Sinnsuche im Hochgebirge

Nach seinem internationalen Bestseller „Acht Berge“ nimmt uns Paolo Cognetti ein weiteres Mal mit ins Hochgebirge. In „Das Glück des Wolfes“ erzählt der Italiener eine Liebesgeschichte vor der ebenso beeindruckenden wie kargen Kulisse des Monte-Rosa-Massivs.

Mit 40 Jahren steht Fausto vor einem Wendepunkt seines Lebens. Nach dem Ende einer langjährigen Beziehung und dem Verkauf der gemeinsamen Wohnung in Mailand zieht es den mäßig erfolgreichen Schriftsteller in das kleine Bergdörfchen Fontana Fredda, wo er sich während der Skisaison als Aushilfskoch im einzigen Lokal des Ortes verdingt. Dort trifft er auf die Kellnerin Silvia, die sich seit dem Abschluss ihres Studiums etwas ziellos von Job zu Job hangelt und noch nach ihrer eigentlichen Bestimmung sucht. Zwischen Fausto und der 13 Jahre jüngeren Silvia entwickelt sich eine Affäre, von der nicht klar ist, ob sich daraus eine feste Beziehung entwickeln wird. Während Fausto nämlich die Abgeschiedenheit in den Bergen und die knorrigen Bewohner Fontana Freddas — allen voran der ehemalige Forstpolizist Santorso, der auf die Rückkehr der Wölfe wartet — so sehr ans Herz wachsen, dass er sich eine Zukunft in dem Ort vorstellen kann, ist Silvia immer auf dem Sprung. Den Sommer möchte sie auf einer 3000 Meter hoch gelegenen Schutzhütte am Gletscher unterhalb der Dufourspitze verbringen und was danach kommt, soll die Zeit weisen.

Was tat er hier bloß, ein gestörter Vierzigjähriger ohne Anhang und Arbeit, nur mit der lächerlichen Utopie, dass man sich niederlassen soll, wo es einem gefällt?

Paolo Cognetti: Das Glück des Wolfes

Spektakuläre Naturbeschreibungen und viele Gegensätze

In einer knappen, zur Kargheit des Hochgebirges passenden Sprache erzählt Paolo Cognetti auf nur gut 200 Seiten die Geschichte von Fausto und Silvia. Seine Figuren sind hin- und hergerissen zwischen einem Leben in der trubeligen Stadt und der abgeschiedenen Bergwelt, zwischen festen Bindungen und vermeintlicher Freiheit. Ob es für die beiden noch eine Zukunft gibt, lässt der Roman zwar offen, aber auf das ganz große Happy End sollte man eher nicht setzen. Überhaupt ist manchmal nicht ganz klar, wohin Paolo Cognetti eigentlich möchte. Die schlaglichtartigen Szenen, die in den kurzen Kapiteln erzählt werden, enden gelegentlich ein wenig abrupt, so dass das Buch stellenweise fast so unentschlossen wirkt wie seine beiden Hauptfiguren.

Dennoch liest man „Das Glück des Wolfes“ sehr gerne — allein der rundum gelungenen, teils spektakulären Naturbeschreibungen wegen. Auch hier stehen wieder die Gegensätze im Mittelpunkt: Hier der lebensfeindliche Gletscher mit seinem dauerhaften Winter, dort das deutlich niedriger gelegene Fontana Fredda mit seiner vielfältigen Flora und Fauna und dem Wechsel der Jahreszeiten. Gerade an den Naturdarstellungen merkt man, dass Paolo Cognetti in den Bergen ganz in seinem Element ist.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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12.000 Kilometer bis Wien

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © Hanser Verlag

Im Herbst habe ich mit großem Vergnügen die ersten beiden Kriminalromane der inzwischen vierbändigen August-Emmerich-Reihe von Alex Beer gelesen, die kurz nach dem Ersten Weltkrieg in Wien spielt. Neben dem Krieg ist auch die Spanische Grippe zu diesem Zeitpunkt bereits vorbei, aber die Nachwehen der beiden Ereignisse sind noch allerorts sicht- und spürbar. Der Protagonist der Romane, Rayonsinspektor August Emmerich, plagt sich mit einer schmerzhaften Kriegsverletzung herum, die ihn fast in die Heroinabhängigkeit treibt und verliert zu allem Überfluss schon im Verlauf des ersten Bandes „Der zweite Reiter“ Familie und Obdach, als der gefallen geglaubte Ehemann seiner Lebensgefährtin überraschend aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt. Mit seinen Problemen passt sich Emmerich damit bestens an die in Wien herrschenden Verhältnisse an — armseliger, schmuddeliger, lebensfeindlicher und trister ist mir die österreichische Hauptstadt bisher noch nicht begegnet.

