Norbert Scheuer: Mutabor

Über die Jahre hat Norbert Scheuer in seinen Romanen einen faszinierenden Kosmos geschaffen, den er mit jedem folgenden Werk ausbaut und weiterspinnt. Stets eine Rolle spielen dabei das Örtchen Kall in der Eifel, das Urftland, der Rauschen und die Mitglieder der Familie Arimond; Motive und Personen aus früheren Büchern werden viel später wieder aufgegriffen und aus einer anderen Perspektive beleuchtet. Das ist auch in „Mutabor“, dem schmalen neuen Roman des 1951 geborenen Autors nicht anders. Sogar Egidius Arimond, der Held des großartigen Vorgänger-Romans „Winterbienen“, wird kurz einmal erwähnt, wobei die Handlung deutlich näher am 2017 erschienenen „Am Grund des Universums“ ist.

Im Zentrum des Geschehens steht diesmal Nina Plisson, eine Außenseiterin in Kall. Der Vater unbekannt, die Mutter irgendwann verschwunden, wächst Nina zunächst bei der herrischen Großmutter und dem sanften Großvater auf, der mit seinem alten Opel Kapitän am liebsten nach Byzanz zum Palast der Störche fahren möchte. Nach dem Tod der Großeltern schmeißt Nina schnell die Schule und wird das, was die mitunter sehr übergriffigen Betreuer vom Jugendamt einen „Sozialfall“ nennen. Einzig die pensionierte Lehrerin Sophie Molitor sieht Potenzial in dem Mädchen und ermutigt es, seine Geschichte aufzuschreiben und Nachforschungen zu ihrerseiner Vergangenheit anzustellen. Die märchenhaften, an Traumsequenzen erinnernden Aufzeichnungen der inzwischen volljährig gewordenen Protagonistin wechseln sich ab mit Szenen aus Ninas Leben, das zwischen Dramatischem wie einer Gruppenvergewaltigung und Banalem wie Nebenjobs als Zeitungsausträgerin und Aushilfe bei Evros, dem griechischen Gastwirt mit einem Faible für Mythologie, Stunden in der tristen Cafeteria des örtlichen Supermarkts oder der Sorge um ihren schwer verwundet von einem Afghanistan-Einsatz zurückgekehrten Schwarm Paul Arimond (übrigens der Urgroßneffe des Imkers Egidius) zwar eine große Bandbreite, aber nur wenig Erfreuliches zu bieten hat.

Und just, als Licht ins Dunkel zu kommen scheint und Entscheidungen anstehen, bricht die große Flut des Sommers 2021 über das Urftland herein und hinterlässt auch in Kall Verwüstung und schwere Schäden.

Er meint, das Leben sei vergleichbar mit einer leeren Flasche, die auch nur Sinn habe, wenn man etwas hineinfüllt, egal was, es müsse nur etwas hinein, das glücklich macht.

Norbert Scheuer: Mutabor

War „Winterbienen“ zuletzt noch ein unmittelbar zugänglicher Roman, verlangt „Mutabor“ seiner Leserschaft trotz des geringen Umfangs von nicht einmal 190 Seiten — davon über 30 mit wunderbaren Zeichnungen von Norbert Scheuers Sohn Erasmus — deutlich mehr ab. Griechische Mythologie, Querverweise auf Scheuers andere Romane, Märchen (nicht umsonst trägt der Roman das Zauberwort aus Wilhelm Hauffs „Kalif Storch“ als Titel) und sogar Virginia Woolf, auf deren „Orlando“ in Gestalt einer Schildkröte angespielt wird — es steckt jede Menge drin in dieser etwas rätselhaften Geschichte vom Erwachsenwerden der Nina Plisson. Man muss sich schon einlassen wollen auf diesen Roman. Tut man es aber, gehört „Mutabor“ auf jeden Fall zu den Büchern, die man im Laufe der Zeit immer wieder aus dem Regal zieht.

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J. L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp

Dem DuMont Buchverlag ist es zu verdanken, dass die Romane des 1994 verstorbenen britischen Autors J. L. Carr in wunderbarer Aufmachung (man beachte die Halskrause auf dem Einband des neuesten Buches!) und der hervorragenden Übersetzung von Monika Köpfer nach und nach auch ihren Weg zur deutschen Leserschaft finden. Angefangen mit dem immens erfolgreichen „Ein Monat auf dem Land“ wurden inzwischen fünf der acht Romane des ehemaligen Lehrers und spätberufenen Schriftstellers und Verlegers Carr auf Deutsch veröffentlicht — ganz aktuell das im Original 1988 erschienene „Leben und Werk der Hetty Beauchamp“.

