Ein Lächeln wie von Mona Lisa

Zum zweiten Mal schickt Leif Karpe seinen kunstsinnigen Ermittler Peter Falcon von New York nach Europa, um ein kniffliges Rätsel zu lösen. Stand in „Der Mann, der in die Bilder fiel“ noch der Impressionismus im Mittelpunkt, begibt sich „Die Göttin, die von Blüten träumte“ nun an die Schauplätze der Renaissance.

Ein Kunstschatz von womöglich unermesslichem Wert lagert im Berliner Bode-Museum, nämlich eine vermeintlich von Leonardo da Vinci geschaffene Wachsbüste der Göttin Flora. Schon seit vielen Jahren tobt ein erbitterter Streit um die Urheberschaft der keine 70 Zentimeter hohen Büste und die gerade überwundene Corona-Krise (der Roman spielt in einer nahen Zukunft, in der wieder weitgehend Normalität herrscht) bietet für einige Akteure einen willkommenen Anlass, ein für alle Mal zu klären, was tatsächlich Sache ist. Die junge Wissenschaftlerin Laura Petreus hat ein neues Datierungsverfahren entwickelt, unter dessen Einsatz am Teilchenbeschleuniger des Louvre geklärt werden soll, ob es sich bei der Flora mit dem an die Mona Lisa erinnernden Lächeln um ein Werk da Vincis handelt oder ob die Büste von einem weit weniger bedeutenden englischen Künstler des 19. Jahrhunderts geschaffen wurde, wie dessen Nachfahren beharrlich behaupten. Finanziert wird die kostenintensive Datierung vom umstrittenen Chemiegiganten und Glyphosat-Hersteller Mortapes, der mit seinem Engagement um die Kunst ein wenig Greenwashing betreiben möchte.

Sollte sich die Büste als echter da Vinci herausstellen, würde dies natürlich auch für das Bode-Museum einen gehörigen Gewinn an Renommee bedeuten und das große Auktionshaus Chroseby würde ebenfalls von einem nach Corona wieder in Schwung kommenden Kunstmarkt profitieren. Dummerweise kommt es aber gar nicht zu der geplanten Datierung, denn zuerst verschwindet Laura Petreus spurlos und dann wird auch noch die Büste gestohlen — auf ganz ähnliche Weise wie im März 2017 die 100 Kilogramm schwere Goldmünze.

Peter Falcon, der Kunsthistoriker und Comichändler, zu dem „die Bilder sprechen“, soll herausfinden, was passiert ist. Seine Suche führt ihn quer durch Europa, aber vor allem natürlich nach Florenz, die Wiege der Renaissance.

Geschicktes Spiel mit Fakten und Fiktion

Krimis und Thriller mit kunstbeflissenen Ermittlern — da denkt man natürlich sofort an Dan Browns genialen Symbolologen Robert Langdon oder an Martin Suters chronisch klammen Lebemann John von Allmen. Von beiden hat Leif Karpe seinem Peter Falcon etwas mitgegeben, wobei der New Yorker doch deutlich bescheidener und zurückhaltender (manchmal allerdings auch etwas blasser) auftritt als der schier allwissende Langdon oder der allzu luxusaffine Allmen.

Mit etwas mehr als 200 Seiten ist „Die Göttin, die von Blüten träumte“ deutlich schmaler als vor allem Browns umfangreiche Thriller und auf Actionszenen verzichtet der Roman nahezu gänzlich. Stattdessen glänzt Karpe vor allem mit einer geschickten Mischung aus Fakten und Fiktion. Von Botticelli bis zum „Decamerone“, das im Verlauf der Handlung eine wichtige Rolle spielt, bekommt man als Leserin oder Leser einen kleinen, kenntnisreichen Crashkurs in Sachen Renaissance und auch viele andere Begebenheiten und Personen in Karpes Buch sind zumindest an Tatsachen angelehnt. Das und der kurzweilige, humorvolle Erzählstil machen „Die Göttin, die von Blüten träumte“ zu einer lohnenden Lektüre für kunstinteressierte Krimifreundinnen und -freunde mit einem Faible für Italien.

Einzig ein etwas aufmerksameres Lektorat hätte man dem Roman gewünscht. So heißt der Chemiekonzern „Mortapes“ an einer Stelle auf einmal „Montarpes“ und auch ansonsten haben sich immer wieder kleinere (aus dem Komponisten Edvard Grieg zum Beispiel wird ein Herr „Krieg“) oder größere („Meine Herren, es ergibt doch keinen Sinn, wenn wir hier uns hier gegenseitig belauern. Ich schlage vor, wie setzen uns und legen die Karten auf den Tisch“, heißt es etwa auf Seite 141 der 1. Auflage) Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen. Kein Drama zwar, aber doch ärgerlich!

