregung oder Abenteuer: Fehlanzeige. Das ändert sich schlagartig, als er auf dem Begräbnis seiner Mutter erstmals seiner ihm zuvor nur vom Hörensagen bekannten Tante Augusta begegnet. Die alte Dame ist das komplette Gegenteil des biederen Henry und strotzt trotz ihrer 75 Jahre nur so vor Lebensfreude, was ihren Neffen schnell in unangenehme Situationen bringt. Zuerst versteckt Augustas Hausfreund Wordsworth Haschisch in der Urne von Henrys Mutter, dann überredet die Tante den passionierten Stubenhocker Henry, sie auf allerlei Reisen zu begleiten. Es geht nach Brighton, mit dem Orientexpress von Paris nach Istanbul, auf den Spuren von Henrys früh verstorbenem Vater nach Boulogne und schließlich nach Südamerika, zu dieser Zeit ein wahres Paradies für Schmuggler und Glücksritter aller Art.

Während der Reisen gibt Augusta allerlei Anekdoten aus ihrem bewegten Leben als ehemalige Animierdame zum Besten, beeindruckt mit ihren zahllosen Männerbekanntschaften und lässt immer wieder durchklingen, dass sie es nicht ganz so genau mit den Gesetzen nimmt. Anfangs ist Henry natürlich erschüttert von all diesen Geschichten, aber schon bald findet er durchaus Gefallen am Lebenswandel seiner Tante.

Obwohl die Figuren viel unterwegs sind und die Reisen schon im Titel stecken, ist Greenes Roman kein typisches Reisebuch. Überhaupt animieren die Beschreibungen der besuchten Städte und vor allem des Orientexpress, der in den 1960er Jahren offenbar schon viel von seinem ehemaligen Glanz eingebüßt hatte (die noblen Speisewägen, die man etwa von Agatha Christie kennt, sind verschwunden, stattdessen läuft die Verpflegung über mobile Imbisswägelchen, denen man heute noch in vielen Zügen begegnet), nicht unbedingt dazu, schnell die Koffer zu packen.

Ein wenig hat der Zahn der Zeit schon an „Die Reisen mit meiner Tante“ genagt, aber insgesamt ist das Buch noch immer eine vergnügliche Lektüre für Daheimgebliebene, die über ein paar Längen hinwegsehen bzw. -lesen können.

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Martin Suter: Allmen und der Koi

Sommerzeit ist Urlaubs- und damit Reisezeit. Da größere Reisen angesichts grassierender Virus-Varianten auch in diesem Jahr eine eher schlechte Idee sind, empfiehlt es sich, den Liegestuhl im eigenen Garten oder zumindest irgendwo in der Nähe aufzustellen und lesend in die Ferne zu schweifen. Geeignete Urlaubslektüren stelle ich ab sofort hier in loser Folge vor.

Zum Auftakt nimmt uns Martin Suter in „Allmen und der Koi“, dem mittlerweile sechsten Fall für John von Allmen, den chronisch klammen Lebemann und Experten für das Aufspüren verschwundener Kunstgegenstände, mit nach Ibiza (*). Um ein Kunstobjekt im eigentlichen Sinne geht es — das verrät schon der Titel — diesmal zwar nicht, wohl aber um etwas, das Liebhabern beträchtliche Summen wert ist. Allmen und seine rechte Hand Carlos werden im Auftrag des schwerreichen Percy Garrett auf die Insel gerufen. Der gebrechliche Musikproduzent und leidenschaftliche Koi-Fan ist verzweifelt, weil sein Liebling „Boy“ verschwunden ist. Der mehr als eine Million Dollar teure, fast perfekte Tancho wurde aus dem wohltemperierten Außenpool geraubt, um dessen kostspielige Bewohner sich zwei eigens aus Japan eingekaufte Fischpfleger kümmern. Allmen und Carlos begeben sich in den teils geschmackvollen, teils protzigen Fincas der Insel-Society auf Spurensuche nach „Boy“ und finden heraus, dass es unter den betuchteren Bewohnern Ibizas einige Koi-Fanatiker gibt, die für einen seltenen Karpfen nicht nur bereit sind, hohe Summen in die Hand zu nehmen, sondern auch über Leichen gehen.

Wer mit Martin Suters Allmen-Reihe vertraut ist, weiß, dass die Krimihandlung zugunsten augenzwinkernder Ausflüge in die Welt der Reichen und vermeintlich Schönen gerne einmal etwas in den Hintergrund rückt. Bei „Allmen und der Koi“ ist das nicht anders. Die Suche nach dem verschwundenen Koi nimmt ähnlich viel Raum ein wie mondäne Partys auf diversen Fincas, erlesenes Essen (passend zur Romanhandlung kommt eine raffinierte spanisch-japanische Fusionsküche auf den Tisch) nebst passender Getränkebegleitung und Ratschläge, wie man sich auch bei großer Sommerhitze zu jedem Anlass angemessen kleidet. Das liest sich locker und vergnüglich weg, wobei ein wenig mehr Spannung der Geschichte nicht geschadet hätte. Immerhin wartet das Buch am Ende, nachdem der recht konventionell gestrickte Fall um den Diebstahl bereits aufgeklärt ist, noch mit einer überraschenden Wendung auf.

Hält man sich ein wenig ran mit der Lektüre, schafft man das nur etwas mehr als 200 Seiten dünne Büchlein an einem Nachmittag. Gute Unterhaltung, die einen nicht allzu sehr fordert — Liegestuhllektüre im besten Sinne also.

(*) Martin Suter verbringt seit langer Zeit einen Teil des Jahres auf Ibiza, wo er vor einigen Jahren das SALON Magazin empfing.

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