Protagonistin des Romans, der auf Englisch etwas treffender und weniger prätentiös „What Hetty Did“ heißt, ist die 18 Jahre alte Ethel „Hetty“ Birtwisle, eine literaturbegeisterte, altkluge Einserschülerin. Mit ihrer Intelligenz und dem Faible für Lyrik ist Hetty in ihrem Heimatstädtchen im recht dünn besiedelten, landwirtschaftlich geprägten Fenland im Osten Englands eher eine Außenseiterin, und auch in ihrer eher bildungsfernen Familie mit dem jähzornigen Vater fühlt sie sich recht fremd. Einschneidende Ereignisse führen schließlich dazu, dass Hetty kurz nach dem Schulabschluss Reißaus nimmt. Zuerst endet ein Streit mit dem Vater handgreiflich (in der Auseinandersetzung bezieht dieser allerdings sehr zu meiner Freude selbst ordentlich Prügel), dann erfährt Hetty, dass sie — ebenso wie ihr jüngerer Bruder — adoptiert ist. Es gibt also keinen Grund, noch länger an dem Ort zu bleiben, den sie insgeheim schon immer verabscheut hat. Das Ziel steht auch schon fest:

Nach London! In den Büchern landen Ausgestoßene immer dort. Ich habe jedenfalls noch nie von jemandem gelesen, der sein Glück in Stoke-on-Trent gefunden hat.

J. L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp

Durch einen Zufall landet Hetty aber schließlich nicht in London, sondern in Birmingham in der von allerlei liebenswert schrägen Figuren bewohnten Pension der resoluten Rose Gilpin-Jones. Hier legt Hetty erst einmal ihren alten Nachnamen ab und nennt sich fortan Hetty Beauchamp. Aller Aufbruchsstimmung zum Trotz muss sie aber schnell feststellen, dass es im grauen Thatcher-England gar nicht so einfach ist, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen…

Ich hatte gelernt, dass das Leben nicht wie in den Büchern war […]. Auf das Leben war kein Verlass. Das Leben war unberechenbar. Das Leben schwang wild von hier nach da, ohne jeden Sinn. Und meistens geschah es nicht so, wie man von Rechts wegen eigentlich erwarten durfte, dass es geschehen würde.

J. L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp

Dafür, dass „Leben und Werk der Hetty Beauchamp“ bereits fast 35 Jahre auf dem Buckel hat, ist der Roman erfreulich wenig angestaubt. Kein Wunder, denn eine Geschichte wie die der jungen Hetty, die ihren Platz im Leben sucht, kommt eigentlich nie aus der Mode. Abgesehen davon ist das leichtfüßig geschriebene Buch mit seinem feinen Humor und dem teils sarkastischen Witz auch sprachlich ein großes Vergnügen — umso mehr, wenn man sich (anders als ich) sehr gut mit englischer Literatur auskennt, auf die ständig Bezug genommen wird.

Ein besonders interessanter Aspekt nicht nur von „Leben und Werk der Hetty Beauchamp“ ist der Umstand, dass J. L. Carr Figuren und Orte seiner Bücher mehr oder weniger prominent auch immer wieder in seinen anderen Romanen auftreten lässt. Um diese ganzen Querverweise zu verstehen, dürfte es sich also lohnen, das Werk des Briten noch ein weiteres Mal aufmerksam zu lesen, wenn es erst einmal komplett auf Deutsch vorliegt.

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Viola Ardone: Ein Zug voller Hoffnung

Mit ihrem im Original im Herbst 2019 erschienenen Roman „Ein Zug voller Hoffnung“ („Il treno dei bambini“) landete die 1974 in Neapel geborene Autorin, Lehrerin und Journalistin Viola Ardone einen beachtlichen Erfolg. Mehr als 200.000 Exemplare wurden von dem Buch in Italien verkauft und auch der Nachfolger „Oliva Denaro“ schaffte es letztes Jahr auf die vorderen Plätze der Bestsellerliste. Kein Wunder, dass Viola Ardone damit das Interesse internationaler Verlage geweckt hat. Esther Hansens deutsche Übersetzung von „Ein Zug voller Hoffnung“ ist soeben erschienen, „Oliva Denaro“ soll 2023 folgen.

„Ein Zug voller Hoffnung“ beleuchtet eine gerade hierzulande kaum bekannte Episode der italienischen Nachkriegsgeschichte. Ab 1946 wurden auf Betreiben der Kommunistischen Partei mehr als 100.000 Kinder aus dem verarmten Süden in den wohlhabenden Norden „verschickt“, um bei Gastfamilien aufgepäppelt zu werden und etwas Schulbildung zu bekommen. Oft entwickelten sich aus den mehrmonatigen Aufenthalten jahrelange Verbindungen und nicht wenige Kinder kehrten gar nicht mehr in die Heimat zurück, sondern wurden von ihren Gasteltern adoptiert.

Einer der Jungen, die im Herbst 1946 einen Zug von Neapel in Richtung Bologna besteigen, ist der knapp achtjährige Amerigo Speranza (ein sprechender Name, denn immerhin bedeutet der Nachname „Hoffnung“), der Ich-Erzähler des Romans. Amerigo wächst in ärmsten Verhältnissen bei seiner wenig liebevollen Mutter, einer alleinerziehenden Analphabetin, auf. Seinen Vater, der angeblich nach Amerika ausgewandert ist, kennt er nicht, die Schule musste er nach kurzer Zeit verlassen, um als Lumpensammler zum Familieneinkommen beizutragen. Trotzdem ist er von der Aussicht auf eine vermeintlich angenehme Auszeit in Norditalien nicht besonders angetan. Das hängt vor allem damit zusammen, dass in den Gassen seines Viertels allerlei Gruselgeschichten (heute würde man wohl Fake News dazu sagen) über diese Aufenthalte kursieren — so heißt es zum Beispiel, die Kinder würden in Wirklichkeit nach Russland verkauft und dort zum Frühstück verspeist. Als Amerigo aber vor der Abfahrt Schokolade und neue Schuhe bekommt, ist er schnell Feuer und Flamme. Trotz einiger Anlaufschwierigkeiten werden die Monate in der Nähe von Modena zu einer lebensverändernden Erfahrung. Seine Gastfamilie Benvenuti (zu Deutsch „Willkommen“, also noch so ein sprechender Name) ist freundlich und liebenswert, zudem gibt es bei den Landwirten stets ausreichend zu essen. Vater Benvenuti arbeitet neben der Landwirtschaft außerdem in einem Klaviergeschäft und entfacht bei seinem jungen Schützling Amerigo, der auch in der Schule schnell Fortschritte macht, die Liebe zur Musik.

