Bücher und Musik für den Wunschzettel

Es ist Adventszeit und obwohl es momentan sehr schwer ist, halbwegs zuversichtlich auf die kommenden Festtage zu blicken, schadet es sicher nicht, sich ein paar Gedanken zu machen, womit man seinen Lieben (oder sich selbst) eine Freude machen kann. Deshalb an dieser Stelle eine kleine Zusammenstellung von Büchern und Schallplatten, die mir im zu Ende gehenden Jahr besonders gut gefallen haben — verbunden mit der Hoffnung, dass sich darunter auch die eine oder andere Anregung für Euch findet.

Für spannende Lesestunden:

Krimis sind immer dann besonders lesenswert, wenn sie über den Tellerrand des zu lösenden (Mord-) Falles hinausblicken und auch etwas über die Zeit und die Gesellschaft erzählen, in der die Handlung spielt. Hervorragend glückt dieser Spagat sowohl Alex Beer in ihrer Reihe um Kommissar August Emmerich (mit „Der letzte Tod“ ist gerade der fünfte Band erschienen) als auch Thomas Mullen mit seiner „Darktown“-Trilogie, die bei DuMont inzwischen komplett als Taschenbuchausgabe vorliegt. Hier das heruntergekommene Wien der Zeit nach dem ersten Weltkrieg, dort Atlantas erste Schwarze Polizisten in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren — zwei gänzlich verschiedene Welten mit ihren ganz eigenen Problemen, aber doch auch überraschend vielen Gemeinsamkeiten.
Nicht in der Vergangenheit, aber trotzdem in einer für die allermeisten der Leserinnen und Leser fremden Umgebung, nämlich in einem von Drogen und Kriminalität geprägten Problembezirk Philadelphias, spielt Liz Moores „Long Bright River“. Gleichermaßen ein packender Kriminalroman wie auch eine berührende Familiengeschichte.
Eines haben all diese Romane gemeinsam: Man wird bestens unterhalten und ist nach der Lektüre ein klein wenig klüger.

Zeit für Freunde und alte Bekannte:

Die Figuren aus Sven Regeners Romanen rund um Frank Lehmann und dessen Dunstkreis gehören seit vielen Jahren zum eigenen Bekannten-, wenn nicht gar Freundeskreis. In „Glitterschnitter“, angesiedelt im Kreuzberg des Jahres 1980, gibt es nun ein freudiges Wiedersehen. Die ewig gleichen Typen, die immer die gleichen Geschichten erzählen — fast wie Weihnachten in der eigenen Familie.
Etwas komplexer als im mit viel Wortwitz und Situationskomik glänzenden Roman von Sven Regener wird das Thema Freundschaft in Benjamin Myers‘ „Der perfekte Kreis“ und Beatrix Kramlovskys „Fanny oder Das weiße Land“ verhandelt. Der Brite Myers erzählt von zwei Außenseitern, die kaum etwas verbindet außer das mit fast religiösem Eifer verfolgte Unterfangen, den perfekten Kornkreis zu kreieren; bei Kramlovsky flieht ein Grüppchen österreichischer Soldaten im Frühjahr 1918 aus der russischen Kriegsgefangenschaft und macht sich auf den gefährlichen Heimweg ins 12.000 Kilometer entfernte Wien. In beiden Büchern schweißt ein gemeinsames Ziel höchst unterschiedliche Menschen zusammen. Dass Zusammenhalt und Freundschaft gerade in schweren Zeiten unverzichtbar sind und man gemeinsam viel mehr erreichen kann als allein, mögen zwar keine allzu bahnbrechenden Erkenntnisse sein — aber gerade jetzt schadet es nicht, noch einmal daran erinnert zu werden. Am besten natürlich verpackt in solch grandiose Geschichten.

Zum Anhören:

