Bald geht es hier weiter.

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Foto: Buchbube

 

Huch, nun ist 2017 schon fast wieder einen Monat alt und der erste Blogeintrag des neuen Jahres lässt weiter auf sich warten. Bald wird es hier wieder Neues geben (eine erste Rezension ist bereits in Vorbereitung) — zuerst muss ich aber noch ein wenig das momentan wirklich sehr schöne Winterwetter genießen. Wer weiß schließlich, wie lange das so bleibt…

{Buch} Heute dreimal ins Polarmeer gefallen

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Dass Arthur Conan Doyle vor — beziehungsweise auch noch während — seines erfolgreichen Daseins als Schriftsteller als (Augen-) Arzt tätig war, ist ein Umstand, der hinlänglich bekannt sein dürfte. Dass er als junger Medizinstudent im Jahr 1880 allerdings mehrere Monate als Schiffsarzt auf einem Walfangschiff verbracht hat, ist ein Kapitel seines Lebenslaufs, der wohl nur Eingeweihten geläufig ist. Dass aber gerade diese Zeit prägend für das weitere Leben und Schreiben Conan Doyles war, zeigt „Heute dreimal ins Polarmeer gefallen“, das liebevoll aufgemachte, von Jon Lellenberg und Daniel Stashower herausgegebene und Alexander Pechmann gekonnt übersetzte Tagebuch dieser „arktischen Reise“.

Zu seinem Posten als Schiffsarzt auf dem Walfänger „SS Hope“ kam der zu Beginn der Reise gerade einmal 20 Jahre alte Arthur Conan Doyle wie die Jungfrau zum Kinde. Der eigentlich für diese Aufgabe Vorgesehene musste kurzfristig absagen und der stets neugierige und abenteuerlustige Conan Doyle sprang kurzerhand ein, ohne genau zu wissen, worauf er sich einließ. Dass er noch kein fertig ausgebildeter Arzt war, spielte keine größere Rolle, zumal seine Aufgaben als Schiffsarzt nur teilweise im medizinischen Bereich lagen und ansonsten unter anderem darin bestanden, Tätigkeiten eines Sekretärs zu übernehmen (neben seinem privaten Tagebuch führte er auch das „offizielle“ Logbuch der Reise) und dem Kapitän als gebildeter Gesprächspartner Gesellschaft zu leisten.

Dass sich der junge Conan Doyle auf dem Walfänger wunderbar einlebte, geht aus seinen äußerst lebhaften Tagebucheinträgen unzweifelhaft hervor. Neben seinen eigentlichen Aufgaben war er stets auch unter Deck bei den „einfachen“ Besatzungsmitgliedern zu finden, wo er bei Liederabenden ein gern gesehener Gast war oder sich als exzellenter Boxer hervortat. Seine Vielseitigkeit und Neugierde führten auch dazu, dass er sich aktiv an der Jagd beteiligte. Damit sich der Aufwand der vom schottischen Peterhead ausgehenden, nach Norden bis vor Spitzbergen und an der Ostküste Grönlands entlang zurückführenden Reise wirtschaftlich lohnte, mussten nicht nur Wale gejagt, sondern auch unzählige, vor allem wegen ihres Fells begehrte Robben getötet werden. Ein „blutiges Handwerk“, wie Arthur Conan Doyle bemerkt — und nicht zuletzt auch ein gefährliches, brachten ihn Stürze ins eiskalte Wasser doch mehrmals in Lebensgefahr.

Ging heute Morgen mit Colin nach draußen, um richtig hart zu arbeiten, begann aber mein Tagwerk, indem ich erneut ins Wasser fiel.

