Im August gelesen

Schon wieder ist ein Monat vorbei und diesmal habe ich es leider verpasst, alle meine Lektüren auf einem Foto festzuhalten. Vielleicht klappt es ja im September wieder — als kleine Gedächtnisstütze sind diese Übersichtsbilder schließlich nicht schlecht.

Verglichen mit dem sehr erfreulichen Lesemonat Juli war der August nicht ganz so ertragreich. Allein schon hinsichtlich der Seitenzahl, aber auch hinsichtlich der Qualität des Gelesenen. Echte Ausreißer nach unten gab es zum Glück keine, aber ob auf der anderen Seite ein großes Highlight dabei war, wird sich erst im September noch herausstellen. Los ging es in den heißen Tagen zu Beginn des Monats mit zwei weiteren Krimis. „Bittersüße Zitronen“, den zweiten Capri-Krimi von Luca Ventura, habe ich recht gern gelesen (sogar lieber als den Vorgänger „Mitten im August“), wobei mich die ganze Machart schon sehr an die von den Öffentlich Rechtlichen produzierten TV-Krimis von diversen touristisch interessanten Orten erinnert hat — hübsche Kulisse und ein bestenfalls halbinteressanter Kriminalfall. (⭐⭐⭐)

Deutlich origineller fand ich da schon „Die Tote im Sturm“, den Auftakt zu einer neuen Schwedenkrimi-Reihe von Kristina Ohlsson. Sympathische Hauptfiguren und ein klug konstruierter Fall zum Miträtseln sind die Pluspunkte des angenehm unblutigen Krimis, den man sicher auch auf weniger als 540 Seiten hätte erzählen können. Getrübt wurde das Lesevergnügen allerdings durch die seltsame Entscheidung des deutschen Verlags, des Rätsels Lösung bereits im Titel auszuplaudern. (⭐⭐⭐1/2)

Nach so viel Mord und Totschlag durfte es dann mal wieder ein Klassiker sein, nämlich Truman Capotes „Die Grasharfe“ aus dem Jahr 1951. Mordopfer gibt es hier keine, wenngleich ein junger Mann bei einem Aufruhr eine Schussverletzung erleidet. Grund für die Auseinandersetzung ist die Besetzung eines Baumhauses durch ein Grüppchen von der Welt (und vor allem von der herrischen Verena Talbo) gegängelter Außenseiter um die kindlich-naive Dolly (Verenas Schwester) und den Waisenjungen Collin (Verenas Neffe). Ein humorvoller Südstaaten-Roman mit ernsthaften Untertönen, aber so recht gepackt hat mich das schmale Buch trotzdem nicht. (⭐⭐⭐)

Als großer Höhepunkt könnte sich schließlich „Papyrus“ herausstellen, Irene Vallejos ausgiebige Reise durch „die Geschichte der Welt in Büchern“. Nach gut 120 von — ohne den umfangreichen Anhang — rund 660 Seiten bin ich sehr angetan von der Lektüre. Die Erzählweise der Spanierin ist fesselnd, dazu erweist sie sich als wahre Meisterin der Abschweifung und des Exkurses. Vielleicht stören der manchmal fehlende Fokus und die kaum zu überblickende Masse an Fakten später noch ein wenig, aber bisher macht das Buch viel Freude. Und meine Lese- und Filmliste ist auch schon wieder ein ganzes Stück länger geworden.

Nach „Papyrus“ widme ich mich in den ersten Tagen des meteorologischen Herbstes dann dem Anfang August leider verstorbenen Jean-Jacques Sempé. Zwei Zusammenarbeiten mit Patrick Süskind habe ich mir herausgesucht, nämlich das wunderbare „Das Geheimnis des Fahrradhändlers“ (Text und Illustrationen von Sempé, deutsche Übersetzung von Süskind) und „Die Geschichte von Herrn Sommer“ (Text von Süskind, Illustrationen von Sempé).

Im Juli gelesen

Meine Lektüren im Juli: Passend zur Sommerhitze viel (Krimi-) Unterhaltung und wenig Anspruchsvolles. Erfreulicherweise haben mir drei der vier Bücher gut oder sogar sehr gut gefallen, nur Norbert Scheuers „Mutabor“ fand ich ein wenig rätselhaft. Angesichts des Vorgängers „Winterbienen“, der mich wirklich begeistert hat, leider eine kleine Enttäuschung. (⭐⭐1/2)

Ebenfalls ausführlicher auf dem Blog vorgestellt habe ich Peter Swansons sehr atmosphärischen, erfreulich unblutigen Thriller „Acht perfekte Morde“, der meine Leseliste um einige Klassiker der Kriminalliteratur bereichert hat. (⭐⭐⭐⭐)

