Kultur zu Hause

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Kein noch so gut gemachtes Online-Angebot kann das Erlebnis eines Theater-, Museums-, Lesungs- oder Konzertbesuchs ersetzen, aber zumindest im November bleibt uns angesichts geschlossener Kultureinrichtungen nichts anderes übrig, als uns unsere tägliche Dosis Kultur aus dem Internet zu fischen. In den nächsten Wochen möchte ich in diesem Artikel auf diverse Angebote hinweisen, die mir besonders aufgefallen sind — verbunden mit der Hoffnung, Museen, Theater und Konzerthäuser ganz bald auch wieder „in echt“ besuchen zu dürfen.

Wer weitere Tipps und Empfehlungen hat, darf sie natürlich sehr gerne in den Kommentaren teilen.

Kunst, Theater, Musik, Literatur, Filme können mehr: Denkräume öffnen, Distanz schaffen zur Gegenwart, sie auf der Bühne, im Buch, im Bild auseinandernehmen und spielerisch neu zusammensetzen. Dabei vereinzelt Kultur ihre Rezipienten nicht, sondern bringt sie zueinander, im Saal wie im öffentlichen Diskurs.

Kia Vahland über Kultur als „Grundnahrung“
  • Während des ersten Lockdowns im März und April las das Ensemble des Münchner Residenztheaters aus Jonathan Swifts Klassiker „Gulliver“. Die zweite Auflage von „Resi liest“ gehört nun der zeitgenössischen Literatur, nämlich Anne Webers jüngst mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Annette, ein Heldinnenepos“ (erschienen bei Matthes & Seitz). Ab dem 5. November gibt es jeden Tag eine von insgesamt zehn jeweils gut halbstündigen Folgen. Zum Anhören bitte HIER ENTLANG.
  • Ursprünglich war geplant, die diesjährige Münchner Bücherschau im Gasteig in hybrider Form stattfinden zu lassen, aber selbst das ist leider nicht möglich. Nun findet die Veranstaltung komplett virtuell statt, und zwar zum geplanten Termin vom 12. bis zum 29. November. Schon jetzt kann man sich kostenfrei registrieren und sich in den knapp drei Wochen auf zahlreiche Lesungen und Gespräche für Groß und Klein freuen. Und an den Ständen der Buchausstellung — jedes Jahr ein besonderes Vergnügen — darf man natürlich ebenfalls stöbern. Nur leider ohne das haptische Erlebnis.
  • Im November bietet das Museum Barberini in Potsdam täglich um 17 Uhr einen 50-minütigen virtuellen Rundgang durch die Sammlung Hasso Plattner an, deren Schwerpunkt auf den Werken des französischen Impressionismus liegt. Die Teilnahme an der Führung (via Zoom-Konferenz) muss vorab gebucht werden und kostet drei Euro — ohne individuelle Erläuterungen kann man sich die Bilder der Sammlung jederzeit auch HIER ansehen.
    Zudem findet in den nächsten Wochen eine Reihe weiterer Online-Veranstaltungen statt, darunter Live-Rundgänge für Familien und weiterführende Vorträge mit Expert*innen.
  • Von Februar bis Juni diesen Jahres fand im Kunstmuseum Basel die Sonderausstellung „Picasso, Chagall, Jawlensky“ statt, die vornehmlich Werke aus der Privatsammlung des bedeutenden Basler Unternehmers und Kunstsammlers Karl Im Obersteg (1849 – 1926) zeigte. In einem aufwändig gemachten virtuellen Rundgang kann man die Ausstellung nach wie vor von zu Hause aus erleben. Weiterführende Informationen zu den Werken und der Sammlung Im Obersteg liefert zudem Kuratorin Henriette Mentha in einem halbstündigen Video. Alles zur Ausstellung findet sich gebündelt HIER.
    Vielen Dank für die Empfehlung an @kocher_sandra!

Am Esstisch mit Rolando Villazón

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Obwohl der Kulturbetrieb langsam wieder anläuft, bleibt die Situation schwierig — die Literaturszene mit abgesagten Festivals und ausgefallenen Lesungen macht da keine Ausnahme. Wie es momentan in Bayern aussieht, hat die SZ dieser Tage zusammengefasst.

Im Literaturhaus München finden seit dem 1. Juli wieder Veranstaltungen statt. Dafür hat man eigens das technisch aufwändige „Studio Salvatorplatz“ eingerichtet, um die Lesungen nicht nur den momentan erlaubten 50 Gästen vor Ort anbieten zu können, sondern als hochwertigen Livestream (zu einem fairen „Eintrittspreis“ von fünf Euro) auch Literaturinteressierten in aller Welt. So wurde bei mir der heimische Esstisch zum Literaturhaus und trotz einiger Skepsis im Vorfeld — ein großer Freund des Streamings bin ich nämlich nicht — hat mich das Konzept sehr überzeugt. Es fühlte sich fast so an, als sei ich tatsächlich bei der Lesung dabei.

Einen großen Anteil am Gelingen der Auftaktveranstaltung nach der langen Corona-Pause hatte natürlich der Gast des Abends, denn mit dem ebenso unterhaltsamen wie umtriebigen Startenor Rolando Villazón, der seinen eben erschienenen dritten Roman „Amadeus auf dem Fahrrad“ vorstellte, hatte man sich gleich einen Hochkaräter eingeladen.