  • Big Red Machine: „How Long Do You Think It‘s Gonna Last?“
    Das zweite Album der Indie-Supergroup um Justin Vernon (Bon Iver) und Aaron Dessner (The National) besticht durch ein beeindruckendes Arsenal an Gaststars von Taylor Swift und Ben Howard bis hin zu Anaïs Mitchell und Robin Pecknold (Fleet Foxes) sowie durch seine überbordende Kreativität und Spielfreude. Eine Platte für die Ewigkeit!
  • Locas In Love: „Winter“
    Ein echter Dauerbrenner ist die bereits 2008 erschienene Platte der leider nach wie vor sträflich unterschätzten Kölner Band. So tröstlich, hellsichtig und mutmachend wie in diesen tristen Pandemiewintern klang „Winter“ allerdings noch nie. Musik wie eine warme Decke.
  • Keaton Henson: „Fragments“
    Ein halbes Dutzend eher nebenbei entstandene Songs reichen dem schüchternen britischen Multitalent Keaton Henson für ein kleines Meisterwerk von herzzerreißender Schönheit. Verschenkt man am besten mit einer Großpackung Taschentücher.
  • The Killers: „Pressure Machine“
    Bombast, hymnische Refrains und Stadionrock — all die Dinge, mit denen man The Killers aus Las Vegas gemeinhin verbindet, findet man auf „Pressure Machine“ nicht. Stattdessen steht das neue Album in der Tradition von Bruce Springsteen und Tom Petty und stellt eindrucksvoll unter Beweis, was für ein hervorragender Geschichtenerzähler Brandon Flowers doch ist. Alles richtig gemacht!

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Tödlicher Literaturbetrieb

Ein kniffliger neuer Fall für Gunnar Barbarotti: In „Schach unter dem Vulkan“ muss der Kommissar aus dem fiktiven westschwedischen Städtchen Kymlinge herausfinden, was es mit dem rätselhaften Verschwinden dreier Autoren auf sich hat. Ein Fest für alle Freundinnen und Freunde von Håkan Nesser, der einmal mehr zu Hochform aufläuft.

Im Herbst 2019 verschwinden binnen kurzer Zeit der Romancier Franz J. Lunde und die Lyrikerin Maria Green nach Lesungen in der Gegend von Kymlinge spurlos. Außer dem ausgebrannten Auto Lundes, das in einem Wald gefunden wird, gibt es kaum Spuren, die auf Gewaltverbrechen hindeuten. Allerdings wurden die beiden Vermissten in den Wochen vor ihrem Verschwinden offenbar bedroht, wie unvollendete Manuskripte nahelegen, die die beiden hinterlassen haben. Ansonsten tappt die Polizei komplett im Dunklen, was zur tristen Gesamtstimmung passt. Ein grauer Herbst geht gerade in einen kalten Winter über und Gunnar Barbarotti, dessen Beziehung zu Eva Backman kriselt, droht ein einsames Weihnachtsfest in der Villa Pickford.

Am Ende des tristen Winters macht sich zu allem Überfluss auch noch Corona breit, aber immerhin kommt ein wenig Bewegung in den festgefahrenen Fall. Mit dem brillanten Intellektuellen und gefürchteten Kritiker Jack Walde verschwindet in Stockholm ein weiterer Schriftsteller. Ein Manuskript hat er zwar nicht hinterlassen, aber auch er wurde allem Anschein nach bedroht. Mit der Zeit fügen sich die einzelnen Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammen — zur endgültigen Aufklärung des Falles trägt allerdings erst ein Leichenfund bei.

Psychologische Spannung statt plumper Gewalt

Auch der siebte (oder achte, zählt man „Der Verein der Linkshänder“, in dem Barbarotti und sein „Vorgänger“ Van Veeteren gemeinsam ermitteln, dazu) Auftritt von Gunnar Barbarotti ist wieder ein klassischer Krimi aus der Feder des schwedischen Großmeisters Håkan Nesser. „Schach unter dem Vulkan“, etwas rasanter und ereignisreicher als der sehr betuliche Vorgänger „Barbarotti und der schwermütige Busfahrer“, kommt nahezu komplett ohne Gewalt und Action aus, dafür besticht auch dieser Fall wieder mit psychologischer Spannung und der Frage nach Schuld und Sühne. Zudem ist der Roman erstaunlich nah am Zeitgeschehen — und das nicht nur, weil er zum Teil während der Pandemie spielt. Jack Walde, einer der Vermissten, schreibt unter einem weiblichen Pseudonym mit immensem Erfolg blutrünstige Erotikthriller. Ganz ähnlich also wie in der realen Welt das jüngst enttarnte spanische Autorentrio hinter der mysteriösen Carmen Mola, was für Håkan Nessers gutes Gespür und Kenntnis des Literaturbetriebs spricht.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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August Emmerich zum Fünften

Seit einigen Jahren entführt uns Alex Beer in ihren Kriminalromanen um Kommissar August Emmerich ins Wien der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Mit „Der letzte Tod“ liegt nun bereits der fünfte Band der Reihe vor, in dem eine grenzübergreifende Mordserie aufgeklärt werden muss.

