J. L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp

Dem DuMont Buchverlag ist es zu verdanken, dass die Romane des 1994 verstorbenen britischen Autors J. L. Carr in wunderbarer Aufmachung (man beachte die Halskrause auf dem Einband des neuesten Buches!) und der hervorragenden Übersetzung von Monika Köpfer nach und nach auch ihren Weg zur deutschen Leserschaft finden. Angefangen mit dem immens erfolgreichen „Ein Monat auf dem Land“ wurden inzwischen fünf der acht Romane des ehemaligen Lehrers und spätberufenen Schriftstellers und Verlegers Carr auf Deutsch veröffentlicht — ganz aktuell das im Original 1988 erschienene „Leben und Werk der Hetty Beauchamp“.

Protagonistin des Romans, der auf Englisch etwas treffender und weniger prätentiös „What Hetty Did“ heißt, ist die 18 Jahre alte Ethel „Hetty“ Birtwisle, eine literaturbegeisterte, altkluge Einserschülerin. Mit ihrer Intelligenz und dem Faible für Lyrik ist Hetty in ihrem Heimatstädtchen im recht dünn besiedelten, landwirtschaftlich geprägten Fenland im Osten Englands eher eine Außenseiterin, und auch in ihrer eher bildungsfernen Familie mit dem jähzornigen Vater fühlt sie sich recht fremd. Einschneidende Ereignisse führen schließlich dazu, dass Hetty kurz nach dem Schulabschluss Reißaus nimmt. Zuerst endet ein Streit mit dem Vater handgreiflich (in der Auseinandersetzung bezieht dieser allerdings sehr zu meiner Freude selbst ordentlich Prügel), dann erfährt Hetty, dass sie — ebenso wie ihr jüngerer Bruder — adoptiert ist. Es gibt also keinen Grund, noch länger an dem Ort zu bleiben, den sie insgeheim schon immer verabscheut hat. Das Ziel steht auch schon fest:

Nach London! In den Büchern landen Ausgestoßene immer dort. Ich habe jedenfalls noch nie von jemandem gelesen, der sein Glück in Stoke-on-Trent gefunden hat.

J. L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp

Durch einen Zufall landet Hetty aber schließlich nicht in London, sondern in Birmingham in der von allerlei liebenswert schrägen Figuren bewohnten Pension der resoluten Rose Gilpin-Jones. Hier legt Hetty erst einmal ihren alten Nachnamen ab und nennt sich fortan Hetty Beauchamp. Aller Aufbruchsstimmung zum Trotz muss sie aber schnell feststellen, dass es im grauen Thatcher-England gar nicht so einfach ist, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen…

Ich hatte gelernt, dass das Leben nicht wie in den Büchern war […]. Auf das Leben war kein Verlass. Das Leben war unberechenbar. Das Leben schwang wild von hier nach da, ohne jeden Sinn. Und meistens geschah es nicht so, wie man von Rechts wegen eigentlich erwarten durfte, dass es geschehen würde.

J. L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp

Dafür, dass „Leben und Werk der Hetty Beauchamp“ bereits fast 35 Jahre auf dem Buckel hat, ist der Roman erfreulich wenig angestaubt. Kein Wunder, denn eine Geschichte wie die der jungen Hetty, die ihren Platz im Leben sucht, kommt eigentlich nie aus der Mode. Abgesehen davon ist das leichtfüßig geschriebene Buch mit seinem feinen Humor und dem teils sarkastischen Witz auch sprachlich ein großes Vergnügen — umso mehr, wenn man sich (anders als ich) sehr gut mit englischer Literatur auskennt, auf die ständig Bezug genommen wird.

Ein besonders interessanter Aspekt nicht nur von „Leben und Werk der Hetty Beauchamp“ ist der Umstand, dass J. L. Carr Figuren und Orte seiner Bücher mehr oder weniger prominent auch immer wieder in seinen anderen Romanen auftreten lässt. Um diese ganzen Querverweise zu verstehen, dürfte es sich also lohnen, das Werk des Briten noch ein weiteres Mal aufmerksam zu lesen, wenn es erst einmal komplett auf Deutsch vorliegt.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Volker Widmann: Die Molche

Ein fränkisches Dorf, Anfang der 1960er Jahre: Der elfjährige Max und vor allem sein verträumter jüngerer Bruder haben es als Zugezogene nicht leicht unter den oft recht vierschrötigen Alteingesessenen. Gerade die Bande um den brutalen Tschernik macht den beiden das Leben zuweilen zur Hölle. An einem Wintertag kommt es schließlich zur Katastrophe: Der Jüngere, von Tschernik und seinen Freunden in eine Ecke getrieben, wird von einem Stein am Kopf getroffen und bricht tot zusammen. Dass er nicht den Mut hatte, seinem Bruder zur Hilfe zu eilen, macht Max mindestens genauso schwer zu schaffen, wie die Reaktion der Erwachsenen auf diesen schrecklichen Vorfall. Alle, einschließlich der eigenen Eltern, sind sich einig, dass eben eine harmlose Balgerei zwischen Jungs zu einem tragischen Unglück geführt hat. Immerhin hatte der zu Tode gekommene Bub ja schon immer ein schwaches Herz…

