Neu im Plattenladen, Folge 5

Sufjan Stevens — Carrie & Lowell

Sufjan Stevens

Foto: Asthmatic Kitty Records

“Entschleunigung” ist ein fürchterliches Wort, das höchstwahrscheinlich von findigen Marketingexperten erdacht wurde, um gestressten, unzufriedenen Menschen allerlei teuren Wohlfühl-Tand zur zu verkaufen. Im Kern hat aber auch dieser Gruselbegriff etwas Wahres, das durchaus auf das neue Album des geschätzten Sufjan Stevens zutrifft, nämlich der Wunsch nach der Besinnung auf das Wesentliche. Statt also nach dem opulenten, ausufernden “The Age of Adz” noch eins draufzusetzen oder sich mal wieder dem von Beginn an etwas allzu größenwahnsinnigen 50-Staaten-Projekt zu widmen, schaltet der Amerikaner gleich mehrere Gänge zurück, packt das Banjo seiner früheren Tage wieder aus und legt mit “Carrie & Lowell”  (Asthmatic Kitty Records, erscheint am 27. März) — das sind die Namen seiner Mutter und seines Stiefvaters — eine Sammlung von elf ruhigen, zurückgenommenen und vor allen Dingen sehr persönlichen Liedern vor. Keine ellenlangen Songtitel, keine komplex verschachtelten Arrangements und keine Stücke, die sich allzu weit über die Fünfminutengrenze wagen. Stattdessen Schlaglichter aus Sufjan Stevens’ Kindheit und Jugend, hier die Erinnerung an den Schwimmlehrer, der am Vornamen seines Schützlings scheiterte, dort eine Momentaufnahme von dem Tag, als er von der Mutter in der Videothek vergessen wurde. Zentrales Thema ist und bleibt aber (natürlich) die Liebe, meist irgendwo zwischen Sehnsucht, einer kurzen Phase des Glücks und schließlich gefolgt von Verlust, Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit.

Dass das in seiner ganzen Reduziertheit sehr gut gelungen ist — letzten Endes ähneln die meisten der neuen Stücke dem grandiosen “To Be Alone With You” — versteht sich fast von selbst. “Death With Dignity” oder “The Only Thing”, in dem es darum geht, dass es manchmal die ganz kleinen Lichtblicke sind, die uns am Leben festhalten lassen, sind dabei ebenso schön und berührend ausgefallen wie die letzten Zeilen von “Eugene”:

What’s left is only bittersweet
For the rest of my life, admitting the best is behind me
Now I’m drunk and afraid, wishing the world would go away
What’s the point of singing songs
If they’ll never even hear you?


Außerdem neu:

The Elwins — Play For Keeps.- Das musikalische Gelände, auf dem sich das Quartett The Elwins bewegt, wurde vor knapp anderthalb Jahrzehnten bereits von Formationen wie Everclear, Fountains of Wayne oder dem One-Hit-Wonder Wheatus beackert und später von Phoenix oder Vampire Weekend auf recht gewitzte Art und Weise neu interpretiert. Dementsprechend ist “Play For Keeps” (Affairs of the Heart, bereits erschienen), das zweite Album der Kanadier, nun nicht unbedingt ein Feuerwerk der Originalität, wovon überdies etwas abgegriffene Phrasen wie “you get me high like a bubble” oder “it ain’t over ’til it’s over” zeugen. Allerdings ist der quirlige, pastellfarbene Bubblegum-Pop der Elwins dennoch so eingängig und liebenswert, dass er — in der richtigen, nicht allzu hohen Dosis genossen — jede Menge Spaß macht.

Konzerte: 27.03. Dortmund — Sissikingkong, 28.03. Erfurt — Franz Mehlhose, 31.03. Köln — Blue Shell, 14.04. (A) Salzburg — Rockhouse, 15.04. (A) Innsbruck — Livestage, 16.04. Reutlingen — franz.k (Burning Eagle Festival Warm-Up), 17.04. (A) Aflenz — Sublime, 18.04. (A) Linz — Posthof, 19.04. Regensburg — Heimat, 20.04. (A) Wien — Chelsea, 21.04. München — Milla (mit Rah Rah), 22.04. Erlangen — E-Werk (mit Rah Rah), 23.04. Leipzig — Moritzbastei (mit Rah Rah), 24.04. Dresden — Beatpol (mit Rah Rah), 25.04. Berlin — Privatclub (mit Rah Rah), 26.04. Hamburg — Knust (mit Rah Rah).

