Eine Reise durch unsere Natur

Vor gut zwei Jahren gelang Jan Haft mit „Die Wiese“ ein Erfolg sowohl im Buchhandel (eine ausführliche Vorstellung findet sich u. a. bei Elementares Lesen) als auch im Kino. Auch „Heimat Natur“, das neue Werk des renommierten Naturfilmers und Biologen, ist als Doppelveröffentlichung angelegt. Ums Buch geht es in den folgenden Zeilen, der Film soll nach aktuellem Stand am 10. Juni in den Lichtspielhäusern anlaufen.

Widmete sich Jan Haft in „Die Wiese“ noch einem kleinen, überschaubaren Lebensraum — dem „Paradies nebenan“, wie es in der Unterzeile des Films heißt — geht es in „Heimat Natur“ nun um eine Bestandsaufnahme der sieben großen Lebensräume in Deutschland: Alpen, Wald, Fluss, Feldflur, Heide, Moor und Küste. Jedem dieser Ökosysteme nähert sich der Autor auf eine ähnliche Weise. Er erklärt, wie sich dieser Lebensraum im Laufe der Zeit — oft Millionen von Jahren — entwickelt hat und welchen Einfluss der Mensch auf diese Entwicklung genommen hat. Etwa, indem Flüsse begradigt und zu Wasserstraßen ausgebaut wurden oder durch die Intensivierung der Wald- und Landwirtschaft.

Selbst, wer die aktuellen Nachrichten nur am Rande verfolgt, weiß natürlich, dass die meisten Naturräume mit erheblichen Herausforderungen vielfältiger Art zu kämpfen haben. Abschmelzende Gletscher, unbeabsichtigter Stickstoffeintrag in die Meere durch den massenhaften Einsatz von Kunstdünger in der Landwirtschaft, Artensterben, Klimaerwärmung, Dürresommer und vieles mehr lassen für die Zukunft nicht allzu viel Gutes erhoffen. All diese Probleme nennt Jan Haft natürlich, vergisst aber nicht, auch auf die positiven Entwicklungen hinzuweisen, die es tatsächlich ebenfalls gibt. So ist das Wasser unserer Flüsse deutlich sauberer und weniger mit Giftstoffen belastet als noch vor ein paar Jahrzehnten. Auch Wälder und Almwiesen werden heute in der Regel nachhaltiger bewirtschaftet als früher und durch aufwändige Wiederansiedlungsprojekte sind bereits fast oder ganz ausgestorbene Arten zurück in ihrem ehemaligen Lebensraum. Ein gutes Beispiel dafür ist die geplante Auswilderung mehrerer Bartgeier im Nationalpark Berchtesgaden.

Noch gibt es da draußen eine wunderbare Vielfalt, und es blüht und zwitschert und summt. Noch ist es für unsere Heimat Natur nicht zu spät.

Jan Haft

So ist „Heimat Natur“ ein Buch, das trotz all der erwähnten Herausforderungen und Probleme auch Hoffnung macht, dass wir die Kurve vielleicht doch noch kriegen und die vielfältigen natürlichen Lebensräume unserer Heimat erhalten. Der sympathische Plauderton und die Begeisterung, mit der Jan Haft unter anderem von grünen Regenwürmern, Gelbbauchunken und „Zombie-Bäumen“ erzählt, ist jedenfalls ansteckend und macht große Lust darauf, selbst auf Entdeckungsreise zu gehen. Letztlich ist genau das die Voraussetzung dafür, sich selbst für den Erhalt der Natur einzusetzen — nur das, was man kennt und einem am Herzen liegt, kann man schließlich auch schützen.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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  • Der Film „Die Wiese – Ein Paradies nebenan“ läuft am Donnerstag, 3. Juni, um 14.30 Uhr im BR Fernsehen.

