Verlass die Stadt (*)

Raus aufs Land geht es in Lisa Kreißlers drittem Roman „Schreie & Flüstern“. Darin macht die Hauptfigur Vera, die zunächst mit der neuen Umgebung fremdelt, eine unerwartete Wandlung durch.

Das Leben von Schriftstellerin Vera und Maler Claus, die mit ihrem gemeinsamen Sohn Siggi in Leipzig wohnen, ist gehörig ins Stocken geraten. Zwar sind die beiden ein fester Bestandteil der Künstlerszene der hippen sächsischen Stadt, aber größere Erfolge können beide nicht unbedingt vorweisen. Außerdem erleidet Vera eine Fehlgeburt, die das Paar in eine Krise stürzt und einen Neuanfang ausweglos erscheinen lässt.

Da kommt ein großzügiges Geldgeschenk von Claus‘ wohlhabenden Eltern gerade recht — statt aber in Wohneigentum in Leipzig zu investieren, entscheiden sich Vera und Claus für einen radikalen Schnitt und kaufen einen baufälligen Hof im niedersächsischen Pohle, in der Nähe des Dorfes, dem Vera einst entflohen ist und in dem ihre Verwandtschaft nach wie vor lebt. Claus blüht in der neuen Umgebung regelrecht auf. Er stürzt sich in die Renovierungsarbeiten, schmiedet Pläne für ein Leben als Bio-Landwirt, tritt dem Männergesangsverein bei und wird schnell Teil der Dorfgemeinschaft. Vera dagegen vermisst ihre Leipziger Freunde und muss sich stattdessen mit den Problemen der alternden Verwandtschaft herumplagen. Für sie ist das neue Zuhause kein Zuhause, sondern eine feindselige Umgebung. Der riesige, halb verfallene Hof bedrückt sie, zu den neuen Nachbarn hat sie keinen Draht und selbst Claus kommt ihr auf einmal eher wie ein Widersacher als ein Partner vor.

Dies hier ist meine letzte Station. Hier werde ich den Rest meines Lebens verbringen — und irgendwann verschwinden.

Lisa Kreißler: Schreie & Flüstern

Doch kurz, bevor die Situation unerträglich wird, geschieht etwas völlig Unerwartetes: Vera wird wieder schwanger und parallel zu dem neuen Leben, das in ihr heranwächst, scheint auch sie eine Art Wiedergeburt zu erfahren. Auf einmal weiß sie, dass es die richtige Entscheidung war, der Stadt den Rücken zu kehren.

Vielschichtige Handlung mit autobiographischen Zügen

Romane, in denen Menschen die Großstadt verlassen und aufs Land ziehen, erfreuen sich seit einigen Jahren in der deutschsprachigen Literatur großer Beliebtheit. Während anderswo aber gerne die ganz großen gesellschaftlichen Probleme angepackt werden und sich Konflikte zwischen den „spießigen“ Alteingesessenen und den „weltoffenen“ Neuankömmlingen entwickeln, bleibt Lisa Kreißler ganz nah an ihren Hauptfiguren, allen voran Vera. Dass die Autorin, die ebenfalls auf einem Hof in Niedersachsen lebt, eine ganz ähnliche Lebensgeschichte hat wie ihre Protagonistin, legt die Vermutung nahe, dass „Schreie & Flüstern“ zumindest zum Teil autobiographisch geprägt ist. Unabhängig davon taucht man nach dem etwas verwirrenden Beginn schnell in die Handlung ein und folgt der Entwicklung des Geschehens und der Figuren, die einem zunehmend sympathischer werden, sehr gerne.

Lisa Kreißler singt kein undifferenziertes Loblied aufs Landleben, sondern arbeitet stattdessen die Grautöne gekonnt heraus. Vor allem aber ist „Schreie & Flüstern“ ein Plädoyer dafür, nicht voreilig aufzugeben und sich die nötige Zeit zu nehmen, um sich auf neue Umstände und Situationen einzulassen. Gut Ding will Weile haben, sagt der Volksmund — in diesem Roman bestätigt sich die Richtigkeit dieser alten Weisheit auf ebenso eindringliche wie kurzweilige Weise.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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(*) Die Überschrift zu diesem Blogeintrag habe ich von einem älteren, aber nach wie vor sehr aktuellen Song der österreichischen Musikerin Gustav „geklaut“. Zum Anhören HIER ENTLANG.

Eine besondere Freundschaft

Für seinen letzten Roman „Offene See“ wurde Benjamin Myers vergangenes Jahr mit dem „Lieblingsbuch“-Preis des unabhängigen Buchhandels ausgezeichnet — eine Ehre, die zuvor unter anderem Dörte Hansen, Mariana Leky und Benedict Wells zuteil wurde. In seinem neuen Werk „Der perfekte Kreis“ erzählt der Brite nun von der Freundschaft zweier Außenseiter und knüpft damit qualitativ nahtlos an den Vorgänger an.