21. März — Welttag der Poesie

Seit dem Jahr 2000 findet stets am 21. März der von der UNESCO ausgerufene “Welttag der Poesie” statt, um “an den Stellenwert der Poesie, an die Vielfalt des Kulturguts Sprache und an die Bedeutung mündlicher Traditionen” zu erinnern.

Zur Feier des Tages deshalb ein Lied über Poesie und die Schwierigkeiten, die es einem manchmal doch bereitet, in einem Gedicht mehr als nur eine Aneinanderreihung von Worten zu erkennen (zumindest geht es mir leider ganz oft so):

And I know it’s all poetry, know they’re just lies
But I’ll still scavenge on what I find in between those lines
I’ll pretend there was happiness, fake to have felt pain
Just to feel there’s a reason to read it again

Im Original findet sich “Poetry” auf “Floriography”, dem 2010 erschienenen Debütalbum von Moddi, der Konzertmitschnitt “Live at Jakob Church of Culture” kann über die Bandcamp-Seite des norwegischen Musikers zu einem frei wählbaren Preis heruntergeladen werden.

Neu im Plattenladen (4)

Xavier RuddXavier Rudd & The United Nations — Nanna // An Xavier Rudd scheiden sich seit jeher die Geister: Die einen — davon zeugen eine beachtliche Fanschar sowie diverse Gold- und Platin-Erfolge — verehren den Australier beinahe kultisch, die anderen dagegen halten den Songschreiber für einen naiven Weltverbesserer, dessen Ethno-Pop nur schwer verdaulich ist. Ähnliche Reaktionen dürfte nun auch das neue Album “Nanna” hervorrufen, für das Xavier Rudd “The United Nations”, eine handverlesene Multikulti-Band, um sich versammelt hat. Im Ergebnis stellen sich die Songs auf “Nanna” als ein buntes Sammelsurium aus verschiedensten Weltmusik-Einflüssen mit deutlichem Reggae-Einschlag dar, verziert mit allerlei Flöten, Digeridoos, Trommeln und Background-Chören. Xavier Rudd gibt dazu den Mahner, der wahlweise den Raubbau an der Natur, die Willkür der Großkonzerne oder den Egoismus des Einzelnen anprangert und gleichzeitig die Völker der Welt zum Frieden aufruft, die Weisheit der Vorfahren preist und diverse Götter um Beistand anfleht. Im Ganzen kann man das entweder grandios finden oder ganz arg schlimm. Zwischentöne dürften hingegen kaum möglich sein, auch wenn angemerkt werden muss, dass “While I’m Gone” trotz seiner ernsthaften Thematik durchaus ein Song ist, den man sich in diesem Sommer ganz gut in der Hängematte wird anhören können. (Nettwerk)

Jim KroftJim Kroft — Journeys #1 // Ähnlich wie Xavier Rudd wandelt auch Jim Kroft abseits der ausgetretenen Pfade der großen (Entertainment-) Konzerne — allerdings eher unfreiwillig und aus anderen Beweggründen. Als sein Label EMI nämlich von Universal geschluckt wurde, stand der Schotte auf einmal ohne Plattenvertrag da und sah sich dazu gezwungen, neue Wege einzuschlagen. Nach gründlichem Überlegen hat sich Jim Kroft schließlich für eine etwas risikoreichere, aber deutlich kreativere und freiere Fortsetzung seiner Musikerlaufbahn entschieden. Statt weiter im Hamsterrad mit Albumveröffentlichungen und darauf folgenden Touren herumzurennen, standen für den Wahlberliner fortan ausgedehnte Reisen an Orte abseits des “normalen” Popzirkus, die Auseinandersetzung mit neuen Kulturkreisen, die Arbeit an Dokumentarfilmen und generell eine entspanntere Weltsicht auf dem Programm. An Songs hat Jim Kroft natürlich trotzdem immer gearbeitet und diese dann, je nach finanzieller Lage, nach und nach im Studio oder im eigenen Wohnzimmer aufgenommen. Das erste halbe Dutzend neuer Stücke findet sich nun auf der ersten “Journeys”-EP — fünf weitere sollen im Laufe der Zeit noch folgen. Leider sind die Songs nicht ganz so spannend ausgefallen wie es das sehr sympathische Projekt erhoffen lässt. Hübscher, entspannter Songwriter-Pop eben, der einen nicht vom Stuhl haut vor Begeisterung, aber gerade in Kombination mit den sehr gut gelungenen Begleitvideos seine Wirkung dennoch keineswegs verfehlt. (Department of Field Recordings, erscheint am 27. März)

Jim Kroft auf Tournee (als Support für Jaimi Faulkner): 23. März — Köln, Blue Shell.- 24. März — München, Backstage.- 25. März — (CH) Zürich, Bar Rossi.- 26. März — (AT) Wien, Chelsea.- 27. März — Dresden, Jazzclub Tonne.- 28. März — Berlin, Crystal.- 29. März — Hamburg, Prinzenbar.- 30. März — Dortmund, FZW.- 1. April — Saarbrücken, Garage.

