„Euphancholie“ und Telefonzellen

Ungezählte Bücher, Filme und Songs drehen sich um diesen einen Sommer, der alles verändert. Ein Sommer, von dem man sich wünscht, er möge ewig weitergehen, der aber dennoch unaufhaltsam auf sein Ende zusteuert. Dabei ist es gar nicht so einfach, dem inzwischen doch recht arg strapazierten Coming-of-Age-Genre noch etwas substanziell Neues hinzuzufügen. Aber oft reicht es ja auch schon, Altbekanntes auf gekonnte Art und Weise und mit ein paar überraschenden Wendungen noch einmal zu erzählen. Gut hinbekommen haben das zuletzt etwa David Nicholls mit „Sweet Sorrow“ und Benedict Wells mit „Hard Land“. Lesenswert sind letzten Endes beide Bücher — falls man nur zu einem davon greifen möchte, muss man sich eben entscheiden zwischen einer Laientheatervorstellung von „Romeo und Julia“, England, Pulp und dem Jahr 1997 (Nicholls) oder „Zurück in die Zukunft“, dem ländlichen Missouri, Bruce Springsteen und dem Sommer 1985 (Wells). Diese ganz besondere Mischung aus Euphorie und Melancholie fangen beide Romane jedenfalls bestens ein. Benedict Wells hat für dieses Gefühl sogar ein Wort kreiert, nämlich „Euphancholie“:

„Einerseits zerreißt’s dich vor Glück, gleichzeitig bist du schwermütig, weil du weißt, dass du was verlierst oder dieser Augenblick mal vorbei sein wird. Dass alles mal vorbei sein wird.“ Sie packte ihr Notizbuch weg. „Na ja, vermutlich ist die ganze scheiß Jugend Euphancholie.“

Benedict Wells: Hard Land

Früher als die beiden bereits genannten Bücher, nämlich ganz zu Beginn der 1980er Jahre, spielt „Der große Sommer“, der neue Roman von Ewald Arenz. Wenn auch zeitlich noch ein wenig weiter weg von meiner eigenen Jugend (der kommt „Sweet Sorrow“ am nächsten), konnte ich mich mit diesem Buch am meisten identifizieren — immerhin spielt die Handlung unweit meiner eigenen Heimat und schulische Misserfolge sind mir ebenso bekannt wie Zehnpfennigstücke für die Telefonzelle. Hauptfigur ist der Schüler Friedrich „Frieder“ Büchner, dessen Sommer zunächst nicht groß, sondern ganz schrecklich zu werden droht. Er hat gerade zum zweiten Mal in Folge das Klassenziel der 9. Klasse verfehlt und steht vor dem Ende seiner Gymnasiallaufbahn, wenn er am Ende der Sommerferien durch die Nachprüfung in Latein und Mathe rasselt. Der Familienurlaub jedenfalls fällt für ihn aus, stattdessen muss er die Ferien bei seinen Großeltern verbringen und sich unter der Aufsicht des strengen Großvaters, einem sehr auf Bildung, Disziplin und Leistung bedachten Chefarzt, auf die entscheidenden Prüfungen vorbereiten. Was für ein Schlamassel!

Zum Glück sind da aber noch Frieders bester Freund Johann, seine jüngere Schwester Alma und natürlich Beate, das Mädchen mit dem flaschengrünen Badeanzug und der Vorliebe für Bossa Nova. Zwischen erster Liebe, unbeschwerten Tagen im Freibad und Abenden auf der Burgmauer hat Ewald Arenz selbstredend eine ganze Reihe teils dramatischer Wendungen eingebaut. Ob der Sommer für Frieder ein gutes Ende nimmt, wird hier nicht verraten. Nur so viel: Manchmal sind die Dinge — und erst recht die Menschen — nicht so, wie sie auf den ersten Blick scheinen.

Abgesehen von der unweigerlich auf einen Höhepunkt zusteuernden Handlung ist „Der große Sommer“ auch sprachlich und atmosphärisch ein großes Vergnügen. All die oft kaum wahrnehmbaren Kleinigkeiten, die den Sommer ausmachen — zum Beispiel ganz spezielle Gerüche und Lichtverhältnisse — lässt Ewald Arenz mit meist nur wenigen Worten lebendig werden. Während der Lektüre wähnt man sich tatsächlich im Sommer. Egal, welche Kapriolen der April gerade schlägt. Ein wunderbarer Roman, der seinem Vorgänger „Alte Sorten“ in nichts nachsteht.

