Im Januar ’23 gelesen

Gerade eben war doch noch Weihnachten und schon neigt sich der Januar wieder dem Ende entgegen – verrückt, wie die Zeit vor sich hinrast! Weihnachten ist aber ein gutes Stichwort, denn abgesehen vom neuen Buch von Arno Geiger (den ich zum Monatsabschluss noch auf einer Livestream-Lesung aus dem Hamburger Literaturhaus erleben darf) lagen alle Januar-Lektüren unter dem Weihnachtsbaum. Gute Geschenke allesamt, wobei ich vor allem mit Mariana Leky und Dagmar Leupold, die sich sprachlich und hinsichtlich ihrer Vorliebe für leicht windschiefe Figuren relativ nah sind, viel Freude hatte. Selbiges gilt auch für Arno Geiger – ein gelungener Abschluss für einen sehr gelungenen Lesemonat ohne Ärger und Verdruss.

Mariana Leky: Kummer aller Art // Eine sichere Bank für einen ebenso vergnüglichen wie klugen Einstieg ins neue Lesejahr: Mariana Lekys gesammelte (und leicht überarbeitete) Kolumnen aus der Zeitschrift „Psychologie Heute“. Wie der Titel verrät, geht es in den 39 jeweils knapp vier Seiten langen Geschichten um „Kummer aller Art“ – von diversen Ängsten und Schlaflosigkeit über Liebeskummer und Zwangsneurosen bis hin zu allgemeiner Seelenverknitterung.

Gewohnt fein beobachtet und erzählt im ganz eigenen „Leky-Sound“, sind es vor allem die wiederkehrenden Figuren, die diese Miniaturen so liebenswert machen. Man kann gar nicht anders, als den schwermütigen Herrn Pohl mit seinem altersschwachen Zwergpinschermischling Lori, die zaudernde, stets etwas verzagte Frau Wiese oder den Rilke-Verehrer Onkel Ulrich, der auch im Ruhestand nicht aus der beruflichen Rolle des Psychoanalytikers heraus kann, umgehend ins Herz zu schließen.

Was sich aus „Kummer aller Art“ fürs neue Jahr mitnehmen lässt? Nun, vielleicht sollten wir uns alle darum bemühen, unseren Mitmenschen freundlicher, staunender und gütiger gegenüberzutreten. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert.

Katherine May: Überwintern // Mehr zu diesem und anderen Winterbüchern HIER.

Dagmar Leupold: Dagegen die Elefanten // Der Deutsche Buchpreis mag es zwar gelegentlich etwas krachig und schillernd, aber dennoch hat es Dagmar Leupold mit dem leisen Helden ihres Romans „Dagegen die Elefanten!“ auf die letztjährige Longlist geschafft. Nach 2013 und 2016 bereits ihre dritte Nominierung.

Der angesprochene „Held“ ist Herr Harald, ein unscheinbarer, nicht mehr ganz junger Mann, der seinen Dienst an der Garderobe der Oper (Balkon links) mit großer Ernsthaftigkeit und tadellosen Manieren versieht. Von anderen kaum bemerkt und dementsprechend einsam, ist der Junggeselle selbst ein genauer Beobachter, der schöne Wörter, die Ergebnisse seiner Grübeleien und nicht zuletzt seine unschuldige Schwärmerei für die Frau, die bei ausgewählten Klavierkonzerten die Noten umblättert, akribisch in seinem Notizbuch festhält.

Ein Jahr lang begleiten wir Herrn Harald bei seinen alltäglichen Verrichtungen und auf seinen Spaziergängen durch München. Trotz einer sacht angedeuteten Krimihandlung um einen mysteriösen vergessenen Mantel (darin: eine Schreckschusspistole) überschlagen sich die Ereignisse auf den etwas mehr als 250 Seiten nicht gerade – eher passt sich das Buch dem gemäßigten Lebenstempo seines Protagonisten an.

Ich habe „Dagegen die Elefanten!“ trotz der wenig aufregenden Handlung sehr gerne gelesen. Herr Harald ist ein äußerst angenehmer Begleiter für ein paar ruhige Lesestunden und vor allem sprachlich ist der Roman ganz wunderbar gelungen – für mich auf jeden Fall preisverdächtig.

Arno Geiger: Das glückliche Geheimnis // Arno Geiger verrät uns in seinem neuen Buch ein Geheimnis. Ein Vierteljahrhundert lang streifte er regelmäßig durch die Straßen Wiens, um Altpapiercontainer nach Brauchbarem zu durchwühlen. In seiner Zeit als Student und erfolgloser Möchtegern-Schriftsteller suchte er neben interessanter Lektüre für sich selbst vor allem nach Dingen, die sich auf dem Flohmarkt zu Geld machen ließen.

Doch auch später machte der mittlerweile erfolgreiche Autor seine Runden – dann eher auf der Suche nach Briefen und Tagebüchern, die ihm als Inspiration für die Figuren seiner eigenen Werke dienten. „Feldstudien“, wie er selbst es nennt. Für seinen Roman „Unter der Drachenwand“ zum Beispiel las Arno Geiger rund 20.000 Briefe aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs; ein Drittel davon hatte er aus dem Müll gefischt.

