Monatsrückblick Januar ’21

Foto von mir (Archivaufnahme vom September 2018)

„Es fängt an, wie es aufgehört hat“ — dieser Titel eines mehr als zehn Jahre alten Clickclickdecker-Songs drängt sich bei der Rückschau auf den Januar geradezu auf. Wir haben ein neues Jahr, sind aber nach wie vor (wie es in besagtem Song heißt) „versunken im dunklen Einheitsbrei“ von 2020. Selbstverständlich habe auch ich neben den tapfer durchgehaltenen täglichen Spaziergängen bei teils gruseligem Wetter jede Menge Zeit zu Hause verbracht.
Übermäßig viel gelesen habe ich allerdings erstaunlicherweise nicht. Gerade einmal vier Bücher (*), von denen nur der Wisting-Krimi knapp über 400 Seiten hatte, stehen auf der Habenseite. Zwei neuere und zwei, die ich nach langer Zeit wieder gelesen habe, nämlich:

  • Beatrix Kramlovsky: Fanny oder Das weiße Land –> mehr dazu hier
  • Otfried Preußler: Krabat –> mehr dazu hier
  • Jørn Lier Horst: Wisting und der Atem der Angst
  • Stefan Zweig: Schachnovelle

(*) begonnen habe ich außerdem mit „Winterbienen“ von Norbert Scheuer — allerdings liegen da noch einige Seiten vor mir

Bei den „Wiederentdeckungen“ war ich überrascht, dass mir die Grundzüge der Handlung noch zu einem großen Teil präsent waren. Und das, obwohl ich (aber nicht nur ich, wie dieser lesenswerte Artikel von Dorothea Wagner im SZ Magazin beweist) den Inhalt eines Buches oft schon vergessen habe, kurz nachdem ich es nach beendeter Lektüre zur Seite gelegt habe.
Auf der anderen Seite gab es aber auch viele Stellen und Aspekte, die mir nahezu völlig unbekannt vorkamen. In der „Schachnovelle“ hat mir nun die Szene besonders gut gefallen, in der Dr. B. nach mehreren Monaten der Isolationshaft in einem spartanisch eingerichteten Zimmer in einem Verhörraum einen Mantel erspäht, dessen Tasche verdächtig ausgebeult ist:

Ich trat näher heran und glaubte an der rechteckigen Form der Ausbuchtung zu erkennen, was diese etwas geschwellte Stelle in sich barg: ein Buch! Mir begannen die Knie zu zittern: ein BUCH!

Nur der Vollständigkeit halber: Dr. B. kann nicht anders, als dieses Buch zu stehlen und in seine Zelle zu schmuggeln. Wer die „Schachnovelle“ kennt, weiß natürlich, dass es sich bei dem Buch um eine Zusammenstellung berühmter Schachpartien handelt, mit deren Hilfe Dr. B. schließlich zum Schachgenie wider Willen wird…

Was nun der Februar bringen mag? Vermutlich noch mehr Spaziergänge und noch mehr Zeit zu Hause. Vielleicht auch wieder mehr Bücher (der dritte Band von Alex Beers Wien-Krimis liegt schon bereit, außerdem gibt es ein neues Buch von Julian Barnes und mit „Hard Land“ erscheint Ende des Monats der nächste Roman von Benedict Wells) und ganz vielleicht sogar den so lange herbeigesehnten Museumsbesuch. Im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg eröffnet am 18. Februar mit „Europa auf Kur. Ernst Ludwig Kirchner, Thomas Mann und der Mythos Davos“ eine sehr vielversprechende neue Sonderausstellung — wie schön wäre es, wenn man sich diese „in echt“ ansehen könnte!

#SupportYourLocalBookstore — die hier empfohlenen Bücher kauft Ihr am besten bei Eurer Lieblingsbuchhandlung vor Ort! In Konstanz zum Beispiel bei Homburger & Hepp am Münsterplatz. Das ist die Buchhandlung, die für das Foto in diesem Beitrag Modell stand.

12.000 Kilometer bis Wien

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © Hanser Verlag

Im Herbst habe ich mit großem Vergnügen die ersten beiden Kriminalromane der inzwischen vierbändigen August-Emmerich-Reihe von Alex Beer gelesen, die kurz nach dem Ersten Weltkrieg in Wien spielt. Neben dem Krieg ist auch die Spanische Grippe zu diesem Zeitpunkt bereits vorbei, aber die Nachwehen der beiden Ereignisse sind noch allerorts sicht- und spürbar. Der Protagonist der Romane, Rayonsinspektor August Emmerich, plagt sich mit einer schmerzhaften Kriegsverletzung herum, die ihn fast in die Heroinabhängigkeit treibt und verliert zu allem Überfluss schon im Verlauf des ersten Bandes „Der zweite Reiter“ Familie und Obdach, als der gefallen geglaubte Ehemann seiner Lebensgefährtin überraschend aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt. Mit seinen Problemen passt sich Emmerich damit bestens an die in Wien herrschenden Verhältnisse an — armseliger, schmuddeliger, lebensfeindlicher und trister ist mir die österreichische Hauptstadt bisher noch nicht begegnet.

