Luca D’Andrea: Der Tod so kalt

Ein abgeschiedenes Bergdorf mit wortkargen Bewohnern, die ein ungeheuerliches Geheimnis bewahren und ein Fremder, der in die verschwiegene Gemeinschaft eindringt und versucht, Licht ins Dunkel zu bringen — für Spannungsliteratur ist das ein geradezu klassisches Setting.

Man denke da nur an Thomas Willmanns fulminanten, alpenländischen Rachewestern „Das finstere Tal“, in dem ein angeblicher Landschaftsmaler in einem abgelegenen Tal auftaucht und abrechnet mit einem skrupellosen Familienclan, der die anderen Dorfbewohner seit Jahrzehnten mit physischer und psychischer Gewalt unterdrückt.siebenhochAnders als der Fremde bei Willmann, dessen Biographie untrennbar mit den Vorgängen im Dorf verbunden ist, kommt Jeremiah Salinger, der Protagonist von Luca D’Andreas Romandebüt „Der Tod so kalt“ eher zufällig mit der finsteren Geschichte in Berührung, die Siebenhoch, das Heimatdorf seiner Ehefrau Annelise, und dessen Bewohner seit beinahe dreißig Jahren nicht mehr loslassen will. Unterfordert und gelangweilt von der Genesungsphase nach einem folgenschweren Unfall in den Bergen, der dem amerikanischen Dokumentarfilm-Autor (übrigens eine Gemeinsamkeit mit Luca D’Andrea, der das Buch zur erfolgreichen italienischen Doku-Serie „Mountain Heroes“ verfasste) beinahe das Leben gekostet hatte, erfährt Salinger in einem beiläufig mitgehörten Gespräch vom „Bletterbach-Massaker“, bei dem während eines tagelangen Unwetters im Jahr 1985 drei junge Leute aus Siebenhoch in der Bletterbachschlucht auf äußerst grausame Art und Weise ermordet worden waren. Da die Morde trotz diverser mehr oder weniger plausibler Theorien und einiger Verdächtiger niemals aufgeklärt wurden und Salingers Schwiegervater, der Bergretter Werner Mair, unter denjenigen war, die die schlimm zugerichteten Leichen damals fanden, ist der Neuankömmling, der immer auf der Suche nach einer packenden Geschichte ist, sofort Feuer und Flamme. Die anfängliche Faszination steigert sich aber schnell in eine ungute Besessenheit, die weder bei den Dorfbewohnern noch bei Salingers Familie auf viel Gegenliebe stößt.

Dass Luca D’Andreas eigentliches Metier der (Dokumentar-) Film ist, merkt man beim Lesen von „Der Tod so kalt“ auf nahezu jeder Seite: Der in Bozen lebende Autor hat ein gutes Gespür für ansteigende und wieder abflauende Spannungskurven, schnelle Schnitte, prägnante Figuren und starke Bilder (neben Wissenswertem aus der wechselhaften Geschichte Südtirols ist von Knödeln über Speck bis hin zum Krampus schließlich auch nahezu jedes Südtirol-Klischee im Roman vertreten). Obwohl die Handlung an einigen Stellen durchaus hätte gestrafft werden können, liest sich das mit mehr als 450 Seiten recht umfangreiche Buch flott und kurzweilig weg. Just in dem Moment, in dem allerdings bereits eine plausible Auflösung auf dem Tisch zu liegen scheint, biegt „Der Tod so kalt“ im Schlussspurt dann noch einmal in eine ganz neue Richtung mit leichtem Mystery-Einschlag ab. Ob man diese letzte Wendung nun originell oder schlichtweg überzogen und überflüssig finden möchte, bleibt wohl jedem selbst überlassen. Wer — wie ich — eher zur zweiten Variante tendiert, dürfte diesen eigentlich spannenden und gut gemachten Thriller mit einem leichten Gefühl der Ernüchterung aus der Hand legen.


Luca D’Andrea: Der Tod so kalt. Deutsch von Verena von Koskull. DVA Belletristik; ISBN: 978-3-421-04759-5; 480 Seiten; 14,99 Euro.

Thomas Willmann: Das finstere Tal. Ullstein Verlag. ISBN: 978-3-548-28640-2; 320 Seiten; 9,99 Euro.

Ein Interview mit Luca D’Andrea findet sich hier, ein Beitrag des BR-Kulturmagazins „Capriccio“ dort.