„Das glückliche Geheimnis“ ist ein wunderbares Buch, in dem es keineswegs nur ums heimliche Sammeln von Altpapier geht. Es ist ein sehr persönlicher Einblick in das Leben und Arbeiten des Autors und nicht zuletzt eine Art Fortsetzung von „Der alte König in seinem Exil“. Ein Buch über das Bewahren und das Verschwinden, über das Vergehen der Zeit und Trauer, über die Dinge, die wirklich wichtig sind. Und natürlich ein Plädoyer für die großen und kleinen Geheimnisse in unserem Leben.

Die Fotos und Kurzrezensionen in diesem Beitrag sind zuerst auf meinem Instagram-Account erschienen. Schaut doch gerne einmal vorbei, um stets auf dem aktuellen Stand zu bleiben – ich freue mich!

Im August gelesen

Schon wieder ist ein Monat vorbei und diesmal habe ich es leider verpasst, alle meine Lektüren auf einem Foto festzuhalten. Vielleicht klappt es ja im September wieder — als kleine Gedächtnisstütze sind diese Übersichtsbilder schließlich nicht schlecht.

Verglichen mit dem sehr erfreulichen Lesemonat Juli war der August nicht ganz so ertragreich. Allein schon hinsichtlich der Seitenzahl, aber auch hinsichtlich der Qualität des Gelesenen. Echte Ausreißer nach unten gab es zum Glück keine, aber ob auf der anderen Seite ein großes Highlight dabei war, wird sich erst im September noch herausstellen. Los ging es in den heißen Tagen zu Beginn des Monats mit zwei weiteren Krimis. „Bittersüße Zitronen“, den zweiten Capri-Krimi von Luca Ventura, habe ich recht gern gelesen (sogar lieber als den Vorgänger „Mitten im August“), wobei mich die ganze Machart schon sehr an die von den Öffentlich Rechtlichen produzierten TV-Krimis von diversen touristisch interessanten Orten erinnert hat — hübsche Kulisse und ein bestenfalls halbinteressanter Kriminalfall. (⭐⭐⭐)

Deutlich origineller fand ich da schon „Die Tote im Sturm“, den Auftakt zu einer neuen Schwedenkrimi-Reihe von Kristina Ohlsson. Sympathische Hauptfiguren und ein klug konstruierter Fall zum Miträtseln sind die Pluspunkte des angenehm unblutigen Krimis, den man sicher auch auf weniger als 540 Seiten hätte erzählen können. Getrübt wurde das Lesevergnügen allerdings durch die seltsame Entscheidung des deutschen Verlags, des Rätsels Lösung bereits im Titel auszuplaudern. (⭐⭐⭐1/2)

Nach so viel Mord und Totschlag durfte es dann mal wieder ein Klassiker sein, nämlich Truman Capotes „Die Grasharfe“ aus dem Jahr 1951. Mordopfer gibt es hier keine, wenngleich ein junger Mann bei einem Aufruhr eine Schussverletzung erleidet. Grund für die Auseinandersetzung ist die Besetzung eines Baumhauses durch ein Grüppchen von der Welt (und vor allem von der herrischen Verena Talbo) gegängelter Außenseiter um die kindlich-naive Dolly (Verenas Schwester) und den Waisenjungen Collin (Verenas Neffe). Ein humorvoller Südstaaten-Roman mit ernsthaften Untertönen, aber so recht gepackt hat mich das schmale Buch trotzdem nicht. (⭐⭐⭐)

Als großer Höhepunkt könnte sich schließlich „Papyrus“ herausstellen, Irene Vallejos ausgiebige Reise durch „die Geschichte der Welt in Büchern“. Nach gut 120 von — ohne den umfangreichen Anhang — rund 660 Seiten bin ich sehr angetan von der Lektüre. Die Erzählweise der Spanierin ist fesselnd, dazu erweist sie sich als wahre Meisterin der Abschweifung und des Exkurses. Vielleicht stören der manchmal fehlende Fokus und die kaum zu überblickende Masse an Fakten später noch ein wenig, aber bisher macht das Buch viel Freude. Und meine Lese- und Filmliste ist auch schon wieder ein ganzes Stück länger geworden.

Nach „Papyrus“ widme ich mich in den ersten Tagen des meteorologischen Herbstes dann dem Anfang August leider verstorbenen Jean-Jacques Sempé. Zwei Zusammenarbeiten mit Patrick Süskind habe ich mir herausgesucht, nämlich das wunderbare „Das Geheimnis des Fahrradhändlers“ (Text und Illustrationen von Sempé, deutsche Übersetzung von Süskind) und „Die Geschichte von Herrn Sommer“ (Text von Süskind, Illustrationen von Sempé).