Umso größer fällt der Kulturschock nach der Rückkunft in Neapel aus. Amerigo sieht sich aller Zukunftschancen beraubt, die er in Modena hatte. Auch die Mutter freut sich nicht übermäßig über die Heimkehr des Sohnes, sondern ärgert sich über die Flausen, die man dem Jungen in den Kopf gesetzt hat. Ein einschneidendes Ereignis zwingt Amerigo schließlich zu einer weitreichenden Entscheidung…

An dieser Stelle endet die 1946/47 spielende Handlung. Das restliche Viertel des Romans wird fast 50 Jahre später vom erwachsenen Amerigo erzählt, der nach dem Tod der Mutter nach Neapel reist und sich fragt, wie sein Leben verlaufen wäre, hätte er sich damals anders entschieden. Dabei erfahren wir auch, wie es ihm in dem halben Jahrhundert, das zwischen den beiden Erzählsträngen liegt, ergangen ist. Der kurze zweite Teil ist dabei deutlich nachdenklicher und berührender als der längere erste, weil dabei universelle Fragen gestellt werden, die uns alle betreffen. Allein die Idee, dass eine Kleinigkeit wie das Besteigen eines bestimmten Zuges zu einer bestimmten Zeit ein Leben von Grund auf ändern kann, ist faszinierend. Allerdings liest sich auch der vom jungen Amerigo, der fast ein wenig zu schlau und aufgeweckt ist (stellenweise fühlte ich mich an den „kleinen Lord“ erinnert), äußerst kurzweilig. Besonders gut versteht es Viola Ardone, die kleinen Gassen und die Gerüche des Nachkriegs-Neapels zum Leben zu erwecken. Ein hoffnungsvoller Roman mit ernsten Untertönen — unbedingt lesenswert!

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Florian Weber: Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken

Puh, was für ein langer, komplizierter Buchtitel! Bei der Lektüre von Florian Webers drittem Roman erschließt sich der durchaus mehrdeutig zu verstehende Titel dann aber recht schnell. Zu Beginn tappt man jedoch erst einmal im Dunkeln — zum Glück befindet man sich dabei wenigstens nicht in einer so misslichen Lage wie Heinrich Pohl, der Protagonist der Geschichte. Der Mittvierziger treibt nämlich, verzweifelt festgeklammert an einer Styropor-Kühlbox, mitten im offenen Meer und weiß weder, wo er sich befindet (als Leserin oder Leser weiß man, dass es irgendwo zwischen der Küste Floridas und den Bahamas ist), noch, wie er dort hingekommen ist oder warum in seiner Nähe ein bewusstloser Clown, ein Lama und ein Klavier im Wasser herumdümpeln. Sicher ist bereits zu diesem Zeitpunkt, dass das alles kein gutes Ende nehmen kann — davon, wie es überhaupt zu dieser aussichtslosen Situation gekommen ist, erzählt „Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken“.

Nach der Anfangssequenz im Meer wandelt sich der Roman schnell zu einem aberwitzigen Roadtrip. Wir lernen Heinrich Pohl als etwas verzagten Archivar aus München kennen, der schon als Kind seine Zeit am liebsten im vollgestopften Antiquitätenladen seines Onkels Wendelin verbrachte. Einerseits, um seinem wenig liebevollen Vater und den fiesen Brüdern zu entgehen. Anderseits, um den schillernden, oft sehr frei ausgeschmückten Geschichten zu lauschen, die der Onkel zu jedem Stück in seinem Laden erzählen konnte („Konfabulation“ ist ein Stichwort, das man sich in diesem Zusammenhang merken sollte). Inzwischen ist Wendelin knapp 80 Jahre alt, schwer an Lungenkrebs erkrankt und hat eine letzte Bitte an Heinrich: Der Neffe soll den Todkranken auf einer Amerika-Reise von Utah nach Florida begleiten — auf exakt der Route, die Wendelin und dessen damals ebenfalls schwer kranke Frau Kerstin vor mehr als 40 Jahren gereist waren. Heinrich, nicht unbedingt ein großer Abenteurer, willigt zähneknirschend ein und stellt schon bald fest, dass Onkel Wendelin seine letzte Fahrt minutiös geplant hat und mit einigen überraschenden bis schockierenden Wahrheiten herausrücken möchte, die das Potenzial haben, Heinrichs restliches Leben gehörig auf den Kopf zu stellen.

Im Zirkus ist die Welt so bunt, wie sie es immer sein sollte, aber es leider nur selten ist.
Deswegen bin ich immer Zirkus. Ich bin immer Clown.