U1_XXX.inddIm Roman geht es um den jungen Mexikaner Vian Maurer, der zu den Salzburger Festspielen reist, um als Komparse an einer Inszenierung von „Don Giovanni“ teilzunehmen. Für den Salzburgfan und Mozartbewunderer die Erfüllung eines lang gehegten Traumes und hoffentlich der Ausgangspunkt für eine erfolgreiche Karriere als Opernsänger. Einzig Vians Vater hat andere Vorstellungen zum Lebensweg des Filius.

Salzburg, Mozart, ein hoffnungsvoller Opernsänger aus Mexiko — das erinnert doch sehr an Rolando Villazóns eigene Geschichte. Immerhin feierte er selbst einst bei den Salzburger Festspielen den Durchbruch und ist mittlerweile Intendant der Mozartwoche. Wie autobiographisch ist „Amadeus auf dem Fahrrad“ also, fragte sich nicht nur Dorothea Hußlein, die kundig durch den Abend führte. Die ebenso einfache wie charmante Antwort des Autors (der, nebenbei bemerkt, fantastische rote Sandalen trug):

Es ist komplett autobiographisch und es ist überhaupt nicht autobiographisch.

Über Parallelen und Unterschiede zwischen dem Protagonisten seines Romans und dem eigenen Werdegang, die Entstehung des Buches und seine Beziehung zu Mozart plauderte Rolando Villazón zwischen den wunderbar pointiert vorgetragenen Leseparts von Stefan Wilkening gewohnt unterhaltsam und wortreich. Ein wenig Ernst ließ sich angesichts der aktuellen Situation natürlich dennoch nicht vermeiden. Dem flammenden Plädoyer Rolando Villazóns, gerade jetzt die Literatur, die Musik, die Kultur allgemein nicht nur mit warmen Worten zu unterstützen, kann ich mich nur anschließen, denn:

Eine Welt ohne Kunst ist keine Welt, in der ich leben möchte.

Weitere Eindrücke von der Lesung finden sich im Blog des Literaturhauses.


Rolando Villazón: Amadeus auf dem Fahrrad (Rowohlt Verlag, 416 Seiten, 26 Euro).
#supportyourlocalbookstore


Weitere Lesungen im „Studio Salvatorplatz“ (Beginn jeweils 20 Uhr):
7. Juli — „Briefe nach Breslau. Meine Geschichte über drei Generationen“ — Maya Lasker-Wallfisch im Gespräch mit Sabine Bode
9. Juli — Matthias Politycki: „Das kann uns keiner nehmen“
14. Juli — Uli Oesterle: „Vatermilch“
16. Juli — „Marcel Reich-Ranicki zum 100. Geburtstag“ — Ein Abend mit Paul Assall und Uwe Wittstock
20. Juli — Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“


📷 Salzburg-Foto von mir, Buchcover © Rowohlt Verlag

Was wird aus dem Comic-Salon?

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Damals war die Welt noch in Ordnung: Eintrittskarte aus dem Jahr 2012

Immer im Mai oder Juni gerader Jahre steht Erlangen für ein verlängertes Wochenende ganz im Zeichen der „Neunten Kunst“. Der Internationale Comic-Salon darf durchaus als einer der wichtigsten Termine der Szene bezeichnet werden und lockt zuverlässig einige Hundert Künstler*Innen, Verlage, Agenturen und Händler sowie Tausende Comicbegeisterte in die mittelfränkische Universitätsstadt, die sich an diesen Tagen so bunt, weltoffen, neugierig und entspannt wie sonst nur selten präsentiert. Neben der Comicmesse mit rund 250 Ausstellern aus aller Welt finden über die gesamte Innenstadt verteilt zahlreiche Kunstausstellungen, Lesungen, Workshops und natürlich die große Gala anlässlich der Verleihung des renommierten „Max und Moritz-Preises“ statt (die zweite Runde zum Publikumspreis läuft übrigens noch bis diesen Sonntag, 29. März).

Obwohl es kaum etwas schöneres gibt, als in ein Comic einzutauchen und der Wirklichkeit für eine Weile zu entfliehen, muss auch die 19. Auflage des Internationalen Comic-Salons der tristen (Corona-) Realität ins Auge blicken. Ob die Veranstaltung wie geplant vom 11. bis zum 14. Juni stattfinden kann, verschoben wird oder womöglich komplett entfallen muss, lässt sich momentan beim besten Willen nicht vorhersagen. Zumindest erscheint es aus heutiger Sicht höchst zweifelhaft, dass in knapp zweieinhalb Monaten eine solche Großveranstaltung tatsächlich über die Bühne gehen kann, aber die Hoffnung aufgeben sollte man noch nicht.

Aktuell gilt nach wie vor die am 13. März via Facebook verbreitete Mitteilung der Veranstalter:

Damals sah die Welt zwar noch ganz anders aus als heute, aber grundsätzlich geändert hat sich nichts an der Aussage, bis zum 19. April abwarten und dann weitere Entscheidungen treffen zu wollen. Bis dahin darf man zumindest ganz vorsichtig optimistisch sein und von einem schönen Sommerwochenende in Erlangen träumen…