Genau in dieses Wien, von dessen Trostlosigkeit er allenfalls eine leise Ahnung hat, sehnt sich Karl Findeisen, der Held aus Beatrix Kramlovskys „Fanny oder Das weiße Land“, zurück. Mehr als 12.000 Kilometer liegen zwischen dem zu Beginn des Romans im Frühjahr 1918 bereits seit mehreren Jahren in einem sibirischen Kriegsgefangenenlager ausharrenden Offizier und seiner Heimatstadt. Einziger Lichtblick neben dem Umstand, dass er gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Viktor inhaftiert ist, sind die Briefe seiner Verlobten Fanny, die er wieder und wieder liest, bis er sie nahezu auswendig kann. Durch sie nimmt er Anteil am Aufwachsen seines Sohnes Max, den er zuletzt als Kleinkind gesehen hat, und wird daran erinnert, dass es womöglich doch eine erfreulichere Zukunft jenseits des harten, entbehrungsreichen Lagerlebens geben könnte.

Vor dieser Zukunft liegt aber erst einmal eine wahre Odyssee. Die Wirren nach der russischen Revolution und um den beginnenden Bürgerkrieg nutzen Karl, Viktor und ein paar weitere Mithäftlinge im Frühjahr 1918 zur Flucht. Mit der Transsibirischen Eisenbahn geht es zwar zunächst recht schnell voran, aber angesichts der immensen Weite Sibiriens eben nicht schnell genug. Die für die Rückkehr nach Österreich veranschlagten fünf bis sechs Monate erweisen sich bald als illusorisch; erst recht, als das Grüppchen in Irkutsk auffliegt und dort in ein elendes Gefängnis gebracht wird. Es ist Karls künstlerisches Talent, das ihn und seinen Freunden hier erstmals aus der Misere hilft. Mit Kreativität, Geschick, etwas Verschlagenheit und viel Glück gelingt es ihnen, sich als Kulissenmaler und Bühnenbildner beim von den Kommunisten neu gegründeten Theater zu verdingen und sich Hafterleichterungen sowie letzten Endes eine weitere Fluchtmöglichkeit zu verschaffen. Im Frühling 1919 findet das bereits leicht dezimierte Grüppchen Unterschlupf im Dorf einer deutschstämmigen Mennoniten-Gemeinde. Eine vergleichsweise angenehme Zeit bricht an, aber Wien, Fanny und Max bleiben für Karl nach wie vor unerreichbar fern. Also geht es weiter ins vom Bürgerkrieg besonders gebeutelte Petrograd, das heutige Sankt Petersburg, wo die Zweifel an einer Rückkehr in die Heimat bald ins Unermessliche wachsen — schlimmere Bedingungen als im dortigen Gefangenenlager, wo Erschießungen an der Tagesordnung sind und ständig Häftlinge „verschwinden“, haben die Freunde und Leidensgenossen noch nirgends vorgefunden. Abermals sind es Karls künstlerische Fähigkeiten, die Rettung versprechen. Ein eitler Marineoffizier wünscht sich ein lebensgroßes Porträt in Öl und ist bereit zu einer angemessenen Gegenleistung. In welche Richtung sich der Roman dann trotz einiger weiterer Rückschläge entwickelt, kann man sich vermutlich in etwa denken…

Die brotlose Kunst würde sie alle retten,
noch einmal, wieder und wieder.

Beatrix Kramlovsky: Fanny oder Das weiße Land

Mit „Fanny oder Das weiße Land“ ist der österreichischen Autorin Beatrix Kramlovsky ein wunderbarer Schmöker gelungen, dessen sympathische Figuren einem schnell ans Herz wachsen und mit denen man schon bald mitfiebert. Obwohl sich die Handlung über gut drei Jahre erstreckt, in denen jede Menge passiert, ist der Umfang des Buches mit rund 300 Seiten eher überschaubar, was für eine gewisse Rasanz und wenige Längen sorgt. Die traumatischen Erlebnisse der Soldaten während des Krieges sowie die schlimmen Verhältnisse, mit denen die Gefangenen sowie die russische Zivilbevölkerung in der Zeit danach konfrontiert sind, spart Beatrix Kramlovsky zwar keinesfalls aus, aber dennoch ist es hin und wieder erstaunlich, wie leicht es Karl und Co. fällt, mit ihrem Talent und ihrer Freundlichkeit einen Ausweg zu finden. Überall öffnet sich eine Tür, ergeben sich Möglichkeiten, warten zumindest halbwegs wohlwollende Menschen.

Aber gerade darauf liegt ja auch ganz klar der Fokus des Romans. „Fanny oder Das weiße Land“ ist ein Lobgesang auf die Freundschaft, die Liebe und den Wert von Kunst, Musik, Briefen und Fantasie — besonders in schweren Zeiten und ausweglos scheinenden Situationen, die sich nur dann halbwegs überstehen lassen, wenn man etwas hat, wofür es sich lohnt, weiterzumachen. Oder, um Friedrich Nietzsche das letzte Wort zu geben: „Wer ein Wozu zu leben hat, der erträgt fast jedes Wie.“

  • Beatrix Kramlovsky: Fanny oder Das weiße Land (hanserblau; 304 Seiten; ISBN: 978-3-446-26797-8)
  • Alex Beers Kriminalromane um August Emmerich sind im Limes Verlag bzw. als Taschenbuch bei Blanvalet erschienen.

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