Florian Weber: Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken

Romane, in denen ungleiche Charaktere auf eine große, lebensverändernde Reise gehen, gibt es inzwischen wie Sand am Meer, aber Florian Webers „Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken“ ist trotzdem eine ganz besondere Geschichte. Zum einen, weil der schluffige Heinrich, der alte Schelm Wendelin und später die resolute Birdy ein Gespann abgeben, an das man sich noch lange erinnert. Zum anderen aber auch, weil Multitalent Florian Weber eine irrsinnige Lust am Erzählen an den Tag legt. Viele unvorhergesehene Wendungen, jede Menge schräge Gestalten und ein schier endloser Fundus an unnützem Wissen — es macht einfach Spaß, dieses Buch zu lesen. Auch, weil „Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken“ kein rosarotes Feelgood-Büchlein ist, sondern weil — ähnlich wie zum Beispiel beim Großmeister John Irving — die komischen Momente dank der tragischen und berührenden Passagen noch heller leuchten dürfen.

  • Florian Weber: Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken (Heyne Hardcore; 320 Seiten; ISBN: 978-3-453-27362-7).
  • Geplante Lesungen: 9. April – München: Volkstheater; 10. April – Schrobenhausen: Herzog-Filmtheater; 25. Oktober – Berlin: Pfefferberg Theater; 27. Oktober – Rostock: Helgas Stadtpalast; 28. Oktober – Hamburg: Nachtasyl.

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Ein Jahr voller Herausforderungen

Mit der Dänin Stine Pilgaard präsentiert sich in diesem Winter eine Autorin erstmals dem deutschen Publikum, die in ihrem Heimatland bereits beachtliche Erfolge vorweisen kann. Ihr Erstling „Meine Mutter sagt“ (erscheint voraussichtlich 2023 ebenfalls bei Kanon) wurde mit dem wichtigsten Debütpreis des Landes ausgezeichnet, „Meter pro Sekunde“ avancierte gar zum erfolgreichsten dänischen Roman der letzten Jahre. Um die Erwartungen gleich noch ein wenig in die Höhe zu schrauben, wurde das Buch vom renommierten Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel ins Deutsche übertragen und das Hörbuch von Caroline Peters gelesen.

Um sich in „Meter pro Sekunde“ zurechtzufinden, muss man sich zunächst mit der dänischen Institution der Heimvolkshochschule (Folkehøjskole) vertraut machen. Die Idee dieser nichtstaatlichen Einrichtungen geht auf das 19. Jahrhundert und den Gründer Nikolai F. S. Grundtvik zurück. Nach wie vor bieten die meist auf dem flachen Land gelegenen, internatsähnlichen Heimvolkshochschulen jungen Menschen Jahreskurse sowie mehrwöchige Aufenthalte mit kreativen, künstlerischen oder ökologischen Inhalten an. Von vielen Abiturient*innen wird der Besuch einer Folkehøjskole als Orientierungsjahr zwischen Schule und Berufsleben oder Studium genutzt.

An solch eine Heimvolkshochschule im dünn besiedelten Westjütland verschlägt es die namenlose Ich-Erzählerin von „Meter pro Sekunde“, als ihr ebenfalls namenloser Freund und Vater des gemeinsamen Sohnes (auf einen Namen für den immerhin fast Einjährigen konnte sich das etwas unentschlossen und wenig lebenspraktische Paar noch nicht einigen) eine Stelle als Lehrer antritt. Mit der neuen Umgebung fremdelt die Protagonistin zunächst sehr: Das Leben auf dem Schulgelände (den Beschäftigten und ihren Familien werden Dienstwohnungen zur Verfügung gestellt) mit der ständigen Nähe zu Kolleg*innen und Schüler*innen birgt allerlei Fallstricke, mit ihrer Rolle als Mutter ist sie oft überfordert, die Einheimischen im „Land der kurzen Sätze“ erscheinen ihr abweisend und die Fahrstunden für den auf dem Land dringend benötigten Führerschein sind ein einziges Desaster. Immerhin geht sie in ihrem Job voll auf. Bei der lokalen Tageszeitung betreut sie die Kummerkasten-Rubrik und berät Ratsuchende bei mehr oder weniger alltäglichen Problemen. Ob sie mit ihren schlagfertigen Antworten aber tatsächlich den Fragenden oder doch eher sich selbst hilft, bleibt einmal dahingestellt.

Im den Zeitraum eines Schuljahres umfassenden Buch wechseln sich kurze, höchstens ein paar Seiten lange Szenen aus dem Leben der Protagonistin ab mit Fragen und Antworten aus der Kummerkasten-Rubrik sowie umgedichteten Texten aus dem Liederbuch der Heimvolkhochschulen (in Dänemark gehören viele dieser Lieder zum allgemein bekannten Kulturgut, im Deutschen funktioniert dieser durchaus charmante Einfall höchstens mittelprächtig). Diese schnellen Wechsel sorgen für ein kurzweiliges Lesevergnügen und passen gut zu den ständigen neuen Herausforderungen, vor denen die Ich-Erzählerin steht.