Botanische Weltreise

Vor knapp drei Jahren legten der britische Botaniker Jonathan Drori, ehemals Kurator der Royal Botanic Gardens in Kew, und die französische Illustratorin Lucille Clerc mit ihrem gemeinsamen Buch „In 80 Bäumen um die Welt“ (mehr dazu u. a. bei Elementares Lesen) einen veritablen Weltbestseller hin. Nun hat sich das Duo einmal mehr zusammengetan und mit „In 80 Pflanzen um die Welt“ (deutsche Übersetzung von Bettina Eschenhagen) einen noch farbenprächtigeren Nachfolger verfasst.

Wie der Titel bereits vermuten lässt, ist das Buch ganz ähnlich aufgebaut wie sein Vorgänger, nur dass der Fokus der Weltreise — von Jonathan Droris britischer Heimat bewegt man sich immer in Richtung Osten — nun eben nicht auf Bäumen, sondern auf Pflanzen liegt. Dank der Vielfalt an Formen und Farben sind die entsprechenden, teils ganzseitigen Illustrationen von Lucille Clerc diesmal eine noch größere Augenweide voller kleiner Details. Allein das Blättern in diesem Buch ist die reine Freude. Lesen sollte man die jeweils eine bis knapp drei Seiten langen Porträts der einzelnen Pflanzen natürlich ebenfalls, denn der mit einem feinen Humor gesegnete Drori versteht es bestens, botanische Besonderheiten mit einer kurzen Kulturgeschichte und kuriosen Fakten zu verbinden.

Wer hätte zum Beispiel vorher gewusst, dass die junge, noch unbekannte Marilyn Monroe einst Artischocken-Ehrenkönigin des kalifornischen Städtchens Castroville war, oder dass vornehme Briten im 18. Jahrhundert gerne eine Ananas als Statussymbol mit sich herumtrugen? Auch die Frage, warum die Banane krumm ist, wird hier ein für alle Mal beantwortet (ohne zu viel verraten zu wollen: die Sonne spielt dabei eine wichtige Rolle). Allerdings erfährt man nicht nur Neues über auch in unseren Breiten fast alltägliche Pflanzen, sondern lernt auch ganz neue Gewächse kennen. Etwa den Ibogastrauch aus Gabun mit seinen psychoaktiven Früchten, die bizarre Welwitschie aus Angola oder die Riesenrafflesie, einen in Malaysia vorkommenden Parasiten mit kohlkopfgroßer Knospe.

Am Stück gelesen, enthält „In 80 Pflanzen um die Welt“ fast schon zu viele Informationen. Aber zum schnellen Durchlesen von vorne nach hinten ist dieses wunderbare Buch ja auch gar nicht da. Vielmehr sollte man es als einen dauerhaften Begleiter betrachten, den man immer wieder gerne zur Hand nimmt.

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Der sechste Sinn

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Früher, als die Menschen noch Jäger und Sammler waren, war es für sie überlebenswichtig, die Zeichen der Natur richtig zu deuten. Ein nicht vorhergesehener Wetterumschwung, dem man schutzlos ausgesetzt war, konnte ebenso tödlich enden wie die unerwartete Begegnung mit einem wilden Tier oder ausbleibender Jagderfolg. Dementsprechend hatten unsere Vorfahren ein feines Gespür für kaum wahrnehmbare Veränderungen oder subtile Hinweise, die entscheidend waren für ihr Wohl oder Wehe. Im Laufe der Zeit verkümmerte dieser „sechste Sinn“ allerdings zunehmend — kein Wunder, denn der moderne Mensch muss sich kaum noch ohne Hilfsmittel in der freien Natur orientieren und die Nahrung kommt im Zweifelsfall aus dem Supermarkt.