Jetzt war Sommer. Er würde vorbeigehen, aber jetzt war Sommer.

Ewald Arenz: Der große Sommer
  • David Nicholls: Sweet Sorrow (Ullstein Taschenbuch; 512 Seiten; ISBN: 978-3-54806-383-6)
  • Benedict Wells: Hard Land (Diogenes; 352 Seiten; ISBN: 978-3-257-07148-1)
  • Ewald Arenz: Der große Sommer (Dumont; 320 Seiten; ISBN: 978-3-8321-8153-6)

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Botanische Weltreise

Vor knapp drei Jahren legten der britische Botaniker Jonathan Drori, ehemals Kurator der Royal Botanic Gardens in Kew, und die französische Illustratorin Lucille Clerc mit ihrem gemeinsamen Buch „In 80 Bäumen um die Welt“ (mehr dazu u. a. bei Elementares Lesen) einen veritablen Weltbestseller hin. Nun hat sich das Duo einmal mehr zusammengetan und mit „In 80 Pflanzen um die Welt“ (deutsche Übersetzung von Bettina Eschenhagen) einen noch farbenprächtigeren Nachfolger verfasst.

Wie der Titel bereits vermuten lässt, ist das Buch ganz ähnlich aufgebaut wie sein Vorgänger, nur dass der Fokus der Weltreise — von Jonathan Droris britischer Heimat bewegt man sich immer in Richtung Osten — nun eben nicht auf Bäumen, sondern auf Pflanzen liegt. Dank der Vielfalt an Formen und Farben sind die entsprechenden, teils ganzseitigen Illustrationen von Lucille Clerc diesmal eine noch größere Augenweide voller kleiner Details. Allein das Blättern in diesem Buch ist die reine Freude. Lesen sollte man die jeweils eine bis knapp drei Seiten langen Porträts der einzelnen Pflanzen natürlich ebenfalls, denn der mit einem feinen Humor gesegnete Drori versteht es bestens, botanische Besonderheiten mit einer kurzen Kulturgeschichte und kuriosen Fakten zu verbinden.

Wer hätte zum Beispiel vorher gewusst, dass die junge, noch unbekannte Marilyn Monroe einst Artischocken-Ehrenkönigin des kalifornischen Städtchens Castroville war, oder dass vornehme Briten im 18. Jahrhundert gerne eine Ananas als Statussymbol mit sich herumtrugen? Auch die Frage, warum die Banane krumm ist, wird hier ein für alle Mal beantwortet (ohne zu viel verraten zu wollen: die Sonne spielt dabei eine wichtige Rolle). Allerdings erfährt man nicht nur Neues über auch in unseren Breiten fast alltägliche Pflanzen, sondern lernt auch ganz neue Gewächse kennen. Etwa den Ibogastrauch aus Gabun mit seinen psychoaktiven Früchten, die bizarre Welwitschie aus Angola oder die Riesenrafflesie, einen in Malaysia vorkommenden Parasiten mit kohlkopfgroßer Knospe.

Am Stück gelesen, enthält „In 80 Pflanzen um die Welt“ fast schon zu viele Informationen. Aber zum schnellen Durchlesen von vorne nach hinten ist dieses wunderbare Buch ja auch gar nicht da. Vielmehr sollte man es als einen dauerhaften Begleiter betrachten, den man immer wieder gerne zur Hand nimmt.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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(K)eine ehrenwerte Familie

Von außen betrachtet muss einem die Familie Bal Mitte der 1990er Jahre vermutlich wie das Musterbeispiel einer wohlhabenden, großbürgerlichen Familie vorgekommen sein. Der Vater ein erfolgreicher, angesehener Richter, drei Kinder, ein herrschaftliches Haus in einem Dresdner Villenviertel. Alles bestens also? Von wegen! Dass mit dieser Familie schon seit Generationen etwas ganz und gar nicht stimmt, wird gleich auf den ersten Seiten von Amanda Lasker-Berlins zweitem Roman „Iva atmet“ mehr als deutlich.