Mit ihrem unkonventionellen Schreibstil, der spielerischen Herangehensweise an die Sprache und dem sarkastischen, oft etwas derben Humor ist Stine Pilgaard auf jeden Fall ein Roman gelungen, der auch hierzulande viele Leser*innen begeistern sollte. Ich selbst zähle leider nicht unbedingt dazu. Mir blieb „Meter pro Sekunde“ von Anfang bis Ende etwas fremd. Der eigenwillige Humor zündete bei mir nicht so recht, die Figuren ließen mich eher kalt und auch mit den dänischen Eigenheiten konnte ich mich nicht anfreunden (offenbar gibt es in unserem Nachbarland ein erhebliches, als Geselligkeit getarntes Alkoholproblem — zuletzt auch thematisiert im Kinofilm „Der Rausch“). Ein paar Sätze haben mich aber doch mit dem Buch versöhnt — und werden mir nachhaltig in Erinnerung bleiben. Zum Beispiel diese hier:

Alle Menschen haben in sich einen einsamen, dunklen Raum. […] In schwachen Momenten denken wir, dieses Loch hätte Menschenform, es wäre ein kleines Puzzlespiel, bei dem nur noch ein Teilchen fehlt. Wir suchen danach, nach dem, was ganz genau hier passt und die Dunkelheit vertreiben kann. Das ist irgendwie sehr lieb, aber falsch. Die Dunkelheit gehört uns selbst, wir können sie mit niemandem teilen.

Stine Pilgaard: Meter pro Sekunde

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Kurz rezensiert, Folge 1

Was für ein literarisches Debüt im zarten Alter von 73 Jahren! Der renommierte Schauspieler Edgar Selge erzählt in seinem autofiktionalen Roman „Hast du uns endlich gefunden“ von seiner Kindheit in den 1950er und frühen 1960er Jahren. Der Vater, ein Jurist und Gefängnisdirektor, gefällt sich in der Rolle des schöngeistigen, musikbegeisterten Bildungsbürgers, ist aber zugleich ein äußerst impulsiver und jähzorniger Zeitgenosse. Die feinfühlige, gesundheitlich angeschlagene Mutter opfert sich auf für die von einigen Schicksalsschlägen gebeutelte Familie, obwohl Ehe und Kinderkriegen nie ihr großer Traum waren. Außerdem sind die dunklen Schatten der noch nicht allzu lange vergangenen NS-Zeit nach wie vor allgegenwärtig, was immer wieder zu Konflikten zwischen den älteren Söhnen und dem Vater führt — der störrische Edgar versteht es gekonnt, diese Streitigkeiten mit gezielten Sticheleien weiter anzufachen.

Das ganze Leben ist eine zerbrechliche Konstruktion, das wissen wir jetzt und dürfen uns darüber wundern, dass wir das immer wieder vergessen.

Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden

„Hast du uns endlich gefunden“ ist ein großartig geschriebenes, ebenso erschütterndes wie zärtliches und humorvolles Buch über das Erwachsenwerden, die Schicksalsgemeinschaft einer Familie und späte Versöhnung. Unbedingt lesen!

***

Thomas Mullens „Darktown“-Trilogie gehört zweifelsohne zu den interessantesten Krimireihen der letzten Jahre. Weniger, weil die gelösten Fälle so spektakulär sind (spannend und voller Wendungen sind sie natürlich trotzdem), sondern vor allem, weil die Bücher großartige Porträts einer Zeit voller Umbrüche sind. „Darktown“, der erste Band, setzt im Jahr 1948 ein, als in Atlanta gerade die ersten Schwarzen Streifenpolizisten ihren Dienst antreten und sich mit korrupten weißen Polizeibeamten, offen zur Schau getragenem Rassismus und Vorbehalten aus der eigenen Community auseinandersetzen müssen.

Der letzte Teil der Reihe, „Lange Nacht“, spielt im Jahr 1956 und dreht sich um den Mord am Verleger der größten Schwarzen Tageszeitung Atlantas, bei der Tommy Smith (in den ersten beiden Bänden ist er noch als Gesetzeshüter auf den Straßen unterwegs) inzwischen als Reporter angeheuert hat. Die Jim-Crow-Gesetze spielen bei der Aufklärung des Falles ebenso eine Rolle wie die Kommunistenverfolgung der ausgehenden McCarthy-Ära. Außerdem wird die dank Martin Luther King und dem Busboykott von Montgomery langsam größer werdende Bürgerrechtsbewegung thematisiert, am Rande werden das auch von Bob Dylan besungene Schicksal des jungen Emmett Till und das aus dem gleichnamigen Film bekannte „Green Book“ erwähnt. Schade, dass „Darktown“ mit „Lange Nacht“ endet, denn auch aus den folgenden Jahren hätte es noch viel zu erzählen gegeben.

Verlass die Stadt (*)

Raus aufs Land geht es in Lisa Kreißlers drittem Roman „Schreie & Flüstern“. Darin macht die Hauptfigur Vera, die zunächst mit der neuen Umgebung fremdelt, eine unerwartete Wandlung durch.

Das Leben von Schriftstellerin Vera und Maler Claus, die mit ihrem gemeinsamen Sohn Siggi in Leipzig wohnen, ist gehörig ins Stocken geraten. Zwar sind die beiden ein fester Bestandteil der Künstlerszene der hippen sächsischen Stadt, aber größere Erfolge können beide nicht unbedingt vorweisen. Außerdem erleidet Vera eine Fehlgeburt, die das Paar in eine Krise stürzt und einen Neuanfang ausweglos erscheinen lässt.