Fotos: Buchbube
Fotos: Buchbube

Neben den Erkenntnissen, die man bei der Lektüre des mit aufschlussreichen Fußnoten versehenen Tagebuchs (Auszüge aus dem Faksimile mit zahlreichen Zeichnungen sind ebenfalls im Buch enthalten) über das harte Leben auf einem Walfangschiff im späten 19. Jahrhundert gewinnt, liefert „Heute dreimal ins Polarmeer gefallen“ auch spannende Einblicke in den weiteren Lebensweg des Arthur Conan Doyle und nicht zuletzt die Entstehung seiner bekanntesten Figur Sherlock Holmes. Angeblich lieferte die Begegnung mit einem anderen Schiffsarzt auf dieser arktischen Reise die Vorlage für die Figur des Dr. Watson und die im Tagebuch festgehaltene, von einem Kapitän erzählte Anekdote einer seltsamen Begebenheit in London liest sich wie die Blaupause einer Holmes-Geschichte. Die Reise mit der „SS Hope“ hat Conan Doyle zeitlebens — und auch in seinem Werk als Schriftsteller — nicht mehr losgelassen, wie der umfangreiche Anhang des Buches verdeutlicht. Ein besonders schönes Beispiel dafür ist die ebenfalls abgedruckte Holmes-Geschichte „Der Schwarze Peter“, in der der Meisterdetektiv den Mord am Kapitän eines Walfangschiffs zu lösen hat.

Dank der sorgfältigen und umfangreichen Aufmachung ist „Heute dreimal ins Polarmeer gefallen“ eine äußerst gelungene Kombination aus Biographie, Sachbuch und literarischem Text, die nicht nur Freundinnen und Freunden von Sherlock Holmes viel Spaß bereiten dürfte.


Arthur Conan Doyle: Heute dreimal ins Polarmeer gefallen. Tagebuch einer arktischen Reise
Herausgegeben von Jon Lellenberg und Daniel Stashower, übersetzt und erweitert von Alexander Pechmann.
btb Verlag; ISBN 978-3-442-71432-2; 352 Seiten; € 14,99.

{Musik} Bottle Rockets

Are you scared to sleep out on the grass by the pool?
Where the spirits move in the water
That you’ll wake up and it’s already dark
And you’re suddenly much older

Der wunderbare niederländische Songschreiber Kim Janssen hat nach drei langen Jahren mit „Bottle Rockets“ endlich wieder eine neue Single veröffentlicht. Abgerundet wird dieses freudige Ereignis durch ein stimmungsvolles, größtenteils auf (beziehungsweise eher über) den Färöer-Inseln gedrehtes Video von Martijn Bastiaans.

Und jetzt: Zurücklehnen und genießen!

{Buch} Das Nest

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Foto: Buchbube

Geld allein macht nicht glücklich, aber es beruhigt die Nerven. Auf manch einen mag dieses alte Kalendersprüchlein zwar zutreffen, aber die Geschwister Plumb gehören eher nicht zu diesem Personenkreis. Immerhin haben sich die vier Schwestern und Brüder bei allen größeren finanziellen Entscheidungen ihres Lebens stets felsenfest auf „Das Nest“ verlassen, einen Fonds, den der inzwischen verstorbene Vater ursprünglich als kleine Sicherheit für seine Kinder angelegt hat, der aber dank einer klugen Investmentstrategie über die Zeit auf einen siebenstelligen Betrag angewachsen ist. Stichtag für die Auszahlung des Fonds ist der demnächst bevorstehende 40. Geburtstag von Melody, der Jüngsten, die ihren Anteil bereits angelegt hat in ein viel zu teures Haus in einem Vorort von New York City und als echte Helikoptermutter plant, ihren Zwillingen Nora und Louisa eine vorzügliche Collegeausbildung zukommen zu lassen. Doch nicht nur sie, sondern auch ihre Geschwister haben das Geld aus dem „Nest“ bereits aufgebraucht, bevor es auf ihrem Konto eingetroffen ist: Jack leistet sich einen schlecht gehenden Antiquitätenladen, für dessen Verluste er ohne das Wissen seines Partners Walker eine Hypothek aufs gemeinsame Wochenendhäuschen aufgenommen hat, und Bea, einst als aufstrebende literarische Hoffnung gefeiert, werkelt seit 15 Jahren ohne große Fortschritte an ihrem Erstlingswerk.

