[Musik] Great Lake Swimmers: A Forest of Arms

Foto: Marina Manushenko

Foto: Marina Manushenko

“Something like a storm coming in”, singt Tony Dekker gleich zu Beginn der neuen Great Lake Swimmers-Platte “A Forest of Arms” und obwohl diese Zeile durchaus Raum lässt für Interpretationen, hat sie keinen direkten Bezug zur musikalischen Beschaffenheit des mittlerweile sechsten Albums der Band aus Toronto. Beständigkeit ist auch hier wieder Trumpf und so braucht niemand Angst zu haben, auf einmal weggeblasen zu werden von ungewohnter Wucht und Lautstärke oder die einem während des letzten Jahrzehnts doch sehr ans Herz gewachsenen Great Lake Swimmers nach einem reinigenden Sturm überhaupt nicht wiederzuerkennen. “New Wild Everywhere”, das bislang letzte Album der Kanadier, liegt zwar schon ein paar Jährchen zurück und zwischendrin wandelte Frontmann Dekker mit dem spartanischen “Prayer of the Woods” kurz auf Solopfaden, aber letzten Endes wirkt es tatsächlich so, als wäre das Quintett nie weg gewesen. Sanfter bis beschwingter, gerne an den 60er Jahren geschulter Folk-Rock mit akustischen Gitarren, Banjo, ein paar Streichern und Tony Dekkers freundlichem Gesang dominiert die zwölf neuen Stücke, wobei das feine “Zero in the City” oder das ebenso hübsche “A Jukebox in a Desert of Snow” besonders schnell im Gedächtnis haften bleiben. “One More Charge at the Red Cape” bewegt sich ein wenig in Richtung Indie-Rock, überzeugt aber letzten Endes nicht so ganz wie die beiden eben genannten Stücke, die getragene Ballade “Don’t Leave Me Hanging” oder das großartige “The Great Bear”, eine sacht fließende, fast schon spirituell angehauchte Naturbetrachtung, seit jeher eines der Steckenpferde des passionierten Naturschützers Tony Dekker.

Ein gelungenes, oft nachdenkliches Folk-Album ohne die ganz großen Überraschungen — aber die erwartet bei den Great Lake Swimmers ja sowieso niemand.


Great Lake Swimmers: A Forest of Arms. Nettwerk Music Group, erscheint am 24. April auf CD, LP sowie in digitaler Form.

[Krimi] Rainer Doh: Mordkap

Mordkap

Wenn in Kriminalromanen immer alles so wäre, wie es auf den ersten Blick erscheint, wären die meisten schon nach 20 Seiten zu Ende. Auch “Mordkap” von Rainer Doh, würde da keine Ausnahme darstellen, denn schließlich ist der Fall recht eindeutig. Ein deutscher Tourist wird auf der “MS Midnatsol”, einem Kreuzfahrtschiff der Hurtigruten, während der Passage durchs nördlichste Norwegen tot in seiner Kabine aufgefunden. Offensichtlich ein Selbstmord, weshalb die routinemäßige Klärung der genaueren Umstände dem Kleinstadtpolizisten Arne Jakobson überlassen wird. Während dieser, schwer geplagt von der Seekrankheit, also die vornehmlich älteren, teils recht schrulligen Passagiere befragt und langsam zu der Erkenntnis gelangt, dass womöglich doch jemand nachgeholfen haben könnte beim vermeintlichen Suizid, rotieren auf dem Festland bereits diverse Geheimdienste, denn natürlich ist auch in diesem Krimi wieder einmal nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint.

