Eine weit verzweigte Familiengeschichte

Hintergrundfoto und Fotos unten von mir, Coverbild © Penguin Verlag

Eine auf mehreren Zeitebenen erzählte Familiengeschichte, ein ökologisches Grundthema und der Ausblick auf eine in jeder Hinsicht unbequeme Zukunft: dank dieser Konstellation sind der Norwegerin Maja Lunde mit den drei bisher erschienenen Romanen ihres „Klimaquartetts“ weltweite Bestseller gelungen. Auf ein ähnliches Erfolgsrezept setzt auch der Kanadier Michael Christie, wobei die verschlungene, vier Generationen umfassende Geschichte der Familie Greenwood ganz klar im Zentrum seines zweiten Romans „Das Flüstern der Bäume“ steht.

Die Handlung des Buches setzt in einer nicht ganz so fernen Zukunft ein, nämlich im Jahr 2038. Hier begegnen wir der Dendrologin Jacinda „Jake“ Greenwood, die auf einer Insel vor der Küste British Columbias betuchte Touristen durch einen der letzten verbliebenen Primärwälder führt. Dass ein Waldspaziergang zu einer teuren Freizeitbeschäftigung für die oberen Zehntausend geworden ist, hängt mit dem „großen Welken“ zusammen, das wenige Jahre zuvor beinahe alle Bäume dahingerafft und weite Teile der Welt in eine unwirtliche Staubwüste verwandelt hat. Obwohl Jake einen gewissen Abstand vom Elend in den großen Städten hat, ist sie mit ihrer Gesamtsituation alles andere als glücklich. Die Arbeit als Alleinunterhalterin für weitgehend desinteressierte Gäste unterfordert die einst ambitionierte Wissenschaftlerin, die wegen ihres noch längst nicht abbezahlten Studiendarlehens aber auf den Job angewiesen ist. Auch auf familiäre Unterstützung kann sie nicht setzen, denn ihre Mutter ist vor Jahren bei einem Zugunglück ums Leben gekommen und ihren Vater hat sie nie richtig kennengelernt. Dass ihr Stammbaum aber doch verzweigter als angenommen sein könnte, geht Jake erst auf, als eines Tages ein Anwalt (zufällig auch ihr Ex-Verlobter — einer von ein paar Momenten, in denen die Geschichte etwas arg konstruiert wirkt) mit dem angeblichen Tagebuch ihrer Urgroßmutter vor ihr steht und behauptet, sie sei die rechtmäßige Erbin von Greenwood Island — dass ihr Nachname so lautet wie der Name der Insel, auf der sie arbeitet, hatte sie zuvor immer für eine Laune des Schicksals gehalten.

Während Jake hinsichtlich ihrer Familiengeschichte also lange Zeit völlig im Dunkeln tappt, fügen sich für uns Leser*innen dank des allwissenden Erzählers nach und nach verschiedene Puzzleteile zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen. So treffen wir Jakes Vater Liam Greenwood, einen Zimmermann, 2008 kurz vor einem schweren Unfall und erfahren in einer Episode aus dem Jahr 1974, warum sich Liams Mutter und Jakes Großmutter Willow, eine vom Geist der Hippie-Ära beseelte radikale Umweltschützerin vom Erbe ihres Vaters, dem schwerreichen Holzmogul Harris Greenwood, losgesagt hat. Der umfangreichste und stärkste Handlungsstrang erinnert an die Romane John Steinbecks und führt zurück ins Jahr 1934. Everett Greenwood, Harris‘ mittelloser Bruder (warum sich die Leben der beiden so unterschiedlich entwickelt haben und wie die zwei nicht blutsverwandten Jungen einst zu einer Familie wurden, klärt die Episode aus dem Jahr 1908), der sich nach der Heimkehr aus dem Ersten Weltkrieg als Landstreicher und mit dem Verkauf von illegal gezapften Ahornsirup durchschlägt, findet im Wald neben einer toten Frau ein Neugeborenes sowie ein brisantes Tagebuch. Bald stellt sich heraus, dass sowohl das Kind als auch das Buch von skrupellosen Männern gejagt werden, weshalb Everett beschließt, dass beides bei seinem Bruder am ehesten in Sicherheit ist. Eine folgenschwere Entscheidung, die ihm schließlich eine jahrzehntelange Haftstrafe einbringt. Wie das nun alles miteinander zusammenhängt und welchen Einfluss die Ereignisse der Vergangenheit letztlich auf Jakes Leben haben, wird hier natürlich nicht verraten.

Es gibt nichts Beruhigenderes als einen alten Baum.
Er gebietet Ehrfurcht, wie ein Seiltänzer ein Publikum tief unter sich zum Schweigen bringt; wie eine Kirche selbst die Nichtgläubigen tröstet, die sich in sie hineinwagen.

Michael Christie: Das Flüstern der Bäume

Überhaupt würde eine ausführlichere Inhaltsangabe den Rahmen dieses Blogbeitrags komplett sprengen. Angesichts von gut 560 vollgepackten Seiten eigentlich kein Wunder. Trotzdem gelingt es Michael Christie mit seiner ruhigen Erzählweise, dass man der Geschichte mit ihren vielen Zeitsprüngen und zahlreichen Haupt- und Nebenfiguren stets problemlos folgen kann. Dass nicht alle Handlungsstränge gleichermaßen interessant ausgefallen sind (gerade die in der Zukunft spielende Episode liest sich ein wenig wie eine 08/15-Dystopie), ist ein Wermutstropfen, der leicht zu verkraften ist. Insgesamt ist „Das Flüstern der Bäume“ ein wunderbarer Schmöker, der einen durch viele Lesestunden begleitet — und die Idee, den Roman quasi an den Jahresringen eines Baumes entlang zu erzählen und die Lebensläufe der zentralen Figuren anhand ihrer gemeinsamen Wurzeln (und natürlich auch ihrer unterschiedlichen Beschäftigung mit Bäumen bzw. Holz) miteinander zu verknüpfen, ist einfach großartig!