An dieser Stelle könnte der Debütroman der Amerikanerin Cynthia D’Aprix Sweeney bereits zu Ende sein: Der Fonds wird ausbezahlt, alle begleichen ihre Schulden und sind zufrieden. So einfach ist es dann aber natürlich doch nicht (abgesehen davon würde diese extrem dünne Story keinen Roman von gut 400 Seiten tragen), denn Leo, der vierte im Bunde, einst Gründer einer erfolgreichen Entertainment-Website und für seinen rasanten, großspurigen Lebensstil bekannt, leistet sich einen ebenso folgenschweren wie kostspieligen Fehler, der Francie Plumb, die Mutter der Geschwister und bis zur Auszahlung die Verwalterin des „Nest“, dazu veranlasst, ihm mit einem Großteil des Ersparten aus der Patsche zu helfen. Ein feiner Zug, aber für die anderen Geschwister ein ziemlicher Schlag ins Gesicht, zumal der Fonds damit auf eine eher überschaubare Summe zusammengeschrumpft ist, die keinem so recht weiterhilft, was eine Kettenreaktion auslöst, die weit über finanzielle Aspekte hinausgeht.

„Das Nest“ ist ein unterhaltsam geschriebener und kurzweilig zu lesender Familienroman, der sich nicht nur damit begnügt, die Sorgen und Nöte der vier Protagonisten zu beleuchten, sondern auch zahlreiche Nebenfiguren und untergeordnete Handlungsstränge mit einbezieht, die von den Spätfolgen des 11. September über die in absurde Höhen gestiegenen Immobilienpreise in New York bis hin zu Teenagern, die ihre sexuelle Identität suchen und einer sich wandelnden Medien- und Verlagslandschaft eine beachtliche Bandbreite abdecken. Nur selten wirkt der Roman dadurch aber überladen, zumal sich am Ende alle Teile zu einem stimmigen, vielleicht etwas arg optimistischem Gesamtbild zusammenfügen. Ein wenig problematischer ist da schon der Umstand, dass der Roman von seiner ganzen Konstruktion und Dramaturgie her wie die Ausformulierung eines Drehbuchs anmutet — fast so, als hätte Cynthia D’Aprix Sweeney bereits beim Schreiben an eine mögliche Verfilmung gedacht. Etwas mehr Tiefe, vor allem bei der Figurenzeichnung, hätte sicher nicht geschadet, aber insgesamt ist „Das Nest“ ein lesenswertes, gelungenes Debüt. Und als Film könnte man sich die Geschichte wirklich ebenfalls sehr gut vorstellen…


Cynthia D’Aprix Sweeney: Das Nest
Deutsch von Nicolai Schweder-Schreiner.
Klett-Cotta; ISBN 978-3-608-98000-4; 410 Seiten; € 19,95.

{Musik} Penny For Your Thoughts

Foto: Christian Zervos
Foto: Christian Zervos

Bei all den Büchern kommt in diesem Blog die Musik (leider) oft ein wenig zu kurz. Heute aber ausnahmsweise nicht, denn das von mir sehr geschätzte Einar Stray Orchestra hat dieser Tage den ersten Vorgeschmack seines kommenden Albums „Dear Bigotry“, das am 17. Februar kommenden Jahres bei Sinnbus erscheinen wird, veröffentlicht, und sowohl Song als auch Video machen enorme Vorfreude auf die dritte LP der Norweger.

Musikalisch knüpft „Penny For Your Thoughts“ an die im Vergleich zum ebenso sperrigen wie famosen Debüt „Chiaroscuro“ etwas eingängigeren, aber dennoch komplexen Stücke des zweiten Albums „Politricks“ an — die Band selbst sagt über die neue Platte, die im letzten Winter an der rauen Nordwestküste Norwegens aufgenommen wurde, Folgendes:

„Die neuen Songs drehen sich um Doppelmoral, eine Hassliebe zu Oslo sowie neue Aspekte unserer religiösen Erziehung. Die maximalistische Klanglandschaft wurde beeinflusst von allem zwischen Arabischem Folk bis Lana Del Rey.“

Aber jetzt hört erst einmal selbst:

Konzerttermine:
11.4.17 Dresden — Societätstheater
12.4.17 Nürnberg — Club Stereo
17.4.17 Freiburg — Waldsee
18.4.17 Köln — Arttheater
23.4.17 Bielefeld — Nrzp
25.4.17 Leipzig — UT Connewitz
26.4.17 Berlin — Berghain Kantine
27.4.17 Hamburg — Nochtspeicher

John Boyne: Die Geschichte der Einsamkeit

Die Geschichte der EinsamkeitMit dem im Jahr 2009 aufgedeckten Missbrauchsskandal in der irischen Kirche beschäftigt sich John Boyne in seinem hervorragenden Roman „Die Geschichte der Einsamkeit“.