Rainer Doh, selbst ein begeisterter Hurtigruten-Passagier, hat mit “Mordkap” ein gelungenes Krimi-Debüt irgendwo zwischen Agatha Christie (man denke nur an “Tod auf dem Nil” oder “Mord im Orientexpress”) und Polit-Thriller vorgelegt. Die Idee, die Handlung auf das größtenteils abgeschlossene System eines Kreuzfahrtschiffs zu verlegen, mag zwar nicht ganz neu sein, verleiht der Handlung aber nicht zuletzt dank der kenntnisreichen Beschreibung der Örtlichkeiten eine gewisse Dichte und Überschaubarkeit. Angesichts des etwas komplexeren Überbaus mit Geheimdiensten, internationalen Verstrickungen und dergleichen, stellt dieses klassische Krimi-Szenario mit dem sympathischen, gerne ein wenig überfordert wirkenden Arne Jakobson einen wohltuenden Kontrast dar. Überhaupt ist das Personal von “Mordkap” größtenteils lebensnah und glaubwürdig gezeichnet, wobei einige Figuren schon ein wenig klischeehaft wirken. So ist etwa der emeritierte Professor ein sehr von sich eingenommener Wichtigtuer, die Ärztin im Ruhestand eine burschikose ältere Dame, die ohne zu zögern anpackt, und der russische Agent ein undurchschaubarer Finsterling. Der Spannung, die sich nach dem eher gemächlichen ersten Drittel bis zum rasanten Höhepunkt kontinuierlich steigert, tut dies aber natürlich keinen Abbruch.

Insgesamt ein lesenswerter Krimi, nicht nur für Norwegen-Freundinnen und -Freunde!


Rainer Doh: Mordkap. Divan Verlag, ISBN 978-3-86327-026-1, 256 Seiten, € 16,90. Auch als E-Book erhältlich.

Neue Platten im April

East Cameron Folkcore: Kingdom of Fear (Grand Hotel van Cleef) — Wenn East Cameron Folkcore “Folk” sagen, dann meinen sie nicht den immer weiter ausfransenden Genre-Begriff, unter dem sich vollbärtige Zausel, verhuschte junge Frauen und Bands mit einer Vorliebe für Tweed und Mandolinen seit einigen Jahren mit großem Erfolg versammeln, sondern vielmehr das Vermächtnis von Künstlern wie Lead Belly, Pete Seeger oder Woody Guthrie. Kurzum: Dem Oktett aus Austin ist eine kritische Haltung deutlich wichtiger als die Wahl des richtigen Karohemds. Dementsprechend nimmt sich “Kingdom of Fear”, das etwas großspurig in vier canti gegliederte neue Album der Band, praktisch aller Probleme an, an denen die USA (und letzten Endes die ganze westliche Welt) momentan kranken. Umweltzerstörung, Finanzkrise, wachsende soziale Ungleichheit, Gentrifizierung — kaum ein großes Thema haben East Cameron Folkcore ausgelassen und all das wird mit viel Wut im Bauch irgendwo zwischen Heartland-Rock, Americana und Punk bzw. Bruce Springsteen und Social Distortion inbrünstig besungen. Ganz neu und originell mag das zwar nicht unbedingt sein, aber allein das großartige Titelstück und das nicht minder gelungene “Into Hells Sea” sind schon eine Wucht. Apropos Wucht: Der Besuch eines der vielen anstehenden Konzerte der Amerikaner dürfte sich bestimmt lohnen — auch auf die Gefahr hin, dass man von der unbändigen Energie dieser Musik im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Saal geblasen werden könnte.- Termine: 23.5. Beverungen — Orange Blossom Special, 24.5. Mannheim — Maifeld Derby Festival, 26.5. Saarbrücken — Garage, 27.5. Bielefeld — Forum, 28.5. Hamburg — Hafenklang, 29.5. Husum — Speicher, 30.5. Berlin — Magnet, 31.5. Jena — Rosenkeller, 2.6. Dresden — Groovestation, 3.6. Leipzig — Werk 2, 4.6. Erlangen — E-Werk, 5.6. (A) Wien — B 72, 6.6. Ulm — Ulmer Zelt, 7.6. München — Ampere, 8.6. (A) Dornbirn — Conrad Sohm (+ Frank Turner), 9.6. (A) Innsbruck — Weekender (+ Frank Turner), 10.6. (A) Salzburg — Rockhouse (+ Frank Turner), 16.6. Köln — Underground, 17.6. Trier — Ex-Haus, 18.6. Wiesbaden — Schlachthof, 19.6. Scheeßel — Hurricane Festival, 20.6. Neuhausen ob Eck — Southside Festival, 21.6. Duisburg — Traumzeit Festival.


