Diane Cook: Die neue Wildnis

Mit ihrem im Sommer 2020 erschienenen Debütroman „The New Wilderness“ gelang der Amerikanerin Diane Cook gleich der Sprung auf die Shortlist des Booker Prize. Inzwischen steht der dystopische Roman auch in der deutschen Übersetzung von Astrid Finke in den Regalen der Buchhandlungen. Trotz der vielen Vorschusslorbeeren und der durchaus interessanten Thematik war „Die neue Wildnis“ für mich leider eine eher zähe Lektüre.

Die Grundidee des in näherer Zukunft spielenden Buches ist ziemlich nah an der Realität. Diane Cook denkt bereits bestehende Probleme konsequent weiter und entwirft eine Welt, die der unseren nicht allzu fern, aber kaum noch lebenswert ist. Ein Großteil der Menschheit vegetiert zusammengepfercht in aus allen Nähten platzenden Megastädten mit schlechter Luft und hoher Kriminalitätsrate dahin, während der große Rest der vom Klimawandel gezeichneten Landfläche dazu da ist, den Ressourcenhunger der Metropolen zu befriedigen. Echte Natur existiert nur noch im von der Regierung geschaffenen „Wildnis-Staat“, einer Art großem Nationalpark. In einer wissenschaftlichen Studie soll herausgefunden werden, ob der Mensch überhaupt in der Lage ist, in Einklang mit der Natur zu leben (die Frage wird im Lauf des Buches geklärt, wobei die Antwort kaum zu überraschen vermag). Dazu werden 20 Frauen, Männer und Kinder ausgewählt, die streng reglementiert unter einfachsten Verhältnissen und den wachsamen Augen unnachsichtiger Ranger als nomadische Gemeinschaft im „Wildnis-Staat“ leben. Zu den ersten Siedlern gehören Bea und ihr Mann Glen, die sich vor allem wegen der angeschlagenen Gesundheit ihrer (Stief-) Tochter Agnes auf das Experiment eingelassen haben. Während sich Agnes, der die Stadt buchstäblich die Luft zum Atmen geraubt hat, in der Natur bald erholt, haben Bea und Glen wie alle anderen Siedlerinnen und Siedler mit diversen Problemen zu kämpfen. Bea hadert hin und wieder damit, ihr Dasein als Designerin in der Stadt hinter sich gelassen zu haben, und Glen, als Professor für Frühgeschichte ein Experte für primitive menschliche Lebensformen, muss sich eingestehen, dass Theorie und Praxis zwei Paar Schuhe sind. Hinzu kommen allerlei Gefahren, die in der Wildnis lauern, Streitigkeiten darüber, wer in der Gruppe das Sagen hat, und — gegen Ende — eine Entscheidung der Regierung, die existenzielle Folgen für die Gemeinschaft hat.

Das alles hat schon seinen Reiz und ist zweifellos klug konstruiert, aber wirklich fesseln konnte mich „Die neue Wildnis“ nicht. Der Roman mag trotz einiger drastischer Momente nicht auf Knalleffekte und aufregende Abenteuer ausgelegt sein, aber ganz so spröde hätte die Handlung nun auch nicht erzählt werden müssen. In nicht wenigen Passagen des knapp 540 Seiten starken Buchs laufen die Protagonist*innen vom einen Ort zum anderen oder diskutieren schier endlos über irgendwelche demnächst anstehenden Entscheidungen. Dementsprechend froh war ich, als ich das Buch wieder zuklappen konnte — schade drum, denn meiner Meinung nach wurde hier viel Potenzial liegengelassen.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Viola Ardone: Ein Zug voller Hoffnung

Mit ihrem im Original im Herbst 2019 erschienenen Roman „Ein Zug voller Hoffnung“ („Il treno dei bambini“) landete die 1974 in Neapel geborene Autorin, Lehrerin und Journalistin Viola Ardone einen beachtlichen Erfolg. Mehr als 200.000 Exemplare wurden von dem Buch in Italien verkauft und auch der Nachfolger „Oliva Denaro“ schaffte es letztes Jahr auf die vorderen Plätze der Bestsellerliste. Kein Wunder, dass Viola Ardone damit das Interesse internationaler Verlage geweckt hat. Esther Hansens deutsche Übersetzung von „Ein Zug voller Hoffnung“ ist soeben erschienen, „Oliva Denaro“ soll 2023 folgen.

„Ein Zug voller Hoffnung“ beleuchtet eine gerade hierzulande kaum bekannte Episode der italienischen Nachkriegsgeschichte. Ab 1946 wurden auf Betreiben der Kommunistischen Partei mehr als 100.000 Kinder aus dem verarmten Süden in den wohlhabenden Norden „verschickt“, um bei Gastfamilien aufgepäppelt zu werden und etwas Schulbildung zu bekommen. Oft entwickelten sich aus den mehrmonatigen Aufenthalten jahrelange Verbindungen und nicht wenige Kinder kehrten gar nicht mehr in die Heimat zurück, sondern wurden von ihren Gasteltern adoptiert.

