Miroslav Nemec: Die Toten von der Falkneralm

Die Toten von der Falkneralm von Miroslav Nemec
Bild: Knaus Verlag

Manche Schauspieler verschmelzen über die Jahre so eng mit einer Rolle, dass man irgendwann gar nicht mehr weiß, wo die Privatperson aufhört und die fiktive Figur beginnt. Ein gutes Beispiel ist da wohl Miroslav Nemec, der seit einem Vierteljahrhundert den Kommissar Ivo Batic im Münchner „Tatort“ gibt und gar nicht mehr so recht zu trennen ist von seinem Alter Ego oder seinem langjährigen Serienpartner Udo Wachtveitl alias Franz Leitmayr, dem er über die Jahre auch optisch immer ähnlicher geworden ist. So gesehen ist es nur konsequent, dass Miroslav Nemec für seinen ersten Kriminalroman „Die Toten von der Falkneralm“ gar keinen neuen Protagonisten ersonnen hat, sondern einfach die Figur in einen Kriminalfall stolpern lässt, die ohnehin allen bereits hinlänglich vertaut ist, nämlich sich selbst.

Als prominenter Gast eines „Mörderischen Wochenendes“ in einem Berghotel in Berchtesgaden soll die Romanfigur Miroslav Nemec, die dem „echten“ Miroslav Nemec natürlich sehr ähnlich ist, aus einem Krimi von Henning Mankell lesen und außerdem bei einem Kamingespräch ein wenig aus dem Nähkästchen eines berühmten TV-Kommissars plaudern. Dummerweise verhindert ein aufziehender Sturm, dass alle angemeldeten Gäste pünktlich zum nur per Seilbahn zu erreichenden Hotel anreisen können, weshalb sich am Vorabend der Veranstaltung nur ein kleines Grüppchen eingefunden hat, aus dessen Mitte ein Herr bald tot im hoteleigenen Swimmingpool treibt. Ein tragischer Unfall, wie es zunächst aussieht — als sich aber kurz darauf ein zweiter und ein dritter Todesfall ereignen, steht fest, dass es jemand mit dem „mörderischen Wochenende“ wohl etwas zu genau genommen hat.

Eine fiktive Krimihandlung, vermischt mit etwas Schwank aus dem eigenen Leben als bekannter Schauspieler und „Tatort“-Kommissar — mit seinem Romandebüt wagt sich Miroslav Nemec zugegebenermaßen auf recht dünnes Eis, zumal bei so einer Mixtur durchaus die Gefahr besteht, dass am Ende nichts Ganzes und nichts Halbes herauskommt. Umso erfreulicher ist es da, dass „Die Toten von der Falkneralm“ tatsächlich ein natürlich in erster Linie für Freundinnen und Freunde der Münchner „Tatort“-Episoden unterhaltsames und lesenswertes Buch geworden ist. Der Kriminalfall an sich ist zwar weder schrecklich originell noch fürchterlich spannend, insgesamt aber völlig in Ordnung, da er sich mit Agatha Christie und Patricia Highsmith immerhin an Vorbildern orientiert, mit denen man so gut wie nichts verkehrt machen kann. Der große Pluspunkt des Romans ist sowieso der Tonfall, in dem er geschrieben ist. Der sympathische Plauderton und die große Portion Selbstironie, mit denen Miroslav Nemec die Geschichte erzählt und dabei immer wieder Anekdoten aus seinem wirklichen Leben einstreut — die Verwechslungsgefahr mit dem Kollegen Udo Wachtveitl und der TV-Figur Ivo Batic inklusive — macht viel Spaß und lässt locker darüber hinwegsehen, dass „Die Toten von der Falkneralm“ keine neuen Maßstäbe im Krimi-Genre setzt.

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Miroslav Nemec: „Die Toten von der Falkneralm“. Knaus Verlag; ISBN 978-3-8135-0702-7; 256 Seiten; 19,99 Euro.

Im Rahmen des Münchner Krimifestivals stellt Miroslav Nemec seinen Roman am Samstag, 10. September, im Circus Krone vor. Weitere Lesungen folgen im Lauf des Herbstes — die Termine finden sich hier.

