Botanische Weltreise

Vor knapp drei Jahren legten der britische Botaniker Jonathan Drori, ehemals Kurator der Royal Botanic Gardens in Kew, und die französische Illustratorin Lucille Clerc mit ihrem gemeinsamen Buch „In 80 Bäumen um die Welt“ (mehr dazu u. a. bei Elementares Lesen) einen veritablen Weltbestseller hin. Nun hat sich das Duo einmal mehr zusammengetan und mit „In 80 Pflanzen um die Welt“ (deutsche Übersetzung von Bettina Eschenhagen) einen noch farbenprächtigeren Nachfolger verfasst.

Wie der Titel bereits vermuten lässt, ist das Buch ganz ähnlich aufgebaut wie sein Vorgänger, nur dass der Fokus der Weltreise — von Jonathan Droris britischer Heimat bewegt man sich immer in Richtung Osten — nun eben nicht auf Bäumen, sondern auf Pflanzen liegt. Dank der Vielfalt an Formen und Farben sind die entsprechenden, teils ganzseitigen Illustrationen von Lucille Clerc diesmal eine noch größere Augenweide voller kleiner Details. Allein das Blättern in diesem Buch ist die reine Freude. Lesen sollte man die jeweils eine bis knapp drei Seiten langen Porträts der einzelnen Pflanzen natürlich ebenfalls, denn der mit einem feinen Humor gesegnete Drori versteht es bestens, botanische Besonderheiten mit einer kurzen Kulturgeschichte und kuriosen Fakten zu verbinden.

Wer hätte zum Beispiel vorher gewusst, dass die junge, noch unbekannte Marilyn Monroe einst Artischocken-Ehrenkönigin des kalifornischen Städtchens Castroville war, oder dass vornehme Briten im 18. Jahrhundert gerne eine Ananas als Statussymbol mit sich herumtrugen? Auch die Frage, warum die Banane krumm ist, wird hier ein für alle Mal beantwortet (ohne zu viel verraten zu wollen: die Sonne spielt dabei eine wichtige Rolle). Allerdings erfährt man nicht nur Neues über auch in unseren Breiten fast alltägliche Pflanzen, sondern lernt auch ganz neue Gewächse kennen. Etwa den Ibogastrauch aus Gabun mit seinen psychoaktiven Früchten, die bizarre Welwitschie aus Angola oder die Riesenrafflesie, einen in Malaysia vorkommenden Parasiten mit kohlkopfgroßer Knospe.

Am Stück gelesen, enthält „In 80 Pflanzen um die Welt“ fast schon zu viele Informationen. Aber zum schnellen Durchlesen von vorne nach hinten ist dieses wunderbare Buch ja auch gar nicht da. Vielmehr sollte man es als einen dauerhaften Begleiter betrachten, den man immer wieder gerne zur Hand nimmt.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Auf Entdeckungsreise

Beim Verlag C. H. Beck hat man seit einer Weile ein Herz für Orte, die auf irgendeine Weise besonders oder ungewöhnlich sind. So erschienen von verschiedenen Autoren (aber stets mit Illustrationen von Lukas Wossagk) zuletzt Bücher über „Die seltsamsten Orte der Antike“ und „Die seltsamsten Orte der Religionen“. Pia Volks „Deutschlands schrägste Orte“ (ursprünglich tatsächlich angekündigt als „Die seltsamsten Orte Deutschlands“) reiht sich da trotz des leicht abweichenden Titels nahtlos ein und kommt genau zur richtigen Zeit. Echte Reisen sollten schließlich tunlichst unterlassen werden, aber das Reisen im Lesesessel mit einem Buch vor der Nase ist natürlich uneingeschränkt erlaubt und erwünscht.

Und selbst bei der Entdeckung der Welt von zu Hause aus muss es nicht immer in die Ferne gehen, denn allzu oft findet sich Interessantes und Bemerkenswertes auch in der näheren Umgebung, wie die etwas mehr als 50 von der Autorin ausgewählten und in verschiedene Themengebiete wie „Bizarre Landschaften“, „Obskure Objekte“ oder „Vorstellungswelten“ aufgeteilte Orte beweisen. Um klassische Sehenswürdigkeiten im touristischen Sinne handelt es sich bei den meisten nicht, obwohl einige davon inzwischen ausschließlich Tourismuszwecken dienen. Bestes Beispiel dafür ist die Indoor-Ferienanlage „Tropical Islands“ in Brandenburg. In der riesigen Halle, in der Urlaubshungrige heute künstliche Regenwälder und Sandstrände finden, wollte in den 1990er Jahren eine längst insolvente Firma Luftfrachtschiffe bauen und warten.

