Mikael Ross: Goldjunge

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © avant-verlag

Das Beethoven-Jahr mit seinen vielen Veranstaltungen anlässlich des 250. Geburtstags des Ausnahme-Komponisten (der genaue Geburtstag Ludwig van Beethovens ist nicht bekannt, getauft wurde er aber am 17. Dezember 1770) fiel aus bekannten Gründen größtenteils dem Rotstift zum Opfer. Immerhin nimmt uns Mikael Ross, dessen letztes Werk „Der Umfall“ als bestes Comic 2020 mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet wurde, in seiner aktuellen Graphic Novel mit in Beethovens Jugendjahre. Eine farbenprächtige Reise in die nicht unbedingt glückliche Kindheit eines Genies.

Gleich in der ersten Szene des Buches lernen wir den damals sechs Jahre alten Ludwig, genannt „Luddi“, nicht unbedingt als Sympathieträger kennen, sondern als herrisches, jähzorniges Kind, das andere herumkommandiert. Die Schadenfreude über die Tracht Prügel, die der kleine Rotzlöffel von ein paar älteren Jungs kassiert, hält aber nicht lange an, denn Luddi hat es zu Hause nicht leicht. Der Vater ist ein mäßig erfolgreicher, versoffener Tenor, der mit dem Talent seines damals schon als Klavier-Wunderkind geltenden Sohnes schnelles Geld verdienen möchte, dessen wahres Genie als angehender Komponist aber verkennt. Anders der Schauspieler Pfeiffer, ein Freund der Familie, der den Jungen unter seine Fittiche nimmt und ihn fördert. Dummerweise erkrankt Ludwig kurz vor seinem ersten größeren Konzert an den Pocken und wird in seiner Entwicklung weit zurückgeworfen.

So dauert es ein paar weitere Jahre, bis der junge Beethoven in der wohlhabenden Familie von Breuning neue musikbegeisterte Freunde findet, die dem knapp 16-Jährigen schließlich eine Reise nach Wien und Unterricht bei Mozart ermöglichen. Zu diesen Unterrichtsstunden kommt es aber nie, weil Ludwig überstürzt zurück nach Bonn aufbricht, als er von der schweren Erkrankung seiner Mutter erfährt. Ob sich Beethoven und Mozart in Wien tatsächlich begegnet sind, ist nach wie vor höchst umstritten. In „Goldjunge“ treffen Ludwig und sein Vorbild, der als versnobter, hochnäsiger Pfau dargestellt wird, allerdings kurz aufeinander — ausgerechnet bei einer „mobilen Klofrau“. Eine köstliche, slapstickhafte Szene!

Wieder näher an der Realität bewegt sich Ross‘ Comic dann bei den Treffen mit Beethovens nächsten Förderern, dem Grafen Waldstein (Namenspatron der Klaviersonate Nr. 21, der „Waldsteinsonate“) und Joseph Haydn, dem er 22-jährig abermals nach Wien folgt, wo er 1795 mit dem Klavierkonzert Nr. 2, B-Dur op. 19 ein bejubeltes Konzertdebüt gibt und schließlich bis an sein Lebensende bleibt.

Anders als viele andere biographische Comics, die gerne etwas belehrend und steif daherkommen, ist „Goldjunge“ ein großes Vergnügen. Trotz der schweren Kindheit und weiteren unerfreulichen Gebrechen wie den ständigen Koliken und dem bereits im frühen Erwachsenenalter beginnenden Gehörleiden zeichnet Mikael Ross kein ausschließlich dunkles, bedrückendes Bild, sondern widmet sich mit viel Humor auch den helleren Seiten im Leben des jungen Ludwig. Besonders gut gelungen ist dabei die Visualisierung von Beethovens Musik — ein synästhetischer Farbenrausch, der diese ebenso unterhaltsame wie lehrreiche Graphic Novel wunderbar abrundet.