Caroline Eriksson: Die Vermissten

Bild: Penguin Verlag
Bild: Penguin Verlag

„Psychologische Spannung auf höchstem Niveau.“ — ”Ein würdiger Nachfolger von Gillian Flynns ’Gone Girl’.“ — „…eine der heißesten Spannungsautorinnen.“

Jede Menge Vorschusslorbeeren hat die Schwedin Caroline Eriksson für ihren Psychothriller „Die Vermissten“, der in nicht weniger als 25 Ländern erscheint, bereits eingeheimst und auch Vergleiche mit der oben genannten Gillian Flynn oder „Girl on the Train“, dem letztjährigen Erfolgsthriller von Paula Hawkins, ließen nicht lange auf sich warten. Bleibt die Frage, ob all die Aufregung letzten Endes nur heiße Luft ist oder ob „Die Vermissten“, übrigens eine der ersten Neuerscheinungen im deutschen Ableger des Penguin Verlags, tatsächlich das Zeug dazu hat, die Leserinnen und Leser in den letzten Sommerferienwochen kollektiv an die Liegestühle zu fesseln.

Ganz so eindeutig lässt sich diese Frage auch nach der Lektüre nicht beantworten, zumal das Buch diverse Stärken wie auch einige Schwächen aufweist. Aber von vorne: Während eines spätsommerlichen Bootsausfluges verschwinden Alex und Smilla, der Ehemann und die vierjährige Tochter der Ich-Erzählerin Greta, bei einem kurzen Landgang auf einer kleinen Insel spurlos. Als noch nicht einmal feststeht, ob die beiden über ihrem Spiel womöglich einfach die Zeit vergessen haben oder im morastigen Waldboden feststecken und Hilfe benötigen, ist sich Greta sicher, dass etwas Schreckliches passiert sein muss. Statt sich jedoch sofort an die Polizei zu wenden, reagiert sie hektisch, planlos und unvernünftig. Zunehmend verstrickt sich Greta durch ihre Handlungen und Aussagen in Widersprüche, so dass sich vor den Augen der Leserinnen und Leser ein Mosaik ausbreitet, das es nach und nach zusammenzusetzen gilt. Ob das Verschwinden von Alex und Smilla allerdings mit Gretas Vergangenheit, die voller Schatten und dunkler Geheimnisse steckt, zu tun hat, oder gar mit der Gruppe mysteriöser, dunkel gekleideter Jugendlicher, auf die die Protagonistin im Laufe der Geschichte trifft, soll hier natürlich nicht verraten werden.

DSCN8724Caroline Eriksson gelingt es trefflich, eine für skandinavische Thriller fast schon standesgemäße düstere und beklemmende Atmosphäre mit einem leichten Mystery-Touch heraufzubeschwören. Zudem ist Ich-Erzählerin Greta eine interessante, wenn auch nicht gerade fürchterlich sympathische Protagonistin, die ständig zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Wirklichkeit und Wahn hin- und herschwankt — ein Verwirrspiel, auf das man sich gerne einlässt. So liest sich „Die Vermissten“ zwar flott und kurzweilig, andererseits gelingt es dem Roman nur selten, seine Leserinnen und Leser vollends in den Bann zu schlagen. Dafür ist die Handlung, deren plötzliche Wendungen zumindest zum Teil recht vorhersehbar sind, stellenweise beinahe schon ein wenig zu verworren und konfus. Die Spannungskurve, die sich zu Beginn kontinuierlich aufbaut, flacht im Verlauf der gut 270 Seiten doch ein wenig ab und steigert sich erst zum leider etwas konstruiert wirkenden Schluss hin wieder. Thriller wie die bereits erwähnten „Gone Girl“ oder „Girl on the Train“, die ebenfalls größtenteils von einer unzuverlässigen und wankelmütigen Ich-Erzählerin getragen werden, wirken da insgesamt etwas stimmiger und „runder“.

So bleibt am Ende ein etwas zwiespältiger Gesamteindruck: Ein paar spannende Lesestunden beschert einem „Die Vermissten“ zwar durchaus, aber das ganz große Highlight ist der Roman eben auch nicht.

Caroline Eriksson: „Die Vermissten“. Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn. Penguin Verlag; ISBN 978-3-328-10038-6; 272 Seiten; 13 Euro.

Ferienprogramm (2)

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Momentan herrscht zwar kein richtiges Sommerwetter, aber mit einer Zeitung und Kaffee lässt es sich auf dem Balkon trotzdem aushalten.