Im Sommer 1989 tauchen in den Getreidefeldern des ländlich geprägten, dünn besiedelten Süden Englands mysteriöse geometrische Muster auf. Niemand weiß, wer diese riesigen, ebenso präzisen wie schönen Kunstwerke zu welchem Zweck geschaffen hat. Schon an der Frage, ob es sich überhaupt um Kunst von Menschenhand handelt, scheiden sich die Geister. Viele der echten und selbsternannten Wissenschaftler und Forscherinnen, New-Age-Jünger, Ufo-Gläubigen und Esoterikerinnen, die sich mit dem Phänomen beschäftigen, sind vielmehr der Ansicht, dass es sich bei den „Kornkreisen“ um Zeugnisse außerirdischen Lebens handeln muss. Vielleicht sind die Muster Botschaften einer hochentwickelten Zivilisation an die Menschen? Oder aber Abdrücke von Raumschiffen, die auf den Feldern gelandet sind?

Zwei, die sich nicht an solchen Spekulationen beteiligen, sind Calvert und Redbone, die beiden Protagonisten des Romans. Müssen sie auch nicht, denn sie wissen es besser. Immerhin sind sie die Schöpfer der faszinierenden Kreise — keine Außerirdischen, aber doch zwei Männer, die in gewisser Weise am Rande der Gesellschaft stehen.

Calvert ist ein ehemaliger Elite-Soldat, der im Falklandkrieg schwer verwundet wurde und seine äußeren wie inneren Narben unter einem dichten Bart und einer auch in der Nacht getragenen Sonnenbrille verbirgt. Ein wortkarger, stets planvoll agierender Einzelgänger, der in einem winzigen Häuschen ein zurückgezogenes Leben führt. Redbone dagegen ist ein wandelnder Widerspruch. Der frühere Punkmusiker ist oft aufbrausend und hat einen Hang zu Alkohol, Schlägereien und komplizierten Frauengeschichten. Eine gescheiterte Dreiecksbeziehung ist schließlich der Grund, warum er in seinem VW-Bus haust und zunehmend verwahrlost. Gleichzeitig ist er aber auch ein feinsinniger, künstlerisch begabter Zeitgenosse — die komplexen Entwürfe der „Kornkreise“ stammen aus seiner Feder — der die Natur, die Tiere und die Sterne mehr liebt als die Menschen.

Auf den ersten Blick haben die beiden Außenseiter nicht viel gemeinsam. Sie reden auch nur das Nötigste miteinander und wissen kaum etwas vom jeweils anderen. Trotzdem ist ihre gemeinsame Leidenschaft die Basis einer tiefen Freundschaft. Jedes Wochenende im Sommer ziehen Calvert und Redbone los und setzen im Schutz der Dunkelheit ihre immer komplexer werdenden Entwürfe in einem sorgsam ausgewählten Feld in die Tat um. Krönender Abschluss der Saison soll die „Honigwabe-Doppelhelix“ werden.

Verbindung zu den großen Themen der Gegenwart

Zwei Männer, deren selbst gewählte Lebensaufgabe darin besteht, „Kornkreise“ zu erschaffen. Einfach so, ohne speziellen Grund. Es geht ihnen nicht um Berühmtheit oder gar um Geld, sondern vielmehr um die Sache an sich und darum, die Dämonen ihrer Vergangenheit im Zaum zu halten und ihre ansonsten gleichförmigen Tage ein wenig abwechslungsreicher zu gestalten. Das kann man seltsam finden, aber Benjamin Myers macht aus der Freundschaft von Calvert und Redbone eine berührende Geschichte und einen ganz wunderbaren Roman. Alle, die sich schon einmal unverstanden oder fehl am Platz gefühlt haben, werden das ungleiche Duo sofort ins Herz schließen.

Neben Calvert und Redbone hat „Der perfekte Kreis“ aber noch einen dritten Hauptdarsteller, nämlich die Landschaft Südenglands. Auf fast jeder Seite finden sich eindrucksvolle Beschreibungen dieser Gegend, deren urtümlicher Charakter schon im Jahr der Handlung im Verschwinden begriffen ist. Gerade hier gelingt Benjamin Myers die Verbindung zur Gegenwart. Immer wieder ärgern sich Calvert und Redbone über Menschen, die versuchen, aus ihren Werken Profit zu schlagen — die Kritik am Hang des Menschen, alles kommerzialisieren zu müssen, ist heute fast noch aktueller als damals.
Außerdem kann die hinreißend komische nächtliche Begegnung der beiden „Kornkreis-Macher“ mit einem einfältigen Earl, der zu betrunken ist, um zu begreifen, dass auf seinem Land gerade etwas Illegales vor sich geht, als Seitenhieb auf das gegenwärtige politische Personal Großbritanniens verstanden werden. Überhaupt beweist der Autor neben seinen sonstigen Stärken immer wieder ein feines Gespür für Humor. In einer Szene sinniert Calvert zum Beispiel über den drohenden Zusammenbruch der Zivilisation und lässt dabei eine Bemerkung fallen, die einen unweigerlich ans Frühjahr 2020 erinnert:

„Klar ist: Der Planet heizt sich auf, und falls wir nichts verändern, wird das Folgen haben. Du kannst einen Ofen nicht ewig anlassen.“

„Und an welche Vorbereitungen denkst du?“

„Ach, das Übliche. Die wesentlichen Dinge. Nahrung, Wasser, Treibstoff. Waffen, falls nötig. Und natürlich Medikamente. […] Und Klopapier, fällt mir gerade ein.“

Benjamin Myers: Der perfekte Kreis

Kurzum: Ein famoser Roman und eine unbedingte Empfehlung!