20200615_140936_2Dass es aber ein großer Gewinn sein kann, dieses immer noch tief in uns verankerte Gespür für die Natur wieder zu aktivieren und zu trainieren, zeigt der Brite Tristan Gooley, in seiner Heimat auch als „Sherlock Holmes der Natur“ bekannt, in seinem lesenswerten Buch „Unsere verborgene Natur“ (deutsche Übersetzung von Jasmine Hofmann). Großartiges Vorwissen oder spezielle Fähigkeiten braucht es gar nicht, um die Zeichen in unserer Umwelt zu erkennen, denn unser Gehirn nimmt diese Hinweise sowieso unbewusst auf. Die Kunst besteht letztlich darin, sie wieder deuten zu können — und zwar am besten intuitiv. Dabei bezieht sich Tristan Gooley in erster Linie auf Daniel Kahnemans Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“.  Als „langsames Denken“ bezeichnet der Kognitionspsychologe Kahneman bewusstes Nachdenken über eine Sache, als „schnelles Denken“ dagegen Prozesse, die quasi von selbst ablaufen. Eine Fahrradfahrerin, die auf ihren Drahtesel steigt und losfährt, wendet also schnelles Denken an, während ein Schüler, der über einer komplizierten Matheaufgabe grübelt, vermutlich eher auf das langsame Denken zurückgreift.

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Ein zentrales Anliegen von Gooleys Buch ist es, dass seine Leser*innen in der Natur von langsamen zu schnellen Denkern werden, also Dinge durch Beobachtung einüben, bis sie irgendwann intuitiv wahrgenommen werden. Die Orientierung anhand der Sterne ist zum Beispiel für den Laien extrem kompliziert, weil es erst einmal Mühe bereitet, Sternbilder überhaupt zu erkennen und daraus Schlüsse über die Himmelsrichtungen zu ziehen. Mit viel Übung reicht aber eines Tages ein kurzer Blick in den Nachthimmel, um sofort zu wissen, wo Norden ist. Ähnliche Beispiele gibt Tristan Gooley in seinem anekdotenreichen, im sympathischen Plauderton erzählten Buch in großer Zahl. So erfahren wir, wie wir Bewegungsmuster von Tieren erkennen und vorhersagen können, was der Pflanzenwuchs auf dem Boden über das Alter eines Waldes aussagt, wie wir Vögel schon im Vorbeifliegen richtig zuordnen oder wie wir uns anhand der Form von Bäumen im offenen Gelände orientieren können.

Viele Dinge erscheinen sofort plausibel, andere lassen einen schon beim Lesen zweifeln, ob man sie trotz jahrelanger Übung jemals wird umsetzen können. Letztlich ist das aber egal, denn schließlich geht es nicht darum, einen Wettkampf zu gewinnen, sondern mit wachen Sinnen und großer Lust am Entdecken durch die Natur zu streifen. Die Lust, nach Draußen zu gehen, weckt Tristan Gooley mit „Unsere verborgene Natur“ jedenfalls allemal.


Tristan Gooley: Unsere verborgene Natur. Honig hören, die Himmelsrichtung fühlen, die Dämmerung riechen – Wie wir unser angeborenes Gespür für die Natur wiederentdecken (Ludwig Verlag, 416 Seiten, 22 Euro).
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* Vielen Dank an den Ludwig Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! *


📷 Naturfoto von Efdal YILDIZ via Pexels.com, Buchfotos von mir

Die Mannigfaltigkeit der Vogelwelt

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Seit mehr als 40 Jahren beschäftigt sich der Biologe Walter A. Sontag, Associate Scientist am Naturhistorischen Museum in Wien und Schüler des legendären Schweizer Tiergartendirektors Heini Hedinger, mit der Variabilität und der Persönlichkeit von Vögeln. Unter anderem erforschte der Autor schon als junger Wissenschaftler bei einer Gruppe afrikanischer Lappenstare die unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmale der einzelnen Individuen — fast so wie ein paar Jahrzehnte zuvor Len Howard bei den Kohlmeisen in ihrem Cottage.

