Karl Rittner: Die Toten von Wien

Wer diesen Blog einigermaßen regelmäßig verfolgt, weiß, dass ich ein gewisses Faible für historische Kriminalromane aus Wien habe. Glücklicherweise ist die österreichische Hauptstadt neben Berlin einer der beliebtesten Schauplätze dieses Genres, so dass es immer ausreichend Nachschub gibt. In „Die Toten von Wien“ schickt Karl Rittner (das Pseudonym eines österreichischen Schriftstellers und Hochschulprofessors) mit Alexander Baran nun einen neuen Ermittler in den Ring, von dem wir sicher noch öfter hören werden — zumindest riecht das Ende des Buches stark nach Fortsetzung.

Angesiedelt ist die Handlung von „Die Toten von Wien“ im Frühjahr 1922, was sofort an Alex Beers inzwischen fünf Bände umfassende, ebenfalls in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg spielende Reihe um August Emmerich denken lässt. Allerdings sind die Hauptfiguren der beiden Serien äußerst unterschiedlich. Während Beers Protagonist August Emmerich ein eher raubeiniger Typ aus einfachen Verhältnissen ist, der raucht und trinkt und stets nahe der Obdachlosigkeit entlangtaumelt, ist Rittners Alexander Baran Spross eines ungarischen Adelshauses. Die Wirren des Krieges und das damit verbundene Ende der Monarchie haben auch das Leben Barans, der früher Baron Sandor von Baranyi hieß, gehörig auf den Kopf gestellt. Nach Kriegsende heuerte der ehemalige Jurastudent bei der Wiener Polizei an, wo er schnell zum Kriminalkommissär aufstieg. Lustigerweise haben sowohl Alex Beer als auch Karl Rittner ihren Protagonisten jeweils grundverschiedene Gegenparts an die Seite gestellt: Emmerich wird ergänzt von Ferdinand Winter, einem jungen Mann aus gutem Hause, dem beim Anblick von Leichen schnell übel wird. Barans Partner ist Ferdinand Meisel, ein erfahrener Polizist, der seine Fähigkeiten als Boxer gerne auch beruflich einsetzt.

Die Wiener Staatsoper um 1898.

Anders als August Emmerich, der sich oft in den dunkelsten und ärmsten Ecken Wiens herumtreibt, führt „Die Toten von Wien“ Alexander Baran in ein anderes, seiner Herkunft eher entsprechendem Milieu. Allerdings deutet zu Beginn des Romans noch nichts darauf hin, geht es doch zunächst um zwei Todesfälle, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Zum einen wird nahe der Roßauer Lände die misshandelte Leiche einer jungen Tänzerin der Staatsoper gefunden, zum anderen wird ein pensionierter Hofbeamter von einer Tram erfasst und tödlich verletzt. Beim zweiten Fall ist noch nicht einmal klar, ob es sich nicht doch um einen Unfall gehandelt hat, wobei mehrere Zeugen aussagen, der ältere Herr sei vor die Straßenbahn gestoßen worden. Bei den Ermittlungen stellt sich aber natürlich schnell heraus, dass die beiden Morde miteinander zu tun haben. Die Spur führt in die nach der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinands untergegangene Welt des österreich-ungarischen Adels und nicht zuletzt in Alexander Barans eigene Vergangenheit.

Stellenweise ist „Die Toten von Wien“ ein wenig überladen und es ist nicht immer ganz einfach, den vielen Verästelungen der Handlung zu folgen. Für Freundinnen und Freunde des Genres ist der Roman aber trotzdem eine empfehlenswerte Lektüre, weil Karl Rittner eine ganz andere Seite des historischen Wiens beleuchtet als Alex Beer. Deren schmuddeliges Wien der frühen 1920er Jahre ist für mich zwar ein wenig reizvoller, aber wer weiß, wohin es Alexander Baran in Zukunft noch verschlägt?

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Im Juli gelesen

Meine Lektüren im Juli: Passend zur Sommerhitze viel (Krimi-) Unterhaltung und wenig Anspruchsvolles. Erfreulicherweise haben mir drei der vier Bücher gut oder sogar sehr gut gefallen, nur Norbert Scheuers „Mutabor“ fand ich ein wenig rätselhaft. Angesichts des Vorgängers „Winterbienen“, der mich wirklich begeistert hat, leider eine kleine Enttäuschung. (⭐⭐1/2)

Ebenfalls ausführlicher auf dem Blog vorgestellt habe ich Peter Swansons sehr atmosphärischen, erfreulich unblutigen Thriller „Acht perfekte Morde“, der meine Leseliste um einige Klassiker der Kriminalliteratur bereichert hat. (⭐⭐⭐⭐)

Höhepunkte des Monats waren aber die beiden Bücher, die hier bisher nicht erwähnt wurden. Zum einen „Das Buch des Totengräbers“ von Oliver Pötzsch, das Ende des 19. Jahrhunderts in Wien spielt und mich ziemlich an die etwas später angesiedelten, großartigen August Emmerich-Krimis von Alex Beer erinnert hat. Da neben dem jungen Kommissar Leopold von Herzfeldt auch der titelgebende Totengräber und der Wiener Zentralfriedhof eine zentrale Rolle in der Handlung einnehmen, ist der Roman wunderbar morbide und schwarzhumorig — genau nach meinem Geschmack also. Der Nachfolger „Das Mädchen und der Totengräber“ steht bereits weit oben auf meiner Wunschliste. (⭐⭐⭐⭐1/2)

Eine unglaublich triste und traurige, dabei aber auch sehr zärtliche und berührende Familiengeschichte erzählt Chris Whitaker in „Von hier bis zum Anfang“. Die Mischung aus Rache-Western, Roadtrip und Liz Moores ebenfalls sehr empfehlenswertem Roman „Long Bright River“ mit ihren unvergesslichen Charakteren wird mich so schnell nicht loslassen. Ende Juni ist außerdem Chris Whitakers dem Vernehmen nach nach ähnlichem Muster gestrickter Debütroman „Was auf das Ende folgt“ in deutscher Übersetzung erschienen — sicher auch ein lesenswertes Buch. (⭐⭐⭐⭐1/2)

Für den August liegen nun erst einmal zwei weitere Krimis aus Italien und Schweden bereit und dann bin ich gespannt, wohin mich die Leseabenteuer des neuen Monats wohl noch führen. Genießt den Sommer (trotz der gerade enormen Hitze)!