Die Haupthandlung des Buches spielt in der Gegenwart und wird aus Sicht der knapp 33 Jahre alten Iva erzählt. Die jüngste Tochter der Familie Bal arbeitet als Ärztin in einem Krankenhaus und lebt mit Mann und Sohn in Düsseldorf — ihr durchaus solider Lebenswandel ist auch der Grund, warum sie als Erste darüber informiert wird, dass der Vater nach einem Schlaganfall im Sterben liegt. Abgesehen von ihr gibt es nämlich niemanden mehr, der sich in dieser Situation ums Nötigste kümmern könnte. Ivas Mutter hat schon lange eine neue Familie gegründet, die älteren Geschwister sind nur schwer auffindbar. Jette reist durch die Welt und sendet lediglich über ihren Youtube-Kanal ab und an ein Lebenszeichen und was Alexander, der das Elternhaus einst fluchtartig verließ, macht, kann eigentlich niemand so genau sagen.

Während Iva nach Dresden fährt und in dem bedrohlich wirkenden Haus mit den beiden abgestorbenen afrikanischen Köcherbäumen vor dem Eingang unterkommt, beleuchtet Amanda Lasker-Berlin in kurzen Rückblenden die Familiengeschichte ihrer Protagonistin, die ebenfalls eine Meisterin im Verdrängen ist. Nach und nach ergibt sich so ein bedrückendes Bild. Man erfährt von der Großmutter, die die ersten Jahre ihres Lebens im damaligen Deutsch-Südwestafrika verbrachte, mit ihrer Mutter kurz nach der Schlacht am Waterberg nach Deutschland floh und den Völkermord an den Herero zeitlebens in erster Linie als Unrecht betrachtete, das ihr angetan wurde — für die eigentlichen Opfer dieses schrecklichen Verbrechens hat sie dagegen kaum ein Wort des Bedauerns übrig. Man liest vom Großvater, der in der NS-Zeit als Oberkriegsverwaltungsrat Karriere machte, danach aber wie so viele von „nichts gewusst“ haben wollte und im Nachkriegsdeutschland seine Laufbahn unbehelligt als Landtagsabgeordneter fortsetzte. Und natürlich ist da der nun im Sterben liegende Vater, der früher verschwörerische „Gedenkabende“ veranstaltete und sich jegliche Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte mit aller Vehemenz verbat.

Wie diese tot geschwiegene, dunkle Vergangenheit bis in die Gegenwart weiterwirkt und selbst das Leben derer nachhaltig beeinflusst, die keine Schuld auf sich geladen haben, beschreibt Amanda Lasker-Berlin eindringlich in kurzen, fast atemlosen Sätzen. Das liest sich dann zum Beispiel so:

Iva geht zum rechten Köcherbaum, betrachtet ihn genau. Sucht, was Alexander dort gemacht hat. Sie muss genau schauen, findet dann einen Schriftzug. In undeutlichen Buchstaben steht dort: „Ich war einer von euch.“
In Iva wiederholt sich der Satz. Wieder und wieder.

Besonders stark ist „Iva atmet“ gerade in den Passagen, in denen zurückgeblickt wird und sich die einzelnen Puzzleteile nach und nach zu einem halbwegs vollständigen Ganzen zusammensetzen. Nicht ganz mithalten kann da die manchmal etwas konstruiert wirkende, in der Gegenwart angesiedelte Handlung. Lesenswert ist dieser Roman über den persönlichen Umgang mit historischer Schuld, die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte und die allzu lange zur Seite geschobenen deutschen Kolonialverbrechen aber allemal.

Am 22. April um 19.30 Uhr stellt Amanda Lasker-Berlin ihren neuen Roman im Rahmen der „Frankfurter Premieren“ vor. Das von Christoph Schröder moderierte Gespräch kann entweder im Livestream oder danach in der entsprechenden Mediathek angesehen werden.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Eine verpasste Chance

Vor ein paar Tagen fiel mir beim Aufräumen — neben dem Spazierengehen und Brotbacken derzeit mein liebstes Hobby — ein Kalender aus dem Jahr 2007 in die Hände. Beim Durchblättern stach zwischen all dem Alltäglichen wie Uni-Kram, Ankunftszeiten von Zügen und schnell hingeschmierten Notizen besonders ein Eintrag vom 30. Januar heraus:

Lesung Roger Willemsen
Buchhandlung Hübscher
20 Uhr

Eine schöne Erinnerung, allerdings mit einem nicht unerheblichen Haken. Besucht habe ich die Lesung nämlich nicht. Warum, weiß ich heute beim besten Willen nicht mehr. Vielleicht gab es einfach keine Karten mehr, vielleicht kam mir kurzfristig irgendetwas anderes dazwischen, vielleicht hatte ich keine Begleitung und wollte nicht alleine hingehen.

