Diane Cook: Die neue Wildnis

Mit ihrem im Sommer 2020 erschienenen Debütroman „The New Wilderness“ gelang der Amerikanerin Diane Cook gleich der Sprung auf die Shortlist des Booker Prize. Inzwischen steht der dystopische Roman auch in der deutschen Übersetzung von Astrid Finke in den Regalen der Buchhandlungen. Trotz der vielen Vorschusslorbeeren und der durchaus interessanten Thematik war „Die neue Wildnis“ für mich leider eine eher zähe Lektüre.

Die Grundidee des in näherer Zukunft spielenden Buches ist ziemlich nah an der Realität. Diane Cook denkt bereits bestehende Probleme konsequent weiter und entwirft eine Welt, die der unseren nicht allzu fern, aber kaum noch lebenswert ist. Ein Großteil der Menschheit vegetiert zusammengepfercht in aus allen Nähten platzenden Megastädten mit schlechter Luft und hoher Kriminalitätsrate dahin, während der große Rest der vom Klimawandel gezeichneten Landfläche dazu da ist, den Ressourcenhunger der Metropolen zu befriedigen. Echte Natur existiert nur noch im von der Regierung geschaffenen „Wildnis-Staat“, einer Art großem Nationalpark. In einer wissenschaftlichen Studie soll herausgefunden werden, ob der Mensch überhaupt in der Lage ist, in Einklang mit der Natur zu leben (die Frage wird im Lauf des Buches geklärt, wobei die Antwort kaum zu überraschen vermag). Dazu werden 20 Frauen, Männer und Kinder ausgewählt, die streng reglementiert unter einfachsten Verhältnissen und den wachsamen Augen unnachsichtiger Ranger als nomadische Gemeinschaft im „Wildnis-Staat“ leben. Zu den ersten Siedlern gehören Bea und ihr Mann Glen, die sich vor allem wegen der angeschlagenen Gesundheit ihrer (Stief-) Tochter Agnes auf das Experiment eingelassen haben. Während sich Agnes, der die Stadt buchstäblich die Luft zum Atmen geraubt hat, in der Natur bald erholt, haben Bea und Glen wie alle anderen Siedlerinnen und Siedler mit diversen Problemen zu kämpfen. Bea hadert hin und wieder damit, ihr Dasein als Designerin in der Stadt hinter sich gelassen zu haben, und Glen, als Professor für Frühgeschichte ein Experte für primitive menschliche Lebensformen, muss sich eingestehen, dass Theorie und Praxis zwei Paar Schuhe sind. Hinzu kommen allerlei Gefahren, die in der Wildnis lauern, Streitigkeiten darüber, wer in der Gruppe das Sagen hat, und — gegen Ende — eine Entscheidung der Regierung, die existenzielle Folgen für die Gemeinschaft hat.

Das alles hat schon seinen Reiz und ist zweifellos klug konstruiert, aber wirklich fesseln konnte mich „Die neue Wildnis“ nicht. Der Roman mag trotz einiger drastischer Momente nicht auf Knalleffekte und aufregende Abenteuer ausgelegt sein, aber ganz so spröde hätte die Handlung nun auch nicht erzählt werden müssen. In nicht wenigen Passagen des knapp 540 Seiten starken Buchs laufen die Protagonist*innen vom einen Ort zum anderen oder diskutieren schier endlos über irgendwelche demnächst anstehenden Entscheidungen. Dementsprechend froh war ich, als ich das Buch wieder zuklappen konnte — schade drum, denn meiner Meinung nach wurde hier viel Potenzial liegengelassen.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Die Schatten der Vergangenheit

Auf der Longlist zum diesjährigen Booker Prize: Morgen entscheidet sich, ob es Mary Lawsons berührendes Kleinstadt-Familiendrama „Im letzten Licht des Herbstes“ auch in die Endauswahl des renommierten Literaturpreises schafft.

Im Herbst 1972 steht die knapp achtjährige Clara am Fenster ihres Elternhauses in der Kleinstadt Solace im Norden Ontarios und hält Ausschau. Nach ihrer 16 Jahre alten Schwester Rose, die nach einem Streit mit den Eltern mal wieder abgehauen ist und im Gegensatz zu den anderen Malen schon seit fast zwei Wochen weg ist. Und nach Mrs. Orchard aus dem Nachbarhaus, die wegen ihrer Herzbeschwerden im Krankenhaus behandelt wird und um deren Kater Moses sich Clara währenddessen kümmert.

Auf einmal taucht ein fremder Mann in Mrs. Orchards Haus auf und fängt an, Kartons mit seinen Sachen aus- und mit den Sachen der alten Dame einzupacken. Was Clara nicht weiß: Mrs. Orchard ist bereits gestorben (eine Information, mit der die Eltern ihre kleine Tochter nicht auch noch belasten wollten) und der Mann ist kein Eindringling, sondern der rechtmäßige Erbe des Hauses. Liam Kane, gescheitert in Ehe, Beruf und der Großstadt, kommt ein Tapetenwechsel im verschlafenen Nest Solace gerade recht, wobei er das geerbte Haus möglichst schnell gewinnbringend loswerden möchte. Immerhin hat er zu dem Gebäude keine Beziehung und auch die letzte persönliche Begegnung mit Mrs. Orchard liegt schon fast dreißig Jahre zurück, so dass die Erinnerung längst verblasst ist.

Ganz anders sieht es bei Elizabeth Orchard selbst aus, die in einem dritten Handlungsstrang, der ein wenig früher spielt als die beiden anderen — immerhin lebt sie damals noch, ist sich aber ihres nahenden Endes bewusst — erzählt, wie der damals noch keine vier Jahre alte Nachbarsjunge Liam ihren unerfüllten eigenen Kinderwunsch zumindest für eine Weile befriedigte und warum der Kontakt dann auf dramatische Art und Weise endete.

Ruhig, aber dennoch eindringlich erzählt

Ein verschwundener Teenager, ein plötzlich in einer Kleinstadt auftauchender Fremder und ein Geheimnis aus der Vergangenheit. Das könnten glatt Zutaten für einen Thriller sein, aber „Im letzten Licht des Herbstes“ ist alles andere als das — obwohl die Handlung streckenweise so packend ist, dass man sich kaum losreißen kann. Mary Lawson versteht es gekonnt, die Schicksale ihrer drei Hauptfiguren Clara, Liam und Mrs. Orchard einfühlsam miteinander zu verknüpfen und die genauen Verbindungen erst nach und nach zu enthüllen. Das alles gelingt der Kanadierin, die schon seit vielen Jahrzehnten in England lebt, in einem zugänglichen, ruhigen Erzählton und ohne größere Knalleffekte, wobei es dem Buch keineswegs an Dramatik mangelt.

Die Quintessenz von „Im letzten Licht des Herbstes“ ist dabei die Feststellung, dass sowohl ein Zuwenig als auch ein Zuviel an Liebe fatale, langwierige Folgen haben kann. Trotzdem gibt es immer auch Linderung für die Wunden der Vergangenheit — wo, wenn nicht in einem Städtchen, das den Trost (der Originaltitel „A Town Called Solace“ ist da deutlich treffender als der recht beliebige deutsche Titel) bereits im Namen trägt?

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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