Teuflischer Spuk auf hoher See

Nach dem bei den Costa Book Awards 2018 mit dem Preis fürs beste Debüt ausgezeichneten „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ liegt nun auch der zweite Roman des Briten Stuart Turton in deutscher Übersetzung vor. Mit mehr als 600 Seiten ist „Der Tod und das dunkle Meer“ ähnlich umfangreich wie der Vorgänger, wagt sich aber auf ein ganz anderes Terrain. Ob es sich lohnt, bei dieser abenteuerlichen Lesereise an Bord zu gehen, erfahrt Ihr im Folgenden.

Im Jahr 1634 macht sich im Hafen von Batavia, dem heutigen Jakarta und damaligen Hauptquartier der Niederländischen Ostindien-Kompanie, eine Flotte von sieben Schiffen bereit für die lange Reise nach Amsterdam. Hauptschauplatz ist die Saardam, an deren Bord sich der machthungrige Generalgouverneur Jan Haan nebst seiner Entourage, einem phantastischen Schatz und einem ganz besonderen Gefangenen befindet. Samuel Pipps, ein Mann von scharfem Verstand und der Kombinationsgabe eines Sherlock Holmes, hatte dem Generalgouverneur einst wertvolle Dienste geleistet, ist dann aber in Ungnade gefallen, weshalb er nun in Amsterdam hingerichtet werden soll.

Schon vor dem Ablegen steht die fast zehnmonatige Reise allerdings unter keinem günstigen Stern. Ein in Lumpen gehüllter Aussätziger stößt noch am Kai düstere Drohungen gegen das Schiff aus, bevor seine Kleidung in Flammen aufgeht und er qualvoll verbrennt. Schnell spricht sich unter den Passagieren und der Mannschaft das Gerücht herum, ein auf Rache sinnender Dämon (kurioserweise — aber durchaus passend zum oft recht augenzwinkernden Grundton des Buches — trägt er den nicht unbedingt einschüchternden Namen „der Alte Tom“) hätte von einer auf dem Schiff befindlichen Person Besitz ergriffen. Ist es tatsächlich ein teuflischer Spuk oder bringen trotz der merkwürdigen Ereignisse an Bord ganz andere, keineswegs übersinnliche, sondern allzu menschliche Konflikte die Saardam und ihre Besatzung in höchste Gefahr? Unterstützt von Pipps‘ scharfsinnigen Ferndiagnosen macht sich dessen rechte Hand Arent Hayes gemeinsam mit Sara Wessels, der von ihrem Gatten mehr als genervte Ehefrau des Generalgouverneurs, sowie deren blitzgescheiter Tochter Lia auf Spurensuche an und unter Deck.

Seemannsgarn für Abenteuerlustige

„Kriminalroman“ heißt es zwar auf dem Cover, aber „Der Tod und das dunkle Meer“ ist noch viel mehr: Abenteuergeschichte, Schauermärchen, Thriller und – zumindest in seiner Auflösung – tatsächlich ein klassischer Krimi im Stile Agatha Christies. Unabhängig von Genreschubladen spinnt Stuart Turton jede Menge Seemannsgarn — mit allem, was dazugehört zu einer solchen Geschichte. Kapitale Stürme, Geisterschiffe, Musketiere im besten Mantel-und-Degen-Stil, sagenhafte Schätze, Pirateninseln, verschlagene Seeleute, ränkeschmiedende Adlige und natürlich Papageien. Fehlen eigentlich nur noch das ein oder andere Holzbein und ne Buddel voll Rum.

Obwohl also alles angerichtet ist für ein rasantes und spannungsgeladenes Vergnügen, dauert es doch eine ganze Weile, bis die Handlung so richtig in Fahrt kommt und die Leserinnen und Leser in ihren Bann schlägt. Zu Beginn ist der Roman überraschend gemächlich und das anfangs noch etwas unüberschaubare Personentableau erschwert es zusätzlich, sich zurechtzufinden. Im Verlauf des Buches ändert sich das aber zum Glück und Stuart Turton zieht das Tempo mit überraschenden Wendungen immer mehr an. Kleine, oft beiläufig eingestreute Hinweise ermutigen einen außerdem zum Mitraten während des Lesens.

Wer schon immer ein Faible für Abenteuerromane hatte, „Die Schatzinsel“ begeistert verschlungen und mit dem Piratenschiff von Playmobil gespielt hat, wird großen Spaß mit den vielen Rätseln und den liebevoll gezeichneten Helden dieses Buches haben. Alle anderen könnten allein vom schieren Umfang von „Der Tod und das dunkle Meer“ erschlagen werden und mehr als einmal drauf und dran sein, die Segel vorzeitig zu streichen. Dranbleiben lohnt sich aber auch in diesem Fall, denn am Ende gibt es noch einige echte Überraschungen.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Nimm den Zug!