Höhepunkte des Monats waren aber die beiden Bücher, die hier bisher nicht erwähnt wurden. Zum einen „Das Buch des Totengräbers“ von Oliver Pötzsch, das Ende des 19. Jahrhunderts in Wien spielt und mich ziemlich an die etwas später angesiedelten, großartigen August Emmerich-Krimis von Alex Beer erinnert hat. Da neben dem jungen Kommissar Leopold von Herzfeldt auch der titelgebende Totengräber und der Wiener Zentralfriedhof eine zentrale Rolle in der Handlung einnehmen, ist der Roman wunderbar morbide und schwarzhumorig — genau nach meinem Geschmack also. Der Nachfolger „Das Mädchen und der Totengräber“ steht bereits weit oben auf meiner Wunschliste. (⭐⭐⭐⭐1/2)

Eine unglaublich triste und traurige, dabei aber auch sehr zärtliche und berührende Familiengeschichte erzählt Chris Whitaker in „Von hier bis zum Anfang“. Die Mischung aus Rache-Western, Roadtrip und Liz Moores ebenfalls sehr empfehlenswertem Roman „Long Bright River“ mit ihren unvergesslichen Charakteren wird mich so schnell nicht loslassen. Ende Juni ist außerdem Chris Whitakers dem Vernehmen nach nach ähnlichem Muster gestrickter Debütroman „Was auf das Ende folgt“ in deutscher Übersetzung erschienen — sicher auch ein lesenswertes Buch. (⭐⭐⭐⭐1/2)

Für den August liegen nun erst einmal zwei weitere Krimis aus Italien und Schweden bereit und dann bin ich gespannt, wohin mich die Leseabenteuer des neuen Monats wohl noch führen. Genießt den Sommer (trotz der gerade enormen Hitze)!

Norbert Scheuer: Mutabor

Über die Jahre hat Norbert Scheuer in seinen Romanen einen faszinierenden Kosmos geschaffen, den er mit jedem folgenden Werk ausbaut und weiterspinnt. Stets eine Rolle spielen dabei das Örtchen Kall in der Eifel, das Urftland, der Rauschen und die Mitglieder der Familie Arimond; Motive und Personen aus früheren Büchern werden viel später wieder aufgegriffen und aus einer anderen Perspektive beleuchtet. Das ist auch in „Mutabor“, dem schmalen neuen Roman des 1951 geborenen Autors nicht anders. Sogar Egidius Arimond, der Held des großartigen Vorgänger-Romans „Winterbienen“, wird kurz einmal erwähnt, wobei die Handlung deutlich näher am 2017 erschienenen „Am Grund des Universums“ ist.

Im Zentrum des Geschehens steht diesmal Nina Plisson, eine Außenseiterin in Kall. Der Vater unbekannt, die Mutter irgendwann verschwunden, wächst Nina zunächst bei der herrischen Großmutter und dem sanften Großvater auf, der mit seinem alten Opel Kapitän am liebsten nach Byzanz zum Palast der Störche fahren möchte. Nach dem Tod der Großeltern schmeißt Nina schnell die Schule und wird das, was die mitunter sehr übergriffigen Betreuer vom Jugendamt einen „Sozialfall“ nennen. Einzig die pensionierte Lehrerin Sophie Molitor sieht Potenzial in dem Mädchen und ermutigt es, seine Geschichte aufzuschreiben und Nachforschungen zu ihrerseiner Vergangenheit anzustellen. Die märchenhaften, an Traumsequenzen erinnernden Aufzeichnungen der inzwischen volljährig gewordenen Protagonistin wechseln sich ab mit Szenen aus Ninas Leben, das zwischen Dramatischem wie einer Gruppenvergewaltigung und Banalem wie Nebenjobs als Zeitungsausträgerin und Aushilfe bei Evros, dem griechischen Gastwirt mit einem Faible für Mythologie, Stunden in der tristen Cafeteria des örtlichen Supermarkts oder der Sorge um ihren schwer verwundet von einem Afghanistan-Einsatz zurückgekehrten Schwarm Paul Arimond (übrigens der Urgroßneffe des Imkers Egidius) zwar eine große Bandbreite, aber nur wenig Erfreuliches zu bieten hat.

Und just, als Licht ins Dunkel zu kommen scheint und Entscheidungen anstehen, bricht die große Flut des Sommers 2021 über das Urftland herein und hinterlässt auch in Kall Verwüstung und schwere Schäden.

Er meint, das Leben sei vergleichbar mit einer leeren Flasche, die auch nur Sinn habe, wenn man etwas hineinfüllt, egal was, es müsse nur etwas hinein, das glücklich macht.