Julian Barnes — Levels of Life

“Every love story is a potential grief story. If not at first, then later. If not for one, then for the other. Sometimes, for both.”

Levels of LifeJulian Barnes‘ aktuelles Werk ist ein schmales Bändchen, keine 120 Seiten lang, aber wohl zweifelsohne das Buch, das den Engländer am meisten Kraft und Herzblut gekostet haben dürfte. Neben den Anfangstagen der bemannten Ballonfahrt, den Frühzeiten der Fotografie und einer unglücklichen Liebesbeziehung zwischen Colonel Fred Burnaby und der aparten Schauspielerin Sarah Bernhardt beschäftigt sich der Autor im letzten — und zentralen — Teil von “Levels of Life” (die deutsche Übersetzung mit dem Titel “Lebensstufen” ist jüngst bei Kiepenheuer & Witsch erschienen) nämlich mit der Frage, wie sich sein Leben nach dem Tod seiner Frau Pat Kavanagh verändert hat, die 2009 nach gut 30 Ehejahren nach kurzer Krankheit gestorben ist. Das ist sehr persönlich, anrührend und über weite Teile sehr hoffnungslos ausgefallen und liest sich in seiner ganzen Tristesse und Schonungslosigkeit, mit der Barnes seine Trauer beschreibt, äußerst beeindruckend; darüber, dass “Levels of Life” insgesamt aber dennoch ein wenig zerrissen wirkt, können aber leider auch diese starken 50 Seiten nicht ganz hinwegtäuschen.


Julian Barnes
Levels of Life
Vintage Books; 118 Seiten; £ 7,99.

Kurz notiert (1)

Lesen:
Arno Geiger — “Selbstporträt mit Flusspferd” (Hanser Verlag) // Vorneweg: Eine allzu tragende Rolle spielt das im Titel erwähnte (Zwerg-) Flusspferd in Arno Geigers aktuellem Roman gar nicht unbedingt. Es ist halt einfach da und bekommt mit stoischer Ruhe mit, wie der 22 Jahre alte Julian, Student der Veterinärmedizin und im Sommer 2004 Aushilfspfleger des sich im Besitz des von einer schweren Krankheit gezeichneten Professors Beham befindlichen Tieres, nach der Trennung von seiner Freundin Judith langsam wieder zurück ins Leben findet und sich in eine von vornherein zum Scheitern verurteilte Affäre mit Behams geheimnisvoller Tochter Aiko stürzt. Das liest sich recht vergnüglich, vor allem, weil Julian ein sympathischer Romantiker und Zauderer ist, der vor lauter Grübeleien und Weltschmerz kaum etwas auf die Reihe bekommt, zieht sich aber hin und wieder doch ein wenig in die Länge. Trotzdem ein lesenswerter Roman, mit dem sich sehr gut die ersten wärmeren Frühlingstage im Stadtpark herumbringen lassen.

Sehen:
“Still Alice — Mein Leben ohne Gestern” (Regie: Richard Glatzer, Wash Westmoreland) // Völlig zurecht wurde Julianne Moore Ende Februar mit dem Oscar als beste weibliche Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Wie sie die an einer besonders aggressiven, frühzeitig auftretenden Art von Alzheimer erkrankte Linguistik-Professorin Alice Howland spielt, die sich vergeblich mit aller Macht gegen das Vergessen und letztlich auch den damit verbundenen Verlust der eigenen Identität stemmt, ist ebenso beeindruckend wie ergreifend. Keine leichte Kost, aber ein äußerst sehenswerter Film. Regisseur Richard Glatzer hat den Erfolg seines Streifens noch mitbekommen dürfen, mittlerweile ist er im Alter von 62 Jahren leider seiner schweren ALS-Erkrankung erlegen.

