Eine verpasste Chance

Vor ein paar Tagen fiel mir beim Aufräumen — neben dem Spazierengehen und Brotbacken derzeit mein liebstes Hobby — ein Kalender aus dem Jahr 2007 in die Hände. Beim Durchblättern stach zwischen all dem Alltäglichen wie Uni-Kram, Ankunftszeiten von Zügen und schnell hingeschmierten Notizen besonders ein Eintrag vom 30. Januar heraus:

Lesung Roger Willemsen
Buchhandlung Hübscher
20 Uhr

Eine schöne Erinnerung, allerdings mit einem nicht unerheblichen Haken. Besucht habe ich die Lesung nämlich nicht. Warum, weiß ich heute beim besten Willen nicht mehr. Vielleicht gab es einfach keine Karten mehr, vielleicht kam mir kurzfristig irgendetwas anderes dazwischen, vielleicht hatte ich keine Begleitung und wollte nicht alleine hingehen.

Seitdem ist viel Zeit vergangen: Ich bin irgendwann aus Bamberg weggezogen, die Buchhandlung Hübscher am Grünen Markt wurde vor ein paar Jahren von Osiander übernommen und Roger Willemsen ist am 7. Februar 2016 viel zu früh gestorben, ohne dass ich jemals eine Lesung von ihm besucht hätte.

Daran lässt sich nun leider nichts mehr ändern — aber immerhin erinnert mich der wiedergefundene Kalendereintrag nachdrücklich daran, die Chancen auch wirklich zu ergreifen, wenn sie sich bieten. Irgendwann, wenn es wieder Lesungen und andere Kulturveranstaltungen gibt.

Monatsrückblick Februar ’21

📸 Christoph Walter

Die Zeit hatte jetzt starke Rhythmusstörungen, sie ruckte nach vorne, tippelte auf der Stelle, mal blieb sie stehen, mal raste sie und nicht selten tat sie alles zugleich.

Mariana Leky: Die Herrenausstatterin

Auch im zu Ende gehenden Februar hatte die Zeit weiter mit gehörigen Rhythmusstörungen zu kämpfen. Wie es mit dem Leben im Allgemeinen und der Kultur im Besonderen weitergeht, ist nach wie vor kaum abzusehen. Gut gemeinte Initiativen und Vorschläge sind zwar durchaus vorhanden, aber die Kultureinrichtungen liegen größtenteils so verwaist da wie der oben abgebildete Musikpavillon im Februarschnee.
Keine abschließende Antwort auf die Frage „Wie geht es weiter mit der Kultur?“ brachte Mitte des Monats eine Diskussion im Staatstheater Nürnberg. Sehenswert ist das Gespräch mit der Theatermacherin Andrea Maria Erl und dem Schriftsteller Ewald Arenz aber dennoch.

Eine entscheidende Änderung der Gesamtsituation ist wohl auch im März nicht zu erwarten, aber immerhin gibt es doch ein paar Dinge, auf die ich mich freue und die ich gerne empfehle. So erscheint am 25. März mit „Der große Sommer“ ein neuer Roman des bereits erwähnten Ewald Arenz. Am Abend des gleichen Tages steht zudem eine Livestream-Lesung aus dem Münchner Lustspielhaus auf dem Programm — Axel Hacke verspricht nicht weniger als die „lustigsten Texte aus 30 Jahren“. Und in der ARD läuft am 27. März mit „Allmen und das Geheimnis der Erotik“ die inzwischen vierte Verfilmung eines Allmen-Krimis von Martin Suter.

Außerdem lohnt sich jederzeit ein virtueller Besuch bei der Bibliotheca Hertziana, dem Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte in Rom. Während des Lockdowns im vergangenen Frühjahr beauftragte die Einrichtung eine Reihe von Fotografen damit, die Stimmung in den nahezu menschenleeren Innenstädten von Rom und Neapel zu dokumentieren. Herausgekommen sind gleichermaßen beeindruckende wie bedrückende Aufnahmen der „Ruhe mitten im Sturm“, wie es die Fotografen Luciano, Matteo und Marco Pedicini beschreiben. –> ZU SEHEN HIER

Im Februar gelesen:

(aktuell: Olli Jalonen — Die Himmelskugel)

#SupportYourLocalBookstore — die hier empfohlenen Bücher kauft Ihr am besten bei Eurer Lieblingsbuchhandlung vor Ort!