Lesungen:
3. April — Hannover, Buchhandlung Leuenhagen & Paris
4. April — Frankfurt, Romanfabrik
5. April — München, Alpines Museum (im Rahmen des Krimifestivals)
6. April — Wiehl, Evangelisches Gemeindehaus

Der Film zum Buch: Hotel New Hampshire

Gestern feierte John Irving seinen 75. Geburtstag — Grund genug, etwas von ihm zu entdecken, was ich bisher noch nicht kannte, nämlich die Verfilmung seines meisterhaften Romans „Das Hotel New Hampshire“.dsc_0194Der drei Jahre nach der 1981 veröffentlichten Buchvorlage in den Kinos angelaufene Film schmückte sich zwar mit einer prominenten Besetzung, spielte aber in den USA nicht einmal die Produktionskosten von knapp 7,5 Millionen Dollar ein. Anders als bei der erfolgreichsten Irving-Verfilmung „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ zeichnete auch nicht John Irving selbst für das Drehbuch (wofür er im Jahr 2000 sowohl mit dem Golden Globe als auch mit dem Oscar ausgezeichnet wurde) verantwortlich, sondern Tony Richardson, der bei „Hotel New Hampshire“ (seltsamerweise verzichtet der deutsche Titel der Verfilmung auf den beim Buchtitel verwendeten Artikel) Regie führte.

Es bleibt einem immer nur übrig, nach der Devise zu handeln: Bleibt weg von offenen Fenstern.

Obwohl der Film in vielen Details von der Romanvorlage abweicht, ist die Handlung im Großen und Ganzen natürlich gleich: Erzählt wird von der kinderreichen Familie Berry, die mehrere Hotels führt — unter anderem auch in Wien, einem beliebten Handlungsort vieler Geschichten John Irvings, der in den sechziger Jahren zwei Semester in der österreichischen Hauptstadt studierte –, eine Reihe skurriler Situationen zu meistern hat und mehrere tragische Schicksalsschläge hinnehmen muss. Ein wenig sind diese Ereignisse im Film leider nach Art einer Nummernrevue aneinandergereiht, wobei teilweise mehr Wert auf Slapstick gelegt wird als auf die feinen Zwischentöne und das komplexe Beziehungsgeflecht, das die Familienmitglieder untereinander beziehungsweise mit den diversen Nebenfiguren verbindet. Womöglich ist es allerdings auch ein wenig zu viel verlangt, die knapp 600-seitige, relativ dichte Romanhandlung in gut 100 Minuten auf die Leinwand zu bringen, ohne dabei an irgendeiner Stelle die Schere anzusetzen.

Liebe schwimmt immer obenauf, genauso wie Kummer.

Trotz der durchaus vorhandenen Schwächen lohnt sich „Hotel New Hampshire“ vor allem für Freundinnen und Freunde des Buches, zumal allein das Wiedersehen mit dem unerschütterlich optimistischen Win Berry (Beau Bridges), dem unsicheren John (Rob Lowe), der niemanden so sehr begehrt wie seine äußerst direkte Schwester Franny (Jodie Foster), der altklugen Lily (Jennifer Dundas) und dem liebenswerten Frank (Paul McCrane) eine große Freude ist.

Wer den Roman allerdings noch nicht kennt, für den gilt (abgesehen von der immer gültigen Devise natürlich, sich von offenen Fenstern fernzuhalten): Zuerst das Buch lesen, dann den Film schauen.


Hotel New Hampshire (USA, GB, KAN 1984). Regie und Buch: Tony Richardson; Darsteller: Rob Lowe, Jodie Foster, Beau Bridges, Nastassja Kinski, Paul McCrane, Jennifer Dundas, Seth Green, Lisa Banes, Wilford Grimley.

John Irving: Das Hotel New Hampshire. Diogenes Verlag; ISBN: 978-3-257-21194-8; 608 Seiten; € 12,90.

Tijan Sila: Tierchen unlimited (Hörbuch)

cd_tierchen_unlimited_web_2Die Pubertät ist eine Phase im Leben, die einen Heranwachsenden selbst unter den günstigsten äußeren Umständen vor ungeahnte Herausforderungen stellt. Besonders arg wird es freilich, wenn gerade zu Beginn der Pubertät auch noch ein Krieg ausbricht, wobei „Krieg“ für den jungen Protagonisten von Tijan Silas großteils im Sarajevo der frühen Neunzigerjahre spielenden Debütroman „Tierchen unlimited“ zunächst in erster Linie bedeutet, dass er und seine Freunde sich bei ihren Streifzügen durch die Nachbarviertel gelegentlich vor Beschuss in Acht nehmen müssen und nur dann Computerspiele zocken können, wenn es im Viertel gerade Strom gibt.