Hören:
Seed To Tree — “Wandering” // Bands wie Noah & The Whale und The Kooks haben sich über die Jahre nicht nur eine treue Fanschar erspielt, sondern auch zahlreiche Nachahmer auf den Plan gerufen. Viele davon kann man sich getrost sparen, aber einige verdienen dann doch etwas mehr Beachtung. Letztes Jahr zum Beispiel veröffentlichten All the Luck in the World ein ziemlich gelungenes Album für laue Sommerabende, und auch dem aus Luxemburg stammenden Quintett Seed To Tree darf man gerne Gehör schenken. Sicher, fürchterlich originell mag “Wandering” nun nicht sein, aber die Songs darauf sind allesamt sehr gefällig und eingängig ausgefallen. Besonders gut gelungen: Der leichtfüßig tänzelnde Indie-Pop von “Until It Gets Better” und das eher folkig angehauchte, ausladende Titelstück.

Mord und Totschlag (2)

Heute: “Mordsommer” von Rudi Jagusch

MordsommerEin immer wieder gerne benutzter Handlungsrahmen des Spannungsgenres ist ja dieser hier: Ein Grüppchen überdurchschnittlich intelligenter, nach Außen hin angepasster, aber dank Wohlstandsverwahrlosung komplett empathielos gewordener Teenager vertreibt sich die Langeweile mit geheimen, sadistischen Spielchen zulasten von Tier und Mensch. Irgendwann läuft eine dieser Mutproben ganz schrecklich aus dem Ruder, nicht selten mit Todesfolge. Zum Glück für die Halbwüchsigen bleibt die Tat unentdeckt und demnach ohne juristische Konsequenzen — man schwört sich, niemals ein Wort über die Vorfälle zu verlieren und geht dann weiter seines Weges. Viele Jahre später erhalten die ehemaligen Mitglieder der Gruppe, mittlerweile allesamt gesetzestreue Bürger mit angesehen Berufen, mysteriöse Briefe mit dem sinngemäßen Inhalt “Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast” und werden nacheinander auf mehr oder weniger grausame Art und Weise um die Ecke gebracht. Täter ist in aller Regel entweder jemand, der damals auch gerne dabei gewesen wäre, aber schroff abgewiesen wurde, ein ehemaliges Opfer auf Rachefeldzug oder aber auch ein Cliquenmitglied selbst, das die Fehler von damals eingesehen hat und als Folge einer ziemlich verqueren Vorstellung von Moral und Gerechtigkeit nun eben das Gesetz selbst in die Hand nimmt.

An diesen bewährten, eigentlich auserzählten Stoff hat sich nun auch Rudi Jagusch in seinem neuen Thriller “Mordsommer” gewagt. Auch hier haben sich ein paar wohlhabende Teenager Anfang der Neunziger in bester Uhrwerk-Orange-Manier etwas Scheußliches zu Schulden kommen lassen und werden gut zwanzig Jahre später von der Vergangenheit eingeholt. So weit, so klischeehaft. Weil Rudi Jagusch die Haupthandlung seines Romans aber kurzerhand in ein verlassenes Dorf in der Eifel (das tatsächlich existierende “Geisterdorf” Staudenhof) verlegt hat, in dem die Protagonisten ihrem Peiniger schutzlos ausgeliefert sind, entwickelt sich allerdings doch eine ziemlich kurzweilige und spannende Geschichte. Nicht zuletzt beginnen die in die Falle Getappten nämlich schnell, sich gegenseitig zu verdächtigen und in jedem der ehemaligen Freunde einen skrupellosen Mörder zu sehen. So wird aus dem Thriller zunehmend ein klaustrophobisches Kammerspiel, dessen Auflösung hier natürlich nicht verraten werden soll…

Rudi Jagusch — Mordsommer
Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-43785-2
464 Seiten; € 9,99 (eBook € 8,99).

Neu im Plattenladen (3)

Heute: Jacob Bellens — My Convictions

Jacob Bellens

Egal, ob mit seinen Bands Murder und — mit Abstrichen — I Got You On Tape oder solo: Der Däne Jacob Bellens ist schon seit Jahren ein erfolgreicher Botschafter in Sachen Melancholie. Anders aber als viele seiner Kollegen, die sich in den Minimalismus flüchten und dabei mit brüchigem Gesang und lustlos gezupfter akustischer Gitarre allzu oft in die Langeweile abgleiten, zeigt der kauzige Mittdreißiger Bellens auf seinem zweiten Soloalbum “My Convictions”, wie man Traurigkeit in zumindest halbwegs optimistischen, sehr abwechslungsreichen Songs transportiert.

