Miika Nousiainen: Quality Time

Nach Olli Jalonens „Die Himmelskugel“ ist „Quality Time“ bereits die zweite Neuerscheinung eines finnischen Autors, die in diesem Jahr den Weg in mein Blog gefunden hat. Anders als der recht sperrige Historienschinken seines Landsmannes ist Miika Nousiainens Roman eine locker und humorvoll erzählte Geschichte um sehr gegenwärtige Probleme — Nick Hornby lässt grüßen!

Hauptfigur von „Quality Time“ ist der Enddreißiger Sami aus Helsinki, der sich sehnlichst eine eigene Familie wünscht, sich bei der Wahl der richtigen Partnerin aber äußerst ungeschickt anstellt und zuverlässig in jedes Fettnäpfchen tappt, das ihm auf seinem Weg begegnet. Eine seiner Fehlentscheidungen bringt ihm sogar Ärger mit einer Rockergang ein — ein Running Gag, der sich durch die gesamte Handlung zieht.
Neben Sami selbst kommen außerdem vier weitere zentrale Figuren zu Wort, die allesamt Verwandte oder enge Freunde des Protagonisten sind. Samis Schwester Hanna teilt das Schicksal der ungewollten Kinderlosigkeit mit ihrem Bruder. Zwar ist sie verheiratet, aber dummerweise liegt genau darin das Problem. Sehr zum Verdruss ihrer und Samis Mutter Asta, die nach dem Tod ihres Mannes unter großer Einsamkeit leidet und unbedingt bald Oma werden möchte, was sie ihren Kindern bei jeder sich bietenden Gelegenheit unter die Nase reibt. Ganz anders sieht es bei Markus aus, der seit Kindertagen mit Sami befreundet ist und sich als alleinerziehender Vater dreier Töchter zwar redlich bemüht, aber gelegentlich unter der Last zusammenbrechen zu droht. Der bedauernswerte Pechvogel Nojonen dagegen, ein anderer Kumpel von früher, hat seine eigenen Bedürfnisse schon lange zurückgestellt, um seine schwer kranken Eltern zu pflegen.

Zu Beginn der Romanhandlung begegnen wir all diesen Figuren an Wendepunkten in ihrem Leben. Momenten, die nach einer Entscheidung verlangen, weil es so wie bisher einfach nicht weitergehen kann. Selbstredend sind nicht alle der folgenden Entscheidungen wohlüberlegt und machen nicht selten alles nur noch schlimmer. Erst recht, wenn sie auf Basis von Ratschlägen einer scheinbar perfekten und glücklichen Lifestyle-Bloggerin (auf diesen fiktiven Blog bezieht sich übrigens auch der Titel des Buchs) getroffen wurden. Wie die Motorradgang taucht auch die Bloggerin immer wieder auf und in beiden Fällen ist am Schluss nichts so, wie es anfangs scheint. Da entpuppen sich die harten Kerle als Typen mit dem Herz am richtigen Fleck und die Nervensäge mit den Motivationssprüchen ist eine ganz normale, nette Frau mit völlig alltäglichen Problemen.

Miika Nousiainen begegnet seinen keineswegs fehlerfreien, aber durchweg liebenswerten Charakteren mit viel Empathie und einem guten Gespür für Situationskomik. Obwohl „Quality Time“ insgesamt ein heiterer Roman ist, gibt es doch immer wieder Szenen, die ernsthaft, traurig und einem aus eigener Erfahrung nur allzu bekannt sind. Dass alles auf ein Happy End zusteuert, zeichnet sich zwar sehr früh ab, trübt den Lesespaß aber nur minimal — immerhin gönnt man Sami und den anderen ihr Glück von Herzen.

In Sachen literarischer Anspruch mag „Quality Time“ zwar nicht der ganz große Wurf sein, dafür ist Miika Nousiainen aber ein äußerst kurzweiliger und sympathischer Feelgood-Roman gelungen, den man mit viel Freude liest. Unbedingt empfehlenswert!

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Ein kurzer Augenblick

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Fehmarn, Anfang September 1970: Auf der Ostseeinsel findet mit dem „Festival der Liebe“ eine Art deutsches Pendant zu Woodstock statt, wobei von Beginn an fast alles schief geht, was nur schief gehen kann. Zahlreiche berühmte Bands sagen ihre Teilnahme kurzfristig ab, auf dem von Wind und Regen gebeutelten Festivalgelände herrschen katastrophale hygienische Zustände, Sponsorin Beate Uhse reist entnervt ab und die Veranstalter werden wegen der chaotischen Organisation beinahe gelyncht. Allerdings gibt es in all dem Durcheinander auch einige Momente, die Musikgeschichte schreiben. Jimi Hendrix absolviert keine zwei Wochen vor seinem frühen Tod seinen letzten Festival-Auftritt und Ton Steine Scherben spielen ihr erstes großes Konzert — den Songtitel „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“ nehmen einige Festivalbesucher allzu wörtlich und lassen das Veranstalterzentrum kurzerhand in Flammen aufgehen.

Während des Hendrix-Konzerts treffen sich die Blicke von Dagmar aus Köln und Götz aus Hamburg — ein winziger, scheinbar unbedeutender Moment, der aber große Auswirkungen auf das weitere Leben der beiden damals 20-Jährigen hat. Wenige Wochen später begegnen sie sich am Eröffnungstag des Oktoberfests an der Bavaria ein weiteres Mal. Abermals werden keine Worte gewechselt und wieder ist es nur ein kurzer Augenblick, der aber einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Und zwar so sehr, dass Dagmar und Götz wie vom Schicksal gelenkt im folgenden Jahr am gleichen Tag zur Bavaria zurückkehren. Diesmal kommt es zu einem Kuss, aber im Wiesn-Trubel verlieren sich die beiden schnell aus den Augen. Lediglich das Versprechen, sich bei der nächsten Oktoberfest-Eröffnung wieder an derselben Stelle zu treffen, können sie sich noch geben. Daraus wird jedoch nichts, denn es kommt dazwischen, was eben ganz oft dazwischenkommt: das Leben. Dagmar wird eine erfolgreiche Journalistin und Götz findet später sein Glück in Griechenland. Die Begegnung auf dem Oktoberfest vergessen die zwei, die sich zwischendurch immer mal wieder sehr nahe kommen, ohne dass sie etwas davon ahnen, allerdings nie. Und ein weiteres Mal greift das Schicksal ein, wobei das auf der diesjährigen Wiesn spielende Finale des Romans wegen der coronabedingten Absage des Bierfestes in der Realität leider gar nicht stattfinden könnte…

Vordergründig hat der in München lebende Autor, Schauspieler und Musiker Moses Wolff mit „Liebe machen“ einen unterhaltsamen Roman mit einigen fast märchenhaften Elementen geschrieben, der seine beiden Protagonisten durch fünf Jahrzehnte bundesrepublikanischer Geschichte und Popkultur begleitet. Im Hintergrund schwingt aber die beinahe philosophische Frage mit, ob unser aller Leben nicht auch ganz anders verlaufen könnte. Nicht nur bei Dagmar und Götz sind es schließlich die kleinen Zufälle und die auf den ersten Blick unwichtigen Momente, die weitreichende Folgen haben.


Moses Wolff: Liebe machen (Piper Verlag; 288 Seiten; 10 Euro). #supportyourlocalbookstore

* Vielen Dank an den Piper Verlag und den Autor für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! *


📷 Beitragsfoto von mir