Lesenswert: Zumindest für Film und Fernsehen war 1986 ein gutes Jahr und so feiert neben der immer wieder sehenswerten Serie „Irgendwie und Sowieso“ von Franz Xaver Bogner mit „Stand By Me — Das Geheimnis eines Sommers“ (Regie: Rob Reiner) auch einer meiner Lieblingsfilme sein dreißigstes Jubiläum. Im Interview mit Yahoo! Movies erinnern sich die beiden Drehbuchautoren Bruce A. Evans und Raynold Gideon unter anderem an Stephen Kings erste Reaktion auf den Film, der auf dessen Erzählung „Die Leiche“ basiert.

Sehenswert: Jedes Jahr ein Film — nach diesem Rhythmus arbeitet Woody Allen bereits seit Jahrzehnten und daran scheint sich auch trotz des fortgeschrittenen Alters des Regisseurs so schnell nichts zu ändern. Der aktuelle Streifen „Café Society“ läuft am 10. November in den deutschen Kinos an, am Nachfolger (unter anderem mit Kate Winslet und Justin Timberlake in tragenden Rollen) wird bereits gearbeitet. Außerdem ist Woody Allen demnächst in einer für Amazon produzierten, in den sechziger Jahren spielenden Serie namens „Crisis in Six Scenes“ zu sehen, in der er in die Rolle des (natürlich) neurotischen Schriftstellers Sidney Muntzinger schlüpft. Einen ersten Vorgeschmack gibt auf die Serie gibt folgender Trailer:

Ausgezeichnet: Zum zweiten Mal vergibt die Kulturstaatsministerin Monika Grütters in diesem Jahr den Deutschen Buchhandlungspreis. Gut 500 unabhängige Buchhandlungen haben sich für den Preis beworben, 118 davon hat eine Jury unter dem Vorsitz von Iris Radisch nun nominiert. Aus Nürnberg haben es die Buchhandlung Pelzner (Eibacher Hauptstraße 50) sowie die Gostenhofer Buchhandlung (Eberhardshofstr. 17) in die „Endrunde“ geschafft. Die mit unterschiedlichen Preisgeldern honorierten Auszeichnungen werden am 5. Oktober in Heidelberg verliehen.

Ferienprogramm

In der Ferienzeit geht es in diesem Blog ein wenig ruhiger zu. Schließlich ist der August nicht dazu erfunden worden, viele Stunden mit dem Internet zu verbringen, sondern vielmehr dazu, an Gewässern zu sitzen, Sandburgen zu bauen, Eis zu essen und sich den dicken Schmökern zu widmen, für die während des restlichen Jahres die Zeit fehlt (hier momentan das mit dem Pulitzer-Preis gekrönte „Alles Licht, das wir nicht sehen“ von Anthony Doerr). Ein paar Leseempfehlungen, interessante Terminhinweise und andere Kleinigkeiten möchte ich dann und wann aber doch loswerden. Kommt gut durch den Sommer!

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Macht vor, was im Sommer zu tun ist: Das Rhinozeros der polnischen Künstlerin Dorota Hadrian, momentan zu sehen vor dem Nürnberger Opernhaus.

Lesenswert: Der kanadische Journalist und Autor Robert Moor, Verfasser des Buches „On Trails“ (Simon & Schuster), erzählt auf Buzzfeed, wie sich sein Körper während seiner Wanderung auf dem Appalachian Trail verändert hat — und zwar auf eine Art und Weise, die so weit weg ist von dem üblichen Selbstfindungsquatsch diverser anderer Wandermemoiren, dass man sofort Lust bekommt, „On Trails“ einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Diskussionswürdig: Thomas Steinfeld erklärt in der SZ, warum das bejubelte Theaterstück „Harry Potter and the Cursed Child“ letztlich nicht mehr ist als eine beschleunigte Wiederholung der Wiederholung und warum das dort entworfene Gesellschaftsbild wunderbar zum „Brexit“ passt. Eine gekürzte Fassung des Artikels gibt es hier zu lesen.

Für den Terminkalender: Vom 25. bis 28. August findet das diesjährige, mittlerweile 36. Erlanger Poetenfest statt. An diversen Spielorten in der Innenstadt gibt es dann wieder — oft bei freiem Eintritt — Lesungen (allen voran natürlich die beliebte „Revue der Neuerscheinungen“), Diskussionsrunden, Ausstellungen und Workshops, unter anderem mit Deborah Feldman, Tilman Rammstedt, Teresa Präauer, Ilja Trojanow, Herta Müller, Raoul Schrott und Connie Palmen. Der komplette Zeitplan mit allen Veranstaltungen findet sich hier.