Einer der Jungen, die im Herbst 1946 einen Zug von Neapel in Richtung Bologna besteigen, ist der knapp achtjährige Amerigo Speranza (ein sprechender Name, denn immerhin bedeutet der Nachname „Hoffnung“), der Ich-Erzähler des Romans. Amerigo wächst in ärmsten Verhältnissen bei seiner wenig liebevollen Mutter, einer alleinerziehenden Analphabetin, auf. Seinen Vater, der angeblich nach Amerika ausgewandert ist, kennt er nicht, die Schule musste er nach kurzer Zeit verlassen, um als Lumpensammler zum Familieneinkommen beizutragen. Trotzdem ist er von der Aussicht auf eine vermeintlich angenehme Auszeit in Norditalien nicht besonders angetan. Das hängt vor allem damit zusammen, dass in den Gassen seines Viertels allerlei Gruselgeschichten (heute würde man wohl Fake News dazu sagen) über diese Aufenthalte kursieren — so heißt es zum Beispiel, die Kinder würden in Wirklichkeit nach Russland verkauft und dort zum Frühstück verspeist. Als Amerigo aber vor der Abfahrt Schokolade und neue Schuhe bekommt, ist er schnell Feuer und Flamme. Trotz einiger Anlaufschwierigkeiten werden die Monate in der Nähe von Modena zu einer lebensverändernden Erfahrung. Seine Gastfamilie Benvenuti (zu Deutsch „Willkommen“, also noch so ein sprechender Name) ist freundlich und liebenswert, zudem gibt es bei den Landwirten stets ausreichend zu essen. Vater Benvenuti arbeitet neben der Landwirtschaft außerdem in einem Klaviergeschäft und entfacht bei seinem jungen Schützling Amerigo, der auch in der Schule schnell Fortschritte macht, die Liebe zur Musik.

Umso größer fällt der Kulturschock nach der Rückkunft in Neapel aus. Amerigo sieht sich aller Zukunftschancen beraubt, die er in Modena hatte. Auch die Mutter freut sich nicht übermäßig über die Heimkehr des Sohnes, sondern ärgert sich über die Flausen, die man dem Jungen in den Kopf gesetzt hat. Ein einschneidendes Ereignis zwingt Amerigo schließlich zu einer weitreichenden Entscheidung…

An dieser Stelle endet die 1946/47 spielende Handlung. Das restliche Viertel des Romans wird fast 50 Jahre später vom erwachsenen Amerigo erzählt, der nach dem Tod der Mutter nach Neapel reist und sich fragt, wie sein Leben verlaufen wäre, hätte er sich damals anders entschieden. Dabei erfahren wir auch, wie es ihm in dem halben Jahrhundert, das zwischen den beiden Erzählsträngen liegt, ergangen ist. Der kurze zweite Teil ist dabei deutlich nachdenklicher und berührender als der längere erste, weil dabei universelle Fragen gestellt werden, die uns alle betreffen. Allein die Idee, dass eine Kleinigkeit wie das Besteigen eines bestimmten Zuges zu einer bestimmten Zeit ein Leben von Grund auf ändern kann, ist faszinierend. Allerdings liest sich auch der vom jungen Amerigo, der fast ein wenig zu schlau und aufgeweckt ist (stellenweise fühlte ich mich an den „kleinen Lord“ erinnert), äußerst kurzweilig. Besonders gut versteht es Viola Ardone, die kleinen Gassen und die Gerüche des Nachkriegs-Neapels zum Leben zu erwecken. Ein hoffnungsvoller Roman mit ernsten Untertönen — unbedingt lesenswert!

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Alan Bennett: Drei daneben

Spätestens seit dem immensen Erfolg von „Die souveräne Leserin“ und Nicholas Hytners Verfilmung von „The Lady in the Van“ mit der großen Maggie Smith ist Alan Bennett literarisch Interessierten auch hierzulande ein Begriff. Dem Wagenbach Verlag ist es zu verdanken, dass die Werke des britischen Altmeisters seit Jahren zuverlässig in deutscher Übersetzung und in bibliophiler Ausstattung genossen werden können.

„Genuss“ ist das Stichwort, denn ein solcher ist natürlich auch „Drei daneben“ wieder. Dabei ist das dünne Bändchen ein ziemliches Sammelsurium unterschiedlichster Texte. Im Zentrum stehen zwei neue Monologe, die Alan Bennett anlässlich der Neuinszenierung seiner BBC-Serie „Talking Heads“ (ein großer Fernseherfolg in den 1980er und 1990er Jahren) geschrieben hat. In einem davon verliebt sich die Protagonistin in ihren halbwüchsigen Sohn, im anderen pilgert eine Witwe täglich an die Stelle, an der ihr Mann mit dem Motorrad tödlich verunglückt ist und lernt dabei eine ganz andere Seite ihres so biederen Clifford kennen. Wie alles aus der Feder Alan Bennetts sind auch diese beiden kurzen Szenen wunderbar hintersinnig und humorvoll — wofür andere ganze Romane bräuchten, genügen dem brillanten Dramatiker wenige Seiten.

