Im Juli gelesen

Meine Lektüren im Juli: Passend zur Sommerhitze viel (Krimi-) Unterhaltung und wenig Anspruchsvolles. Erfreulicherweise haben mir drei der vier Bücher gut oder sogar sehr gut gefallen, nur Norbert Scheuers „Mutabor“ fand ich ein wenig rätselhaft. Angesichts des Vorgängers „Winterbienen“, der mich wirklich begeistert hat, leider eine kleine Enttäuschung. (⭐⭐1/2)

Ebenfalls ausführlicher auf dem Blog vorgestellt habe ich Peter Swansons sehr atmosphärischen, erfreulich unblutigen Thriller „Acht perfekte Morde“, der meine Leseliste um einige Klassiker der Kriminalliteratur bereichert hat. (⭐⭐⭐⭐)

Höhepunkte des Monats waren aber die beiden Bücher, die hier bisher nicht erwähnt wurden. Zum einen „Das Buch des Totengräbers“ von Oliver Pötzsch, das Ende des 19. Jahrhunderts in Wien spielt und mich ziemlich an die etwas später angesiedelten, großartigen August Emmerich-Krimis von Alex Beer erinnert hat. Da neben dem jungen Kommissar Leopold von Herzfeldt auch der titelgebende Totengräber und der Wiener Zentralfriedhof eine zentrale Rolle in der Handlung einnehmen, ist der Roman wunderbar morbide und schwarzhumorig — genau nach meinem Geschmack also. Der Nachfolger „Das Mädchen und der Totengräber“ steht bereits weit oben auf meiner Wunschliste. (⭐⭐⭐⭐1/2)

Eine unglaublich triste und traurige, dabei aber auch sehr zärtliche und berührende Familiengeschichte erzählt Chris Whitaker in „Von hier bis zum Anfang“. Die Mischung aus Rache-Western, Roadtrip und Liz Moores ebenfalls sehr empfehlenswertem Roman „Long Bright River“ mit ihren unvergesslichen Charakteren wird mich so schnell nicht loslassen. Ende Juni ist außerdem Chris Whitakers dem Vernehmen nach nach ähnlichem Muster gestrickter Debütroman „Was auf das Ende folgt“ in deutscher Übersetzung erschienen — sicher auch ein lesenswertes Buch. (⭐⭐⭐⭐1/2)

Für den August liegen nun erst einmal zwei weitere Krimis aus Italien und Schweden bereit und dann bin ich gespannt, wohin mich die Leseabenteuer des neuen Monats wohl noch führen. Genießt den Sommer (trotz der gerade enormen Hitze)!

Norbert Scheuer: Mutabor

Über die Jahre hat Norbert Scheuer in seinen Romanen einen faszinierenden Kosmos geschaffen, den er mit jedem folgenden Werk ausbaut und weiterspinnt. Stets eine Rolle spielen dabei das Örtchen Kall in der Eifel, das Urftland, der Rauschen und die Mitglieder der Familie Arimond; Motive und Personen aus früheren Büchern werden viel später wieder aufgegriffen und aus einer anderen Perspektive beleuchtet. Das ist auch in „Mutabor“, dem schmalen neuen Roman des 1951 geborenen Autors nicht anders. Sogar Egidius Arimond, der Held des großartigen Vorgänger-Romans „Winterbienen“, wird kurz einmal erwähnt, wobei die Handlung deutlich näher am 2017 erschienenen „Am Grund des Universums“ ist.

Im Zentrum des Geschehens steht diesmal Nina Plisson, eine Außenseiterin in Kall. Der Vater unbekannt, die Mutter irgendwann verschwunden, wächst Nina zunächst bei der herrischen Großmutter und dem sanften Großvater auf, der mit seinem alten Opel Kapitän am liebsten nach Byzanz zum Palast der Störche fahren möchte. Nach dem Tod der Großeltern schmeißt Nina schnell die Schule und wird das, was die mitunter sehr übergriffigen Betreuer vom Jugendamt einen „Sozialfall“ nennen. Einzig die pensionierte Lehrerin Sophie Molitor sieht Potenzial in dem Mädchen und ermutigt es, seine Geschichte aufzuschreiben und Nachforschungen zu ihrerseiner Vergangenheit anzustellen. Die märchenhaften, an Traumsequenzen erinnernden Aufzeichnungen der inzwischen volljährig gewordenen Protagonistin wechseln sich ab mit Szenen aus Ninas Leben, das zwischen Dramatischem wie einer Gruppenvergewaltigung und Banalem wie Nebenjobs als Zeitungsausträgerin und Aushilfe bei Evros, dem griechischen Gastwirt mit einem Faible für Mythologie, Stunden in der tristen Cafeteria des örtlichen Supermarkts oder der Sorge um ihren schwer verwundet von einem Afghanistan-Einsatz zurückgekehrten Schwarm Paul Arimond (übrigens der Urgroßneffe des Imkers Egidius) zwar eine große Bandbreite, aber nur wenig Erfreuliches zu bieten hat.

