Schuld und Sühne auf Gotland

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © btb Verlag

Mit seinem im Frühjahr erstmals in deutscher Übersetzung erschienenen Debütroman „Der Choreograph“ hatte mich Håkan Nesser zuletzt ein wenig ratlos zurückgelassen. Wieder deutlich zugänglicher erweist sich der mittlerweile 70 Jahre alte Schwede in „Barbarotti und der schwermütige Busfahrer“, dem je nach Zählweise sechsten oder siebten Fall für Gunnar Barbarotti. Wie viele andere von Nessers Büchern passt natürlich auch das aktuelle Werk nicht ganz in die bewährte Schublade „Kriminalroman“. Actionreiche Szenen, atemlose Spannung und ein simples Gut-Böse-Schema braucht man nicht zu erwarten — stattdessen ist „Barbarotti und der schwermütige Busfahrer“ ein leises, mit mehreren Zeitebenen und Erzählperspektiven klug aufgebautes Kammerspiel um Schuld und Sühne, das Zurücklassen von Bewährtem und Neubeginne. Die Kulisse des herbstlichen Gotland passt dabei wunderbar zur melancholischen Grundstimmung des Romans.

Nach Gotland verschlägt es Gunnar Barbarotti und seine langjährige Polizeikollegin (und mittlerweile auch Lebensgefährtin) Eva Backman nach einem völlig schief gelaufenen Einsatz, bei dem ein Jugendlicher durch einen Schuss aus Backmans Waffe ums Leben gekommen ist. Von einem zweimonatigen Aufenthalt auf der nach dem Ende der Sommersaison nur sehr spärlich besiedelten Insel erhoffen sich die beiden etwas Ruhe und Ablenkung, während auf dem Festland die internen Ermittlungen wegen des tödlichen Waffengebrauchs laufen. Dummerweise begegnet den beiden gleich an einem der ersten Tage ihrer Auszeit ein bärtiger, langhaariger Fahrradfahrer, in dem sie einen gewissen Albin Runge zu erkennen glauben. Eine Verwechslung oder eine Geistererscheinung, denn eigentlich wurde Runge, ein ehemaliger Busfahrer, der nach einem folgenreichen Unfall mit fast 20 zumeist jugendlichen Todesopfern Morddrohungen erhalten hatte, schon fünf Jahre zuvor für tot erklärt. Eine Leiche wurde nach Runges spurlosem Verschwinden von einer Fähre allerdings nicht gefunden und auch der Verfasser der Drohbriefe konnte nie ausfindig gemacht werden. Statt ihre Zeit auf Gotland also ausschließlich mit Radtouren, Kochen und Lesen vor dem Kamin zu verbringen, werden Barbarotti und Backman kurzerhand zu Privatermittlern und finden schon bald Erstaunliches heraus.

Aber das Leben täuscht uns. Oder überrascht uns zumindest. Es wirft unsere Pläne über den Haufen und zwingt uns, neue zu schmieden.

Håkan Nesser

„Barbarotti und der schwermütige Busfahrer“ ist sicherlich nicht das allerbeste von Håkan Nessers zahlreichen Büchern — die Meisterschaft des ähnlich gearteten „Der Fall Kallmann“ wird hier nicht ganz erreicht und auch die Auflösung der Geschichte lässt sich zumindest in groben Zügen recht schnell erahnen. Dennoch lohnt sich die Lektüre dieses im besten Sinne herbstlichen Romans, in dem der große Stilist und genaue Beobachter Nesser nach und nach Licht ins Dunkel bringt und die Schicksale der Hauptfiguren gekonnt miteinander verknüpft. Sowohl Runge als auch Backman verschuldeten schließlich ohne böse Absicht den Tod anderer Menschen und müssen lernen, mit den Konsequenzen dieses lebensverändernden Ereignisses zurechtzukommen. Die inneren Kämpfe der mitunter verzweifelten Figuren lesen sich letzten Endes deutlich interessanter als die streckenweise etwas betuliche Krimihandlung.

Håkan Nesser – Der Choreograph

Hakan_Nesser

Fünf Jahre, bevor Håkan Nesser 1993 mit „Das grobmaschige Netz“ den ersten Roman der Krimireihe um Kommissar Van Veeteren veröffentlichte und damit seine Karriere als einer der renommiertesten (Kriminal-) Schriftsteller Europas begründete, erschien in seiner schwedischen Heimat das Debüt „Der Choreograph“. Anlässlich des 70. Geburtstag des Autors Ende Februar liegt der Roman nun erstmals auch in der deutschen Übersetzung (von Christel Hildebrandt) vor.

Schon in diesem Erstlingswerk lässt sich die spätere Klasse Håkan Nessers erahnen und zahlreiche in den gut 35 Büchern nach „Der Choreograph“ wiederkehrende Motive und Elemente tauchen in dem mit knapp 250 Seiten verhältnismäßig dünnen Roman ein erstes Mal auf. So spielt „Der Choreograph“ wie die Van-Veeteren-Krimis in einem fiktiven, mal an skandinavische Länder, mal an die Schweiz oder Frankreich erinnernden Land. Doch nicht nur örtlich und zeitlich, sondern auch inhaltlich ist Nessers Debüt nur schwer zu greifen. Einerseits gibt es gewisse Thriller-Elemente, andererseits ist „Der Choreograph“ aber auch eine Liebesgeschichte und eine philosophische Sinnsuche eines Mannes in der Mitte seines Lebens. Dieser Protagonist, etwas über Vierzig und an einer Hochschule beschäftigt, begegnet an einem schönen Frühjahrstag einer jungen Frau – für Begegnungen wie diese wurde wohl das geflügelte Wort von der „Liebe auf den ersten Blick“ erfunden. Die beiden verbringen mehrere Tage voller Leidenschaft miteinander, ehe Maria, so ihr Name, plötzlich verschwunden ist. Der Mann setzt sogar einen Detektiv auf sie an, aber ohne Erfolg. Trotzdem kreuzen sich die Wege der beiden im Laufe der Jahre immer wieder – mit mehr oder weniger dramatischen Wendungen.

Dennoch weiß man als Leser*in am Ende nicht so recht, ob es Maria tatsächlich je gegeben hat, oder ob sie ausschließlich im Kopf des Protagonisten existiert. Überhaupt ist es gar nicht so einfach, den verschiedenen Handlungssträngen und Zeitebenen zu folgen. Jedenfalls wirft das Buch mehr Fragen auf, als es beantwortet. Was hat es zum Beispiel mit dem Militärputsch auf sich, der an mehreren Stellen erwähnt, aber auf den nur vage eingegangen wird?

Wer die Geduld hat, sich auf diesen rätselhaften Roman einzulassen, hat das Vergnügen, mit „Der Choreograph“ die ersten Schritte eines großen Erzählers mitzugehen. Wer es jedoch lieber etwas zugänglicher, aber keinesfalls anspruchsloser mag, ist mit den meisten anderen Büchern (*) aus Håkan Nessers umfangreichem Gesamtwerk vermutlich besser bedient.


(*) besonders empfehlen möchte ich an dieser Stelle das exzellente „Der Fall Kallmann“