Genau in dieses Wien, von dessen Trostlosigkeit er allenfalls eine leise Ahnung hat, sehnt sich Karl Findeisen, der Held aus Beatrix Kramlovskys „Fanny oder Das weiße Land“, zurück. Mehr als 12.000 Kilometer liegen zwischen dem zu Beginn des Romans im Frühjahr 1918 bereits seit mehreren Jahren in einem sibirischen Kriegsgefangenenlager ausharrenden Offizier und seiner Heimatstadt. Einziger Lichtblick neben dem Umstand, dass er gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Viktor inhaftiert ist, sind die Briefe seiner Verlobten Fanny, die er wieder und wieder liest, bis er sie nahezu auswendig kann. Durch sie nimmt er Anteil am Aufwachsen seines Sohnes Max, den er zuletzt als Kleinkind gesehen hat, und wird daran erinnert, dass es womöglich doch eine erfreulichere Zukunft jenseits des harten, entbehrungsreichen Lagerlebens geben könnte.

Vor dieser Zukunft liegt aber erst einmal eine wahre Odyssee. Die Wirren nach der russischen Revolution und um den beginnenden Bürgerkrieg nutzen Karl, Viktor und ein paar weitere Mithäftlinge im Frühjahr 1918 zur Flucht. Mit der Transsibirischen Eisenbahn geht es zwar zunächst recht schnell voran, aber angesichts der immensen Weite Sibiriens eben nicht schnell genug. Die für die Rückkehr nach Österreich veranschlagten fünf bis sechs Monate erweisen sich bald als illusorisch; erst recht, als das Grüppchen in Irkutsk auffliegt und dort in ein elendes Gefängnis gebracht wird. Es ist Karls künstlerisches Talent, das ihn und seinen Freunden hier erstmals aus der Misere hilft. Mit Kreativität, Geschick, etwas Verschlagenheit und viel Glück gelingt es ihnen, sich als Kulissenmaler und Bühnenbildner beim von den Kommunisten neu gegründeten Theater zu verdingen und sich Hafterleichterungen sowie letzten Endes eine weitere Fluchtmöglichkeit zu verschaffen. Im Frühling 1919 findet das bereits leicht dezimierte Grüppchen Unterschlupf im Dorf einer deutschstämmigen Mennoniten-Gemeinde. Eine vergleichsweise angenehme Zeit bricht an, aber Wien, Fanny und Max bleiben für Karl nach wie vor unerreichbar fern. Also geht es weiter ins vom Bürgerkrieg besonders gebeutelte Petrograd, das heutige Sankt Petersburg, wo die Zweifel an einer Rückkehr in die Heimat bald ins Unermessliche wachsen — schlimmere Bedingungen als im dortigen Gefangenenlager, wo Erschießungen an der Tagesordnung sind und ständig Häftlinge „verschwinden“, haben die Freunde und Leidensgenossen noch nirgends vorgefunden. Abermals sind es Karls künstlerische Fähigkeiten, die Rettung versprechen. Ein eitler Marineoffizier wünscht sich ein lebensgroßes Porträt in Öl und ist bereit zu einer angemessenen Gegenleistung. In welche Richtung sich der Roman dann trotz einiger weiterer Rückschläge entwickelt, kann man sich vermutlich in etwa denken…

Die brotlose Kunst würde sie alle retten,
noch einmal, wieder und wieder.

Beatrix Kramlovsky: Fanny oder Das weiße Land

Mit „Fanny oder Das weiße Land“ ist der österreichischen Autorin Beatrix Kramlovsky ein wunderbarer Schmöker gelungen, dessen sympathische Figuren einem schnell ans Herz wachsen und mit denen man schon bald mitfiebert. Obwohl sich die Handlung über gut drei Jahre erstreckt, in denen jede Menge passiert, ist der Umfang des Buches mit rund 300 Seiten eher überschaubar, was für eine gewisse Rasanz und wenige Längen sorgt. Die traumatischen Erlebnisse der Soldaten während des Krieges sowie die schlimmen Verhältnisse, mit denen die Gefangenen sowie die russische Zivilbevölkerung in der Zeit danach konfrontiert sind, spart Beatrix Kramlovsky zwar keinesfalls aus, aber dennoch ist es hin und wieder erstaunlich, wie leicht es Karl und Co. fällt, mit ihrem Talent und ihrer Freundlichkeit einen Ausweg zu finden. Überall öffnet sich eine Tür, ergeben sich Möglichkeiten, warten zumindest halbwegs wohlwollende Menschen.

Aber gerade darauf liegt ja auch ganz klar der Fokus des Romans. „Fanny oder Das weiße Land“ ist ein Lobgesang auf die Freundschaft, die Liebe und den Wert von Kunst, Musik, Briefen und Fantasie — besonders in schweren Zeiten und ausweglos scheinenden Situationen, die sich nur dann halbwegs überstehen lassen, wenn man etwas hat, wofür es sich lohnt, weiterzumachen. Oder, um Friedrich Nietzsche das letzte Wort zu geben: „Wer ein Wozu zu leben hat, der erträgt fast jedes Wie.“

  • Beatrix Kramlovsky: Fanny oder Das weiße Land (hanserblau; 304 Seiten; ISBN: 978-3-446-26797-8)
  • Alex Beers Kriminalromane um August Emmerich sind im Limes Verlag bzw. als Taschenbuch bei Blanvalet erschienen.

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