Erzählt wird die Handlung des Buches aus Sicht von Pater Odran Yates, der seine Lebensgeschichte Revue passieren lässt. Selbst hat sich der Protagonist nie etwas zu Schulden kommen lassen, aber der jahrzehntelang auch von höchster Stelle vertuschte Kindesmissbrauch durch katholische Priester in seinem Heimatland erschüttert das Weltbild des integren Pater Yates in seinen Grundfesten — vor allem, weil es in seinem engsten Umfeld sowohl Opfer wie auch Täter gibt. Er fragt sich, ob er womöglich nicht doch Schuld auf sich geladen hat, allein schon, weil er jahrelang einem System gedient hat, in dem dunkle Machenschaften an der Tagesordnung waren. Hätte er womöglich schon früher etwas ahnen können und einfach nur die Augen vor dem Offensichtlichen verschlossen? Oder hat er, der einen Großteil seines Berufslebens zurückgezogen als Englischlehrer und Bibliothekar eines Internats verbracht hat, die Arbeit in den Gemeinden — also nahe an den arglosen potenziellen Opfern — aus purem Egoismus Kollegen überlassen, die nichts Gutes im Sinne führten?

Die unbequemen Fragen zum Thema Schuld, die sich die Hauptfigur in John Boynes Roman stellt, sind nicht beschränkt auf das eigentliche Thema des Buches, sondern universell und praktisch auf alle Bereiche zu übertragen. So ist „Die Geschichte der Einsamkeit“ letztlich neben der Kernhandlung auch eine bewegende Familiengeschichte, ein mehrere Jahrzehnte umspannendes Panorama des ewig strauchelnden Irlands sowie ein großartiges Buch über Moral, Loyalitätskonflike und zwischenmenschliche Beziehungen.

Unbedingt lesenswert!


John Boyne: Die Geschichte der Einsamkeit. Deutsch von Sonja Finck. Piper Verlag; ISBN 978-3-492-30992-9; 416 Seiten; € 9,99.

Über den Autor: John Boyne wurde 1971 in Dublin geboren, wo er auch heute noch lebt und arbeitet. Bislang verfasste er mehr als ein Dutzend Romane für Erwachsene und Jugendliche sowie eine Reihe von Kurzgeschichten. Weltweit bekannt wurde er mit seinem im Original im Jahr 2006 veröffentlichten Buch „Der Junge im gestreiften Pyjama“, von dem mehr als fünf Millionen Exemplare verkauft wurden. Im kommenden Februar erscheint John Boynes neuer Roman „The Heart’s Invisible Furies“.

Spannendes Programm 

bamlitBis Anfang Februar ist es zwar noch ein ganzes Weilchen hin, aber das jüngst veröffentlichte Programm des vom 2. bis zum 18.2.2017 stattfindenden Bamberger Literaturfestivals lädt durchaus dazu ein, schon jetzt ein wenig in Vorfreude zu schwelgen. Nach der erfolgreichen Premiere im vergangenen Winter finden nämlich auch zur zweiten Auflage, erneut unter der Leitung von Dr. Thomas Kraft, wieder allerlei prominente Autorinnen und Autoren ihren Weg in die Weltkulturerbestadt bzw. in einige umliegende Orte.

Gleich der Festivalauftakt am Donnerstag, 2. Februar, wartet mit einem echten Hochkaräter auf, gastiert doch kein Geringerer als der großartige Christoph Ransmayr mit seinem gerade erschienenen Roman „Cox oder Der Lauf der Zeit“ im Harmonie-Spiegelsaal. Zwei Tage später liest der auf Festivals dieser Art stets gern gesehene Feridun Zaimoglu in den Haas Sälen, ehe sich mit Alex Capus (Dienstag, 7. Februar; Buchhandlung Hübscher) und Martin Suter (Mittwoch, 8. Februar; Konzerthalle), der sein neues, im Januar erscheinendes Werk „Elefant“ vorstellt, zwei der renommiertesten eidgenössischen Autoren die Ehre geben.