Einen Großteil von „Drei daneben“ nimmt allerdings ein einleitender Essay von Regisseur Nicholas Hytner ein, der erläutert, wie knifflig es war, die Neuinszenierung der zwölf Monologe während des ersten Corona-Lockdowns im März und April 2020 unter der Einhaltung strengster Abstandsregelungen zu realisieren. Zweifellos ein Zeitdokument, dessen wahren Wert man vermutlich erst in ein paar Jahren vollständig zu schätzen weiß.

Aber noch viel, viel mehr hoffe ich, dass irgendjemand eines fernen Tages dieses Buch in einem Antiquariat zur Hand nimmt (mal angenommen, so etwas gibt es dann noch), die Einleitung durchblättert und sich undeutlich daran erinnert, dass es da einst dieses schreckliche Virus gab, das beinahe alles zum Stillstand brachte.

Nicholas Hytner (in Alan Bennett: Drei daneben)

Apropos Corona: Eine Episode um eine Geistererscheinung während einer Zoom-Trauerfeier enthält das schmale, vergnügliche Büchlein ebenso wie eine — erstmals auf Deutsch vorliegende — Erinnerung an die 2003 verstorbene Schauspielerin Thora Hird.

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Klara Jahn: Das Lied des Waldes

Zwei Handlungsstränge, zwischen denen mehr als 600 Jahre liegen, verwebt Klara Jahn (eines der gleich mehreren Pseudonyme der Autorin Julia Kröhn, die als Klara Jahn bereits „Die Farbe des Nordwinds“ veröffentlicht hat) in „Das Lied des Waldes“ gekonnt zu einem stimmungsvollen, kurzweiligen Ganzen. Im 14. Jahrhundert begegnen wir der jungen Patriziertochter Anna Stromer, die sich als Achtjährige im Nürnberger Reichswald verirrt, Bekanntschaft mit einer Einsiedlerin schließt und fortan ein ganz besonderes Verhältnis zum Wald entwickelt. Entgegen der damals landläufigen Meinung, dass der Wald beliebig gerodet und ausgebeutet werden kann, wächst die ruhige, wissbegierige Einzelgängerin zu einer frühen Umweltschützerin und Pionierin in Sachen nachhaltiger Nutzung natürlicher Ressourcen heran. Mit viel Eifer und Leidenschaft wird sie zu einer Vorreiterin auf dem Gebiet der Aufforstung und überzeugt sogar ihren geschäftstüchtigen Vater, sich von der holzintensiven Waffenproduktion abzuwenden und stattdessen die erste Papiermühle nördlich der Alpen zu eröffnen. Von den öden Monokulturen, die die geplante „Waldsaat“ eines Tages mit sich bringen würde, konnte Anna zu ihrer Zeit natürlich ebenso wenig ahnen wie von dem Umstand, dass die für die Papierherstellung benötigten Lumpen bald so knapp werden würden, dass man sich nach neuen Ausgangsmaterialien für Papier umschauen und ausgerechnet im Wald fündig werden würde.

Es heißt, man verliere den Verstand, wenn man zu lange allein im Wald ist. Ich jedoch glaube, man findet den Verstand nur in der Stille.

Klara Jahn: Das Lied des Waldes

Protagonistin der in der Gegenwart spielenden Teils des Romans ist die Mittvierzigerin Veronika, die nach dem Tod der Mutter in den Nürnberger Reichswald zurückkehrt, um das Forsthaus ihrer Eltern nebst des dazugehörigen Waldstücks möglichst schnell zu verkaufen. Möglichst schnell deshalb, weil sie dringend Geld braucht: Ihren Job als PR-Managerin in einer großen Agentur hat sie gerade verloren und wegen des Auszugs der Tochter sowie einer der Midlifecrisis ihres Mannes geschuldeten Ehekrise stehen gravierende berufliche wie private Umbrüche bevor. Die eigentlich rein geschäftliche Rückkehr in die Umgebung ihrer Kindheit wird aber schnell zu einer Reise in die Vergangenheit, auf der Veronika schnell mit einigen unbequemen Fragen konfrontiert wird. Konnte es ihr damals nicht schnell genug gehen, nach dem Abitur nach Frankfurt zu ziehen und eine glänzende Karriere anzustreben, fragt sie sich heute, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie nicht alle ihre früheren Überzeugungen und ihre Jugendliebe Martin hinter sich gelassen hätte. Neben den „Geistern der Vergangenheit“ tauchen, nachdem sich herumgesprochen hat, dass Veronikas bevorzugter Kaufinteressent auch in der ressourcenintensiven Papierproduktion tätig ist, bald ganz handfeste aktuelle Probleme in Person von Waldbesetzern auf.

