Im Januar ’23 gelesen

Gerade eben war doch noch Weihnachten und schon neigt sich der Januar wieder dem Ende entgegen – verrückt, wie die Zeit vor sich hinrast! Weihnachten ist aber ein gutes Stichwort, denn abgesehen vom neuen Buch von Arno Geiger (den ich zum Monatsabschluss noch auf einer Livestream-Lesung aus dem Hamburger Literaturhaus erleben darf) lagen alle Januar-Lektüren unter dem Weihnachtsbaum. Gute Geschenke allesamt, wobei ich vor allem mit Mariana Leky und Dagmar Leupold, die sich sprachlich und hinsichtlich ihrer Vorliebe für leicht windschiefe Figuren relativ nah sind, viel Freude hatte. Selbiges gilt auch für Arno Geiger – ein gelungener Abschluss für einen sehr gelungenen Lesemonat ohne Ärger und Verdruss.

Mariana Leky: Kummer aller Art // Eine sichere Bank für einen ebenso vergnüglichen wie klugen Einstieg ins neue Lesejahr: Mariana Lekys gesammelte (und leicht überarbeitete) Kolumnen aus der Zeitschrift „Psychologie Heute“. Wie der Titel verrät, geht es in den 39 jeweils knapp vier Seiten langen Geschichten um „Kummer aller Art“ – von diversen Ängsten und Schlaflosigkeit über Liebeskummer und Zwangsneurosen bis hin zu allgemeiner Seelenverknitterung.

Gewohnt fein beobachtet und erzählt im ganz eigenen „Leky-Sound“, sind es vor allem die wiederkehrenden Figuren, die diese Miniaturen so liebenswert machen. Man kann gar nicht anders, als den schwermütigen Herrn Pohl mit seinem altersschwachen Zwergpinschermischling Lori, die zaudernde, stets etwas verzagte Frau Wiese oder den Rilke-Verehrer Onkel Ulrich, der auch im Ruhestand nicht aus der beruflichen Rolle des Psychoanalytikers heraus kann, umgehend ins Herz zu schließen.

Was sich aus „Kummer aller Art“ fürs neue Jahr mitnehmen lässt? Nun, vielleicht sollten wir uns alle darum bemühen, unseren Mitmenschen freundlicher, staunender und gütiger gegenüberzutreten. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert.

Katherine May: Überwintern // Mehr zu diesem und anderen Winterbüchern HIER.

Dagmar Leupold: Dagegen die Elefanten // Der Deutsche Buchpreis mag es zwar gelegentlich etwas krachig und schillernd, aber dennoch hat es Dagmar Leupold mit dem leisen Helden ihres Romans „Dagegen die Elefanten!“ auf die letztjährige Longlist geschafft. Nach 2013 und 2016 bereits ihre dritte Nominierung.

Der angesprochene „Held“ ist Herr Harald, ein unscheinbarer, nicht mehr ganz junger Mann, der seinen Dienst an der Garderobe der Oper (Balkon links) mit großer Ernsthaftigkeit und tadellosen Manieren versieht. Von anderen kaum bemerkt und dementsprechend einsam, ist der Junggeselle selbst ein genauer Beobachter, der schöne Wörter, die Ergebnisse seiner Grübeleien und nicht zuletzt seine unschuldige Schwärmerei für die Frau, die bei ausgewählten Klavierkonzerten die Noten umblättert, akribisch in seinem Notizbuch festhält.

Ein Jahr lang begleiten wir Herrn Harald bei seinen alltäglichen Verrichtungen und auf seinen Spaziergängen durch München. Trotz einer sacht angedeuteten Krimihandlung um einen mysteriösen vergessenen Mantel (darin: eine Schreckschusspistole) überschlagen sich die Ereignisse auf den etwas mehr als 250 Seiten nicht gerade – eher passt sich das Buch dem gemäßigten Lebenstempo seines Protagonisten an.

Ich habe „Dagegen die Elefanten!“ trotz der wenig aufregenden Handlung sehr gerne gelesen. Herr Harald ist ein äußerst angenehmer Begleiter für ein paar ruhige Lesestunden und vor allem sprachlich ist der Roman ganz wunderbar gelungen – für mich auf jeden Fall preisverdächtig.

Arno Geiger: Das glückliche Geheimnis // Arno Geiger verrät uns in seinem neuen Buch ein Geheimnis. Ein Vierteljahrhundert lang streifte er regelmäßig durch die Straßen Wiens, um Altpapiercontainer nach Brauchbarem zu durchwühlen. In seiner Zeit als Student und erfolgloser Möchtegern-Schriftsteller suchte er neben interessanter Lektüre für sich selbst vor allem nach Dingen, die sich auf dem Flohmarkt zu Geld machen ließen.

Doch auch später machte der mittlerweile erfolgreiche Autor seine Runden – dann eher auf der Suche nach Briefen und Tagebüchern, die ihm als Inspiration für die Figuren seiner eigenen Werke dienten. „Feldstudien“, wie er selbst es nennt. Für seinen Roman „Unter der Drachenwand“ zum Beispiel las Arno Geiger rund 20.000 Briefe aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs; ein Drittel davon hatte er aus dem Müll gefischt.