Villagers: Darling Arithmetic (Domino Records) — Noch mehr als der Protest gegen die herrschenden Zustände ist natürlich die Liebe in all ihren Facetten eine nie versiegende Inspirationsquelle für Songs jeglicher Art. Conor O’Brien alias Villagers hat diesem Dauerbrennerthema — genauer gesagt dem Ende einer Liebesbeziehung —  mit “Darling Arithmetic” nun sein komplettes drittes Album gewidmet und sich beim Arrangement der neun neuen Stücke im Vergleich zum sehr experimentellen, manchmal arg verschwurbelten Vorgänger “{Awayland}” wohltuend zurückgehalten. Nicht die schlechteste Idee, denn dank des spärlichen, erlesen gewählten Instrumentariums bleibt mehr Raum für die Texte und die einnehmende Stimme des Iren. Oft ist “Darling Arithmetic” näher am Jazz als am Pop, manchmal auch nicht weit entfernt von der Grenze zur Langeweile, aber das sehr schöne Titelstück sowie “Dawning On Me” und das tolle “Hot Scary Summer” lassen einen locker über die wenigen Schwächen dieses recht kurzen, aber ziemlich gelungenen Albums hinwegsehen.- Termine: 10.5. Heidelberg — Karlstorbahnhof, 12.5. Hamburg — Kulturkirche Altona, 13.5. Köln — Gebäude 9, 14.5. Berlin — Babylon.


Demnächst: Calexico — Edge of the Sun

Steven Galloway: Der Illusionist

Der Illusionist

Zu Beginn von Steven Galloways neuem Roman “Der Illusionist” lernen wir Martin Strauss kennen, einen älteren Herrn, dem von seinem Arzt mitgeteilt wird, dass er langsam den Verstand verliert. Eine schleichende Krankheit, die dazu führt, dass tatsächlich erlebte Erinnerungen verblassen und womöglich ersetzt werden von der umso lebhafteren Erinnerung an Ereignisse, die niemals stattgefunden haben. Viel Zeit bei klarem Verstand bleibt Martin Strauss also nicht mehr und damit auch nicht, um reinen Tisch zu machen. Martin Strauss ist nämlich ein Mörder — und zwar der Mörder des weltberühmten Zauberers Harry Houdini. Behauptet er zumindest, womit wir auch schon bei der zentralen Frage dieses Buches angelangt wären. Wo verläuft die Grenze zwischen Wirklichkeit und Illusion? Gibt es so etwas wie die eine, unverrückbare Wahrheit überhaupt oder glauben wir eben gerne an das, was uns plausibel oder einfach nur bequem erscheint?

Eins plus eins ist nicht gleich zwei. Naja, doch, ist es schon. Manchmal. Aber nicht immer. Mir ist die Unmöglichkeit bewusst. Ein Großteil der Welt ist binär. Man lebt, man ist tot. Aber was würde passieren, wenn man nicht sicher wäre, dass es die Zahl eins überhaupt gibt?

Steven Galloway lässt uns in “Der Illusionist” nicht nur an der Geschichte des Martin Strauss teilhaben, der nach seinem angeblichen Mord untertauchen muss und es mit allerlei finsteren Gestalten zu tun bekommt, die ihm nach dem Leben trachten, sondern bringt uns auch — oft angelehnt an dessen tatsächliche Biographie — den schillernden Harry Houdini näher. Wir erfahren, wie aus dem ungarischen Immigrantensohn und Schlosserlehrling Erik Weisz zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Magier von Weltrang wird, der Tausende Menschen in Staunen und Begeisterung versetzt und so zum vermutlich ersten weltweiten Popstar wird. Ein unsteter Frauenheld, für dessen Tricks und Fähigkeiten sich bald Geheimdienste und Machtmenschen interessieren, der einen Feldzug gegen die Spiritismus-Bewegung und nicht zuletzt deren berühmten Fürsprecher Sir Arthur Conan Doyle führt, und der sich eine beträchtliche Anzahl einflussreicher Feinde macht. Gerade diese Kapitel aus dem Leben Houdinis lesen sich sehr spannend und kurzweilig, wobei man sich bei den ganzen politischen Verwicklungen hin und wieder fast in einem Agenten-Thriller wähnt. Zudem hat Steven Galloway in seinen Roman jede Menge Zeit- und Gedankensprünge eingebaut, was es manchmal gar nicht so einfach macht, die kunstvoll konstruierte Handlung vollends zu überblicken. Aber genau das ist es ja, was dieses lesenswerte Buch mit einem guten Zaubertrick verbindet: Verwirrung stiften, falsche Fährten legen und täuschen — bis sich am Ende die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Illusion komplett aufgelöst haben.