Durch die Gliederung in zwei parallele, abwechselnd erzählte und eher lose miteinander verknüpfte Handlungsstränge sowie die Grundthematik erinnert „Das Lied des Waldes“ ein wenig an Maja Lundes „Klimaquartett“-Romane, wobei bei Klara Jahn das dystopische Element fehlt, wodurch die Geschichte etwas weniger reißerisch und dringlich wirkt. Die ruhige Erzählweise ist aber kein Nachteil, denn auch ohne größere Knalleffekte hört man dem „Lied des Waldes“ gerne zu. Schöne Naturbeschreibungen, interessante Exkurse in die Geschichte der Papierherstellung und des Forstwesens sowie ins Nürnberg des Spätmittelalters, gepaart mit der Erkenntnis, dass sich vermeintlich gute Entscheidungen manchmal erst viel später als Fehler herausstellen, machen diesen Roman äußerst lesenswert

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Volker Widmann: Die Molche

Ein fränkisches Dorf, Anfang der 1960er Jahre: Der elfjährige Max und vor allem sein verträumter jüngerer Bruder haben es als Zugezogene nicht leicht unter den oft recht vierschrötigen Alteingesessenen. Gerade die Bande um den brutalen Tschernik macht den beiden das Leben zuweilen zur Hölle. An einem Wintertag kommt es schließlich zur Katastrophe: Der Jüngere, von Tschernik und seinen Freunden in eine Ecke getrieben, wird von einem Stein am Kopf getroffen und bricht tot zusammen. Dass er nicht den Mut hatte, seinem Bruder zur Hilfe zu eilen, macht Max mindestens genauso schwer zu schaffen, wie die Reaktion der Erwachsenen auf diesen schrecklichen Vorfall. Alle, einschließlich der eigenen Eltern, sind sich einig, dass eben eine harmlose Balgerei zwischen Jungs zu einem tragischen Unglück geführt hat. Immerhin hatte der zu Tode gekommene Bub ja schon immer ein schwaches Herz…

Überhaupt sind die Erwachsenen in Volker Widmanns Debütroman „Die Molche“ wahre Meister darin, nicht genau hinzusehen und Unbequemes einfach totzuschweigen. Die Mütter sind in allererster Linie für Heim und Herd zuständig, die Väter entweder nicht da (so wie Max‘ Vater, der an einem Forschungsinstitut in der Stadt arbeitet und nur an den Wochenenden zur Familie ins Dorf kommt) oder vom Krieg physisch und psychisch schwer gezeichnete Gestalten, die sich für ihre Kinder höchstens dann interessieren, wenn es darum geht, sie zu züchtigen. Mit ihren Sorgen und Nöten sind die Kinder weitgehend alleine, Probleme und Streitigkeiten müssen sie selbst untereinander regeln. So geht es auch Max, der sich nach dem Tod des Bruders zuerst zurückzieht und später beschließt, zusammen mit seinen neu gewonnenen Freunden Heinz und Rudi sowie der unerschrockenen Marga etwas gegen Tschernik zu unternehmen.

Mit „Die Molche“ ist dem 1954 geborenen Volker Widmann ein leiser, aber eindringlich erzählter Coming-of-Age-Roman geglückt, der zuweilen an (Film-) Klassiker wie „Krieg der Knöpfe“ oder „Stand By Me“, aber auch an Paul Maars großartige Kindheitserinnerungen „Wie alles kam“ denken lässt. Natürlich spielt der entscheidende Teil der Handlung im Sommer, denn die einschneidenden Dinge zwischen Kindheit und Erwachsenwerden passieren bekanntlich immer im Sommer, ehe dann im Herbst alles anders ist.

Die Thematik um Freundschaft, Zusammenhalt und die erste Liebe wurde natürlich bereits mehr als ausgiebig erzählt, aber nicht zuletzt dank der wunderbaren Naturbeschreibungen (ähnlich gekonnt hat die flirrende Atmosphäre endloser Sommertage zuletzt Ewald Arenz in „Der große Sommer“ eingefangen) und der kritischen Auseinandersetzung mit der Sprachlosigkeit der Kriegsgeneration ist „Die Molche“ eben doch weit mehr als nur eine weitere Momentaufnahme aus der verwirrenden Zeit kurz vor der noch viel verwirrenderen Pubertät. Ein äußert lesenswerter Roman!

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Florian Weber: Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken

Puh, was für ein langer, komplizierter Buchtitel! Bei der Lektüre von Florian Webers drittem Roman erschließt sich der durchaus mehrdeutig zu verstehende Titel dann aber recht schnell. Zu Beginn tappt man jedoch erst einmal im Dunkeln — zum Glück befindet man sich dabei wenigstens nicht in einer so misslichen Lage wie Heinrich Pohl, der Protagonist der Geschichte. Der Mittvierziger treibt nämlich, verzweifelt festgeklammert an einer Styropor-Kühlbox, mitten im offenen Meer und weiß weder, wo er sich befindet (als Leserin oder Leser weiß man, dass es irgendwo zwischen der Küste Floridas und den Bahamas ist), noch, wie er dort hingekommen ist oder warum in seiner Nähe ein bewusstloser Clown, ein Lama und ein Klavier im Wasser herumdümpeln. Sicher ist bereits zu diesem Zeitpunkt, dass das alles kein gutes Ende nehmen kann — davon, wie es überhaupt zu dieser aussichtslosen Situation gekommen ist, erzählt „Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken“.

