{Rezension} Peter Høeg: Der Susan-Effekt

Der dänische Schriftsteller Peter Høeg, Jahrgang 1957, wurde vor knapp 20 Jahren mit seinem Roman “Fräulein Smillas Gespür für Schnee” zu einem internationalen Bestsellerautor. Außergewöhnliche Geschichten und starke Frauenfiguren waren schon immer Markenzeichen des ehemaligen Balletttänzers, der diese Stärken mit seinem aktuellen Roman “Der Susan-Effekt”, einer rasant erzählten Mischung aus Politthriller, Zukunftsvision und Familiendrama, einmal mehr gekonnt zur Geltung bringt.

Der_Susan_Effekt

Die Familie der dänischen Experimentalphysikerin Susan Svendsen ist eine wahre Bilderbuchfamilie, die es dank ihrer außergewöhnlichen Begabungen und Errungenschaften bereits auf den Titel des „TIME Magazine“ geschafft hat. Susan selbst wurde früh von einer Nobelpreisträgerin unter die Fittiche genommen und ihre vielfältigen Beschäftigungsfelder und akademischen Titel sprengen längst den Rahmen ihrer Visitenkarte. Ehemann Laban hat als Komponist und Dirigent einen exzellenten Ruf und auch die Teenager-Zwillinge Harald und Thit gelten gemeinhin als hochbegabt. Trotz ihres blendenden äußeren Scheins hat es die Familie jedoch geschafft, sich während eines Indien-Aufenthalts kollektiv so sehr daneben zu benehmen (von Antiquitätenschmuggel bis hin zu versuchtem Totschlag ist alles dabei), dass den einzelnen Mitgliedern teils mehrjährige Haftstrafen drohen.

Um sich und ihre Familie vor juristischem Schlamassel zu schützen, willigt Susan sofort ein, als ein vermeintlicher hochrangiger Mitarbeiter des Justizministeriums an sie herantritt und verspricht, sie aus allen Problemen herauszuboxen. Als einzige Gegenleistung fordert er, dass Susan den verschollen geglaubten Abschlussbericht einer ominösen „Zukunftskommission“ ausfindig macht – bei der Suche könne sie ja ihre fast schon übersinnliche Begabung, dass Menschen in ihrer Anwesenheit absolut aufrichtig werden und ihr freimütig selbst intimste Details erzählen, bestens einsetzen (das ist übrigens der titelgebende “Susan-Effekt”). An sich also ein Deal, der auf den ersten Blick recht fair und erfüllbar scheint. Allerdings ist das Schriftstück brisanter, als zu Beginn geahnt. Die vor 40 Jahren ins Leben gerufene und mittlerweile — die Romanhandlung ist im Jahr 2016 angesiedelt — längst aufgelöste Kommission, bestehend aus damals aufstrebenden jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, hatte den Auftrag, Zukunftsprognosen über allerlei politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ereignisse zu erstellen. Da die Prognosen der Kommission mit beängstigender Genauigkeit eintrafen, wurden die Berichte der Gruppe natürlich schnell für Regierungen und Geheimdienste interessant. Den größten Sprengstoff scheint der gesuchte Abschlussbericht zu beinhalten, wie Susan schnell herausfindet. Sie und ihr Sohn Harald entgehen nur knapp einem Mordanschlag und die ehemaligen Kommissionsmitglieder werden nach und nach auf mehr oder weniger originelle Art und Weise um die Ecke gebracht – zum Beispiel, indem man sie in eine Waschmaschine steckt.

“Wie kriegt man einen Mann in eine Waschmaschine?”
Ich blicke ihr in die Augen.
“Mit hinreichend Druck pro Quadratzentimeter.”

