Rocky Votolato & Chuck Ragan — Kindred Spirit EP

Kindred Spirit

Chuck Ragan und Rocky Votolato sind nicht nur dank ihrer gemeinsamen Emopunk-Vergangenheit Brüder im (musikalischen) Geiste, sondern auch seit vielen Jahren durch eine enge Freundschaft verbunden, die sich dem geneigten Publikum zum Beispiel in Form der stets bestens besuchten Revival Tour offenbart. Was liegt da also näher als die Entscheidung der beiden sympathischen, äußerst bodenständigen Amerikaner, auch mal eine gemeinsame Veröffentlichung in die Plattenläden zu bringen? Allerdings muss hier angemerkt werden, dass die sechs Songs starke “Kindred Spirit”-EP kein Gemeinschaftswerk im Sinne von Duetten zwischen den beiden Künstlern ist (wie etwa im Video unten zu sehen und hören), sondern eine klassische Split-Veröffentlichung, bei der — zumindest in der Vinyl-Version — die eine Seite von Rocky Votolato, die andere von Chuck Ragan mit jeweils drei, bereits früher erschienenen und nun neu bearbeiteten Songs bespielt wurde.

“We can beat death while we’re still alive.”
— Rocky Votolato, St. Louis

Der musikalischen Qualität tut dieser Umstand natürlich keinen Abbruch — überhaupt sorgt diese mehr oder weniger strikte Aufteilung für viel Abwechslung. Die Beiträge von Rocky Votolato sind eher reduziert, nachdenklich und Trost spendend, während es beim ehemaligen Zimmermann und Hobbyangler Chuck Ragan deutlich rauer, handfester und dank Fiedel und Lap-Steel americanalastiger zugeht. Beides hat seinen eigenen Charme und ist — wie nicht anders zu erwarten war — auf seine jeweils eigene Weise ziemlich großartig.– ♦♦♦♦


Rocky Votolato & Chuck Ragan: Kindred Spirit. Erscheint am 5. Juni bei SideOneDummy Records auf farbigem 10″-Vinyl, CD und als digitaler Download. Bei laut.de kann die EP bereits jetzt in voller Länge im Stream angehört werden.

Rocky Votolato auf Tournee:
30.05.15 Weinheim — Café Central
31.05.15 Dortmund — FZW
04.06.15 Leipzig — Werk 2
05.06.15 Dresden — Beatpol
06.06.15 (A) Wien — B72
07.06.15 (A) Innsbruck — Bäckerei
11.06.15 (CH) Bern — Mahogany Hall

Chuck Ragan auf Tournee:
20.08.15 (A) St. Pölten — Frequency Open Air
21.08.15 Köln — Palladium (bereits ausverkauft)
22.08.15 Chiemsee — Chiemsee Rocks Festival
23.08.15 Karlsruhe — Substage
24.08.15 Wiesbaden — Schlachthof
25.08.15 Bremen — Modernes
26.08.15 Dortmund — FZW

The Moonband: Back in Time

Foto: Anna-Lena Zintel.

Foto: Anna-Lena Zintel.

Über die Frage, ob und unter welchen Umständen Zeitreisen möglich sind, wird seit vielen Jahren auch unter durchaus ernstzunehmenden Wissenschaftlern erbittert gestritten. Die Geschichte, dass die Moonband mit einem fliegenden Teppich zurück in die Vergangenheit gereist ist, kann zwar mit Bildmaterial belegt werden, darf aber dennoch angezweifelt werden. Auch wenn (wahrscheinlich) also keine Zeitreise im wahrsten Sinne des Wortes stattgefunden hat, ist die Entstehungsgeschichte von “Back in Time”, dem neuen Album des Quintetts, durchaus charmant: Im November vergangenen Jahres, nur wenige Monate nach dem Erscheinen ihres dritten Studioalbums “Atlantis”, zogen sich die Münchner nach Riedlhütte im Bayerischen Wald zurück, um sich auf die Suche nach ihren musikalischen Wurzeln zu machen und ihren Helden — von Bob Dylan (“As I Went Out One Morning”, “Ring Them Bells”, “You Ain’t Goin’ Nowhere”) über die Waterboys (“Fisherman’s Blues”) bis hin zu Sufjan Stevens (“John Wayne Gacy, Jr.”) und Colin Wilkie (dessen “You Won’t Get Me Down in Your Mine” bereits die Väter einiger Moonband-Musiker in ihrer damaligen Band Fairytale gespielt haben) — zu huldigen. Das Ende der “Zeitreise” markierte schließlich ein Konzert in lauschiger Atmosphäre, das auf der beiliegenden DVD mit einem lachenden (weil es wirklich sehr gut gelungen ist) und einem weinenden Auge (weil man nicht selbst dabei war) betrachtet werden darf.