Seitdem ist viel Zeit vergangen: Ich bin irgendwann aus Bamberg weggezogen, die Buchhandlung Hübscher am Grünen Markt wurde vor ein paar Jahren von Osiander übernommen und Roger Willemsen ist am 7. Februar 2016 viel zu früh gestorben, ohne dass ich jemals eine Lesung von ihm besucht hätte.

Daran lässt sich nun leider nichts mehr ändern — aber immerhin erinnert mich der wiedergefundene Kalendereintrag nachdrücklich daran, die Chancen auch wirklich zu ergreifen, wenn sie sich bieten. Irgendwann, wenn es wieder Lesungen und andere Kulturveranstaltungen gibt.

Auf Entdeckungsreise

Beim Verlag C. H. Beck hat man seit einer Weile ein Herz für Orte, die auf irgendeine Weise besonders oder ungewöhnlich sind. So erschienen von verschiedenen Autoren (aber stets mit Illustrationen von Lukas Wossagk) zuletzt Bücher über „Die seltsamsten Orte der Antike“ und „Die seltsamsten Orte der Religionen“. Pia Volks „Deutschlands schrägste Orte“ (ursprünglich tatsächlich angekündigt als „Die seltsamsten Orte Deutschlands“) reiht sich da trotz des leicht abweichenden Titels nahtlos ein und kommt genau zur richtigen Zeit. Echte Reisen sollten schließlich tunlichst unterlassen werden, aber das Reisen im Lesesessel mit einem Buch vor der Nase ist natürlich uneingeschränkt erlaubt und erwünscht.

Und selbst bei der Entdeckung der Welt von zu Hause aus muss es nicht immer in die Ferne gehen, denn allzu oft findet sich Interessantes und Bemerkenswertes auch in der näheren Umgebung, wie die etwas mehr als 50 von der Autorin ausgewählten und in verschiedene Themengebiete wie „Bizarre Landschaften“, „Obskure Objekte“ oder „Vorstellungswelten“ aufgeteilte Orte beweisen. Um klassische Sehenswürdigkeiten im touristischen Sinne handelt es sich bei den meisten nicht, obwohl einige davon inzwischen ausschließlich Tourismuszwecken dienen. Bestes Beispiel dafür ist die Indoor-Ferienanlage „Tropical Islands“ in Brandenburg. In der riesigen Halle, in der Urlaubshungrige heute künstliche Regenwälder und Sandstrände finden, wollte in den 1990er Jahren eine längst insolvente Firma Luftfrachtschiffe bauen und warten.

Einige der vorgestellten Orte — etwa das Nördlinger Ries — sind von Natur aus so, wie sie sind, die meisten dagegen sind untrennbar mit der wechselvollen Geschichte verbunden. Neben territorialen Verschiebungen, die diverse Enklaven und Exklaven wie Büsingen am Hochrhein oder die sorbischen Dörfer in Sachsen hervorgebracht haben, gehen viele der von Pia Volk ausgewählten „schrägen Orte“ aufs Konto des nationalsozialistischen Größenwahns, der Planungswut der DDR und der „autogerechten“ Umgestaltung der Städte in der Nachkriegszeit oder sind Spätfolgen des Braun- oder Steinkohleabbaus. Allen Orten gemein ist, dass sich hinter ihnen eine spannende Geschichte verbirgt, die es wert ist, erzählt zu werden. Je nachdem, wie viel diese hergibt, erstrecken sich Pia Volks gut recherchierte und in einem sympathischen Tonfall erzählte Reportagen in der Regel über drei bis fünf Seiten.

Was dem Buch allerdings ein wenig fehlt, sind ein paar begleitende Fotografien. Dank der zu Beginn eines jeden Kapitels angegebenen Koordinaten lassen sich die Orte zwar in Windeseile auf der Karte und im Internet finden, aber den Kronleuchter in der Kölner Kanalisation oder Väterchen Timofei und dessen auf dem späteren Olympiagelände in München ohne Baugenehmigung errichtete Kapelle hätte man schon gerne direkt beim Lesen vor Augen gehabt.