„Das glückliche Geheimnis“ ist ein wunderbares Buch, in dem es keineswegs nur ums heimliche Sammeln von Altpapier geht. Es ist ein sehr persönlicher Einblick in das Leben und Arbeiten des Autors und nicht zuletzt eine Art Fortsetzung von „Der alte König in seinem Exil“. Ein Buch über das Bewahren und das Verschwinden, über das Vergehen der Zeit und Trauer, über die Dinge, die wirklich wichtig sind. Und natürlich ein Plädoyer für die großen und kleinen Geheimnisse in unserem Leben.

Die Fotos und Kurzrezensionen in diesem Beitrag sind zuerst auf meinem Instagram-Account erschienen. Schaut doch gerne einmal vorbei, um stets auf dem aktuellen Stand zu bleiben – ich freue mich!

Hervorgehoben

Bücher für den Winter

Winterzeit ist Lesezeit. Als passionierte Bücherfreund*innen wissen wir natürlich, das immer Lesezeit ist, aber tatsächlich machen die dicken Wälzer und die großen Geschichten in den kalten, dunklen Monaten des Jahres besonders viel Freude.

Ich habe vor einer Weile eine kleine Liste von Romanen und Sachbüchern angelegt, die ich in diesem Winter gerne zum ersten oder ein weiteres Mal lesen möchte. Alle werde ich bestimmt nicht schaffen und womöglich kommen noch ein paar unverhoffte Neuzugänge hinzu. Je nach Lust und Laune eben – eine mit fast bürokratischem Eifer organisierte „Lese-Challenge“ soll es auf keinen Fall werden. Vielmehr möchte ich nach jedem beendeten Buch einen kurzen persönlichen Eindruck teilen, so dass dieser Beitrag nach und nach wächst und bestenfalls zu einer Inspirationsquelle für Eure nächste winterliche Lektüre wird.

Daniel Mason: Der Wintersoldat

Gelangweilt vom sehr theoretischen Medizinstudium, meldet sich der junge Wiener Lucius Anfang 1915 freiwillig als Sanitätsoffizier und landet in einer zum Feldlazarett umfunktionierten Kirche im unwirtlichen Bergland Galiziens. Dort erwarten den blitzgescheiten Sprössling aus bestem Hause Herausforderungen, auf die er an der Universität nicht annähernd vorbereitet wurde. Schlimmste Kriegsverletzungen und damit einhergehende Infektionen erfordern ein beherztes und äußerst handfestes Einschreiten – trotzdem gibt es für einen nicht unerheblichen Teil der Patienten keine Rettung mehr. Einzig die resolute Kranken- und Ordensschwester Margarete bewahrt Lucius vor der Verzweiflung. Natürlich entspinnt sich bald eine zarte Bande zwischen den beiden Schicksalsgenossen.

Eine dramatische Wendung nimmt der ohnehin bedrückende Alltag im Lazarett, als immer mehr äußerlich weitgehend unversehrte, aber von den Erlebnissen an der Front schwer traumatisierte Soldaten im Lazarett eingeliefert werden. Unter diesen Männern ist auch der titelgebende „Wintersoldat“, den der unsichere Lucius nicht vor der Willkür höherrangiger Militärs schützen kann – ein Fehler, über den er lange nicht hinwegkommt. Gleichzeitig rückt das Kriegsgeschehen immer näher an das abgelegene Behelfskrankenhaus heran, was letzten Endes dazu führt, dass Lucius und Margarete, an deren Ordenszugehörigkeit es inzwischen doch arge Zweifel gibt, getrennt werden und sich aus den Augen verlieren.

Zurück in Wien scheitert Lucius weitgehend daran, den Weg zurück in ein normales Leben zu finden. Es hilft alles nichts: er muss sich auf die Suche nach Margarete machen, von der er wenig mehr als den Vornamen weiß und sich nicht einmal sicher sein kann, dass sie den Krieg und die folgende große Grippewelle überlebt hat.

Daniel Masons Roman hat alles, was ein herrlicher Schmöker für lange Winterabende braucht: Dramatik, Liebe, Verrat, Vergebung, überraschende Wendungen und prägnante Charaktere. Gerade in der ersten Hälfte ist „Der Wintersoldat“ mit seinen recht detaillierten Schilderungen von schwersten Verletzungen und Amputationen nichts für Zartbesaitete, aber mit zunehmender Dauer gerät die Geschichte in ein etwas ruhigeres Fahrwasser, was jedoch nicht zulasten der Spannung geht. Ein paar Längen gilt es zwischendurch zwar zu überbrücken und auch die Auflösung am Ende ist keine ganz große Überraschung, aber insgesamt lohnt sich die Lektüre auf jeden Fall.

  • Daniel Mason: Der Wintersoldat; Deutsch von Sky Nonhoff und Judith Schwaab; dtv Taschenbuch; 432 Seiten; ISBN: 978-3-423-14807-8.

David Park: Reise durch ein fremdes Land

Kurz vor Weihnachten: Ein Schneechaos hat die Britischen Inseln im Griff, die Flughäfen sind geschlossen, die Straßen kaum befahrbar. Bei diesen widrigen Bedingungen kämpft sich Tom von Nordirland ins englische Sunderland, um seinen kränkelnden Sohn an dessen Studienort abzuholen. Zum Fest – dem ersten nach einem schweren Schicksalsschlag – soll die Familie unbedingt vereint sein.

Auf der langen Fahrt hört Tom die Smiths, The National und Van Morrison und denkt viel nach. Über das vergangene Jahr, seine nicht immer glückliche Rolle als Vater und Ehemann, und seinen Beruf als Fotograf, der seine künstlerischen Ambitionen bald zugunsten von Hochzeits- und Familienfotografie aufgegeben hat.