Von Walter A. Sontags immensem Erfahrungsschatz und seinem schier unerschöpflichen Wissen profitiert nun das schön aufgemachte, kenntnisreiche Buch „Das wilde Leben der Vögel“, das es trotz seines vergleichsweise schmalen Umfangs in sich hat. Im ersten Teil widmet sich der Autor der „überwältigenden Mannigfaltigkeit“ der nach aktuellem Stand rund 11.000 verschiedene Spezies zählenden Vogelwelt, die sich in zahllosen Erscheinungsformen, Lebensräumen und Verhaltensweisen manifestiert. Walter A. Sontag nimmt die Leser*innen mit auf Expeditionen des britischen Evolutionsforschers Alfred Russell Wallace und des begeisterten Hobby-Ornithologen Jonathan Franzen, die sich — wie viele andere — die Frage stellten, wie man am besten eine sinnvolle Ordnung in diese überbordende Vielfalt bringen soll. Die Suche nach der Antwort auf diese Frage wird wohl auch noch viele weitere Generationen von Wissenschaftler*innen beschäftigen und jede Menge neue Erkenntnisse mit sich bringen.

20200520_133915Im zweiten Teil des Buches stehen die Beziehungen der Vögel untereinander und zu anderen Tieren im Mittelpunkt. Wir erfahren von teils gigantischen, bis zu mehrere Millionen Individuen umfassenden Zusammenschlüssen von Krähenvögeln und Staren, Kooperationen unterschiedlicher Vogelarten, komplexen Kommunikationsformen und nicht zuletzt Schmarotzertum — vom Brutparasitismus des Kuckuck bis hin zu Raben, die sich an der Beute von Wölfen „bedienen“.

Ähnlich vielfältig wie die unterschiedlichen Erscheinungsformen der Vögel sind auch Partnerwahl, Fortpflanzung und Brutpflege — ein Thema, dem Walter A. Sontag ein weiteres ausführliches Kapitel widmet. Besonders interessant ist der darauf folgende Abschnitt über die Sinne der Vögel, da es in diesem Teilgebiet der Ornithologie nach wie vor eine Vielzahl offener Fragen gibt, die Raum lassen für hitzige Kontroversen in der Fachwelt und bahnbrechende Entdeckungen. So ist zum Beispiel nach wie vor nicht geklärt, wie der „innere Kompass“ funktioniert, der es Zugvögeln ermöglicht, immense Strecken zu bewältigen, und auch der bislang eher vernachlässigte Geruchssinn der Vögel ist erst in letzter Zeit stärker in den Fokus der Forschung gerückt.

Zum Abschluss seines anspruchsvollen Buches, das sich vor allem an Vogelbegeisterte richtet, die gerne etwas tiefer in die Materie einsteigen und sich einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung verschaffen möchten, wirft Walter A. Sontag einen Blick in die Zukunft. Welche Auswirkungen hat das Anthropozän mit all seinen Auswüchsen wie Verstädterung, Abholzung riesiger Waldflächen oder intensiver Landwirtschaft wohl auf die Entwicklung der Vogelvielfalt? Die Antwort auf diese Frage ist hinlänglich bekannt und leider sehr ernüchternd — allerdings gibt es auch hier einige Punkte, die Hoffnung machen auf eine positive Wende.

Letzten Endes gilt: Je mehr man von etwas weiß, desto eher ist man bereit, es zu schützen und zu bewahren. Insofern leistet „Das wilde Leben der Vögel“ einen großen Beitrag zum Erhalt der faszinierenden, vielfältigen Welt der Vögel.


Walter A. Sontag: Das wilde Leben der Vögel (C. H. Beck Verlag, 240 Seiten, 23 Euro).
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Ein anderes Miteinander

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Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist eines der Spezialgebiete der Philosophin und Autorin Eva Meijer. Bereits in ihrem Roman „Das Vogelhaus“ über die Ornithologin Len Howard hat sich die 1980 geborene Niederländerin auf literarische Art und Weise mit diesem Thema beschäftigt; der Essay „Was Tiere wirklich wollen“ (deutsche Übersetzung von Hanni Ehlers), der zum großen Teil auf den Gedanken von Eva Meijers Dissertation basiert, setzt sich wissenschaftlicher und theoretischer damit auseinander — Len Howard und „ihre“ Kohlmeisen kommen aber auch in diesem Text wieder vor.