Bücher und Musik für den Wunschzettel

Es ist Adventszeit und obwohl es momentan sehr schwer ist, halbwegs zuversichtlich auf die kommenden Festtage zu blicken, schadet es sicher nicht, sich ein paar Gedanken zu machen, womit man seinen Lieben (oder sich selbst) eine Freude machen kann. Deshalb an dieser Stelle eine kleine Zusammenstellung von Büchern und Schallplatten, die mir im zu Ende gehenden Jahr besonders gut gefallen haben — verbunden mit der Hoffnung, dass sich darunter auch die eine oder andere Anregung für Euch findet.

Für spannende Lesestunden:

Krimis sind immer dann besonders lesenswert, wenn sie über den Tellerrand des zu lösenden (Mord-) Falles hinausblicken und auch etwas über die Zeit und die Gesellschaft erzählen, in der die Handlung spielt. Hervorragend glückt dieser Spagat sowohl Alex Beer in ihrer Reihe um Kommissar August Emmerich (mit „Der letzte Tod“ ist gerade der fünfte Band erschienen) als auch Thomas Mullen mit seiner „Darktown“-Trilogie, die bei DuMont inzwischen komplett als Taschenbuchausgabe vorliegt. Hier das heruntergekommene Wien der Zeit nach dem ersten Weltkrieg, dort Atlantas erste Schwarze Polizisten in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren — zwei gänzlich verschiedene Welten mit ihren ganz eigenen Problemen, aber doch auch überraschend vielen Gemeinsamkeiten.
Nicht in der Vergangenheit, aber trotzdem in einer für die allermeisten der Leserinnen und Leser fremden Umgebung, nämlich in einem von Drogen und Kriminalität geprägten Problembezirk Philadelphias, spielt Liz Moores „Long Bright River“. Gleichermaßen ein packender Kriminalroman wie auch eine berührende Familiengeschichte.
Eines haben all diese Romane gemeinsam: Man wird bestens unterhalten und ist nach der Lektüre ein klein wenig klüger.

Zeit für Freunde und alte Bekannte:

Die Figuren aus Sven Regeners Romanen rund um Frank Lehmann und dessen Dunstkreis gehören seit vielen Jahren zum eigenen Bekannten-, wenn nicht gar Freundeskreis. In „Glitterschnitter“, angesiedelt im Kreuzberg des Jahres 1980, gibt es nun ein freudiges Wiedersehen. Die ewig gleichen Typen, die immer die gleichen Geschichten erzählen — fast wie Weihnachten in der eigenen Familie.
Etwas komplexer als im mit viel Wortwitz und Situationskomik glänzenden Roman von Sven Regener wird das Thema Freundschaft in Benjamin Myers‘ „Der perfekte Kreis“ und Beatrix Kramlovskys „Fanny oder Das weiße Land“ verhandelt. Der Brite Myers erzählt von zwei Außenseitern, die kaum etwas verbindet außer das mit fast religiösem Eifer verfolgte Unterfangen, den perfekten Kornkreis zu kreieren; bei Kramlovsky flieht ein Grüppchen österreichischer Soldaten im Frühjahr 1918 aus der russischen Kriegsgefangenschaft und macht sich auf den gefährlichen Heimweg ins 12.000 Kilometer entfernte Wien. In beiden Büchern schweißt ein gemeinsames Ziel höchst unterschiedliche Menschen zusammen. Dass Zusammenhalt und Freundschaft gerade in schweren Zeiten unverzichtbar sind und man gemeinsam viel mehr erreichen kann als allein, mögen zwar keine allzu bahnbrechenden Erkenntnisse sein — aber gerade jetzt schadet es nicht, noch einmal daran erinnert zu werden. Am besten natürlich verpackt in solch grandiose Geschichten.

Zum Anhören:

  • Big Red Machine: „How Long Do You Think It‘s Gonna Last?“
    Das zweite Album der Indie-Supergroup um Justin Vernon (Bon Iver) und Aaron Dessner (The National) besticht durch ein beeindruckendes Arsenal an Gaststars von Taylor Swift und Ben Howard bis hin zu Anaïs Mitchell und Robin Pecknold (Fleet Foxes) sowie durch seine überbordende Kreativität und Spielfreude. Eine Platte für die Ewigkeit!
  • Locas In Love: „Winter“
    Ein echter Dauerbrenner ist die bereits 2008 erschienene Platte der leider nach wie vor sträflich unterschätzten Kölner Band. So tröstlich, hellsichtig und mutmachend wie in diesen tristen Pandemiewintern klang „Winter“ allerdings noch nie. Musik wie eine warme Decke.
  • Keaton Henson: „Fragments“
    Ein halbes Dutzend eher nebenbei entstandene Songs reichen dem schüchternen britischen Multitalent Keaton Henson für ein kleines Meisterwerk von herzzerreißender Schönheit. Verschenkt man am besten mit einer Großpackung Taschentücher.
  • The Killers: „Pressure Machine“
    Bombast, hymnische Refrains und Stadionrock — all die Dinge, mit denen man The Killers aus Las Vegas gemeinhin verbindet, findet man auf „Pressure Machine“ nicht. Stattdessen steht das neue Album in der Tradition von Bruce Springsteen und Tom Petty und stellt eindrucksvoll unter Beweis, was für ein hervorragender Geschichtenerzähler Brandon Flowers doch ist. Alles richtig gemacht!