Abgesehen von seinem Inhalt besticht „Das Flüstern der Bäume“ auch durch seine äußerst liebevolle Aufmachung mit bedruckten Vorsatzblättern und mehreren Illustrationen:

Michael Christie: Das Flüstern der Bäume
aus dem Englischen von Stephan Kleiner
Penguin Verlag, 560 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3-328-60079-4

** Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! **

Sieben Bücherschau-Fundstücke

Gestern öffnete die diesjährige Münchner Bücherschau ihre (virtuellen) Pforten. Obwohl das haptische Erlebnis und das Gewusel im Gasteig diesmal sehr fehlen, lohnt sich auch die gelungene Online-Variante. Noch bis zum 29. November kann man nach Herzenslust herumstöbern und Entdeckungen machen. Ich werde auf jeden Fall einige weitere Male vorbeischauen — ein paar Lesungen möchte ich „besuchen“ und auch die Sonderausstellungen stehen auf meinem Programm. Einstweilen habe ich mich bereits durch die Angebote der Verlage geklickt und aus der Masse der Veröffentlichungen sechs lohnenswerte Bücher und einen Kalender fürs kommende Jahr herausgepickt.

Vielleicht ist ja etwas für Euch dabei. Und falls nicht: Selbst auf die Suche zu gehen macht ja sowieso am meisten Spaß!

Coverbilder v.l. © Carlsen Verlag, Allitera Verlag, Droemer Knaur

Melanie Garanin: Nils

Den tragischen Tod ihres jüngsten Sohnes verarbeitete die Illustratorin und Comiczeichnerin Melanie Garanin auf eine für sie naheliegende Art und Weise, nämlich zeichnerisch — zuerst für ihren Blog und nun gesammelt als Graphic Novel. Nicht düster (zumindest meistens nicht), sondern mit humorvollen, liebevoll gezeichneten Bildern, die schönen Erinnerungen an die Zeit mit ihrem Jüngsten und dem Willen, weiterzumachen, ebenso viel Platz einräumen wie Trauer, Wut und Verzweiflung. (Carlsen Verlag, ISBN: 978-3-551-76049-4)

Alfons Schweiggert: Karl Valentin. Von der Kunst, so nicht kochen zu können, dass man es nicht essen muss

Obwohl optisch eher der Typ „Skelettgigerl“, war dem großen Karl Valentin Essen und Trinken durchaus wichtig. Dementsprechend oft fand Kulinarisches einen Platz in den Sketchen und Bühnenstücken des komödiantischen Universalgenies — man denke nur an die „Semmelnknödeln“ oder die „Affentaler Spätlese“. Der Valentin-Kenner Alfons Schweiggert hat für sein Buch allerlei Bemerkenswertes rund ums Thema Essen und Trinken in Karl Valentins Werk zusammengetragen und um Anekdotisches sowie vermutlich eher mit Vorsicht zu genießende Rezeptideen ergänzt. (Allitera Verlag, ISBN: 978-3-96233-191-7)

Jim Carrey & Dana Vachon: Memoiren und Falschinformationen

Gut, bei diesem Buch bin ich mir nicht ganz sicher: Vielleicht ist es ein wunderbares Vergnügen, vielleicht aber auch ein rechter Quatsch. Ganz sicher — das verrät schon der Untertitel „Ein (fast) autobiographischer Hollywood-Roman“ — ist es aber nicht die x-te langweilige Autobiographie eines Stars, der sich allzu wichtig nimmt. Überhaupt hat Jim Carrey bei mir einen Stein im Brett, seit er mir vor fast 25 Jahren (damals war ich ein großer Fan von „Ace Ventura“ und „Dumm und dümmer“) einen Autogrammwunsch erfüllt hat, weshalb ich diesem Buch gerne eine Chance gebe. (Droemer Verlag, ISBN: 978-3-426-28258-8)

Coverbilder v.l. © Diogenes Verlag, Hanser Verlag, Insel Verlag

Maria Popova: Findungen

Schon seit Jahren begeistert die Wahl-New Yorkerin Maria Popova mit ihrem Blog „Brainpickings“ und ebenso kenntnis- wie umfangreichen Beiträgen zu Gesellschaft, Literatur, Wissenschaft und Kultur. Immer großartig, aber leider immer auch verbunden mit der Frage, wann man das denn eigentlich alles lesen soll. Ähnlich verhält es sich nun auch mit „Findungen“, das satte 896 Seiten umfasst — bei so viel kluger Lektüre muss man fast froh sein, dass der Corona-Winter ansonsten nur wenig Ablenkung bietet. (Diogenes Verlag, ISBN: 978-3-257-07127-6)

Beatrix Kramlovsky: Fanny oder Das weiße Land

Knapp zehntausend Kilometer liegen zwischen Karl, der seit 1914 in einem sibirischen Kriegsgefangenenlager unter elenden Bedingungen ausharrt und seiner geliebten Fanny in Wien. Erst im Mai 1918 gelingt Karl gemeinsam mit seinem Bruder Viktor die Flucht — ein schier unendlicher Weg voller Gefahren, auf dem den beiden jungen Männern aber immer wieder auch Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft begegnen. Klingt nach einem perfekten Schmöker für kalte Winterabende. (hanserblau, ISBN: 978-3-446-26797-8)

María Isabel Sánchez Vegara: Litte People, Big Dreams

Nicht nur für junge Leser*innen ist die Reihe „Little People, Big Dreams“, die die Lebensgeschichte berühmter Frauen und Männer aus einem kindlichen Blickwinkel erzählt, ganz wunderbar. Die großartigen Illustrationen und der Mut machende Grundgedanke, dass alles Große mit einem Traum beginnt, macht die liebevoll aufgemachten Bücher zu einer lohnenden Lektüre für alle Altersklassen. In diesem Herbst neu erschienen sind unter anderem Bände über Astrid Lindgren, Martin Luther King, Greta Thunberg und Bob Dylan. (Insel Verlag, ISBN (Band zu Astrid Lindgren): 978-3-458-17853-8)