Nach der Anfangssequenz im Meer wandelt sich der Roman schnell zu einem aberwitzigen Roadtrip. Wir lernen Heinrich Pohl als etwas verzagten Archivar aus München kennen, der schon als Kind seine Zeit am liebsten im vollgestopften Antiquitätenladen seines Onkels Wendelin verbrachte. Einerseits, um seinem wenig liebevollen Vater und den fiesen Brüdern zu entgehen. Anderseits, um den schillernden, oft sehr frei ausgeschmückten Geschichten zu lauschen, die der Onkel zu jedem Stück in seinem Laden erzählen konnte („Konfabulation“ ist ein Stichwort, das man sich in diesem Zusammenhang merken sollte). Inzwischen ist Wendelin knapp 80 Jahre alt, schwer an Lungenkrebs erkrankt und hat eine letzte Bitte an Heinrich: Der Neffe soll den Todkranken auf einer Amerika-Reise von Utah nach Florida begleiten — auf exakt der Route, die Wendelin und dessen damals ebenfalls schwer kranke Frau Kerstin vor mehr als 40 Jahren gereist waren. Heinrich, nicht unbedingt ein großer Abenteurer, willigt zähneknirschend ein und stellt schon bald fest, dass Onkel Wendelin seine letzte Fahrt minutiös geplant hat und mit einigen überraschenden bis schockierenden Wahrheiten herausrücken möchte, die das Potenzial haben, Heinrichs restliches Leben gehörig auf den Kopf zu stellen.

Im Zirkus ist die Welt so bunt, wie sie es immer sein sollte, aber es leider nur selten ist.
Deswegen bin ich immer Zirkus. Ich bin immer Clown.

Florian Weber: Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken

Romane, in denen ungleiche Charaktere auf eine große, lebensverändernde Reise gehen, gibt es inzwischen wie Sand am Meer, aber Florian Webers „Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken“ ist trotzdem eine ganz besondere Geschichte. Zum einen, weil der schluffige Heinrich, der alte Schelm Wendelin und später die resolute Birdy ein Gespann abgeben, an das man sich noch lange erinnert. Zum anderen aber auch, weil Multitalent Florian Weber eine irrsinnige Lust am Erzählen an den Tag legt. Viele unvorhergesehene Wendungen, jede Menge schräge Gestalten und ein schier endloser Fundus an unnützem Wissen — es macht einfach Spaß, dieses Buch zu lesen. Auch, weil „Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken“ kein rosarotes Feelgood-Büchlein ist, sondern weil — ähnlich wie zum Beispiel beim Großmeister John Irving — die komischen Momente dank der tragischen und berührenden Passagen noch heller leuchten dürfen.

  • Florian Weber: Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken (Heyne Hardcore; 320 Seiten; ISBN: 978-3-453-27362-7).
  • Geplante Lesungen: 9. April – München: Volkstheater; 10. April – Schrobenhausen: Herzog-Filmtheater; 25. Oktober – Berlin: Pfefferberg Theater; 27. Oktober – Rostock: Helgas Stadtpalast; 28. Oktober – Hamburg: Nachtasyl.

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Jan Costin Wagner: Am roten Strand

In seinem ersten Fall „Sommer bei Nacht“ ließ das Ermittlungsteam um Ben Neven bei der Suche nach einem vermissten Fünfjährigen ein Netzwerk von Männern auffliegen, die sich über viele Jahre hinweg des Kindesmissbrauchs in seiner schlimmsten Form schuldig gemacht hatten. Da Jan Costin Wagner in seinem neuen Kriminalroman direkt an die Ereignisse des preisgekrönten Vorgängers anknüpft, ist es durchaus sinnvoll, die beiden Bände nacheinander zu lesen. Nach einer kurzen Orientierungsphase findet man sich aber auch ohne genauere Kenntnis des ersten Falls schnell in „Am roten Strand“ zurecht.