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Verlass die Stadt (*)

Raus aufs Land geht es in Lisa Kreißlers drittem Roman „Schreie & Flüstern“. Darin macht die Hauptfigur Vera, die zunächst mit der neuen Umgebung fremdelt, eine unerwartete Wandlung durch.

Das Leben von Schriftstellerin Vera und Maler Claus, die mit ihrem gemeinsamen Sohn Siggi in Leipzig wohnen, ist gehörig ins Stocken geraten. Zwar sind die beiden ein fester Bestandteil der Künstlerszene der hippen sächsischen Stadt, aber größere Erfolge können beide nicht unbedingt vorweisen. Außerdem erleidet Vera eine Fehlgeburt, die das Paar in eine Krise stürzt und einen Neuanfang ausweglos erscheinen lässt.

Da kommt ein großzügiges Geldgeschenk von Claus‘ wohlhabenden Eltern gerade recht — statt aber in Wohneigentum in Leipzig zu investieren, entscheiden sich Vera und Claus für einen radikalen Schnitt und kaufen einen baufälligen Hof im niedersächsischen Pohle, in der Nähe des Dorfes, dem Vera einst entflohen ist und in dem ihre Verwandtschaft nach wie vor lebt. Claus blüht in der neuen Umgebung regelrecht auf. Er stürzt sich in die Renovierungsarbeiten, schmiedet Pläne für ein Leben als Bio-Landwirt, tritt dem Männergesangsverein bei und wird schnell Teil der Dorfgemeinschaft. Vera dagegen vermisst ihre Leipziger Freunde und muss sich stattdessen mit den Problemen der alternden Verwandtschaft herumplagen. Für sie ist das neue Zuhause kein Zuhause, sondern eine feindselige Umgebung. Der riesige, halb verfallene Hof bedrückt sie, zu den neuen Nachbarn hat sie keinen Draht und selbst Claus kommt ihr auf einmal eher wie ein Widersacher als ein Partner vor.

Dies hier ist meine letzte Station. Hier werde ich den Rest meines Lebens verbringen — und irgendwann verschwinden.

Lisa Kreißler: Schreie & Flüstern

Doch kurz, bevor die Situation unerträglich wird, geschieht etwas völlig Unerwartetes: Vera wird wieder schwanger und parallel zu dem neuen Leben, das in ihr heranwächst, scheint auch sie eine Art Wiedergeburt zu erfahren. Auf einmal weiß sie, dass es die richtige Entscheidung war, der Stadt den Rücken zu kehren.

Vielschichtige Handlung mit autobiographischen Zügen

Romane, in denen Menschen die Großstadt verlassen und aufs Land ziehen, erfreuen sich seit einigen Jahren in der deutschsprachigen Literatur großer Beliebtheit. Während anderswo aber gerne die ganz großen gesellschaftlichen Probleme angepackt werden und sich Konflikte zwischen den „spießigen“ Alteingesessenen und den „weltoffenen“ Neuankömmlingen entwickeln, bleibt Lisa Kreißler ganz nah an ihren Hauptfiguren, allen voran Vera. Dass die Autorin, die ebenfalls auf einem Hof in Niedersachsen lebt, eine ganz ähnliche Lebensgeschichte hat wie ihre Protagonistin, legt die Vermutung nahe, dass „Schreie & Flüstern“ zumindest zum Teil autobiographisch geprägt ist. Unabhängig davon taucht man nach dem etwas verwirrenden Beginn schnell in die Handlung ein und folgt der Entwicklung des Geschehens und der Figuren, die einem zunehmend sympathischer werden, sehr gerne.

Lisa Kreißler singt kein undifferenziertes Loblied aufs Landleben, sondern arbeitet stattdessen die Grautöne gekonnt heraus. Vor allem aber ist „Schreie & Flüstern“ ein Plädoyer dafür, nicht voreilig aufzugeben und sich die nötige Zeit zu nehmen, um sich auf neue Umstände und Situationen einzulassen. Gut Ding will Weile haben, sagt der Volksmund — in diesem Roman bestätigt sich die Richtigkeit dieser alten Weisheit auf ebenso eindringliche wie kurzweilige Weise.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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(*) Die Überschrift zu diesem Blogeintrag habe ich von einem älteren, aber nach wie vor sehr aktuellen Song der österreichischen Musikerin Gustav „geklaut“. Zum Anhören HIER ENTLANG.

Die Schatten der Vergangenheit

Auf der Longlist zum diesjährigen Booker Prize: Morgen entscheidet sich, ob es Mary Lawsons berührendes Kleinstadt-Familiendrama „Im letzten Licht des Herbstes“ auch in die Endauswahl des renommierten Literaturpreises schafft.

Im Herbst 1972 steht die knapp achtjährige Clara am Fenster ihres Elternhauses in der Kleinstadt Solace im Norden Ontarios und hält Ausschau. Nach ihrer 16 Jahre alten Schwester Rose, die nach einem Streit mit den Eltern mal wieder abgehauen ist und im Gegensatz zu den anderen Malen schon seit fast zwei Wochen weg ist. Und nach Mrs. Orchard aus dem Nachbarhaus, die wegen ihrer Herzbeschwerden im Krankenhaus behandelt wird und um deren Kater Moses sich Clara währenddessen kümmert.