Tempo- und actionreich wie ein Thriller, aber deutlich einfallsreicher und sprachlich anspruchsvoller als die oft nach Schema F gestrickte Genreware, mit jeder Menge trockenem Humor (siehe Zitat oben), einer starken Protagonistin und nicht minder interessanten Nebenfiguren: Peter Høeg ist mit “Der Susan-Effekt” ein hervorragender, packender und sehr einfallsreicher Roman geglückt. In ihrem Verlauf wird die Handlung allerdings deutlich ruhiger und nachdenklicher, so dass sich am Ende alles auf philosophische, beinahe existenzielle Fragen zuspitzt. Wollen wir wirklich wissen, was uns in der Zukunft erwartet? Wie wollen wir den unumgänglichen, bedrohlichen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte begegnen? Wie lässt sich eine Familie zusammenhalten, wie eine ganze Gesellschaft?

Keine leichte Kost also, aber zugleich wahnsinnig unterhaltsam!

Peter Høeg: Der Susan-Effekt
Übersetzt aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle. 
Hanser Verlag, ISBN 978-3-446-24904-2, 400 Seiten, 21,90 Euro.

Weitere Rezensionen des Romans sind unter anderem bei Deep Read und bei Zeichen und Zeiten erschienen. Die Zeit hat Peter Høeg vor einer Weile persönlich getroffen — diese Gelegenheit bietet sich Literaturinteressierten im Oktober an folgenden vier Terminen: 5.10. Hamburg — Magazin Filmkunsttheater, 6.10. Köln — Kulturkirche, 7.10. München — Literaturhaus, 8.10. Berlin — Renaissance-Theater.

{EP-Kritik} lilly among clouds: s/t

Lilly_Among_CloudsWer versucht, allein durch das Betrachten des Covers Rückschlüsse auf die Musik der Debüt-EP von lilly among clouds zu ziehen, dürfte gewaltig auf den Holzweg geraten. Das in gewisser Weise fast noch ein wenig kindlich wirkende Konterfei der jungen Würzburgerin Lilly Brüchner, kombiniert mit dem Künstlernamen in Schönschrift, lässt einen nämlich eher an ebenso hübschen wie harmlosen Songwriter-Pop denken als an das, was einen in den folgenden gut 17 Minuten tatsächlich erwartet. Harmlos oder jugendlich-verspielt ist an den fünf Songs jedoch so gut wie gar nichts, denn lilly among clouds gelingt schon jetzt Pop nahe der Perfektion und ohne Furcht vor Bombast und großen Gesten. “Keep” ist dank seiner wuchtigen elektronischen Beats und Lilly Brüchners grandioser Stimme ein bemerkenswerter Auftakt, der neugierig auf den Rest der EP macht, “Blood & History” schlägt danach in eine ähnliche Kerbe, ist aber ein wenig balladesker, getragener und feierlicher. “Well, I Could” legt ein etwas höheres Tempo vor, kommt ein wenig widerborstiger und experimenteller daher und erinnert — ebenso wie das folgende, gitarrenlastigere “Remember Me” und das abschließende “Long Distance Relationship” — nicht nur zuletzt deswegen an eine Sophie Hunger.

Ein außergewöhnlich starkes Debüt von einem mehr als hoffnungsvollen Talent — ich bin gespannt, was wir in Zukunft noch von lilly among clouds zu hören bekommen werden!

lilly among clouds — s/t
Among Clouds Records, erscheint am 4. September.

Termine:
03.09.15 Würzburg — Posthalle (Record Release-Konzert)
05.09.15 Dresden — The Sound of Bronkow Festival
17.09.15 Erlangen — E-Werk
18.09.15 Chemnitz — Atomino
19.09.15 Magdeburg — Moritzhof
20.09.15 Berlin — Monarch
21.09.15 Hannover — Warenannahme
22.09.15 Rostock – Helgas Stadtpalast
23.09.15 Hamburg — Reeperbahn Festival
26.09.15 Düsseldorf — FFT

{In Kürze} Adam Johnson: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do

Adam_Johnson

Nordkorea — auf Grund aktueller politischer Entwicklungen zuletzt wieder in aller Munde — ist nach wie vor das wohl rätselhafteste Land der Welt. Einerseits wirken die Inszenierungen der Staatsführung um den dicklichen Diktator Kim Jong Un stets unfreiwillig komisch, andererseits ist das Land aber nicht zuletzt wegen seines Strebens nach Nuklearwaffen eine nicht zu unterschätzende Bedrohung für Frieden und Stabilität zumindest in der näheren Region.

