Im Juli gelesen

Meine Lektüren im Juli: Passend zur Sommerhitze viel (Krimi-) Unterhaltung und wenig Anspruchsvolles. Erfreulicherweise haben mir drei der vier Bücher gut oder sogar sehr gut gefallen, nur Norbert Scheuers „Mutabor“ fand ich ein wenig rätselhaft. Angesichts des Vorgängers „Winterbienen“, der mich wirklich begeistert hat, leider eine kleine Enttäuschung. (⭐⭐1/2)

Ebenfalls ausführlicher auf dem Blog vorgestellt habe ich Peter Swansons sehr atmosphärischen, erfreulich unblutigen Thriller „Acht perfekte Morde“, der meine Leseliste um einige Klassiker der Kriminalliteratur bereichert hat. (⭐⭐⭐⭐)

Höhepunkte des Monats waren aber die beiden Bücher, die hier bisher nicht erwähnt wurden. Zum einen „Das Buch des Totengräbers“ von Oliver Pötzsch, das Ende des 19. Jahrhunderts in Wien spielt und mich ziemlich an die etwas später angesiedelten, großartigen August Emmerich-Krimis von Alex Beer erinnert hat. Da neben dem jungen Kommissar Leopold von Herzfeldt auch der titelgebende Totengräber und der Wiener Zentralfriedhof eine zentrale Rolle in der Handlung einnehmen, ist der Roman wunderbar morbide und schwarzhumorig — genau nach meinem Geschmack also. Der Nachfolger „Das Mädchen und der Totengräber“ steht bereits weit oben auf meiner Wunschliste. (⭐⭐⭐⭐1/2)

Eine unglaublich triste und traurige, dabei aber auch sehr zärtliche und berührende Familiengeschichte erzählt Chris Whitaker in „Von hier bis zum Anfang“. Die Mischung aus Rache-Western, Roadtrip und Liz Moores ebenfalls sehr empfehlenswertem Roman „Long Bright River“ mit ihren unvergesslichen Charakteren wird mich so schnell nicht loslassen. Ende Juni ist außerdem Chris Whitakers dem Vernehmen nach nach ähnlichem Muster gestrickter Debütroman „Was auf das Ende folgt“ in deutscher Übersetzung erschienen — sicher auch ein lesenswertes Buch. (⭐⭐⭐⭐1/2)

Für den August liegen nun erst einmal zwei weitere Krimis aus Italien und Schweden bereit und dann bin ich gespannt, wohin mich die Leseabenteuer des neuen Monats wohl noch führen. Genießt den Sommer (trotz der gerade enormen Hitze)!

Norbert Scheuer: Mutabor

Über die Jahre hat Norbert Scheuer in seinen Romanen einen faszinierenden Kosmos geschaffen, den er mit jedem folgenden Werk ausbaut und weiterspinnt. Stets eine Rolle spielen dabei das Örtchen Kall in der Eifel, das Urftland, der Rauschen und die Mitglieder der Familie Arimond; Motive und Personen aus früheren Büchern werden viel später wieder aufgegriffen und aus einer anderen Perspektive beleuchtet. Das ist auch in „Mutabor“, dem schmalen neuen Roman des 1951 geborenen Autors nicht anders. Sogar Egidius Arimond, der Held des großartigen Vorgänger-Romans „Winterbienen“, wird kurz einmal erwähnt, wobei die Handlung deutlich näher am 2017 erschienenen „Am Grund des Universums“ ist.

Im Zentrum des Geschehens steht diesmal Nina Plisson, eine Außenseiterin in Kall. Der Vater unbekannt, die Mutter irgendwann verschwunden, wächst Nina zunächst bei der herrischen Großmutter und dem sanften Großvater auf, der mit seinem alten Opel Kapitän am liebsten nach Byzanz zum Palast der Störche fahren möchte. Nach dem Tod der Großeltern schmeißt Nina schnell die Schule und wird das, was die mitunter sehr übergriffigen Betreuer vom Jugendamt einen „Sozialfall“ nennen. Einzig die pensionierte Lehrerin Sophie Molitor sieht Potenzial in dem Mädchen und ermutigt es, seine Geschichte aufzuschreiben und Nachforschungen zu ihrerseiner Vergangenheit anzustellen. Die märchenhaften, an Traumsequenzen erinnernden Aufzeichnungen der inzwischen volljährig gewordenen Protagonistin wechseln sich ab mit Szenen aus Ninas Leben, das zwischen Dramatischem wie einer Gruppenvergewaltigung und Banalem wie Nebenjobs als Zeitungsausträgerin und Aushilfe bei Evros, dem griechischen Gastwirt mit einem Faible für Mythologie, Stunden in der tristen Cafeteria des örtlichen Supermarkts oder der Sorge um ihren schwer verwundet von einem Afghanistan-Einsatz zurückgekehrten Schwarm Paul Arimond (übrigens der Urgroßneffe des Imkers Egidius) zwar eine große Bandbreite, aber nur wenig Erfreuliches zu bieten hat.