Er ist der berühmteste Mensch der Welt geworden in einer Zeit, als es schwer war, weltberühmt zu sein, weil er sich aus den unmöglichsten Situationen befreien konnte. Nichts konnte ihn halten. Aber das stimmt natürlich nicht — alle seine Entfesslungen waren gefälscht. Er ist nie wirklich entkommen, weil er nie wirklich gefesselt war. Es schien nur so.

Zum Autor: Steven Galloway wurde 1975 in Vancouver geboren und lehrt neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller Kreatives Schreiben an der University of British Columbia. Bisher hat er vier Romane veröffentlicht, darunter der vielfach ausgezeichnete, in 30 Ländern erschienene Besteller “Der Cellist von Sarajevo”.

Steven Galloway: Der Illusionist. Aus dem Englischen von Benjamin Schwarz. Luchterhand Literaturverlag, ISBN 978-3-630-87457-9, 352 Seiten, € 19,99.

Hörempfehlung: Axel Flóvent — Forest Fires

“Größe” ist (fast) immer relativ: Akureyri zum Beispiel, die Heimat des Musikers Axel Flóvent, ist zum einen Islands viertgrößte Stadt, hat aber auf der anderen Seite nur wenig mehr als 18.000 Einwohner. Bleibt also die Frage, ob man Akureyri nun als eher große oder doch als sehr kleine Stadt bezeichnen möchte. Vor ähnliche Probleme stellt uns “Forest Fires”, die neue Single und zugleich Vorbote der gleichnamigen, Ende Mai erscheinenden dritten EP des 19-jährigen, zum Glück nicht — die ist nämlich eindeutig groß(artig). Grundsätzlich eher ruhig und sanft gehalten, steigert sich der Song in seinem Refrain doch deutlich und erinnert — nicht zuletzt des Gesangs wegen — auf sehr positive Art und Weise an Axel Flóvents inzwischen immens erfolgreichen Landsmann Ásgeir.


…und bevor ich es vergesse: Schöne Ostertage!

Martin Kohlstedt live bei den ARD Hörspieltagen

Draußen geht gerade wieder einmal die Welt unter und in gewisser Weise macht es ja durchaus Spaß, den Wetterkapriolen zuzuschauen — natürlich nur, wenn man im Trockenen sitzt und im Hintergrund idealerweise gute Musik läuft. Zum Beispiel das Konzert des Pianisten Martin Kohlstedt, das während der letztjährigen ARD Hörspieltage aufgezeichnet wurde und nun hier in voller Länge angehört bzw. angeschaut werden kann.

“Nacht”, das zweite Album von Martin Kohlstadt, ist im Herbst 2014 erschienen und Stücke daraus (darunter bestimmt auch das oben eingebettete “EXA”) sowie aus dem 2012 veröffentlichten Vorgänger “Tag” können demnächst wieder live begutachtet werden.


Termine
02.04. Hamburg — Volt
09.05. Berlin — xJazz Festival
14.05. Jena — Kassablanca
16.05. Porta Westfalica — Bergwerk Kleinenbremen
20.05. Solingen — Waldmeister
22.05. Chemnitz — Weltecho
27.05. Landau — Grauflächenkultivierung
28.05. Hannover — Fährhaus
29.05. Magdeburg — Moritzhof
30.05. Halle/Saale — Charles Bronson
31.05. Rostock — Peter-Weiß-Haus

Stephen King — Revival

Revival

Nachdem “Mr. Mercedes”, der zuletzt in Deutschland veröffentlichte Roman von Stephen King, ein schnörkelloser Thriller ohne Monster, Okkultes oder anderen Gruselkram war, beschreitet der Amerikaner in seinem aktuellen Buch “Revival” wieder gewohnte Pfade. Zumindest halbwegs, denn die wahrhaft übersinnlichen Dinge passieren erst in den letzten Kapiteln des gut 500 Seiten starken Werks. Vorher schreitet die Handlung größtenteils ruhig voran und statt auf wenige Schockmomente setzt Stephen King auf ein stetig wachsendes Bedrohungsszenario, so dass sich die Lektüre in etwa so anfühlt wie der bange Blick auf ein noch etwas entferntes, aber erbarmungslos näherkommendes Gewitter.