Eva_MeijerDie Annahme, nur Menschen seien dazu in der Lage, politisch zu handeln, ist bereits mehrere Jahrtausende alt. Schon Aristoteles vertrat diese Ansicht, die nun gerade von der politischen Philosophie jedoch zunehmend angezweifelt wird. Das liegt zum einen daran, dass neuere wissenschaftliche Erkenntnisse die Trennlinie zwischen Mensch und Tier immer mehr verschwimmen lassen, zum anderen aber auch daran, dass Menschen und Tiere in zunehmend vielfältigen Beziehungen zueinander stehen. Politische Entscheidungen und Handlungen der Menschen haben oft unmittelbaren Einfluss auf das Leben und Sterben von Tieren, etwa durch den Beschluss, einen neuen Schlachthof zu eröffnen oder einen Wald für ein Gewerbegebiet abzuholzen. Solche Beispiele kennen sicher alle Leser*innen aus ihrem direkten Umfeld — deutlich komplexer und abstrakter wird es jedoch, wenn Eva Meijer erklärt, dass umgekehrt auch Tiere „politisch“ handeln, indem sie durch ihr Verhalten Einfluss auf das Leben des Menschen nehmen. Eine nicht unumstrittene These, zumal nicht geklärt ist, inwiefern diese Handlungen bewusst und gezielt sind.

Auch die Forderung, Tieren politische Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen, mag sich zunächst etwas seltsam anhören, aber die mit vielen Beispielen und weiterführenden Literaturhinweisen versehenen Erläuterungen Eva Meijers sind sehr anschaulich und schlüssig. Gesteht man Tieren einen geschützten Lebensraum zu oder räumt ihnen unantastbare Grundrechte ein (zum Beispiel das Recht, nicht geschlachtet und verzehrt zu werden), hat dies eine politische Dimension, die mit der, die wir als Bürger*innen eines Staates gewohnt sind, vergleichbar ist.

Letztlich ist „Was Tiere wirklich wollen“ in erster Linie ein sehr anregendes Plädoyer für eine Abkehr vom Anthropozentrismus, also der Auffassung, der Mensch sei eine herausragende, den Tieren überlegene Art. Dass ein neues, klügeres und faireres Miteinander von Mensch und Tier im Interesse aller ist, zeigt nicht zuletzt die Corona-Krise (in diesem Zusammenhang empfiehlt sich auch die Lektüre dieses Artikels von Judith Schalansky):

Die Welt, in der wir leben, gewinnt an Farbe und Kontur, wenn wir besser auf Tiere hören, sie besser wahrnehmen.

Einem ganz ähnlichen Thema wie Eva Meijer in ihrem Essay widmet sich übrigens auch die französische Philosophie-Professorin Corine Peluchon in ihrem „Manifest für die Tiere“, das im Oktober bei C. H. Beck erscheint.


Eva Meijer: Was Tiere wirklich wollen (btb Verlag; 160 Seiten; 20 Euro).
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📷 großes Foto von Matthias Zomer via pexels.com, Coverfoto von mir

In Len Howards Vogelhaus

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Die Ornithologin Gwendolen „Len“ Howard (1894 — 1973) und ihre Arbeit sind inzwischen fast vergessen. Dabei wurden die Forschungsergebnisse der Britin, die sich insbesondere mit dem Verhalten und der Intelligenz von Kohlmeisen beschäftigte, in diversen Zeitschriften publiziert und die beiden Bücher „Birds as Individuals“ (1954 auch in der deutschen Übersetzung „Alle Vögel meines Gartens“ erschienen) sowie „Living With Birds“ waren seinerzeit Bestseller. Obwohl Len Howard, die nie Biologie studiert hat, ihrer Zeit voraus war und zu ähnlichen Themen forschte wie der spätere Medizin-Nobelpreisträger Konrad Lorenz, wurde sie gerade in der Welt der Wissenschaft nie so recht ernst genommen:

Das Buch von Konrad Lorenz […] wird viel ernster genommen, wahrscheinlich weil er eine entsprechende Ausbildung gemacht hat, wissenschaftliche Artikel schreibt, ein Mann ist. Dabei sind seine Beobachtungen weit weniger originell als meine.