Seine Autobiographie präsentiert der eben 80 Jahre alt gewordene Wolf Biermann am Donnerstag, 9. Februar, im Hegelsaal. Die neuere deutsche Literatur wird unter anderem vertreten durch die Autorin und Übersetzerin Isabel Bogdan, die im Schloss Sassanfahrt in Hirschaid aus ihrem Roman „Der Pfau“ liest (Dienstag, 14. Februar) und durch Saša Stanišic, der seinen Erzählband „Fallensteller“ in die Buchhandlung Hübscher mitbringt (Mittwoch, 15. Februar).

Preisgekrönt ist schließlich der Abschluss des Literaturfestivals am Samstag, 18. Februar, im Harmonie-Spiegelsaal mit dem Auftritt der Literatur-Nobelpreisträgerin von 2015, Swetlana Alexijewitsch.

Ausführlichere Informationen zu allen Veranstaltungen, den teilnehmenden Autorinnen und Autoren sowie Links zum Ticket-Vorverkauf gibt es auf der Homepage des Bamberger Literaturfestivals.

Am Rande des Wahnsinns

978-3-498-03573-0Ein Autor in der Schaffenskrise zieht sich mit Frau und Kind an einen abgeschiedenen Ort zurück, findet dort aber keine Ruhe und Inspiration, sondern verfällt zunehmend dem Wahnsinn. Was sich nach einer äußerst knappen Zusammenfassung von Stephen Kings Klassiker „Shining“ anhört, ist hier jedoch die grobe Handlung von Daniel Kehlmanns jüngster Erzählung „Du hättest gehen sollen“, einem schnell zu lesenden, luftig gesetzten Büchlein von knapp 90 Seiten.

Mehr noch als Stephen King standen aber Edgar Allan Poe oder H.P. Lovecraft Pate für diese in die moderne Zeit versetzte klassische Schauergeschichte, die ihren Schrecken vor allem daraus bezieht, dass sie so vieles im Ungefähren lässt. Wie es sich für solche Geschichten gehört, beginnt auch „Du hättest gehen sollen“ sehr harmlos. Der namenlose Protagonist, der die Handlung in eher knappen Worten in Form von Tagebucheinträgen erzählt, kommt in der Vorweihnachtszeit mit seiner Ehefrau Susanna und der vierjährigen Tochter Esther in einem abgelegenen, aber sehr schicken Ferienhaus irgendwo in den Bergen an, wo er an einem Drehbuch arbeiten und sich nach getaner Arbeit mit der Familie erholen möchte. Das scheinbare Idyll wird zunächst höchstens durch Spannungen zwischen den beiden Ehepartnern getrübt. So mokiert sich die hoch gebildete Susanna, eine erfolgreiche Schauspielerin, die seit ihrem 40. Geburtstag unter einer Auftragsflaute leidet, allzu gerne über das Künstlergehabe ihres Mannes, dessen Drehbücher eher dem leichten Komödienfach zuzurechnen sind als dem anspruchsvollen Arthouse-Kino, während er einwendet, dass er mit Büchern wie „Allerbeste Freundin II“ immerhin fast im Alleingang die Raten fürs Eigenheim mit Garten abbezahlt. Textnachrichten eines fremden Mannes, die der Protagonist auf Susannas Handy entdeckt, bringen den Haussegen dann schließlich endgültig in Schieflage. Deutlich mehr leidet der Erzähler allerdings unter diversen mysteriösen Ereignissen: Mal begegnet ihm eine seltsame Frau in seinen Träumen, mal machen die wortkargen Dorfbewohner beim Einkauf merkwürdige Andeutungen über das Ferienhaus und mal sieht er beim Blick ins Fenster zwar das Spiegelbild des gesamten Raums, aber nicht sich selbst.