Kalender Lust am Lesen

Coverbild © Ackermann Kunstverlag

Fast genauso schön wie das Lesen an sich ist das endlose Stöbern in Bibliotheken oder Buchläden. Pandemiebedingt kam das dieses Jahr allerdings ein wenig zu kurz — bleibt zu hoffen, dass es 2021 wieder etwas besser wird. Egal, wie es kommt: Der Literaturkalender „Lust am Lesen“ mit seinen großformatigen Fotografien berühmter Büchertempel bietet Monat für Monat eine kleine Flucht vom Alltag. (Ackermann Kunstverlag, ISBN:
978-3-8384-2174-2)

** Nicht vergessen: Alle hier vorgestellten Bücher kauft Ihr am besten direkt in Eurem Lieblingsbuchladen vor Ort! **

Kultur zu Hause

Foto von mir

Kein noch so gut gemachtes Online-Angebot kann das Erlebnis eines Theater-, Museums-, Lesungs- oder Konzertbesuchs ersetzen, aber zumindest im November bleibt uns angesichts geschlossener Kultureinrichtungen nichts anderes übrig, als uns unsere tägliche Dosis Kultur aus dem Internet zu fischen. In den nächsten Wochen möchte ich in diesem Artikel auf diverse Angebote hinweisen, die mir besonders aufgefallen sind — verbunden mit der Hoffnung, Museen, Theater und Konzerthäuser ganz bald auch wieder „in echt“ besuchen zu dürfen.

Wer weitere Tipps und Empfehlungen hat, darf sie natürlich sehr gerne in den Kommentaren teilen.

Kunst, Theater, Musik, Literatur, Filme können mehr: Denkräume öffnen, Distanz schaffen zur Gegenwart, sie auf der Bühne, im Buch, im Bild auseinandernehmen und spielerisch neu zusammensetzen. Dabei vereinzelt Kultur ihre Rezipienten nicht, sondern bringt sie zueinander, im Saal wie im öffentlichen Diskurs.

Kia Vahland über Kultur als „Grundnahrung“
  • Während des ersten Lockdowns im März und April las das Ensemble des Münchner Residenztheaters aus Jonathan Swifts Klassiker „Gulliver“. Die zweite Auflage von „Resi liest“ gehört nun der zeitgenössischen Literatur, nämlich Anne Webers jüngst mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Annette, ein Heldinnenepos“ (erschienen bei Matthes & Seitz). Ab dem 5. November gibt es jeden Tag eine von insgesamt zehn jeweils gut halbstündigen Folgen. Zum Anhören bitte HIER ENTLANG.
  • Ursprünglich war geplant, die diesjährige Münchner Bücherschau im Gasteig in hybrider Form stattfinden zu lassen, aber selbst das ist leider nicht möglich. Nun findet die Veranstaltung komplett virtuell statt, und zwar zum geplanten Termin vom 12. bis zum 29. November. Schon jetzt kann man sich kostenfrei registrieren und sich in den knapp drei Wochen auf zahlreiche Lesungen und Gespräche für Groß und Klein freuen. Und an den Ständen der Buchausstellung — jedes Jahr ein besonderes Vergnügen — darf man natürlich ebenfalls stöbern. Nur leider ohne das haptische Erlebnis.
  • Im November bietet das Museum Barberini in Potsdam täglich um 17 Uhr einen 50-minütigen virtuellen Rundgang durch die Sammlung Hasso Plattner an, deren Schwerpunkt auf den Werken des französischen Impressionismus liegt. Die Teilnahme an der Führung (via Zoom-Konferenz) muss vorab gebucht werden und kostet drei Euro — ohne individuelle Erläuterungen kann man sich die Bilder der Sammlung jederzeit auch HIER ansehen.
    Zudem findet in den nächsten Wochen eine Reihe weiterer Online-Veranstaltungen statt, darunter Live-Rundgänge für Familien und weiterführende Vorträge mit Expert*innen.
  • Von Februar bis Juni diesen Jahres fand im Kunstmuseum Basel die Sonderausstellung „Picasso, Chagall, Jawlensky“ statt, die vornehmlich Werke aus der Privatsammlung des bedeutenden Basler Unternehmers und Kunstsammlers Karl Im Obersteg (1849 – 1926) zeigte. In einem aufwändig gemachten virtuellen Rundgang kann man die Ausstellung nach wie vor von zu Hause aus erleben. Weiterführende Informationen zu den Werken und der Sammlung Im Obersteg liefert zudem Kuratorin Henriette Mentha in einem halbstündigen Video. Alles zur Ausstellung findet sich gebündelt HIER.
    Vielen Dank für die Empfehlung an @kocher_sandra!

Eine Uhr für den Kaiser

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © S. Fischer

Gerade machen wir alle wieder die Erfahrung, wie sehr das Zeitempfinden doch geprägt ist von der jeweiligen Situation. Während der relativ sorglose Sommer quasi im Nu vorbeigesaust ist, dehnen sich die Tage nun teilweise ins Unendliche. Man wartet auf den Beginn von Pressekonferenzen, auf Testergebnisse oder darauf, dass diese verflixte Quarantäne endlich vorbei ist. Oder man verbringt einfach nur ungewohnt viel Zeit zu Hause und weiß doch nichts Sinnvolles mit sich anzufangen. Zumindest für die beiden letzten Varianten lohnt sich — wie immer — der Griff zum Buch.