Und just, als Licht ins Dunkel zu kommen scheint und Entscheidungen anstehen, bricht die große Flut des Sommers 2021 über das Urftland herein und hinterlässt auch in Kall Verwüstung und schwere Schäden.

Er meint, das Leben sei vergleichbar mit einer leeren Flasche, die auch nur Sinn habe, wenn man etwas hineinfüllt, egal was, es müsse nur etwas hinein, das glücklich macht.

Norbert Scheuer: Mutabor

War „Winterbienen“ zuletzt noch ein unmittelbar zugänglicher Roman, verlangt „Mutabor“ seiner Leserschaft trotz des geringen Umfangs von nicht einmal 190 Seiten — davon über 30 mit wunderbaren Zeichnungen von Norbert Scheuers Sohn Erasmus — deutlich mehr ab. Griechische Mythologie, Querverweise auf Scheuers andere Romane, Märchen (nicht umsonst trägt der Roman das Zauberwort aus Wilhelm Hauffs „Kalif Storch“ als Titel) und sogar Virginia Woolf, auf deren „Orlando“ in Gestalt einer Schildkröte angespielt wird — es steckt jede Menge drin in dieser etwas rätselhaften Geschichte vom Erwachsenwerden der Nina Plisson. Man muss sich schon einlassen wollen auf diesen Roman. Tut man es aber, gehört „Mutabor“ auf jeden Fall zu den Büchern, die man im Laufe der Zeit immer wieder aus dem Regal zieht.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Klara Jahn: Das Lied des Waldes

Zwei Handlungsstränge, zwischen denen mehr als 600 Jahre liegen, verwebt Klara Jahn (eines der gleich mehreren Pseudonyme der Autorin Julia Kröhn, die als Klara Jahn bereits „Die Farbe des Nordwinds“ veröffentlicht hat) in „Das Lied des Waldes“ gekonnt zu einem stimmungsvollen, kurzweiligen Ganzen. Im 14. Jahrhundert begegnen wir der jungen Patriziertochter Anna Stromer, die sich als Achtjährige im Nürnberger Reichswald verirrt, Bekanntschaft mit einer Einsiedlerin schließt und fortan ein ganz besonderes Verhältnis zum Wald entwickelt. Entgegen der damals landläufigen Meinung, dass der Wald beliebig gerodet und ausgebeutet werden kann, wächst die ruhige, wissbegierige Einzelgängerin zu einer frühen Umweltschützerin und Pionierin in Sachen nachhaltiger Nutzung natürlicher Ressourcen heran. Mit viel Eifer und Leidenschaft wird sie zu einer Vorreiterin auf dem Gebiet der Aufforstung und überzeugt sogar ihren geschäftstüchtigen Vater, sich von der holzintensiven Waffenproduktion abzuwenden und stattdessen die erste Papiermühle nördlich der Alpen zu eröffnen. Von den öden Monokulturen, die die geplante „Waldsaat“ eines Tages mit sich bringen würde, konnte Anna zu ihrer Zeit natürlich ebenso wenig ahnen wie von dem Umstand, dass die für die Papierherstellung benötigten Lumpen bald so knapp werden würden, dass man sich nach neuen Ausgangsmaterialien für Papier umschauen und ausgerechnet im Wald fündig werden würde.

Es heißt, man verliere den Verstand, wenn man zu lange allein im Wald ist. Ich jedoch glaube, man findet den Verstand nur in der Stille.