Norbert Scheuer: Mutabor

War „Winterbienen“ zuletzt noch ein unmittelbar zugänglicher Roman, verlangt „Mutabor“ seiner Leserschaft trotz des geringen Umfangs von nicht einmal 190 Seiten — davon über 30 mit wunderbaren Zeichnungen von Norbert Scheuers Sohn Erasmus — deutlich mehr ab. Griechische Mythologie, Querverweise auf Scheuers andere Romane, Märchen (nicht umsonst trägt der Roman das Zauberwort aus Wilhelm Hauffs „Kalif Storch“ als Titel) und sogar Virginia Woolf, auf deren „Orlando“ in Gestalt einer Schildkröte angespielt wird — es steckt jede Menge drin in dieser etwas rätselhaften Geschichte vom Erwachsenwerden der Nina Plisson. Man muss sich schon einlassen wollen auf diesen Roman. Tut man es aber, gehört „Mutabor“ auf jeden Fall zu den Büchern, die man im Laufe der Zeit immer wieder aus dem Regal zieht.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Maren Gottschalk: Fräulein Steiff

Die Historikerin und Autorin Maren Gottschalk hat bereits Bücher über Sophie Scholl, Astrid Lindgren, Nelson Mandela und zuletzt Frida Kahlo veröffentlicht. In ihrer neuen Romanbiografie widmet sie sich Margarete Steiff — eine Persönlichkeit, die mich nicht zuletzt deshalb interessiert, weil ich seit jeher ein großer Freund der wunderbaren Stofftiere dieser Marke bin und mich mein treuer Bär auch heute noch auf jeder Reise begleitet.

Schon die erste Szene in „Fräulein Steiff“ ist ganz entscheidend. Im Jahr 1879 näht die 32 Jahre alte Margarete Steiff in ihrer kleinen Werkstatt in Giengen an der Brenz, in der sie Filzwaren im Auftrag einer größeren Stuttgarter Fabrik fertigt, als Geburtstagsgeschenk für ihre Schwägerin Anna ein Nadelkissen in Form eines Elefanten. Allerdings ist vor allem Annas dreijähriger Sohn von dem „Elefäntle“ so sehr hingerissen, dass Margarete eine Idee kommt: Warum nicht Filztiere zum Spielen und Liebhaben für alle Kinder produzieren und damit eine eigene Firma gründen? Trotz einiger Widerstände hält die kreative und kluge Geschäftsfrau an ihrem Plan fest und legt den Grundstein für ein Unternehmen, das auch fast 150 Jahre später weltweit einen exzellenten Ruf genießt.

Der Teddybär, der einem beim Stichwort „Steiff“ sofort in den Sinn kommt, hat es übrigens erst später — um 1900 herum — ins Sortiment geschafft und war zunächst im fernen Amerika ein Verkaufsschlager.

Es ist kein böser Bär, vor dem man Angst haben muss, sondern ein durch und durch lieber Bär, ein Freund. Ein Bär, dem man alles erzählen kann.

Maren Gottschalk: Fräulein Steiff
Mit dem „Elefäntle“ fing alles an.

„Fräulein Steiff“ ist ein kurzweiliger, in einem sympathischen Tonfall und mit viel Zeitkolorit erzählter Roman, der das Leben der Margarete Steiff nachzeichnet, wie es gewesen sein könnte. Neben Details aus der Biografie und der Firmengeschichte sowie echten Personen aus dem Umfeld der Geschäftsfrau gibt es auch eine Reihe fiktiver Begebenheiten und Charaktere, die dazu dienen, das Geschehen lebhafter und die Protagonistin greifbarer zu machen. Mit Erfolg, denn als Leser*in lernt man Margarete Steiff als eine humorvolle, liebenswerte Frau kennen, mit der man zu gerne befreundet gewesen wäre.

Obwohl Margarete nach einer Polio-Erkrankung gelähmt und auf den Rollstuhl sowie fremde Hilfe bei vielen alltäglichen Dingen angewiesen war — im 19. Jahrhundert ein riesiger Makel und eine große Last für die Familie — war sie zeitlebens ein lebhafter, neugieriger Mensch, der unbeirrt seine Pläne und Ziele verfolgte. Statt zur „unnützen Esserin“ zu werden, wie von der oft sehr grausamen Mutter prophezeit, sicherte Margarete Steiff dank ihrer Kreativität und Beharrlichkeit Familienangehörigen und vielen Menschen aus ihrer Heimatstadt — vor allem Frauen, die als Näherinnen eine Anstellung fanden — den Lebensunterhalt und bereitete mit ihren Stofftieren bis heute Millionen eine große Freude. Mit „Fräulein Steiff“ ist Maren Gottschalk eine lesenswerte Hommage an diese außergewöhnliche Frau gelungen.

