Wenn du und das Laub wird älter,
~ Dieter Hildebrandt: Herbst (aus dem „Schlesischen Jahreszeiten-Zyklus“) 🍂
und du merkst, die Luft wird kälter,
und du fiehlst, daß du bald sterbst,
dann is Herbst.
Der Herbst zeigt sich nun von seiner ungemütlichen Seite. Dagegen helfen draußen ein Regenschirm und wasserfeste Schuhe, drinnen Tee und natürlich ein Buch.

Als kurzweilige Lektüre hat sich zuletzt „Gebt mir etwas Zeit“ erwiesen. Hape Kerkeling hat während der Corona-Lockdowns begonnen, seine Familiengeschichte zu erkunden und dabei Erstaunliches herausgefunden. Zum einen, dass er von Kaufleuten aus Amsterdam abstammt, zum anderen, dass seine Großmutter Bertha – bekannt aus „Der Junge muss an die frische Luft“ – eine uneheliche Tochter des englischen Königs Edward VII. war.
Diese Begebenheiten schildert Hape Kerkeling in fiktionalisierten Szenen, die dann und wann ein wenig an die Spielszenen aus Geschichts-Dokus im Fernsehen erinnern, größtenteils aber doch ziemlich interessant sind. Ich mochte vor allem die Kapitel, in denen es um das „Vergoldete Zeitalter“ der Niederlande geht – da musste ich gleich an die großartige Ausstellung „Rembrandts Amsterdam – Goldene Zeiten?“ denken, die ich im Februar im Städel Museum besucht habe. Passenderweise lag „Gebt mir etwas Zeit“ damals auch im Museumsshop aus.
Stärker waren allerdings die Episoden aus Hape Kerkelings eigener Biographie. Allein die Beschreibung, wie er seine erste große Liebe Duncan Ende der 1980er Jahre an AIDS verliert und selbst panische Angst hat, sich ebenfalls mit HIV infiziert zu haben, geht nicht spurlos an einem vorbei und lohnt bereits die Lektüre.
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Neu in den Buchläden ist mit „Wenn die Sonne untergeht“ nun auch Florian Illies‘ Beitrag zum Thomas-Mann-Jahr. In dem Buch geht es um das Leben der Familie Mann im Exil an der Côte d’Azur, geschrieben im Präsens und ohne Quellenangaben. Da fragt sich die Süddeutsche Zeitung (€) rein rhetorisch: „Ist das noch Geschichtsschreibung oder doch schon reine Fiktion?“