Eine wirklich dramatische Wendung bringt jedoch der Sommer 1994, als die Eltern des Erzählers beschließen, nach Deutschland auszureisen. Die beiden promovierten Akademiker, sie Physikerin, er Bibliothekswissenschaftler, waren davon ausgegangen, ihre beruflichen Laufbahnen im neuen Land nahtlos fortsetzen zu können, was sich letzten Endes als folgenschwerer Irrtum erweist. Statt gut bezahlter Anstellungen an Hochschulen gibt es für die Eltern im Südwesten Deutschlands zunächst prekäre Aushilfsjobs, die hübsche Wohnung entpuppt sich als beengte Notunterkunft in einem Studentenwohnheim und der Sohn landet mangels Sprachkenntnissen vorerst an der Hauptschule. Er schafft es mit viel Fleiß und über Umwege zwar zu Abitur und Studium, aber das Ankommen in Deutschland fällt ihm lange Zeit dennoch schwer. Einerseits ist er zwar blitzgescheit und legt Wert auf gute Umgangsformen, andererseits neigt er aber dazu, immer wieder krumme Dinger zu drehen. Wenig Glück hat er auch mit seinen deutschen Freundinnen, die zwar meist aus gutem Hause kommen, dummerweise jedoch erstaunlich oft Brüder haben, die der Neonaziszene zugeneigt und dem bosnischen Einwanderer entsprechend feindlich gesinnt sind. Die Gewalttätigkeit eines dieser Brüder liefert auch den rasanten Einstieg in den zwischen den verschiedenen Zeitebenen und Handlungsorten springenden Roman, wobei die Flucht des verprügelten und nackten Protagonisten auf einem alten Rennrad gleich den Rhythmus des gesamten Buches vorgibt.

Es geht Schlag auf Schlag in dieser ereignisreichen, tragikomischen und lakonisch erzählten Coming-of-Age-Geschichte, die in ihrem späteren Verlauf sogar noch einen kleinen Schwenk in Richtung Spionagethriller macht. Die dunkleren und auch heute in ähnlicher Form noch brisanten Aspekte der Handlung (Krieg, Flucht, vorübergehender sozialer Abstieg, Ausländerfeindlichkeit) werden dagegen meist eher nur am Rande angeschnitten, wodurch „Tierchen unlimited“ leider dann und wann ein wenig der Tiefgang abhanden kommt.

In erster Linie verspricht Tijan Silas für den Debütpreis der lit.COLOGNE (*) nominierter Roman also kurzweilige Unterhaltung. Dem jungen Schauspieler Max von der Groeben gelingt es in der Hörbuchversion, den Drive der Buchvorlage gekonnt aufzunehmen, so dass man „Tierchen unlimited“ gerne knapp fünfeinhalb Stunden seiner Zeit widmet.


Tijan Sila: Tierchen unlimited. Ungekürzte Lesung von Max von der Groeben; Headroom Verlag; ISBN: 978-3-942175-83-8; 5 CDs (Gesamtlänge ca. 5 Stunden 20 Minuten); 18 Euro.

Buchvorlage erschienen bei Kiepenheuer & Witsch; ISBN: 978-3-462-05026-4; 224 Seiten; 18 Euro.

(*) Weitere Kandidaten sind „Ellbogen“ von Fatma Aydemir und „Der Club“ von Takis Würger.

Lesungen:
♦ 9. März — Kaiserslautern, Friedenskapelle
♦ 11. März — Köln, Schauspielhaus (lit.COLOGNE)
♦ 18. März — Berlin, Kulturbrauerei
♦ 23. März — Leipzig, Moritzbastei (Lange Lesenacht)