Der Kopf des Missbrauchs-Netzwerks sitzt inzwischen in Untersuchungshaft, nach weiteren Mitgliedern wird fieberhaft gefahndet. Der mutmaßliche Administrator des Chatforums, in dem schrecklichste Bilder und Videos getauscht wurden, wird unmittelbar vor seiner Verhaftung vergiftet, ein anderer Tatverdächtiger beim Joggen in einem Park erstochen. Mehrere Motive sind für die Polizei denkbar: Entweder wollte sich ein inzwischen erwachsenes, ehemaliges Opfer an den Männern rächen, oder ein Mitglied des Netzwerks wollte die beiden zum Schweigen bringen, ehe sie weitere Mittäter enttarnen und belasten. Egal, welche Theorie zutrifft, stecken die Ermittlerinnen und Ermittler in einer Zwickmühle. Sie müssen Männer schützen, die selbst schwere Schuld auf sich geladen haben und vor deren unentschuldbaren Taten sie sich ekeln. Für Ben Neven selbst tut sich aber noch ein ganz anderes Problem auf. Bei der Durchsicht des für andere nur schwer erträglichen Beweismaterials findet er heraus, dass ihn einige der Darstellungen keineswegs so sehr abstoßen, wie sie es eigentlich sollten…

Täter, die zu Opfern werden, Opfer, die zu Tätern werden, Polizisten, die nicht wissen, auf welcher Seite sie eigentlich stehen, unscheinbare Familienväter, die monströse Verbrechen begehen und schwer traumatisierte Betroffene von Kindesmissbrauch: „Am roten Strand“ ist ein Krimi, der seinen Leserinnen und Lesern einiges zumutet. Uneingeschränkt empfehlenswert ist das Buch deshalb nicht unbedingt, denn man muss sich schon genau überlegen, ob man sich auf die bedrückende Thematik einlassen möchte. Falls ja, bekommt man trotz der etwas vorhersehbaren Auflösung einen hervorragenden, dank der kurzen Abschnitte und ständig wechselnden Erzählperspektiven temporeichen Roman zu lesen, mit dem Jan Costin Wagner einmal mehr seinen Ruf als einer der besten deutschen Krimiautoren untermauert. Ein schlichtes Gut-Böse-Schema sucht man in „Am roten Strand“ ebenso wie allzu explizite Gewaltdarstellungen vergebens — vielmehr lauert das Grauen im Hintergrund und nicht zuletzt verborgen hinter dem ersten Anschein nach bürgerlichen Fassaden.

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Tania Blixen: Babettes Gastmahl

Schon 2008 widmete der Manesse Verlag unter dem Motto „Frauen lesen!“ sein Jahresprogramm den Klassikerinnen der Weltliteratur. Dieses Jahr heißt es ebenso schlicht wie treffend „Mehr Klassikerinnen!“

Dabei wird natürlich nicht nur Altbekanntes neu verpackt. Tania Blixens Erzählung „Babettes Gastmahl“ zum Beispiel liegt nun zum ersten Mal in einer vollständigen Übersetzung aus dem Dänischen vor. Den bisher veröffentlichten deutschen Übersetzungen lag eine frühere, kürzere Version des Textes zugrunde, den die Autorin in englischer Sprache für ein US-Magazin verfasst hatte. Das leinengebundene Büchlein, übersetzt und kommentiert von Ulrich Sonnenberg und mit einem ausführlichen Nachwort von Erik Fosnes Hansen versehen, ist also nicht nur ein bibliophiles Schmuckstück, sondern fürs deutschsprachige Publikum auch eine echte Neuentdeckung.

Angesiedelt ist die nur gut 60 Seiten kurze Erzählung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In einem Städtchen im dünn besiedelten Nordnorwegen begegnen wir Leserinnen und Leser den Schwestern Martine und Philippa, zwei ältlichen Pastorentöchtern, die zusammen mit den verbliebenen anderen Gemeindemitgliedern ein gottgefälliges, aber etwas freudloses Leben im Sinne ihres verstorbenen Vaters führen. In jungen Jahren hatten die beiden durchaus Verehrer, die sie aber zugunsten eines Daseins in Frömmigkeit und Enthaltsamkeit stets abwiesen. Philippas ehemaliger Verehrer, ein französischer Sänger, tritt Jahrzehnte später wieder ins Leben der Frauen. Nicht persönlich, sondern Person seiner Bekannten Babette Hersant, die nach der Niederschlagung der revolutionären Pariser Kommune unter Lebensgefahr fliehen musste und vom Sänger ins abgelegene Norwegen geschickt wurde. Natürlich nehmen die beiden barmherzigen Schwestern Babette bei sich auf und beschäftigen sie als Haushälterin.

Lange Zeit bereitet Babette, die bereits in Paris als Köchin gearbeitet hatte, pflichtbewusst karge Mahlzeiten für die Gemeindemitglieder zu, ehe zwei Ereignisse alles auf den Kopf stellen. Zum einen steht der 100. Geburtstag des verstorbenen Pastors an, zum anderen gewinnt Babette ein ordentliches Sümmchen in der Lotterie — diesen Gewinn will sie dafür verwenden, um sich am Jubiläumstag mit einem opulenten französischen Gastmahl für die Unterstützung in größter Not zu bedanken. Selbstredend wird das Abendessen zu einem großen Fest der Lebensfreude, wie man es in der pietistischen Gemeinde so noch nie erlebt hat.