Diesen extremen Widerspruch arbeitet Adam Johnson in seinem 2013 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman “Das geraubte Leben des Waisen Jun Do” gekonnt heraus. So habe ich mich köstlich amüsiert über die absurde Art und Weise, wie die nordkoreanischen Parteikader die Wahrheit so lange verdrehen, bis sie ihnen genehm ist, und mit den Augen gerollt angesichts der fast schon rührenden Versuche, den großen Feind Amerika zu demütigen. An anderer Stelle war ich allerdings entsetzt über die kühle Herzlosigkeit dieses Staates, in dem der Einzelne keinerlei Rechte hat, ein Menschenleben nichts zählt und man wegen Nichtigkeiten in brutalen Arbeitslagern oder fürchterlichen Foltergefängnissen landet.

Zweifellos ein wichtiges Buch zu einem spannenden Thema, das nicht bereits bis zum Erbrechen durchgekaut worden ist, hat mich “Das geraubte Leben des Waisen Jun Do” dennoch leider nur stellenweise gepackt. Woran das letzten Endes lag, kann ich nur schwer sagen. Ab und an bekommt man einfach Romane in die Hand, zu denen man keinen rechten Zugang findet. Für mich war dieser hier einer davon.

Adam Johnson — Das geraubte Leben des Waisen Jun Do
Suhrkamp Verlag, ISBN: 978-3-518-46522-6, 685 Seiten; € 10,99.

{Album-Kritik} Kim Churchill: Silence/Win

Kim_ChurchillKim Churchill hat mich ja mit einem Live-Video seines Songs “Window to the Sky” nachhaltig beeindruckt und von sich überzeugt. Wahnsinn, was der ehemalige Straßenmusiker und leidenschaftliche Surfer mit vergleichsweise geringen Mitteln für eine Wucht entfaltet!

Meine Erwartungen an das Debütalbum des australischen Blondschopfs waren im Vorfeld dementsprechend riesig und werden von “Silence/Win” nun leider nicht ganz beziehungsweise nur stellenweise erfüllt. Das liegt in erster Linie weniger an der mangelnden Qualität der Songs, sondern vielmehr an der satten Produktion der Platte, die Kim Churchills virtuose Gitarrentechnik und vielschichtige Stimme allzu oft fast ein wenig in den Hintergrund treten lässt. Im Endergebnis ist “Silence/Win” ein abwechslungsreiches, gut anzuhörendes Album, das streckenweise an den Surferkollegen und Edeltechniker Ben Howard erinnert (“Backwards Head”), andernorts dagegen eher nach dem sanften Songwriter-Pop von Passenger klingt (“Single Spark”, “Rage”) — gerade Letzterer reicht mit seinen Platten ja ebenfalls oft nicht ganz an seine charismatischen Konzertdarbietungen heran.

I miss you. I’ve lost the strenght I knew.
And I wonder how.
I wonder how to continue.
But this feels like home for the first time in a long time.
— Kim Churchill, “Dying Sun #7”

Seine größten Momente hat “Silence/Win” allerdings immer dann, wenn die Songs etwas zurückhaltender arrangiert sind und Kim Churchill dadurch jede Menge Platz zur vollen Entfaltung lassen: “Window to the Sky” klingt auch in der satten Album-Version ganz hervorragend, und das Finale des ruhig beginnenden “Dying Sun #7” ist schlichtweg grandios. Nicht zuletzt diese beiden Stücke dürften die im September anstehenden Konzerte des jungen Australiers (Termine siehe unten) zu echten Erlebnissen machen.

Kim Churchill — Silence/Win
Island/Universal Music, bereits erschienen.