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J. L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp

Dem DuMont Buchverlag ist es zu verdanken, dass die Romane des 1994 verstorbenen britischen Autors J. L. Carr in wunderbarer Aufmachung (man beachte die Halskrause auf dem Einband des neuesten Buches!) und der hervorragenden Übersetzung von Monika Köpfer nach und nach auch ihren Weg zur deutschen Leserschaft finden. Angefangen mit dem immens erfolgreichen „Ein Monat auf dem Land“ wurden inzwischen fünf der acht Romane des ehemaligen Lehrers und spätberufenen Schriftstellers und Verlegers Carr auf Deutsch veröffentlicht — ganz aktuell das im Original 1988 erschienene „Leben und Werk der Hetty Beauchamp“.

Protagonistin des Romans, der auf Englisch etwas treffender und weniger prätentiös „What Hetty Did“ heißt, ist die 18 Jahre alte Ethel „Hetty“ Birtwisle, eine literaturbegeisterte, altkluge Einserschülerin. Mit ihrer Intelligenz und dem Faible für Lyrik ist Hetty in ihrem Heimatstädtchen im recht dünn besiedelten, landwirtschaftlich geprägten Fenland im Osten Englands eher eine Außenseiterin, und auch in ihrer eher bildungsfernen Familie mit dem jähzornigen Vater fühlt sie sich recht fremd. Einschneidende Ereignisse führen schließlich dazu, dass Hetty kurz nach dem Schulabschluss Reißaus nimmt. Zuerst endet ein Streit mit dem Vater handgreiflich (in der Auseinandersetzung bezieht dieser allerdings sehr zu meiner Freude selbst ordentlich Prügel), dann erfährt Hetty, dass sie — ebenso wie ihr jüngerer Bruder — adoptiert ist. Es gibt also keinen Grund, noch länger an dem Ort zu bleiben, den sie insgeheim schon immer verabscheut hat. Das Ziel steht auch schon fest:

Nach London! In den Büchern landen Ausgestoßene immer dort. Ich habe jedenfalls noch nie von jemandem gelesen, der sein Glück in Stoke-on-Trent gefunden hat.

J. L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp

Durch einen Zufall landet Hetty aber schließlich nicht in London, sondern in Birmingham in der von allerlei liebenswert schrägen Figuren bewohnten Pension der resoluten Rose Gilpin-Jones. Hier legt Hetty erst einmal ihren alten Nachnamen ab und nennt sich fortan Hetty Beauchamp. Aller Aufbruchsstimmung zum Trotz muss sie aber schnell feststellen, dass es im grauen Thatcher-England gar nicht so einfach ist, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen…

Ich hatte gelernt, dass das Leben nicht wie in den Büchern war […]. Auf das Leben war kein Verlass. Das Leben war unberechenbar. Das Leben schwang wild von hier nach da, ohne jeden Sinn. Und meistens geschah es nicht so, wie man von Rechts wegen eigentlich erwarten durfte, dass es geschehen würde.

J. L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp

Dafür, dass „Leben und Werk der Hetty Beauchamp“ bereits fast 35 Jahre auf dem Buckel hat, ist der Roman erfreulich wenig angestaubt. Kein Wunder, denn eine Geschichte wie die der jungen Hetty, die ihren Platz im Leben sucht, kommt eigentlich nie aus der Mode. Abgesehen davon ist das leichtfüßig geschriebene Buch mit seinem feinen Humor und dem teils sarkastischen Witz auch sprachlich ein großes Vergnügen — umso mehr, wenn man sich (anders als ich) sehr gut mit englischer Literatur auskennt, auf die ständig Bezug genommen wird.

Ein besonders interessanter Aspekt nicht nur von „Leben und Werk der Hetty Beauchamp“ ist der Umstand, dass J. L. Carr Figuren und Orte seiner Bücher mehr oder weniger prominent auch immer wieder in seinen anderen Romanen auftreten lässt. Um diese ganzen Querverweise zu verstehen, dürfte es sich also lohnen, das Werk des Briten noch ein weiteres Mal aufmerksam zu lesen, wenn es erst einmal komplett auf Deutsch vorliegt.

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Diane Cook: Die neue Wildnis

Mit ihrem im Sommer 2020 erschienenen Debütroman „The New Wilderness“ gelang der Amerikanerin Diane Cook gleich der Sprung auf die Shortlist des Booker Prize. Inzwischen steht der dystopische Roman auch in der deutschen Übersetzung von Astrid Finke in den Regalen der Buchhandlungen. Trotz der vielen Vorschusslorbeeren und der durchaus interessanten Thematik war „Die neue Wildnis“ für mich leider eine eher zähe Lektüre.