“Gewitter” ist dabei ein gutes Stichwort, denn kaum etwas fasziniert Charles Jacobs, den — wenn man es denn so nennen will — Bösewicht von “Revival” so sehr wie Blitze und die ihnen innewohnende elektrische Energie. Das war schon so, als er, damals ein junger und lebensfroher Pfarrer, im Sommer 1962 in das Leben von Jamie Morton, dem zu dieser Zeit sechs Jahre alten Erzähler des Romans, tritt. Obwohl die beiden kaum mehr eint als der Umstand, dass Jamie mit großer Freude die Jugendgruppe des sympathischen Reverend besucht, steht damals schon fest, dass es ein unsichtbares Band gibt, das ihre Lebenswege untrennbar miteinander verbindet. Viele Jahre nach der ersten Begegnung kommt es Anfang der Neunziger zu einem weiteren Aufeinandertreffen — Charles Jacobs hat seinen Beruf als Geistlicher aufgegeben, nachdem er nach dem tragischen Unfalltod seiner Frau und seines kleinen Sohnes vom Glauben abgefallen ist und tingelt als eine Art Illusionist über Provinzjahrmärkte und der leidlich erfolgreiche Rockgitarrist Jamie ist dem Heroin scheinbar unrettbar verfallen. Jacobs befreit seinen früheren Schützling mit Hilfe einer selbst entwickelten elektrischen Apparatur von seinem Laster und fortan verfolgt Jamie den weiteren Werdegang des ehemaligen Pastors, der mehr und mehr zu einem von vielen Hoffnungslosen fast kultisch verehrten Wunderheiler wird, mit wachsender Skepsis. Selbst von unerklärlichen Nebenwirkungen seiner plötzlichen Heilung geplagt, vermutet Jamie nämlich, dass der zunehmend wirrer erscheinende Jacobs bei seinen Experimenten und Forschungen möglicherweise gefährliche Kräfte entfesselt hat, die den menschlichen Verstand bei Weitem überfordern könnten…

So führen wir nämlich unsere eigene Verdammnis herbei — indem wir bewusst die Stimme überhören, die uns anfleht innezuhalten. Aufzuhören, solange noch Zeit dazu ist.

Mir hat “Revival”, wie zuletzt auch “Mr. Mercedes”, viel Spaß gemacht. Jamie Morton ist ein sympathischer Protagonist und auch von seinem Gegenspieler, dem schwer zu durchschauenden Charles Jacobs, geht eine große Faszination aus. Wie Stephen King das zunächst fast gemächliche Tempo im Verlauf der Handlung immer weiter anzieht und schließlich im furiosen Finale auf die Spitze treibt, ist gewohnt gekonnt und äußerst lesenswert. Zusätzlichen Mehrwert bekommt der Roman dadurch, dass “Revival” nicht nur eine spannende Geschichte erzählt, sondern auch eine Reihe von beinahe existenziellen Fragen aufwirft: Steckt hinter dem Umstand, dass sich die Lebenswege mancher Menschen immer wieder auf schicksalhafte Art und Weise kreuzen, vielleicht mehr als nur Zufall? Gibt es Erkenntnisse, deren Entdeckung lieber im Verborgenen bleiben sollte? Und natürlich jene dritte große Frage, die an dieser Stelle zwecks Erhalt der Spannung nicht gestellt wird.