Termine:
11.09.15 Stuttgart — Club ZwölfZehn
12.09.15 München — Milla
15.09.15 (CH) Zürich — Moods im Schiffbau
16.09.15 (Ö) Wien — Arena
19.09.15 Dresden — Ostpol
20.09.15 Münster — Pension Schmidt
21.09.15 Hannover — LUX
22.09.15 Frankfurt — St. Peter Café
23.09.15 Nürnberg — Club Stereo
25.09.15 Berlin — Bi Nuu
26.09.15 Hamburg — Reeperbahn Festival
27.09.15 Köln — Studio 672
28.09.15 Heidelberg — Karlstorbahnhof

Hörenswert: The Lion and the Wolf

Hecke

Hat er sich nun schon frühzeitig durchgesetzt, der Herbst, oder feiert der Sommer doch noch einmal ein glorreiches Comeback? Ich denke, die Chancen stehen in etwa 50:50, wobei es sich gerade eben doch eher nach Ende September denn nach Mitte August anfühlt. Da kommt ein Song wie “My Father’s Eyes” von The Lion and the Wolf gerade zur rechten Zeit. Die neue Single des Briten Thomas George, die ab dem 2. Oktober auch als streng limitierte 7″ auf hellgrauem Vinyl zu haben ist, ist nämlich dank der getragenen Grundstimmung, des sanften Halls und des einnehmenden Gesangs einerseits durchaus herbstlich, verfügt aber andererseits gleichzeitig über einen gewissen, nun ja, sommerlichen Drive.

Aber hört selbst:


The Lion and the Wolf (Solo) im Vorprogramm von Northcote:
27.08.15 – Köln – Blue Shell
28.08.15 – Saarbrücken – Garage
29.08.15 – Münster – Gleiss 22
30.08.15 – Hamburg – Kleiner Donner
31.08.15 – Berlin – Privatclub

The Lion and the Wolf mit Band:
09.10.15 – Köln – Tsunami
10.10.15 – Osnabrück – Kleine Freiheit (mit Young Chinese Dogs)
11.10.15 – Berlin – Monarch
12.10.15 – Hannover – Faust
13.10.15 – Hamburg – Prinzenbar
14.10.15 – Kiel – Schaubude
15.10.15 – Oberhausen – Druckluft
16.10.15 – München – Feierwerk (mit Young Chinese Dogs)
17.10.15 – Freiburg – Swamp

Jubiläums-Veröffentlichung bei mairisch: “About Songs & Books”

Blatt

So geht es immer weiter und wir ändern doch nichts.
— Benjamin Maack, “Drei”

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, liebe Leserinnen und Leser, aber mir kommt es gerade in diesem Jahr so vor, als würde die Zeit nur so dahinrasen. Eben erst hat der Sommer Fahrt aufgenommen und jetzt färben sich schon die ersten Blätter bunt. Und wie lange wird es wohl dauern, bis die Weihnachtsmärkte wieder aufgebaut werden? Ich mag gar nicht dran denken…

Zum Glück ziehen aber die Monate nicht nur an mir in schwindelerregender Geschwindigkeit vorbei: Auch beim mairisch Verlag ist die Zeit nicht stehengeblieben und mittlerweile dürfen wir uns bereits über die 50. Veröffentlichung der sympathischen Hamburger freuen — eine “About Songs & Books” betitelte LP in Kooperation mit dem exzellenten, im Nachbarbüro beheimateten Plattenlabel DevilDuck Records.

Die eine Seite der Schallplatte ist ganz der Musik gewidmet, und zwar den mehr oder weniger überraschenden Cover-Versionen: Unter anderem huldigen Talking To Turtles den Black Keys (“Little Black Submarines”), Sir Simon ist mit seiner bei Live-Auftritten immer wieder sehr gerne zu Gehör gebrachten und erstaunlich melancholischen Version des Cyndi-Lauper-Gassenhauers “Girls Just Wanna Have Fun” vertreten und der unverwüstliche Ken Stringfellow (den ich einst in einem weißen Anzug und mit einer Fender Flying-V auf der Bühne stehen sehen durfte — aber das ist eine andere Geschichte) nimmt sich “It’ll Be A Breeze” von den Long Winters an.