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Eine Reise durch unsere Natur

Vor gut zwei Jahren gelang Jan Haft mit „Die Wiese“ ein Erfolg sowohl im Buchhandel (eine ausführliche Vorstellung findet sich u. a. bei Elementares Lesen) als auch im Kino. Auch „Heimat Natur“, das neue Werk des renommierten Naturfilmers und Biologen, ist als Doppelveröffentlichung angelegt. Ums Buch geht es in den folgenden Zeilen, der Film soll nach aktuellem Stand am 10. Juni in den Lichtspielhäusern anlaufen.

Widmete sich Jan Haft in „Die Wiese“ noch einem kleinen, überschaubaren Lebensraum — dem „Paradies nebenan“, wie es in der Unterzeile des Films heißt — geht es in „Heimat Natur“ nun um eine Bestandsaufnahme der sieben großen Lebensräume in Deutschland: Alpen, Wald, Fluss, Feldflur, Heide, Moor und Küste. Jedem dieser Ökosysteme nähert sich der Autor auf eine ähnliche Weise. Er erklärt, wie sich dieser Lebensraum im Laufe der Zeit — oft Millionen von Jahren — entwickelt hat und welchen Einfluss der Mensch auf diese Entwicklung genommen hat. Etwa, indem Flüsse begradigt und zu Wasserstraßen ausgebaut wurden oder durch die Intensivierung der Wald- und Landwirtschaft.

Selbst, wer die aktuellen Nachrichten nur am Rande verfolgt, weiß natürlich, dass die meisten Naturräume mit erheblichen Herausforderungen vielfältiger Art zu kämpfen haben. Abschmelzende Gletscher, unbeabsichtigter Stickstoffeintrag in die Meere durch den massenhaften Einsatz von Kunstdünger in der Landwirtschaft, Artensterben, Klimaerwärmung, Dürresommer und vieles mehr lassen für die Zukunft nicht allzu viel Gutes erhoffen. All diese Probleme nennt Jan Haft natürlich, vergisst aber nicht, auch auf die positiven Entwicklungen hinzuweisen, die es tatsächlich ebenfalls gibt. So ist das Wasser unserer Flüsse deutlich sauberer und weniger mit Giftstoffen belastet als noch vor ein paar Jahrzehnten. Auch Wälder und Almwiesen werden heute in der Regel nachhaltiger bewirtschaftet als früher und durch aufwändige Wiederansiedlungsprojekte sind bereits fast oder ganz ausgestorbene Arten zurück in ihrem ehemaligen Lebensraum. Ein gutes Beispiel dafür ist die geplante Auswilderung mehrerer Bartgeier im Nationalpark Berchtesgaden.

Noch gibt es da draußen eine wunderbare Vielfalt, und es blüht und zwitschert und summt. Noch ist es für unsere Heimat Natur nicht zu spät.

Jan Haft

So ist „Heimat Natur“ ein Buch, das trotz all der erwähnten Herausforderungen und Probleme auch Hoffnung macht, dass wir die Kurve vielleicht doch noch kriegen und die vielfältigen natürlichen Lebensräume unserer Heimat erhalten. Der sympathische Plauderton und die Begeisterung, mit der Jan Haft unter anderem von grünen Regenwürmern, Gelbbauchunken und „Zombie-Bäumen“ erzählt, ist jedenfalls ansteckend und macht große Lust darauf, selbst auf Entdeckungsreise zu gehen. Letztlich ist genau das die Voraussetzung dafür, sich selbst für den Erhalt der Natur einzusetzen — nur das, was man kennt und einem am Herzen liegt, kann man schließlich auch schützen.

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  • Der Film „Die Wiese – Ein Paradies nebenan“ läuft am Donnerstag, 3. Juni, um 14.30 Uhr im BR Fernsehen.

Botanische Weltreise

Vor knapp drei Jahren legten der britische Botaniker Jonathan Drori, ehemals Kurator der Royal Botanic Gardens in Kew, und die französische Illustratorin Lucille Clerc mit ihrem gemeinsamen Buch „In 80 Bäumen um die Welt“ (mehr dazu u. a. bei Elementares Lesen) einen veritablen Weltbestseller hin. Nun hat sich das Duo einmal mehr zusammengetan und mit „In 80 Pflanzen um die Welt“ (deutsche Übersetzung von Bettina Eschenhagen) einen noch farbenprächtigeren Nachfolger verfasst.

