The Final Six

Gestern wurde in der Rezension zu Mary Lawsons lesenswertem Roman „Im letzten Licht des Herbstes“ die Bekanntgabe der Shortlist des diesjährigen Booker Prize erwähnt. Lawson stand (bereits zum zweiten Mal) auf der Longlist, schaffte es aber leider nicht in die Endauswahl.

Folgende Bücher wurden in die „Final Six“ gewählt — wer am Ende das Rennen macht, entscheidet sich am 3. November. Besonders erfreulich: Für drei der Shortlist-Romane ist bereits eine deutsche Übersetzung geplant, zwei davon erscheinen noch in diesem Monat.

Die Finalist*innen im Überblick:

  • Damon Galgut: The Promise
  • Anuk Arudpragasam: A Passage North
  • Patricia Lockwood: No One Is Talking About This (dt. Titel „Und keiner spricht darüber“, ab 8. März 2022 in der Übersetzung von Anne-Kristin Mittag bei btb)
  • Nadifa Mohamed: The Fortune Men (dt. Titel „Der Geist von Tiger Bay“, ab 16. September in der Übersetzung von Susanne Urban bei C. H. Beck)
  • Richard Powers: Bewilderment (dt. Titel „Erstaunen“, ab 29. September in der Übersetzung von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié bei S. Fischer)
  • Maggie Shipstead: Great Circle

Ein leiser Held

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © dtv

Mit „Winterbienen“ schaffte es 2019 zum zweiten Mal ein Roman von Norbert Scheuer auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis (die Premiere war bereits zehn Jahre zuvor mit „Überm Rauschen“). Gewonnen hat er den öffentlichkeitswirksamen Preis bislang noch nicht, aber vermutlich kann der Autor aus der Eifel, der Ende dieses Jahres seinen 70. Geburtstag feiert, damit ganz gut leben. Immerhin wurden seine Bücher mit allerlei anderen Literaturpreisen gewürdigt und zu Recht fast durch die Bank von Kritik und Leserschaft gelobt.

Womöglich kann man nach dieser Einleitung schon erahnen, dass auch mir „Winterbienen“ sehr gut gefallen hat — trotzdem an dieser Stelle erst einmal etwas mehr zum Roman:
Hauptfigur des Buches ist Egidius Arimond (die Familie Arimond taucht im Werk Norbert Scheuers in schöner Regelmäßigkeit auf), der seine Erlebnisse und Gedanken zwischen Winter 1944 und dem Kriegsende im Mai 1945 in meist eher knappen Tagebucheinträgen festhält. Arimond ist — so stelle ich es mir jedenfalls vor, denn genaue Angaben werden dazu nicht gemacht — um die Vierzig, lebt wie Norbert Scheuer in einer Kleinstadt in der Eifel und verdient seinen Lebensunterhalt inzwischen als Imker. Ursprünglich war die Bienenzucht, in der Familie von Generation zu Generation weitergegeben, lediglich ein Nebenerwerb, doch seinen eigentlichen Beruf als Latein- und Geschichtslehrer an einem Gymnasium musste er aufgeben. Zwangspensioniert wegen seiner Epilepsie, die ihn in den Augen der Nazis zu einem wertlosen Mitglied der Volksgemeinschaft macht. Dass ihm neben der Pensionierung sowie der Sterilisation nicht noch schlimmere Repressalien drohen, verdankt er vermutlich seinem Bruder Alfons, der als hochdekorierter Flieger hohes Ansehen genießt. Trotz aller Einschränkungen hat die Krankheit auch ein paar Vorteile für den Protagonisten. Anders als die Ehemänner der Frauen, zu denen er amouröse Verhältnisse pflegt, muss er nicht an die Front, sondern kann sich relativ unbehelligt seinen Bienen und in der Bibliothek den Studien über seinen Vorfahren Ambrosius Arimond, einem Mönch aus dem 15. Jahrhundert, widmen.

Dennoch nimmt in den letzten Kriegsjahren auch der Druck auf Egidius Arimond stetig zu. Die vergleichsweise ruhige Eifel gerät durch das Vorrücken der Alliierten von Westen her zunehmend ins Zentrum des Kriegsgeschehens, was sich allein schon an den feindlichen Flugzeugen festmachen lässt, die Tag für Tag in größerer Zahl am Himmel auftauchen. Außerdem sind die Medikamente, auf die er dringend angewiesen ist, nur noch in geringen Mengen und zu astronomischen Preisen erhältlich. Um sich diese leisten zu können, setzt sich Arimond einer zusätzlichen Gefahr aus: er versteckt Juden in einem Stollen im Wald und schmuggelt sie später in präparierten Bienenkästen über die belgische Grenze.