Fabio Paretta: Die Kraft des Bösen

Die Kraft des Boesen von Fabio ParettaDank Elena Ferrante ist Neapel momentan mit einem dicken Kreuz auf der literarischen Landkarte vermerkt. Auch in „Die Kraft des Bösen“, dem aktuellen Kriminalroman eines unter dem Pseudonym (eine weitere Parallele zu Ferrante) Fabio Paretta schreibenden deutschen Autors mit Wahlheimat Italien, spielt die Hauptstadt der Region Kampanien eine tragende Rolle. Eigentliche Hauptfigur der Geschichte ist zwar der mitten in einer ernsthaften Ehekrise steckende Commissario Franco de Santis, Leiter der Mordkommission IV, aber Neapel mit all seinen Gegensätzen, Widersprüchen und Eigenheiten gibt unzweifelhaft den Ton des Buches vor. Gekonnt zeichnet Paretta in der schwülen Hitze des neapolitanischen Sommers das oft triste Bild einer Stadt, die hin- und hergerissen ist zwischen bezaubernder Schönheit und großem Traditionsbewusstsein (natürlich samt der Erinnerung an die glorreichen Zeiten, in denen der große Diego Maradona beim SSC Neapel glänzte) auf der einen und wirtschaftlichem Niedergang sowie der Gewaltherrschaft der Camorra auf der anderen Seite. Vetternwirtschaft und Verstrickungen zwischen Amtsträgern und dem organisierten Verbrechen sind an der Tagesordung. Selbst de Santis ältester Freund Bruno arbeitet für einen der mächtigen Mafia-Clans (worin genau der Job besteht, fragt der Kommissar lieber nicht) und gerade in den tristen Hochhaussiedlungen am Stadtrand gilt die Omertà mehr als das Vertrauen in Polizei und Rechtsstaat.

In einer dieser grauen Trabantenstädte wird Don Sebastiano, ein engagierter Gemeindepfarrer, erhängt im Glockenturm seiner Kirche gefunden. Auf den ersten Blick deutet alles auf einen Suizid hin, doch kleine Unstimmigkeiten wie der allzu sorgsam platzierte Abschiedsbrief lassen de Santis und seine Kollegen am Freitod des Seelsorgers zweifeln. Hat sich Don Sebastiano mit der Camorra angelegt oder hängt das überstürzte Verschwinden seiner Haushälterin Natascha, zu der er angeblich ein intimes Verhältnis pflegte, mit dem gewaltsamen Tod zusammen?

Wie bereits erwähnt, ist es vor allem Neapel als Kulisse zu verdanken, dass „Die Kraft des Bösen“ ein lesenswerter und erfreulicherweise nicht übertrieben gewalttätiger Krimi ist. Allerdings sind auch die Story, die einige doch halbwegs überraschende Wendungen nimmt und nur gegen Ende ein klein wenig unübersichtlich zu werden droht, sowie die sympathisch gezeichneten Mitglieder des Ermittlerteams, durchaus gelungen. „Franco de Santis erster Fall“ verspricht das Buchcover, was auf eine Fortsetzung der Reihe hindeutet — dagegen wäre nichts einzuwenden.


Fabio Paretta: Die Kraft des Bösen. Penguin Verlag; ISBN: 978-3-328-10050-8; 416 Seiten; 10 Euro.

Harald Martenstein: Im Kino

martensteinDas Kino, so lernen wir ganz zu Beginn dieses Sammelbandes, war Harald Martensteins erste Liebe. Einerseits, weil er seine Laufbahn als Schreibender unter anderem mit dem Verfassen von Filmkritiken für ein kleines Lokalblatt begann, andererseits aber auch aus ganz pragmatischen Gründen:

Ein langweiliger oder schlecht gemachter Film ist besser auszuhalten als schlechtes Theater oder schlechte Literatur. Ich mochte das Kino auch als Ort, weil ich schüchtern war und es mir gefiel, im Dunkeln zu sitzen und anderen Leuten zuzusehen.

Später widmete sich Harald Martenstein dem Thema Film in erster Linie in seiner Berlinale-Kolumne für den „Tagesspiegel“ — ausgewählte und teilweise leicht veränderte Texte aus den letzten gut 20 Jahren liegen nun in gebündelter Form in „Im Kino“ vor, dessen Erscheinungstermin praktischerweise so gewählt wurde, dass man sich mit dem Büchlein gleich auf die am 9. Februar mit dem Film „Django“ von Etienne Comar beginnende 67. Auflage des Berliner Filmfestivals einstimmen kann. An sich hätte diese kurzweilig und unterhaltsam wegzulesende Kolumnensammlung auch gut und gerne „Auf der Berlinale“ getauft werden können, drehen sich die Texte doch mindestens genauso stark um das Festival und das ganze Drumherum wie um Filme und das Kino an sich. Das ist natürlich auf der einen Seite nachvollziehbar, auf der anderen Seite aber auch ein wenig schade, weil dadurch einige der Kolumnen gerade für die Leserinnen und Leser, die die Berlinale während der vergangenen beiden Jahrzehnte nicht ganz so aufmerksam verfolgt haben, unter Umständen ein wenig angestaubt und reizlos wirken dürften. Außerdem sind gerade die Texte, in denen sich Harald Martenstein Gedanken um das Kino an sich macht oder ganz bestimmte Filme empfiehlt bzw. von ihnen abrät, die gelungensten dieses Buches.