Das mache ich oft – mir Bilder ausdenken, die in ein künftiges Glück führen sollen, aber sie bleiben nicht lang, verblassen fast sofort, nachdem sie ausgedruckt und dem Licht ausgesetzt sind, weil hartnäckigere, schmerzlichere an ihre Stelle treten, über die mein Wille keine Macht hat.

Mit „Reise durch ein fremdes Land“ ist David Park ein hervorragender Romangelungen – einfühlsam, klug und berührend. Vor allem das letzte Viertel des nur knapp 190 Seiten kurzen Buches ist dabei eine echte Wucht!

  • David Park: Reise durch ein fremdes Land; Deutsch von Michaela Grabinger; DuMont Taschenbuch; 192 Seiten; ISBN: 978-3-8321-6652-6

Katherine May: Überwintern

„Winter“ – das ist für Katherine May nicht nur eine Jahreszeit, sondern ein Sammelbegriff für all die Zeiten, in denen das Leben aus welchen Gründen auch immer komplett auf Eis liegt oder zumindest vorübergehend eine unerwartete Wendung nimmt. In „Überwintern“ (übrigens auch der Titel eines Gedichts von Sylvia Plath, das im Buch eine Rolle spielt) erzählt die Britin, mit welchen Strategien sich große Umbrüche und Herausforderungen etwas leichter bewältigen lassen und wie es gelingt, nach einer Phase des Ruhens und Heilens wieder aus dem „Winterschlaf“ herauszufinden.

„Überwintern“ ist zum Glück kein pseudowissenschaftlicher Ratgeber, sondern vielmehr ein ruhig und sympathisch erzähltes Memoir, aus dem man sich als Leserin oder Leser Anregungen fürs eigene Leben herauspicken kann. Eine Lektüre, die zwar nicht mit völlig neuen Erkenntnissen aufwartet, die aber beruhigt und Trost spendet – zumindest, wenn es sich beim gerade zu meisternden Winter wie in meinem Fall tatsächlich nur um den grauen, verregneten Januar handelt.

  • Katherine May: Überwintern. Wenn das Leben innehält; Deutsch von Marieke Heimburger; Insel Taschenbuch; 272 Seiten; ISBN: 978-3-458-68243-1.

Dörte Hansen: Zur See

Das kleine Frieren üben, weil irgendwann das große Frieren kommen wird.

Dieses Zitat ist nicht nur ein wertvoller Tipp, um für den nahenden Winter gewappnet zu sein, sondern auch eine aufs Wesentliche beschränkte Inhaltsangabe von „Zur See“. Wie in den beiden bisherigen Romanen von Dörte Hansen stehen auch diesmal die kleinen und großen Brüche und Veränderungen im Mittelpunkt – persönlich wie auch in größeren Zusammenhängen.

„Zur See“ führt uns auf eine Nordseeinsel, in der Jahrhunderte lang alles dem ewig gleichen Schema folgte: Die einen fuhren zur See, die anderen blieben an Land und warteten (oft vergebens) auf die Väter, Söhne oder Ehemänner. Dazwischen ab und an eine verheerende Sturmflut, von der man sich noch Generationen später erzählte. Irgendwann allerdings wurde weniger zur See gefahren, dafür kamen die Touristen. Erst als Sommerfrischler, die mehrere Wochen blieben, mit den einheimischen Familien am Tisch aßen und keine großen Ansprüche stellten. Später folgten für die immer zahlreicher und unverschämter werdenden Gäste gesichtslose Hotels, Souvenirläden mit allerlei Leuchtturm- und Anker-Kitsch, Kutschfahrten und Touristenfallen mit „authentischen“ Fischgerichten aus der Mikrowelle. Die alteingesessen Insulaner machten entweder als urige Gestalten in Fischerhemden und Trachten mit bei diesem Nordsee-Disneyland, verkauften ihren Grund an Investoren und ihre Häuser an betuchte Wochenendgäste vom Festland oder wurden zunehmend an den Rand gedrängt.

So wie Inselpastor Matthias Lehmann, der während der Urlaubssaison eine Art Seelsorge-Entertainer für die Touristen gibt und die Tagesränder, wie er es nennt, für seine eigentlichen Tätigkeiten in der Gemeinde und sein Privatleben nutzen muss, was leidlich gelingt. Sein Glaube beginnt zu bröckeln und die Ehe leidet – seine Frau Katrin mag zwar nicht von Trennung sprechen, zieht es aber dennoch vor, unter der Woche in einer Wohnung auf dem Festland zu leben („Nicht weg von dir. Weg von der Insel.“).