Überhaupt sind die Erwachsenen in Volker Widmanns Debütroman „Die Molche“ wahre Meister darin, nicht genau hinzusehen und Unbequemes einfach totzuschweigen. Die Mütter sind in allererster Linie für Heim und Herd zuständig, die Väter entweder nicht da (so wie Max‘ Vater, der an einem Forschungsinstitut in der Stadt arbeitet und nur an den Wochenenden zur Familie ins Dorf kommt) oder vom Krieg physisch und psychisch schwer gezeichnete Gestalten, die sich für ihre Kinder höchstens dann interessieren, wenn es darum geht, sie zu züchtigen. Mit ihren Sorgen und Nöten sind die Kinder weitgehend alleine, Probleme und Streitigkeiten müssen sie selbst untereinander regeln. So geht es auch Max, der sich nach dem Tod des Bruders zuerst zurückzieht und später beschließt, zusammen mit seinen neu gewonnenen Freunden Heinz und Rudi sowie der unerschrockenen Marga etwas gegen Tschernik zu unternehmen.

Mit „Die Molche“ ist dem 1954 geborenen Volker Widmann ein leiser, aber eindringlich erzählter Coming-of-Age-Roman geglückt, der zuweilen an (Film-) Klassiker wie „Krieg der Knöpfe“ oder „Stand By Me“, aber auch an Paul Maars großartige Kindheitserinnerungen „Wie alles kam“ denken lässt. Natürlich spielt der entscheidende Teil der Handlung im Sommer, denn die einschneidenden Dinge zwischen Kindheit und Erwachsenwerden passieren bekanntlich immer im Sommer, ehe dann im Herbst alles anders ist.

Die Thematik um Freundschaft, Zusammenhalt und die erste Liebe wurde natürlich bereits mehr als ausgiebig erzählt, aber nicht zuletzt dank der wunderbaren Naturbeschreibungen (ähnlich gekonnt hat die flirrende Atmosphäre endloser Sommertage zuletzt Ewald Arenz in „Der große Sommer“ eingefangen) und der kritischen Auseinandersetzung mit der Sprachlosigkeit der Kriegsgeneration ist „Die Molche“ eben doch weit mehr als nur eine weitere Momentaufnahme aus der verwirrenden Zeit kurz vor der noch viel verwirrenderen Pubertät. Ein äußert lesenswerter Roman!

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Milchschaum in Westberlin

Endlich ein Wiedersehen mit Frank Lehmann, Karl Schmidt, P. Immel & Co.! Sven Regener greift in „Glitterschnitter“ auf sein bewährtes Personal zurück und knüpft zeitlich nahtlos an den Vorgänger „Wiener Straße“ an.

Kreuzberg im Dezember 1980: Während Raimund, Ferdi und Karl Schmidt (an der Bohrmaschine) den ersten Auftritt ihrer sehr experimentellen Band Glitterschnitter vorbereiten und auch in anderen subkulturellen Nischen munter herumgewerkelt wird, künden bereits einige kleine Veränderungen von einer nahenden Zeitenwende.

Der Aktionskünstler H. R. Ledigt verliebt sich bei IKEA in eine praktisch-fröhliche Musterwohnung und sogar in den Cafés der Wiener Straße verlangt die Kundschaft immer öfter nach Milchkaffee und Frühstück. Gerade der Wunsch nach Milchschaum auf dem Kaffee überfordert Frank Lehmann hinter dem Tresen von Erwin Kächeles Café Einfall zunächst ziemlich. Zumindest in der Theorie sind die Österreicher aus der ArschArt-Galerie da schon ein ganzes Stück weiter: Aus ihrer abgeranzten Kneipe soll in naher Zukunft ein Wiener Kaffeehaus mit Melange, Sachertorte und allem Drum und Dran werden. Allerdings stehen sich die selbsternannten Hausbesetzer bei ihren Plänen selbst im Weg und dann wittert Impressario P. Immel unter den Seinen zu allem Überfluss auch noch einen Verrat von shakespeare’schen Ausmaßen.

Ein Fest fürs „Stammpublikum“

Wer bei dieser Kurzzusammenfassung nur Bahnhof versteht, dürfte mit „Glitterschnitter“ keine allzu große Freude haben. Für alle anderen ist Sven Regeners inzwischen sechster Roman aus dem Lehmann-Kosmos hingegen wieder ein Fest. Auch diesmal kommt der Autor ohne eine nennenswerte Handlung aus — die 480 Seiten spielen sich innerhalb weniger Tage rund um das Glitterschnitter-Konzert an einer überschaubaren Zahl von Orten ab — und setzt stattdessen auf die Zugkraft seiner Charaktere, die treuen Leserinnen und Lesern über die Jahre längst zu guten Bekannten geworden sind, sowie sein nach wie vor unübertroffenes Gespür für Situationskomik und Dialoge.