Und just, als Licht ins Dunkel zu kommen scheint und Entscheidungen anstehen, bricht die große Flut des Sommers 2021 über das Urftland herein und hinterlässt auch in Kall Verwüstung und schwere Schäden.

Er meint, das Leben sei vergleichbar mit einer leeren Flasche, die auch nur Sinn habe, wenn man etwas hineinfüllt, egal was, es müsse nur etwas hinein, das glücklich macht.

Norbert Scheuer: Mutabor

War „Winterbienen“ zuletzt noch ein unmittelbar zugänglicher Roman, verlangt „Mutabor“ seiner Leserschaft trotz des geringen Umfangs von nicht einmal 190 Seiten — davon über 30 mit wunderbaren Zeichnungen von Norbert Scheuers Sohn Erasmus — deutlich mehr ab. Griechische Mythologie, Querverweise auf Scheuers andere Romane, Märchen (nicht umsonst trägt der Roman das Zauberwort aus Wilhelm Hauffs „Kalif Storch“ als Titel) und sogar Virginia Woolf, auf deren „Orlando“ in Gestalt einer Schildkröte angespielt wird — es steckt jede Menge drin in dieser etwas rätselhaften Geschichte vom Erwachsenwerden der Nina Plisson. Man muss sich schon einlassen wollen auf diesen Roman. Tut man es aber, gehört „Mutabor“ auf jeden Fall zu den Büchern, die man im Laufe der Zeit immer wieder aus dem Regal zieht.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Ein leiser Held

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © dtv

Mit „Winterbienen“ schaffte es 2019 zum zweiten Mal ein Roman von Norbert Scheuer auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis (die Premiere war bereits zehn Jahre zuvor mit „Überm Rauschen“). Gewonnen hat er den öffentlichkeitswirksamen Preis bislang noch nicht, aber vermutlich kann der Autor aus der Eifel, der Ende dieses Jahres seinen 70. Geburtstag feiert, damit ganz gut leben. Immerhin wurden seine Bücher mit allerlei anderen Literaturpreisen gewürdigt und zu Recht fast durch die Bank von Kritik und Leserschaft gelobt.

Womöglich kann man nach dieser Einleitung schon erahnen, dass auch mir „Winterbienen“ sehr gut gefallen hat — trotzdem an dieser Stelle erst einmal etwas mehr zum Roman:
Hauptfigur des Buches ist Egidius Arimond (die Familie Arimond taucht im Werk Norbert Scheuers in schöner Regelmäßigkeit auf), der seine Erlebnisse und Gedanken zwischen Winter 1944 und dem Kriegsende im Mai 1945 in meist eher knappen Tagebucheinträgen festhält. Arimond ist — so stelle ich es mir jedenfalls vor, denn genaue Angaben werden dazu nicht gemacht — um die Vierzig, lebt wie Norbert Scheuer in einer Kleinstadt in der Eifel und verdient seinen Lebensunterhalt inzwischen als Imker. Ursprünglich war die Bienenzucht, in der Familie von Generation zu Generation weitergegeben, lediglich ein Nebenerwerb, doch seinen eigentlichen Beruf als Latein- und Geschichtslehrer an einem Gymnasium musste er aufgeben. Zwangspensioniert wegen seiner Epilepsie, die ihn in den Augen der Nazis zu einem wertlosen Mitglied der Volksgemeinschaft macht. Dass ihm neben der Pensionierung sowie der Sterilisation nicht noch schlimmere Repressalien drohen, verdankt er vermutlich seinem Bruder Alfons, der als hochdekorierter Flieger hohes Ansehen genießt. Trotz aller Einschränkungen hat die Krankheit auch ein paar Vorteile für den Protagonisten. Anders als die Ehemänner der Frauen, zu denen er amouröse Verhältnisse pflegt, muss er nicht an die Front, sondern kann sich relativ unbehelligt seinen Bienen und in der Bibliothek den Studien über seinen Vorfahren Ambrosius Arimond, einem Mönch aus dem 15. Jahrhundert, widmen.

Dennoch nimmt in den letzten Kriegsjahren auch der Druck auf Egidius Arimond stetig zu. Die vergleichsweise ruhige Eifel gerät durch das Vorrücken der Alliierten von Westen her zunehmend ins Zentrum des Kriegsgeschehens, was sich allein schon an den feindlichen Flugzeugen festmachen lässt, die Tag für Tag in größerer Zahl am Himmel auftauchen. Außerdem sind die Medikamente, auf die er dringend angewiesen ist, nur noch in geringen Mengen und zu astronomischen Preisen erhältlich. Um sich diese leisten zu können, setzt sich Arimond einer zusätzlichen Gefahr aus: er versteckt Juden in einem Stollen im Wald und schmuggelt sie später in präparierten Bienenkästen über die belgische Grenze.

