Für den trüben November-Samstag eine Empfehlung aus dem unendlichen Fundus der arte-Mediathek: Die Doku „Abschied von der Oper“ von Yonatan Kellerman begleitet zwei Tänzerinnen und einen Tänzer der Pariser Oper während der letzten Monate ihrer aktiven Karriere, die laut eines hausinternen Dekrets mit 42 Jahren und einer großen Abschiedsvorstellung endet.
Wir lernen, dass es selbst bei dieser eisernen Regel manchmal doch eine klitzekleine Ausnahme gibt, wie schwer es ist, nach mehreren Jahrzehnten Tanz einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen und – einmal mehr – dass beim Ballett Anmut und Quälerei bzw. Schönheit und blanker Horror ganz nah beieinander liegen.
Huch, schon wieder August! Gerade fühlt es sich allerdings so herbstlich an, dass es auch gut und gerne Ende September sein könnte. Müsste es dann also nicht eher heißen „huch, erst August“? Egal, August ist August und im Zuge der neulich hier angekündigten Neuerungen ist der Beginn eines neuen Monats ein guter Zeitpunkt, um ab sofort jede Woche ein paar Dinge zu notieren, die ich gelesen und gemacht habe oder die mir aufgefallen und in irgendeiner Art bemerkenswert vorgekommen sind.
Gerade lese ich Domenico Daras Roman „Malinverno oder Die Bibliothek der verlorenen Geschichten“. Auf das Buch bin ich aufmerksam geworden, weil darin zwei Orte eine zentrale Rolle spielen, die mir ebenfalls sehr viel bedeuten und die ich so oft wie möglich aufsuche: Bibliotheken und Friedhöfe. Astolfo Malinverno, der Protagonist und Erzähler des Romans, verbringt als Bibliothekar (mit großer Leidenschaft) und Friedhofswärter (gezwungenermaßen) des fiktiven kalabrischen Dorfes Timpamara schon aus beruflichen Gründen viel Zeit an diesen Orten. Wegen seines Hinkens und des frühen Verlusts beider Elternteile flüchtete sich der Außenseiter Astolfo schon in seiner Kindheit in die Fantasiewelten der Literatur, was zuweilen dazu führt, dass er nur schwer zwischen Realität und Fiktion unterscheiden kann. So verliebt er sich bei einem Kontrollgang über den Friedhof in die Fotografie einer namenlosen jungen Frau auf einem der älteren Gräber – er ist davon überzeugt, in ihr die von ihm schon lange verehrte Emma Bovary zu erkennen. Wohin sich diese fast zur Besessenheit steigernde Schwärmerei noch führt und was es wohl mit dem mysteriösen Mann mit der schweren Reisetasche und den Kopfhörern auf sich hat, der plötzlich regelmäßig auf dem Friedhof auftaucht, werde ich erst noch erfahren.
Die Bibliothek ist mehr als eine Zuflucht für mich, sie ist meine Höhle, meine Fruchtblase. Hier fühle ich mich weniger allein, und was Einsamkeit ist, weiß ich genau.
Domenico Dara: Malinverno
Ein abschließendes Urteil über den Roman kann ich mir also längst nicht erlauben, aber bisher lese ich ihn mit großem Vergnügen. Die Geschichte wird behutsam und auf eine angenehm altmodische Art und Weise erzählt, die Charaktere sind liebenswert verschroben und überhaupt fühlt sich alles wie eine Mischung aus Carlos Ruiz Zafón, Sempé und „Die fabelhafte Welt der Amélie“ an. Das mag ich gerne.
Gar nicht mochte ich dagegen die Nachricht, dass rund um die Olympischen Spiele in Paris im kommenden Sommer knapp zwei Drittel der rund 230 Bouquinisten ihren Platz am Ufer der Seine vorübergehend verlassen müssen. Zwar wird von angekündigten Protesten geschrieben und davon, dass das letzte Wort in dieser Sache noch nicht gesprochen sei, aber letzten Endes wird sich vermutlich leider doch der seelenlose Kommerz (für mehr steht Olympia schließlich schon lange nicht mehr) gegen die nicht ganz so finanzstarken Bouquinisten – immerhin Teil des nationalen immateriellen Kulturerbes Frankreichs – durchsetzen.
Erfreulicher war der Besuch der kleinen, aber feinen Ausstellung „Malende Frauen – Gemalte Frauen“ mit Werken von Lotte Laserstein, Paula Modersohn-Becker, André Derain und anderen. Grund zur Vorfreude gibt es außerdem auf die Münchner Bücherschau, die in diesem Jahr vom 16. November bis zum 3. Dezember zu sehen ist und im Haus der Kunst (wo sie bereits vor dem Umzug in den Gasteig zwischen 1967 und 1989 stattfand) eine neue und doch alte Heimat gefunden hat. Ein fester Programmpunkt in meinem Jahreskalender!