„Glitterschnitter“ ist letzten Endes wie das neue Album der Lieblingsband (unter Umständen handelt es sich dabei ja sogar um Element of Crime). Keine Experimente, viel Altbewährtes und gerade deshalb genau richtig. Bei all dem Spaß schleicht sich aber auch ein wenig Melancholie ein. Das alte, längst verblasste Kreuzberg erscheint einem da als ein zwar ziemlich oberflächlicher, aber trotzdem offener und toleranter Ort, an dem jede*r willkommen und alles erlaubt ist — so erklärt es zumindest Freddie Lehmann seinem kleinen Bruder Frank:

„Du stellst dich einfach dazu und bist dabei. Ich meine, du bist jetzt ein paar Wochen in der Stadt und hast eine Wohnung, drei Mitbewohner oder Freunde oder was, einen Job, kennst alle möglichen Leute … — ist doch klasse!“

Sven Regener: Glitterschnitter
  • Sven Regener auf Lesereise: 29.09. Hamburg: Laeiszhalle * 06.10. Bamberg: Konzert- und Kongresshalle * 28.10. Erlangen: Redoutensaal * 29.10. Stuttgart: Liederhalle * 30.10. Erfurt: Theater * 04.11. Hannover: Pavillon * 07.11. Frankfurt: Union-Halle * 12.11. München: Volkstheater * 13.11. Ö-Wien: Rabenhof * 19.11. Siegen: Kulturhaus Lyz * 20.11. Bremen: Glocke.

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Eine besondere Freundschaft

Für seinen letzten Roman „Offene See“ wurde Benjamin Myers vergangenes Jahr mit dem „Lieblingsbuch“-Preis des unabhängigen Buchhandels ausgezeichnet — eine Ehre, die zuvor unter anderem Dörte Hansen, Mariana Leky und Benedict Wells zuteil wurde. In seinem neuen Werk „Der perfekte Kreis“ erzählt der Brite nun von der Freundschaft zweier Außenseiter und knüpft damit qualitativ nahtlos an den Vorgänger an.

Im Sommer 1989 tauchen in den Getreidefeldern des ländlich geprägten, dünn besiedelten Süden Englands mysteriöse geometrische Muster auf. Niemand weiß, wer diese riesigen, ebenso präzisen wie schönen Kunstwerke zu welchem Zweck geschaffen hat. Schon an der Frage, ob es sich überhaupt um Kunst von Menschenhand handelt, scheiden sich die Geister. Viele der echten und selbsternannten Wissenschaftler und Forscherinnen, New-Age-Jünger, Ufo-Gläubigen und Esoterikerinnen, die sich mit dem Phänomen beschäftigen, sind vielmehr der Ansicht, dass es sich bei den „Kornkreisen“ um Zeugnisse außerirdischen Lebens handeln muss. Vielleicht sind die Muster Botschaften einer hochentwickelten Zivilisation an die Menschen? Oder aber Abdrücke von Raumschiffen, die auf den Feldern gelandet sind?

Zwei, die sich nicht an solchen Spekulationen beteiligen, sind Calvert und Redbone, die beiden Protagonisten des Romans. Müssen sie auch nicht, denn sie wissen es besser. Immerhin sind sie die Schöpfer der faszinierenden Kreise — keine Außerirdischen, aber doch zwei Männer, die in gewisser Weise am Rande der Gesellschaft stehen.

Calvert ist ein ehemaliger Elite-Soldat, der im Falklandkrieg schwer verwundet wurde und seine äußeren wie inneren Narben unter einem dichten Bart und einer auch in der Nacht getragenen Sonnenbrille verbirgt. Ein wortkarger, stets planvoll agierender Einzelgänger, der in einem winzigen Häuschen ein zurückgezogenes Leben führt. Redbone dagegen ist ein wandelnder Widerspruch. Der frühere Punkmusiker ist oft aufbrausend und hat einen Hang zu Alkohol, Schlägereien und komplizierten Frauengeschichten. Eine gescheiterte Dreiecksbeziehung ist schließlich der Grund, warum er in seinem VW-Bus haust und zunehmend verwahrlost. Gleichzeitig ist er aber auch ein feinsinniger, künstlerisch begabter Zeitgenosse — die komplexen Entwürfe der „Kornkreise“ stammen aus seiner Feder — der die Natur, die Tiere und die Sterne mehr liebt als die Menschen.

Auf den ersten Blick haben die beiden Außenseiter nicht viel gemeinsam. Sie reden auch nur das Nötigste miteinander und wissen kaum etwas vom jeweils anderen. Trotzdem ist ihre gemeinsame Leidenschaft die Basis einer tiefen Freundschaft. Jedes Wochenende im Sommer ziehen Calvert und Redbone los und setzen im Schutz der Dunkelheit ihre immer komplexer werdenden Entwürfe in einem sorgsam ausgewählten Feld in die Tat um. Krönender Abschluss der Saison soll die „Honigwabe-Doppelhelix“ werden.