© avant-verlag

Mikael Ross: Goldjunge. Beethovens Jugendjahre
avant-verlag, 192 Seiten, 25 Euro
ISBN: 978-3-96445-041-8

** Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! **


Ein kurzer Augenblick

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Fehmarn, Anfang September 1970: Auf der Ostseeinsel findet mit dem „Festival der Liebe“ eine Art deutsches Pendant zu Woodstock statt, wobei von Beginn an fast alles schief geht, was nur schief gehen kann. Zahlreiche berühmte Bands sagen ihre Teilnahme kurzfristig ab, auf dem von Wind und Regen gebeutelten Festivalgelände herrschen katastrophale hygienische Zustände, Sponsorin Beate Uhse reist entnervt ab und die Veranstalter werden wegen der chaotischen Organisation beinahe gelyncht. Allerdings gibt es in all dem Durcheinander auch einige Momente, die Musikgeschichte schreiben. Jimi Hendrix absolviert keine zwei Wochen vor seinem frühen Tod seinen letzten Festival-Auftritt und Ton Steine Scherben spielen ihr erstes großes Konzert — den Songtitel „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“ nehmen einige Festivalbesucher allzu wörtlich und lassen das Veranstalterzentrum kurzerhand in Flammen aufgehen.

Während des Hendrix-Konzerts treffen sich die Blicke von Dagmar aus Köln und Götz aus Hamburg — ein winziger, scheinbar unbedeutender Moment, der aber große Auswirkungen auf das weitere Leben der beiden damals 20-Jährigen hat. Wenige Wochen später begegnen sie sich am Eröffnungstag des Oktoberfests an der Bavaria ein weiteres Mal. Abermals werden keine Worte gewechselt und wieder ist es nur ein kurzer Augenblick, der aber einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Und zwar so sehr, dass Dagmar und Götz wie vom Schicksal gelenkt im folgenden Jahr am gleichen Tag zur Bavaria zurückkehren. Diesmal kommt es zu einem Kuss, aber im Wiesn-Trubel verlieren sich die beiden schnell aus den Augen. Lediglich das Versprechen, sich bei der nächsten Oktoberfest-Eröffnung wieder an derselben Stelle zu treffen, können sie sich noch geben. Daraus wird jedoch nichts, denn es kommt dazwischen, was eben ganz oft dazwischenkommt: das Leben. Dagmar wird eine erfolgreiche Journalistin und Götz findet später sein Glück in Griechenland. Die Begegnung auf dem Oktoberfest vergessen die zwei, die sich zwischendurch immer mal wieder sehr nahe kommen, ohne dass sie etwas davon ahnen, allerdings nie. Und ein weiteres Mal greift das Schicksal ein, wobei das auf der diesjährigen Wiesn spielende Finale des Romans wegen der coronabedingten Absage des Bierfestes in der Realität leider gar nicht stattfinden könnte…

Vordergründig hat der in München lebende Autor, Schauspieler und Musiker Moses Wolff mit „Liebe machen“ einen unterhaltsamen Roman mit einigen fast märchenhaften Elementen geschrieben, der seine beiden Protagonisten durch fünf Jahrzehnte bundesrepublikanischer Geschichte und Popkultur begleitet. Im Hintergrund schwingt aber die beinahe philosophische Frage mit, ob unser aller Leben nicht auch ganz anders verlaufen könnte. Nicht nur bei Dagmar und Götz sind es schließlich die kleinen Zufälle und die auf den ersten Blick unwichtigen Momente, die weitreichende Folgen haben.


Moses Wolff: Liebe machen (Piper Verlag; 288 Seiten; 10 Euro). #supportyourlocalbookstore

* Vielen Dank an den Piper Verlag und den Autor für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! *


📷 Beitragsfoto von mir

Am Esstisch mit Rolando Villazón

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Obwohl der Kulturbetrieb langsam wieder anläuft, bleibt die Situation schwierig — die Literaturszene mit abgesagten Festivals und ausgefallenen Lesungen macht da keine Ausnahme. Wie es momentan in Bayern aussieht, hat die SZ dieser Tage zusammengefasst.