„Cox oder Der Lauf der Zeit“ von Christoph Ransmayr ist momentan eine besonders gute Wahl, beschäftigt sich der im Herbst 2016 erschienene und von der Kritik gefeierte Roman doch im Kern genau mit der hochaktuellen Frage, wie wir das Vergehen der Zeit in verschiedenen Lebenslagen wahrnehmen. Auf der anderen Seite ist das Buch zeitlich und örtlich weit genug weg vom Jetzt, um uns nicht andauernd an die gegenwärtige Misere zu erinnern.

Beim titelgebenden Helden handelt es sich um den Briten Alister Cox, einen Uhren- und Automatenbauer von Weltruf (lose angelehnt ist die Figur an den „echten“ Uhrmacher James Cox, der allerdings nie in China war). Cox‘ Geschäfte laufen wie geschmiert, aber ansonsten ist der Protagonist seit dem Tod der geliebten Tochter und dem Verstummen der Ehefrau ein gebrochener Mann. Womöglich auch, um seinem Leid davonzulaufen, nimmt er eine Einladung aus weiter Ferne an und begibt sich mit einigen seiner engsten Angestellten an den Hof des chinesischen Kaisers Qiánlóng (der tatsächlich existierte und dem ein gewisses Faible für Uhren aller Art nachgesagt wird). Allein die Reise zur Verbotenen Stadt ist Mitte des 18. Jahrhunderts ebenso abenteuerlich wie strapaziös und der wie eine Gottheit verehrte Kaiser gilt als äußerst anspruchsvoll und — für den Fall, dass etwas nicht nach seinem Gusto funktioniert — einfallsreich, was das Erfinden grausamer Hinrichtungsmethoden angeht. Dummerweise ist der Auftrag, den Qiánlóng an Cox heranträgt, geradezu prädestiniert dafür, schiefzugehen. Der Kaiser wünscht sich nämlich eine Reihe prachtvoller Uhren, die das Zeitempfinden in verschiedensten Lebenslagen präzise widerspiegeln können.

Der Kaiser wollte, daß ihm Cox für die fliegenden, kriechenden oder erstarrten Zeiten eines menschlichen Lebens Uhren baute, Maschinen, die gemäß dem Zeitempfinden eines Liebenden, eines Kindes, eines Verurteilten und anderer, an den Abgründen oder in den Käfigen ihrer Existenz gefangenen oder über den Wolken ihres Glücks schwebenden Menschen den Stunden- oder Tageskreis anzeigen sollten — das wechselnde Tempo der Zeit.

Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit

Später stellt der Kaiser Cox und seinen Gefährten sogar eine noch kniffligere Aufgabe. Worin diese besteht, soll hier aus Gründen des Spannungserhalts natürlich nicht verraten werden. Spannung ist ohnehin ein recht rares Gut im eher leisen und philosophischen „Cox oder Der Lauf der Zeit“ — zumindest gemessen an anderen historischen Abenteuerromanen. Es gibt einige packende Szenen wie eine Reise zur Chinesischen Mauer, auf der Cox und seine Begleiter in einen Hinterhalt geraten, oder den in prächtigen Farben und sehr detailliert geschilderten Aufbruch des kaiserlichen Hofstaates in die Sommerresidenz, aber ansonsten spielt sich die Handlung zu nicht unerheblichen Teilen in der Werkstatt und in Cox‘ Gedanken ab. Man lernt viel über Feinmechanik und staunt über die Präzision und Filigranität des Uhrmacherhandwerks, aber zuweilen dehnt sich die Zeit beim Lesen dieses sprachlich und stilistisch einwandfreien Romans (nichts anderes ist von Christoph Ransmayr zu erwarten) doch sehr. Aber vielleicht ist das ja angesichts des Themas dieses Buches auch nur ein weiterer genialer Kunstgriff.

Für meinen Geschmack jedenfalls hat sich Martin Suter in seinem ungemein mitreißenden Roman „Die Zeit, die Zeit“ deutlich ansprechender mit dem Wesen der Zeit befasst.

Schuld und Sühne auf Gotland

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © btb Verlag

Mit seinem im Frühjahr erstmals in deutscher Übersetzung erschienenen Debütroman „Der Choreograph“ hatte mich Håkan Nesser zuletzt ein wenig ratlos zurückgelassen. Wieder deutlich zugänglicher erweist sich der mittlerweile 70 Jahre alte Schwede in „Barbarotti und der schwermütige Busfahrer“, dem je nach Zählweise sechsten oder siebten Fall für Gunnar Barbarotti. Wie viele andere von Nessers Büchern passt natürlich auch das aktuelle Werk nicht ganz in die bewährte Schublade „Kriminalroman“. Actionreiche Szenen, atemlose Spannung und ein simples Gut-Böse-Schema braucht man nicht zu erwarten — stattdessen ist „Barbarotti und der schwermütige Busfahrer“ ein leises, mit mehreren Zeitebenen und Erzählperspektiven klug aufgebautes Kammerspiel um Schuld und Sühne, das Zurücklassen von Bewährtem und Neubeginne. Die Kulisse des herbstlichen Gotland passt dabei wunderbar zur melancholischen Grundstimmung des Romans.

Nach Gotland verschlägt es Gunnar Barbarotti und seine langjährige Polizeikollegin (und mittlerweile auch Lebensgefährtin) Eva Backman nach einem völlig schief gelaufenen Einsatz, bei dem ein Jugendlicher durch einen Schuss aus Backmans Waffe ums Leben gekommen ist. Von einem zweimonatigen Aufenthalt auf der nach dem Ende der Sommersaison nur sehr spärlich besiedelten Insel erhoffen sich die beiden etwas Ruhe und Ablenkung, während auf dem Festland die internen Ermittlungen wegen des tödlichen Waffengebrauchs laufen. Dummerweise begegnet den beiden gleich an einem der ersten Tage ihrer Auszeit ein bärtiger, langhaariger Fahrradfahrer, in dem sie einen gewissen Albin Runge zu erkennen glauben. Eine Verwechslung oder eine Geistererscheinung, denn eigentlich wurde Runge, ein ehemaliger Busfahrer, der nach einem folgenreichen Unfall mit fast 20 zumeist jugendlichen Todesopfern Morddrohungen erhalten hatte, schon fünf Jahre zuvor für tot erklärt. Eine Leiche wurde nach Runges spurlosem Verschwinden von einer Fähre allerdings nicht gefunden und auch der Verfasser der Drohbriefe konnte nie ausfindig gemacht werden. Statt ihre Zeit auf Gotland also ausschließlich mit Radtouren, Kochen und Lesen vor dem Kamin zu verbringen, werden Barbarotti und Backman kurzerhand zu Privatermittlern und finden schon bald Erstaunliches heraus.