Verbindung zu den großen Themen der Gegenwart

Zwei Männer, deren selbst gewählte Lebensaufgabe darin besteht, „Kornkreise“ zu erschaffen. Einfach so, ohne speziellen Grund. Es geht ihnen nicht um Berühmtheit oder gar um Geld, sondern vielmehr um die Sache an sich und darum, die Dämonen ihrer Vergangenheit im Zaum zu halten und ihre ansonsten gleichförmigen Tage ein wenig abwechslungsreicher zu gestalten. Das kann man seltsam finden, aber Benjamin Myers macht aus der Freundschaft von Calvert und Redbone eine berührende Geschichte und einen ganz wunderbaren Roman. Alle, die sich schon einmal unverstanden oder fehl am Platz gefühlt haben, werden das ungleiche Duo sofort ins Herz schließen.

Neben Calvert und Redbone hat „Der perfekte Kreis“ aber noch einen dritten Hauptdarsteller, nämlich die Landschaft Südenglands. Auf fast jeder Seite finden sich eindrucksvolle Beschreibungen dieser Gegend, deren urtümlicher Charakter schon im Jahr der Handlung im Verschwinden begriffen ist. Gerade hier gelingt Benjamin Myers die Verbindung zur Gegenwart. Immer wieder ärgern sich Calvert und Redbone über Menschen, die versuchen, aus ihren Werken Profit zu schlagen — die Kritik am Hang des Menschen, alles kommerzialisieren zu müssen, ist heute fast noch aktueller als damals.
Außerdem kann die hinreißend komische nächtliche Begegnung der beiden „Kornkreis-Macher“ mit einem einfältigen Earl, der zu betrunken ist, um zu begreifen, dass auf seinem Land gerade etwas Illegales vor sich geht, als Seitenhieb auf das gegenwärtige politische Personal Großbritanniens verstanden werden. Überhaupt beweist der Autor neben seinen sonstigen Stärken immer wieder ein feines Gespür für Humor. In einer Szene sinniert Calvert zum Beispiel über den drohenden Zusammenbruch der Zivilisation und lässt dabei eine Bemerkung fallen, die einen unweigerlich ans Frühjahr 2020 erinnert:

„Klar ist: Der Planet heizt sich auf, und falls wir nichts verändern, wird das Folgen haben. Du kannst einen Ofen nicht ewig anlassen.“

„Und an welche Vorbereitungen denkst du?“

„Ach, das Übliche. Die wesentlichen Dinge. Nahrung, Wasser, Treibstoff. Waffen, falls nötig. Und natürlich Medikamente. […] Und Klopapier, fällt mir gerade ein.“

Benjamin Myers: Der perfekte Kreis

Kurzum: Ein famoser Roman und eine unbedingte Empfehlung!

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Miika Nousiainen: Quality Time

Nach Olli Jalonens „Die Himmelskugel“ ist „Quality Time“ bereits die zweite Neuerscheinung eines finnischen Autors, die in diesem Jahr den Weg in mein Blog gefunden hat. Anders als der recht sperrige Historienschinken seines Landsmannes ist Miika Nousiainens Roman eine locker und humorvoll erzählte Geschichte um sehr gegenwärtige Probleme — Nick Hornby lässt grüßen!

Hauptfigur von „Quality Time“ ist der Enddreißiger Sami aus Helsinki, der sich sehnlichst eine eigene Familie wünscht, sich bei der Wahl der richtigen Partnerin aber äußerst ungeschickt anstellt und zuverlässig in jedes Fettnäpfchen tappt, das ihm auf seinem Weg begegnet. Eine seiner Fehlentscheidungen bringt ihm sogar Ärger mit einer Rockergang ein — ein Running Gag, der sich durch die gesamte Handlung zieht.
Neben Sami selbst kommen außerdem vier weitere zentrale Figuren zu Wort, die allesamt Verwandte oder enge Freunde des Protagonisten sind. Samis Schwester Hanna teilt das Schicksal der ungewollten Kinderlosigkeit mit ihrem Bruder. Zwar ist sie verheiratet, aber dummerweise liegt genau darin das Problem. Sehr zum Verdruss ihrer und Samis Mutter Asta, die nach dem Tod ihres Mannes unter großer Einsamkeit leidet und unbedingt bald Oma werden möchte, was sie ihren Kindern bei jeder sich bietenden Gelegenheit unter die Nase reibt. Ganz anders sieht es bei Markus aus, der seit Kindertagen mit Sami befreundet ist und sich als alleinerziehender Vater dreier Töchter zwar redlich bemüht, aber gelegentlich unter der Last zusammenbrechen zu droht. Der bedauernswerte Pechvogel Nojonen dagegen, ein anderer Kumpel von früher, hat seine eigenen Bedürfnisse schon lange zurückgestellt, um seine schwer kranken Eltern zu pflegen.