Da kommt ein großzügiges Geldgeschenk von Claus‘ wohlhabenden Eltern gerade recht — statt aber in Wohneigentum in Leipzig zu investieren, entscheiden sich Vera und Claus für einen radikalen Schnitt und kaufen einen baufälligen Hof im niedersächsischen Pohle, in der Nähe des Dorfes, dem Vera einst entflohen ist und in dem ihre Verwandtschaft nach wie vor lebt. Claus blüht in der neuen Umgebung regelrecht auf. Er stürzt sich in die Renovierungsarbeiten, schmiedet Pläne für ein Leben als Bio-Landwirt, tritt dem Männergesangsverein bei und wird schnell Teil der Dorfgemeinschaft. Vera dagegen vermisst ihre Leipziger Freunde und muss sich stattdessen mit den Problemen der alternden Verwandtschaft herumplagen. Für sie ist das neue Zuhause kein Zuhause, sondern eine feindselige Umgebung. Der riesige, halb verfallene Hof bedrückt sie, zu den neuen Nachbarn hat sie keinen Draht und selbst Claus kommt ihr auf einmal eher wie ein Widersacher als ein Partner vor.

Dies hier ist meine letzte Station. Hier werde ich den Rest meines Lebens verbringen — und irgendwann verschwinden.

Lisa Kreißler: Schreie & Flüstern

Doch kurz, bevor die Situation unerträglich wird, geschieht etwas völlig Unerwartetes: Vera wird wieder schwanger und parallel zu dem neuen Leben, das in ihr heranwächst, scheint auch sie eine Art Wiedergeburt zu erfahren. Auf einmal weiß sie, dass es die richtige Entscheidung war, der Stadt den Rücken zu kehren.

Vielschichtige Handlung mit autobiographischen Zügen

Romane, in denen Menschen die Großstadt verlassen und aufs Land ziehen, erfreuen sich seit einigen Jahren in der deutschsprachigen Literatur großer Beliebtheit. Während anderswo aber gerne die ganz großen gesellschaftlichen Probleme angepackt werden und sich Konflikte zwischen den „spießigen“ Alteingesessenen und den „weltoffenen“ Neuankömmlingen entwickeln, bleibt Lisa Kreißler ganz nah an ihren Hauptfiguren, allen voran Vera. Dass die Autorin, die ebenfalls auf einem Hof in Niedersachsen lebt, eine ganz ähnliche Lebensgeschichte hat wie ihre Protagonistin, legt die Vermutung nahe, dass „Schreie & Flüstern“ zumindest zum Teil autobiographisch geprägt ist. Unabhängig davon taucht man nach dem etwas verwirrenden Beginn schnell in die Handlung ein und folgt der Entwicklung des Geschehens und der Figuren, die einem zunehmend sympathischer werden, sehr gerne.

Lisa Kreißler singt kein undifferenziertes Loblied aufs Landleben, sondern arbeitet stattdessen die Grautöne gekonnt heraus. Vor allem aber ist „Schreie & Flüstern“ ein Plädoyer dafür, nicht voreilig aufzugeben und sich die nötige Zeit zu nehmen, um sich auf neue Umstände und Situationen einzulassen. Gut Ding will Weile haben, sagt der Volksmund — in diesem Roman bestätigt sich die Richtigkeit dieser alten Weisheit auf ebenso eindringliche wie kurzweilige Weise.

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(*) Die Überschrift zu diesem Blogeintrag habe ich von einem älteren, aber nach wie vor sehr aktuellen Song der österreichischen Musikerin Gustav „geklaut“. Zum Anhören HIER ENTLANG.

Die Schatten der Vergangenheit

Auf der Longlist zum diesjährigen Booker Prize: Morgen entscheidet sich, ob es Mary Lawsons berührendes Kleinstadt-Familiendrama „Im letzten Licht des Herbstes“ auch in die Endauswahl des renommierten Literaturpreises schafft.

Im Herbst 1972 steht die knapp achtjährige Clara am Fenster ihres Elternhauses in der Kleinstadt Solace im Norden Ontarios und hält Ausschau. Nach ihrer 16 Jahre alten Schwester Rose, die nach einem Streit mit den Eltern mal wieder abgehauen ist und im Gegensatz zu den anderen Malen schon seit fast zwei Wochen weg ist. Und nach Mrs. Orchard aus dem Nachbarhaus, die wegen ihrer Herzbeschwerden im Krankenhaus behandelt wird und um deren Kater Moses sich Clara währenddessen kümmert.

Auf einmal taucht ein fremder Mann in Mrs. Orchards Haus auf und fängt an, Kartons mit seinen Sachen aus- und mit den Sachen der alten Dame einzupacken. Was Clara nicht weiß: Mrs. Orchard ist bereits gestorben (eine Information, mit der die Eltern ihre kleine Tochter nicht auch noch belasten wollten) und der Mann ist kein Eindringling, sondern der rechtmäßige Erbe des Hauses. Liam Kane, gescheitert in Ehe, Beruf und der Großstadt, kommt ein Tapetenwechsel im verschlafenen Nest Solace gerade recht, wobei er das geerbte Haus möglichst schnell gewinnbringend loswerden möchte. Immerhin hat er zu dem Gebäude keine Beziehung und auch die letzte persönliche Begegnung mit Mrs. Orchard liegt schon fast dreißig Jahre zurück, so dass die Erinnerung längst verblasst ist.