Die Grundidee des in näherer Zukunft spielenden Buches ist ziemlich nah an der Realität. Diane Cook denkt bereits bestehende Probleme konsequent weiter und entwirft eine Welt, die der unseren nicht allzu fern, aber kaum noch lebenswert ist. Ein Großteil der Menschheit vegetiert zusammengepfercht in aus allen Nähten platzenden Megastädten mit schlechter Luft und hoher Kriminalitätsrate dahin, während der große Rest der vom Klimawandel gezeichneten Landfläche dazu da ist, den Ressourcenhunger der Metropolen zu befriedigen. Echte Natur existiert nur noch im von der Regierung geschaffenen „Wildnis-Staat“, einer Art großem Nationalpark. In einer wissenschaftlichen Studie soll herausgefunden werden, ob der Mensch überhaupt in der Lage ist, in Einklang mit der Natur zu leben (die Frage wird im Lauf des Buches geklärt, wobei die Antwort kaum zu überraschen vermag). Dazu werden 20 Frauen, Männer und Kinder ausgewählt, die streng reglementiert unter einfachsten Verhältnissen und den wachsamen Augen unnachsichtiger Ranger als nomadische Gemeinschaft im „Wildnis-Staat“ leben. Zu den ersten Siedlern gehören Bea und ihr Mann Glen, die sich vor allem wegen der angeschlagenen Gesundheit ihrer (Stief-) Tochter Agnes auf das Experiment eingelassen haben. Während sich Agnes, der die Stadt buchstäblich die Luft zum Atmen geraubt hat, in der Natur bald erholt, haben Bea und Glen wie alle anderen Siedlerinnen und Siedler mit diversen Problemen zu kämpfen. Bea hadert hin und wieder damit, ihr Dasein als Designerin in der Stadt hinter sich gelassen zu haben, und Glen, als Professor für Frühgeschichte ein Experte für primitive menschliche Lebensformen, muss sich eingestehen, dass Theorie und Praxis zwei Paar Schuhe sind. Hinzu kommen allerlei Gefahren, die in der Wildnis lauern, Streitigkeiten darüber, wer in der Gruppe das Sagen hat, und — gegen Ende — eine Entscheidung der Regierung, die existenzielle Folgen für die Gemeinschaft hat.

Das alles hat schon seinen Reiz und ist zweifellos klug konstruiert, aber wirklich fesseln konnte mich „Die neue Wildnis“ nicht. Der Roman mag trotz einiger drastischer Momente nicht auf Knalleffekte und aufregende Abenteuer ausgelegt sein, aber ganz so spröde hätte die Handlung nun auch nicht erzählt werden müssen. In nicht wenigen Passagen des knapp 540 Seiten starken Buchs laufen die Protagonist*innen vom einen Ort zum anderen oder diskutieren schier endlos über irgendwelche demnächst anstehenden Entscheidungen. Dementsprechend froh war ich, als ich das Buch wieder zuklappen konnte — schade drum, denn meiner Meinung nach wurde hier viel Potenzial liegengelassen.

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Volker Widmann: Die Molche

Ein fränkisches Dorf, Anfang der 1960er Jahre: Der elfjährige Max und vor allem sein verträumter jüngerer Bruder haben es als Zugezogene nicht leicht unter den oft recht vierschrötigen Alteingesessenen. Gerade die Bande um den brutalen Tschernik macht den beiden das Leben zuweilen zur Hölle. An einem Wintertag kommt es schließlich zur Katastrophe: Der Jüngere, von Tschernik und seinen Freunden in eine Ecke getrieben, wird von einem Stein am Kopf getroffen und bricht tot zusammen. Dass er nicht den Mut hatte, seinem Bruder zur Hilfe zu eilen, macht Max mindestens genauso schwer zu schaffen, wie die Reaktion der Erwachsenen auf diesen schrecklichen Vorfall. Alle, einschließlich der eigenen Eltern, sind sich einig, dass eben eine harmlose Balgerei zwischen Jungs zu einem tragischen Unglück geführt hat. Immerhin hatte der zu Tode gekommene Bub ja schon immer ein schwaches Herz…

Überhaupt sind die Erwachsenen in Volker Widmanns Debütroman „Die Molche“ wahre Meister darin, nicht genau hinzusehen und Unbequemes einfach totzuschweigen. Die Mütter sind in allererster Linie für Heim und Herd zuständig, die Väter entweder nicht da (so wie Max‘ Vater, der an einem Forschungsinstitut in der Stadt arbeitet und nur an den Wochenenden zur Familie ins Dorf kommt) oder vom Krieg physisch und psychisch schwer gezeichnete Gestalten, die sich für ihre Kinder höchstens dann interessieren, wenn es darum geht, sie zu züchtigen. Mit ihren Sorgen und Nöten sind die Kinder weitgehend alleine, Probleme und Streitigkeiten müssen sie selbst untereinander regeln. So geht es auch Max, der sich nach dem Tod des Bruders zuerst zurückzieht und später beschließt, zusammen mit seinen neu gewonnenen Freunden Heinz und Rudi sowie der unerschrockenen Marga etwas gegen Tschernik zu unternehmen.