Als Filmkritiker bewegt sich der Autor nämlich auf Augenhöhe mit seiner nicht unbedingt aus allwissenden Cineasten bestehenden Leserschaft und legt auch gerne Streifen ans Herz, die manch ein Vertreter der Kritiker-Kaste als zu „gefällig“ oder gar „mainstreamig“ abtun würde. So hat man dank dieser unprätentiösen Empfehlungen am Ende der Lektüre von „Im Kino“ eine kleine Liste von Filmen zusammen, die man unbedingt so bald wie möglich auch einmal sehen möchte. Die Neugierde wecken auf Filme und aufs Kino — mehr kann ein Buch wie dieses eigentlich gar nicht leisten.


Harald Martenstein: Im Kino. C. Bertelsmann Verlag; ISBN: 978-3-570-10278-7; 208 Seiten; 16,99 Euro.

Lesungen im Februar und März:
♦ 2. Februar — Berlin, Hotel Morgenland
♦ 21. Februar — München, Literaturhaus
♦ 7. März — Kirchheim, Buchhaus Zimmermann
♦ 8. März — Wolfratshausen, Buchhandlung Rupprecht
♦ 9. März — Eichstätt, Buchhandlung Rupprecht
♦ 10. März — Bad Mergentheim, Buchhandlung Rupprecht
♦ 14. März — Bad Vilbel, Stadtbibliothek
♦ 15. März — Bonn, Thalia
♦ 16. März — Essen, Medienforum des Bistums Essen
♦ 17. März — Koblenz, Deinhard’s
♦ 26. März — Berlin, Kabarett-Theater Distel (Sonntag-Talk „Missverstehen Sie mich richtig!“ mit Gregor Gysi)
♦ 28. März — Berlin, Verlagshaus „Der Tagesspiegel“

Charles Foster: Der Geschmack von Laub und Erde. Wie ich versuchte, als Tier zu leben

der_geschmack_von_laub_und_erdeDie Wissenschaft hat in den vergangenen Jahren einige erstaunliche Fortschritte hinsichtlich der Erforschung von Verhaltensweisen und Fähigkeiten von Tieren gemacht. Allerdings sind all diese aufgrund von langwieriger Beobachtung, Auswertung von GPS-Daten oder Messung von Hirnströmen gewonnenen Erkenntnisse eher theoretischer Natur und erklären letzten Endes nicht, wie Tiere ihre Umwelt tatsächlich wahrnehmen und was sie denken oder fühlen. Inwieweit sich das überhaupt herausfinden lässt, wird sich erst in der Zukunft zeigen, aber einstweilen schadet es ja nicht, sich mit eher spekulativen Experimenten zu behelfen, wie sie Charles Foster in seinem Buch „Der Geschmack von Laub und Erde. Wie ich versuchte, als Tier zu leben“ beschreibt.

Der Untertitel lässt schon sehr gut erahnen, wie der englische Tierarzt und Anwalt, der in Oxford unterrichtet, bei seinen Selbstversuchen vorgeht: Statt Tiere zu beobachten und dann aus ihrem Verhalten Rückschlüsse zu ziehen, wird er selbst zum Tier („Schamanismus“ ist ein Begriff, der dabei recht häufig gebraucht wird — womöglich gar zu häufig). Die Verwandlung von einem weitgehend normalen Menschen in ein Wildtier gelingt Charles Foster dabei meist eher schlecht als recht, was nicht nur am Mangel grundlegender Fähigkeiten liegt (besonders deutlich wird dies im Kapitel über den Mauersegler, dem der Autor allein schon deshalb nicht besonders nahe kommt, weil er eben nicht fliegen kann), sondern eben auch daran, dass das Leben eines Waldbewohners weitgehend unspektakulär ist, wenn man sich nicht so recht in dessen Denken und Fühlen hineinversetzen kann. Letzten Endes ähneln sich die einzelnen, jeweils einem Tier gewidmeten Kapitel (neben dem Mauersegler „verwandelt“ sich Charles Foster auch in einen Dachs, einen Otter, einen Fuchs und einen Rothirsch) doch sehr und erschöpfen sich vor allem darin, dass der Autor im bevorzugten Lebensraum des jeweiligen Untersuchungsobjekts herumläuft oder -liegt (erstaunlich oft nackt), Dinge isst, die normalerweise nicht auf dem Speisezettel eines Durchschnittseuropäers stehen und versucht, die Umgebung vor allem mit den ausgeprägtesten Sinnen des beschriebenen Tieres wahrzunehmen. Wenn Charles Foster als Dachs über die regional unterschiedlichen Geschmacksrichtungen von Regenwürmern sinniert, ist diese Vorgehensweise sehr amüsant. Weist er dagegen im Otter-Kapitel seine Kinder an, ihre Notdurft im Wald zu erledigen, um dann zu versuchen, mithilfe seines Geruchssinns die Exkremente dem jeweiligen Kind zuzuordnen, wird es vollends bizarr.