Im Juli gelesen

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Man kann bekanntlich nicht raus aus seiner Haut — aber zumindest probieren kann man es ja mal. So wie der frischgebackene Nicolas-Born-Preisträger Joachim Meyerhoff in „Alle Toten fliegen hoch. Amerika“ (Kiepenheuer & Witsch), dem ersten Teil seiner autobiographisch geprägten Romantrilogie. Während eines Austauschjahres in den USA möchte sich der heutige Schauspieler und Theaterregisseur Mitte der 80er Jahre vom unscheinbaren Teenager und eher schwachen Schüler aus der norddeutschen Provinz zum gefeierten High-School-Basketballstar und Mädchenschwarm wandeln. Selbstredend gelingt ihm das eher mäßig, weil unter anderem mangelndes Basketballtalent, Nasenbluten wegen der ungewohnten Höhenlage seines neuen Wohnortes Laramie im US-Bundesstaat Wyoming und eine familiäre Tragödie dazwischenkommen. All das beschreibt Joachim Meyerhoff so einfühlsam, humorvoll und kurzweilig, dass man sofort danach die beiden anderen Bände seiner Memoiren, „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ und „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, ebenfalls lesen möchte.

Sein altes Ich hat auch Sherlock Holmes nicht ganz abgelegt, als er im Jahr 1915 als Ruheständler und Bienenzüchter im ländlichen Sussex lebt. Dass in ihm immer noch der alte Meisterdetektiv schlummert, muss seine junge Assistentin Mary Russell, ein altkluges Waisenmädchen mit scharfem Verstand, am eigenen Leib erfahren, als sie sich zusammen mit Holmes im Auftakt zu Laurie R. Kings hierzulande nie so recht gewürdigten Krimireihe mit einem verzwickten und lebensgefährlichen Fall konfrontiert sieht. Mehr über „Die Gehilfin des Bienenzüchters“ (Rowohlt Verlag, antiquarisch erhältlich) lest Ihr hier.

Ganz und gar unfreiwillig nicht mehr ganz sie selbst sind die Menschen, die uns der Neurologe Oliver Sacks, dessen Todestag sich am 30. August zum ersten Mal jährt, in den 24 Fallstudien von „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ (Rowohlt Verlag) vorstellt. Wir treffen auf Menschen, die auf einmal den Geruchssinn eines Hundes entwickeln, keine Gesichter mehr erkennen können, ihre eigenen Gliedmaße für die von Fremden halten oder seit einer halben Ewigkeit in einer Zeitschleife gefangen sind. Oliver Sacks betrachtet seine Patienten in seinen Beschreibungen zwar stets humorvoll und augenzwinkernd, aber immer mit viel Empathie und ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Obwohl sich die Forschung in den gut drei Jahrzehnten seit dem ersten Erscheinen des Buches rasant weiterentwickelt hat, ist es auch heute noch eine lohnende Lektüre, die uns lehrt, dass selbst kleinste Unregelmäßigkeiten und Verletzungen unser gewohntes Leben komplett aus der Bahn werfen können. Dankbarkeit für die eigene Gesundheit und das Bewusstsein, dass sich dieser Zustand auch schnell ändern kann — das sind wahrlich nicht die schlechtesten Dinge, die ein Buch bei seinen Leserinnen und Lesern wecken kann.

Rückzugsorte (1)

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Wenn die wirkliche Welt zu beängstigend und unübersichtlich wird, hilft es immer, sich für ein Weilchen auszuklinken und in eine Bibliothek oder einen Buchladen zurückzuziehen. Zum Beispiel in die oben abgebildete „Buchhandlung Walther König & Designshop im Neuen Museum“ (Luitpoltstraße 5, Nürnberg), die — entsprechend ihrer Lage im bzw. am Neuen Museum Nürnberg — auf Literatur und Bildbände zu den Themen Kunst, Design und Fotografie spezialisiert ist und obendrein allerlei hübsche Designobjekte für zu Hause im Angebot hat.

(Apropos Neues Museum: Im Foyer ist noch bis zum 4. September die sehenswerte, fast schon zur alljährlichen Tradition gewordene Ausstellung „100 beste Plakate Deutschland — Österreich — Schweiz“ zu sehen.)