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Teuflischer Spuk auf hoher See

Nach dem bei den Costa Book Awards 2018 mit dem Preis fürs beste Debüt ausgezeichneten „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ liegt nun auch der zweite Roman des Briten Stuart Turton in deutscher Übersetzung vor. Mit mehr als 600 Seiten ist „Der Tod und das dunkle Meer“ ähnlich umfangreich wie der Vorgänger, wagt sich aber auf ein ganz anderes Terrain. Ob es sich lohnt, bei dieser abenteuerlichen Lesereise an Bord zu gehen, erfahrt Ihr im Folgenden.

Im Jahr 1634 macht sich im Hafen von Batavia, dem heutigen Jakarta und damaligen Hauptquartier der Niederländischen Ostindien-Kompanie, eine Flotte von sieben Schiffen bereit für die lange Reise nach Amsterdam. Hauptschauplatz ist die Saardam, an deren Bord sich der machthungrige Generalgouverneur Jan Haan nebst seiner Entourage, einem phantastischen Schatz und einem ganz besonderen Gefangenen befindet. Samuel Pipps, ein Mann von scharfem Verstand und der Kombinationsgabe eines Sherlock Holmes, hatte dem Generalgouverneur einst wertvolle Dienste geleistet, ist dann aber in Ungnade gefallen, weshalb er nun in Amsterdam hingerichtet werden soll.

Schon vor dem Ablegen steht die fast zehnmonatige Reise allerdings unter keinem günstigen Stern. Ein in Lumpen gehüllter Aussätziger stößt noch am Kai düstere Drohungen gegen das Schiff aus, bevor seine Kleidung in Flammen aufgeht und er qualvoll verbrennt. Schnell spricht sich unter den Passagieren und der Mannschaft das Gerücht herum, ein auf Rache sinnender Dämon (kurioserweise — aber durchaus passend zum oft recht augenzwinkernden Grundton des Buches — trägt er den nicht unbedingt einschüchternden Namen „der Alte Tom“) hätte von einer auf dem Schiff befindlichen Person Besitz ergriffen. Ist es tatsächlich ein teuflischer Spuk oder bringen trotz der merkwürdigen Ereignisse an Bord ganz andere, keineswegs übersinnliche, sondern allzu menschliche Konflikte die Saardam und ihre Besatzung in höchste Gefahr? Unterstützt von Pipps‘ scharfsinnigen Ferndiagnosen macht sich dessen rechte Hand Arent Hayes gemeinsam mit Sara Wessels, der von ihrem Gatten mehr als genervte Ehefrau des Generalgouverneurs, sowie deren blitzgescheiter Tochter Lia auf Spurensuche an und unter Deck.

Seemannsgarn für Abenteuerlustige

„Kriminalroman“ heißt es zwar auf dem Cover, aber „Der Tod und das dunkle Meer“ ist noch viel mehr: Abenteuergeschichte, Schauermärchen, Thriller und – zumindest in seiner Auflösung – tatsächlich ein klassischer Krimi im Stile Agatha Christies. Unabhängig von Genreschubladen spinnt Stuart Turton jede Menge Seemannsgarn — mit allem, was dazugehört zu einer solchen Geschichte. Kapitale Stürme, Geisterschiffe, Musketiere im besten Mantel-und-Degen-Stil, sagenhafte Schätze, Pirateninseln, verschlagene Seeleute, ränkeschmiedende Adlige und natürlich Papageien. Fehlen eigentlich nur noch das ein oder andere Holzbein und ne Buddel voll Rum.

Obwohl also alles angerichtet ist für ein rasantes und spannungsgeladenes Vergnügen, dauert es doch eine ganze Weile, bis die Handlung so richtig in Fahrt kommt und die Leserinnen und Leser in ihren Bann schlägt. Zu Beginn ist der Roman überraschend gemächlich und das anfangs noch etwas unüberschaubare Personentableau erschwert es zusätzlich, sich zurechtzufinden. Im Verlauf des Buches ändert sich das aber zum Glück und Stuart Turton zieht das Tempo mit überraschenden Wendungen immer mehr an. Kleine, oft beiläufig eingestreute Hinweise ermutigen einen außerdem zum Mitraten während des Lesens.