Es überlebt, wer gelernt hat,
im Verborgenen zu leben

Norbert Scheuer: Winterbienen

Es sind teils dramatische und aus heutiger Sicht kaum vorstellbare Dinge, die Egidius Arimond, dessen Figur ein wenig an Lars Westin aus Lars Gustafssons Roman „Der Tod eines Bienenzüchters“ erinnert, in seinem Tagebuch festhält. Dabei macht er kaum einen Unterschied, ob er über Alltägliches wie einen Cafébesuch, die Imkerei oder über den brandgefährlichen Einsatz als Fluchthelfer schreibt. Die Sprache bleibt immer klar, nüchtern und ein wenig distanziert. Einblicke in sein Gefühlsleben gibt er nur selten, doch je weiter der Krieg fortschreitet, desto mehr machen sich Beklemmung und Angst bemerkbar. Besonders eindringlich sind natürlich die Passagen, in denen es um die — nicht immer erfolgreichen — Rettungsaktionen geht. Auch darüber verliert Arimond keine großen Worte, sondern betont stattdessen immer wieder, dass er ja das Geld für seine Medikamente bräuchte. So bleibt die Hauptfigur dieses hervorragenden Romans als ein leiser Held in Erinnerung. Ein unscheinbarer Typ, der im richtigen Moment das Richtige tut.

  • Norbert Scheuer: Winterbienen (dtv; 320 Seiten; ISBN: 978-3-423-14780-4)

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Monatsrückblick Januar ’21

Foto von mir (Archivaufnahme vom September 2018)

„Es fängt an, wie es aufgehört hat“ — dieser Titel eines mehr als zehn Jahre alten Clickclickdecker-Songs drängt sich bei der Rückschau auf den Januar geradezu auf. Wir haben ein neues Jahr, sind aber nach wie vor (wie es in besagtem Song heißt) „versunken im dunklen Einheitsbrei“ von 2020. Selbstverständlich habe auch ich neben den tapfer durchgehaltenen täglichen Spaziergängen bei teils gruseligem Wetter jede Menge Zeit zu Hause verbracht.
Übermäßig viel gelesen habe ich allerdings erstaunlicherweise nicht. Gerade einmal vier Bücher (*), von denen nur der Wisting-Krimi knapp über 400 Seiten hatte, stehen auf der Habenseite. Zwei neuere und zwei, die ich nach langer Zeit wieder gelesen habe, nämlich:

  • Beatrix Kramlovsky: Fanny oder Das weiße Land –> mehr dazu hier
  • Otfried Preußler: Krabat –> mehr dazu hier
  • Jørn Lier Horst: Wisting und der Atem der Angst
  • Stefan Zweig: Schachnovelle

(*) begonnen habe ich außerdem mit „Winterbienen“ von Norbert Scheuer — allerdings liegen da noch einige Seiten vor mir

Bei den „Wiederentdeckungen“ war ich überrascht, dass mir die Grundzüge der Handlung noch zu einem großen Teil präsent waren. Und das, obwohl ich (aber nicht nur ich, wie dieser lesenswerte Artikel von Dorothea Wagner im SZ Magazin beweist) den Inhalt eines Buches oft schon vergessen habe, kurz nachdem ich es nach beendeter Lektüre zur Seite gelegt habe.
Auf der anderen Seite gab es aber auch viele Stellen und Aspekte, die mir nahezu völlig unbekannt vorkamen. In der „Schachnovelle“ hat mir nun die Szene besonders gut gefallen, in der Dr. B. nach mehreren Monaten der Isolationshaft in einem spartanisch eingerichteten Zimmer in einem Verhörraum einen Mantel erspäht, dessen Tasche verdächtig ausgebeult ist:

Ich trat näher heran und glaubte an der rechteckigen Form der Ausbuchtung zu erkennen, was diese etwas geschwellte Stelle in sich barg: ein Buch! Mir begannen die Knie zu zittern: ein BUCH!