Der alternde Sherlock Holmes und seine junge Assistentin

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Spätestens seit dem riesigen Erfolg der BBC-Serie mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman hat fast alles Hochkonjunktur, was in irgendeiner Form mit Sherlock Holmes zu tun hat. Umso erstaunlicher erscheint es vor diesem Hintergrund, dass die Holmes-Reihe der Amerikanerin Laurie R. King, deren 14 Bände (der aktuellste, „The Murder of Mary Russell“, erschien dieses Frühjahr) sich im englischsprachigen Raum seit gut 20 Jahren großer Beliebtheit erfreuen, bei uns keinen rechten Anklang finden will. Der Rowohlt Verlag veröffentlichte zwar einst die ersten vier Bücher der Serie in deutscher Übersetzung, doch seit geraumer Zeit sind auch diese Romane nur noch antiquarisch erhältlich.

Ein Jammer eigentlich, denn schon „Die Gehilfin des Bienenzüchters“, der erste Band, ist ein sehr gelungener, charmanter Pastiche, der stilistisch und vom gesamten Tonfall her ziemlich nahe an die Originale von Sir Arthur Conan Doyle herankommt. Zeitlich sind die Romane von Laurie R. King etwas später angesiedelt als die Werke Doyles und sowohl die Baker Street 221b als auch Dr. Watson (der allerdings weiterhin ein gern gesehener Gast ist) sind passé. Sherlock Holmes, zu Beginn der Handlung im Jahr 1915 Mitte Fünfzig, hat sich — begleitet von seiner treuen Haushälterin Mrs. Hudson — in ein Anwesen im ländlichen Sussex zurückgezogen, wo er sich in erster Linie der Bienenzucht und der wissenschaftlichen Erforschung der Insekten widmet. Während dieser Tätigkeit lernt er die zu diesem Zeitpunkt 15-jährige Mary Russell kennen, ein ebenso neugieriges wie altkluges Mädchen, das es mit dem scharfen Intellekt Holmes‘ locker aufnehmen kann. Fortan fungiert Mary, die schnell bei Sherlock Holmes in die Lehre geht, als Erzählerin der Geschehnisse und quasi als „Ersatz-Watson“ (Laurie R. King, die im Vorwort augenzwinkernd betont, sie sei gar nicht die Autorin dieser Geschichten, sondern hätte nur zufällig die Aufzeichnungen der Mary Russell gefunden und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, schlüpft demnach in die Rolle Arthur Conan Doyles). Diese Idee geht wunderbar auf, denn zum einen ist Mary allein wegen ihres Geschlechts und ihres Alters ein starker Gegenpart zu Holmes, zum anderen ist sie eine deutlich eigenständigere Figur als der zuweilen etwas arg tapsige Dr. Watson.

Von der eigentlichen Handlung soll an dieser Stelle gar nicht allzu viel verraten werden — nur so viel: Das Kennenlernen von Mary und Holmes und die ersten Jahre der ungewöhnlichen Freundschaft nehmen eine recht zentrale Stellung in „Die Gehilfin des Bienenzüchters“ ein. So sind bis zum zentralen Fall des Romans nicht nur drei Jahre — Mary ist zu diesem Zeitpunkt bereits volljährig und Studentin in Oxford –, sondern auch gut 200 Seiten verstrichen. Etwas straffer hätte die Geschichte also durchaus ausfallen dürfen, aber auch da ist Laurie R. King ganz nah am Vorbild, kommen doch zumindest die „echten“ Holmes-Romane ebenfalls nicht ganz ohne ein paar Längen aus. Freundinnen und Freunde von Sherlock Holmes kommen hier jedenfalls trotz dieser kleinen Schwäche auf jeden Fall auf ihre Kosten, zumal Mary Russell eine Figur ist, die man schnell ins Herz schließt und der ältere Sherlock Holmes ein wenig milder und nahbarer wirkt.

Es lohnt sich also, in Antiquariaten nach den deutschen Übersetzungen (der hier vorgestellte Roman wurde von Eva Malsch ins Deutsche übertragen) zu stöbern oder gleich auf die englischsprachigen Originale zurückzugreifen.