Wer schon immer ein Faible für Abenteuerromane hatte, „Die Schatzinsel“ begeistert verschlungen und mit dem Piratenschiff von Playmobil gespielt hat, wird großen Spaß mit den vielen Rätseln und den liebevoll gezeichneten Helden dieses Buches haben. Alle anderen könnten allein vom schieren Umfang von „Der Tod und das dunkle Meer“ erschlagen werden und mehr als einmal drauf und dran sein, die Segel vorzeitig zu streichen. Dranbleiben lohnt sich aber auch in diesem Fall, denn am Ende gibt es noch einige echte Überraschungen.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Martin Suter: Allmen und der Koi

Sommerzeit ist Urlaubs- und damit Reisezeit. Da größere Reisen angesichts grassierender Virus-Varianten auch in diesem Jahr eine eher schlechte Idee sind, empfiehlt es sich, den Liegestuhl im eigenen Garten oder zumindest irgendwo in der Nähe aufzustellen und lesend in die Ferne zu schweifen. Geeignete Urlaubslektüren stelle ich ab sofort hier in loser Folge vor.

Zum Auftakt nimmt uns Martin Suter in „Allmen und der Koi“, dem mittlerweile sechsten Fall für John von Allmen, den chronisch klammen Lebemann und Experten für das Aufspüren verschwundener Kunstgegenstände, mit nach Ibiza (*). Um ein Kunstobjekt im eigentlichen Sinne geht es — das verrät schon der Titel — diesmal zwar nicht, wohl aber um etwas, das Liebhabern beträchtliche Summen wert ist. Allmen und seine rechte Hand Carlos werden im Auftrag des schwerreichen Percy Garrett auf die Insel gerufen. Der gebrechliche Musikproduzent und leidenschaftliche Koi-Fan ist verzweifelt, weil sein Liebling „Boy“ verschwunden ist. Der mehr als eine Million Dollar teure, fast perfekte Tancho wurde aus dem wohltemperierten Außenpool geraubt, um dessen kostspielige Bewohner sich zwei eigens aus Japan eingekaufte Fischpfleger kümmern. Allmen und Carlos begeben sich in den teils geschmackvollen, teils protzigen Fincas der Insel-Society auf Spurensuche nach „Boy“ und finden heraus, dass es unter den betuchteren Bewohnern Ibizas einige Koi-Fanatiker gibt, die für einen seltenen Karpfen nicht nur bereit sind, hohe Summen in die Hand zu nehmen, sondern auch über Leichen gehen.

Wer mit Martin Suters Allmen-Reihe vertraut ist, weiß, dass die Krimihandlung zugunsten augenzwinkernder Ausflüge in die Welt der Reichen und vermeintlich Schönen gerne einmal etwas in den Hintergrund rückt. Bei „Allmen und der Koi“ ist das nicht anders. Die Suche nach dem verschwundenen Koi nimmt ähnlich viel Raum ein wie mondäne Partys auf diversen Fincas, erlesenes Essen (passend zur Romanhandlung kommt eine raffinierte spanisch-japanische Fusionsküche auf den Tisch) nebst passender Getränkebegleitung und Ratschläge, wie man sich auch bei großer Sommerhitze zu jedem Anlass angemessen kleidet. Das liest sich locker und vergnüglich weg, wobei ein wenig mehr Spannung der Geschichte nicht geschadet hätte. Immerhin wartet das Buch am Ende, nachdem der recht konventionell gestrickte Fall um den Diebstahl bereits aufgeklärt ist, noch mit einer überraschenden Wendung auf.

Hält man sich ein wenig ran mit der Lektüre, schafft man das nur etwas mehr als 200 Seiten dünne Büchlein an einem Nachmittag. Gute Unterhaltung, die einen nicht allzu sehr fordert — Liegestuhllektüre im besten Sinne also.

(*) Martin Suter verbringt seit langer Zeit einen Teil des Jahres auf Ibiza, wo er vor einigen Jahren das SALON Magazin empfing.