Obwohl die Serie inzwischen im September 1922 angelangt ist, sind die Nachwehen des Ersten Weltkrieges nach wie vor deutlich zu spüren und die Goldenen Zwanziger zumindest für die allermeisten Bewohnerinnen und Bewohner Wiens weit entfernt. Die Schere zwischen den wenigen Reichen und den vielen Armen geht nicht zuletzt wegen der grassierenden Hyperinflation, die die Preise für Waren des alltäglichen Bedarfs in schwindelerregende Höhen treibt, immer weiter auseinander; Hunger, Elend und Wohnungsnot sind an der Tagesordnung. Zudem kommt es immer öfter zu gesellschaftlichen Verwerfungen, die Verbrechensrate steigt und auch der Antisemitismus ist weiter auf dem Vormarsch.

Als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre, erschüttert ein grausiger Fund die österreichische Hauptstadt. In einem alten Tresor am Hafen finden zwei neugierige Obdachlose eine mumifizierte Leiche. Entgegen der ersten Vermutung der entsetzten Finder handelt es sich bei dem Toten natürlich nicht um einen Ghul, sondern um das bedauernswerte Opfer eines schrecklichen Verbrechens. August Emmerich und sein Assistent Ferdinand Winter nehmen, unterstützt vom Psychoanalytiker Sándor Adler, die Ermittlungen auf und sind bald einem Serientäter auf der Spur, der sich quer durch Europa mordet.

Fortsetzung folgt ganz bestimmt

Konnte man die bisherigen Bände der Reihe noch problemlos als jeweils eigenständige Fälle lesen, empfiehlt sich „Der letzte Tod“ nicht unbedingt als Einstieg. Immerhin ist in den vier Vorgängern jenseits der Kriminalfälle so viel rund um die Vorgeschichte von August Emmerich und Ferdinand Winter passiert, dass es inzwischen recht schwierig ist, als „Neuling“ den ganzen Rückblenden und Querverweisen zu folgen. Für Kenner der Serie bieten die Nebenhandlungen dieses Buchs — diesmal natürlich vor allem die unerwartete Rückkehr von Emmerichs Erzfeind Xaver Koch — eine gelungene Abwechslung von den eigentlichen Ermittlungen, die nach einem etwas zähen Beginn doch noch deutlich an Spannung und Rasanz aufnehmen.

Wien ist seit dem Krieg ein einziges großes Scheißhäusl.

Alex Beer: Der letzte Tod

Wunderbar gelungen sind Alex Beer auch in Band fünf wieder die Beschreibung des düsteren, heruntergekommenen Wiens und der zeitgeschichtlichen Hintergründe. So haben einige tatsächlich existierende Personen Gastauftritte, die Figur des Doktor Sándor Adler trägt der damals noch jungen, stetig populärer werdenden Psychoanalyse Rechnung und die grenzübergreifenden Ermittlungen in „Der letzte Tod“ nehmen die Gründung von Interpol im Jahr 1923 vorweg.

Dass am Ende der Mordfall zwar aufgeklärt ist, aber dennoch einige Fragen offen sind, lässt auf eine baldige Rückkehr von Emmerich und Winter in einem sechsten Band hoffen. Gut so!

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Ein Lächeln wie von Mona Lisa

Zum zweiten Mal schickt Leif Karpe seinen kunstsinnigen Ermittler Peter Falcon von New York nach Europa, um ein kniffliges Rätsel zu lösen. Stand in „Der Mann, der in die Bilder fiel“ noch der Impressionismus im Mittelpunkt, begibt sich „Die Göttin, die von Blüten träumte“ nun an die Schauplätze der Renaissance.

Ein Kunstschatz von womöglich unermesslichem Wert lagert im Berliner Bode-Museum, nämlich eine vermeintlich von Leonardo da Vinci geschaffene Wachsbüste der Göttin Flora. Schon seit vielen Jahren tobt ein erbitterter Streit um die Urheberschaft der keine 70 Zentimeter hohen Büste und die gerade überwundene Corona-Krise (der Roman spielt in einer nahen Zukunft, in der wieder weitgehend Normalität herrscht) bietet für einige Akteure einen willkommenen Anlass, ein für alle Mal zu klären, was tatsächlich Sache ist. Die junge Wissenschaftlerin Laura Petreus hat ein neues Datierungsverfahren entwickelt, unter dessen Einsatz am Teilchenbeschleuniger des Louvre geklärt werden soll, ob es sich bei der Flora mit dem an die Mona Lisa erinnernden Lächeln um ein Werk da Vincis handelt oder ob die Büste von einem weit weniger bedeutenden englischen Künstler des 19. Jahrhunderts geschaffen wurde, wie dessen Nachfahren beharrlich behaupten. Finanziert wird die kostenintensive Datierung vom umstrittenen Chemiegiganten und Glyphosat-Hersteller Mortapes, der mit seinem Engagement um die Kunst ein wenig Greenwashing betreiben möchte.