Trotzdem weckt „Deutschlands schrägste Orte“ die Lust, sich selbst auf Entdeckungsreise zu begeben. Entweder an den ein oder anderen im Buch vorgestellten Ort oder auf eigene Faust vor der eigenen Haustür. „Schräge Orte“ gibt nämlich überall — man muss nur genau hinschauen.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Fränkischer Doppelgänger

📸 Christoph Walter

Ende Mai 1967 jubelt die Bevölkerung von Rothenburg ob der Tauber zwei prominenten Besuchern zu. Der Schah von Persien ist nebst seiner Gattin zu Gast im westmittelfränkischen Städtchen und winkt der — abgesehen von ein paar „linksgerichteten Studenten“, die gegen den iranischen Machthaber protestieren — begeisterten Masse vom Rathausbalkon aus zu. Eine nicht unerhebliche Kleinigkeit an diesem Bild stimmt aber nicht, denn neben Farah Diba steht gar nicht der echte Schah, sondern mit dem Rothenburger Schuldirektor Bartholomäus König ein Doppelgänger:

In der geschlossenen Psychiatrie im Bezirkskrankenhaus (BKH) Ansbach tobt derweil ein Mann, der wie der König ausschaut, im Wechsel Flüche auf Farsi und auf Englisch ausstößt und behauptet, der Schah von Persien zu sein.

Davon, warum Bartholomäus König, der ebenso wie der Schah am 26. Oktober 1919 zur Welt kam, diesen Schwindel inszeniert hat und was mit ihm passiert, nachdem ihn zwei Agenten des iranischen Geheimdiensts abgeführt und in den Folterkeller des Kriminalmuseums gebracht haben, erzählt Leonhard F. Seidl in seinem Schelmenroman „Der falsche Schah“. In einem lockeren, mal eher bairisch, mal eher fränkisch gefärbtem Plauderton breitet der vor allem für seine Kriminalromane bekannte Autor die Lebensgeschichte seines Protagonisten aus. Humorvoll und mit viel Lokalkolorit — das Buch entstand im Rahmen eines Stipendiums des Kriminalmuseums Rothenburg — aber auch hintersinnig und ernsthaft. Ein nicht unerheblicher Teil der Handlung spielt während der NS-Zeit, in der es König trotz aller Widrigkeiten gelingt, stets anständig zu bleiben und anderen dank seines Schauspieltalents und seiner Cleverness zu helfen. Nach Kriegsende stößt dem Schulleiter sauer auf, dass die Aufarbeitung dieser finsteren Jahre — wenn überhaupt — nur sehr halbherzig geschieht und die Verbrecher von damals oft unbehelligt in Amt und Würden zurückkehren. Großartig gelungen ist in diesem Zusammenhang eine ebenso aberwitzige wie beklemmende Szene, in der für einen Filmdreh falsche SS-Leute durch die engen Gassen der Stadt marschieren und bei nicht wenigen ein „Er ist wieder da“-Gefühl auslösen.

Das Rathaus von Rothenburg — 📸 Christoph Walter

Vor diesem Hintergrund verwundert es auch nicht, dass sich König an dem aus seiner Sicht allzu unkritischen Umgang mit dem Schah-Besuch in seiner Heimatstadt stört und beschließt, einzugreifen. Hätten sich die Geschehnisse dieses kurzweiligen und klugen Romans tatsächlich so zugetragen, wäre es vermutlich nicht zu der Demonstration wenige Tage später in West-Berlin gekommen, auf der der Student Benno Ohnesorg erschossen wurde. So aber bleibt „Der falsche Schah“ in erster Linie ein Plädoyer dafür, Dinge stets zu hinterfragen und immer dann besonders genau hinzuschauen, wenn sich Machthaber allzu sehr bejubeln lassen.

  • Leonhard F. Seidl: Der falsche Schah (volk Verlag; 192 Seiten; ISBN: 978-3-86222-335-0).

Zum Weiterlesen: „Mehr Schein als Sein“ (Interview mit dem Autor in der Süddeutschen Zeitung).

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Eine Zeit des Aufbruchs

📸 Christoph Walter

Olli Jalonen ist erst der zweite finnische Schriftsteller, dem das Kunststück gelungen ist, gleich zweimal mit dem wichtigsten Literaturpreis seines Heimatlandes ausgezeichnet zu werden. Seinen zweiten Finlandia-Preis erhielt der 1954 geborene Jalonen für seinen Roman „Taivaanpallo“, der unter dem Titel „Die Himmelskugel“ nun auch in der deutschen Übersetzung von Stefan Moster vorliegt.