Aber das Leben täuscht uns. Oder überrascht uns zumindest. Es wirft unsere Pläne über den Haufen und zwingt uns, neue zu schmieden.

Håkan Nesser

„Barbarotti und der schwermütige Busfahrer“ ist sicherlich nicht das allerbeste von Håkan Nessers zahlreichen Büchern — die Meisterschaft des ähnlich gearteten „Der Fall Kallmann“ wird hier nicht ganz erreicht und auch die Auflösung der Geschichte lässt sich zumindest in groben Zügen recht schnell erahnen. Dennoch lohnt sich die Lektüre dieses im besten Sinne herbstlichen Romans, in dem der große Stilist und genaue Beobachter Nesser nach und nach Licht ins Dunkel bringt und die Schicksale der Hauptfiguren gekonnt miteinander verknüpft. Sowohl Runge als auch Backman verschuldeten schließlich ohne böse Absicht den Tod anderer Menschen und müssen lernen, mit den Konsequenzen dieses lebensverändernden Ereignisses zurechtzukommen. Die inneren Kämpfe der mitunter verzweifelten Figuren lesen sich letzten Endes deutlich interessanter als die streckenweise etwas betuliche Krimihandlung.

Norwegisches Trio, Teil 2

In diesem Herbst erscheinen gleich drei Bücher des Norwegers Jørn Lier Horst auf Deutsch. „Blindgang“, der zehnte Fall für William Wisting, wurde hier bereits vorgestellt, „Wisting und der Atem der Angst“ folgt dann Ende November. Während William Wisting also längst ein alter Bekannter ist, treffen wir Leser*innen in „Blutzahl“, das Jørn Lier Horst gemeinsam mit seinem Besteller-Kollegen Thomas Enger verfasst hat, auf neue Charaktere, allen voran Kriminalhauptkommissar Alexander Blix und die Promijournalistin Emma Ramm.

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © Blanvalet Verlag

Ein wenig erinnert diese Figurenkonstellation an die von Lier Horsts Cold-Case-Reihe, in der die Ermittler von William Wistings Tochter, der Journalistin Line (die in „Blutzahl“ einen winzigen Gastauftritt als Teilnehmerin einer Pressekonferenz hat), unterstützt werden. Abgesehen davon ist der Auftakt der neuen Reihe aber ganz klar im Thriller-Genre angesiedelt — akribische Ermittlungsarbeit findet man kaum, dafür aber jede Menge Cliffhanger und ein deutlich höheres Tempo als bei den „Wisting“-Krimis. Erfreulicherweise verzichten die beiden Autoren aber auf allzu drastische Gewaltdarstellungen. Der reißerische deutsche Titel „Blutzahl“ führt da in eine etwas falsche Richtung; stattdessen wäre der Originaltitel „Nullpunkt“ die deutlich bessere Wahl gewesen.

Immerhin steht ein Countdown im Mittelpunkt des Geschehens. Als die berühmte Leichtathletin Sonja Nordstrøm ausgerechnet am Veröffentlichungstag ihrer Autobiografie spurlos verschwindet, deutet alles noch auf eine Beziehungstat hin. In ihrem Buch rechnet die streitbare Sportlerin nämlich mit ihrer Konkurrenz ab und lässt dabei von Dopingvorwürfen bis hin zu Gerüchten über sexuellen Missbrauch kaum etwas aus. Erste Zweifel an der Theorie eines persönlichen Rachefeldzugs kommen aber bereits auf, als die Leiche des dänischen Fußballstars Jeppe Sørensen gefunden wird, der mit Sonja Nordstrøm nichts gemeinsam hat als eine gewisse Prominenz. In den kommenden Tagen tauchen zudem noch die Leichen eines Reality-TV-Sternchens, eines Fernsehpredigers und eines alternden Popstars auf. Spätestens dann sind sich die Ermittler um Alexander Blix und Emma Ramm, die für ein Online-Nachrichtenportal über die Fälle berichtet, sicher, dass es einen Zusammenhang zwischen den Morden und Nordstrøms Verschwinden gibt. Offenbar treibt ein Serientäter sein Unwesen, dessen Verbrechen einen Countdown darstellen, der noch längst nicht bei Null angelangt ist.

Mit „Blutzahl“ ist Thomas Enger und Jørn Lier Horst ein vielversprechender Auftakt zu ihrer gemeinsamen Reihe gelungen, wobei für die kommenden Fälle („Blutnebel“ erscheint nächsten März, Band 3 folgt im Herbst 2021) durchaus noch Luft nach oben ist. Die sympathischen Hauptfiguren feiern einen starken Einstand, der — wie bereits erwähnt — Lust auf mehr macht. Die teilweise etwas unrunde Handlung kann da nicht ganz mithalten. Während ich mir an manchen Stellen etwas mehr Rasanz gewünscht hätte, wurde mir der Schluss etwas zu hastig und oberflächlich abgehandelt. Vor allem hätten dem Täter (der an eine der bekanntesten Figuren der Filmgeschichte erinnert — welche, wird natürlich nicht verraten) und seinen Beweggründe ruhig mehr Raum und vor allem mehr Tiefe eingeräumt werden dürfen. Trotzdem ein unterhaltsamer Thriller und eine Reihe, die ich gerne weiter verfolgen werde.