Ganz anders sieht es bei Elizabeth Orchard selbst aus, die in einem dritten Handlungsstrang, der ein wenig früher spielt als die beiden anderen — immerhin lebt sie damals noch, ist sich aber ihres nahenden Endes bewusst — erzählt, wie der damals noch keine vier Jahre alte Nachbarsjunge Liam ihren unerfüllten eigenen Kinderwunsch zumindest für eine Weile befriedigte und warum der Kontakt dann auf dramatische Art und Weise endete.

Ruhig, aber dennoch eindringlich erzählt

Ein verschwundener Teenager, ein plötzlich in einer Kleinstadt auftauchender Fremder und ein Geheimnis aus der Vergangenheit. Das könnten glatt Zutaten für einen Thriller sein, aber „Im letzten Licht des Herbstes“ ist alles andere als das — obwohl die Handlung streckenweise so packend ist, dass man sich kaum losreißen kann. Mary Lawson versteht es gekonnt, die Schicksale ihrer drei Hauptfiguren Clara, Liam und Mrs. Orchard einfühlsam miteinander zu verknüpfen und die genauen Verbindungen erst nach und nach zu enthüllen. Das alles gelingt der Kanadierin, die schon seit vielen Jahrzehnten in England lebt, in einem zugänglichen, ruhigen Erzählton und ohne größere Knalleffekte, wobei es dem Buch keineswegs an Dramatik mangelt.

Die Quintessenz von „Im letzten Licht des Herbstes“ ist dabei die Feststellung, dass sowohl ein Zuwenig als auch ein Zuviel an Liebe fatale, langwierige Folgen haben kann. Trotzdem gibt es immer auch Linderung für die Wunden der Vergangenheit — wo, wenn nicht in einem Städtchen, das den Trost (der Originaltitel „A Town Called Solace“ ist da deutlich treffender als der recht beliebige deutsche Titel) bereits im Namen trägt?

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Ali Smith: Sommer

Brexit, die Buschfeuer in Australien, das zweite Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump und eine neuartige Viruserkrankung, die sich von China aus langsam ihren Weg um die Welt bahnt — das, was Ali Smith auf den ersten Seiten von „Sommer“, dem letzten Teil ihres vielfach preisgekrönten Jahreszeitenquartetts, beschreibt, ist noch gar nicht so lange her, fühlt sich aber schon sehr weit weg an. Trotzdem sind natürlich all diese Dinge, wenn auch auf eine veränderte Art und Weise, nach wie vor Teil unserer Gegenwart, was „Sommer“ zu einem sehr aktuellen Roman macht, der dennoch etwas Allgemeingültiges, Zeitloses hat.

Wie immer in den Jahreszeiten-Romanen von Ali Smith gibt es auch diesmal mehrere Handlungsstränge, die meisterhaft miteinander verwoben sind — letztlich hängt bei der Schottin alles mit allem zusammen. In der Gegenwart treffen wir auf Grace Greenlaw, eine ehemals hoffnungsvolle Schauspielerin und nun von ihrem Ehemann wegen einer Jüngeren sitzengelassene alleinerziehende Mutter zweier Teenager-Kinder, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die 15-jährige Sacha könnte man wohl mit dem Adjektive „woke“ gut umschreiben; sie interessiert sich für gesellschaftliche Entwicklungen, sorgt sich wegen des Klimawandels und kümmert sich um Obdachlose in ihrer Heimatstadt Brighton. Der zwei Jahre jüngere Robert, ein hochintelligenter Einstein-Bewunderer, gefällt sich dagegen in der Rolle des Querulanten und eckt gerne mit rassistischen und sexistischen Kommentaren an (die Gründe für seine Wut werden im Lauf der Handlung klar — letzten Endes ist er Täter und Opfer zugleich). Neben dieser Familiengeschichte aus dem Post-Brexit-England gibt es einen zweiten Handlungsstrang, der in der Vergangenheit spielt. Hier begegnen wir dem heute 104 Jahre alten, damals jungen Lebensmittelhändler Daniel Gluck, der im Sommer 1940 ebenso wie sein Vater wegen seiner deutschen Abstammung von der britischen Regierung als „Feindstaatenausländer“ in einem Lager interniert wird. Kurioserweise finden sich unter den Mithäftlingen viele deutschstämmige Juden, die den Briten als Nazis oder zumindest als deren Sympathisanten gelten. Als Bindeglied zwischen den Figuren der beiden Stränge fungieren die Blogger Charlotte und Art, die für ihre Webseite „Art in Nature“ stets auf der Suche nach kuriosen Geschichten von gesellschaftlichem Belang sind, die revolutionäre Kraft ihres Wirkens aber doch arg überschätzen.

Sommer ist, eine Straße wie die hier entlangzugehen, Licht und Dunkel vor sich. Denn Sommer ist nicht bloß eine fröhliche Geschichte. Weil es fröhliche Geschichten nicht gibt ohne das Dunkle.