Klara Jahn: Das Lied des Waldes

Protagonistin der in der Gegenwart spielenden Teils des Romans ist die Mittvierzigerin Veronika, die nach dem Tod der Mutter in den Nürnberger Reichswald zurückkehrt, um das Forsthaus ihrer Eltern nebst des dazugehörigen Waldstücks möglichst schnell zu verkaufen. Möglichst schnell deshalb, weil sie dringend Geld braucht: Ihren Job als PR-Managerin in einer großen Agentur hat sie gerade verloren und wegen des Auszugs der Tochter sowie einer der Midlifecrisis ihres Mannes geschuldeten Ehekrise stehen gravierende berufliche wie private Umbrüche bevor. Die eigentlich rein geschäftliche Rückkehr in die Umgebung ihrer Kindheit wird aber schnell zu einer Reise in die Vergangenheit, auf der Veronika schnell mit einigen unbequemen Fragen konfrontiert wird. Konnte es ihr damals nicht schnell genug gehen, nach dem Abitur nach Frankfurt zu ziehen und eine glänzende Karriere anzustreben, fragt sie sich heute, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie nicht alle ihre früheren Überzeugungen und ihre Jugendliebe Martin hinter sich gelassen hätte. Neben den „Geistern der Vergangenheit“ tauchen, nachdem sich herumgesprochen hat, dass Veronikas bevorzugter Kaufinteressent auch in der ressourcenintensiven Papierproduktion tätig ist, bald ganz handfeste aktuelle Probleme in Person von Waldbesetzern auf.

Durch die Gliederung in zwei parallele, abwechselnd erzählte und eher lose miteinander verknüpfte Handlungsstränge sowie die Grundthematik erinnert „Das Lied des Waldes“ ein wenig an Maja Lundes „Klimaquartett“-Romane, wobei bei Klara Jahn das dystopische Element fehlt, wodurch die Geschichte etwas weniger reißerisch und dringlich wirkt. Die ruhige Erzählweise ist aber kein Nachteil, denn auch ohne größere Knalleffekte hört man dem „Lied des Waldes“ gerne zu. Schöne Naturbeschreibungen, interessante Exkurse in die Geschichte der Papierherstellung und des Forstwesens sowie ins Nürnberg des Spätmittelalters, gepaart mit der Erkenntnis, dass sich vermeintlich gute Entscheidungen manchmal erst viel später als Fehler herausstellen, machen diesen Roman äußerst lesenswert

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Volker Widmann: Die Molche

Ein fränkisches Dorf, Anfang der 1960er Jahre: Der elfjährige Max und vor allem sein verträumter jüngerer Bruder haben es als Zugezogene nicht leicht unter den oft recht vierschrötigen Alteingesessenen. Gerade die Bande um den brutalen Tschernik macht den beiden das Leben zuweilen zur Hölle. An einem Wintertag kommt es schließlich zur Katastrophe: Der Jüngere, von Tschernik und seinen Freunden in eine Ecke getrieben, wird von einem Stein am Kopf getroffen und bricht tot zusammen. Dass er nicht den Mut hatte, seinem Bruder zur Hilfe zu eilen, macht Max mindestens genauso schwer zu schaffen, wie die Reaktion der Erwachsenen auf diesen schrecklichen Vorfall. Alle, einschließlich der eigenen Eltern, sind sich einig, dass eben eine harmlose Balgerei zwischen Jungs zu einem tragischen Unglück geführt hat. Immerhin hatte der zu Tode gekommene Bub ja schon immer ein schwaches Herz…

Überhaupt sind die Erwachsenen in Volker Widmanns Debütroman „Die Molche“ wahre Meister darin, nicht genau hinzusehen und Unbequemes einfach totzuschweigen. Die Mütter sind in allererster Linie für Heim und Herd zuständig, die Väter entweder nicht da (so wie Max‘ Vater, der an einem Forschungsinstitut in der Stadt arbeitet und nur an den Wochenenden zur Familie ins Dorf kommt) oder vom Krieg physisch und psychisch schwer gezeichnete Gestalten, die sich für ihre Kinder höchstens dann interessieren, wenn es darum geht, sie zu züchtigen. Mit ihren Sorgen und Nöten sind die Kinder weitgehend alleine, Probleme und Streitigkeiten müssen sie selbst untereinander regeln. So geht es auch Max, der sich nach dem Tod des Bruders zuerst zurückzieht und später beschließt, zusammen mit seinen neu gewonnenen Freunden Heinz und Rudi sowie der unerschrockenen Marga etwas gegen Tschernik zu unternehmen.