Sollte sich die Büste als echter da Vinci herausstellen, würde dies natürlich auch für das Bode-Museum einen gehörigen Gewinn an Renommee bedeuten und das große Auktionshaus Chroseby würde ebenfalls von einem nach Corona wieder in Schwung kommenden Kunstmarkt profitieren. Dummerweise kommt es aber gar nicht zu der geplanten Datierung, denn zuerst verschwindet Laura Petreus spurlos und dann wird auch noch die Büste gestohlen — auf ganz ähnliche Weise wie im März 2017 die 100 Kilogramm schwere Goldmünze.

Peter Falcon, der Kunsthistoriker und Comichändler, zu dem „die Bilder sprechen“, soll herausfinden, was passiert ist. Seine Suche führt ihn quer durch Europa, aber vor allem natürlich nach Florenz, die Wiege der Renaissance.

Geschicktes Spiel mit Fakten und Fiktion

Krimis und Thriller mit kunstbeflissenen Ermittlern — da denkt man natürlich sofort an Dan Browns genialen Symbolologen Robert Langdon oder an Martin Suters chronisch klammen Lebemann John von Allmen. Von beiden hat Leif Karpe seinem Peter Falcon etwas mitgegeben, wobei der New Yorker doch deutlich bescheidener und zurückhaltender (manchmal allerdings auch etwas blasser) auftritt als der schier allwissende Langdon oder der allzu luxusaffine Allmen.

Mit etwas mehr als 200 Seiten ist „Die Göttin, die von Blüten träumte“ deutlich schmaler als vor allem Browns umfangreiche Thriller und auf Actionszenen verzichtet der Roman nahezu gänzlich. Stattdessen glänzt Karpe vor allem mit einer geschickten Mischung aus Fakten und Fiktion. Von Botticelli bis zum „Decamerone“, das im Verlauf der Handlung eine wichtige Rolle spielt, bekommt man als Leserin oder Leser einen kleinen, kenntnisreichen Crashkurs in Sachen Renaissance und auch viele andere Begebenheiten und Personen in Karpes Buch sind zumindest an Tatsachen angelehnt. Das und der kurzweilige, humorvolle Erzählstil machen „Die Göttin, die von Blüten träumte“ zu einer lohnenden Lektüre für kunstinteressierte Krimifreundinnen und -freunde mit einem Faible für Italien.

Einzig ein etwas aufmerksameres Lektorat hätte man dem Roman gewünscht. So heißt der Chemiekonzern „Mortapes“ an einer Stelle auf einmal „Montarpes“ und auch ansonsten haben sich immer wieder kleinere (aus dem Komponisten Edvard Grieg zum Beispiel wird ein Herr „Krieg“) oder größere („Meine Herren, es ergibt doch keinen Sinn, wenn wir hier uns hier gegenseitig belauern. Ich schlage vor, wie setzen uns und legen die Karten auf den Tisch“, heißt es etwa auf Seite 141 der 1. Auflage) Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen. Kein Drama zwar, aber doch ärgerlich!

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Martin Suter: Allmen und der Koi

Sommerzeit ist Urlaubs- und damit Reisezeit. Da größere Reisen angesichts grassierender Virus-Varianten auch in diesem Jahr eine eher schlechte Idee sind, empfiehlt es sich, den Liegestuhl im eigenen Garten oder zumindest irgendwo in der Nähe aufzustellen und lesend in die Ferne zu schweifen. Geeignete Urlaubslektüren stelle ich ab sofort hier in loser Folge vor.

Zum Auftakt nimmt uns Martin Suter in „Allmen und der Koi“, dem mittlerweile sechsten Fall für John von Allmen, den chronisch klammen Lebemann und Experten für das Aufspüren verschwundener Kunstgegenstände, mit nach Ibiza (*). Um ein Kunstobjekt im eigentlichen Sinne geht es — das verrät schon der Titel — diesmal zwar nicht, wohl aber um etwas, das Liebhabern beträchtliche Summen wert ist. Allmen und seine rechte Hand Carlos werden im Auftrag des schwerreichen Percy Garrett auf die Insel gerufen. Der gebrechliche Musikproduzent und leidenschaftliche Koi-Fan ist verzweifelt, weil sein Liebling „Boy“ verschwunden ist. Der mehr als eine Million Dollar teure, fast perfekte Tancho wurde aus dem wohltemperierten Außenpool geraubt, um dessen kostspielige Bewohner sich zwei eigens aus Japan eingekaufte Fischpfleger kümmern. Allmen und Carlos begeben sich in den teils geschmackvollen, teils protzigen Fincas der Insel-Society auf Spurensuche nach „Boy“ und finden heraus, dass es unter den betuchteren Bewohnern Ibizas einige Koi-Fanatiker gibt, die für einen seltenen Karpfen nicht nur bereit sind, hohe Summen in die Hand zu nehmen, sondern auch über Leichen gehen.