Die 1679 einsetzende Handlung des nicht nur wegen seines Umfangs von gut 550 Seiten schwergewichtigen Buches ist jedoch nicht im hohen Norden angesiedelt, sondern auf der Insel St. Helena im Südatlantik. Hier lebt der sieben Jahre alte Ich-Erzähler Angus, ein Junge aus einfachen Verhältnissen, den der aufstrebende englische Astronom Edmond Halley bei seiner Forschungsreise auf die Insel im Jahr zuvor unter seine Fittiche genommen hatte. Im Auftrag Halleys beobachtet der wissbegierige und mit einem wachen Verstand gesegnete Angus tagsüber Vögel und in der Nacht den Sternenhimmel. Der größte Wunsch des Jungen ist es, seinem Idol in London als Gehilfe zur Hand zu gehen und eines Tages selbst Wissenschaftler zu werden. Dafür bemüht er sich nach Kräften und lernt bei Pastor Burch, seinem späteren Stiefvater, eifrig Lesen, Schreiben und Rechnen. Der Pastor selbst ist zwar — immerhin befinden wir uns erst ganz am Anfang des Zeitalters der Aufklärung — neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen keineswegs abgeneigt, sieht in ihnen aber in erster Linie Gottesbeweise. Die Ausführungen von Pastor Burch, die weite Teile der ersten 250 Seiten des Romans dominieren, sind dabei sehr ausführlich ausgefallen, so dass sich die Lektüre streckenweise arg zieht.

Edmond Halley, ca. 1687 — 🎨 Thomas Murray

Danach nimmt „Die Himmelskugel“ aber zum Glück mehr Fahrt auf. Im Jahr 1684 ist ein tyrannischer neuer Gouverneur in St. Helena an der Macht, zudem schickt sich eine katholische Sekte an, die größtenteils protestantischen Inselbewohner — darunter auch Angus und seine Familie — zu unterdrücken. Der Pastor will seine Verbindung zu Halley nutzen, um einen Hilferuf nach England zu senden. Als Überbringer der Nachricht bietet sich der inzwischen zwölfjährige Angus an, der als blinder Passagier auf dem altersschwachen Schiff „Berkeley Castle“ die gefährliche Überfahrt wagen soll. Die aus heutiger Sicht kaum vorstellbaren Zumutungen dieser langen Seereise beschreibt Olli Jalonen wunderbar anschaulich und auch Angus‘ staunender Blick auf London, aus seiner Sicht eine Stadt von unglaublichen Ausmaßen, ist dem Autor bestens geglückt. Überhaupt ist der zweite Teil des Romans der deutlich stärkere. Die unmittelbar bevorstehende Zeitenwende, die junge Gelehrte wie Edmond Halley einzuleiten im Begriff sind, ist auf fast jeder Seite spürbar. Gleichzeitig merkt man stets auch die Widerstände, auf die der wissenschaftliche Fortschritt noch allerorten trifft. Dieses Spannungsverhältnis und die Begeisterung und Neugier, mit der Angus alles Neue aufsaugt, machen „Die Himmelskugel“ zu einem lesenswerten Roman. Schade nur, dass es so lange dauert, bis sich das Buch von seiner besten Seite zeigt!

Der Herr Pastor hat mich das Lesen gelehrt, und Herr Halley lehrt mich noch viel mehr, nämlich das Denken. Auf der Welt liegen so viele Dinge hinter der Unwissenheit verborgen, dass man nicht alles durch Lesen lernt, sondern darüber nachdenken und zum Beispiel Versuche machen muss, wenn man nicht im Kopf abwägen und entscheiden kann, welches Ergebnis das richtige ist.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Monatsrückblick Februar ’21

📸 Christoph Walter

Die Zeit hatte jetzt starke Rhythmusstörungen, sie ruckte nach vorne, tippelte auf der Stelle, mal blieb sie stehen, mal raste sie und nicht selten tat sie alles zugleich.

Mariana Leky: Die Herrenausstatterin

Auch im zu Ende gehenden Februar hatte die Zeit weiter mit gehörigen Rhythmusstörungen zu kämpfen. Wie es mit dem Leben im Allgemeinen und der Kultur im Besonderen weitergeht, ist nach wie vor kaum abzusehen. Gut gemeinte Initiativen und Vorschläge sind zwar durchaus vorhanden, aber die Kultureinrichtungen liegen größtenteils so verwaist da wie der oben abgebildete Musikpavillon im Februarschnee.
Keine abschließende Antwort auf die Frage „Wie geht es weiter mit der Kultur?“ brachte Mitte des Monats eine Diskussion im Staatstheater Nürnberg. Sehenswert ist das Gespräch mit der Theatermacherin Andrea Maria Erl und dem Schriftsteller Ewald Arenz aber dennoch.