Mit „Die Molche“ ist dem 1954 geborenen Volker Widmann ein leiser, aber eindringlich erzählter Coming-of-Age-Roman geglückt, der zuweilen an (Film-) Klassiker wie „Krieg der Knöpfe“ oder „Stand By Me“, aber auch an Paul Maars großartige Kindheitserinnerungen „Wie alles kam“ denken lässt. Natürlich spielt der entscheidende Teil der Handlung im Sommer, denn die einschneidenden Dinge zwischen Kindheit und Erwachsenwerden passieren bekanntlich immer im Sommer, ehe dann im Herbst alles anders ist.

Die Thematik um Freundschaft, Zusammenhalt und die erste Liebe wurde natürlich bereits mehr als ausgiebig erzählt, aber nicht zuletzt dank der wunderbaren Naturbeschreibungen (ähnlich gekonnt hat die flirrende Atmosphäre endloser Sommertage zuletzt Ewald Arenz in „Der große Sommer“ eingefangen) und der kritischen Auseinandersetzung mit der Sprachlosigkeit der Kriegsgeneration ist „Die Molche“ eben doch weit mehr als nur eine weitere Momentaufnahme aus der verwirrenden Zeit kurz vor der noch viel verwirrenderen Pubertät. Ein äußert lesenswerter Roman!

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Florian Weber: Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken

Puh, was für ein langer, komplizierter Buchtitel! Bei der Lektüre von Florian Webers drittem Roman erschließt sich der durchaus mehrdeutig zu verstehende Titel dann aber recht schnell. Zu Beginn tappt man jedoch erst einmal im Dunkeln — zum Glück befindet man sich dabei wenigstens nicht in einer so misslichen Lage wie Heinrich Pohl, der Protagonist der Geschichte. Der Mittvierziger treibt nämlich, verzweifelt festgeklammert an einer Styropor-Kühlbox, mitten im offenen Meer und weiß weder, wo er sich befindet (als Leserin oder Leser weiß man, dass es irgendwo zwischen der Küste Floridas und den Bahamas ist), noch, wie er dort hingekommen ist oder warum in seiner Nähe ein bewusstloser Clown, ein Lama und ein Klavier im Wasser herumdümpeln. Sicher ist bereits zu diesem Zeitpunkt, dass das alles kein gutes Ende nehmen kann — davon, wie es überhaupt zu dieser aussichtslosen Situation gekommen ist, erzählt „Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken“.

Nach der Anfangssequenz im Meer wandelt sich der Roman schnell zu einem aberwitzigen Roadtrip. Wir lernen Heinrich Pohl als etwas verzagten Archivar aus München kennen, der schon als Kind seine Zeit am liebsten im vollgestopften Antiquitätenladen seines Onkels Wendelin verbrachte. Einerseits, um seinem wenig liebevollen Vater und den fiesen Brüdern zu entgehen. Anderseits, um den schillernden, oft sehr frei ausgeschmückten Geschichten zu lauschen, die der Onkel zu jedem Stück in seinem Laden erzählen konnte („Konfabulation“ ist ein Stichwort, das man sich in diesem Zusammenhang merken sollte). Inzwischen ist Wendelin knapp 80 Jahre alt, schwer an Lungenkrebs erkrankt und hat eine letzte Bitte an Heinrich: Der Neffe soll den Todkranken auf einer Amerika-Reise von Utah nach Florida begleiten — auf exakt der Route, die Wendelin und dessen damals ebenfalls schwer kranke Frau Kerstin vor mehr als 40 Jahren gereist waren. Heinrich, nicht unbedingt ein großer Abenteurer, willigt zähneknirschend ein und stellt schon bald fest, dass Onkel Wendelin seine letzte Fahrt minutiös geplant hat und mit einigen überraschenden bis schockierenden Wahrheiten herausrücken möchte, die das Potenzial haben, Heinrichs restliches Leben gehörig auf den Kopf zu stellen.

Im Zirkus ist die Welt so bunt, wie sie es immer sein sollte, aber es leider nur selten ist.
Deswegen bin ich immer Zirkus. Ich bin immer Clown.