Wer Action und drastische Schockmomente erwartet, dürfte von „Du hättest gehen sollen“ ziemlich enttäuscht sein. Selbst, als die Situation am Ende eskaliert, belässt es Daniel Kehlmann nur bei Andeutungen. Gerade darin liegt aber die große Stärke der Erzählung: Der Protagonist ist ein unzuverlässiger Erzähler, dessen Version der Geschichte wir Leserinnen und Leser Glauben schenken können oder eben nicht. Egal, wie wir uns entscheiden, eine andere Perspektive als die zunehmend beunruhigenden Aufzeichnungen eines Mannes am Rande des Wahnsinns bekommen wir nicht geliefert, was viel Spielraum für allerlei Interpretationen lässt.

So gelungen diese feine, beklemmende Erzählung aber auch sein mag, macht sie doch wieder einmal deutlich, was fehlt: Ein neuer Roman von Daniel Kehlmann nämlich.

Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen
Rowohlt Verlag, ISBN 978-3-4980-3573-0, 96 Seiten, 15 Euro.

Clara Maria Bagus: Vom Mann, der auszog, um den Frühling zu suchen

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Ein Mann sitzt am Fenster, eine Tasse Tee in der Hand, blickt gedankenverloren in den Garten und sehnt nach einem schon viel zu lang dauernden Winter die Ankunft des Frühlings herbei. Mit einem Szenario, das wohl jeder gut nachvollziehen kann und das sich im Laufe der nächsten Monate unzählige Male so oder so ähnlich zutragen dürfte, beginnt „Vom Mann, der auszog, um den Frühling zu suchen“ von Clara Maria Bagus.

Dann allerdings passiert in dieser „Reise zur Leichtigkeit“ etwas, das sich in der Realität wohl eher nicht zutragen dürfte: Der Mann erblickt im Garten einen Vogel und überall, wo sich das farbenprächtige Tier niederlässt, herrscht auf einmal das blühende Leben des Frühlings, während rundherum nach wie vor tiefster Winter ist. Fasziniert packt der namenlose Protagonist schnell das Nötigste zusammen und folgt dem Vogel, was — wie es eben so ist, wenn man als „Fußgänger“ mit einem Vogel Schritt halten möchte — nicht allzu gut gelingt. Schnell hat der Mann sein „Zielobjekt“ aus den Augen verloren und sich noch dazu hoffnungslos verirrt. Obwohl sein eigentliches Vorhaben, dem Vogel und damit dem Frühling zu folgen, offensichtlich gescheitert ist, erlebt er abseits des Weges Dinge und begegnet Menschen, die ihn etwas viel Wertvolleres lehren, nämlich die Kunst, ein gelungenes Leben zu führen.

„Und was glaubst du zu finden?“
„Den Frühling!“, platzte es aus dem Mann heraus, was ihn selbst überraschte.
„Den Frühling? Du gehst Meilen, um den Frühling zu finden? Warum hast du nicht einfach zu Hause gewartet, bis er kommt?“
„Weil das gute Leben nicht einfach vorbeikommt“, sagte der Mann.

Angereichert mit mehreren Fabeln und vielen Gleichnissen, gelingt der in Bern lebenden Clara Maria Bagus mit „Vom Mann, der auszog, um den Frühling zu suchen“, ein ruhig erzähltes modernes Märchen, das ganz ohne den moralischen Zeigefinger auskommt und sich den existenziellen Fragen, die sich wahrscheinlich jeder von uns im Laufe seines Lebens schon einmal gestellt hat, auf eine leichte, aber dennoch kluge Art und Weise widmet. Lesenswert!

Clara Maria Bagus: Vom Mann, der auszog, um den Frühling zu suchen.
Allegria Verlag, ISBN 978-3-7934-2307-2, 208 Seiten, 14 Euro.

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„Reisen Sie immer mit so sperrigen Büchern?“
„Ich würde niemandem vertrauen, der das nicht tut.“

(Offenbar ist die deutsche Ausgabe von „S.- Das Schiff des Theseus“ von J.J. Abrams und Doug Dorst mittlerweile vergriffen. Auf Englisch ist das Buch bei Canongate allerdings nach wie vor erhältlich.)