Auf einmal taucht ein fremder Mann in Mrs. Orchards Haus auf und fängt an, Kartons mit seinen Sachen aus- und mit den Sachen der alten Dame einzupacken. Was Clara nicht weiß: Mrs. Orchard ist bereits gestorben (eine Information, mit der die Eltern ihre kleine Tochter nicht auch noch belasten wollten) und der Mann ist kein Eindringling, sondern der rechtmäßige Erbe des Hauses. Liam Kane, gescheitert in Ehe, Beruf und der Großstadt, kommt ein Tapetenwechsel im verschlafenen Nest Solace gerade recht, wobei er das geerbte Haus möglichst schnell gewinnbringend loswerden möchte. Immerhin hat er zu dem Gebäude keine Beziehung und auch die letzte persönliche Begegnung mit Mrs. Orchard liegt schon fast dreißig Jahre zurück, so dass die Erinnerung längst verblasst ist.

Ganz anders sieht es bei Elizabeth Orchard selbst aus, die in einem dritten Handlungsstrang, der ein wenig früher spielt als die beiden anderen — immerhin lebt sie damals noch, ist sich aber ihres nahenden Endes bewusst — erzählt, wie der damals noch keine vier Jahre alte Nachbarsjunge Liam ihren unerfüllten eigenen Kinderwunsch zumindest für eine Weile befriedigte und warum der Kontakt dann auf dramatische Art und Weise endete.

Ruhig, aber dennoch eindringlich erzählt

Ein verschwundener Teenager, ein plötzlich in einer Kleinstadt auftauchender Fremder und ein Geheimnis aus der Vergangenheit. Das könnten glatt Zutaten für einen Thriller sein, aber „Im letzten Licht des Herbstes“ ist alles andere als das — obwohl die Handlung streckenweise so packend ist, dass man sich kaum losreißen kann. Mary Lawson versteht es gekonnt, die Schicksale ihrer drei Hauptfiguren Clara, Liam und Mrs. Orchard einfühlsam miteinander zu verknüpfen und die genauen Verbindungen erst nach und nach zu enthüllen. Das alles gelingt der Kanadierin, die schon seit vielen Jahrzehnten in England lebt, in einem zugänglichen, ruhigen Erzählton und ohne größere Knalleffekte, wobei es dem Buch keineswegs an Dramatik mangelt.

Die Quintessenz von „Im letzten Licht des Herbstes“ ist dabei die Feststellung, dass sowohl ein Zuwenig als auch ein Zuviel an Liebe fatale, langwierige Folgen haben kann. Trotzdem gibt es immer auch Linderung für die Wunden der Vergangenheit — wo, wenn nicht in einem Städtchen, das den Trost (der Originaltitel „A Town Called Solace“ ist da deutlich treffender als der recht beliebige deutsche Titel) bereits im Namen trägt?

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Erzählungen für Eingeweihte

Rund um den Friedhof der vergessenen Bücher, einen mythenumrankten Ort irgendwo in bzw. unter Barcelona, hat Carlos Ruiz Zafón seit seinem 2001 veröffentlichten Weltbestseller „Der Schatten des Windes“ einen faszinierenden Kosmos geschaffen. Wer weiß, wie viele spannende und schauerliche Geschichten uns noch erwartet hätten, wäre der spanische Autor mit Wohnsitz Los Angeles nicht im vergangenen Juni leider viel zu früh verstorben.

Im hübsch aufgemachten Band „Der Friedhof der vergessenen Bücher“ (deutsche Übersetzung von Lisa Grüneisen und Peter Schwaar) sind nun elf Erzählungen versammelt, wobei unter anderem die mit gut 50 Seiten deutlich längste Geschichte „Der Fürst des Parnass“ vor einigen Jahren schon einmal als eigenständiges Büchlein erschienen ist. Da sieben Erzählungen erstmals auf Deutsch vorliegen, gibt es aber dennoch genug Neues zu entdecken. Vor allem natürlich für Fans von Carlos Ruiz Zafón, die in den Geschichten zahlreiche Motive aus und Anspielungen auf „Der Schatten des Windes“ und die darauf folgenden Romane finden. Auch hier wimmelt es wieder nur so vor geheimnisvollen Büchern, verwunschenen Häusern, seltsamen Gestalten und unerhörten Begebenheiten — das alles vor der prächtigen, aber leicht heruntergekommenen Kulisse eines Barcelona, das kaum etwas gemein hat mit der heutigen Overtourism-Metropole. Zudem treffen versierte Leserinnen und Leser auf viele vertraute Namen wie Martín, Sempere, Corelli und Romero de Torres.