Filmtipp: „Liberal Arts“

Die Fußball-EM ist vorbei und für die nächsten Tage ist ein Wetter vorhergesagt, das nicht unbedingt zum Biergartenbesuch oder zum endlosen Sitzen auf dem heimischen Balkon bzw. im Garten einlädt. Ideal also, um wieder einmal einen Film anzuschauen.

Liberal ArtsEher durch Zufall bin ich über „Liberal Arts“ (2012), die zweite Regiearbeit des vor allem durch seine Rolle als Ted Mosby in der Erfolgs-Sitcom „How I Met Your Mother“ bekannten Josh Radnor, gestolpert, und war sehr positiv überrascht von der liebenswert erzählten, ebenso berührenden wie klugen Tragikomödie, die trotz ihrer prominenten Besetzung (unter anderem sind Elizabeth Olsen, Richard Jenkins, Elizabeth Reaser und Zac Efron in weiteren Rollen zu sehen) leider nicht allzu viel Beachtung fand und es hierzulande seinerzeit nicht einmal in die Kinos schaffte. Josh Radnor selbst spielt darin den Mittdreißiger Jesse, der an der Zulassungsstelle eines New Yorker Colleges ein sicheres Auskommen hat, aber trotz allem noch nicht so recht im Erwachsenenleben angekommen ist. Am liebsten verbringt er seine Zeit in Buchläden oder trauert den Chancen hinterher, die sich ihm nach dem Uni-Abschluss boten und die er allesamt verpasst hat. Als er zur Verabschiedungsfeier seines ehemaligen Professors Peter Hoberg (Richard Jenkins) an seinen alten Campus zurückkehrt, sind die vergangenen Zeiten auf einmal noch präsenter als ohnehin schon. Ausgerechnet der 16 Jahre jüngeren Studentin Zibby (Elizabeth Olsen) gelingt es, dass Jesse seinen Blick nicht mehr nur auf die Vergangenheit richtet, sondern auch etwas mehr in der Gegenwart ankommt.

Fürchterlich originell mag die Handlung von „Liberal Arts“ zwar nicht unbedingt sein, zumal es ja Dutzende mehr oder weniger gelungene Streifen nach einem ähnlichen Strickmuster gibt und es gerade in Independent-Komödien geradezu zu wimmeln scheint vor etwas verwirrten und linkischen, meist gar nicht mehr ganz so jungen Männern (und gelegentlich auch Frauen), die mit ihrem Leben hadern. So sind es eher die Details, die Josh Radnors bis in die Nebenrollen exzellent besetzten Film positiv von der Masse abheben: Die Hauptfiguren treffen sich gerne in Buchläden und kleinen Coffeeshops, haben ein Faible für handgeschriebene Briefe, diskutieren mit viel Inbrunst, aber wenig Fachwissen über klassische Musik und wirken allesamt so sympathisch, dass man am liebsten selbst mit ihnen befreundet wäre. Wer genau hinschaut, entdeckt zudem jede Menge popkulturelle Anspielungen, nicht zuletzt auf Josh Radnors Paraderolle des Ted Mosby — eigentlich hätte sich das Ende von „Liberal Arts“ auch wunderbar (oder sogar noch besser) als Schlusspunkt für „How I Met Your Mother“ angeboten…

Den wohl schönsten Dialog des Films liefert sich Jesse mit der Buchhändlerin Ana (Elizabeth Reaser):

Ana: „I just started to feel like reading about life was taking time away from actually living life, so I’m trying to accept invitations to things, say ‚hi‘ to the world a little more.“
Jesse: „That sounds scary. It’s going well?“
Ana: „It’s…okay. I keep thinking I’d be so much happier in bed with a book, and that makes me feel not super cool. I still read tons. I just feel like I’m more aware of a book’s limitations. Does that make sense?“
Jesse: „Yeah, totally.“

Harper Lee über Enttäuschungen

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Wenn ein Mann zu dir sagt: „Das ist die Wahrheit“ und du ihm glaubst und dann feststellst, dass er nicht die Wahrheit sagt, bist du enttäuscht und achtest darauf, dass er dich nicht noch einmal aufs Glatteis führt.
Aber ein Mann, der nach der Wahrheit gelebt hat –, dieser Mann macht aus dir nicht nur einen argwöhnischen Menschen, wenn er dich enttäuscht, er nimmt dir alles.