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In seiner Kindheit und Jugend war der Schwede Per J. Andersson viel mit dem Zug unterwegs — zuerst gemeinsam mit seiner Großmutter in der näheren Umgebung, dann mit Interrail kreuz und quer in Europa. Prägende Erlebnisse, aber irgendwann stieg der Autor, wie viele andere Menschen eben auch, aufs Flugzeug um. In erster Linie aus Gründen der Bequemlichkeit, denn gerade als Reisejournalist, der viel unterwegs ist und oft möglichst schnell von A nach B kommen muss, scheint die Eisenbahn doch das Nachsehen zu haben. Seit ein paar Jahren ist Per J. Andersson allerdings wieder bevorzugt mit dem Zug beruflich und privat auf Reisen — teils aus Gründen des Klimaschutzes, teils aus Nostalgie, aber vor allem, weil Zugfahren oft doch praktischer, schneller und viel schöner ist, als manche Vielflieger meinen.

Wir wollen die Liebe zu den Gleisen besingen, die Vertrautheit mit der Lok und das freie, geschmeidige und ungebundene Bahnreisen. Die Förderung von Zugreisen sollte als ein Angriff auf die destruktiven Kräfte unserer Zeit aufgefasst werden. Unser Ziel ist, Auto und Flugzeug zu zwingen, sich dem Zug zu unterwerfen.

Mit „Vom Schweden, der den Zug nahm und die Welt mit anderen Augen sah“ (Deutsch von Susanne Dahlmann) hat der Besteller-Autor (u.a. „Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine große Liebe wiederzufinden“) nun ein Loblied auf die Eisenbahn geschrieben, das allerdings auch mit kritischen Tönen nicht geizt. Vor allem die in den letzten Jahrzehnten extrem auf Flug- und Autoverkehr fixierte Verkehrspolitik in vielen Ländern kommt verständlicherweise überhaupt nicht gut weg. Die Folgen davon erlebt Per J. Andersson am eigenen Leib, als er versucht, mit regulär verkehrenden Zügen auf der klassischen Route des Orient-Express von Paris nach Istanbul zu reisen. Von der Pracht, die man unter anderem aus Agatha Christies berühmtem Kriminalroman und dessen Verfilmungen kennt, ist nicht mehr viel übrig geblieben: komplizierte Fahrkartenbuchungen, sechs Umstiege und Fahrten mit zum Teil sehr heruntergekommenen Zügen machen eher wenig Lust, sich selbst einmal auf diese Strecke zu wagen.

Das Positive allerdings überwiegt auf den Reisen, die Per J. Andersson unternimmt und auf sehr sympathische, leicht zu lesende Art beschreibt. In den Bernina-Express möchte man am liebsten sofort einsteigen und die Erlebnisse auf den langen Fahrten durch Indien erinnern an Wes Andersons farbenprächtigen Film „Darjeeling Limited“. Hoffnung macht ebenfalls, dass in immer mehr Ländern längst eingestellte Nachtzugverbindungen ein Revival erleben. Besonders tut sich da die österreichische ÖBB mit ihren „Nightjet“-Zügen hervor. Inwiefern die Corona-Krise Auswirkungen auf viele geplante Bahnprojekte hat, wird die Zukunft zeigen, aber insgesamt ist der Eisenbahnverkehr auf einem durchaus guten Weg.

Zu diesem Fazit kommt man jedenfalls nach der Lektüre von „Vom Schweden, der den Zug nahm und die Welt mit anderen Augen sah“, dieser sehr kurzweiligen Mischung aus Reisereportage, Kulturgeschichte der Eisenbahn von ihren Anfängen bis in die Gegenwart, und Reiseführer (am Ende der einzelnen Kapitel und im umfangreichen Anhang finden sich allerlei Tipps und Links, die bei der Planung eines Urlaubs mit der Bahn — egal, ob in Europa oder in fernen Ländern — enorm hilfreich sind). Außerdem macht sich schon während des Lesens jede Menge Fernweh und Entdeckungslust breit — ein größeres Lob kann man einem Reisebuch eigentlich kaum machen.


Per J. Andersson: Vom Schweden, der den Zug nahm und die Welt mit anderen Augen sah (C. H. Beck Verlag, 379 Seiten, 16,95 Euro).
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* Vielen Dank an den C. H. Beck Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! *


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