Wie der Titel bereits vermuten lässt, ist das Buch ganz ähnlich aufgebaut wie sein Vorgänger, nur dass der Fokus der Weltreise — von Jonathan Droris britischer Heimat bewegt man sich immer in Richtung Osten — nun eben nicht auf Bäumen, sondern auf Pflanzen liegt. Dank der Vielfalt an Formen und Farben sind die entsprechenden, teils ganzseitigen Illustrationen von Lucille Clerc diesmal eine noch größere Augenweide voller kleiner Details. Allein das Blättern in diesem Buch ist die reine Freude. Lesen sollte man die jeweils eine bis knapp drei Seiten langen Porträts der einzelnen Pflanzen natürlich ebenfalls, denn der mit einem feinen Humor gesegnete Drori versteht es bestens, botanische Besonderheiten mit einer kurzen Kulturgeschichte und kuriosen Fakten zu verbinden.

Wer hätte zum Beispiel vorher gewusst, dass die junge, noch unbekannte Marilyn Monroe einst Artischocken-Ehrenkönigin des kalifornischen Städtchens Castroville war, oder dass vornehme Briten im 18. Jahrhundert gerne eine Ananas als Statussymbol mit sich herumtrugen? Auch die Frage, warum die Banane krumm ist, wird hier ein für alle Mal beantwortet (ohne zu viel verraten zu wollen: die Sonne spielt dabei eine wichtige Rolle). Allerdings erfährt man nicht nur Neues über auch in unseren Breiten fast alltägliche Pflanzen, sondern lernt auch ganz neue Gewächse kennen. Etwa den Ibogastrauch aus Gabun mit seinen psychoaktiven Früchten, die bizarre Welwitschie aus Angola oder die Riesenrafflesie, einen in Malaysia vorkommenden Parasiten mit kohlkopfgroßer Knospe.

Am Stück gelesen, enthält „In 80 Pflanzen um die Welt“ fast schon zu viele Informationen. Aber zum schnellen Durchlesen von vorne nach hinten ist dieses wunderbare Buch ja auch gar nicht da. Vielmehr sollte man es als einen dauerhaften Begleiter betrachten, den man immer wieder gerne zur Hand nimmt.

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Auf Entdeckungsreise

Beim Verlag C. H. Beck hat man seit einer Weile ein Herz für Orte, die auf irgendeine Weise besonders oder ungewöhnlich sind. So erschienen von verschiedenen Autoren (aber stets mit Illustrationen von Lukas Wossagk) zuletzt Bücher über „Die seltsamsten Orte der Antike“ und „Die seltsamsten Orte der Religionen“. Pia Volks „Deutschlands schrägste Orte“ (ursprünglich tatsächlich angekündigt als „Die seltsamsten Orte Deutschlands“) reiht sich da trotz des leicht abweichenden Titels nahtlos ein und kommt genau zur richtigen Zeit. Echte Reisen sollten schließlich tunlichst unterlassen werden, aber das Reisen im Lesesessel mit einem Buch vor der Nase ist natürlich uneingeschränkt erlaubt und erwünscht.

Und selbst bei der Entdeckung der Welt von zu Hause aus muss es nicht immer in die Ferne gehen, denn allzu oft findet sich Interessantes und Bemerkenswertes auch in der näheren Umgebung, wie die etwas mehr als 50 von der Autorin ausgewählten und in verschiedene Themengebiete wie „Bizarre Landschaften“, „Obskure Objekte“ oder „Vorstellungswelten“ aufgeteilte Orte beweisen. Um klassische Sehenswürdigkeiten im touristischen Sinne handelt es sich bei den meisten nicht, obwohl einige davon inzwischen ausschließlich Tourismuszwecken dienen. Bestes Beispiel dafür ist die Indoor-Ferienanlage „Tropical Islands“ in Brandenburg. In der riesigen Halle, in der Urlaubshungrige heute künstliche Regenwälder und Sandstrände finden, wollte in den 1990er Jahren eine längst insolvente Firma Luftfrachtschiffe bauen und warten.

Einige der vorgestellten Orte — etwa das Nördlinger Ries — sind von Natur aus so, wie sie sind, die meisten dagegen sind untrennbar mit der wechselvollen Geschichte verbunden. Neben territorialen Verschiebungen, die diverse Enklaven und Exklaven wie Büsingen am Hochrhein oder die sorbischen Dörfer in Sachsen hervorgebracht haben, gehen viele der von Pia Volk ausgewählten „schrägen Orte“ aufs Konto des nationalsozialistischen Größenwahns, der Planungswut der DDR und der „autogerechten“ Umgestaltung der Städte in der Nachkriegszeit oder sind Spätfolgen des Braun- oder Steinkohleabbaus. Allen Orten gemein ist, dass sich hinter ihnen eine spannende Geschichte verbirgt, die es wert ist, erzählt zu werden. Je nachdem, wie viel diese hergibt, erstrecken sich Pia Volks gut recherchierte und in einem sympathischen Tonfall erzählte Reportagen in der Regel über drei bis fünf Seiten.