  • Thomas Enger, Jørn Lier Horst: Blutzahl (deutsche Übersetzung von Maike Dörries und Günther Frauenlob; Blanvalet Verlag; 480 Seiten; 11 Euro). — VIELEN DANK AN DEN VERLAG FÜR DIE BEREITSTELLUNG DES REZENSIONSEXEMPLARS!

Wie aus dem kleinen Paul der große Paul Maar wurde

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © S. Fischer

Mit seinen zahllosen Kinder- und Jugendbüchern, vor allem aber natürlich mit den Geschichten vom „Sams“, hat Paul Maar Generationen junger Menschen in ein Leben als Leser*in begleitet. Wer den in Bamberg lebenden Schriftsteller außerdem auf einer seiner Lesungen erlebt hat, weiß, dass er nicht nur ein findiger Erzähler, sondern auch ein äußerst feiner Mensch ist. Einer, über den man gerne mehr wissen möchte. In seinen Kindheitserinnerungen erzählt Paul Maar nun „Wie alles kam“ — der Untertitel „Roman meiner Kindheit“ rührt in erster Linie daher, dass es schier unmöglich ist, sich nach vielen Jahrzehnten noch detailliert an Dialoge oder Ereignisse aus der frühen Kindheit zu erinnern.

Schön wäre es, wenn sich Erinnerungen wie an einer Perlenschnur von der frühesten Kindheit bis in die Jetztzeit aneinanderreihen würden. Oder, um ein anderes Bild zu gebrauchen, wenn aus einem schmalen Bach, gespeist durch immer neue Lebensmomente, ein Fluss würde, der sich zuletzt als breiter Erinnerungsstrom ins Heute ergießt. So ist es aber nicht. […]
Eher sind es verstreute große und kleine Pfützen nach einem Starkregen. Schafft man es, mit einem Stock eine Furche zu einer benachbarten Pfütze in die feuchte Erde zu ziehen, verbindet sich der Inhalt der einen mit der anderen zu einer starken Erinnerung.

Paul Maar

Gefragt, wie man ein guter Autor wird, antwortete Paul Maar einst: „Durch eine sehr unglückliche oder eine sehr glückliche Kindheit.“
Leider ist bei ihm Ersteres der Fall. Die Mutter stirbt bereits wenige Wochen nach der Geburt des kleinen Paul im Dezember 1937, knapp drei Jahre später heiratet der Vater wieder und wird kurz darauf zur Wehrmacht eingezogen. Aus Angst vor der Bombardierung Schweinfurts — immerhin ein wichtiger Industriestandort — flieht Paul in den späteren Kriegsjahren mit seiner Stiefmutter zu deren Eltern ins unterfränkische 300-Seelen-Dörfchen Obertheres. Dort entwickelt sich fast so etwas wie eine unbeschwerte Kindheit — der Krieg ist weit weg, außerdem findet der Junge im Nachbarsbuben Lud einen treuen Freund für gemeinsame Lausbubenstreiche.

Als Paul allerdings neun Jahre alt ist, ändert sich das Leben schlagartig, als ein ihm unbekannter Mann vor der Tür steht, der sich als der aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrte Vater herausstellt. Allerdings nicht als der liebenswerte, fröhliche Papa aus den frühen Kindheitstagen, sondern als verbitterter, strenger und mitunter handgreiflicher Patriarch, der nichts mehr fürchtet als die Verweichlichung des Sohnes. Er drängt auf die Rückkehr nach Schweinfurt, wo er einen Malerbetrieb eröffnen möchte. Paul wird von jetzt auf gleich aus seinem beschaulichen Umfeld in Obertheres herausgerissen und findet sich bald in einer ihm scheinbar feindlich gesinnten Umgebung wieder. Eine eher lieblose Familie, Probleme in der Schule und die falschen Freunde machen dem sensiblen Jungen das Leben schwer.

Die „Rettung“ naht erst, als Paul ein Schuljahr wiederholen muss und in einer neuen Klasse mit vielen gleichgesinnten, ebenso kunstbegeisterten Jungen landet. Und dann ist da natürlich noch Nele, das einzige Mädchen seines Jahrgangs und Tochter zweier Theaterintendanten, die bald seine Freundin wird und ihm eine ganz neue Welt eröffnet. Auf einmal scheint der Lebenslauf nicht mehr vorgezeichnet zu sein: Statt eines Tages das Geschäft des Vaters zu übernehmen, tun sich dem jungen Paul nun ungeahnte Möglichkeiten auf. Bestärkt wird er zudem — das ist eine hübsche Episode am Rande — von einem warmherzigen, aber verzagten Büroangestellten im väterlichen Betrieb, dem Paul Maar später in der Figur des Herrn Taschenbier ein Denkmal setzt.

Mit Nele, der Jugendfreundin und späteren Psychotherapeutin und Schriftstellerkollegin, ist Paul Maar bis heute verheiratet. Die Passagen im Buch, in denen er voll Liebe und Dankbarkeit von seiner inzwischen schwer an Alzheimer erkrankten Frau erzählt, sind rührende Momente, die noch lange in Erinnerung bleiben.

Überhaupt gelingt Paul Maar in diesem zauberhaften Buch ein Kunststück, an dem viele Memoiren-Schreiber krachend scheitern: Er schreibt zwar über sich, verliert dabei aber nie diejenigen aus den Augen, die ihn auf seinem Weg geprägt haben. Sogar für den oft so hartherzigen Vater findet er am Ende von „Wie alles kam“ noch versöhnliche Worte.

Zum Weiterlesen, -hören und -sehen:

Zurück in gewohnter Form

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © Kiepenheuer & Witsch

Die autobiographisch geprägten Romane von Joachim Meyerhoff gehören zu meinen Lieblingsbüchern der vergangenen Jahre. „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, den dritten Band der „Alle Toten fliegen hoch“-Reihe, würde ich sogar ohne Zögern in die Liste meiner fünf Allzeit-Favoriten aufnehmen. Umso erfreulicher also, dass der Autor mit „Hamster im hinteren Stromgebiet“ nach dem nicht ganz so herausragenden vierten Teil „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ wieder zu gewohnter Form zurückfindet.