Einige der vorgestellten Orte — etwa das Nördlinger Ries — sind von Natur aus so, wie sie sind, die meisten dagegen sind untrennbar mit der wechselvollen Geschichte verbunden. Neben territorialen Verschiebungen, die diverse Enklaven und Exklaven wie Büsingen am Hochrhein oder die sorbischen Dörfer in Sachsen hervorgebracht haben, gehen viele der von Pia Volk ausgewählten „schrägen Orte“ aufs Konto des nationalsozialistischen Größenwahns, der Planungswut der DDR und der „autogerechten“ Umgestaltung der Städte in der Nachkriegszeit oder sind Spätfolgen des Braun- oder Steinkohleabbaus. Allen Orten gemein ist, dass sich hinter ihnen eine spannende Geschichte verbirgt, die es wert ist, erzählt zu werden. Je nachdem, wie viel diese hergibt, erstrecken sich Pia Volks gut recherchierte und in einem sympathischen Tonfall erzählte Reportagen in der Regel über drei bis fünf Seiten.

Was dem Buch allerdings ein wenig fehlt, sind ein paar begleitende Fotografien. Dank der zu Beginn eines jeden Kapitels angegebenen Koordinaten lassen sich die Orte zwar in Windeseile auf der Karte und im Internet finden, aber den Kronleuchter in der Kölner Kanalisation oder Väterchen Timofei und dessen auf dem späteren Olympiagelände in München ohne Baugenehmigung errichtete Kapelle hätte man schon gerne direkt beim Lesen vor Augen gehabt.

Trotzdem weckt „Deutschlands schrägste Orte“ die Lust, sich selbst auf Entdeckungsreise zu begeben. Entweder an den ein oder anderen im Buch vorgestellten Ort oder auf eigene Faust vor der eigenen Haustür. „Schräge Orte“ gibt nämlich überall — man muss nur genau hinschauen.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Nimm den Zug!

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In seiner Kindheit und Jugend war der Schwede Per J. Andersson viel mit dem Zug unterwegs — zuerst gemeinsam mit seiner Großmutter in der näheren Umgebung, dann mit Interrail kreuz und quer in Europa. Prägende Erlebnisse, aber irgendwann stieg der Autor, wie viele andere Menschen eben auch, aufs Flugzeug um. In erster Linie aus Gründen der Bequemlichkeit, denn gerade als Reisejournalist, der viel unterwegs ist und oft möglichst schnell von A nach B kommen muss, scheint die Eisenbahn doch das Nachsehen zu haben. Seit ein paar Jahren ist Per J. Andersson allerdings wieder bevorzugt mit dem Zug beruflich und privat auf Reisen — teils aus Gründen des Klimaschutzes, teils aus Nostalgie, aber vor allem, weil Zugfahren oft doch praktischer, schneller und viel schöner ist, als manche Vielflieger meinen.

Wir wollen die Liebe zu den Gleisen besingen, die Vertrautheit mit der Lok und das freie, geschmeidige und ungebundene Bahnreisen. Die Förderung von Zugreisen sollte als ein Angriff auf die destruktiven Kräfte unserer Zeit aufgefasst werden. Unser Ziel ist, Auto und Flugzeug zu zwingen, sich dem Zug zu unterwerfen.

Mit „Vom Schweden, der den Zug nahm und die Welt mit anderen Augen sah“ (Deutsch von Susanne Dahlmann) hat der Besteller-Autor (u.a. „Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine große Liebe wiederzufinden“) nun ein Loblied auf die Eisenbahn geschrieben, das allerdings auch mit kritischen Tönen nicht geizt. Vor allem die in den letzten Jahrzehnten extrem auf Flug- und Autoverkehr fixierte Verkehrspolitik in vielen Ländern kommt verständlicherweise überhaupt nicht gut weg. Die Folgen davon erlebt Per J. Andersson am eigenen Leib, als er versucht, mit regulär verkehrenden Zügen auf der klassischen Route des Orient-Express von Paris nach Istanbul zu reisen. Von der Pracht, die man unter anderem aus Agatha Christies berühmtem Kriminalroman und dessen Verfilmungen kennt, ist nicht mehr viel übrig geblieben: komplizierte Fahrkartenbuchungen, sechs Umstiege und Fahrten mit zum Teil sehr heruntergekommenen Zügen machen eher wenig Lust, sich selbst einmal auf diese Strecke zu wagen.