Die andere Seite der 10-Inch-Vinyl enthält “Drei”, eine in jeglicher Hinsicht ausgezeichnete (Kranichsteiner Förderpreis, Hamburger Literaturförderpreis), oben bereits zitierte Erzählung des mairisch-Autors Benjamin Maack (“Monster”) über ein verhängnisvolles Ereignis, eingelesen vom Verfasser selbst.

“About Songs & Books” kostet 14,90 Euro und erscheint am 4. September, kann aber bereits jetzt vorbestellt werden — schnelles Zugreifen lohnt sich, denn die LP ist auf 500 Exemplare limitiert.

Damit alles Gute nach Hamburg und auf die nächsten fünfzig Veröffentlichungen!

Soundtrack: About A Girl

About A GirlDer seit vergangenen Donnerstag in den Kinos zu sehende Film “About A Girl”, in dem Regisseur Mark Monheim um einen gescheiterten Selbstmordversuch herum eine tragikomische Coming-of-Age-Geschichte strickt, hat nicht zuletzt dank seiner unverbrauchten Hauptdarsteller Jasna Fritzi Bauer und Sandra Lohmann jede Menge gute Kritiken eingeheimst.

Das Unverbrauchte und Neue schlägt sich auch im Soundtrack nieder, sind darauf doch ausschließlich heimische Künstler zu hören, die entweder erst ganz am Anfang ihrer musikalischen Laufbahn stehen oder es (noch) nicht auf die großen Bühnen geschafft haben. Viel Platz wird zum Beispiel dem Münchner Folk-Frickler Angela Aux eingeräumt, und auch der oftmals sträflich unterschätzte Florian Ostertag, ein grandioser Melancholiker mit einem Händchen für vielschichtige Arrangements, sowie die mit einem Hang zum Abgründigen ausgestattete Songschreiberin Livy Pear sind gleich mit mehreren Songs vertreten. Für den Gitarrenpop britischer Prägung zeichnen Pictures und die Monday Tramps aus München verantwortlich, und auch vom zarten Folk der jungen Österreicherin Norah würde man in Zukunft gerne mehr hören. Komplettiert wird diese gelungene Zusammenstellung, an der man völlig unabhängig vom Film große Freude haben kann, von zwei Frau-Mann-Duos: Während es bei Cat Stash aus Regensburg etwas rumpelt, schleichen sich die Nürnberger Nick & June auf leiseren Sohlen, aber mit viel Hintersinn an.

V.A.: About A Girl. Ahoi Musikverlag, bereits erschienen.- “About A Girl” ist seit dem 6. August in den Kinos zu sehen.

Buchtipps kurz & knapp [No. 2]

Der Mann auf dem Hochrad

Ungeheuerliches spielt sich ab in Coburg im Herbst des Jahres 1890: Franz Schröter, Tierpräparator mit einem Faible für England, fährt auf einem Hochrad durch die Straßen des Residenzstädtchens. Die Velociped-Bewegung hat damit mit ein wenig Verspätung Einzug erhalten in die oberfränkische Provinz, was naturgemäß nicht ganz ohne Konflikte abläuft. Nicht wenige Bürger sehen in dem neuartigen Fortbewegungsmittel immerhin nicht nur eine Gefahr für Leib und Leben, sondern auch einen Vorboten für einen nahenden Verfall von Moral und Anstand. Als sich schließlich auch Schröters Frau Anna — noch dazu bekleidet mit Hosen! — aufs Rad schwingt, droht die Situation völlig aus dem Ruder zu laufen. Allerdings nur kurz, denn als der erste Coburger Laden neuartige “Niederräder” (im Prinzip also Fahrräder, wie wir alle sie heute benutzen) ins Angebot aufnimmt, wird aus dem ehemaligen Hochrad-Pionier und Revolutionär Franz Schröter schnell ein komischer Kauz, der sich an einer längst überholten Technik festklammert…