Es überlebt, wer gelernt hat,
im Verborgenen zu leben

Norbert Scheuer: Winterbienen

Es sind teils dramatische und aus heutiger Sicht kaum vorstellbare Dinge, die Egidius Arimond, dessen Figur ein wenig an Lars Westin aus Lars Gustafssons Roman „Der Tod eines Bienenzüchters“ erinnert, in seinem Tagebuch festhält. Dabei macht er kaum einen Unterschied, ob er über Alltägliches wie einen Cafébesuch, die Imkerei oder über den brandgefährlichen Einsatz als Fluchthelfer schreibt. Die Sprache bleibt immer klar, nüchtern und ein wenig distanziert. Einblicke in sein Gefühlsleben gibt er nur selten, doch je weiter der Krieg fortschreitet, desto mehr machen sich Beklemmung und Angst bemerkbar. Besonders eindringlich sind natürlich die Passagen, in denen es um die — nicht immer erfolgreichen — Rettungsaktionen geht. Auch darüber verliert Arimond keine großen Worte, sondern betont stattdessen immer wieder, dass er ja das Geld für seine Medikamente bräuchte. So bleibt die Hauptfigur dieses hervorragenden Romans als ein leiser Held in Erinnerung. Ein unscheinbarer Typ, der im richtigen Moment das Richtige tut.

  • Norbert Scheuer: Winterbienen (dtv; 320 Seiten; ISBN: 978-3-423-14780-4)

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Monatsrückblick Januar ’21

Foto von mir (Archivaufnahme vom September 2018)

„Es fängt an, wie es aufgehört hat“ — dieser Titel eines mehr als zehn Jahre alten Clickclickdecker-Songs drängt sich bei der Rückschau auf den Januar geradezu auf. Wir haben ein neues Jahr, sind aber nach wie vor (wie es in besagtem Song heißt) „versunken im dunklen Einheitsbrei“ von 2020. Selbstverständlich habe auch ich neben den tapfer durchgehaltenen täglichen Spaziergängen bei teils gruseligem Wetter jede Menge Zeit zu Hause verbracht.
Übermäßig viel gelesen habe ich allerdings erstaunlicherweise nicht. Gerade einmal vier Bücher (*), von denen nur der Wisting-Krimi knapp über 400 Seiten hatte, stehen auf der Habenseite. Zwei neuere und zwei, die ich nach langer Zeit wieder gelesen habe, nämlich:

  • Beatrix Kramlovsky: Fanny oder Das weiße Land –> mehr dazu hier
  • Otfried Preußler: Krabat –> mehr dazu hier
  • Jørn Lier Horst: Wisting und der Atem der Angst
  • Stefan Zweig: Schachnovelle

(*) begonnen habe ich außerdem mit „Winterbienen“ von Norbert Scheuer — allerdings liegen da noch einige Seiten vor mir

Bei den „Wiederentdeckungen“ war ich überrascht, dass mir die Grundzüge der Handlung noch zu einem großen Teil präsent waren. Und das, obwohl ich (aber nicht nur ich, wie dieser lesenswerte Artikel von Dorothea Wagner im SZ Magazin beweist) den Inhalt eines Buches oft schon vergessen habe, kurz nachdem ich es nach beendeter Lektüre zur Seite gelegt habe.
Auf der anderen Seite gab es aber auch viele Stellen und Aspekte, die mir nahezu völlig unbekannt vorkamen. In der „Schachnovelle“ hat mir nun die Szene besonders gut gefallen, in der Dr. B. nach mehreren Monaten der Isolationshaft in einem spartanisch eingerichteten Zimmer in einem Verhörraum einen Mantel erspäht, dessen Tasche verdächtig ausgebeult ist:

Ich trat näher heran und glaubte an der rechteckigen Form der Ausbuchtung zu erkennen, was diese etwas geschwellte Stelle in sich barg: ein Buch! Mir begannen die Knie zu zittern: ein BUCH!

Nur der Vollständigkeit halber: Dr. B. kann nicht anders, als dieses Buch zu stehlen und in seine Zelle zu schmuggeln. Wer die „Schachnovelle“ kennt, weiß natürlich, dass es sich bei dem Buch um eine Zusammenstellung berühmter Schachpartien handelt, mit deren Hilfe Dr. B. schließlich zum Schachgenie wider Willen wird…

Was nun der Februar bringen mag? Vermutlich noch mehr Spaziergänge und noch mehr Zeit zu Hause. Vielleicht auch wieder mehr Bücher (der dritte Band von Alex Beers Wien-Krimis liegt schon bereit, außerdem gibt es ein neues Buch von Julian Barnes und mit „Hard Land“ erscheint Ende des Monats der nächste Roman von Benedict Wells) und ganz vielleicht sogar den so lange herbeigesehnten Museumsbesuch. Im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg eröffnet am 18. Februar mit „Europa auf Kur. Ernst Ludwig Kirchner, Thomas Mann und der Mythos Davos“ eine sehr vielversprechende neue Sonderausstellung — wie schön wäre es, wenn man sich diese „in echt“ ansehen könnte!

#SupportYourLocalBookstore — die hier empfohlenen Bücher kauft Ihr am besten bei Eurer Lieblingsbuchhandlung vor Ort! In Konstanz zum Beispiel bei Homburger & Hepp am Münsterplatz. Das ist die Buchhandlung, die für das Foto in diesem Beitrag Modell stand.