Zu Beginn der Romanhandlung begegnen wir all diesen Figuren an Wendepunkten in ihrem Leben. Momenten, die nach einer Entscheidung verlangen, weil es so wie bisher einfach nicht weitergehen kann. Selbstredend sind nicht alle der folgenden Entscheidungen wohlüberlegt und machen nicht selten alles nur noch schlimmer. Erst recht, wenn sie auf Basis von Ratschlägen einer scheinbar perfekten und glücklichen Lifestyle-Bloggerin (auf diesen fiktiven Blog bezieht sich übrigens auch der Titel des Buchs) getroffen wurden. Wie die Motorradgang taucht auch die Bloggerin immer wieder auf und in beiden Fällen ist am Schluss nichts so, wie es anfangs scheint. Da entpuppen sich die harten Kerle als Typen mit dem Herz am richtigen Fleck und die Nervensäge mit den Motivationssprüchen ist eine ganz normale, nette Frau mit völlig alltäglichen Problemen.

Miika Nousiainen begegnet seinen keineswegs fehlerfreien, aber durchweg liebenswerten Charakteren mit viel Empathie und einem guten Gespür für Situationskomik. Obwohl „Quality Time“ insgesamt ein heiterer Roman ist, gibt es doch immer wieder Szenen, die ernsthaft, traurig und einem aus eigener Erfahrung nur allzu bekannt sind. Dass alles auf ein Happy End zusteuert, zeichnet sich zwar sehr früh ab, trübt den Lesespaß aber nur minimal — immerhin gönnt man Sami und den anderen ihr Glück von Herzen.

In Sachen literarischer Anspruch mag „Quality Time“ zwar nicht der ganz große Wurf sein, dafür ist Miika Nousiainen aber ein äußerst kurzweiliger und sympathischer Feelgood-Roman gelungen, den man mit viel Freude liest. Unbedingt empfehlenswert!

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„Euphancholie“ und Telefonzellen

Ungezählte Bücher, Filme und Songs drehen sich um diesen einen Sommer, der alles verändert. Ein Sommer, von dem man sich wünscht, er möge ewig weitergehen, der aber dennoch unaufhaltsam auf sein Ende zusteuert. Dabei ist es gar nicht so einfach, dem inzwischen doch recht arg strapazierten Coming-of-Age-Genre noch etwas substanziell Neues hinzuzufügen. Aber oft reicht es ja auch schon, Altbekanntes auf gekonnte Art und Weise und mit ein paar überraschenden Wendungen noch einmal zu erzählen. Gut hinbekommen haben das zuletzt etwa David Nicholls mit „Sweet Sorrow“ und Benedict Wells mit „Hard Land“. Lesenswert sind letzten Endes beide Bücher — falls man nur zu einem davon greifen möchte, muss man sich eben entscheiden zwischen einer Laientheatervorstellung von „Romeo und Julia“, England, Pulp und dem Jahr 1997 (Nicholls) oder „Zurück in die Zukunft“, dem ländlichen Missouri, Bruce Springsteen und dem Sommer 1985 (Wells). Diese ganz besondere Mischung aus Euphorie und Melancholie fangen beide Romane jedenfalls bestens ein. Benedict Wells hat für dieses Gefühl sogar ein Wort kreiert, nämlich „Euphancholie“:

„Einerseits zerreißt’s dich vor Glück, gleichzeitig bist du schwermütig, weil du weißt, dass du was verlierst oder dieser Augenblick mal vorbei sein wird. Dass alles mal vorbei sein wird.“ Sie packte ihr Notizbuch weg. „Na ja, vermutlich ist die ganze scheiß Jugend Euphancholie.“

Benedict Wells: Hard Land

Früher als die beiden bereits genannten Bücher, nämlich ganz zu Beginn der 1980er Jahre, spielt „Der große Sommer“, der neue Roman von Ewald Arenz. Wenn auch zeitlich noch ein wenig weiter weg von meiner eigenen Jugend (der kommt „Sweet Sorrow“ am nächsten), konnte ich mich mit diesem Buch am meisten identifizieren — immerhin spielt die Handlung unweit meiner eigenen Heimat und schulische Misserfolge sind mir ebenso bekannt wie Zehnpfennigstücke für die Telefonzelle. Hauptfigur ist der Schüler Friedrich „Frieder“ Büchner, dessen Sommer zunächst nicht groß, sondern ganz schrecklich zu werden droht. Er hat gerade zum zweiten Mal in Folge das Klassenziel der 9. Klasse verfehlt und steht vor dem Ende seiner Gymnasiallaufbahn, wenn er am Ende der Sommerferien durch die Nachprüfung in Latein und Mathe rasselt. Der Familienurlaub jedenfalls fällt für ihn aus, stattdessen muss er die Ferien bei seinen Großeltern verbringen und sich unter der Aufsicht des strengen Großvaters, einem sehr auf Bildung, Disziplin und Leistung bedachten Chefarzt, auf die entscheidenden Prüfungen vorbereiten. Was für ein Schlamassel!