Das Tragische mit dem Komischen zu verbinden, war schon immer die große Stärke von Joachim Meyerhoff. Dass das auch diesmal wunderbar gelingt, ist angesichts des ernsten und bedrückenden Grundthemas des Buches nicht selbstverständlich. „Hamster im hinteren Stromgebiet“ nämlich beginnt mit einem Schlaganfall, den der damals am Wiener Burgtheater beschäftigte Schauspieler Meyerhoff an einem Freitagnachmittag kurz nach seinem 51. Geburtstag erleidet, als er gerade seiner Tochter bei den Schularbeiten hilft. Trotz einer schnellen Reaktion beginnen bange Stunden, denn der gerufene Notarztwagen fährt wegen der fehlenden Freigabe der Zentrale einfach nicht los. Dabei gilt bei einem Schlaganfall doch die Faustregel „Zeit ist Hirn“, wie der bleibende Schäden befürchtende Protagonist besorgt feststellt.

Natürlich wusste ich, dass ein Lebensfaden jederzeit reißen kann. Dennoch möchte ich davon erzählen, wie es ist, wenn die Selbstverständlichkeit der Existenz von einem Moment auf den anderen abhandenkommt. Man eben noch das war und jetzt dies sein soll.

Joachim Meyerhoff

Ein Schauspieler, der Probleme hat, sich seine Texte zu merken oder gar halbseitig gelähmt ist? Undenkbar — vor allem für einen wie Meyerhoff, der sich immer völlig verausgaben muss, „um auf der Bühne zu leuchten“.

Obwohl sich der Schlaganfall glücklicherweise als weniger schwer herausstellt und eine vollständige Genesung in Aussicht steht (die Ärzte im Wiener Spital sprechen verniedlichend von einem „Schlagerl“), hadert der Erzähler mit seinem Schicksal. Warum er und warum so früh? Gab es Warnzeichen, die er übersehen hatte? Was, wenn dem ersten Schlaganfall noch ein weiterer, deutlich schwererer folgen würde? All diese Gedanken bringen Joachim Meyerhoff um den Schlaf. Überhaupt versucht er, das Einschlafen zu vermeiden, aus Angst, nicht mehr aufzuwachen. So liegt er im Mehrbettzimmer der Intensivstation wach, ruft sich Textzeilen aus Stücken ins Gedächtnis und erinnert sich an Ereignisse aus seinem Leben.

Gerade aus diesen Erinnerungen speisen sich — neben diversen fein beobachteten Absurditäten des Klinikalltags — die komischen Momente des Buches. Herrlich, wie er auf einer Reise in den Senegal mit seiner Lebensgefährtin Sophie in jeglicher Hinsicht an die Grenzen der Belastbarkeit gerät oder wie ein Wortgefecht mit einer Wiener Seniorin vor der Kindertagesstätte seiner Tochter beinahe mit Handgreiflichkeiten endet. Solche zuweilen köstlichen Momente gibt es in „Hamster im hinteren Stromgebiet“ zuhauf, wobei sie trotz eines kurzen Gastauftritts der wunderbaren Großmutter aus „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ („Mooaaahhh!“) gelegentlich ein wenig zusammengewürfelt wirken. Aber so ist das nun einmal, wenn die Gedanken im Kopf Karussell fahren.

Die tragischeren Momente bleiben diesmal länger im Gedächtnis haften als die komischen. Es sind berührende Szenen, wenn es der Erzähler nicht übers Herz bringt, seiner Mutter bei einem Telefonat mitzuteilen, dass er einen Schlaganfall hatte und im Krankenhaus liegt, oder wenn er sich nach einem Besuch von Frau und Töchtern fragt, wie er diese missliche Lage nur meistern könnte, wenn er keine Familie an seiner Seite wüsste.

Die „Alle Toten fliegen hoch“-Reihe gilt zwar eigentlich als abgeschlossen, aber dennoch hoffe ich sehr, dass uns Joachim Meyerhoff nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Autor noch lange erhalten bleibt — natürlich stets bei allerbester Gesundheit.

Zum Weiterlesen:

Norwegisches Trio, Teil 1

In diesem Herbst erscheinen gleich drei neue Bücher des norwegischen Krimi- und Thriller-Autors Jørn Lier Horst auf Deutsch. In zweien davon gibt es ein Wiedersehen mit dem seit Jahren bekannten und geschätzten Ermittler William Wisting („Wisting und der Atem der Angst“, Teil drei der Cold-Case-Reihe, steht ab Ende November in den Buchläden), das gemeinsam mit Thomas Enger verfasste „Blutzahl“ dagegen ist der erste Band einer neuen Thriller-Serie.

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © Droemer Verlag

Den Auftakt zu diesem „norwegischen Trio“ macht mit „Blindgang“ der zehnte reguläre Wisting-Fall, der im Original bereits 2015 erschienen ist. Dementsprechend spielt die Handlung eine ganze Weile vor den beiden bislang auf Deutsch erhältlichen Cold-Case-Büchern. Bei den höchst unterschiedlichen Veröffentlichungsterminen der beiden Reihen — noch dazu in verschiedenen Verlagen — ist es zuweilen gar nicht so einfach, den Überblick über den zeitlichen Rahmen der Geschehnisse zu behalten. Zur zeitlichen Einordnung für diejenigen, die mit den Krimis um William Wisting bereits vertraut sind: Zu Beginn von „Blindgang“ ist Wistings Tochter Line im achten Monat schwanger und gerade in die Nachbarschaft ihres Vaters gezogen — in den Cold-Case-Fällen schlüpft Opa William ja dann bereits regelmäßig in die Rolle des Babysitters.