Schon im Opener “Fireworks” prallen die Gegensätze aufeinander, wenn zu elegantem Pop an der Grenze zum Kitsch eine Zeile wie “I’m not afraid to die a bitter man” fällt. In eine ähnliche Kerbe schlagen “Another Lung”, in dem der Däne von der Sinnlosigkeit des Daseins erzählt, während die Musik dazu in fröhliche Calypso-Gefilde driftet, und “Missing You”, in dem Bellens zu äußerst gut gelaunten Mitsing-Klängen einer Verflossenen bittere Tränen hinterherweint. Allerdings wissen nicht nur die Stücke zu überzeugen, in denen das scheinbar Unvereinbare aufeinandertriftt, sondern auch die etwas konventionelleren Songs, in denen Melancholisches in ein getrageneres Gewand gekleidet wird, wie in den beiden von Streichern unterlegten Piano-Balladen “Like I Was A Walrus” und “Northern Lights”. Generell ist Jacob Bellens, der zudem mit einer Stimme gesegnet ist, der man gerne zuhört, ein äußerst findiger Arrangeur, was neben dem Titelstück auch das sehr elegante, von einem Hauch Bigband-Flair umwehte “Change of Heart” und “01.010”, das nicht nur wegen seiner Trompete an Element of Crime erinnert, beweisen. {3,5/5}

Jacob Bellens — My Convictions
A Spot in the Sun, bereits erschienen.

Neu im Plattenladen (2)

Heute: The Slow Show — White Water

The Slow ShowAm Anfang war da das Live-Video zu “Dresden”: Haldern Pop Festival, Spiegelzelt, ein Chor, satte Bläser, ein Sänger, der sowohl optisch wie auch stimmlich nahe dran an Tom Smith von den Editors ist, während der Song in seiner Gesamtheit eher Erinnerungen an The National wachruft. Ganz groß! Auch das etwas zurückhaltendere, sich behutsam aufbauende “Bloodline”, die zweite vorab veröffentlichte Single, ließ die Erwartungen an das Debütalbum von The Slow Show weiter ansteigen.

Diese sehr hohe Messlatte überspringt die Band aus Manchester mit “White Water” nun tatsächlich, aber nur recht knapp. Zum ganz großen Wurf fehlen der Platte nämlich ein wenig die besonders guten und überraschenden Ideen — viele der elf Songs sind nämlich doch ein wenig gleichförmig gestrickt und folgen zumeist der Formel “balladesker Auftakt + leichter Tempoanstieg im weiteren Verlauf + sanft leidender Gesang von Rob Goodwin”. Von den Arrangements her wurde allerdings auch bei den eher unspektakulären Stücken keineswegs geschludert, bestes Beispiel sind hier wohl die besonders schönen Streicher in “Testing”, doch auch ansonsten gefallen die klug eingestreuten Passagen mit Geigen, Trompeten und Piano.

Neben den bereits angesprochenen, über alle Zweifel erhabenen “Dresden” und “Bloodline” hat “White Water” noch ein paar weitere Höhepunkte zu bieten: “Augustine” kommt zum Beispiel ein wenig schneller und drängender daher und stellt alleine dadurch einen gelungenen Kontrast zum ansonsten eher getragenen Tempo dar. “Paint You Like A Rose” erreicht beinahe die Grandezza von “Dresden”, während das direkt darauf folgende “Flowers to Burn” beinahe poppig ausgefallen ist. Einen gelungenen Schlusspunkt setzt schließlich “God Only Knows” mit seinen feierlichen Bläsern und Rob Goodwins ebenso lakonischer wie tröstlicher Feststellung “it all looks different these days, but it’s still the same, it’s still the same”.

Bleibt festzuhalten, dass The Slow Show mit “White Water” ein mehr als beachtliches Debüt vorgelegt haben — für die Zukunft bleibt aber dennoch ein wenig Luft nach oben. {4/5}

The Slow Show — White Water
Haldern Pop Recordings, erscheint am 6. März.