Florian Weber: Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken

Romane, in denen ungleiche Charaktere auf eine große, lebensverändernde Reise gehen, gibt es inzwischen wie Sand am Meer, aber Florian Webers „Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken“ ist trotzdem eine ganz besondere Geschichte. Zum einen, weil der schluffige Heinrich, der alte Schelm Wendelin und später die resolute Birdy ein Gespann abgeben, an das man sich noch lange erinnert. Zum anderen aber auch, weil Multitalent Florian Weber eine irrsinnige Lust am Erzählen an den Tag legt. Viele unvorhergesehene Wendungen, jede Menge schräge Gestalten und ein schier endloser Fundus an unnützem Wissen — es macht einfach Spaß, dieses Buch zu lesen. Auch, weil „Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken“ kein rosarotes Feelgood-Büchlein ist, sondern weil — ähnlich wie zum Beispiel beim Großmeister John Irving — die komischen Momente dank der tragischen und berührenden Passagen noch heller leuchten dürfen.

  • Florian Weber: Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken (Heyne Hardcore; 320 Seiten; ISBN: 978-3-453-27362-7).
  • Geplante Lesungen: 9. April – München: Volkstheater; 10. April – Schrobenhausen: Herzog-Filmtheater; 25. Oktober – Berlin: Pfefferberg Theater; 27. Oktober – Rostock: Helgas Stadtpalast; 28. Oktober – Hamburg: Nachtasyl.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Früher war es auch nicht besser

Verschwörungserzählungen, Intrigen bis hinauf in die höchsten Staatsämter, kriminelle Machenschaften, Fake News und eine tödliche Pandemie — angesichts der großen Themen, die im Buch verhandelt werden, könnte „Die Verschwörung der Krähen“ durchaus auch in der Gegenwart angesiedelt sein. Allerdings führt uns Markus Gasser in seinem neuen Roman weit zurück, nämlich ins London des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts. In dieser Zeit lebt und wirkt der äußerst illustre Daniel de Foe, der Nachwelt natürlich vor allem wegen seines Romans „Robinson Crusoe“ ein Begriff.

De Foe wächst als Kaufmannssohn zwar ohne materielle Not auf, doch seine Kindheit ist geprägt von der Pest, die Mitte der 1660er Jahre knapp ein Fünftel der Londoner Bevölkerung dahinrafft, und dem Großen Brand von London, der zweiten großen Katastrophe dieser Jahre. Später tritt der junge Daniel in die Fußstapfen des Vaters, doch das Dasein als Geschäftsmann reicht ihm längst nicht aus. In Flugblättern wettert er gegen Krone, Kirche und Adel und schafft sich damit mächtige Feinde. Darunter auch Queen Anne Stuart, die Anfang des 18. Jahrhunderts ein Kopfgeld auf De Foe aussetzt und ihn zu einer abenteuerlichen Flucht quer durch Europa bis nach Marokko zwingt. Im gefürchtetsten Gefängnis Londons landet er am Ende trotzdem und vor dem sicheren Tod bewahrt ihn nur ein abenteuerlicher Seitenwechsel. Im Auftrag der Queen forscht er als eine Art Geheimagent mögliche Verschwörer und sonstige Staatsfeinde aus. Zur Rufschädigung unliebsamer Rivalen bedient er sich gerne Fake News, die er in seiner eigenen Zeitung, deren Herausgeber, Verleger und einziger Redakteur er ist, verbreitet.

Nach dem durchschlagenden Erfolg des 1719 erschienenen „Robinson Crusoe“ könnte sich der inzwischen fast 60-jährige Daniel de Foe langsam aufs Altenteil zurückziehen, doch vorher bringt er mit einer List noch den König der Londoner Unterwelt zur Strecke. Ein Erfolg, der weitreichende Konsequenzen hat…

Mit weniger als 240 Seiten ist „Die Verschwörung der Krähen“ für einen historischen Abenteuerroman erstaunlich kurz. Trotzdem ist es Markus Gasser gelungen, die umfangreiche Handlung so zu verdichten, dass sie auf diesem recht knapp bemessenen Raum genug Platz findet. Ganz so atemlos und aufregend, wie sich die Geschichte in der Kurzzusammenfassung anhört, ist sie allerdings leider nicht. Der Roman verlangt seinen Leserinnen und Lesern viel Aufmerksamkeit ab. Einerseits wegen der Zeitsprünge, die der nicht ganz chronologisch erzählten Handlung geschuldet sind, andererseits wegen der oft nicht allzu leicht zu überblickenden Zahl der auftretenden Personen. Für das Personenregister am Ende des Buches ist man jedenfalls einige Male sehr dankbar.

Keine leichte Lektüre also. Dennoch lohnt sich der Roman allein der Parallelen zur Gegenwart wegen. Es ist durchaus tröstlich, einmal mehr davon zu lesen, dass früher eben nicht alles besser war.