Eine entscheidende Änderung der Gesamtsituation ist wohl auch im März nicht zu erwarten, aber immerhin gibt es doch ein paar Dinge, auf die ich mich freue und die ich gerne empfehle. So erscheint am 25. März mit „Der große Sommer“ ein neuer Roman des bereits erwähnten Ewald Arenz. Am Abend des gleichen Tages steht zudem eine Livestream-Lesung aus dem Münchner Lustspielhaus auf dem Programm — Axel Hacke verspricht nicht weniger als die „lustigsten Texte aus 30 Jahren“. Und in der ARD läuft am 27. März mit „Allmen und das Geheimnis der Erotik“ die inzwischen vierte Verfilmung eines Allmen-Krimis von Martin Suter.

Außerdem lohnt sich jederzeit ein virtueller Besuch bei der Bibliotheca Hertziana, dem Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte in Rom. Während des Lockdowns im vergangenen Frühjahr beauftragte die Einrichtung eine Reihe von Fotografen damit, die Stimmung in den nahezu menschenleeren Innenstädten von Rom und Neapel zu dokumentieren. Herausgekommen sind gleichermaßen beeindruckende wie bedrückende Aufnahmen der „Ruhe mitten im Sturm“, wie es die Fotografen Luciano, Matteo und Marco Pedicini beschreiben. –> ZU SEHEN HIER

Im Februar gelesen:

(aktuell: Olli Jalonen — Die Himmelskugel)

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Mit einem Geist zurück ins Leben

📸 Christoph Walter

Für sehr viele Leserinnen und Leser (mich eingeschlossen) dürfte das 2017 erschienene, immens erfolgreiche „Was man von hier aus sehen kann“ der erste Kontakt mit Mariana Leky gewesen sein. Dabei hatte die Autorin bereits vor ihrem wundervollen Bestseller (der schon seit einer ganzen Weile offenbar fürs Kino verfilmt wird, wobei sich dazu kaum neuere Informationen finden lassen) mehrere Romane und einen Erzählband veröffentlicht, die es wert sind, entdeckt zu werden.

Hauptfigur und Ich-Erzählerin des 2010 erschienenen „Die Herrenausstatterin“ ist die Mittdreißigerin Katja, der wir mitten in einer Lebenskrise begegnen. Zuerst wird sie von ihrem Ehemann Jakob betrogen, dann verliert sie ihre Arbeit als Übersetzerin und schließlich passiert ein noch viel größeres Unglück. Just zu diesem Zeitpunkt tritt ein älterer Mann im schwarzen Anzug in ihr Leben, der eines Tages plötzlich auf dem Rand ihrer Badewanne sitzt und sich als Dr. Friedrich Blank, Altphilologe, vorstellt. Der wunderliche Herr zieht bei Katja ein, spendet ihr Trost und sorgt dafür, dass sie nicht komplett verzweifelt. Ein kleines Geheimnis hat er natürlich auch:

Die Sache ist die: Genaugenommen bin ich nicht mehr am Leben. Ich bin, wenn man so will, extrem weit hergeholt.

Neben dem geisterhaften Blank steht bald ein weiterer Mann vor Katjas Tür, nämlich der kleptomanisch veranlagte Feuerwehrmann und Karatefan Armin. Obwohl Armin Blank nicht sehen kann und sich Katja nicht sicher ist, ob Armin tatsächlich ein echter Feuerwehrmann ist, bricht das seltsame Trio bald zu einer Reise in den holländischen Badeort Zandvoort auf. Auch dort passieren einige Merkwürdigkeiten — unter anderem trifft Armin auf seinen großen Helden, den abgehalfterten Karatefilmstar Ralph McQuincey, der in Zandvoort ein neues Leben als Bademeister beginnen möchte.