Noch mehr treffen die nicht mehr rückgängig zu machenden Veränderungen der Insel-DNA die seit Generationen dort lebende Familie von Hanne Sander, Bewohnerin des prächtigsten Kapitänshauses weit und breit. Ihr Mann Jens, einst ein stolzer Kapitän, hat sich vor 20 Jahren als Vogelwart auf eine vorgelagerte, menschenleere Insel zurückgezogen, weil er die Sommergäste in seinem Haus nicht mehr ertragen konnte. Ryckmer, der älteste Sohn und als Kapitän in die Fußstapfen des Vaters getreten, kann nicht vom Alkohol lassen, weshalb er inzwischen keine großen Tanker mehr steuert, sondern nur noch die kleine Touristenfähre und ansonsten in seinem alten Kinderzimmer sitzt, Fluttabellen studiert und darauf wartet, dass der Klimawandel die Insel wegspült. Henrik, der Jüngste, hatte nie etwas anderes im Sinn, als am Strand und am Meer zu sein, verdient mit seinen Treibgut-Skulpturen aber immerhin ganz gut an den wohlhabenden Neu- und Teilzeitinsulanern. Eske, die einzige Tochter der Familie, wollte sofort nach dem Abitur ganz weit weg von der Insel und den ihr verhassten Touristen, ist aber längst wieder zurück. Als Altenpflegerin kümmert sie sich um die langsam aussterbende alte Generation der Insulaner und versucht, die Sprache der Einheimischen zu bewahren und so ein letztes Stückchen vom Ursprünglichen, Echten zu retten.

Auf allen Inseln gibt es eine, die sich schämt für die Fischerhemden und die Kissen mit den Walen und den Ankern in den Hafenläden. Die die Wahrhaftigkeit vermisst und die Touristenautos an die Straßenränder drängelt.

Obwohl die Lektüre des Buches viele gute Gründe liefert, seine Ringelshirts in die Altkleidersammlung zu geben und den nächsten Nordsee-Urlaub zu stornieren, ist „Zur See“ keine bitterböse Abrechnung mit den Auswüchsen des Tourismus an den Küsten. Vielmehr stellt dieser leise Roman mit dem für Dörte Hansen typischen lakonischen Humor eine kaum zu beantwortende Frage: Wie kann ein Leben gelingen, wenn man sich in der Gegenwart zunehmend fremd fühlt, der Rückgriff auf die längst nicht so „gute alte“ Vergangenheit keine Option ist und die Zukunft nur mehr als Bedrohung erscheint? Eine Antwort hat dieses exzellente Buch leider nicht parat.

Dörte Hansen: Zur See; Penguin Verlag, 256 Seiten, ISBN: 978-3-328-60222-4.

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Im August gelesen

Schon wieder ist ein Monat vorbei und diesmal habe ich es leider verpasst, alle meine Lektüren auf einem Foto festzuhalten. Vielleicht klappt es ja im September wieder — als kleine Gedächtnisstütze sind diese Übersichtsbilder schließlich nicht schlecht.

Verglichen mit dem sehr erfreulichen Lesemonat Juli war der August nicht ganz so ertragreich. Allein schon hinsichtlich der Seitenzahl, aber auch hinsichtlich der Qualität des Gelesenen. Echte Ausreißer nach unten gab es zum Glück keine, aber ob auf der anderen Seite ein großes Highlight dabei war, wird sich erst im September noch herausstellen. Los ging es in den heißen Tagen zu Beginn des Monats mit zwei weiteren Krimis. „Bittersüße Zitronen“, den zweiten Capri-Krimi von Luca Ventura, habe ich recht gern gelesen (sogar lieber als den Vorgänger „Mitten im August“), wobei mich die ganze Machart schon sehr an die von den Öffentlich Rechtlichen produzierten TV-Krimis von diversen touristisch interessanten Orten erinnert hat — hübsche Kulisse und ein bestenfalls halbinteressanter Kriminalfall. (⭐⭐⭐)

Deutlich origineller fand ich da schon „Die Tote im Sturm“, den Auftakt zu einer neuen Schwedenkrimi-Reihe von Kristina Ohlsson. Sympathische Hauptfiguren und ein klug konstruierter Fall zum Miträtseln sind die Pluspunkte des angenehm unblutigen Krimis, den man sicher auch auf weniger als 540 Seiten hätte erzählen können. Getrübt wurde das Lesevergnügen allerdings durch die seltsame Entscheidung des deutschen Verlags, des Rätsels Lösung bereits im Titel auszuplaudern. (⭐⭐⭐1/2)

Nach so viel Mord und Totschlag durfte es dann mal wieder ein Klassiker sein, nämlich Truman Capotes „Die Grasharfe“ aus dem Jahr 1951. Mordopfer gibt es hier keine, wenngleich ein junger Mann bei einem Aufruhr eine Schussverletzung erleidet. Grund für die Auseinandersetzung ist die Besetzung eines Baumhauses durch ein Grüppchen von der Welt (und vor allem von der herrischen Verena Talbo) gegängelter Außenseiter um die kindlich-naive Dolly (Verenas Schwester) und den Waisenjungen Collin (Verenas Neffe). Ein humorvoller Südstaaten-Roman mit ernsthaften Untertönen, aber so recht gepackt hat mich das schmale Buch trotzdem nicht. (⭐⭐⭐)

Als großer Höhepunkt könnte sich schließlich „Papyrus“ herausstellen, Irene Vallejos ausgiebige Reise durch „die Geschichte der Welt in Büchern“. Nach gut 120 von — ohne den umfangreichen Anhang — rund 660 Seiten bin ich sehr angetan von der Lektüre. Die Erzählweise der Spanierin ist fesselnd, dazu erweist sie sich als wahre Meisterin der Abschweifung und des Exkurses. Vielleicht stören der manchmal fehlende Fokus und die kaum zu überblickende Masse an Fakten später noch ein wenig, aber bisher macht das Buch viel Freude. Und meine Lese- und Filmliste ist auch schon wieder ein ganzes Stück länger geworden.