Im Zentrum von „Blindgang“ stehen zwei Kriminalfälle, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: Zum einen die Suche nach einem spurlos verschwundenen Taxifahrer, zum anderen der Mord an einer Studentin, die in der Neujahrsnacht bei einem vermeintlich missglückten Raubüberfall erschossen wurde. Als das Taxi des Verschwundenen zusammen mit einem nicht unbeträchtlichen Vorrat an Drogen in einer Scheune entdeckt wird und sich herausstellt, dass die Studentin mit einem Revolver aus dem Safe des jüngst verstorbenen „Schmugglerkönigs“ Frank Mandt ermordet wurde, kommt Bewegung in die Sache und ein Zusammenhang zwischen den beiden Fällen scheint auf einmal wahrscheinlich. Wisting wittert natürlich sofort die richtige Fährte, aber zunächst gibt es allerlei Ungereimtheiten und Mosaiksteinchen, die sich erst nach und nach zu einem stimmigen Bild zusammenfügen.

Einmal mehr macht es großen Spaß, Wisting, seiner Tochter Line und seinen durchweg sympathischen und für Krimiverhältnisse erfreulich „normalen“ Kolleg*innen mehr als 450 Seiten bis zur endgültigen Aufklärung des Falles zu folgen. Hartgesottenen Thriller-Leser*innen könnte „Blindgang“ zu gemächlich und wenig actionreich sein, aber wer — wie ich — eher ein Faible für saubere Ermittlungsarbeit und differenziertere Töne abseits vom eindimensionalen „Gut-Böse-Schema“ hat, kommt hier voll auf seine Kosten. Anderswo tropft das Blut zwischen den Buchseiten hervor, bei Wisting dagegen darf es auch schon einmal menscheln. Und das ist gut so.

  • Jørn Lier Horst: Blindgang (deutsche Übersetzung von Andreas Brunstermann; Droemer Taschenbuch; 464 Seiten; 10,99 Euro). — VIELEN DANK AN DEN VERLAG FÜR DIE BEREITSTELLUNG DES REZENSIONSEXEMPLARS!

~ BESPRECHUNGEN DER BEIDEN ANDEREN NEUEN BÜCHER VON JØRN LIER HORST FOLGEN IM LAUF DER NÄCHSTEN MONATE. ~

Lektüre im August

WolffSchon wieder ein Monat (und damit auch dieser seltsame Sommer — zumindest in meteorologischer Hinsicht) vorbei und anders als im Juli, als meine Lektüren in den beiden Monatshälften thematisch jeweils recht gut zusammengepasst haben, war der August eher eine bunte Tüte. Los ging es mit „Liebe machen“, einem unterhaltsamen Roman von Moses Wolff. Mir hat das Buch ein paar vergnügliche, unbeschwerte Lesestunden bereitet, aber die Kritikpunkte, die im Buchperlenblog genannt werden, kann ich dennoch sehr gut nachvollziehen.


pochada„Visitation Street“ von Ivy Pochada knüpfte dann eher wieder an die beiden Bücher aus der ersten Juli-Hälfte an, wobei (Polizei-) Gewalt und Rassismus in der in der Gegenwart angesiedelten Geschichte nicht ganz so sehr im Zentrum stehen wie bei Colson Whitehead und Thomas Mullen. Vielmehr entwirft Ivy Pochada in ihrem Roman ein vielschichtiges Porträt eines Viertels in Brooklyn und dessen Bewohner*innen, die mit allerlei Problemen zu kämpfen haben.


DuveIn einer komplett anderen Welt spielt meine aktuelle und erst zur Hälfte beendete Lektüre. „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ von Karen Duve ist ein gerade in sprachlicher Hinsicht wunderbarer Historienschmöker über die junge Annette von Droste-Hülshoff, ihre ausufernde Familie und allerlei weitere Zeitgenossen wie die Gebrüder Grimm. Mit dem sehr umfangreichen Figurentableau hatte ich vor allem zu Beginn doch einige Probleme, aber mit der Zeit wuchs mir gerade die Hauptfigur, die zwischen den ganzen gezierten Biedermeiergestalten doch sehr emanzipiert und modern wirkt, sehr ans Herz.

Adlige Jungfern und aufstrebende Bürgerinnen zwitscherten wie frisch geschlüpfte Vögelchen. Nicht so Fräulein Nette. Ihr Alt dröhnte ungefragt dazwischen, wenn eine Herrenrunde sich ungestört glaubte, beleidigte die sensiblen Ohren der Männer und erschütterte ihr fragiles Selbstbewusstsein.


Zum Abschluss — wie gehabt — noch zwei kurze Empfehlungen zum Weiterlesen:

  1. Am 10. September erscheint mit „Hamster im hinteren Stromgebiet“ der fünfte Band von Joachim Meyerhoffs „Alle Toten fliegen hoch“-Reihe, in dem sich der Schauspieler und Autor mit seinem vor gut drei Jahren aus nahezu heiterem Himmel erlittenen Schlaganfall und dessen Folgen auseinandersetzt. Im aktuellen ZEIT-Magazin (Ausgabe 36/2020) findet sich ein bei aller Ernsthaftigkeit des Themas äußerst kurzweiliges Interview, das große Lust auf das Buch macht.
  2. Im kommenden Mai wird Nele Pollatschek („Das Unglück anderer Leute“) als Stadtschreiberin in meiner Heimatstadt Ansbach weilen. Über Sinn und vor allem Unsinn solcher Aufenthaltsstipendien für Schriftsteller*innen hat Ronja von Rönne schon vor mehr als fünf Jahren einen auch heute noch uneingeschränkt empfehlenswerten Text geschrieben. Trotzdem bin ich natürlich gespannt aufs Frühjahr 2021.

📷 Coverfotos © Piper Verlag, ars vivendi Verlag, Kiepenheuer & Witsch