Überhaupt stolpert man beim Lesen immer wieder über Passagen, in denen es doch ein wenig weit getrieben wird mit der Schrulligkeit und Exzentrik. Eher gering fällt dagegen der Erkenntnisgewinn aus. Zwar serviert „Der Geschmack von Laub und Erde“ einige erstaunliche Fakten, zum Beispiel über das Leben in der Großstadt beheimateter Füchse oder über die immense Flugleistung von Mauerseglern, und außerdem macht sich Charles Foster ein paar wirklich kluge Gedanken über das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt und den zivilisationsbedingt immer weiter fortschreitenden Verlust diverser — vor allem sensorischer — Fähigkeiten, aber dem eigentlichen Kernthema kommt das Buch nie so recht nahe.

Als Plädoyer für ein naturnahes Leben unter dem bewussten Einsatz aller Sinne ist „Der Geschmack von Laub und Erde“ durchaus empfehlenswert. Als Versuch, den beschriebenen Tierarten wirklich näher zu kommen, allerdings leider eher nicht.


Charles Foster: Der Geschmack von Laub und Erde. Wie ich versuchte, als Tier zu leben. Deutsch von Gerlinde Schermer-Rauwolf, Robert A. Weiß; Malik Verlag; ISBN: 978-3-89029-262-5; 288 Seiten; 20 Euro.

Lesungen:
♦ 7. Februar — Berlin, Urania (deutsche Lesung: Wanja Mues; Moderation: Daniel Haas)
♦ 8. Februar — Hamburg, stories! (deutsche Lesung: Wanja Mues; Moderation: Daniel Haas)
♦ 9. Februar — München, Literaturhaus (deutsche Lesung: Shenja Lacher; Moderation: Daniel Haas)

Bald geht es hier weiter.

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Foto: Buchbube

 

Huch, nun ist 2017 schon fast wieder einen Monat alt und der erste Blogeintrag des neuen Jahres lässt weiter auf sich warten. Bald wird es hier wieder Neues geben (eine erste Rezension ist bereits in Vorbereitung) — zuerst muss ich aber noch ein wenig das momentan wirklich sehr schöne Winterwetter genießen. Wer weiß schließlich, wie lange das so bleibt…

{Buch} Heute dreimal ins Polarmeer gefallen

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Dass Arthur Conan Doyle vor — beziehungsweise auch noch während — seines erfolgreichen Daseins als Schriftsteller als (Augen-) Arzt tätig war, ist ein Umstand, der hinlänglich bekannt sein dürfte. Dass er als junger Medizinstudent im Jahr 1880 allerdings mehrere Monate als Schiffsarzt auf einem Walfangschiff verbracht hat, ist ein Kapitel seines Lebenslaufs, der wohl nur Eingeweihten geläufig ist. Dass aber gerade diese Zeit prägend für das weitere Leben und Schreiben Conan Doyles war, zeigt „Heute dreimal ins Polarmeer gefallen“, das liebevoll aufgemachte, von Jon Lellenberg und Daniel Stashower herausgegebene und Alexander Pechmann gekonnt übersetzte Tagebuch dieser „arktischen Reise“.