Nur der Vollständigkeit halber: Dr. B. kann nicht anders, als dieses Buch zu stehlen und in seine Zelle zu schmuggeln. Wer die „Schachnovelle“ kennt, weiß natürlich, dass es sich bei dem Buch um eine Zusammenstellung berühmter Schachpartien handelt, mit deren Hilfe Dr. B. schließlich zum Schachgenie wider Willen wird…

Was nun der Februar bringen mag? Vermutlich noch mehr Spaziergänge und noch mehr Zeit zu Hause. Vielleicht auch wieder mehr Bücher (der dritte Band von Alex Beers Wien-Krimis liegt schon bereit, außerdem gibt es ein neues Buch von Julian Barnes und mit „Hard Land“ erscheint Ende des Monats der nächste Roman von Benedict Wells) und ganz vielleicht sogar den so lange herbeigesehnten Museumsbesuch. Im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg eröffnet am 18. Februar mit „Europa auf Kur. Ernst Ludwig Kirchner, Thomas Mann und der Mythos Davos“ eine sehr vielversprechende neue Sonderausstellung — wie schön wäre es, wenn man sich diese „in echt“ ansehen könnte!

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Lektüre im August

WolffSchon wieder ein Monat (und damit auch dieser seltsame Sommer — zumindest in meteorologischer Hinsicht) vorbei und anders als im Juli, als meine Lektüren in den beiden Monatshälften thematisch jeweils recht gut zusammengepasst haben, war der August eher eine bunte Tüte. Los ging es mit „Liebe machen“, einem unterhaltsamen Roman von Moses Wolff. Mir hat das Buch ein paar vergnügliche, unbeschwerte Lesestunden bereitet, aber die Kritikpunkte, die im Buchperlenblog genannt werden, kann ich dennoch sehr gut nachvollziehen.


pochada„Visitation Street“ von Ivy Pochada knüpfte dann eher wieder an die beiden Bücher aus der ersten Juli-Hälfte an, wobei (Polizei-) Gewalt und Rassismus in der in der Gegenwart angesiedelten Geschichte nicht ganz so sehr im Zentrum stehen wie bei Colson Whitehead und Thomas Mullen. Vielmehr entwirft Ivy Pochada in ihrem Roman ein vielschichtiges Porträt eines Viertels in Brooklyn und dessen Bewohner*innen, die mit allerlei Problemen zu kämpfen haben.


DuveIn einer komplett anderen Welt spielt meine aktuelle und erst zur Hälfte beendete Lektüre. „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ von Karen Duve ist ein gerade in sprachlicher Hinsicht wunderbarer Historienschmöker über die junge Annette von Droste-Hülshoff, ihre ausufernde Familie und allerlei weitere Zeitgenossen wie die Gebrüder Grimm. Mit dem sehr umfangreichen Figurentableau hatte ich vor allem zu Beginn doch einige Probleme, aber mit der Zeit wuchs mir gerade die Hauptfigur, die zwischen den ganzen gezierten Biedermeiergestalten doch sehr emanzipiert und modern wirkt, sehr ans Herz.

Adlige Jungfern und aufstrebende Bürgerinnen zwitscherten wie frisch geschlüpfte Vögelchen. Nicht so Fräulein Nette. Ihr Alt dröhnte ungefragt dazwischen, wenn eine Herrenrunde sich ungestört glaubte, beleidigte die sensiblen Ohren der Männer und erschütterte ihr fragiles Selbstbewusstsein.


Zum Abschluss — wie gehabt — noch zwei kurze Empfehlungen zum Weiterlesen:

  1. Am 10. September erscheint mit „Hamster im hinteren Stromgebiet“ der fünfte Band von Joachim Meyerhoffs „Alle Toten fliegen hoch“-Reihe, in dem sich der Schauspieler und Autor mit seinem vor gut drei Jahren aus nahezu heiterem Himmel erlittenen Schlaganfall und dessen Folgen auseinandersetzt. Im aktuellen ZEIT-Magazin (Ausgabe 36/2020) findet sich ein bei aller Ernsthaftigkeit des Themas äußerst kurzweiliges Interview, das große Lust auf das Buch macht.
  2. Im kommenden Mai wird Nele Pollatschek („Das Unglück anderer Leute“) als Stadtschreiberin in meiner Heimatstadt Ansbach weilen. Über Sinn und vor allem Unsinn solcher Aufenthaltsstipendien für Schriftsteller*innen hat Ronja von Rönne schon vor mehr als fünf Jahren einen auch heute noch uneingeschränkt empfehlenswerten Text geschrieben. Trotzdem bin ich natürlich gespannt aufs Frühjahr 2021.

📷 Coverfotos © Piper Verlag, ars vivendi Verlag, Kiepenheuer & Witsch