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Alex Marzano-Lesnevich: Verbrechen und Wahrheit

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © ars vivendi Verlag

Seit ein paar Jahren erfreut sich „True Crime“ stetig wachsender Beliebtheit. Unzählige Bücher, Magazine und Podcasts widmen sich inzwischen der Aufarbeitung älterer Gewaltverbrechen. Allein der Hinweis „nach einer wahren Begebenheit“ sorgt offenbar für ein wohliges Gruseln beim Publikum und lässt gerne vergessen, dass es sich bei einer Mehrzahl der aktuellen Formate um reißerischen Quatsch handelt. Egal, denn „authentisch“ verkauft sich scheinbar gut…

Zum Glück hat das Genre aber auch immer wieder Glanzlichter zu bieten. Allen voran natürlich Truman Capotes wegweisenden Klassiker „Kaltblütig“ oder „Mord im Auftrag Gottes“ von Jon Krakauer. Auch Alex Marzano-Lesnevichs 2017 erschienenes und nun auch auf Deutsch vorliegendes „Verbrechen und Wahrheit“ gehört zweifelsohne zu den bemerkenswerten Vertretern des „True Crime“. Vor allem, weil die Autorin nicht nur ein Verbrechen beschreibt, sondern es mit ihrer eigenen Lebensgeschichte in Verbindung setzt. Die Unterzeile der Originalfassung, „A Murder and a Memoir“, fasst das sehr treffend zusammen.

Aber von Anfang an: Im Jahr 2003 tritt Alex Marzano-Lesnevich, damals Jura-Studentin in Harvard und selbst Kind zweier Anwälte, eine Praktikumsstelle in einer Kanzlei in Louisiana an. Dass es ausgerechnet diese Kanzlei ist, ist kein Zufall, liegt ihr Tätigkeitsschwerpunkt doch darin, Wiederaufnahmeverfahren für zum Tode Verurteilte anzustrengen. Der ideale Ort für die Erzählerin, die eine vehemente Gegnerin der Todesstrafe ist und glaubt, nichts könne sie jemals von dieser Überzeugung abbringen. Doch dann geschieht gleich zu Beginn des Praktikums etwas Unvorhergesehenes: Alex Marzano-Lesnevich sieht Videoaufnahmen von Ricky Langley, einem Klienten der Kanzlei, dessen Fall bald neu verhandelt werden soll. Gut zehn Jahre zuvor war Langley, ein einschlägig bekannter Sexualstraftäter, wegen des Mordes an einem kleinen Jungen zum Tode verurteilt worden. Nun sollte die Todesstrafe in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt werden — an der Täterschaft des zum Zeitpunkt des Mordes 26 Jahre alten Ricky Langley bestand indes nie ein Zweifel. Umso mehr sich die angehende Juristin in den Fall einliest, umso mehr kommt sie zu einer erschreckenden Erkenntnis, die in keiner Weise mit ihren Idealen vereinbar ist: Sie will, dass der Mann für seine Tat mit dem Leben bezahlt.

An dieser Stelle zieht Alex Marzano-Lesnevich, die auch wegen der Erfahrung im Fall Ricky Langley nach Abschluss ihres Studiums keine Karriere in der Justiz verfolgte, sondern sich dem Schreiben und Unterrichten zuwandte, eine weitere Handlungsebene ein, nämlich die Erlebnisse ihrer eigenen Kindheit. Aufgewachsen ist die Autorin in einer dem ersten Anschein nach bilderbuchhaften Familie, auf der jedoch schon immer ein paar dunkle Schatten lasteten, über die gerne geschwiegen wurde. Im Zentrum des Ganzen stand der Großvater, der Alex und eine ihrer Schwestern jahrelang sexuell missbrauchte und sich vermutlich auch schon früher an fremden Kindern vergangen hatte.

Jedes Mal, wenn wir die Geschichte erzählen würden, könnten wir sie anders erzählen.

Alex Marzano-Lesnevich: Verbrechen und Wahrheit

Äußerst geschickt und in einer klaren, nüchternen Sprache verknüpft Alex Marzano-Lesnevich diese beiden Ebenen und schafft es so, ein stimmiges Gesamtbild zu zeichnen. Dabei bleibt „Verbrechen und Wahrheit“ stets vielschichtig und vermeidet vorschnelle Urteile. Reißerische Passagen finden sich in dem Buch nicht und auch von der „Faszination des Bösen“, die in anderen Werken des Genres gerne beschworen wird, ist hier zum Glück nichts zu spüren. Im Gegenteil: Den leider allzu oft sträflich vernachlässigten Opfern wird viel Platz eingeräumt und selbst die Täter sind keine holzschnittartigen Monster, sondern Menschen, die ihrer schrecklichen und nicht zu rechtfertigenden Vergehen eben auch über gewisse positive Charaktereigenschaften verfügen.

Letztlich wird jede Geschichte davon beeinflusst, wer sie erzählt und welche Perspektive der oder die Erzähler*in wählt. Alex Marzano-Lesnevich jedenfalls hat in ihrem Buch eine sehr persönliche und faszinierende Perspektive gefunden, die dafür sorgt, dass man noch lange über die Lektüre nachdenkt.

