Håkan Nesser – Der Choreograph

Hakan_Nesser

Fünf Jahre, bevor Håkan Nesser 1993 mit „Das grobmaschige Netz“ den ersten Roman der Krimireihe um Kommissar Van Veeteren veröffentlichte und damit seine Karriere als einer der renommiertesten (Kriminal-) Schriftsteller Europas begründete, erschien in seiner schwedischen Heimat das Debüt „Der Choreograph“. Anlässlich des 70. Geburtstag des Autors Ende Februar liegt der Roman nun erstmals auch in der deutschen Übersetzung (von Christel Hildebrandt) vor.

Schon in diesem Erstlingswerk lässt sich die spätere Klasse Håkan Nessers erahnen und zahlreiche in den gut 35 Büchern nach „Der Choreograph“ wiederkehrende Motive und Elemente tauchen in dem mit knapp 250 Seiten verhältnismäßig dünnen Roman ein erstes Mal auf. So spielt „Der Choreograph“ wie die Van-Veeteren-Krimis in einem fiktiven, mal an skandinavische Länder, mal an die Schweiz oder Frankreich erinnernden Land. Doch nicht nur örtlich und zeitlich, sondern auch inhaltlich ist Nessers Debüt nur schwer zu greifen. Einerseits gibt es gewisse Thriller-Elemente, andererseits ist „Der Choreograph“ aber auch eine Liebesgeschichte und eine philosophische Sinnsuche eines Mannes in der Mitte seines Lebens. Dieser Protagonist, etwas über Vierzig und an einer Hochschule beschäftigt, begegnet an einem schönen Frühjahrstag einer jungen Frau – für Begegnungen wie diese wurde wohl das geflügelte Wort von der „Liebe auf den ersten Blick“ erfunden. Die beiden verbringen mehrere Tage voller Leidenschaft miteinander, ehe Maria, so ihr Name, plötzlich verschwunden ist. Der Mann setzt sogar einen Detektiv auf sie an, aber ohne Erfolg. Trotzdem kreuzen sich die Wege der beiden im Laufe der Jahre immer wieder – mit mehr oder weniger dramatischen Wendungen.

Dennoch weiß man als Leser*in am Ende nicht so recht, ob es Maria tatsächlich je gegeben hat, oder ob sie ausschließlich im Kopf des Protagonisten existiert. Überhaupt ist es gar nicht so einfach, den verschiedenen Handlungssträngen und Zeitebenen zu folgen. Jedenfalls wirft das Buch mehr Fragen auf, als es beantwortet. Was hat es zum Beispiel mit dem Militärputsch auf sich, der an mehreren Stellen erwähnt, aber auf den nur vage eingegangen wird?

Wer die Geduld hat, sich auf diesen rätselhaften Roman einzulassen, hat das Vergnügen, mit „Der Choreograph“ die ersten Schritte eines großen Erzählers mitzugehen. Wer es jedoch lieber etwas zugänglicher, aber keinesfalls anspruchsloser mag, ist mit den meisten anderen Büchern (*) aus Håkan Nessers umfangreichem Gesamtwerk vermutlich besser bedient.


(*) besonders empfehlen möchte ich an dieser Stelle das exzellente „Der Fall Kallmann“