Mit „Die Molche“ ist dem 1954 geborenen Volker Widmann ein leiser, aber eindringlich erzählter Coming-of-Age-Roman geglückt, der zuweilen an (Film-) Klassiker wie „Krieg der Knöpfe“ oder „Stand By Me“, aber auch an Paul Maars großartige Kindheitserinnerungen „Wie alles kam“ denken lässt. Natürlich spielt der entscheidende Teil der Handlung im Sommer, denn die einschneidenden Dinge zwischen Kindheit und Erwachsenwerden passieren bekanntlich immer im Sommer, ehe dann im Herbst alles anders ist.

Die Thematik um Freundschaft, Zusammenhalt und die erste Liebe wurde natürlich bereits mehr als ausgiebig erzählt, aber nicht zuletzt dank der wunderbaren Naturbeschreibungen (ähnlich gekonnt hat die flirrende Atmosphäre endloser Sommertage zuletzt Ewald Arenz in „Der große Sommer“ eingefangen) und der kritischen Auseinandersetzung mit der Sprachlosigkeit der Kriegsgeneration ist „Die Molche“ eben doch weit mehr als nur eine weitere Momentaufnahme aus der verwirrenden Zeit kurz vor der noch viel verwirrenderen Pubertät. Ein äußert lesenswerter Roman!

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Florian Weber: Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken

Puh, was für ein langer, komplizierter Buchtitel! Bei der Lektüre von Florian Webers drittem Roman erschließt sich der durchaus mehrdeutig zu verstehende Titel dann aber recht schnell. Zu Beginn tappt man jedoch erst einmal im Dunkeln — zum Glück befindet man sich dabei wenigstens nicht in einer so misslichen Lage wie Heinrich Pohl, der Protagonist der Geschichte. Der Mittvierziger treibt nämlich, verzweifelt festgeklammert an einer Styropor-Kühlbox, mitten im offenen Meer und weiß weder, wo er sich befindet (als Leserin oder Leser weiß man, dass es irgendwo zwischen der Küste Floridas und den Bahamas ist), noch, wie er dort hingekommen ist oder warum in seiner Nähe ein bewusstloser Clown, ein Lama und ein Klavier im Wasser herumdümpeln. Sicher ist bereits zu diesem Zeitpunkt, dass das alles kein gutes Ende nehmen kann — davon, wie es überhaupt zu dieser aussichtslosen Situation gekommen ist, erzählt „Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken“.

Nach der Anfangssequenz im Meer wandelt sich der Roman schnell zu einem aberwitzigen Roadtrip. Wir lernen Heinrich Pohl als etwas verzagten Archivar aus München kennen, der schon als Kind seine Zeit am liebsten im vollgestopften Antiquitätenladen seines Onkels Wendelin verbrachte. Einerseits, um seinem wenig liebevollen Vater und den fiesen Brüdern zu entgehen. Anderseits, um den schillernden, oft sehr frei ausgeschmückten Geschichten zu lauschen, die der Onkel zu jedem Stück in seinem Laden erzählen konnte („Konfabulation“ ist ein Stichwort, das man sich in diesem Zusammenhang merken sollte). Inzwischen ist Wendelin knapp 80 Jahre alt, schwer an Lungenkrebs erkrankt und hat eine letzte Bitte an Heinrich: Der Neffe soll den Todkranken auf einer Amerika-Reise von Utah nach Florida begleiten — auf exakt der Route, die Wendelin und dessen damals ebenfalls schwer kranke Frau Kerstin vor mehr als 40 Jahren gereist waren. Heinrich, nicht unbedingt ein großer Abenteurer, willigt zähneknirschend ein und stellt schon bald fest, dass Onkel Wendelin seine letzte Fahrt minutiös geplant hat und mit einigen überraschenden bis schockierenden Wahrheiten herausrücken möchte, die das Potenzial haben, Heinrichs restliches Leben gehörig auf den Kopf zu stellen.

Im Zirkus ist die Welt so bunt, wie sie es immer sein sollte, aber es leider nur selten ist.
Deswegen bin ich immer Zirkus. Ich bin immer Clown.

Florian Weber: Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken

Romane, in denen ungleiche Charaktere auf eine große, lebensverändernde Reise gehen, gibt es inzwischen wie Sand am Meer, aber Florian Webers „Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken“ ist trotzdem eine ganz besondere Geschichte. Zum einen, weil der schluffige Heinrich, der alte Schelm Wendelin und später die resolute Birdy ein Gespann abgeben, an das man sich noch lange erinnert. Zum anderen aber auch, weil Multitalent Florian Weber eine irrsinnige Lust am Erzählen an den Tag legt. Viele unvorhergesehene Wendungen, jede Menge schräge Gestalten und ein schier endloser Fundus an unnützem Wissen — es macht einfach Spaß, dieses Buch zu lesen. Auch, weil „Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken“ kein rosarotes Feelgood-Büchlein ist, sondern weil — ähnlich wie zum Beispiel beim Großmeister John Irving — die komischen Momente dank der tragischen und berührenden Passagen noch heller leuchten dürfen.