Was dem Buch allerdings ein wenig fehlt, sind ein paar begleitende Fotografien. Dank der zu Beginn eines jeden Kapitels angegebenen Koordinaten lassen sich die Orte zwar in Windeseile auf der Karte und im Internet finden, aber den Kronleuchter in der Kölner Kanalisation oder Väterchen Timofei und dessen auf dem späteren Olympiagelände in München ohne Baugenehmigung errichtete Kapelle hätte man schon gerne direkt beim Lesen vor Augen gehabt.

Trotzdem weckt „Deutschlands schrägste Orte“ die Lust, sich selbst auf Entdeckungsreise zu begeben. Entweder an den ein oder anderen im Buch vorgestellten Ort oder auf eigene Faust vor der eigenen Haustür. „Schräge Orte“ gibt nämlich überall — man muss nur genau hinschauen.

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Der sechste Sinn

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Früher, als die Menschen noch Jäger und Sammler waren, war es für sie überlebenswichtig, die Zeichen der Natur richtig zu deuten. Ein nicht vorhergesehener Wetterumschwung, dem man schutzlos ausgesetzt war, konnte ebenso tödlich enden wie die unerwartete Begegnung mit einem wilden Tier oder ausbleibender Jagderfolg. Dementsprechend hatten unsere Vorfahren ein feines Gespür für kaum wahrnehmbare Veränderungen oder subtile Hinweise, die entscheidend waren für ihr Wohl oder Wehe. Im Laufe der Zeit verkümmerte dieser „sechste Sinn“ allerdings zunehmend — kein Wunder, denn der moderne Mensch muss sich kaum noch ohne Hilfsmittel in der freien Natur orientieren und die Nahrung kommt im Zweifelsfall aus dem Supermarkt.

20200615_140936_2Dass es aber ein großer Gewinn sein kann, dieses immer noch tief in uns verankerte Gespür für die Natur wieder zu aktivieren und zu trainieren, zeigt der Brite Tristan Gooley, in seiner Heimat auch als „Sherlock Holmes der Natur“ bekannt, in seinem lesenswerten Buch „Unsere verborgene Natur“ (deutsche Übersetzung von Jasmine Hofmann). Großartiges Vorwissen oder spezielle Fähigkeiten braucht es gar nicht, um die Zeichen in unserer Umwelt zu erkennen, denn unser Gehirn nimmt diese Hinweise sowieso unbewusst auf. Die Kunst besteht letztlich darin, sie wieder deuten zu können — und zwar am besten intuitiv. Dabei bezieht sich Tristan Gooley in erster Linie auf Daniel Kahnemans Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“.  Als „langsames Denken“ bezeichnet der Kognitionspsychologe Kahneman bewusstes Nachdenken über eine Sache, als „schnelles Denken“ dagegen Prozesse, die quasi von selbst ablaufen. Eine Fahrradfahrerin, die auf ihren Drahtesel steigt und losfährt, wendet also schnelles Denken an, während ein Schüler, der über einer komplizierten Matheaufgabe grübelt, vermutlich eher auf das langsame Denken zurückgreift.

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Ein zentrales Anliegen von Gooleys Buch ist es, dass seine Leser*innen in der Natur von langsamen zu schnellen Denkern werden, also Dinge durch Beobachtung einüben, bis sie irgendwann intuitiv wahrgenommen werden. Die Orientierung anhand der Sterne ist zum Beispiel für den Laien extrem kompliziert, weil es erst einmal Mühe bereitet, Sternbilder überhaupt zu erkennen und daraus Schlüsse über die Himmelsrichtungen zu ziehen. Mit viel Übung reicht aber eines Tages ein kurzer Blick in den Nachthimmel, um sofort zu wissen, wo Norden ist. Ähnliche Beispiele gibt Tristan Gooley in seinem anekdotenreichen, im sympathischen Plauderton erzählten Buch in großer Zahl. So erfahren wir, wie wir Bewegungsmuster von Tieren erkennen und vorhersagen können, was der Pflanzenwuchs auf dem Boden über das Alter eines Waldes aussagt, wie wir Vögel schon im Vorbeifliegen richtig zuordnen oder wie wir uns anhand der Form von Bäumen im offenen Gelände orientieren können.

Viele Dinge erscheinen sofort plausibel, andere lassen einen schon beim Lesen zweifeln, ob man sie trotz jahrelanger Übung jemals wird umsetzen können. Letztlich ist das aber egal, denn schließlich geht es nicht darum, einen Wettkampf zu gewinnen, sondern mit wachen Sinnen und großer Lust am Entdecken durch die Natur zu streifen. Die Lust, nach Draußen zu gehen, weckt Tristan Gooley mit „Unsere verborgene Natur“ jedenfalls allemal.