Zum Glück sind da aber noch Frieders bester Freund Johann, seine jüngere Schwester Alma und natürlich Beate, das Mädchen mit dem flaschengrünen Badeanzug und der Vorliebe für Bossa Nova. Zwischen erster Liebe, unbeschwerten Tagen im Freibad und Abenden auf der Burgmauer hat Ewald Arenz selbstredend eine ganze Reihe teils dramatischer Wendungen eingebaut. Ob der Sommer für Frieder ein gutes Ende nimmt, wird hier nicht verraten. Nur so viel: Manchmal sind die Dinge — und erst recht die Menschen — nicht so, wie sie auf den ersten Blick scheinen.

Abgesehen von der unweigerlich auf einen Höhepunkt zusteuernden Handlung ist „Der große Sommer“ auch sprachlich und atmosphärisch ein großes Vergnügen. All die oft kaum wahrnehmbaren Kleinigkeiten, die den Sommer ausmachen — zum Beispiel ganz spezielle Gerüche und Lichtverhältnisse — lässt Ewald Arenz mit meist nur wenigen Worten lebendig werden. Während der Lektüre wähnt man sich tatsächlich im Sommer. Egal, welche Kapriolen der April gerade schlägt. Ein wunderbarer Roman, der seinem Vorgänger „Alte Sorten“ in nichts nachsteht.

Jetzt war Sommer. Er würde vorbeigehen, aber jetzt war Sommer.

Ewald Arenz: Der große Sommer
  • David Nicholls: Sweet Sorrow (Ullstein Taschenbuch; 512 Seiten; ISBN: 978-3-54806-383-6)
  • Benedict Wells: Hard Land (Diogenes; 352 Seiten; ISBN: 978-3-257-07148-1)
  • Ewald Arenz: Der große Sommer (Dumont; 320 Seiten; ISBN: 978-3-8321-8153-6)

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Mit einem Geist zurück ins Leben

📸 Christoph Walter

Für sehr viele Leserinnen und Leser (mich eingeschlossen) dürfte das 2017 erschienene, immens erfolgreiche „Was man von hier aus sehen kann“ der erste Kontakt mit Mariana Leky gewesen sein. Dabei hatte die Autorin bereits vor ihrem wundervollen Bestseller (der schon seit einer ganzen Weile offenbar fürs Kino verfilmt wird, wobei sich dazu kaum neuere Informationen finden lassen) mehrere Romane und einen Erzählband veröffentlicht, die es wert sind, entdeckt zu werden.

Hauptfigur und Ich-Erzählerin des 2010 erschienenen „Die Herrenausstatterin“ ist die Mittdreißigerin Katja, der wir mitten in einer Lebenskrise begegnen. Zuerst wird sie von ihrem Ehemann Jakob betrogen, dann verliert sie ihre Arbeit als Übersetzerin und schließlich passiert ein noch viel größeres Unglück. Just zu diesem Zeitpunkt tritt ein älterer Mann im schwarzen Anzug in ihr Leben, der eines Tages plötzlich auf dem Rand ihrer Badewanne sitzt und sich als Dr. Friedrich Blank, Altphilologe, vorstellt. Der wunderliche Herr zieht bei Katja ein, spendet ihr Trost und sorgt dafür, dass sie nicht komplett verzweifelt. Ein kleines Geheimnis hat er natürlich auch:

Die Sache ist die: Genaugenommen bin ich nicht mehr am Leben. Ich bin, wenn man so will, extrem weit hergeholt.

Neben dem geisterhaften Blank steht bald ein weiterer Mann vor Katjas Tür, nämlich der kleptomanisch veranlagte Feuerwehrmann und Karatefan Armin. Obwohl Armin Blank nicht sehen kann und sich Katja nicht sicher ist, ob Armin tatsächlich ein echter Feuerwehrmann ist, bricht das seltsame Trio bald zu einer Reise in den holländischen Badeort Zandvoort auf. Auch dort passieren einige Merkwürdigkeiten — unter anderem trifft Armin auf seinen großen Helden, den abgehalfterten Karatefilmstar Ralph McQuincey, der in Zandvoort ein neues Leben als Bademeister beginnen möchte.

Was sich beim Lesen dieser kurzen Zusammenfassung doch etwas wirr und merkwürdig anhört, ergibt im Roman tatsächlich einen Sinn, wobei sich der wahre Zauber dieses ebenso witzigen wie tröstlichen Buches über Verlust, Freundschaft, Loslassen und den Mut zum Neubeginn erst nach und nach entfaltet. Anders als bei „Was man von hier aus sehen kann“ hat mich die Handlung hier jedenfalls nicht sofort gepackt, sondern brauchte eine gewisse Anlaufzeit. Große Fabulierkunst, die Freude an unkonventionellen Sprachbildern, viel Humor und ein Händchen für herrlich schräge Figuren und Situationen beweist Mariana Leky aber auch in diesem früheren Werk. Fast meint man, in „Die Herrenausstatterin“ einige Elemente zu erkennen, die später auch in „Was man von hier aus sehen kann“ auftauchen. Der weise, aber etwas linkische Blank zum Beispiel könnte durchaus ein naher Verwandter des geschätzten Optikers sein.