Stephen King
Revival
Heyne Verlag; 512 Seiten; € 22,99

Neu im Plattenladen, Folge 5

Sufjan Stevens — Carrie & Lowell

Sufjan Stevens

Foto: Asthmatic Kitty Records

“Entschleunigung” ist ein fürchterliches Wort, das höchstwahrscheinlich von findigen Marketingexperten erdacht wurde, um gestressten, unzufriedenen Menschen allerlei teuren Wohlfühl-Tand zur zu verkaufen. Im Kern hat aber auch dieser Gruselbegriff etwas Wahres, das durchaus auf das neue Album des geschätzten Sufjan Stevens zutrifft, nämlich der Wunsch nach der Besinnung auf das Wesentliche. Statt also nach dem opulenten, ausufernden “The Age of Adz” noch eins draufzusetzen oder sich mal wieder dem von Beginn an etwas allzu größenwahnsinnigen 50-Staaten-Projekt zu widmen, schaltet der Amerikaner gleich mehrere Gänge zurück, packt das Banjo seiner früheren Tage wieder aus und legt mit “Carrie & Lowell”  (Asthmatic Kitty Records, erscheint am 27. März) — das sind die Namen seiner Mutter und seines Stiefvaters — eine Sammlung von elf ruhigen, zurückgenommenen und vor allen Dingen sehr persönlichen Liedern vor. Keine ellenlangen Songtitel, keine komplex verschachtelten Arrangements und keine Stücke, die sich allzu weit über die Fünfminutengrenze wagen. Stattdessen Schlaglichter aus Sufjan Stevens’ Kindheit und Jugend, hier die Erinnerung an den Schwimmlehrer, der am Vornamen seines Schützlings scheiterte, dort eine Momentaufnahme von dem Tag, als er von der Mutter in der Videothek vergessen wurde. Zentrales Thema ist und bleibt aber (natürlich) die Liebe, meist irgendwo zwischen Sehnsucht, einer kurzen Phase des Glücks und schließlich gefolgt von Verlust, Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit.

Dass das in seiner ganzen Reduziertheit sehr gut gelungen ist — letzten Endes ähneln die meisten der neuen Stücke dem grandiosen “To Be Alone With You” — versteht sich fast von selbst. “Death With Dignity” oder “The Only Thing”, in dem es darum geht, dass es manchmal die ganz kleinen Lichtblicke sind, die uns am Leben festhalten lassen, sind dabei ebenso schön und berührend ausgefallen wie die letzten Zeilen von “Eugene”:

What’s left is only bittersweet
For the rest of my life, admitting the best is behind me
Now I’m drunk and afraid, wishing the world would go away
What’s the point of singing songs
If they’ll never even hear you?


Außerdem neu:

The Elwins — Play For Keeps.- Das musikalische Gelände, auf dem sich das Quartett The Elwins bewegt, wurde vor knapp anderthalb Jahrzehnten bereits von Formationen wie Everclear, Fountains of Wayne oder dem One-Hit-Wonder Wheatus beackert und später von Phoenix oder Vampire Weekend auf recht gewitzte Art und Weise neu interpretiert. Dementsprechend ist “Play For Keeps” (Affairs of the Heart, bereits erschienen), das zweite Album der Kanadier, nun nicht unbedingt ein Feuerwerk der Originalität, wovon überdies etwas abgegriffene Phrasen wie “you get me high like a bubble” oder “it ain’t over ’til it’s over” zeugen. Allerdings ist der quirlige, pastellfarbene Bubblegum-Pop der Elwins dennoch so eingängig und liebenswert, dass er — in der richtigen, nicht allzu hohen Dosis genossen — jede Menge Spaß macht.

Konzerte: 27.03. Dortmund — Sissikingkong, 28.03. Erfurt — Franz Mehlhose, 31.03. Köln — Blue Shell, 14.04. (A) Salzburg — Rockhouse, 15.04. (A) Innsbruck — Livestage, 16.04. Reutlingen — franz.k (Burning Eagle Festival Warm-Up), 17.04. (A) Aflenz — Sublime, 18.04. (A) Linz — Posthof, 19.04. Regensburg — Heimat, 20.04. (A) Wien — Chelsea, 21.04. München — Milla (mit Rah Rah), 22.04. Erlangen — E-Werk (mit Rah Rah), 23.04. Leipzig — Moritzbastei (mit Rah Rah), 24.04. Dresden — Beatpol (mit Rah Rah), 25.04. Berlin — Privatclub (mit Rah Rah), 26.04. Hamburg — Knust (mit Rah Rah).

21. März — Welttag der Poesie

Seit dem Jahr 2000 findet stets am 21. März der von der UNESCO ausgerufene “Welttag der Poesie” statt, um “an den Stellenwert der Poesie, an die Vielfalt des Kulturguts Sprache und an die Bedeutung mündlicher Traditionen” zu erinnern.

Zur Feier des Tages deshalb ein Lied über Poesie und die Schwierigkeiten, die es einem manchmal doch bereitet, in einem Gedicht mehr als nur eine Aneinanderreihung von Worten zu erkennen (zumindest geht es mir leider ganz oft so):

And I know it’s all poetry, know they’re just lies
But I’ll still scavenge on what I find in between those lines
I’ll pretend there was happiness, fake to have felt pain
Just to feel there’s a reason to read it again

Im Original findet sich “Poetry” auf “Floriography”, dem 2010 erschienenen Debütalbum von Moddi, der Konzertmitschnitt “Live at Jakob Church of Culture” kann über die Bandcamp-Seite des norwegischen Musikers zu einem frei wählbaren Preis heruntergeladen werden.