Tristan Gooley: Unsere verborgene Natur. Honig hören, die Himmelsrichtung fühlen, die Dämmerung riechen – Wie wir unser angeborenes Gespür für die Natur wiederentdecken (Ludwig Verlag, 416 Seiten, 22 Euro).
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* Vielen Dank an den Ludwig Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! *


📷 Naturfoto von Efdal YILDIZ via Pexels.com, Buchfotos von mir

Die Mannigfaltigkeit der Vogelwelt

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Seit mehr als 40 Jahren beschäftigt sich der Biologe Walter A. Sontag, Associate Scientist am Naturhistorischen Museum in Wien und Schüler des legendären Schweizer Tiergartendirektors Heini Hedinger, mit der Variabilität und der Persönlichkeit von Vögeln. Unter anderem erforschte der Autor schon als junger Wissenschaftler bei einer Gruppe afrikanischer Lappenstare die unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmale der einzelnen Individuen — fast so wie ein paar Jahrzehnte zuvor Len Howard bei den Kohlmeisen in ihrem Cottage.

Von Walter A. Sontags immensem Erfahrungsschatz und seinem schier unerschöpflichen Wissen profitiert nun das schön aufgemachte, kenntnisreiche Buch „Das wilde Leben der Vögel“, das es trotz seines vergleichsweise schmalen Umfangs in sich hat. Im ersten Teil widmet sich der Autor der „überwältigenden Mannigfaltigkeit“ der nach aktuellem Stand rund 11.000 verschiedene Spezies zählenden Vogelwelt, die sich in zahllosen Erscheinungsformen, Lebensräumen und Verhaltensweisen manifestiert. Walter A. Sontag nimmt die Leser*innen mit auf Expeditionen des britischen Evolutionsforschers Alfred Russell Wallace und des begeisterten Hobby-Ornithologen Jonathan Franzen, die sich — wie viele andere — die Frage stellten, wie man am besten eine sinnvolle Ordnung in diese überbordende Vielfalt bringen soll. Die Suche nach der Antwort auf diese Frage wird wohl auch noch viele weitere Generationen von Wissenschaftler*innen beschäftigen und jede Menge neue Erkenntnisse mit sich bringen.

20200520_133915Im zweiten Teil des Buches stehen die Beziehungen der Vögel untereinander und zu anderen Tieren im Mittelpunkt. Wir erfahren von teils gigantischen, bis zu mehrere Millionen Individuen umfassenden Zusammenschlüssen von Krähenvögeln und Staren, Kooperationen unterschiedlicher Vogelarten, komplexen Kommunikationsformen und nicht zuletzt Schmarotzertum — vom Brutparasitismus des Kuckuck bis hin zu Raben, die sich an der Beute von Wölfen „bedienen“.

Ähnlich vielfältig wie die unterschiedlichen Erscheinungsformen der Vögel sind auch Partnerwahl, Fortpflanzung und Brutpflege — ein Thema, dem Walter A. Sontag ein weiteres ausführliches Kapitel widmet. Besonders interessant ist der darauf folgende Abschnitt über die Sinne der Vögel, da es in diesem Teilgebiet der Ornithologie nach wie vor eine Vielzahl offener Fragen gibt, die Raum lassen für hitzige Kontroversen in der Fachwelt und bahnbrechende Entdeckungen. So ist zum Beispiel nach wie vor nicht geklärt, wie der „innere Kompass“ funktioniert, der es Zugvögeln ermöglicht, immense Strecken zu bewältigen, und auch der bislang eher vernachlässigte Geruchssinn der Vögel ist erst in letzter Zeit stärker in den Fokus der Forschung gerückt.

Zum Abschluss seines anspruchsvollen Buches, das sich vor allem an Vogelbegeisterte richtet, die gerne etwas tiefer in die Materie einsteigen und sich einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung verschaffen möchten, wirft Walter A. Sontag einen Blick in die Zukunft. Welche Auswirkungen hat das Anthropozän mit all seinen Auswüchsen wie Verstädterung, Abholzung riesiger Waldflächen oder intensiver Landwirtschaft wohl auf die Entwicklung der Vogelvielfalt? Die Antwort auf diese Frage ist hinlänglich bekannt und leider sehr ernüchternd — allerdings gibt es auch hier einige Punkte, die Hoffnung machen auf eine positive Wende.

Letzten Endes gilt: Je mehr man von etwas weiß, desto eher ist man bereit, es zu schützen und zu bewahren. Insofern leistet „Das wilde Leben der Vögel“ einen großen Beitrag zum Erhalt der faszinierenden, vielfältigen Welt der Vögel.