Obwohl sich die Qualitäten des wunderbaren Erzählers auch in der kurzen Form zeigen, war der ausufernde Roman mit immer neuen Wendungen und verschlungenen, fast labyrinthischen Handlungssträngen doch die wahre Paradedisziplin von Carlos Ruiz Zafón. So bleibt „Der Friedhof der vergessenen Bücher“ in erster Linie eine lesenswerte Ergänzung für Eingeweihte. Wer das Werk des Spaniers erst noch entdecken will, beginnt am besten mit dem nach wie vor herausragenden „Der Schatten des Windes“.

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Monatsrückblick Februar ’21

📸 Christoph Walter

Die Zeit hatte jetzt starke Rhythmusstörungen, sie ruckte nach vorne, tippelte auf der Stelle, mal blieb sie stehen, mal raste sie und nicht selten tat sie alles zugleich.

Mariana Leky: Die Herrenausstatterin

Auch im zu Ende gehenden Februar hatte die Zeit weiter mit gehörigen Rhythmusstörungen zu kämpfen. Wie es mit dem Leben im Allgemeinen und der Kultur im Besonderen weitergeht, ist nach wie vor kaum abzusehen. Gut gemeinte Initiativen und Vorschläge sind zwar durchaus vorhanden, aber die Kultureinrichtungen liegen größtenteils so verwaist da wie der oben abgebildete Musikpavillon im Februarschnee.
Keine abschließende Antwort auf die Frage „Wie geht es weiter mit der Kultur?“ brachte Mitte des Monats eine Diskussion im Staatstheater Nürnberg. Sehenswert ist das Gespräch mit der Theatermacherin Andrea Maria Erl und dem Schriftsteller Ewald Arenz aber dennoch.

Eine entscheidende Änderung der Gesamtsituation ist wohl auch im März nicht zu erwarten, aber immerhin gibt es doch ein paar Dinge, auf die ich mich freue und die ich gerne empfehle. So erscheint am 25. März mit „Der große Sommer“ ein neuer Roman des bereits erwähnten Ewald Arenz. Am Abend des gleichen Tages steht zudem eine Livestream-Lesung aus dem Münchner Lustspielhaus auf dem Programm — Axel Hacke verspricht nicht weniger als die „lustigsten Texte aus 30 Jahren“. Und in der ARD läuft am 27. März mit „Allmen und das Geheimnis der Erotik“ die inzwischen vierte Verfilmung eines Allmen-Krimis von Martin Suter.

Außerdem lohnt sich jederzeit ein virtueller Besuch bei der Bibliotheca Hertziana, dem Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte in Rom. Während des Lockdowns im vergangenen Frühjahr beauftragte die Einrichtung eine Reihe von Fotografen damit, die Stimmung in den nahezu menschenleeren Innenstädten von Rom und Neapel zu dokumentieren. Herausgekommen sind gleichermaßen beeindruckende wie bedrückende Aufnahmen der „Ruhe mitten im Sturm“, wie es die Fotografen Luciano, Matteo und Marco Pedicini beschreiben. –> ZU SEHEN HIER

Im Februar gelesen:

(aktuell: Olli Jalonen — Die Himmelskugel)

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Der sechste Sinn

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Früher, als die Menschen noch Jäger und Sammler waren, war es für sie überlebenswichtig, die Zeichen der Natur richtig zu deuten. Ein nicht vorhergesehener Wetterumschwung, dem man schutzlos ausgesetzt war, konnte ebenso tödlich enden wie die unerwartete Begegnung mit einem wilden Tier oder ausbleibender Jagderfolg. Dementsprechend hatten unsere Vorfahren ein feines Gespür für kaum wahrnehmbare Veränderungen oder subtile Hinweise, die entscheidend waren für ihr Wohl oder Wehe. Im Laufe der Zeit verkümmerte dieser „sechste Sinn“ allerdings zunehmend — kein Wunder, denn der moderne Mensch muss sich kaum noch ohne Hilfsmittel in der freien Natur orientieren und die Nahrung kommt im Zweifelsfall aus dem Supermarkt.

20200615_140936_2Dass es aber ein großer Gewinn sein kann, dieses immer noch tief in uns verankerte Gespür für die Natur wieder zu aktivieren und zu trainieren, zeigt der Brite Tristan Gooley, in seiner Heimat auch als „Sherlock Holmes der Natur“ bekannt, in seinem lesenswerten Buch „Unsere verborgene Natur“ (deutsche Übersetzung von Jasmine Hofmann). Großartiges Vorwissen oder spezielle Fähigkeiten braucht es gar nicht, um die Zeichen in unserer Umwelt zu erkennen, denn unser Gehirn nimmt diese Hinweise sowieso unbewusst auf. Die Kunst besteht letztlich darin, sie wieder deuten zu können — und zwar am besten intuitiv. Dabei bezieht sich Tristan Gooley in erster Linie auf Daniel Kahnemans Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“.  Als „langsames Denken“ bezeichnet der Kognitionspsychologe Kahneman bewusstes Nachdenken über eine Sache, als „schnelles Denken“ dagegen Prozesse, die quasi von selbst ablaufen. Eine Fahrradfahrerin, die auf ihren Drahtesel steigt und losfährt, wendet also schnelles Denken an, während ein Schüler, der über einer komplizierten Matheaufgabe grübelt, vermutlich eher auf das langsame Denken zurückgreift.