Unbedingt empfehlenswert!

  • Mariana Leky: Die Herrenausstatterin (DuMont; 208 Seiten; ISBN: 978-3-8321-6165-1)

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Zurück im Koselbruch

Beitragsfotos von mir

Zu den unvergessenen Leseerlebnissen meiner Kindheit gehört ohne jeden Zweifel die erste Lektüre von Otfried Preußlers Roman „Krabat“. Ich weiß nicht mehr genau, wie alt ich damals war — vermutlich ein wenig jünger als die vom Verlag als empfohlenes Lesealter angegebenen zwölf Jahre — aber daran, wie sehr mich die auf einer sorbischen Volkssage basierende Geschichte um den Waisenjungen Krabat, den es als Lehrburschen in die verwunschene Mühle im Koselbruch verschlägt, in ihren Bann zog, erinnere ich mich noch sehr genau.

Grund genug, das Buch fast drei Jahrzehnte später noch einmal hervorzuholen. Den perfekten Zeitpunkt zur „Wiedervorlage“ habe ich leider um ein paar Tage verpasst — immerhin spielen einige zentrale Teile der Handlung, inklusive des überraschend kurzen und vergleichsweise wenig spektakulären Showdowns zwischen Krabat und dem Meister in den Raunächten zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag. Egal, denn das Buch hat mich auch so ein weiteres Mal ziemlich beeindruckt und bestens unterhalten. Da die Geschichte im frühen 18. Jahrhundert und damit sowieso in einer längst vergangenen Zeit angesiedelt ist, fallen die Jahre zwischen dem ersten und zweiten Lesen kaum ins Gewicht und überhaupt macht der Roman auch heute noch einen erfreulich frischen Eindruck. Zauberei, ein paar dramatische Wendungen, Freundschaft und ein klein wenig Romatik gehen ja wirklich immer.

„Manches im Leben“, sagte der Altgesell, „kann sich mancher nicht vorstellen, Krabat. Man muß damit fertig werden.“

Otfried Preußler: Krabat

Ich war beim Lesen immer wieder erstaunt, an wie viele Details ich mich tatsächlich noch erinnern konnte. Gerade die Passagen aus den Osternächten, an denen die Müllergesellen bis zum Morgengrauen an einem Ort ausharren müssen, an dem schon einmal ein Mensch ums Leben gekommen ist, waren mir noch sehr präsent. Vermutlich hat mich das früher tief beeindruckt. Andere Sachen dagegen waren mir in der Zwischenzeit komplett entfallen. Dass „Krabat“ nicht nur ein ernster und oft gruseliger, sondern stellenweise auch sehr lustiger Roman ist, hatte ich nahezu vergessen. Herrlich zum Beispiel die Szene, in der die Müllerburschen einen Trupp Werber der kurfürstlichen Armee zum Narren halten und ihnen dann — nach einer Verwandlung in Raben — entwischen („…und zum Abschied bedeckten sie Hut und Schultern des Herrn Obristen — wenngleich nicht gerade mit Ruhm.“).

Manchmal liest man Bücher ein zweites Mal und fragt sich, was man seinerzeit daran gefunden hat. Bei „Krabat“ ist das zum Glück nicht der Fall — Otfried Preußler ist damit ein zeitlos guter Klassiker geglückt. Damals wie heute eines meiner Lieblingsbücher.

  • Otfried Preußler: Krabat (Thienemann; 256 Seiten; ISBN: 978-3-522-20234-3)

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12.000 Kilometer bis Wien

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © Hanser Verlag

Im Herbst habe ich mit großem Vergnügen die ersten beiden Kriminalromane der inzwischen vierbändigen August-Emmerich-Reihe von Alex Beer gelesen, die kurz nach dem Ersten Weltkrieg in Wien spielt. Neben dem Krieg ist auch die Spanische Grippe zu diesem Zeitpunkt bereits vorbei, aber die Nachwehen der beiden Ereignisse sind noch allerorts sicht- und spürbar. Der Protagonist der Romane, Rayonsinspektor August Emmerich, plagt sich mit einer schmerzhaften Kriegsverletzung herum, die ihn fast in die Heroinabhängigkeit treibt und verliert zu allem Überfluss schon im Verlauf des ersten Bandes „Der zweite Reiter“ Familie und Obdach, als der gefallen geglaubte Ehemann seiner Lebensgefährtin überraschend aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt. Mit seinen Problemen passt sich Emmerich damit bestens an die in Wien herrschenden Verhältnisse an — armseliger, schmuddeliger, lebensfeindlicher und trister ist mir die österreichische Hauptstadt bisher noch nicht begegnet.