Walter A. Sontag: Das wilde Leben der Vögel (C. H. Beck Verlag, 240 Seiten, 23 Euro).
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📷 großes Foto von freestocks.org via pexels.com, Coverfoto von mir

Ein anderes Miteinander

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Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist eines der Spezialgebiete der Philosophin und Autorin Eva Meijer. Bereits in ihrem Roman „Das Vogelhaus“ über die Ornithologin Len Howard hat sich die 1980 geborene Niederländerin auf literarische Art und Weise mit diesem Thema beschäftigt; der Essay „Was Tiere wirklich wollen“ (deutsche Übersetzung von Hanni Ehlers), der zum großen Teil auf den Gedanken von Eva Meijers Dissertation basiert, setzt sich wissenschaftlicher und theoretischer damit auseinander — Len Howard und „ihre“ Kohlmeisen kommen aber auch in diesem Text wieder vor.

Eva_MeijerDie Annahme, nur Menschen seien dazu in der Lage, politisch zu handeln, ist bereits mehrere Jahrtausende alt. Schon Aristoteles vertrat diese Ansicht, die nun gerade von der politischen Philosophie jedoch zunehmend angezweifelt wird. Das liegt zum einen daran, dass neuere wissenschaftliche Erkenntnisse die Trennlinie zwischen Mensch und Tier immer mehr verschwimmen lassen, zum anderen aber auch daran, dass Menschen und Tiere in zunehmend vielfältigen Beziehungen zueinander stehen. Politische Entscheidungen und Handlungen der Menschen haben oft unmittelbaren Einfluss auf das Leben und Sterben von Tieren, etwa durch den Beschluss, einen neuen Schlachthof zu eröffnen oder einen Wald für ein Gewerbegebiet abzuholzen. Solche Beispiele kennen sicher alle Leser*innen aus ihrem direkten Umfeld — deutlich komplexer und abstrakter wird es jedoch, wenn Eva Meijer erklärt, dass umgekehrt auch Tiere „politisch“ handeln, indem sie durch ihr Verhalten Einfluss auf das Leben des Menschen nehmen. Eine nicht unumstrittene These, zumal nicht geklärt ist, inwiefern diese Handlungen bewusst und gezielt sind.

Auch die Forderung, Tieren politische Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen, mag sich zunächst etwas seltsam anhören, aber die mit vielen Beispielen und weiterführenden Literaturhinweisen versehenen Erläuterungen Eva Meijers sind sehr anschaulich und schlüssig. Gesteht man Tieren einen geschützten Lebensraum zu oder räumt ihnen unantastbare Grundrechte ein (zum Beispiel das Recht, nicht geschlachtet und verzehrt zu werden), hat dies eine politische Dimension, die mit der, die wir als Bürger*innen eines Staates gewohnt sind, vergleichbar ist.

Letztlich ist „Was Tiere wirklich wollen“ in erster Linie ein sehr anregendes Plädoyer für eine Abkehr vom Anthropozentrismus, also der Auffassung, der Mensch sei eine herausragende, den Tieren überlegene Art. Dass ein neues, klügeres und faireres Miteinander von Mensch und Tier im Interesse aller ist, zeigt nicht zuletzt die Corona-Krise (in diesem Zusammenhang empfiehlt sich auch die Lektüre dieses Artikels von Judith Schalansky):

Die Welt, in der wir leben, gewinnt an Farbe und Kontur, wenn wir besser auf Tiere hören, sie besser wahrnehmen.

Einem ganz ähnlichen Thema wie Eva Meijer in ihrem Essay widmet sich übrigens auch die französische Philosophie-Professorin Corine Peluchon in ihrem „Manifest für die Tiere“, das im Oktober bei C. H. Beck erscheint.


Eva Meijer: Was Tiere wirklich wollen (btb Verlag; 160 Seiten; 20 Euro).
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* Vielen Dank an den btb Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! *


📷 großes Foto von Matthias Zomer via pexels.com, Coverfoto von mir

Neugierig bleiben!

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Bis zum Sonntag läuft noch die diesjährige „Stunde der Gartenvögel“ — ich habe natürlich wieder mitgemacht und mich diesmal mit Fotoapparat, Notizblock und Bleistift in den nahegelegenen Park begeben. Eigentlich hatte ich gehofft, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und während des Zählens auch noch ein paar ansehnliche Vogelfotos machen zu können. Gerade die Kleiber haben mich mit ihren waghalsigen Turnübungen an den Baumstämmen begeistert, waren aber leider etwas zu flink oder zu weit weg. Dafür wurde ich aber von mehreren recht zutraulichen Eichhörnchen neugierig beäugt.

„Neugierde“ ist dabei ein gutes Stichwort. Gerade in Zeiten, in denen viele Menschen über Langeweile klagen, ist es umso wichtiger, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Biergarten, Fußballstadion und Theater mögen nach wie vor geschlossen sein, aber die Natur kennt keine Corona-Pause und keinen Lockdown — es gibt jede Menge zu sehen und zu erleben.

Deshalb: Geht raus und bleibt neugierig!

++ Update 16. Mai ++
DSC_0183Nachdem mir die Kleiber doch keine Ruhe gelassen haben, musste ich noch einmal mein Glück versuchen — diesmal war ich halbwegs erfolgreich, wobei mir wieder nur ein eher mäßiges Foto gelungen ist. Immerhin weiß ich nun, wo der Nistkasten eines Kleiber-Brutpaares zu finden ist. Mit etwas Geduld gelingt es mir sicherlich, etwas näher an die wendige „Spechtmeise“ heranzukommen.