Neu im Plattenladen (4)

Xavier RuddXavier Rudd & The United Nations — Nanna // An Xavier Rudd scheiden sich seit jeher die Geister: Die einen — davon zeugen eine beachtliche Fanschar sowie diverse Gold- und Platin-Erfolge — verehren den Australier beinahe kultisch, die anderen dagegen halten den Songschreiber für einen naiven Weltverbesserer, dessen Ethno-Pop nur schwer verdaulich ist. Ähnliche Reaktionen dürfte nun auch das neue Album “Nanna” hervorrufen, für das Xavier Rudd “The United Nations”, eine handverlesene Multikulti-Band, um sich versammelt hat. Im Ergebnis stellen sich die Songs auf “Nanna” als ein buntes Sammelsurium aus verschiedensten Weltmusik-Einflüssen mit deutlichem Reggae-Einschlag dar, verziert mit allerlei Flöten, Digeridoos, Trommeln und Background-Chören. Xavier Rudd gibt dazu den Mahner, der wahlweise den Raubbau an der Natur, die Willkür der Großkonzerne oder den Egoismus des Einzelnen anprangert und gleichzeitig die Völker der Welt zum Frieden aufruft, die Weisheit der Vorfahren preist und diverse Götter um Beistand anfleht. Im Ganzen kann man das entweder grandios finden oder ganz arg schlimm. Zwischentöne dürften hingegen kaum möglich sein, auch wenn angemerkt werden muss, dass “While I’m Gone” trotz seiner ernsthaften Thematik durchaus ein Song ist, den man sich in diesem Sommer ganz gut in der Hängematte wird anhören können. (Nettwerk)

Jim KroftJim Kroft — Journeys #1 // Ähnlich wie Xavier Rudd wandelt auch Jim Kroft abseits der ausgetretenen Pfade der großen (Entertainment-) Konzerne — allerdings eher unfreiwillig und aus anderen Beweggründen. Als sein Label EMI nämlich von Universal geschluckt wurde, stand der Schotte auf einmal ohne Plattenvertrag da und sah sich dazu gezwungen, neue Wege einzuschlagen. Nach gründlichem Überlegen hat sich Jim Kroft schließlich für eine etwas risikoreichere, aber deutlich kreativere und freiere Fortsetzung seiner Musikerlaufbahn entschieden. Statt weiter im Hamsterrad mit Albumveröffentlichungen und darauf folgenden Touren herumzurennen, standen für den Wahlberliner fortan ausgedehnte Reisen an Orte abseits des “normalen” Popzirkus, die Auseinandersetzung mit neuen Kulturkreisen, die Arbeit an Dokumentarfilmen und generell eine entspanntere Weltsicht auf dem Programm. An Songs hat Jim Kroft natürlich trotzdem immer gearbeitet und diese dann, je nach finanzieller Lage, nach und nach im Studio oder im eigenen Wohnzimmer aufgenommen. Das erste halbe Dutzend neuer Stücke findet sich nun auf der ersten “Journeys”-EP — fünf weitere sollen im Laufe der Zeit noch folgen. Leider sind die Songs nicht ganz so spannend ausgefallen wie es das sehr sympathische Projekt erhoffen lässt. Hübscher, entspannter Songwriter-Pop eben, der einen nicht vom Stuhl haut vor Begeisterung, aber gerade in Kombination mit den sehr gut gelungenen Begleitvideos seine Wirkung dennoch keineswegs verfehlt. (Department of Field Recordings, erscheint am 27. März)

Jim Kroft auf Tournee (als Support für Jaimi Faulkner): 23. März — Köln, Blue Shell.- 24. März — München, Backstage.- 25. März — (CH) Zürich, Bar Rossi.- 26. März — (AT) Wien, Chelsea.- 27. März — Dresden, Jazzclub Tonne.- 28. März — Berlin, Crystal.- 29. März — Hamburg, Prinzenbar.- 30. März — Dortmund, FZW.- 1. April — Saarbrücken, Garage.