Mit feiner Ironie und einer scharfen Beobachtungsgabe erzählt Uwe Timm diese erstmals im Jahr 1984 veröffentlichte Episode aus dem Leben seines Großonkels Franz Schröter und versetzt uns zurück in eine Zeit, in der neue Erfindungen tatsächlich noch das Potenzial hatten, die Welt (oder zumindest einen kleinen Teil davon) für ein Weilchen in Aufruhr zu versetzen. Und zwar in einer Art und Weise, wie es heute nicht einmal ein neues Produkt der Firma mit dem angebissenen Apfel zu tun vermag.

Uwe Timm: Der Mann auf dem Hochrad. dtv, ISBN 978-3-423-12965-7, 208 Seiten; € 8,90.

Frank Turner: Positive Songs For Negative People

Frank_TurnerMit dem Erfüllen großer, an sich oft wenig miteinander vereinbarer Erwartungen hat sich Frank Turner noch nie besonders schwer getan. Schließlich wünschte sich die stetig wachsende Fangemeinde des englischen Sympathen mit den tätowierten Armen schon immer Platten, die zugleich traurig und mitreißend sein sollten. Die alleine zu Hause mit Kopfhörern genauso gut funktionieren müssen wie auf den ganz großen Festivals, wo man zu den Songs im minütlichen Wechsel mitgrölen, das Feuerzeug schwenken, sich unter den Tausenden im Publikum persönlich angesprochen fühlen und vor lauter Euphorie sein Plastikbecherbier verschütten möchte. Überflüssig zu erwähnen, dass jedes neue Album außerdem ein wenig zu überraschen, sich aber zugleich bereits beim ersten Hören vertraut anzufühlen hatte.

Letzten Endes ein Spagat, an dem andere Größen zuverlässig scheitern und deshalb eine Nummer-Sicher-Platte nach der anderen veröffentlichen oder sich in den merkwürdigsten Experimenten versteigen. Womöglich läuft auch Frank Turner Gefahr, irgendwann nur noch alten Wein in neuen Schläuchen zu servieren (allzu Experimentierlauniges, womöglich gar mit Freejazz-Anleihen, muss bei ihm wohl nicht befürchtet werden), aber auf dem wieder mit der bewährten Begleitband The Sleeping Souls eingespielten “Positive Songs For Negative People” funktioniert alles noch wie geschmiert.

Nach dem ruhigen, akustisch gehaltenen Auftakt “The Angel Islington”, der quasi eine Brücke vom 2013 veröffentlichten “Tape Deck Heart”, auf dem Frank Turner eine schmerzhafte Trennung verarbeitete, zu neuen Gefilden schlägt (“By the waters of the Thames / I resolved to start again”), prescht “Positive Songs For Negative People” fast ausnahmslos munter nach vorne. Das großartige “Get Better” ist eine nahezu perfekte Stadionrock-Hymne im positivsten Sinne und geht praktisch nahtlos über ins ähnlich gestrickte “The Next Storm”, in dem ebenfalls der Aufbruch zu neuen Ufern thematisiert wird (“So open the shutters, raise up the mast / Rejoice, rebuild, the storm has passed”). Mit der wunderbar süffigen Folk-Nummer “The Opening Act of Spring” folgt zunächst eine kleine Verschnaufpause, ehe das zweite Drittel der Platte dank des Bluesrock-Riffs von “Glorious You” und dem whiskygetränkten “Out Of Breath” zwar äußerst abwechslungsreich, aber ohne die ganz großen Höhepunkte daherkommt.

Zum Ende hin zieht “Positive Songs For Negative People” dann wieder etwas an: “Josephine” ist energiegeladener Powerpop, das um einen Country-Rhythmus herum aufgebaute “Love Forty Down” steigert sich in seinem Verlauf stetig und der live mitgeschnittene “Song For Josh”, ein letzter Gruß an einen verstorbenen Freund, sorgt ganz zum Schluss noch einmal für einen berührenden Moment.