📷 beide Fotos sind von mir

Mit Adele Brand bei den Füchsen

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Bereits als Kind entdeckte Adele Brand ihre Leidenschaft für Füchse und hielt ihre Beobachtungen in einem Tagebuch fest. Später leitete die britische Ökologin Forschungsprojekte in verschieden Ländern, zog verwaiste Fuchswelpen groß und kümmerte sich um verletzte Exemplare. Klar, dass man sich von solch einer Expertin nur allzu gerne mitnehmen lässt zu „unseren wilden Nachbarn“, wie es im Untertitel des von Beate Schäfer ins Deutsche übersetzten Buches „Füchse“ so treffend heißt.

Wie viele Wissenschaftler*innen gerade aus dem angloamerikanischen Raum beherrscht es auch Adele Brand äußerst gekonnt, Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse auch für Laien verständlich darzustellen und nicht zuletzt mithilfe persönlicher Anekdoten sowie einer leichtgängigen Sprache für eine ebenso kurzweilige wie lehrreiche Lektüre zu sorgen. Der zentrale Punkt ist für die Autorin dabei vor allem die Beziehung zwischen Fuchs (das Buch dreht sich fast ausschließlich um den nahezu weltweit verbreiteten Rotfuchs, lat. vulpes vulpes) und Mensch, die gerade in den letzten Jahren immer näher aneinandergerückt sind. Sogar durch die Millionenmetropole London streifen zahlreiche Füchse und nutzen als blinde Passagiere mitunter Sightseeing-Busse oder die U-Bahn.

Dieses Buch will vor allem eine Frage ergründen: Wie hat es der Rotfuchs, ein Wildtier, das sich vorzeiten in unberührten Wäldern entwickelt hat, geschafft, sich derart erfolgreich an die moderne Welt anzupassen?

Trotz dieser konkreten Fragestellung und des eher schmalen Umfangs von weniger als 200 Textseiten bringt Adele Brand den Leser*innen den Fuchs auf umfassende Art und Weise näher. Neben einer kurzen Kulturgeschichte des Fuchses, der in Fabeln, Märchen und der Mythologie vieler Kulturkreise eine Rolle spielt, geht es um Grundlegendes wie eine Einordnung des Fuchses, der trotz seiner katzengleichen Bewegungen zu den Caniden (also den Hundeartigen) gehört, ins Tierreich oder um die Frage, warum der Rotfuchs an verschiedenen Orten mit ganz unterschiedlichen Bedingungen problemlos überleben kann. Es ist die vergleichsweise geringe Spezialisierung des Fuchses, die ihn extrem anpassungsfähig macht — sowohl an die Bedingungen der indischen Thar-Wüste als auch an den Bialowieza-Urwald in Polen oder die Prärie Südkanandas und das 1.300-Seelen-Dorf der Autorin in der englischen Grafschaft Surrey.

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Neben allerlei Fakten fehlt auch Kurioses nicht, wie etwa die Vermutung, dass Füchsen bei der Jagd ein am Magnetfeld der Erde orientierter „innerer Kompass“ zugute kommt, oder der Umstand, dass bei der Londoner Polizei jede Woche mehrere Notrufe von besorgten Bürger*innen eingehen, die Fuchsschreie mit den Hilferufen von Verbrechensopfern verwechselt haben. Zum Ende ihres Buches rät Adele Brand ihrer Leserschaft, selbst aktiv zu werden und gibt allerlei Tipps zum Beobachten und Fotografieren von Füchsen, zum Führen eines Naturtagebuchs und — wohl eher für diejenigen, die ganz tief in die Materie einsteigen wollen — Anregungen für Forschungsprojekte und Dissertationen.

Einziger Kritikpunkt an diesem ansonsten empfehlenswerten Buch ist der Umstand, dass die Ausführungen zur zentralen Frage „Beziehung zwischen Mensch und Fuchs“ sehr auf Großbritannien bezogen sind. Gerade in London scheint es in den letzten Jahren einige Vorfälle gegeben zu haben, die — befeuert von Berichten in der Boulevardpresse und Diskussionen in den Sozialen Medien — zu erbitterten Schlagabtauschen zwischen „Fuchshassern“ und Tierschützer*innen geführt haben. Solch emotional geführte Debatten kennt man in Deutschland wohl eher beim Wolf…


Adele Brand: Füchse. Unsere wilden Nachbarn (C.H. Beck Verlag; 208 Seiten mit 28 Abbildungen; 22 Euro). #supportyourlocalbookstore

Zum Weiterlesen und -entdecken empfiehlt sich auch Adele Brands Blog „A Walk with Wildlife“, in dem es nicht ausschließlich um Füchse geht.


📷 Fuchsbild von monicore via pexels.com, Coverfoto von mir