Wer mit Martin Suters Allmen-Reihe vertraut ist, weiß, dass die Krimihandlung zugunsten augenzwinkernder Ausflüge in die Welt der Reichen und vermeintlich Schönen gerne einmal etwas in den Hintergrund rückt. Bei „Allmen und der Koi“ ist das nicht anders. Die Suche nach dem verschwundenen Koi nimmt ähnlich viel Raum ein wie mondäne Partys auf diversen Fincas, erlesenes Essen (passend zur Romanhandlung kommt eine raffinierte spanisch-japanische Fusionsküche auf den Tisch) nebst passender Getränkebegleitung und Ratschläge, wie man sich auch bei großer Sommerhitze zu jedem Anlass angemessen kleidet. Das liest sich locker und vergnüglich weg, wobei ein wenig mehr Spannung der Geschichte nicht geschadet hätte. Immerhin wartet das Buch am Ende, nachdem der recht konventionell gestrickte Fall um den Diebstahl bereits aufgeklärt ist, noch mit einer überraschenden Wendung auf.

Hält man sich ein wenig ran mit der Lektüre, schafft man das nur etwas mehr als 200 Seiten dünne Büchlein an einem Nachmittag. Gute Unterhaltung, die einen nicht allzu sehr fordert — Liegestuhllektüre im besten Sinne also.

(*) Martin Suter verbringt seit langer Zeit einen Teil des Jahres auf Ibiza, wo er vor einigen Jahren das SALON Magazin empfing.

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Schuld und Sühne auf Gotland

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © btb Verlag

Mit seinem im Frühjahr erstmals in deutscher Übersetzung erschienenen Debütroman „Der Choreograph“ hatte mich Håkan Nesser zuletzt ein wenig ratlos zurückgelassen. Wieder deutlich zugänglicher erweist sich der mittlerweile 70 Jahre alte Schwede in „Barbarotti und der schwermütige Busfahrer“, dem je nach Zählweise sechsten oder siebten Fall für Gunnar Barbarotti. Wie viele andere von Nessers Büchern passt natürlich auch das aktuelle Werk nicht ganz in die bewährte Schublade „Kriminalroman“. Actionreiche Szenen, atemlose Spannung und ein simples Gut-Böse-Schema braucht man nicht zu erwarten — stattdessen ist „Barbarotti und der schwermütige Busfahrer“ ein leises, mit mehreren Zeitebenen und Erzählperspektiven klug aufgebautes Kammerspiel um Schuld und Sühne, das Zurücklassen von Bewährtem und Neubeginne. Die Kulisse des herbstlichen Gotland passt dabei wunderbar zur melancholischen Grundstimmung des Romans.

Nach Gotland verschlägt es Gunnar Barbarotti und seine langjährige Polizeikollegin (und mittlerweile auch Lebensgefährtin) Eva Backman nach einem völlig schief gelaufenen Einsatz, bei dem ein Jugendlicher durch einen Schuss aus Backmans Waffe ums Leben gekommen ist. Von einem zweimonatigen Aufenthalt auf der nach dem Ende der Sommersaison nur sehr spärlich besiedelten Insel erhoffen sich die beiden etwas Ruhe und Ablenkung, während auf dem Festland die internen Ermittlungen wegen des tödlichen Waffengebrauchs laufen. Dummerweise begegnet den beiden gleich an einem der ersten Tage ihrer Auszeit ein bärtiger, langhaariger Fahrradfahrer, in dem sie einen gewissen Albin Runge zu erkennen glauben. Eine Verwechslung oder eine Geistererscheinung, denn eigentlich wurde Runge, ein ehemaliger Busfahrer, der nach einem folgenreichen Unfall mit fast 20 zumeist jugendlichen Todesopfern Morddrohungen erhalten hatte, schon fünf Jahre zuvor für tot erklärt. Eine Leiche wurde nach Runges spurlosem Verschwinden von einer Fähre allerdings nicht gefunden und auch der Verfasser der Drohbriefe konnte nie ausfindig gemacht werden. Statt ihre Zeit auf Gotland also ausschließlich mit Radtouren, Kochen und Lesen vor dem Kamin zu verbringen, werden Barbarotti und Backman kurzerhand zu Privatermittlern und finden schon bald Erstaunliches heraus.