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Verlass die Stadt (*)

Raus aufs Land geht es in Lisa Kreißlers drittem Roman „Schreie & Flüstern“. Darin macht die Hauptfigur Vera, die zunächst mit der neuen Umgebung fremdelt, eine unerwartete Wandlung durch.

Das Leben von Schriftstellerin Vera und Maler Claus, die mit ihrem gemeinsamen Sohn Siggi in Leipzig wohnen, ist gehörig ins Stocken geraten. Zwar sind die beiden ein fester Bestandteil der Künstlerszene der hippen sächsischen Stadt, aber größere Erfolge können beide nicht unbedingt vorweisen. Außerdem erleidet Vera eine Fehlgeburt, die das Paar in eine Krise stürzt und einen Neuanfang ausweglos erscheinen lässt.

Da kommt ein großzügiges Geldgeschenk von Claus‘ wohlhabenden Eltern gerade recht — statt aber in Wohneigentum in Leipzig zu investieren, entscheiden sich Vera und Claus für einen radikalen Schnitt und kaufen einen baufälligen Hof im niedersächsischen Pohle, in der Nähe des Dorfes, dem Vera einst entflohen ist und in dem ihre Verwandtschaft nach wie vor lebt. Claus blüht in der neuen Umgebung regelrecht auf. Er stürzt sich in die Renovierungsarbeiten, schmiedet Pläne für ein Leben als Bio-Landwirt, tritt dem Männergesangsverein bei und wird schnell Teil der Dorfgemeinschaft. Vera dagegen vermisst ihre Leipziger Freunde und muss sich stattdessen mit den Problemen der alternden Verwandtschaft herumplagen. Für sie ist das neue Zuhause kein Zuhause, sondern eine feindselige Umgebung. Der riesige, halb verfallene Hof bedrückt sie, zu den neuen Nachbarn hat sie keinen Draht und selbst Claus kommt ihr auf einmal eher wie ein Widersacher als ein Partner vor.

Dies hier ist meine letzte Station. Hier werde ich den Rest meines Lebens verbringen — und irgendwann verschwinden.

Lisa Kreißler: Schreie & Flüstern

Doch kurz, bevor die Situation unerträglich wird, geschieht etwas völlig Unerwartetes: Vera wird wieder schwanger und parallel zu dem neuen Leben, das in ihr heranwächst, scheint auch sie eine Art Wiedergeburt zu erfahren. Auf einmal weiß sie, dass es die richtige Entscheidung war, der Stadt den Rücken zu kehren.

Vielschichtige Handlung mit autobiographischen Zügen

Romane, in denen Menschen die Großstadt verlassen und aufs Land ziehen, erfreuen sich seit einigen Jahren in der deutschsprachigen Literatur großer Beliebtheit. Während anderswo aber gerne die ganz großen gesellschaftlichen Probleme angepackt werden und sich Konflikte zwischen den „spießigen“ Alteingesessenen und den „weltoffenen“ Neuankömmlingen entwickeln, bleibt Lisa Kreißler ganz nah an ihren Hauptfiguren, allen voran Vera. Dass die Autorin, die ebenfalls auf einem Hof in Niedersachsen lebt, eine ganz ähnliche Lebensgeschichte hat wie ihre Protagonistin, legt die Vermutung nahe, dass „Schreie & Flüstern“ zumindest zum Teil autobiographisch geprägt ist. Unabhängig davon taucht man nach dem etwas verwirrenden Beginn schnell in die Handlung ein und folgt der Entwicklung des Geschehens und der Figuren, die einem zunehmend sympathischer werden, sehr gerne.

Lisa Kreißler singt kein undifferenziertes Loblied aufs Landleben, sondern arbeitet stattdessen die Grautöne gekonnt heraus. Vor allem aber ist „Schreie & Flüstern“ ein Plädoyer dafür, nicht voreilig aufzugeben und sich die nötige Zeit zu nehmen, um sich auf neue Umstände und Situationen einzulassen. Gut Ding will Weile haben, sagt der Volksmund — in diesem Roman bestätigt sich die Richtigkeit dieser alten Weisheit auf ebenso eindringliche wie kurzweilige Weise.

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(*) Die Überschrift zu diesem Blogeintrag habe ich von einem älteren, aber nach wie vor sehr aktuellen Song der österreichischen Musikerin Gustav „geklaut“. Zum Anhören HIER ENTLANG.