Nach „Papyrus“ widme ich mich in den ersten Tagen des meteorologischen Herbstes dann dem Anfang August leider verstorbenen Jean-Jacques Sempé. Zwei Zusammenarbeiten mit Patrick Süskind habe ich mir herausgesucht, nämlich das wunderbare „Das Geheimnis des Fahrradhändlers“ (Text und Illustrationen von Sempé, deutsche Übersetzung von Süskind) und „Die Geschichte von Herrn Sommer“ (Text von Süskind, Illustrationen von Sempé).

Im Juli gelesen

Meine Lektüren im Juli: Passend zur Sommerhitze viel (Krimi-) Unterhaltung und wenig Anspruchsvolles. Erfreulicherweise haben mir drei der vier Bücher gut oder sogar sehr gut gefallen, nur Norbert Scheuers „Mutabor“ fand ich ein wenig rätselhaft. Angesichts des Vorgängers „Winterbienen“, der mich wirklich begeistert hat, leider eine kleine Enttäuschung. (⭐⭐1/2)

Ebenfalls ausführlicher auf dem Blog vorgestellt habe ich Peter Swansons sehr atmosphärischen, erfreulich unblutigen Thriller „Acht perfekte Morde“, der meine Leseliste um einige Klassiker der Kriminalliteratur bereichert hat. (⭐⭐⭐⭐)

Höhepunkte des Monats waren aber die beiden Bücher, die hier bisher nicht erwähnt wurden. Zum einen „Das Buch des Totengräbers“ von Oliver Pötzsch, das Ende des 19. Jahrhunderts in Wien spielt und mich ziemlich an die etwas später angesiedelten, großartigen August Emmerich-Krimis von Alex Beer erinnert hat. Da neben dem jungen Kommissar Leopold von Herzfeldt auch der titelgebende Totengräber und der Wiener Zentralfriedhof eine zentrale Rolle in der Handlung einnehmen, ist der Roman wunderbar morbide und schwarzhumorig — genau nach meinem Geschmack also. Der Nachfolger „Das Mädchen und der Totengräber“ steht bereits weit oben auf meiner Wunschliste. (⭐⭐⭐⭐1/2)

Eine unglaublich triste und traurige, dabei aber auch sehr zärtliche und berührende Familiengeschichte erzählt Chris Whitaker in „Von hier bis zum Anfang“. Die Mischung aus Rache-Western, Roadtrip und Liz Moores ebenfalls sehr empfehlenswertem Roman „Long Bright River“ mit ihren unvergesslichen Charakteren wird mich so schnell nicht loslassen. Ende Juni ist außerdem Chris Whitakers dem Vernehmen nach nach ähnlichem Muster gestrickter Debütroman „Was auf das Ende folgt“ in deutscher Übersetzung erschienen — sicher auch ein lesenswertes Buch. (⭐⭐⭐⭐1/2)

Für den August liegen nun erst einmal zwei weitere Krimis aus Italien und Schweden bereit und dann bin ich gespannt, wohin mich die Leseabenteuer des neuen Monats wohl noch führen. Genießt den Sommer (trotz der gerade enormen Hitze)!

Norbert Scheuer: Mutabor

Über die Jahre hat Norbert Scheuer in seinen Romanen einen faszinierenden Kosmos geschaffen, den er mit jedem folgenden Werk ausbaut und weiterspinnt. Stets eine Rolle spielen dabei das Örtchen Kall in der Eifel, das Urftland, der Rauschen und die Mitglieder der Familie Arimond; Motive und Personen aus früheren Büchern werden viel später wieder aufgegriffen und aus einer anderen Perspektive beleuchtet. Das ist auch in „Mutabor“, dem schmalen neuen Roman des 1951 geborenen Autors nicht anders. Sogar Egidius Arimond, der Held des großartigen Vorgänger-Romans „Winterbienen“, wird kurz einmal erwähnt, wobei die Handlung deutlich näher am 2017 erschienenen „Am Grund des Universums“ ist.

Im Zentrum des Geschehens steht diesmal Nina Plisson, eine Außenseiterin in Kall. Der Vater unbekannt, die Mutter irgendwann verschwunden, wächst Nina zunächst bei der herrischen Großmutter und dem sanften Großvater auf, der mit seinem alten Opel Kapitän am liebsten nach Byzanz zum Palast der Störche fahren möchte. Nach dem Tod der Großeltern schmeißt Nina schnell die Schule und wird das, was die mitunter sehr übergriffigen Betreuer vom Jugendamt einen „Sozialfall“ nennen. Einzig die pensionierte Lehrerin Sophie Molitor sieht Potenzial in dem Mädchen und ermutigt es, seine Geschichte aufzuschreiben und Nachforschungen zu ihrerseiner Vergangenheit anzustellen. Die märchenhaften, an Traumsequenzen erinnernden Aufzeichnungen der inzwischen volljährig gewordenen Protagonistin wechseln sich ab mit Szenen aus Ninas Leben, das zwischen Dramatischem wie einer Gruppenvergewaltigung und Banalem wie Nebenjobs als Zeitungsausträgerin und Aushilfe bei Evros, dem griechischen Gastwirt mit einem Faible für Mythologie, Stunden in der tristen Cafeteria des örtlichen Supermarkts oder der Sorge um ihren schwer verwundet von einem Afghanistan-Einsatz zurückgekehrten Schwarm Paul Arimond (übrigens der Urgroßneffe des Imkers Egidius) zwar eine große Bandbreite, aber nur wenig Erfreuliches zu bieten hat.