Zu seinem Posten als Schiffsarzt auf dem Walfänger „SS Hope“ kam der zu Beginn der Reise gerade einmal 20 Jahre alte Arthur Conan Doyle wie die Jungfrau zum Kinde. Der eigentlich für diese Aufgabe Vorgesehene musste kurzfristig absagen und der stets neugierige und abenteuerlustige Conan Doyle sprang kurzerhand ein, ohne genau zu wissen, worauf er sich einließ. Dass er noch kein fertig ausgebildeter Arzt war, spielte keine größere Rolle, zumal seine Aufgaben als Schiffsarzt nur teilweise im medizinischen Bereich lagen und ansonsten unter anderem darin bestanden, Tätigkeiten eines Sekretärs zu übernehmen (neben seinem privaten Tagebuch führte er auch das „offizielle“ Logbuch der Reise) und dem Kapitän als gebildeter Gesprächspartner Gesellschaft zu leisten.

Dass sich der junge Conan Doyle auf dem Walfänger wunderbar einlebte, geht aus seinen äußerst lebhaften Tagebucheinträgen unzweifelhaft hervor. Neben seinen eigentlichen Aufgaben war er stets auch unter Deck bei den „einfachen“ Besatzungsmitgliedern zu finden, wo er bei Liederabenden ein gern gesehener Gast war oder sich als exzellenter Boxer hervortat. Seine Vielseitigkeit und Neugierde führten auch dazu, dass er sich aktiv an der Jagd beteiligte. Damit sich der Aufwand der vom schottischen Peterhead ausgehenden, nach Norden bis vor Spitzbergen und an der Ostküste Grönlands entlang zurückführenden Reise wirtschaftlich lohnte, mussten nicht nur Wale gejagt, sondern auch unzählige, vor allem wegen ihres Fells begehrte Robben getötet werden. Ein „blutiges Handwerk“, wie Arthur Conan Doyle bemerkt — und nicht zuletzt auch ein gefährliches, brachten ihn Stürze ins eiskalte Wasser doch mehrmals in Lebensgefahr.

Ging heute Morgen mit Colin nach draußen, um richtig hart zu arbeiten, begann aber mein Tagwerk, indem ich erneut ins Wasser fiel.

Fotos: Buchbube
Fotos: Buchbube

Neben den Erkenntnissen, die man bei der Lektüre des mit aufschlussreichen Fußnoten versehenen Tagebuchs (Auszüge aus dem Faksimile mit zahlreichen Zeichnungen sind ebenfalls im Buch enthalten) über das harte Leben auf einem Walfangschiff im späten 19. Jahrhundert gewinnt, liefert „Heute dreimal ins Polarmeer gefallen“ auch spannende Einblicke in den weiteren Lebensweg des Arthur Conan Doyle und nicht zuletzt die Entstehung seiner bekanntesten Figur Sherlock Holmes. Angeblich lieferte die Begegnung mit einem anderen Schiffsarzt auf dieser arktischen Reise die Vorlage für die Figur des Dr. Watson und die im Tagebuch festgehaltene, von einem Kapitän erzählte Anekdote einer seltsamen Begebenheit in London liest sich wie die Blaupause einer Holmes-Geschichte. Die Reise mit der „SS Hope“ hat Conan Doyle zeitlebens — und auch in seinem Werk als Schriftsteller — nicht mehr losgelassen, wie der umfangreiche Anhang des Buches verdeutlicht. Ein besonders schönes Beispiel dafür ist die ebenfalls abgedruckte Holmes-Geschichte „Der Schwarze Peter“, in der der Meisterdetektiv den Mord am Kapitän eines Walfangschiffs zu lösen hat.

Dank der sorgfältigen und umfangreichen Aufmachung ist „Heute dreimal ins Polarmeer gefallen“ eine äußerst gelungene Kombination aus Biographie, Sachbuch und literarischem Text, die nicht nur Freundinnen und Freunden von Sherlock Holmes viel Spaß bereiten dürfte.


Arthur Conan Doyle: Heute dreimal ins Polarmeer gefallen. Tagebuch einer arktischen Reise
Herausgegeben von Jon Lellenberg und Daniel Stashower, übersetzt und erweitert von Alexander Pechmann.
btb Verlag; ISBN 978-3-442-71432-2; 352 Seiten; € 14,99.

{Musik} Bottle Rockets

Are you scared to sleep out on the grass by the pool?
Where the spirits move in the water
That you’ll wake up and it’s already dark
And you’re suddenly much older

Der wunderbare niederländische Songschreiber Kim Janssen hat nach drei langen Jahren mit „Bottle Rockets“ endlich wieder eine neue Single veröffentlicht. Abgerundet wird dieses freudige Ereignis durch ein stimmungsvolles, größtenteils auf (beziehungsweise eher über) den Färöer-Inseln gedrehtes Video von Martijn Bastiaans.

Und jetzt: Zurücklehnen und genießen!