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Ein zentrales Anliegen von Gooleys Buch ist es, dass seine Leser*innen in der Natur von langsamen zu schnellen Denkern werden, also Dinge durch Beobachtung einüben, bis sie irgendwann intuitiv wahrgenommen werden. Die Orientierung anhand der Sterne ist zum Beispiel für den Laien extrem kompliziert, weil es erst einmal Mühe bereitet, Sternbilder überhaupt zu erkennen und daraus Schlüsse über die Himmelsrichtungen zu ziehen. Mit viel Übung reicht aber eines Tages ein kurzer Blick in den Nachthimmel, um sofort zu wissen, wo Norden ist. Ähnliche Beispiele gibt Tristan Gooley in seinem anekdotenreichen, im sympathischen Plauderton erzählten Buch in großer Zahl. So erfahren wir, wie wir Bewegungsmuster von Tieren erkennen und vorhersagen können, was der Pflanzenwuchs auf dem Boden über das Alter eines Waldes aussagt, wie wir Vögel schon im Vorbeifliegen richtig zuordnen oder wie wir uns anhand der Form von Bäumen im offenen Gelände orientieren können.

Viele Dinge erscheinen sofort plausibel, andere lassen einen schon beim Lesen zweifeln, ob man sie trotz jahrelanger Übung jemals wird umsetzen können. Letztlich ist das aber egal, denn schließlich geht es nicht darum, einen Wettkampf zu gewinnen, sondern mit wachen Sinnen und großer Lust am Entdecken durch die Natur zu streifen. Die Lust, nach Draußen zu gehen, weckt Tristan Gooley mit „Unsere verborgene Natur“ jedenfalls allemal.


Tristan Gooley: Unsere verborgene Natur. Honig hören, die Himmelsrichtung fühlen, die Dämmerung riechen – Wie wir unser angeborenes Gespür für die Natur wiederentdecken (Ludwig Verlag, 416 Seiten, 22 Euro).
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* Vielen Dank an den Ludwig Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! *


📷 Naturfoto von Efdal YILDIZ via Pexels.com, Buchfotos von mir

Die Mannigfaltigkeit der Vogelwelt

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Seit mehr als 40 Jahren beschäftigt sich der Biologe Walter A. Sontag, Associate Scientist am Naturhistorischen Museum in Wien und Schüler des legendären Schweizer Tiergartendirektors Heini Hedinger, mit der Variabilität und der Persönlichkeit von Vögeln. Unter anderem erforschte der Autor schon als junger Wissenschaftler bei einer Gruppe afrikanischer Lappenstare die unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmale der einzelnen Individuen — fast so wie ein paar Jahrzehnte zuvor Len Howard bei den Kohlmeisen in ihrem Cottage.

Von Walter A. Sontags immensem Erfahrungsschatz und seinem schier unerschöpflichen Wissen profitiert nun das schön aufgemachte, kenntnisreiche Buch „Das wilde Leben der Vögel“, das es trotz seines vergleichsweise schmalen Umfangs in sich hat. Im ersten Teil widmet sich der Autor der „überwältigenden Mannigfaltigkeit“ der nach aktuellem Stand rund 11.000 verschiedene Spezies zählenden Vogelwelt, die sich in zahllosen Erscheinungsformen, Lebensräumen und Verhaltensweisen manifestiert. Walter A. Sontag nimmt die Leser*innen mit auf Expeditionen des britischen Evolutionsforschers Alfred Russell Wallace und des begeisterten Hobby-Ornithologen Jonathan Franzen, die sich — wie viele andere — die Frage stellten, wie man am besten eine sinnvolle Ordnung in diese überbordende Vielfalt bringen soll. Die Suche nach der Antwort auf diese Frage wird wohl auch noch viele weitere Generationen von Wissenschaftler*innen beschäftigen und jede Menge neue Erkenntnisse mit sich bringen.

20200520_133915Im zweiten Teil des Buches stehen die Beziehungen der Vögel untereinander und zu anderen Tieren im Mittelpunkt. Wir erfahren von teils gigantischen, bis zu mehrere Millionen Individuen umfassenden Zusammenschlüssen von Krähenvögeln und Staren, Kooperationen unterschiedlicher Vogelarten, komplexen Kommunikationsformen und nicht zuletzt Schmarotzertum — vom Brutparasitismus des Kuckuck bis hin zu Raben, die sich an der Beute von Wölfen „bedienen“.

Ähnlich vielfältig wie die unterschiedlichen Erscheinungsformen der Vögel sind auch Partnerwahl, Fortpflanzung und Brutpflege — ein Thema, dem Walter A. Sontag ein weiteres ausführliches Kapitel widmet. Besonders interessant ist der darauf folgende Abschnitt über die Sinne der Vögel, da es in diesem Teilgebiet der Ornithologie nach wie vor eine Vielzahl offener Fragen gibt, die Raum lassen für hitzige Kontroversen in der Fachwelt und bahnbrechende Entdeckungen. So ist zum Beispiel nach wie vor nicht geklärt, wie der „innere Kompass“ funktioniert, der es Zugvögeln ermöglicht, immense Strecken zu bewältigen, und auch der bislang eher vernachlässigte Geruchssinn der Vögel ist erst in letzter Zeit stärker in den Fokus der Forschung gerückt.