** Auf der Webseite von Alex Marzano-Lesnevich finden sich zahlreiche Fotos, Videos und interessante Einblicke in die Recherche zum Buch. **

Alex Marzano-Lesnevich: Verbrechen und Wahrheit
aus dem Englischen von Sigrun Arenz
ars vivendi Verlag, 390 Seiten, 23 Euro
ISBN: 978-3-7472-0190-9

** Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! **

Jørn Lier Horst: Wistings Cold Cases

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Eine skandinavische Herkunft war lange Zeit so etwas wie der Goldstandard für Kriminalliteratur — inzwischen gleichen aber leider auch viele Krimis und Thriller aus dem hohen Norden einer gemischten Schlachtplatte, die Spannung lieber durch immer krassere Gewalt- und Folterszenen erzeugt als durch eine klug aufgebaute Geschichte mit überraschenden Wendungen.

Der vielfach preisgekrönte Norweger Jørn Lier Horst und sein Kommissar William Wisting stellen da eine erfrischende Ausnahme dar. Die älteren — zum Teil auch verfilmten — Fälle des im Gegensatz zu all den depressiven, alkoholkranken und teils selbst kriminellen Kommissaren diverser anderer Krimireihen erfreulich unprätentiösen Ermittlers sind über die Jahre in eher loser Reihenfolge bei verschiedenen Verlagen erschienen, die neue „Cold Case“-Reihe bringt Piper in einheitlicher Aufmachung heraus. Auf die beiden bereits vorliegenden Bände „Wisting und der Tag der Vermissten“ und „Wisting und der fensterlose Raum“ folgt Ende November mit „Wisting und der Atem der Angst“ der dritte, erneut von Andreas Brunstermann ins Deutsche übersetzte Fall.

Ganz ohne Gewalt — ein Krimi braucht eben nun einmal ein oder mehrere Verbrechen — kommt natürlich auch Jørn Lier Horst nicht aus, aber in den zwei bereits erschienenen „Cold Cases“ für William Wisting stehen das Graben in der Vergangenheit und die Suche nach jahrelang übersehenen Verbindungen deutlich mehr im Fokus als blutgetränkte Schockmomente.

Die richtige Metapher für eine Ermittlung lautete nicht Schlüssel und Schloss, sondern Puzzlespiel, dachte Wisting. Manchmal allerdings gab es einfach zu viele Puzzlestücke, und einige gehörten sogar zu einem anderen Spiel.

In „Wisting und der Tag der Vermissten“ geht es um zwei gut 25 Jahre zurückliegende Vermisstenfälle und die Frage, welche Rolle ein alter Freund William Wistings wohl beim Verschwinden der beiden Frauen gespielt hat. Im etwas actionreicheren und fast noch spannenderen zweiten Band „Wisting und der fensterlose Raum“ rollen der titelgebende Polizist, seine Tochter Line, die als investigative Journalistin einen weiteren Blickwinkel zur Handlung beisteuert, und Adrian Stiller von der „Cold Case Unit“ einen alten, bislang ungeklärten Raubüberfall neu auf, als die immense Beute in der Wochendhütte eines kurz zuvor an Herzversagen gestorbenen Spitzenpolitikers gefunden wird.

Nicht nur auf übertriebene Gewaltdarstellungen verzichtet Jørn Lier Horst in seinen Büchern, sondern auch auf das einfache Gut-und-Böse-Schema. Den psychopathischen Bösewicht, der in vielen anderen Krimis eine tragende Rolle spielt, gibt es in den „Wisting“-Romanen nicht. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Täter gewöhnliche, weitgehend unbescholtene Menschen, die durch schlecht durchdachte Entscheidungen und eine Verkettung ungünstiger Umstände Schuld auf sich geladen haben. Jede*r von uns kann unter gewissen Voraussetzungen zur Täterin oder zum Täter werden, gibt Jørn Lier Horst zu bedenken — eine Erkenntnis, die letzten Endes erschreckender ist als das Unwesen all der spinnerten Serienmörder aus minderwertigeren Kriminalromanen.


Eine tolle Rezension zu „Wisting und der Tag der Vermissten“ findet sich bei Zeichen & Zeiten. Durch diesen Blogbeitrag bin ich überhaupt erst auf die Bücher von Jørn Lier Horst aufmerksam geworden — vielen Dank für die Empfehlung!