{Buch} Das Nest

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Foto: Buchbube

Geld allein macht nicht glücklich, aber es beruhigt die Nerven. Auf manch einen mag dieses alte Kalendersprüchlein zwar zutreffen, aber die Geschwister Plumb gehören eher nicht zu diesem Personenkreis. Immerhin haben sich die vier Schwestern und Brüder bei allen größeren finanziellen Entscheidungen ihres Lebens stets felsenfest auf „Das Nest“ verlassen, einen Fonds, den der inzwischen verstorbene Vater ursprünglich als kleine Sicherheit für seine Kinder angelegt hat, der aber dank einer klugen Investmentstrategie über die Zeit auf einen siebenstelligen Betrag angewachsen ist. Stichtag für die Auszahlung des Fonds ist der demnächst bevorstehende 40. Geburtstag von Melody, der Jüngsten, die ihren Anteil bereits angelegt hat in ein viel zu teures Haus in einem Vorort von New York City und als echte Helikoptermutter plant, ihren Zwillingen Nora und Louisa eine vorzügliche Collegeausbildung zukommen zu lassen. Doch nicht nur sie, sondern auch ihre Geschwister haben das Geld aus dem „Nest“ bereits aufgebraucht, bevor es auf ihrem Konto eingetroffen ist: Jack leistet sich einen schlecht gehenden Antiquitätenladen, für dessen Verluste er ohne das Wissen seines Partners Walker eine Hypothek aufs gemeinsame Wochenendhäuschen aufgenommen hat, und Bea, einst als aufstrebende literarische Hoffnung gefeiert, werkelt seit 15 Jahren ohne große Fortschritte an ihrem Erstlingswerk.

An dieser Stelle könnte der Debütroman der Amerikanerin Cynthia D’Aprix Sweeney bereits zu Ende sein: Der Fonds wird ausbezahlt, alle begleichen ihre Schulden und sind zufrieden. So einfach ist es dann aber natürlich doch nicht (abgesehen davon würde diese extrem dünne Story keinen Roman von gut 400 Seiten tragen), denn Leo, der vierte im Bunde, einst Gründer einer erfolgreichen Entertainment-Website und für seinen rasanten, großspurigen Lebensstil bekannt, leistet sich einen ebenso folgenschweren wie kostspieligen Fehler, der Francie Plumb, die Mutter der Geschwister und bis zur Auszahlung die Verwalterin des „Nest“, dazu veranlasst, ihm mit einem Großteil des Ersparten aus der Patsche zu helfen. Ein feiner Zug, aber für die anderen Geschwister ein ziemlicher Schlag ins Gesicht, zumal der Fonds damit auf eine eher überschaubare Summe zusammengeschrumpft ist, die keinem so recht weiterhilft, was eine Kettenreaktion auslöst, die weit über finanzielle Aspekte hinausgeht.

„Das Nest“ ist ein unterhaltsam geschriebener und kurzweilig zu lesender Familienroman, der sich nicht nur damit begnügt, die Sorgen und Nöte der vier Protagonisten zu beleuchten, sondern auch zahlreiche Nebenfiguren und untergeordnete Handlungsstränge mit einbezieht, die von den Spätfolgen des 11. September über die in absurde Höhen gestiegenen Immobilienpreise in New York bis hin zu Teenagern, die ihre sexuelle Identität suchen und einer sich wandelnden Medien- und Verlagslandschaft eine beachtliche Bandbreite abdecken. Nur selten wirkt der Roman dadurch aber überladen, zumal sich am Ende alle Teile zu einem stimmigen, vielleicht etwas arg optimistischem Gesamtbild zusammenfügen. Ein wenig problematischer ist da schon der Umstand, dass der Roman von seiner ganzen Konstruktion und Dramaturgie her wie die Ausformulierung eines Drehbuchs anmutet — fast so, als hätte Cynthia D’Aprix Sweeney bereits beim Schreiben an eine mögliche Verfilmung gedacht. Etwas mehr Tiefe, vor allem bei der Figurenzeichnung, hätte sicher nicht geschadet, aber insgesamt ist „Das Nest“ ein lesenswertes, gelungenes Debüt. Und als Film könnte man sich die Geschichte wirklich ebenfalls sehr gut vorstellen…


Cynthia D’Aprix Sweeney: Das Nest
Deutsch von Nicolai Schweder-Schreiner.
Klett-Cotta; ISBN 978-3-608-98000-4; 410 Seiten; € 19,95.