  • Florian Weber: Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken (Heyne Hardcore; 320 Seiten; ISBN: 978-3-453-27362-7).
  • Geplante Lesungen: 9. April – München: Volkstheater; 10. April – Schrobenhausen: Herzog-Filmtheater; 25. Oktober – Berlin: Pfefferberg Theater; 27. Oktober – Rostock: Helgas Stadtpalast; 28. Oktober – Hamburg: Nachtasyl.

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Ein Jahr voller Herausforderungen

Mit der Dänin Stine Pilgaard präsentiert sich in diesem Winter eine Autorin erstmals dem deutschen Publikum, die in ihrem Heimatland bereits beachtliche Erfolge vorweisen kann. Ihr Erstling „Meine Mutter sagt“ (erscheint voraussichtlich 2023 ebenfalls bei Kanon) wurde mit dem wichtigsten Debütpreis des Landes ausgezeichnet, „Meter pro Sekunde“ avancierte gar zum erfolgreichsten dänischen Roman der letzten Jahre. Um die Erwartungen gleich noch ein wenig in die Höhe zu schrauben, wurde das Buch vom renommierten Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel ins Deutsche übertragen und das Hörbuch von Caroline Peters gelesen.

Um sich in „Meter pro Sekunde“ zurechtzufinden, muss man sich zunächst mit der dänischen Institution der Heimvolkshochschule (Folkehøjskole) vertraut machen. Die Idee dieser nichtstaatlichen Einrichtungen geht auf das 19. Jahrhundert und den Gründer Nikolai F. S. Grundtvik zurück. Nach wie vor bieten die meist auf dem flachen Land gelegenen, internatsähnlichen Heimvolkshochschulen jungen Menschen Jahreskurse sowie mehrwöchige Aufenthalte mit kreativen, künstlerischen oder ökologischen Inhalten an. Von vielen Abiturient*innen wird der Besuch einer Folkehøjskole als Orientierungsjahr zwischen Schule und Berufsleben oder Studium genutzt.

An solch eine Heimvolkshochschule im dünn besiedelten Westjütland verschlägt es die namenlose Ich-Erzählerin von „Meter pro Sekunde“, als ihr ebenfalls namenloser Freund und Vater des gemeinsamen Sohnes (auf einen Namen für den immerhin fast Einjährigen konnte sich das etwas unentschlossen und wenig lebenspraktische Paar noch nicht einigen) eine Stelle als Lehrer antritt. Mit der neuen Umgebung fremdelt die Protagonistin zunächst sehr: Das Leben auf dem Schulgelände (den Beschäftigten und ihren Familien werden Dienstwohnungen zur Verfügung gestellt) mit der ständigen Nähe zu Kolleg*innen und Schüler*innen birgt allerlei Fallstricke, mit ihrer Rolle als Mutter ist sie oft überfordert, die Einheimischen im „Land der kurzen Sätze“ erscheinen ihr abweisend und die Fahrstunden für den auf dem Land dringend benötigten Führerschein sind ein einziges Desaster. Immerhin geht sie in ihrem Job voll auf. Bei der lokalen Tageszeitung betreut sie die Kummerkasten-Rubrik und berät Ratsuchende bei mehr oder weniger alltäglichen Problemen. Ob sie mit ihren schlagfertigen Antworten aber tatsächlich den Fragenden oder doch eher sich selbst hilft, bleibt einmal dahingestellt.

Im den Zeitraum eines Schuljahres umfassenden Buch wechseln sich kurze, höchstens ein paar Seiten lange Szenen aus dem Leben der Protagonistin ab mit Fragen und Antworten aus der Kummerkasten-Rubrik sowie umgedichteten Texten aus dem Liederbuch der Heimvolkhochschulen (in Dänemark gehören viele dieser Lieder zum allgemein bekannten Kulturgut, im Deutschen funktioniert dieser durchaus charmante Einfall höchstens mittelprächtig). Diese schnellen Wechsel sorgen für ein kurzweiliges Lesevergnügen und passen gut zu den ständigen neuen Herausforderungen, vor denen die Ich-Erzählerin steht.