Und just, als Licht ins Dunkel zu kommen scheint und Entscheidungen anstehen, bricht die große Flut des Sommers 2021 über das Urftland herein und hinterlässt auch in Kall Verwüstung und schwere Schäden.

Er meint, das Leben sei vergleichbar mit einer leeren Flasche, die auch nur Sinn habe, wenn man etwas hineinfüllt, egal was, es müsse nur etwas hinein, das glücklich macht.

Norbert Scheuer: Mutabor

War „Winterbienen“ zuletzt noch ein unmittelbar zugänglicher Roman, verlangt „Mutabor“ seiner Leserschaft trotz des geringen Umfangs von nicht einmal 190 Seiten — davon über 30 mit wunderbaren Zeichnungen von Norbert Scheuers Sohn Erasmus — deutlich mehr ab. Griechische Mythologie, Querverweise auf Scheuers andere Romane, Märchen (nicht umsonst trägt der Roman das Zauberwort aus Wilhelm Hauffs „Kalif Storch“ als Titel) und sogar Virginia Woolf, auf deren „Orlando“ in Gestalt einer Schildkröte angespielt wird — es steckt jede Menge drin in dieser etwas rätselhaften Geschichte vom Erwachsenwerden der Nina Plisson. Man muss sich schon einlassen wollen auf diesen Roman. Tut man es aber, gehört „Mutabor“ auf jeden Fall zu den Büchern, die man im Laufe der Zeit immer wieder aus dem Regal zieht.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Maren Gottschalk: Fräulein Steiff

Die Historikerin und Autorin Maren Gottschalk hat bereits Bücher über Sophie Scholl, Astrid Lindgren, Nelson Mandela und zuletzt Frida Kahlo veröffentlicht. In ihrer neuen Romanbiografie widmet sie sich Margarete Steiff — eine Persönlichkeit, die mich nicht zuletzt deshalb interessiert, weil ich seit jeher ein großer Freund der wunderbaren Stofftiere dieser Marke bin und mich mein treuer Bär auch heute noch auf jeder Reise begleitet.

Schon die erste Szene in „Fräulein Steiff“ ist ganz entscheidend. Im Jahr 1879 näht die 32 Jahre alte Margarete Steiff in ihrer kleinen Werkstatt in Giengen an der Brenz, in der sie Filzwaren im Auftrag einer größeren Stuttgarter Fabrik fertigt, als Geburtstagsgeschenk für ihre Schwägerin Anna ein Nadelkissen in Form eines Elefanten. Allerdings ist vor allem Annas dreijähriger Sohn von dem „Elefäntle“ so sehr hingerissen, dass Margarete eine Idee kommt: Warum nicht Filztiere zum Spielen und Liebhaben für alle Kinder produzieren und damit eine eigene Firma gründen? Trotz einiger Widerstände hält die kreative und kluge Geschäftsfrau an ihrem Plan fest und legt den Grundstein für ein Unternehmen, das auch fast 150 Jahre später weltweit einen exzellenten Ruf genießt.

Der Teddybär, der einem beim Stichwort „Steiff“ sofort in den Sinn kommt, hat es übrigens erst später — um 1900 herum — ins Sortiment geschafft und war zunächst im fernen Amerika ein Verkaufsschlager.

Es ist kein böser Bär, vor dem man Angst haben muss, sondern ein durch und durch lieber Bär, ein Freund. Ein Bär, dem man alles erzählen kann.

Maren Gottschalk: Fräulein Steiff
Mit dem „Elefäntle“ fing alles an.

„Fräulein Steiff“ ist ein kurzweiliger, in einem sympathischen Tonfall und mit viel Zeitkolorit erzählter Roman, der das Leben der Margarete Steiff nachzeichnet, wie es gewesen sein könnte. Neben Details aus der Biografie und der Firmengeschichte sowie echten Personen aus dem Umfeld der Geschäftsfrau gibt es auch eine Reihe fiktiver Begebenheiten und Charaktere, die dazu dienen, das Geschehen lebhafter und die Protagonistin greifbarer zu machen. Mit Erfolg, denn als Leser*in lernt man Margarete Steiff als eine humorvolle, liebenswerte Frau kennen, mit der man zu gerne befreundet gewesen wäre.

Obwohl Margarete nach einer Polio-Erkrankung gelähmt und auf den Rollstuhl sowie fremde Hilfe bei vielen alltäglichen Dingen angewiesen war — im 19. Jahrhundert ein riesiger Makel und eine große Last für die Familie — war sie zeitlebens ein lebhafter, neugieriger Mensch, der unbeirrt seine Pläne und Ziele verfolgte. Statt zur „unnützen Esserin“ zu werden, wie von der oft sehr grausamen Mutter prophezeit, sicherte Margarete Steiff dank ihrer Kreativität und Beharrlichkeit Familienangehörigen und vielen Menschen aus ihrer Heimatstadt — vor allem Frauen, die als Näherinnen eine Anstellung fanden — den Lebensunterhalt und bereitete mit ihren Stofftieren bis heute Millionen eine große Freude. Mit „Fräulein Steiff“ ist Maren Gottschalk eine lesenswerte Hommage an diese außergewöhnliche Frau gelungen.