Am Esstisch mit Rolando Villazón

DSC_0293

Obwohl der Kulturbetrieb langsam wieder anläuft, bleibt die Situation schwierig — die Literaturszene mit abgesagten Festivals und ausgefallenen Lesungen macht da keine Ausnahme. Wie es momentan in Bayern aussieht, hat die SZ dieser Tage zusammengefasst.

Im Literaturhaus München finden seit dem 1. Juli wieder Veranstaltungen statt. Dafür hat man eigens das technisch aufwändige „Studio Salvatorplatz“ eingerichtet, um die Lesungen nicht nur den momentan erlaubten 50 Gästen vor Ort anbieten zu können, sondern als hochwertigen Livestream (zu einem fairen „Eintrittspreis“ von fünf Euro) auch Literaturinteressierten in aller Welt. So wurde bei mir der heimische Esstisch zum Literaturhaus und trotz einiger Skepsis im Vorfeld — ein großer Freund des Streamings bin ich nämlich nicht — hat mich das Konzept sehr überzeugt. Es fühlte sich fast so an, als sei ich tatsächlich bei der Lesung dabei.

Einen großen Anteil am Gelingen der Auftaktveranstaltung nach der langen Corona-Pause hatte natürlich der Gast des Abends, denn mit dem ebenso unterhaltsamen wie umtriebigen Startenor Rolando Villazón, der seinen eben erschienenen dritten Roman „Amadeus auf dem Fahrrad“ vorstellte, hatte man sich gleich einen Hochkaräter eingeladen.

U1_XXX.inddIm Roman geht es um den jungen Mexikaner Vian Maurer, der zu den Salzburger Festspielen reist, um als Komparse an einer Inszenierung von „Don Giovanni“ teilzunehmen. Für den Salzburgfan und Mozartbewunderer die Erfüllung eines lang gehegten Traumes und hoffentlich der Ausgangspunkt für eine erfolgreiche Karriere als Opernsänger. Einzig Vians Vater hat andere Vorstellungen zum Lebensweg des Filius.

Salzburg, Mozart, ein hoffnungsvoller Opernsänger aus Mexiko — das erinnert doch sehr an Rolando Villazóns eigene Geschichte. Immerhin feierte er selbst einst bei den Salzburger Festspielen den Durchbruch und ist mittlerweile Intendant der Mozartwoche. Wie autobiographisch ist „Amadeus auf dem Fahrrad“ also, fragte sich nicht nur Dorothea Hußlein, die kundig durch den Abend führte. Die ebenso einfache wie charmante Antwort des Autors (der, nebenbei bemerkt, fantastische rote Sandalen trug):

Es ist komplett autobiographisch und es ist überhaupt nicht autobiographisch.

Über Parallelen und Unterschiede zwischen dem Protagonisten seines Romans und dem eigenen Werdegang, die Entstehung des Buches und seine Beziehung zu Mozart plauderte Rolando Villazón zwischen den wunderbar pointiert vorgetragenen Leseparts von Stefan Wilkening gewohnt unterhaltsam und wortreich. Ein wenig Ernst ließ sich angesichts der aktuellen Situation natürlich dennoch nicht vermeiden. Dem flammenden Plädoyer Rolando Villazóns, gerade jetzt die Literatur, die Musik, die Kultur allgemein nicht nur mit warmen Worten zu unterstützen, kann ich mich nur anschließen, denn:

Eine Welt ohne Kunst ist keine Welt, in der ich leben möchte.

Weitere Eindrücke von der Lesung finden sich im Blog des Literaturhauses.


Rolando Villazón: Amadeus auf dem Fahrrad (Rowohlt Verlag, 416 Seiten, 26 Euro).
#supportyourlocalbookstore


Weitere Lesungen im „Studio Salvatorplatz“ (Beginn jeweils 20 Uhr):
7. Juli — „Briefe nach Breslau. Meine Geschichte über drei Generationen“ — Maya Lasker-Wallfisch im Gespräch mit Sabine Bode
9. Juli — Matthias Politycki: „Das kann uns keiner nehmen“
14. Juli — Uli Oesterle: „Vatermilch“
16. Juli — „Marcel Reich-Ranicki zum 100. Geburtstag“ — Ein Abend mit Paul Assall und Uwe Wittstock
20. Juli — Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“


📷 Salzburg-Foto von mir, Buchcover © Rowohlt Verlag