Mittwoch, 11. Juni
Anfang der Woche ging es hier bereits um Nostalgie – Stichwort: Digicam – und gerade angesichts sommerlich warmer (erfreulicherweise noch nicht unerträglich heißer) Temperaturen kommt man um eines der Nostalgiethemen schlechthin nicht herum, nämlich das Eisessen. Auch dabei war bekanntlich früher alles besser: Die Kugel kostete – je nach Geburtsjahr der in Erinnerungen Schwelgenden – wenig bis gar nichts, man begnügte sich mit einer überschaubaren Anzahl an Sorten und Namen sowie Einrichtung der Eisdielen zwischen Kiel und Garmisch unterschieden sich nur in Nuancen.
Dass Eisdielen inzwischen mit immer abenteuerlicheren Sorten aufwarten und neuerdings gerne „Eismanufaktur“, „Eislabor“ oder „Eiswerkstatt“ heißen, war der Welt am Sonntag jüngst einen recht lesenswerten Essay (€) wert. Überrascht hat mich allerdings, dass auch im eigentlich beschaulichen Erlangen Erdbeere-Schokolade-Vanille-Stracciatella-Haselnuss längst nicht mehr genügen:
Im Eiscafé Venezia in Erlangen verkaufen sie jetzt „Gelato Bowls“. Die heißen „Mr. Choc“, „Caramel & Crumble“, „Love U Cherry Much“ und „Harte Nuss“. Und sogar ein Collabo-Eis (Franzbrötchen) in Zusammenarbeit mit der örtlichen Bäckerei Gulden gibt es.
Verrückt, diese neue Eiszeit!
Dienstag, 10. Juni
Vor ein paar Jahren habe ich einige von Jørn Lier Horsts Krimis um den Kommissar William Wisting mit großer Begeisterung gelesen – vor allem die Cold-Case-Reihe hat es mir damals angetan.
Die Tage habe ich mir nun die vier Episoden der Wisting-Verfilmung „Der See des Vergessens“ (hier zusammen mit einem weiteren neuen Fall in der Mediathek) angeschaut und war ein wenig enttäuscht. Zwar kam mir die Handlung ein wenig überladen vor und der Bildschirm-Wisting war mir längst nicht so sympathisch wie der aus den Romanen, aber an sich gibt es an diesem zeitgemäß inszenierten Skandinavienkrimi kaum etwas auszusetzen.
Ich glaube vielmehr, dass es an mir liegt. Krimis – egal, ob als Buch oder im Bewegtbild – fesseln mich längst nicht mehr so sehr wie früher. Vielleicht ist es eine vorübergehende Flaute, vielleicht hat man das Genre aber auch einfach irgendwann „durchgespielt“.
Pfingstmontag, 9. Juni
Das verregnete und kühle Pfingstwochenende endete doch noch halbwegs versöhnlich, für so manchen Regenschirm kam die Wetteränderung aber wohl dennoch zu spät:

Das Foto habe ich übrigens mit einer gut 20 Jahre alten Digitalkamera aufgenommen – einer Nikon Coolpix 5900. Auf einigen beliebten Youtube-Fotokanälen wird seit einiger Zeit die Renaissance der handlichen Knipsen aus den frühen 2000er Jahren ausgerufen und abgesehen allerlei offensichtlicher Nachteile (kaum Einstellungsmöglichkeiten, mäßige Bildqualität, quälend langsamer Autofokus) haben die Dinger doch auch ein paar Vorteile. Sie passen in jede Tasche, die Bilder haben einen recht ansprechenden Vintage-Look und tatsächlich macht mir das Fotografieren damit mehr Freude als mit dem Mobiltelefon.
Fürs schnelle Farbfoto und ein wenig Nostalgie zwischendurch also voll okay.
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Sehr gerne gelesen habe ich das Interview mit der äußerst sympathischen Martina Hefter im aktuellen SZ-Magazin (€). Angesprochen auf die leidige Kontroverse bei der Verleihung des letztjährigen Deutschen Buchpreises reagierte sie sehr souverän und gelassen, besonders in Erinnerung bleiben werden mir aus dem Gespräch aber folgende Sätze:
Ich bin anders romantisch. Mich bezaubert, wenn ich mich jemandem im Lachen nah fühlen kann. […] Nebeneinanderher gehen, spazieren, und still wissen, dass der andere die Welt gerade ähnlich empfindet. Das sind so Momente, in denen ich Liebe spüre.
Bisher hatte ich nicht unbedingt das Bedürfnis, „Hey guten Morgen, wie geht es dir“ zu lesen, aber nun ist der Roman doch auf meiner Wunschliste gelandet.
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Ein großes Vergnügen ist dieser schon etwas ältere MDR Kultur-Podcast über den Gothaer Hofbibliothekar und Vielschreiber Heinrich August Ottokar Reichard, der mit seinem „Handbuch für Reisende aus allen Ständen“ im Jahr 1784 einen weithin beachteten Reiseführer herausbrachte. Gut ein halbes Jahrhundert früher also als Karl Baedeker, der gemeinhin als Begründer des Reiseführer-Genres gilt.
Ein Weltenbummler war Reichard, der seine Heimatstadt Gotha kaum einmal verließ, allerdings nicht. Seinen sehr umfangreichen Wissensschatz sammelte er sich durch intensive Lektüre und Gespräche mit vorbeikommenden oder zurückkehrenden Reisenden zusammen. Einige seiner Ratschläge kann man gerne auch heute noch berücksichtigen, andere dagegen lieber nicht (wie das Zunageln von Hoteltüren, um sich in der Nacht vor Dieben zu schützen).