Danach darf man durchaus den Hut ziehen vor Frank Turner: Klasse Album, mal wieder!

Frank Turner: Positive Songs For Negative People. Universal Music, erscheint am 7. August.- Live: 4. September, Konstanz — Rock am See Festival.

Mariko und Jillian Tamaki: Ein Sommer am See

Ein Sommer am See

Sommerurlaube sind, sofern man sie stets am gleichen Ort zu verbringen pflegt, so sehr von familieninternen Ritualen geprägt wie sonst wohl nur das gemeinsame Weihnachtsfest. Immer der gleiche zeitliche Ablauf, die gleichen Fixpunkte, die seit Jahren erzählten Insiderwitze und ein ständig wachsender Schatz an Anekdoten machen einen irgendwann glauben, es hätte diese Sommerurlaube schon seit unzähligen Jahren gegeben und sie würden sich bis in alle Ewigkeit wiederholen.

Auch Rose, gerade am Anfang der Pubertät, kommt es so vor, als würde sie bereits seit vielen Jahrzehnten mit ihren Eltern jeden Sommer in das immer gleiche Ferienhaus im unspektakulären Örtchen Awago Beach kommen. Die Tage dort fließen in einer gemächlichen Mixtur aus den typischen Strandaktivitäten, dem abendlichen Grillen und Nächten am Lagerfeuer ineinander. Wichtigste Gefährtin für Rose ist die knapp eineinhalb Jahre jüngere Windy, die ebenfalls seit Urzeiten ihre Sommerferien in Awago Beach verbringt. In dem Jahr, in dem “Ein Sommer am See”, die vielfach preisgekrönte — zuletzt mit dem renommierten “Eisner Award” — Graphic Novel der Cousinen Mariko und Jillian Tamaki, spielt, ist jedoch alles ein klein wenig anders als zuvor. Zwischen Roses Eltern kriselt es gewaltig (den sehr traurigen Grund dafür erfahren wir erst gegen Ende) und statt entspannter Fröhlichkeit dominiert ein unguter Wechsel aus lautstarken Streits und zermürbendem Schweigen. Auch mit Windy versteht sich Rose nicht mehr ganz so blendend wie früher: Während Windy nach wie vor Freude an “Kinderkram” wie Sandburgen und klebrigen Süßigkeiten hat, interessiert sich Rose auf einmal für die älteren Teenager aus dem Ort. Vor allem der fast schon volljährige Duncan, der als Aushilfe im örtlichen Tante-Emma-Laden jobbt und objektiv betrachtet ein ziemlicher Versager ist, wird von Rose aus der Ferne angehimmelt. Viel bekommt er davon natürlich nicht mit — einerseits fehlt ihm jegliches Interesse an dem deutlich jüngeren Mädchen, andererseits steckt er gerade in sehr ernstzunehmenden Schwierigkeiten, die seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen.

Mit “Ein Sommer am See” ist Mariko und Jillian Tamaki nicht nur eine ruhig erzählte und mit stimmigen Bildern unterlegte Coming-of-Age-Geschichte gelungen, sondern auch etwas Allgemeingültigeres. Immerhin neigen wir alle dazu, Dinge, die irgendwie schon immer da waren, als selbstverständlich hinzunehmen und ihnen deshalb kaum mehr die Beachtung zu schenken, die sie eigentlich verdient hätten. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir sie zu verlieren drohen. Das offene Ende dieser beeindruckenden, ebenso melancholischen wie humorvollen Graphic Novel — wer weiß, ob ein weiterer gemeinsamer Sommer am See folgt — sollte uns allen eine Warnung sein und zugleich ein Ansporn, den wichtigen Menschen und Dingen in unseren Leben mehr Wertschätzung zu schenken.

♦  Mariko und Jillian Tamaki: Ein Sommer am See. Aus dem Englischen von Tina Hohl, Lettering von Michael Hau. Reprodukt, ISBN 978-3-95640-025-4, 320 Seiten; € 29.