Zum Abschluss seines anspruchsvollen Buches, das sich vor allem an Vogelbegeisterte richtet, die gerne etwas tiefer in die Materie einsteigen und sich einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung verschaffen möchten, wirft Walter A. Sontag einen Blick in die Zukunft. Welche Auswirkungen hat das Anthropozän mit all seinen Auswüchsen wie Verstädterung, Abholzung riesiger Waldflächen oder intensiver Landwirtschaft wohl auf die Entwicklung der Vogelvielfalt? Die Antwort auf diese Frage ist hinlänglich bekannt und leider sehr ernüchternd — allerdings gibt es auch hier einige Punkte, die Hoffnung machen auf eine positive Wende.

Letzten Endes gilt: Je mehr man von etwas weiß, desto eher ist man bereit, es zu schützen und zu bewahren. Insofern leistet „Das wilde Leben der Vögel“ einen großen Beitrag zum Erhalt der faszinierenden, vielfältigen Welt der Vögel.


Walter A. Sontag: Das wilde Leben der Vögel (C. H. Beck Verlag, 240 Seiten, 23 Euro).
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* Vielen Dank an den C. H. Beck Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! *


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Ein anderes Miteinander

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Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist eines der Spezialgebiete der Philosophin und Autorin Eva Meijer. Bereits in ihrem Roman „Das Vogelhaus“ über die Ornithologin Len Howard hat sich die 1980 geborene Niederländerin auf literarische Art und Weise mit diesem Thema beschäftigt; der Essay „Was Tiere wirklich wollen“ (deutsche Übersetzung von Hanni Ehlers), der zum großen Teil auf den Gedanken von Eva Meijers Dissertation basiert, setzt sich wissenschaftlicher und theoretischer damit auseinander — Len Howard und „ihre“ Kohlmeisen kommen aber auch in diesem Text wieder vor.

Eva_MeijerDie Annahme, nur Menschen seien dazu in der Lage, politisch zu handeln, ist bereits mehrere Jahrtausende alt. Schon Aristoteles vertrat diese Ansicht, die nun gerade von der politischen Philosophie jedoch zunehmend angezweifelt wird. Das liegt zum einen daran, dass neuere wissenschaftliche Erkenntnisse die Trennlinie zwischen Mensch und Tier immer mehr verschwimmen lassen, zum anderen aber auch daran, dass Menschen und Tiere in zunehmend vielfältigen Beziehungen zueinander stehen. Politische Entscheidungen und Handlungen der Menschen haben oft unmittelbaren Einfluss auf das Leben und Sterben von Tieren, etwa durch den Beschluss, einen neuen Schlachthof zu eröffnen oder einen Wald für ein Gewerbegebiet abzuholzen. Solche Beispiele kennen sicher alle Leser*innen aus ihrem direkten Umfeld — deutlich komplexer und abstrakter wird es jedoch, wenn Eva Meijer erklärt, dass umgekehrt auch Tiere „politisch“ handeln, indem sie durch ihr Verhalten Einfluss auf das Leben des Menschen nehmen. Eine nicht unumstrittene These, zumal nicht geklärt ist, inwiefern diese Handlungen bewusst und gezielt sind.

Auch die Forderung, Tieren politische Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen, mag sich zunächst etwas seltsam anhören, aber die mit vielen Beispielen und weiterführenden Literaturhinweisen versehenen Erläuterungen Eva Meijers sind sehr anschaulich und schlüssig. Gesteht man Tieren einen geschützten Lebensraum zu oder räumt ihnen unantastbare Grundrechte ein (zum Beispiel das Recht, nicht geschlachtet und verzehrt zu werden), hat dies eine politische Dimension, die mit der, die wir als Bürger*innen eines Staates gewohnt sind, vergleichbar ist.

Letztlich ist „Was Tiere wirklich wollen“ in erster Linie ein sehr anregendes Plädoyer für eine Abkehr vom Anthropozentrismus, also der Auffassung, der Mensch sei eine herausragende, den Tieren überlegene Art. Dass ein neues, klügeres und faireres Miteinander von Mensch und Tier im Interesse aller ist, zeigt nicht zuletzt die Corona-Krise (in diesem Zusammenhang empfiehlt sich auch die Lektüre dieses Artikels von Judith Schalansky):

Die Welt, in der wir leben, gewinnt an Farbe und Kontur, wenn wir besser auf Tiere hören, sie besser wahrnehmen.

Einem ganz ähnlichen Thema wie Eva Meijer in ihrem Essay widmet sich übrigens auch die französische Philosophie-Professorin Corine Peluchon in ihrem „Manifest für die Tiere“, das im Oktober bei C. H. Beck erscheint.


Eva Meijer: Was Tiere wirklich wollen (btb Verlag; 160 Seiten; 20 Euro).
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