Diese Klage stammt nicht etwa von Len Howard selbst, sondern wurde ihr von Eva Meijer in den Mund gelegt. Die niederländische Schriftstellerin und Philosophin wurde während ihres Studiums zufällig auf die eigenwillige Vogelkundlerin aufmerksam und widmete ihr den vielfach preisgekrönten Roman „Das Vogelhaus“ (deutsche Übersetzung von Hanni Ehlers). Das titelgebende Vogelhaus, ein abgelegenes Cottage in Sussex, spielt dabei erst in der zweiten Hälfte des Buches, das sich stellenweise wie ein von der Protagonistin verfasstes Memoir liest, eine zentrale Rolle. Als sich Len Howard nämlich dazu entschließt, ihr Leben und ihre Arbeit ganz den Kohlmeisen und anderen Gartenvögeln zu widmen und sich dafür weitgehend von der Welt und den Menschen zurückzuziehen, ist sie bereits über Vierzig und hat eine Karriere als erfolgreiche Violinistin in einem Londoner Orchester hinter sich.

Von diesem nicht unbedingt glücklichen Leben in der für sie stets fremden Großstadt und dem Aufwachsen in einem wohlhabenden, bildungsbürgerlichen Haushalt unter der Fuchtel einer strengen, launenhaften Mutter handelt der erste Teil des Romans. Schon da lernen die Leser*innen Len Howard als eine verträumte und etwas schrullige Außenseiterin kennen, die sich nicht den gesellschaftlichen Konventionen beugen will und keinen besonders guten Draht zu anderen Menschen hat. So gesehen ist die Entscheidung, die weite Welt und ihre Bewohner weitgehend auszuschließen — die Fenster und Türen des Vogelhauses stehen zwar den Vögeln immer offen, für die meisten Menschen dagegen ist das Häuschen tabu — nur konsequent.

Der Mensch sieht die anderen Lebewesen nicht richtig, weil er sich selbst für so wichtig hält.

Am Ende von Eva Meijers klugem Roman, in dem man der Hauptperson trotz der Ich-Perspektive allerdings leider nie so ganz nahe kommt, stellt sich die Frage, wer wohl mehr von wem abhängig war: Len Howard von „ihren“ Kohlmeisen oder umgekehrt. Vermutlich treffen beide Varianten gleichermaßen zu.


Eva Meijer: Das Vogelhaus (btb Verlag; 320 Seiten; 11 Euro). #supportyourlocalbookstore

Von Eva Meijer sind auf Deutsch außerdem zwei Sachbücher erschienen: „Die Sprachen der Tiere“ (Band 44 der „Naturkunden“-Reihe) und die Streitschrift „Was Tiere wirklich wollen“.


📷 das Beitragsfoto ist von mir

Mit Adele Brand bei den Füchsen

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Bereits als Kind entdeckte Adele Brand ihre Leidenschaft für Füchse und hielt ihre Beobachtungen in einem Tagebuch fest. Später leitete die britische Ökologin Forschungsprojekte in verschieden Ländern, zog verwaiste Fuchswelpen groß und kümmerte sich um verletzte Exemplare. Klar, dass man sich von solch einer Expertin nur allzu gerne mitnehmen lässt zu „unseren wilden Nachbarn“, wie es im Untertitel des von Beate Schäfer ins Deutsche übersetzten Buches „Füchse“ so treffend heißt.