Was sich beim Lesen dieser kurzen Zusammenfassung doch etwas wirr und merkwürdig anhört, ergibt im Roman tatsächlich einen Sinn, wobei sich der wahre Zauber dieses ebenso witzigen wie tröstlichen Buches über Verlust, Freundschaft, Loslassen und den Mut zum Neubeginn erst nach und nach entfaltet. Anders als bei „Was man von hier aus sehen kann“ hat mich die Handlung hier jedenfalls nicht sofort gepackt, sondern brauchte eine gewisse Anlaufzeit. Große Fabulierkunst, die Freude an unkonventionellen Sprachbildern, viel Humor und ein Händchen für herrlich schräge Figuren und Situationen beweist Mariana Leky aber auch in diesem früheren Werk. Fast meint man, in „Die Herrenausstatterin“ einige Elemente zu erkennen, die später auch in „Was man von hier aus sehen kann“ auftauchen. Der weise, aber etwas linkische Blank zum Beispiel könnte durchaus ein naher Verwandter des geschätzten Optikers sein.

Unbedingt empfehlenswert!

  • Mariana Leky: Die Herrenausstatterin (DuMont; 208 Seiten; ISBN: 978-3-8321-6165-1)

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Irgendwann im Kino

Foto von mir (Eintrittskarten aus besseren Zeiten)

Nach wie vor ist nicht abzusehen, wann die Lichtspielhäuser grundsätzlich wieder öffnen dürfen — von der Möglichkeit eines normalen Kinobesuchs wie in Vor-Pandemiezeiten ganz zu schweigen. Wenn es dann aber wieder losgeht, erwartet uns vermutlich eine kaum zu überblickende Fülle an interessanten Filmen. Immerhin warten noch jede Menge Streifen, die eigentlich im vergangenen Jahr anlaufen sollten, auf einen Kinostart. Der neue Bond ist natürlich darunter, aber auch „The French Dispatch“ von Wes Anderson und „Supernova“ mit Colin Firth und Stanley Tucci, dessen Trailer einen ganz hervorragenden Eindruck macht.

Dazu wurde 2020 abgesehen von einer Unterbrechung während der ersten Corona-Welle fleißig gedreht. Zu den aufgeschobenen Filmen kommt also auch noch eine ganze Reihe an neuen Produktionen hinzu, die ebenfalls irgendwann in den leider vermutlich weniger gewordenen Kinos gezeigt werden wollen; Branchenexperten befürchten ein Überangebot und damit einhergehende „Kannibalisierungseffekte“.

Um den Überblick nicht zu verlieren, ist es sicher ratsam, sich eine Liste von Filmen anzulegen, die man keinesfalls verpassen möchte. Drei Literaturverfilmungen sollte man dabei unbedingt auf dem Zettel haben:

  • Die Dreharbeiten zur Verfilmung von Stefan Zweigs „Schachnovelle“ wurden gerade noch vor dem ersten Lockdown und der erzwungenen Drehpause abgeschlossen. Eine Punktlandung, aber der ursprünglich für den 6. Januar 2021 geplante Kinostart für den Film von Regisseur Philipp Stölzl musste natürlich trotzdem verschoben werden. Neuer Starttermin für die deutsch-österreichische Produktion, in der neben Oliver Masucci als Dr. B. auch Birgit Minichmayr, Albrecht Schuch und „Wallander“ Rolf Lassgård zu sehen sind, ist voraussichtlich der 23. September 2021.
  • Sehr optimistisch ist der Starttermin der Kästner-Verfilmung „Fabian — Der Gang vor die Hunde“ (15. April 2021), dessen Dreharbeiten unter der Regie von Dominik Graf bereits im Herbst 2019 abgeschlossen wurden. Die Hauptrolle des Dr. Jakob Fabian spielt Tom Schilling, weitere zentrale Rollen sind mit Albrecht Schuch und Lena Baader besetzt.
  • Zumindest nominell dürfte die Verfilmung von „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (noch ohne Starttermin) die interessanteste Produktion des Trios sein. Die im vergangenen März begonnenen Dreharbeiten mussten pandemiebedingt mehrmals unterbrochen werden und wurden erst im August abgeschlossen. Die Titelrolle im Streifen von Regisseur Detlev Buck, der Thomas Manns unvollendeten Roman gemeinsam mit Daniel Kehlmann für die Leinwand adaptierte, übernimmt Jannis Niewöhner, außerdem finden sich mit Liv Lisa Fries, David Kross, Maria Furtwängler, Joachim Król, Katja Flint und Christian Friedel zahlreiche weitere klangvolle Namen auf der Besetzungsliste.

** Sobald es weitere Neuigkeiten zu den Startterminen der drei vorgestellten Filme gibt, wird dieser Blogeintrag natürlich dementsprechend aktualisiert und ergänzt. **