Genau in dieses Wien, von dessen Trostlosigkeit er allenfalls eine leise Ahnung hat, sehnt sich Karl Findeisen, der Held aus Beatrix Kramlovskys „Fanny oder Das weiße Land“, zurück. Mehr als 12.000 Kilometer liegen zwischen dem zu Beginn des Romans im Frühjahr 1918 bereits seit mehreren Jahren in einem sibirischen Kriegsgefangenenlager ausharrenden Offizier und seiner Heimatstadt. Einziger Lichtblick neben dem Umstand, dass er gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Viktor inhaftiert ist, sind die Briefe seiner Verlobten Fanny, die er wieder und wieder liest, bis er sie nahezu auswendig kann. Durch sie nimmt er Anteil am Aufwachsen seines Sohnes Max, den er zuletzt als Kleinkind gesehen hat, und wird daran erinnert, dass es womöglich doch eine erfreulichere Zukunft jenseits des harten, entbehrungsreichen Lagerlebens geben könnte.

Vor dieser Zukunft liegt aber erst einmal eine wahre Odyssee. Die Wirren nach der russischen Revolution und um den beginnenden Bürgerkrieg nutzen Karl, Viktor und ein paar weitere Mithäftlinge im Frühjahr 1918 zur Flucht. Mit der Transsibirischen Eisenbahn geht es zwar zunächst recht schnell voran, aber angesichts der immensen Weite Sibiriens eben nicht schnell genug. Die für die Rückkehr nach Österreich veranschlagten fünf bis sechs Monate erweisen sich bald als illusorisch; erst recht, als das Grüppchen in Irkutsk auffliegt und dort in ein elendes Gefängnis gebracht wird. Es ist Karls künstlerisches Talent, das ihn und seinen Freunden hier erstmals aus der Misere hilft. Mit Kreativität, Geschick, etwas Verschlagenheit und viel Glück gelingt es ihnen, sich als Kulissenmaler und Bühnenbildner beim von den Kommunisten neu gegründeten Theater zu verdingen und sich Hafterleichterungen sowie letzten Endes eine weitere Fluchtmöglichkeit zu verschaffen. Im Frühling 1919 findet das bereits leicht dezimierte Grüppchen Unterschlupf im Dorf einer deutschstämmigen Mennoniten-Gemeinde. Eine vergleichsweise angenehme Zeit bricht an, aber Wien, Fanny und Max bleiben für Karl nach wie vor unerreichbar fern. Also geht es weiter ins vom Bürgerkrieg besonders gebeutelte Petrograd, das heutige Sankt Petersburg, wo die Zweifel an einer Rückkehr in die Heimat bald ins Unermessliche wachsen — schlimmere Bedingungen als im dortigen Gefangenenlager, wo Erschießungen an der Tagesordnung sind und ständig Häftlinge „verschwinden“, haben die Freunde und Leidensgenossen noch nirgends vorgefunden. Abermals sind es Karls künstlerische Fähigkeiten, die Rettung versprechen. Ein eitler Marineoffizier wünscht sich ein lebensgroßes Porträt in Öl und ist bereit zu einer angemessenen Gegenleistung. In welche Richtung sich der Roman dann trotz einiger weiterer Rückschläge entwickelt, kann man sich vermutlich in etwa denken…

Die brotlose Kunst würde sie alle retten,
noch einmal, wieder und wieder.

Beatrix Kramlovsky: Fanny oder Das weiße Land

Mit „Fanny oder Das weiße Land“ ist der österreichischen Autorin Beatrix Kramlovsky ein wunderbarer Schmöker gelungen, dessen sympathische Figuren einem schnell ans Herz wachsen und mit denen man schon bald mitfiebert. Obwohl sich die Handlung über gut drei Jahre erstreckt, in denen jede Menge passiert, ist der Umfang des Buches mit rund 300 Seiten eher überschaubar, was für eine gewisse Rasanz und wenige Längen sorgt. Die traumatischen Erlebnisse der Soldaten während des Krieges sowie die schlimmen Verhältnisse, mit denen die Gefangenen sowie die russische Zivilbevölkerung in der Zeit danach konfrontiert sind, spart Beatrix Kramlovsky zwar keinesfalls aus, aber dennoch ist es hin und wieder erstaunlich, wie leicht es Karl und Co. fällt, mit ihrem Talent und ihrer Freundlichkeit einen Ausweg zu finden. Überall öffnet sich eine Tür, ergeben sich Möglichkeiten, warten zumindest halbwegs wohlwollende Menschen.

Aber gerade darauf liegt ja auch ganz klar der Fokus des Romans. „Fanny oder Das weiße Land“ ist ein Lobgesang auf die Freundschaft, die Liebe und den Wert von Kunst, Musik, Briefen und Fantasie — besonders in schweren Zeiten und ausweglos scheinenden Situationen, die sich nur dann halbwegs überstehen lassen, wenn man etwas hat, wofür es sich lohnt, weiterzumachen. Oder, um Friedrich Nietzsche das letzte Wort zu geben: „Wer ein Wozu zu leben hat, der erträgt fast jedes Wie.“

  • Beatrix Kramlovsky: Fanny oder Das weiße Land (hanserblau; 304 Seiten; ISBN: 978-3-446-26797-8)
  • Alex Beers Kriminalromane um August Emmerich sind im Limes Verlag bzw. als Taschenbuch bei Blanvalet erschienen.

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