Eigentlich könnte man meinen, dass „Babettes Gastmahl“ vor allem eine Feier des Kulinarischen mit vielen Anregungen für „Essen aus Büchern“ ist, aber dem Festmahl und dessen Vorbereitung widmet Tania Blixen nur ein paar knappe Sätze. Kein Wunder, geht es in der Erzählung mit dem leicht märchenhaft anmutenden Tonfall nicht unbedingt ums Essen, sondern vielmehr um den Wert der Kunst. Dass Babette die ehemalige Meisterköchin des besten Pariser Restaurants ist, ist in erster Linie dem Handlungsort der Geschichte geschuldet. Sie könnte genauso gut Musikerin, Dichterin oder Malerin sein, aber eine Köchin passt eben besser in ein Pfarrhaus in Nordnorwegen. Die Liebe zur (Koch-) Kunst hat Babette in den schweren Zeiten in der Pariser Kommune ebenso am Leben gehalten wie auf der Flucht; das Festmahl feiert schließlich den Umstand, dass sie das alles überstanden und in Norwegen eine neue Heimat gefunden hat.

Kunst als etwas, woran man sich auch in der größten Hoffnungslosigkeit klammern kann — mit dieser tröstlichen Vorstellung ist „Babettes Gastmahl“ (leider) allzu aktuell.

  • Tania Blixen: Babettes Gastmahl (aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg; Manesse Verlag; 120 Seiten; ISBN: 978-3-7175-6001-2).
  • Zum Weiterlesen: In Paolo Cognettis aktuellem Roman „Das Glück des Wolfes“ spielt ein kleines Restaurant namens „Babettes Gastmahl“ eine nicht unerhebliche Rolle.

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Ein Jahr voller Herausforderungen

Mit der Dänin Stine Pilgaard präsentiert sich in diesem Winter eine Autorin erstmals dem deutschen Publikum, die in ihrem Heimatland bereits beachtliche Erfolge vorweisen kann. Ihr Erstling „Meine Mutter sagt“ (erscheint voraussichtlich 2023 ebenfalls bei Kanon) wurde mit dem wichtigsten Debütpreis des Landes ausgezeichnet, „Meter pro Sekunde“ avancierte gar zum erfolgreichsten dänischen Roman der letzten Jahre. Um die Erwartungen gleich noch ein wenig in die Höhe zu schrauben, wurde das Buch vom renommierten Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel ins Deutsche übertragen und das Hörbuch von Caroline Peters gelesen.

Um sich in „Meter pro Sekunde“ zurechtzufinden, muss man sich zunächst mit der dänischen Institution der Heimvolkshochschule (Folkehøjskole) vertraut machen. Die Idee dieser nichtstaatlichen Einrichtungen geht auf das 19. Jahrhundert und den Gründer Nikolai F. S. Grundtvik zurück. Nach wie vor bieten die meist auf dem flachen Land gelegenen, internatsähnlichen Heimvolkshochschulen jungen Menschen Jahreskurse sowie mehrwöchige Aufenthalte mit kreativen, künstlerischen oder ökologischen Inhalten an. Von vielen Abiturient*innen wird der Besuch einer Folkehøjskole als Orientierungsjahr zwischen Schule und Berufsleben oder Studium genutzt.

An solch eine Heimvolkshochschule im dünn besiedelten Westjütland verschlägt es die namenlose Ich-Erzählerin von „Meter pro Sekunde“, als ihr ebenfalls namenloser Freund und Vater des gemeinsamen Sohnes (auf einen Namen für den immerhin fast Einjährigen konnte sich das etwas unentschlossen und wenig lebenspraktische Paar noch nicht einigen) eine Stelle als Lehrer antritt. Mit der neuen Umgebung fremdelt die Protagonistin zunächst sehr: Das Leben auf dem Schulgelände (den Beschäftigten und ihren Familien werden Dienstwohnungen zur Verfügung gestellt) mit der ständigen Nähe zu Kolleg*innen und Schüler*innen birgt allerlei Fallstricke, mit ihrer Rolle als Mutter ist sie oft überfordert, die Einheimischen im „Land der kurzen Sätze“ erscheinen ihr abweisend und die Fahrstunden für den auf dem Land dringend benötigten Führerschein sind ein einziges Desaster. Immerhin geht sie in ihrem Job voll auf. Bei der lokalen Tageszeitung betreut sie die Kummerkasten-Rubrik und berät Ratsuchende bei mehr oder weniger alltäglichen Problemen. Ob sie mit ihren schlagfertigen Antworten aber tatsächlich den Fragenden oder doch eher sich selbst hilft, bleibt einmal dahingestellt.

Im den Zeitraum eines Schuljahres umfassenden Buch wechseln sich kurze, höchstens ein paar Seiten lange Szenen aus dem Leben der Protagonistin ab mit Fragen und Antworten aus der Kummerkasten-Rubrik sowie umgedichteten Texten aus dem Liederbuch der Heimvolkhochschulen (in Dänemark gehören viele dieser Lieder zum allgemein bekannten Kulturgut, im Deutschen funktioniert dieser durchaus charmante Einfall höchstens mittelprächtig). Diese schnellen Wechsel sorgen für ein kurzweiliges Lesevergnügen und passen gut zu den ständigen neuen Herausforderungen, vor denen die Ich-Erzählerin steht.