Ali Smith: Sommer

Streckenweise ist „Sommer“, das kein „typisches“ Sommerbuch ist (ebenso wenig waren die drei Vorgänger Frühlings-, Herbst- oder Winterbücher, wenn es so etwas überhaupt gibt), wütend und pointiert, ohne dabei aber ins Zynische zu kippen. Daraus, dass Ali Smith die gegenwärtigen Verhältnisse auf der Welt und erst recht in Großbritannien nicht gefallen, macht sie keinen Hehl. Trotzdem überwiegt aber das Hoffnungsvolle. Die Beschäftigung mit der Kunst, der Literatur, dem Film und nicht zuletzt der Wissenschaft — das ist die Essenz dieses großartig geschriebenen, anspielungsreichen Romans — hat die Kraft, uns selbst durch die dunkelsten Zeiten zu tragen. Und genau dazu leistet auch „Sommer“ seinen nicht unerheblichen Beitrag.

[Bonus-Tipp: Im Buch wird mehrmals die Filmemacherin Lorenza Mazzetti erwähnt. Friedemann Fromms berührender Dokumentarfilm „Einsteins Nichten“ über sie und ihre Schwester Paola ist unbedingt sehenswert.]

  • Ali Smith: Sommer (aus dem Englischen von Silvia Morawetz; Luchterhand Verlag; ISBN: 978-3-630-87581-1).

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Miika Nousiainen: Quality Time

Nach Olli Jalonens „Die Himmelskugel“ ist „Quality Time“ bereits die zweite Neuerscheinung eines finnischen Autors, die in diesem Jahr den Weg in mein Blog gefunden hat. Anders als der recht sperrige Historienschinken seines Landsmannes ist Miika Nousiainens Roman eine locker und humorvoll erzählte Geschichte um sehr gegenwärtige Probleme — Nick Hornby lässt grüßen!

Hauptfigur von „Quality Time“ ist der Enddreißiger Sami aus Helsinki, der sich sehnlichst eine eigene Familie wünscht, sich bei der Wahl der richtigen Partnerin aber äußerst ungeschickt anstellt und zuverlässig in jedes Fettnäpfchen tappt, das ihm auf seinem Weg begegnet. Eine seiner Fehlentscheidungen bringt ihm sogar Ärger mit einer Rockergang ein — ein Running Gag, der sich durch die gesamte Handlung zieht.
Neben Sami selbst kommen außerdem vier weitere zentrale Figuren zu Wort, die allesamt Verwandte oder enge Freunde des Protagonisten sind. Samis Schwester Hanna teilt das Schicksal der ungewollten Kinderlosigkeit mit ihrem Bruder. Zwar ist sie verheiratet, aber dummerweise liegt genau darin das Problem. Sehr zum Verdruss ihrer und Samis Mutter Asta, die nach dem Tod ihres Mannes unter großer Einsamkeit leidet und unbedingt bald Oma werden möchte, was sie ihren Kindern bei jeder sich bietenden Gelegenheit unter die Nase reibt. Ganz anders sieht es bei Markus aus, der seit Kindertagen mit Sami befreundet ist und sich als alleinerziehender Vater dreier Töchter zwar redlich bemüht, aber gelegentlich unter der Last zusammenbrechen zu droht. Der bedauernswerte Pechvogel Nojonen dagegen, ein anderer Kumpel von früher, hat seine eigenen Bedürfnisse schon lange zurückgestellt, um seine schwer kranken Eltern zu pflegen.

Zu Beginn der Romanhandlung begegnen wir all diesen Figuren an Wendepunkten in ihrem Leben. Momenten, die nach einer Entscheidung verlangen, weil es so wie bisher einfach nicht weitergehen kann. Selbstredend sind nicht alle der folgenden Entscheidungen wohlüberlegt und machen nicht selten alles nur noch schlimmer. Erst recht, wenn sie auf Basis von Ratschlägen einer scheinbar perfekten und glücklichen Lifestyle-Bloggerin (auf diesen fiktiven Blog bezieht sich übrigens auch der Titel des Buchs) getroffen wurden. Wie die Motorradgang taucht auch die Bloggerin immer wieder auf und in beiden Fällen ist am Schluss nichts so, wie es anfangs scheint. Da entpuppen sich die harten Kerle als Typen mit dem Herz am richtigen Fleck und die Nervensäge mit den Motivationssprüchen ist eine ganz normale, nette Frau mit völlig alltäglichen Problemen.

Miika Nousiainen begegnet seinen keineswegs fehlerfreien, aber durchweg liebenswerten Charakteren mit viel Empathie und einem guten Gespür für Situationskomik. Obwohl „Quality Time“ insgesamt ein heiterer Roman ist, gibt es doch immer wieder Szenen, die ernsthaft, traurig und einem aus eigener Erfahrung nur allzu bekannt sind. Dass alles auf ein Happy End zusteuert, zeichnet sich zwar sehr früh ab, trübt den Lesespaß aber nur minimal — immerhin gönnt man Sami und den anderen ihr Glück von Herzen.

In Sachen literarischer Anspruch mag „Quality Time“ zwar nicht der ganz große Wurf sein, dafür ist Miika Nousiainen aber ein äußerst kurzweiliger und sympathischer Feelgood-Roman gelungen, den man mit viel Freude liest. Unbedingt empfehlenswert!

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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