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J. L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp

Dem DuMont Buchverlag ist es zu verdanken, dass die Romane des 1994 verstorbenen britischen Autors J. L. Carr in wunderbarer Aufmachung (man beachte die Halskrause auf dem Einband des neuesten Buches!) und der hervorragenden Übersetzung von Monika Köpfer nach und nach auch ihren Weg zur deutschen Leserschaft finden. Angefangen mit dem immens erfolgreichen „Ein Monat auf dem Land“ wurden inzwischen fünf der acht Romane des ehemaligen Lehrers und spätberufenen Schriftstellers und Verlegers Carr auf Deutsch veröffentlicht — ganz aktuell das im Original 1988 erschienene „Leben und Werk der Hetty Beauchamp“.

Protagonistin des Romans, der auf Englisch etwas treffender und weniger prätentiös „What Hetty Did“ heißt, ist die 18 Jahre alte Ethel „Hetty“ Birtwisle, eine literaturbegeisterte, altkluge Einserschülerin. Mit ihrer Intelligenz und dem Faible für Lyrik ist Hetty in ihrem Heimatstädtchen im recht dünn besiedelten, landwirtschaftlich geprägten Fenland im Osten Englands eher eine Außenseiterin, und auch in ihrer eher bildungsfernen Familie mit dem jähzornigen Vater fühlt sie sich recht fremd. Einschneidende Ereignisse führen schließlich dazu, dass Hetty kurz nach dem Schulabschluss Reißaus nimmt. Zuerst endet ein Streit mit dem Vater handgreiflich (in der Auseinandersetzung bezieht dieser allerdings sehr zu meiner Freude selbst ordentlich Prügel), dann erfährt Hetty, dass sie — ebenso wie ihr jüngerer Bruder — adoptiert ist. Es gibt also keinen Grund, noch länger an dem Ort zu bleiben, den sie insgeheim schon immer verabscheut hat. Das Ziel steht auch schon fest:

Nach London! In den Büchern landen Ausgestoßene immer dort. Ich habe jedenfalls noch nie von jemandem gelesen, der sein Glück in Stoke-on-Trent gefunden hat.

J. L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp

Durch einen Zufall landet Hetty aber schließlich nicht in London, sondern in Birmingham in der von allerlei liebenswert schrägen Figuren bewohnten Pension der resoluten Rose Gilpin-Jones. Hier legt Hetty erst einmal ihren alten Nachnamen ab und nennt sich fortan Hetty Beauchamp. Aller Aufbruchsstimmung zum Trotz muss sie aber schnell feststellen, dass es im grauen Thatcher-England gar nicht so einfach ist, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen…

Ich hatte gelernt, dass das Leben nicht wie in den Büchern war […]. Auf das Leben war kein Verlass. Das Leben war unberechenbar. Das Leben schwang wild von hier nach da, ohne jeden Sinn. Und meistens geschah es nicht so, wie man von Rechts wegen eigentlich erwarten durfte, dass es geschehen würde.

J. L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp

Dafür, dass „Leben und Werk der Hetty Beauchamp“ bereits fast 35 Jahre auf dem Buckel hat, ist der Roman erfreulich wenig angestaubt. Kein Wunder, denn eine Geschichte wie die der jungen Hetty, die ihren Platz im Leben sucht, kommt eigentlich nie aus der Mode. Abgesehen davon ist das leichtfüßig geschriebene Buch mit seinem feinen Humor und dem teils sarkastischen Witz auch sprachlich ein großes Vergnügen — umso mehr, wenn man sich (anders als ich) sehr gut mit englischer Literatur auskennt, auf die ständig Bezug genommen wird.

Ein besonders interessanter Aspekt nicht nur von „Leben und Werk der Hetty Beauchamp“ ist der Umstand, dass J. L. Carr Figuren und Orte seiner Bücher mehr oder weniger prominent auch immer wieder in seinen anderen Romanen auftreten lässt. Um diese ganzen Querverweise zu verstehen, dürfte es sich also lohnen, das Werk des Briten noch ein weiteres Mal aufmerksam zu lesen, wenn es erst einmal komplett auf Deutsch vorliegt.

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Diane Cook: Die neue Wildnis

Mit ihrem im Sommer 2020 erschienenen Debütroman „The New Wilderness“ gelang der Amerikanerin Diane Cook gleich der Sprung auf die Shortlist des Booker Prize. Inzwischen steht der dystopische Roman auch in der deutschen Übersetzung von Astrid Finke in den Regalen der Buchhandlungen. Trotz der vielen Vorschusslorbeeren und der durchaus interessanten Thematik war „Die neue Wildnis“ für mich leider eine eher zähe Lektüre.