Wie viele Wissenschaftler*innen gerade aus dem angloamerikanischen Raum beherrscht es auch Adele Brand äußerst gekonnt, Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse auch für Laien verständlich darzustellen und nicht zuletzt mithilfe persönlicher Anekdoten sowie einer leichtgängigen Sprache für eine ebenso kurzweilige wie lehrreiche Lektüre zu sorgen. Der zentrale Punkt ist für die Autorin dabei vor allem die Beziehung zwischen Fuchs (das Buch dreht sich fast ausschließlich um den nahezu weltweit verbreiteten Rotfuchs, lat. vulpes vulpes) und Mensch, die gerade in den letzten Jahren immer näher aneinandergerückt sind. Sogar durch die Millionenmetropole London streifen zahlreiche Füchse und nutzen als blinde Passagiere mitunter Sightseeing-Busse oder die U-Bahn.

Dieses Buch will vor allem eine Frage ergründen: Wie hat es der Rotfuchs, ein Wildtier, das sich vorzeiten in unberührten Wäldern entwickelt hat, geschafft, sich derart erfolgreich an die moderne Welt anzupassen?

Trotz dieser konkreten Fragestellung und des eher schmalen Umfangs von weniger als 200 Textseiten bringt Adele Brand den Leser*innen den Fuchs auf umfassende Art und Weise näher. Neben einer kurzen Kulturgeschichte des Fuchses, der in Fabeln, Märchen und der Mythologie vieler Kulturkreise eine Rolle spielt, geht es um Grundlegendes wie eine Einordnung des Fuchses, der trotz seiner katzengleichen Bewegungen zu den Caniden (also den Hundeartigen) gehört, ins Tierreich oder um die Frage, warum der Rotfuchs an verschiedenen Orten mit ganz unterschiedlichen Bedingungen problemlos überleben kann. Es ist die vergleichsweise geringe Spezialisierung des Fuchses, die ihn extrem anpassungsfähig macht — sowohl an die Bedingungen der indischen Thar-Wüste als auch an den Bialowieza-Urwald in Polen oder die Prärie Südkanandas und das 1.300-Seelen-Dorf der Autorin in der englischen Grafschaft Surrey.

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Neben allerlei Fakten fehlt auch Kurioses nicht, wie etwa die Vermutung, dass Füchsen bei der Jagd ein am Magnetfeld der Erde orientierter „innerer Kompass“ zugute kommt, oder der Umstand, dass bei der Londoner Polizei jede Woche mehrere Notrufe von besorgten Bürger*innen eingehen, die Fuchsschreie mit den Hilferufen von Verbrechensopfern verwechselt haben. Zum Ende ihres Buches rät Adele Brand ihrer Leserschaft, selbst aktiv zu werden und gibt allerlei Tipps zum Beobachten und Fotografieren von Füchsen, zum Führen eines Naturtagebuchs und — wohl eher für diejenigen, die ganz tief in die Materie einsteigen wollen — Anregungen für Forschungsprojekte und Dissertationen.

Einziger Kritikpunkt an diesem ansonsten empfehlenswerten Buch ist der Umstand, dass die Ausführungen zur zentralen Frage „Beziehung zwischen Mensch und Fuchs“ sehr auf Großbritannien bezogen sind. Gerade in London scheint es in den letzten Jahren einige Vorfälle gegeben zu haben, die — befeuert von Berichten in der Boulevardpresse und Diskussionen in den Sozialen Medien — zu erbitterten Schlagabtauschen zwischen „Fuchshassern“ und Tierschützer*innen geführt haben. Solch emotional geführte Debatten kennt man in Deutschland wohl eher beim Wolf…


Adele Brand: Füchse. Unsere wilden Nachbarn (C.H. Beck Verlag; 208 Seiten mit 28 Abbildungen; 22 Euro). #supportyourlocalbookstore

Zum Weiterlesen und -entdecken empfiehlt sich auch Adele Brands Blog „A Walk with Wildlife“, in dem es nicht ausschließlich um Füchse geht.


📷 Fuchsbild von monicore via pexels.com, Coverfoto von mir