Lektüre im August

WolffSchon wieder ein Monat (und damit auch dieser seltsame Sommer — zumindest in meteorologischer Hinsicht) vorbei und anders als im Juli, als meine Lektüren in den beiden Monatshälften thematisch jeweils recht gut zusammengepasst haben, war der August eher eine bunte Tüte. Los ging es mit „Liebe machen“, einem unterhaltsamen Roman von Moses Wolff. Mir hat das Buch ein paar vergnügliche, unbeschwerte Lesestunden bereitet, aber die Kritikpunkte, die im Buchperlenblog genannt werden, kann ich dennoch sehr gut nachvollziehen.


pochada„Visitation Street“ von Ivy Pochada knüpfte dann eher wieder an die beiden Bücher aus der ersten Juli-Hälfte an, wobei (Polizei-) Gewalt und Rassismus in der in der Gegenwart angesiedelten Geschichte nicht ganz so sehr im Zentrum stehen wie bei Colson Whitehead und Thomas Mullen. Vielmehr entwirft Ivy Pochada in ihrem Roman ein vielschichtiges Porträt eines Viertels in Brooklyn und dessen Bewohner*innen, die mit allerlei Problemen zu kämpfen haben.


DuveIn einer komplett anderen Welt spielt meine aktuelle und erst zur Hälfte beendete Lektüre. „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ von Karen Duve ist ein gerade in sprachlicher Hinsicht wunderbarer Historienschmöker über die junge Annette von Droste-Hülshoff, ihre ausufernde Familie und allerlei weitere Zeitgenossen wie die Gebrüder Grimm. Mit dem sehr umfangreichen Figurentableau hatte ich vor allem zu Beginn doch einige Probleme, aber mit der Zeit wuchs mir gerade die Hauptfigur, die zwischen den ganzen gezierten Biedermeiergestalten doch sehr emanzipiert und modern wirkt, sehr ans Herz.

Adlige Jungfern und aufstrebende Bürgerinnen zwitscherten wie frisch geschlüpfte Vögelchen. Nicht so Fräulein Nette. Ihr Alt dröhnte ungefragt dazwischen, wenn eine Herrenrunde sich ungestört glaubte, beleidigte die sensiblen Ohren der Männer und erschütterte ihr fragiles Selbstbewusstsein.


Zum Abschluss — wie gehabt — noch zwei kurze Empfehlungen zum Weiterlesen:

  1. Am 10. September erscheint mit „Hamster im hinteren Stromgebiet“ der fünfte Band von Joachim Meyerhoffs „Alle Toten fliegen hoch“-Reihe, in dem sich der Schauspieler und Autor mit seinem vor gut drei Jahren aus nahezu heiterem Himmel erlittenen Schlaganfall und dessen Folgen auseinandersetzt. Im aktuellen ZEIT-Magazin (Ausgabe 36/2020) findet sich ein bei aller Ernsthaftigkeit des Themas äußerst kurzweiliges Interview, das große Lust auf das Buch macht.
  2. Im kommenden Mai wird Nele Pollatschek („Das Unglück anderer Leute“) als Stadtschreiberin in meiner Heimatstadt Ansbach weilen. Über Sinn und vor allem Unsinn solcher Aufenthaltsstipendien für Schriftsteller*innen hat Ronja von Rönne schon vor mehr als fünf Jahren einen auch heute noch uneingeschränkt empfehlenswerten Text geschrieben. Trotzdem bin ich natürlich gespannt aufs Frühjahr 2021.

📷 Coverfotos © Piper Verlag, ars vivendi Verlag, Kiepenheuer & Witsch

Weit weg von Manhattan

DSC_0062_BLOG

Red Hook, Brooklyn: Am Ende eines flirrend heißen Sommertages tragen die Teenagerinnen Val und June ein rosafarbenes Schlauchboot durch die nächtlichen Straßen ihres Viertels. Sie wollen zu den Piers und dann raus aufs Wasser — dorthin, wo in der Ferne die Lichter Manhattans glitzern wie die Verheißung einer besseren Zukunft. Warum die beiden 15-Jährigen dieses Wagnis eingehen, ist ihnen selbst nicht ganz klar. Sie wollen einfach raus, der Langeweile entfliehen. Überhaupt fühlen sie sich in ihrer Gegend wie Fremdkörper. Sie sind längst keine Kinder mehr, gehören aber auch noch nicht zu den coolen Highschool-Kids. Von den Gangs in den Projects, den Sozialbauten am Rande Red Hooks, halten sie sich lieber fern und die Hipster, die die Gegend zunehmend bevölkern, scheinen sowieso von einem anderen Stern zu kommen. Deshalb eben die Idee mit dem Schlauchboot — die hatte sonst keiner.

Am Ende kommt nur eines der beiden Mädchen zurück an Land: Val wird am nächsten Morgen halb tot am Ufer gefunden, June dagegen bleibt verschwunden. Ein tragischer Unfall oder ein Verbrechen? So oder so haben die Ereignisse weitreichende Folgen für die Figuren, die wir in Ivy Pochodas Roman „Visitation Street“ (deutsche Übersetzung von Barbara Heller) kennenlernen — und zwar nicht nur für die schwer traumatisierte Val. Da ist zum Beispiel Cree, ein etwas eigenbrötlerischer angehender Student aus den Projects, der trotz dünnster Beweislage schnell ins Visier der Polizei gerät:

[…] bei so einem Verbrechen können es die Cops kaum erwarten, einen Schwarzen einzubuchten. Auch wenn es gar kein Verbrechen gibt. Die behalten dich im Auge. An so was muss man denken, wenn man überleben will.

Oder Jonathan, einst ein aufstrebender Broadway-Star, der es aber nie geschafft hat, in die Fußstapfen seiner immens erfolgreichen Mutter zu treten und letzten Endes als Musiklehrer und Gelegenheits-Barpianist in Red Hook gelandet ist, wo er eine falsche Entscheidung nach der anderen trifft. Und natürlich der libanesische Kioskbetreiber Fadi, der aus seinem Laden den sozialen Treffpunkt der Nachbarschaft machen möchte, sich nach dem Vorfall mit dem Schlauchboot aber zunehmend in Klatsch und Tratsch verstrickt. Allen ist gemein, dass sie von einer besseren Zukunft außerhalb ihres Viertels träumen, aber doch nahezu unlösbar mit Red Hook verbunden sind — nicht zuletzt der Geister der Vergangenheit wegen, die durch die Straßen spuken.

Obwohl Ivy Pochodas Roman bereits 2013 entstand (der Nachfolger „Wonder Valley“ liegt schon seit letztem Jahr in deutscher Übersetzung bei ars vivendi vor), könnte er auch gut und gerne in diesem Sommer spielen, wobei die Thematik um „Black Lives Matter“ nur eine eher untergeordnete Rolle einnimmt. Vielmehr ist der Amerikanerin, die einst übrigens unter den Top-50 der Squash-Weltrangliste zu finden war, eine vielschichtige Charakterstudie und ein tolles Porträt eines Viertels und seiner Bewohner*innen gelungen. Die Sprache ist rau, aber doch poetisch, die Figuren sind trotz all ihrer Fehler größtenteils liebenswert und sogar Red Hook strahlt einen gewissen Charme aus, den man als Leser*in unweigerlich mit New York City verbindet.


Ivy Pochoda: Visitation Street (ars vivendi Verlag; 310 Seiten; 22 Euro).
#supportyourlocalbookstore

* Vielen Dank an den ars vivendi Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! *


📷 Beitragsfoto von mir