Aber das Leben täuscht uns. Oder überrascht uns zumindest. Es wirft unsere Pläne über den Haufen und zwingt uns, neue zu schmieden.

Håkan Nesser

„Barbarotti und der schwermütige Busfahrer“ ist sicherlich nicht das allerbeste von Håkan Nessers zahlreichen Büchern — die Meisterschaft des ähnlich gearteten „Der Fall Kallmann“ wird hier nicht ganz erreicht und auch die Auflösung der Geschichte lässt sich zumindest in groben Zügen recht schnell erahnen. Dennoch lohnt sich die Lektüre dieses im besten Sinne herbstlichen Romans, in dem der große Stilist und genaue Beobachter Nesser nach und nach Licht ins Dunkel bringt und die Schicksale der Hauptfiguren gekonnt miteinander verknüpft. Sowohl Runge als auch Backman verschuldeten schließlich ohne böse Absicht den Tod anderer Menschen und müssen lernen, mit den Konsequenzen dieses lebensverändernden Ereignisses zurechtzukommen. Die inneren Kämpfe der mitunter verzweifelten Figuren lesen sich letzten Endes deutlich interessanter als die streckenweise etwas betuliche Krimihandlung.

Norwegisches Trio, Teil 2

In diesem Herbst erscheinen gleich drei Bücher des Norwegers Jørn Lier Horst auf Deutsch. „Blindgang“, der zehnte Fall für William Wisting, wurde hier bereits vorgestellt, „Wisting und der Atem der Angst“ folgt dann Ende November. Während William Wisting also längst ein alter Bekannter ist, treffen wir Leser*innen in „Blutzahl“, das Jørn Lier Horst gemeinsam mit seinem Besteller-Kollegen Thomas Enger verfasst hat, auf neue Charaktere, allen voran Kriminalhauptkommissar Alexander Blix und die Promijournalistin Emma Ramm.

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © Blanvalet Verlag

Ein wenig erinnert diese Figurenkonstellation an die von Lier Horsts Cold-Case-Reihe, in der die Ermittler von William Wistings Tochter, der Journalistin Line (die in „Blutzahl“ einen winzigen Gastauftritt als Teilnehmerin einer Pressekonferenz hat), unterstützt werden. Abgesehen davon ist der Auftakt der neuen Reihe aber ganz klar im Thriller-Genre angesiedelt — akribische Ermittlungsarbeit findet man kaum, dafür aber jede Menge Cliffhanger und ein deutlich höheres Tempo als bei den „Wisting“-Krimis. Erfreulicherweise verzichten die beiden Autoren aber auf allzu drastische Gewaltdarstellungen. Der reißerische deutsche Titel „Blutzahl“ führt da in eine etwas falsche Richtung; stattdessen wäre der Originaltitel „Nullpunkt“ die deutlich bessere Wahl gewesen.

Immerhin steht ein Countdown im Mittelpunkt des Geschehens. Als die berühmte Leichtathletin Sonja Nordstrøm ausgerechnet am Veröffentlichungstag ihrer Autobiografie spurlos verschwindet, deutet alles noch auf eine Beziehungstat hin. In ihrem Buch rechnet die streitbare Sportlerin nämlich mit ihrer Konkurrenz ab und lässt dabei von Dopingvorwürfen bis hin zu Gerüchten über sexuellen Missbrauch kaum etwas aus. Erste Zweifel an der Theorie eines persönlichen Rachefeldzugs kommen aber bereits auf, als die Leiche des dänischen Fußballstars Jeppe Sørensen gefunden wird, der mit Sonja Nordstrøm nichts gemeinsam hat als eine gewisse Prominenz. In den kommenden Tagen tauchen zudem noch die Leichen eines Reality-TV-Sternchens, eines Fernsehpredigers und eines alternden Popstars auf. Spätestens dann sind sich die Ermittler um Alexander Blix und Emma Ramm, die für ein Online-Nachrichtenportal über die Fälle berichtet, sicher, dass es einen Zusammenhang zwischen den Morden und Nordstrøms Verschwinden gibt. Offenbar treibt ein Serientäter sein Unwesen, dessen Verbrechen einen Countdown darstellen, der noch längst nicht bei Null angelangt ist.