Die Grundidee des in näherer Zukunft spielenden Buches ist ziemlich nah an der Realität. Diane Cook denkt bereits bestehende Probleme konsequent weiter und entwirft eine Welt, die der unseren nicht allzu fern, aber kaum noch lebenswert ist. Ein Großteil der Menschheit vegetiert zusammengepfercht in aus allen Nähten platzenden Megastädten mit schlechter Luft und hoher Kriminalitätsrate dahin, während der große Rest der vom Klimawandel gezeichneten Landfläche dazu da ist, den Ressourcenhunger der Metropolen zu befriedigen. Echte Natur existiert nur noch im von der Regierung geschaffenen „Wildnis-Staat“, einer Art großem Nationalpark. In einer wissenschaftlichen Studie soll herausgefunden werden, ob der Mensch überhaupt in der Lage ist, in Einklang mit der Natur zu leben (die Frage wird im Lauf des Buches geklärt, wobei die Antwort kaum zu überraschen vermag). Dazu werden 20 Frauen, Männer und Kinder ausgewählt, die streng reglementiert unter einfachsten Verhältnissen und den wachsamen Augen unnachsichtiger Ranger als nomadische Gemeinschaft im „Wildnis-Staat“ leben. Zu den ersten Siedlern gehören Bea und ihr Mann Glen, die sich vor allem wegen der angeschlagenen Gesundheit ihrer (Stief-) Tochter Agnes auf das Experiment eingelassen haben. Während sich Agnes, der die Stadt buchstäblich die Luft zum Atmen geraubt hat, in der Natur bald erholt, haben Bea und Glen wie alle anderen Siedlerinnen und Siedler mit diversen Problemen zu kämpfen. Bea hadert hin und wieder damit, ihr Dasein als Designerin in der Stadt hinter sich gelassen zu haben, und Glen, als Professor für Frühgeschichte ein Experte für primitive menschliche Lebensformen, muss sich eingestehen, dass Theorie und Praxis zwei Paar Schuhe sind. Hinzu kommen allerlei Gefahren, die in der Wildnis lauern, Streitigkeiten darüber, wer in der Gruppe das Sagen hat, und — gegen Ende — eine Entscheidung der Regierung, die existenzielle Folgen für die Gemeinschaft hat.

Das alles hat schon seinen Reiz und ist zweifellos klug konstruiert, aber wirklich fesseln konnte mich „Die neue Wildnis“ nicht. Der Roman mag trotz einiger drastischer Momente nicht auf Knalleffekte und aufregende Abenteuer ausgelegt sein, aber ganz so spröde hätte die Handlung nun auch nicht erzählt werden müssen. In nicht wenigen Passagen des knapp 540 Seiten starken Buchs laufen die Protagonist*innen vom einen Ort zum anderen oder diskutieren schier endlos über irgendwelche demnächst anstehenden Entscheidungen. Dementsprechend froh war ich, als ich das Buch wieder zuklappen konnte — schade drum, denn meiner Meinung nach wurde hier viel Potenzial liegengelassen.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Volker Widmann: Die Molche

Ein fränkisches Dorf, Anfang der 1960er Jahre: Der elfjährige Max und vor allem sein verträumter jüngerer Bruder haben es als Zugezogene nicht leicht unter den oft recht vierschrötigen Alteingesessenen. Gerade die Bande um den brutalen Tschernik macht den beiden das Leben zuweilen zur Hölle. An einem Wintertag kommt es schließlich zur Katastrophe: Der Jüngere, von Tschernik und seinen Freunden in eine Ecke getrieben, wird von einem Stein am Kopf getroffen und bricht tot zusammen. Dass er nicht den Mut hatte, seinem Bruder zur Hilfe zu eilen, macht Max mindestens genauso schwer zu schaffen, wie die Reaktion der Erwachsenen auf diesen schrecklichen Vorfall. Alle, einschließlich der eigenen Eltern, sind sich einig, dass eben eine harmlose Balgerei zwischen Jungs zu einem tragischen Unglück geführt hat. Immerhin hatte der zu Tode gekommene Bub ja schon immer ein schwaches Herz…

Überhaupt sind die Erwachsenen in Volker Widmanns Debütroman „Die Molche“ wahre Meister darin, nicht genau hinzusehen und Unbequemes einfach totzuschweigen. Die Mütter sind in allererster Linie für Heim und Herd zuständig, die Väter entweder nicht da (so wie Max‘ Vater, der an einem Forschungsinstitut in der Stadt arbeitet und nur an den Wochenenden zur Familie ins Dorf kommt) oder vom Krieg physisch und psychisch schwer gezeichnete Gestalten, die sich für ihre Kinder höchstens dann interessieren, wenn es darum geht, sie zu züchtigen. Mit ihren Sorgen und Nöten sind die Kinder weitgehend alleine, Probleme und Streitigkeiten müssen sie selbst untereinander regeln. So geht es auch Max, der sich nach dem Tod des Bruders zuerst zurückzieht und später beschließt, zusammen mit seinen neu gewonnenen Freunden Heinz und Rudi sowie der unerschrockenen Marga etwas gegen Tschernik zu unternehmen.

Mit „Die Molche“ ist dem 1954 geborenen Volker Widmann ein leiser, aber eindringlich erzählter Coming-of-Age-Roman geglückt, der zuweilen an (Film-) Klassiker wie „Krieg der Knöpfe“ oder „Stand By Me“, aber auch an Paul Maars großartige Kindheitserinnerungen „Wie alles kam“ denken lässt. Natürlich spielt der entscheidende Teil der Handlung im Sommer, denn die einschneidenden Dinge zwischen Kindheit und Erwachsenwerden passieren bekanntlich immer im Sommer, ehe dann im Herbst alles anders ist.

Die Thematik um Freundschaft, Zusammenhalt und die erste Liebe wurde natürlich bereits mehr als ausgiebig erzählt, aber nicht zuletzt dank der wunderbaren Naturbeschreibungen (ähnlich gekonnt hat die flirrende Atmosphäre endloser Sommertage zuletzt Ewald Arenz in „Der große Sommer“ eingefangen) und der kritischen Auseinandersetzung mit der Sprachlosigkeit der Kriegsgeneration ist „Die Molche“ eben doch weit mehr als nur eine weitere Momentaufnahme aus der verwirrenden Zeit kurz vor der noch viel verwirrenderen Pubertät. Ein äußert lesenswerter Roman!

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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