Mit ihrem unkonventionellen Schreibstil, der spielerischen Herangehensweise an die Sprache und dem sarkastischen, oft etwas derben Humor ist Stine Pilgaard auf jeden Fall ein Roman gelungen, der auch hierzulande viele Leser*innen begeistern sollte. Ich selbst zähle leider nicht unbedingt dazu. Mir blieb „Meter pro Sekunde“ von Anfang bis Ende etwas fremd. Der eigenwillige Humor zündete bei mir nicht so recht, die Figuren ließen mich eher kalt und auch mit den dänischen Eigenheiten konnte ich mich nicht anfreunden (offenbar gibt es in unserem Nachbarland ein erhebliches, als Geselligkeit getarntes Alkoholproblem — zuletzt auch thematisiert im Kinofilm „Der Rausch“). Ein paar Sätze haben mich aber doch mit dem Buch versöhnt — und werden mir nachhaltig in Erinnerung bleiben. Zum Beispiel diese hier:

Alle Menschen haben in sich einen einsamen, dunklen Raum. […] In schwachen Momenten denken wir, dieses Loch hätte Menschenform, es wäre ein kleines Puzzlespiel, bei dem nur noch ein Teilchen fehlt. Wir suchen danach, nach dem, was ganz genau hier passt und die Dunkelheit vertreiben kann. Das ist irgendwie sehr lieb, aber falsch. Die Dunkelheit gehört uns selbst, wir können sie mit niemandem teilen.

Stine Pilgaard: Meter pro Sekunde

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Kurz rezensiert, Folge 2

J. R. Moehringers Memoir „Tender Bar“ stand mehrere Jahre ungelesen und beinahe vergessen in meinem Regal. Erst George Clooneys Verfilmung (die ich bisher noch nicht gesehen habe) ermunterte mich, den Roman doch endlich einmal zu lesen. Und was soll ich sagen: Es wäre eine Schande gewesen, hätte dieses wundervolle Buch noch länger unbeachtet herumgestanden.

„Tender Bar“ ist in erster Linie ein autobiographischer Coming-of-Age-Roman über den jungen J. R. Moehringer, der in einer etwas chaotischen Patchworkfamilie auf Long Island aufwächst, später in Yale studiert und als Nachwuchs-Reporter bei der New York Times anheuert. Ein beachtlicher Aufstieg, der ihn aber nicht recht glücklich macht. Ein Platz, an dem er sich allerdings immer geborgen fühlt und an dem er mehr über das Leben und sich selbst lernt als an jeder Eliteuni, ist das „Publicans“, die Bar, in der sein Onkel Charlie hinter dem Tresen steht.

Von den liebenswerten, ebenso schrägen wie lebensklugen Gestalten, die die Bar bevölkern, kann man auch als Leser*in jede Menge lernen, so dass es am Ende schwerfällt, diesen warmherzigen, bittersüßen und humorvollen Roman aus der Hand zu legen.

Jedes Buch ist ein Wunder. Jedes Buch repräsentiert einen Augenblick, in dem jemand ruhig – und diese Ruhe ist zweifellos ein Teil des Wunders – dasaß und versucht hat, dem Rest von uns eine Geschichte zu erzählen.

J. R. Moehringer: Tender Bar

***

Die Bücher des Norwegers Jørn Lier Horst gehören seit ein paar Jahren zu meinen bevorzugten Kriminalromanen aus dem hohen Norden. Zum einen, weil sie mit Kommissar William Wisting einen sehr sympathischen Protagonisten haben, der keineswegs ohne Fehler ist, sich aber nicht in die Riege der zynischen, vom Leben schwer gebeutelten Persönlichkeiten einreiht, die sonst gerne in skandinavischen Krimis ermitteln. Zum anderen, weil sie so gut geschrieben und klug aufgebaut sind, dass sie ganz ohne bizarre Ritualmorde und drastische Gewaltszenen jede Menge Spannung aufbauen.

„Eisige Schatten“, im Original 2013 erschienen und nun neu aufgelegt (deutsche Übersetzung von Andreas Brunstermann), gehört zu den stärksten Bänden der Reihe. Mehr oder weniger durch einen Zufall kommt die Polizei einem seit fast 20 Jahren abgetauchten amerikanischen Serienmörder auf die Spur, der sich in Norwegen im Leben eines Anderen „eingenistet“ und lange völlig unbemerkt weitergemordet hat. Neben der dramatischen, fintenreichen Jagd auf den Täter beschäftigt sich der Roman auch mit gesellschaftlichen Fragen. Wie kann es zum Beispiel sein, dass Menschen zwar mitten unter uns leben, aber so einsam und für andere unsichtbar sind, dass niemand ihr Verschwinden bemerkt? Eine große Leseempfehlung!