Mit ihrem unkonventionellen Schreibstil, der spielerischen Herangehensweise an die Sprache und dem sarkastischen, oft etwas derben Humor ist Stine Pilgaard auf jeden Fall ein Roman gelungen, der auch hierzulande viele Leser*innen begeistern sollte. Ich selbst zähle leider nicht unbedingt dazu. Mir blieb „Meter pro Sekunde“ von Anfang bis Ende etwas fremd. Der eigenwillige Humor zündete bei mir nicht so recht, die Figuren ließen mich eher kalt und auch mit den dänischen Eigenheiten konnte ich mich nicht anfreunden (offenbar gibt es in unserem Nachbarland ein erhebliches, als Geselligkeit getarntes Alkoholproblem — zuletzt auch thematisiert im Kinofilm „Der Rausch“). Ein paar Sätze haben mich aber doch mit dem Buch versöhnt — und werden mir nachhaltig in Erinnerung bleiben. Zum Beispiel diese hier:

Alle Menschen haben in sich einen einsamen, dunklen Raum. […] In schwachen Momenten denken wir, dieses Loch hätte Menschenform, es wäre ein kleines Puzzlespiel, bei dem nur noch ein Teilchen fehlt. Wir suchen danach, nach dem, was ganz genau hier passt und die Dunkelheit vertreiben kann. Das ist irgendwie sehr lieb, aber falsch. Die Dunkelheit gehört uns selbst, wir können sie mit niemandem teilen.

Stine Pilgaard: Meter pro Sekunde

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Früher war es auch nicht besser

Verschwörungserzählungen, Intrigen bis hinauf in die höchsten Staatsämter, kriminelle Machenschaften, Fake News und eine tödliche Pandemie — angesichts der großen Themen, die im Buch verhandelt werden, könnte „Die Verschwörung der Krähen“ durchaus auch in der Gegenwart angesiedelt sein. Allerdings führt uns Markus Gasser in seinem neuen Roman weit zurück, nämlich ins London des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts. In dieser Zeit lebt und wirkt der äußerst illustre Daniel de Foe, der Nachwelt natürlich vor allem wegen seines Romans „Robinson Crusoe“ ein Begriff.

De Foe wächst als Kaufmannssohn zwar ohne materielle Not auf, doch seine Kindheit ist geprägt von der Pest, die Mitte der 1660er Jahre knapp ein Fünftel der Londoner Bevölkerung dahinrafft, und dem Großen Brand von London, der zweiten großen Katastrophe dieser Jahre. Später tritt der junge Daniel in die Fußstapfen des Vaters, doch das Dasein als Geschäftsmann reicht ihm längst nicht aus. In Flugblättern wettert er gegen Krone, Kirche und Adel und schafft sich damit mächtige Feinde. Darunter auch Queen Anne Stuart, die Anfang des 18. Jahrhunderts ein Kopfgeld auf De Foe aussetzt und ihn zu einer abenteuerlichen Flucht quer durch Europa bis nach Marokko zwingt. Im gefürchtetsten Gefängnis Londons landet er am Ende trotzdem und vor dem sicheren Tod bewahrt ihn nur ein abenteuerlicher Seitenwechsel. Im Auftrag der Queen forscht er als eine Art Geheimagent mögliche Verschwörer und sonstige Staatsfeinde aus. Zur Rufschädigung unliebsamer Rivalen bedient er sich gerne Fake News, die er in seiner eigenen Zeitung, deren Herausgeber, Verleger und einziger Redakteur er ist, verbreitet.

Nach dem durchschlagenden Erfolg des 1719 erschienenen „Robinson Crusoe“ könnte sich der inzwischen fast 60-jährige Daniel de Foe langsam aufs Altenteil zurückziehen, doch vorher bringt er mit einer List noch den König der Londoner Unterwelt zur Strecke. Ein Erfolg, der weitreichende Konsequenzen hat…

Mit weniger als 240 Seiten ist „Die Verschwörung der Krähen“ für einen historischen Abenteuerroman erstaunlich kurz. Trotzdem ist es Markus Gasser gelungen, die umfangreiche Handlung so zu verdichten, dass sie auf diesem recht knapp bemessenen Raum genug Platz findet. Ganz so atemlos und aufregend, wie sich die Geschichte in der Kurzzusammenfassung anhört, ist sie allerdings leider nicht. Der Roman verlangt seinen Leserinnen und Lesern viel Aufmerksamkeit ab. Einerseits wegen der Zeitsprünge, die der nicht ganz chronologisch erzählten Handlung geschuldet sind, andererseits wegen der oft nicht allzu leicht zu überblickenden Zahl der auftretenden Personen. Für das Personenregister am Ende des Buches ist man jedenfalls einige Male sehr dankbar.

Keine leichte Lektüre also. Dennoch lohnt sich der Roman allein der Parallelen zur Gegenwart wegen. Es ist durchaus tröstlich, einmal mehr davon zu lesen, dass früher eben nicht alles besser war.

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