Das Positive allerdings überwiegt auf den Reisen, die Per J. Andersson unternimmt und auf sehr sympathische, leicht zu lesende Art beschreibt. In den Bernina-Express möchte man am liebsten sofort einsteigen und die Erlebnisse auf den langen Fahrten durch Indien erinnern an Wes Andersons farbenprächtigen Film „Darjeeling Limited“. Hoffnung macht ebenfalls, dass in immer mehr Ländern längst eingestellte Nachtzugverbindungen ein Revival erleben. Besonders tut sich da die österreichische ÖBB mit ihren „Nightjet“-Zügen hervor. Inwiefern die Corona-Krise Auswirkungen auf viele geplante Bahnprojekte hat, wird die Zukunft zeigen, aber insgesamt ist der Eisenbahnverkehr auf einem durchaus guten Weg.

Zu diesem Fazit kommt man jedenfalls nach der Lektüre von „Vom Schweden, der den Zug nahm und die Welt mit anderen Augen sah“, dieser sehr kurzweiligen Mischung aus Reisereportage, Kulturgeschichte der Eisenbahn von ihren Anfängen bis in die Gegenwart, und Reiseführer (am Ende der einzelnen Kapitel und im umfangreichen Anhang finden sich allerlei Tipps und Links, die bei der Planung eines Urlaubs mit der Bahn — egal, ob in Europa oder in fernen Ländern — enorm hilfreich sind). Außerdem macht sich schon während des Lesens jede Menge Fernweh und Entdeckungslust breit — ein größeres Lob kann man einem Reisebuch eigentlich kaum machen.


Per J. Andersson: Vom Schweden, der den Zug nahm und die Welt mit anderen Augen sah (C. H. Beck Verlag, 379 Seiten, 16,95 Euro).
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* Vielen Dank an den C. H. Beck Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! *


📷 Beitragsfoto von mir

Lektüre im Juli (2)

OrtheilGing es in der ersten Julihälfte noch um zwei Bücher mit gesellschaftlich relevanten Themen (die Vorstellung eines weiteren Romans zu diesem Themenkomplex folgt im Laufe der nächsten Wochen), stand die zweite Monatshälfte ganz im Zeichen des Urlaubs, den man — ich kann es gar nicht oft genug wiederholen — in diesem Jahr am besten lesend zu Hause verbringt. Zum Beispiel mit dem wunderbaren, hier bereits ausführlich gelobten Italien-Lesebuch von Hanns-Josef Ortheil.


AnderssonFür Eisenbahn-Nostalgiker, begeisterte Zugreisende und alle, die es aus Gründen des Klimaschutzes oder der Entschleunigung gerne werden möchten, empfiehlt sich Per J. Anderssons „Vom Schweden, der den Zug nahm und die Welt mit anderen Augen sah“. Angesichts des leicht irreführenden Titels sei darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Buch um eine Mischung aus Reisereportage, Kulturgeschichte und Reiseführer handelt und keineswegs um einen Roman im Stile der Bestseller von Jonas Jonasson. Das schwedische Original heißt schlicht „Ta tåget“, zu Deutsch also „Nimm den Zug“, was ein treffender, aber wohl nicht ganz so marketingwirksamer Titel ist. Eine ausführlichere Besprechung folgt dieser Tage.


Zum Ende dieses Beitrags noch zwei kurze Empfehlungen zum Weiterlesen:

    1. „Alte Sorten“, den großartigen Roman von Ewald Arenz über zwei ungleiche Frauen, Weinfranken im Spätsommer und alte Birnensorten, gibt es nun auch als günstige Taschenbuchausgabe.
    2. Max Scharnigg hat dem Sprungturm, zumindest für Jugendliche der zentrale Ort eines jeden Freibads, einen herrlichen Artikel gewidmet, bei dem man jeden Satz unterstreichen möchte.

📷 Coverfotos © btb Verlag, C. H. Beck Verlag