Tourdaten
21.05.15 Köln — Luxor
22.05.15 Haldern — Haldern Pop Bar
23.05.15 Dortmund — Way Back When Festival
24.05.15 Beverungen — Orange Blossom Festival
25.05.15 Hamburg — Prinzenbar
26.05.15 Berlin — Privatclub
27.05.15 Dresden — Beatpol
28.05.15 (A) Wien — Chelsea
29.05.15 München — Strøm
31.05.15 (CH) Zürich — Papiersaal

Aike Arndt: Das Nichts und Gott

Aike Arndt

Wir erinnern uns: Vor ein paar Jahren hat Aike Arndt mit seinem Büchlein “Die Zeit und Gott” eindeutig nachgewiesen, dass die Erde von Gott höchstpersönlich erschaffen wurde. Natürlich hat das Buch nicht nur die Welt der Wissenschaft gehörig auf den Kopf gestellt, sondern seinen Verfasser (und dessen Verlag) berühmt und unermesslich reich gemacht. Statt sich allerdings bequem zurückzulehnen, hat sich Aike Arndt nun doch aufgemacht, Gott in den Mittelpunkt eines zweiten Bandes namens “Das Nichts und Gott” zu stellen. Schließlich gibt es nach wie vor allerlei unbeantwortete theologische, naturwissenschaftliche und philosophische Fragen, zum Beispiel die nach dem Ursprung des Universums.

Nach der Lektüre des gewohnt liebenswert gezeichneten, 68 Seiten dünnen Bändchens kennt man die (sehr einleuchtende) Antwort darauf und hat zugleich einige neue, äußerst vergnügliche Abenteuer mit Gott, dem gestreiften Zwitterwesen aus der Einzimmerwohnung in Frimmersdorf, und seinen Freunden, dem Mond, dem Teufel und dem Weihnachtsmann erlebt. Das alles ist nicht nur sehr einfallsreich und zuweilen ziemlich klug, sondern kommt auch mit ein paar feinen Seitenhieben auf die hiesige Comiclandschaft daher. Besonders lustig: Die Szene, in der der Stand des Zwerchfell Verlages auf dem Erlanger Comicsalon von zahllosen begeisterten Fans belagert wird, während nebenan bei Reprodukt eine traurige Elendsgestalt auf Besucher wartet.

Sehr empfehlenswert!

Aike Arndt — Das Nichts und Gott
Zwerchfell Verlag
ISBN 978-3943547238
68 Seiten; 12 Euro
[Leseprobe]

Neu im Plattenladen (1)

Heute: Black Yaya – s/t

Black Yaya

Als Gewohnheitstier begegnet man allzu Neuem ja gerne einmal mit einer gewissen Skepsis — vor allem wenn, es sich um Herzensangelegenheiten handelt. Und was, wenn nicht eine Herzensangelegenheit ist Herman Dune, jene Band, die es seit jeher wie kaum eine zweite versteht, Lieder zu schreiben, in die man sich sofort verliebt und die einem selbst im tiefsten Winter das Gefühl geben, gerade den zauberhaftesten Sommer überhaupt zu erleben? Schwierig also, wenn jemand wie David Ivar Herman Dune sich auf einmal Black Yaya nennt und verkündet, ein Soloalbum veröffentlichen zu wollen.

Aber siehe da, das schlicht “Black Yaya” betitelte, lediglich neun Songs starke Werk, schlägt zwar einige neue Wege ein, lässt aber kaum jemals einen Zweifel an der musikalischen Vergangenheit seines Urhebers. Der Opener “Flying A Rocket” verzichtet auf die für Herman Dune typischen Schrammelgitarren und bedient sich stattdessen diverser Gerätschaften aus den Anfangstagen elektronischer Musik, aber dank der markanten Stimme und dem wieder einmal sehr eingängigen Refrain ist der Unterschied zwischen Band und Soloauftritt fast schon marginal. Komplett aufgelöst ist er dann wenig später bei “Watchman”, das mit seinem eher zurückgenommenen Arrangement, der Mundharmonika und den an den Sixties geschulten Backgroundchören auch gut auf das 2006 erschienene Herman-Dune-Meisterwerk “Giant” gepasst hätte. Ebenfalls äußerst stark ausgefallen sind das dylaneske “Through the Deep Night”, das von einer lässigen Orgel begleitete “Under Your Skin” und das ausladende “Save Them Little Children”.

Am Ende kann man also beruhig feststellen, dass die anfängliche Skepsis zum Glück unbegründet war: Mit “Black Yaya” erfindet sich David Ivar nicht fundamental neu, sondern bleibt — obwohl viele Songs ein wenig ausgefeilter wirken und nicht mehr ganz so viel DIY-Charme versprühen — stets recht nahe an Herman Dune. Eine sehr vernünftige Entscheidung! {3,5/5}

Black Yaya — s/t
City Slang, erscheint am 27. Februar.

Tourdaten
21.04.15 Berlin — Bang Bang Club
22.04.15 München — Kranhalle
23.04.15 Köln — Luxor
24.04.15 Freiburg — Passage 46