Mit „Blutzahl“ ist Thomas Enger und Jørn Lier Horst ein vielversprechender Auftakt zu ihrer gemeinsamen Reihe gelungen, wobei für die kommenden Fälle („Blutnebel“ erscheint nächsten März, Band 3 folgt im Herbst 2021) durchaus noch Luft nach oben ist. Die sympathischen Hauptfiguren feiern einen starken Einstand, der — wie bereits erwähnt — Lust auf mehr macht. Die teilweise etwas unrunde Handlung kann da nicht ganz mithalten. Während ich mir an manchen Stellen etwas mehr Rasanz gewünscht hätte, wurde mir der Schluss etwas zu hastig und oberflächlich abgehandelt. Vor allem hätten dem Täter (der an eine der bekanntesten Figuren der Filmgeschichte erinnert — welche, wird natürlich nicht verraten) und seinen Beweggründe ruhig mehr Raum und vor allem mehr Tiefe eingeräumt werden dürfen. Trotzdem ein unterhaltsamer Thriller und eine Reihe, die ich gerne weiter verfolgen werde.

  • Thomas Enger, Jørn Lier Horst: Blutzahl (deutsche Übersetzung von Maike Dörries und Günther Frauenlob; Blanvalet Verlag; 480 Seiten; 11 Euro). — VIELEN DANK AN DEN VERLAG FÜR DIE BEREITSTELLUNG DES REZENSIONSEXEMPLARS!

Norwegisches Trio, Teil 1

In diesem Herbst erscheinen gleich drei neue Bücher des norwegischen Krimi- und Thriller-Autors Jørn Lier Horst auf Deutsch. In zweien davon gibt es ein Wiedersehen mit dem seit Jahren bekannten und geschätzten Ermittler William Wisting („Wisting und der Atem der Angst“, Teil drei der Cold-Case-Reihe, steht ab Ende November in den Buchläden), das gemeinsam mit Thomas Enger verfasste „Blutzahl“ dagegen ist der erste Band einer neuen Thriller-Serie.

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © Droemer Verlag

Den Auftakt zu diesem „norwegischen Trio“ macht mit „Blindgang“ der zehnte reguläre Wisting-Fall, der im Original bereits 2015 erschienen ist. Dementsprechend spielt die Handlung eine ganze Weile vor den beiden bislang auf Deutsch erhältlichen Cold-Case-Büchern. Bei den höchst unterschiedlichen Veröffentlichungsterminen der beiden Reihen — noch dazu in verschiedenen Verlagen — ist es zuweilen gar nicht so einfach, den Überblick über den zeitlichen Rahmen der Geschehnisse zu behalten. Zur zeitlichen Einordnung für diejenigen, die mit den Krimis um William Wisting bereits vertraut sind: Zu Beginn von „Blindgang“ ist Wistings Tochter Line im achten Monat schwanger und gerade in die Nachbarschaft ihres Vaters gezogen — in den Cold-Case-Fällen schlüpft Opa William ja dann bereits regelmäßig in die Rolle des Babysitters.

Im Zentrum von „Blindgang“ stehen zwei Kriminalfälle, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: Zum einen die Suche nach einem spurlos verschwundenen Taxifahrer, zum anderen der Mord an einer Studentin, die in der Neujahrsnacht bei einem vermeintlich missglückten Raubüberfall erschossen wurde. Als das Taxi des Verschwundenen zusammen mit einem nicht unbeträchtlichen Vorrat an Drogen in einer Scheune entdeckt wird und sich herausstellt, dass die Studentin mit einem Revolver aus dem Safe des jüngst verstorbenen „Schmugglerkönigs“ Frank Mandt ermordet wurde, kommt Bewegung in die Sache und ein Zusammenhang zwischen den beiden Fällen scheint auf einmal wahrscheinlich. Wisting wittert natürlich sofort die richtige Fährte, aber zunächst gibt es allerlei Ungereimtheiten und Mosaiksteinchen, die sich erst nach und nach zu einem stimmigen Bild zusammenfügen.

Einmal mehr macht es großen Spaß, Wisting, seiner Tochter Line und seinen durchweg sympathischen und für Krimiverhältnisse erfreulich „normalen“ Kolleg*innen mehr als 450 Seiten bis zur endgültigen Aufklärung des Falles zu folgen. Hartgesottenen Thriller-Leser*innen könnte „Blindgang“ zu gemächlich und wenig actionreich sein, aber wer — wie ich — eher ein Faible für saubere Ermittlungsarbeit und differenziertere Töne abseits vom eindimensionalen „Gut-Böse-Schema“ hat, kommt hier voll auf seine Kosten. Anderswo tropft das Blut zwischen den Buchseiten hervor, bei Wisting dagegen darf es auch schon einmal menscheln. Und das ist gut so.