Im Literaturhaus München finden seit dem 1. Juli wieder Veranstaltungen statt. Dafür hat man eigens das technisch aufwändige „Studio Salvatorplatz“ eingerichtet, um die Lesungen nicht nur den momentan erlaubten 50 Gästen vor Ort anbieten zu können, sondern als hochwertigen Livestream (zu einem fairen „Eintrittspreis“ von fünf Euro) auch Literaturinteressierten in aller Welt. So wurde bei mir der heimische Esstisch zum Literaturhaus und trotz einiger Skepsis im Vorfeld — ein großer Freund des Streamings bin ich nämlich nicht — hat mich das Konzept sehr überzeugt. Es fühlte sich fast so an, als sei ich tatsächlich bei der Lesung dabei.

Einen großen Anteil am Gelingen der Auftaktveranstaltung nach der langen Corona-Pause hatte natürlich der Gast des Abends, denn mit dem ebenso unterhaltsamen wie umtriebigen Startenor Rolando Villazón, der seinen eben erschienenen dritten Roman „Amadeus auf dem Fahrrad“ vorstellte, hatte man sich gleich einen Hochkaräter eingeladen.

U1_XXX.inddIm Roman geht es um den jungen Mexikaner Vian Maurer, der zu den Salzburger Festspielen reist, um als Komparse an einer Inszenierung von „Don Giovanni“ teilzunehmen. Für den Salzburgfan und Mozartbewunderer die Erfüllung eines lang gehegten Traumes und hoffentlich der Ausgangspunkt für eine erfolgreiche Karriere als Opernsänger. Einzig Vians Vater hat andere Vorstellungen zum Lebensweg des Filius.

Salzburg, Mozart, ein hoffnungsvoller Opernsänger aus Mexiko — das erinnert doch sehr an Rolando Villazóns eigene Geschichte. Immerhin feierte er selbst einst bei den Salzburger Festspielen den Durchbruch und ist mittlerweile Intendant der Mozartwoche. Wie autobiographisch ist „Amadeus auf dem Fahrrad“ also, fragte sich nicht nur Dorothea Hußlein, die kundig durch den Abend führte. Die ebenso einfache wie charmante Antwort des Autors (der, nebenbei bemerkt, fantastische rote Sandalen trug):

Es ist komplett autobiographisch und es ist überhaupt nicht autobiographisch.

Über Parallelen und Unterschiede zwischen dem Protagonisten seines Romans und dem eigenen Werdegang, die Entstehung des Buches und seine Beziehung zu Mozart plauderte Rolando Villazón zwischen den wunderbar pointiert vorgetragenen Leseparts von Stefan Wilkening gewohnt unterhaltsam und wortreich. Ein wenig Ernst ließ sich angesichts der aktuellen Situation natürlich dennoch nicht vermeiden. Dem flammenden Plädoyer Rolando Villazóns, gerade jetzt die Literatur, die Musik, die Kultur allgemein nicht nur mit warmen Worten zu unterstützen, kann ich mich nur anschließen, denn:

Eine Welt ohne Kunst ist keine Welt, in der ich leben möchte.

Weitere Eindrücke von der Lesung finden sich im Blog des Literaturhauses.


Rolando Villazón: Amadeus auf dem Fahrrad (Rowohlt Verlag, 416 Seiten, 26 Euro).
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Weitere Lesungen im „Studio Salvatorplatz“ (Beginn jeweils 20 Uhr):
7. Juli — „Briefe nach Breslau. Meine Geschichte über drei Generationen“ — Maya Lasker-Wallfisch im Gespräch mit Sabine Bode
9. Juli — Matthias Politycki: „Das kann uns keiner nehmen“
14. Juli — Uli Oesterle: „Vatermilch“
16. Juli — „Marcel Reich-Ranicki zum 100. Geburtstag“ — Ein Abend mit Paul Assall und Uwe Wittstock
20. Juli — Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“


📷 Salzburg-Foto von mir, Buchcover © Rowohlt Verlag