Nun ist „Gehe hin, stelle einen Wächter“, vor dem ich doch ein Weilchen zurückgeschreckt bin, also ausgelesen und mein finales Urteil fällt erfreulich positiv aus. Obwohl sich die Geschichte insgesamt relativ stark von „Wer die Nachtigall stört“ unterscheidet, Jean Louise zumindest in der Haupthandlung deutlich älter ist und Atticus aufgrund seiner Ansichten nicht mehr zum glänzenden Vorbild taugt, ähneln sich die beiden Bücher zumindest in ihrem Grundton und subtilen Humor doch sehr. Wer bisher keinen der beiden Romane von Harper Lee gelesen hat, sollte zum Einstieg auf jeden Fall die „Nachtigall“ wählen und anschließend bei Gefallen zum „Wächter“ greifen, um noch tiefer in die Welt von Scout, Jem, Dill, Atticus, Hank, Calpurnia und Alexandra einzutauchen. Es lohnt sich auf alle Fälle!

Aktuelle Lektüre: „Gehe hin, stelle einen Wächter“

Es gibt Bücher, vor denen man einen gewissen Respekt hat und deshalb zögert, sie in die Hand zu nehmen, geschweige denn, sie tatsächlich auch zu lesen. Das kann unterschiedliche Gründe haben: Vielleicht, weil ein Roman — bestes Beispiel ist da wohl „Ulysses“ von James Joyce — in der allgemeinen Wahrnehmung als sperrig oder gar qualvoll zu lesen gilt. Eventuell schreckt man aber auch davor zurück, ein altes Lieblingsbuch nach Jahren noch einmal zu lesen aus Angst, es könnte einem nun nicht mehr allzu gut gefallen oder sich am Ende gar als Enttäuschung herausstellen. Und welche Enttäuschung wiegt schwerer als die Erkenntnis, sich in seiner Liebe getäuscht zu haben?

Harper Lee

Ein Buch, das ich längere Zeit überhaupt nicht lesen wollte, ist „Gehe hin, stelle einen Wächter“ von Harper Lee. Und zwar, obwohl — nein, gerade weil — „Wer die Nachtigall stört“, der über Jahrzehnte einzige jemals veröffentlichte Roman der im Februar dieses Jahres verstorbenen Amerikanerin, eines meiner heißgeliebten Lieblingsbücher ist (und zwar auch nach mehrmaliger Lektüre). Schon die Umstände, die dazu führten, dass das Buch überhaupt „entdeckt“ und zur Veröffentlichung freigegeben wurde, wurden heiß diskutiert und machten nicht zuletzt den Eindruck, dass angesichts des doch recht hinfälligen Gesundheitszustandes der Autorin und dem nicht lange zurückliegenden Tod von Alice Lee, die streng über das Werk ihrer jüngeren Schwester wachte, die Gunst der Stunde genutzt wurde, um mit einem prominenten Namen und einer „literarischen Sensation“ jede Menge Geld zu verdienen. Nicht gerade die beste Ausgangssituation, den „Wächter“ mit offenen Armen zu empfangen.

Noch deutlich schwerer machte es mir allerdings die kurz vor dem offiziellen Erscheinen des Buches überall zu lesende Entdeckung, dass der wunderbare, gebildete und aufrechte Atticus Finch aus „Wer die Nachtigall stört“, in „Gehe hin, stelle einen Wächter“ ein verbohrter Rassist sei. Der tugendhafte Atticus Finch, der sich nie von spontanen Emotionen leiten lässt, sondern immer klug abwägt, der eine klare und gefestigte Meinung vertritt, aber auch diejenigen nicht verteufelt, die anders denken — kurz: eine der der wunderbarsten Figuren der Literaturgeschichte, von deren Schlage es auch im realen Leben gerade in unseren Zeiten mehr Menschen geben sollte. Wollte ich diese vorbildhafte Figur wirklich in einem ganz anderen Licht sehen? Eigentlich nicht.

Aber andererseits: Es ist doch „nur“ eine fiktive Figur aus einer fiktiven Geschichte und die Welt geht auch nicht davon unter, wenn mir „Gehe hin, stelle einen Wächter“ überhaupt nicht gefällt. Deshalb lese ich den Roman jetzt einfach mal. Auf gehts!


Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter // Deutsch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, DVA Belletristik, ISBN 978-3-421-04719-9, 320 Seiten, € 19,99. Auf dem Foto oben abgebildet ist die Version des Romans aus der Büchergilde Gutenberg, erhältlich für € 18,95.