  • Jørn Lier Horst: Blindgang (deutsche Übersetzung von Andreas Brunstermann; Droemer Taschenbuch; 464 Seiten; 10,99 Euro). — VIELEN DANK AN DEN VERLAG FÜR DIE BEREITSTELLUNG DES REZENSIONSEXEMPLARS!

~ BESPRECHUNGEN DER BEIDEN ANDEREN NEUEN BÜCHER VON JØRN LIER HORST FOLGEN IM LAUF DER NÄCHSTEN MONATE. ~

Lektüre im Juli (1)

u1_978-3-596-70253-4In seinem mit allerlei Preisen (darunter so renommierte wie der Pulitzer Preis und der National Book Award) ausgezeichneten  und mit Lob überhäuften Roman „Underground Railroad“ (übersetzt von Nikolaus Stingl) macht Colson Whitehead aus dem titelgebenden informellen Netzwerk, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schwarze Sklaven aus den Südstaaten bei der Flucht in den Norden oder nach Kanada unterstützte, kurzerhand eine echte, in unterirdischen Tunneln verkehrende Eisenbahnlinie. Ein Kniff, der beim Lesen des Buches meist gar nicht so spektakulär rüberkommt, wie er auf den ersten Blick scheint. In einem Absatz allerdings wird klar, warum Colson Whitehead dieses fantastische Element gewählt hat — immerhin erklärt sich in wenigen Sätzen, wie das finstere Kapitel der Sklaverei die Geschichte der Vereinigten Staaten maßgeblich geprägt hat und bis in die Gegenwart hineinwirkt:

Lumblys Worte fielen ihr ein: „Wenn man sehen will, was es mit diesem Land auf sich hat, dann muss man auf die Schiene. Schaut hinaus, während ihr hindurchrast, und ihr werdet das wahre Gesicht Amerikas sehen.“ Es war also von vornherein ein Witz. Auf ihren Fahrten herrschte vor den Fenstern nur Dunkelheit, und dort würde auch immer nur Dunkelheit herrschen.

Fazit: Trotz einiger Längen in der Handlung unbedingt lesenswert. Ein ebenso lehrreicher wie aufwühlender Roman, der noch lange nachwirkt.


csm_9783832165048_1d3078b837„Darktown“ (übersetzt von Berni Mayer), der erste Teil von Thomas Mullens gleichnamiger Trilogie, die im November mit dem dritten Band „Lange Nacht“ abgeschlossen wird, spielt ebenfalls im Süden der USA, aber knapp ein Jahrhundert nach „Underground Railroad“. Die Sklaverei ist im Jahr 1948 längst abgeschafft, es gibt eine kleine schwarze Mittelschicht und das Atlanta Police Department hat erstmals eine Einheit farbiger Polizisten aufgestellt, darunter der College-Absolvent und Predigersohn Lucius Boggs sowie der Kriegsveteran Tommy Smith, die beiden Protagonisten des Romans. Von Gleichberechtigung kann aber trotz dieser Errungenschaften längst keine Rede sein: Boggs, Smith und ihre Kollegen sind allerhöchstens Beamte dritter Klasse ohne besonders weitreichende Befugnisse, Atlanta ist fein säuberlich nach Hautfarben getrennt (der Titel des Buches spielt auf das Viertel Sweet Auburn an, das von den weißen Bewohnern der Stadt abschätzig „Darktown“ genannt wird) und der Rassismus ist so tief in Gesellschaft und Institutionen verwurzelt wie eh und je. Selbst- und Lynchjustiz, weiße Seilschaften, Polizeigewalt, soziale Ungerechtigkeit und Korruption sind nur die schlimmsten der Probleme, mit denen sich Boggs und Smith bei der Aufklärung des Mordes an einer jungen farbigen Haushälterin herumschlagen müssen. Dabei ist der Kriminalfall letztlich nur der Motor, der die Handlung vorantreibt — vielmehr ist Thomas Mullen ein düsteres und oft brutales, aber an manchen Stellen auch Hoffnung machendes Gesellschaftsporträt geglückt, das zwar in der Vergangenheit spielt, aber über weite Strecken auch heute noch erschreckend aktuell ist. Eine ganz große Empfehlung!

💡 Mehr über Thomas Mullens „Darktown“-Romane gibt es beim Kaffeehaussitzer,  eine Auswahl afroamerikanischer Literatur findet sich bei der SZ.


📷 Coverfotos © S. Fischer Verlag, Dumont Verlag