Sind Cover-Alben ansonsten oftmals eine etwas zähe und nicht selten eher überflüssige Angelegenheit, sticht “Back in Time” doch sehr erfreulich aus der Masse heraus, weil der Moonband ein echter Balanceakt gelingt: Einerseits interpretieren sie die Songs in ihrem typischen Stil mit mehrstimmigem Gesang, Mandoline, Bouzouki und Banjo neu, bleiben aber stets nah dran am Original. Davor — und auch vor dem Umstand, dass die Moonband-Version von “You Ain’t Goin’ Nowhere” locker mit den Interpretationen so prominenter Kollegen wie den Byrds oder Glen Hansard mithalten kann — muss man auf jeden Fall den Hut ziehen.

Unbedingt anhören!


The (Magical) Moonband: Back in Time. Millaphon Records, bereits erschienen.

Konzerte:
04.07.15 Burghausen — Songs.Burghausen
01.08.15 Oberammergau — Heimatsound Festival
11.08.15 München — Theatron Musiksommer
05.09.15 Dresden — Sound of Bronkow

Randall Munroe: What if?

What if?Dass es keine dumme Fragen gibt, ist eine ähnlich abgedroschene Binsenweisheit wie die Feststellung, es gäbe kein schlechtes Wetter, sondern nur die falsche Kleidung. Der Aussage mit den dummen Fragen dürfte man aber nach der Lektüre von Randall Munroes äußerst unterhaltsamem Buch “What if? Was wäre wenn?” mehr als nur ein kleines Fünkchen Wahrheit abgewinnen können. Auf gut 350 Seiten widmet sich der Schöpfer des wunderbaren Webcomics “xkcd” und frühere NASA-Roboteringenieur nämlich mit akribischer Genauigkeit und natürlich sehr viel Witz der wissenschaftlich präzisen Beantwortung seltsamer hypothetischer Fragen, die ihm die Leserinnen und Leser seines Blogs (auf dem die nun ins Deutsche übertragenen Texte dieses Sammelbandes zuerst erschienen sind) geschickt haben.

Sicher dürfte man auch ohne das Wissen, wann auf Facebook mehr Profile von toten als von lebenden Menschen zu finden sind, problemlos durchs Leben kommen, aber wie Randall Munroe diese an und für sich unnützen Fakten aufbereitet, mit seinen typischen Strichmännchen illustriert und mit trockenem Humor kommentiert, macht einfach Freude. Mehr noch: “What if?” zeigt, dass die Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Problemstellungen keine spröde, freudlose Angelegenheit sein muss und dass es durchaus gewinnbringend sein kann, sich einer komplizierten Sache mit viel Ausdauer und Hingabe zu widmen — auch, wenn es sich dabei “nur” um die Frage handelt, wie viele Legosteine man bräuchte, um eine Verkehrsverbindung zwischen London und New York zu bauen.


Randall Munroe: What if? Was wäre wenn? Wirklich wissenschaftliche Antworten auf absurde hypothetische Fragen. Deutsch von Ralf Pannowitsch. Knaus Verlag, 368 Seiten, ISBN 978-3-8153-0652-5, € 14,99.

William Fitzsimmons: Pittsburgh

Fitzsimmons

Das Scheitern der eigenen Ehe, das Aufwachsen als Kind zweier blinder Eltern, diverse psychische Krankheiten — in den Songs von William Fitzsimmons ging es schon immer um die größeren Herausforderungen und schwereren Schicksalsschläge, die das Leben für uns bereithält. Auch “Pittsburgh”, das neue Mini-Album des rauschebärtigen Musikers, bildet da keine Ausnahme, handelt es doch nur vordergründig von Fitzsimmons’ Heimatstadt, wie ein Blick ins Booklet verrät:

My grandmother, Virginia, died October 15, 2014. She was born and raised in Pittsburgh, Pennsylvania, the city of my youth. She gave the gift of music to my mother, and, from my mother, was thus passed to me. These seven songs are about the city we shared. She will be perpetually missed. Until the day we meet again.

Entsprechend des traurigen Umstands, der zur Entstehung der sieben, insgesamt knapp 25 Minuten dauernden Stücke geführt hat, ist “Pittsburgh” recht getragen und leise ausgefallen, was bei William Fitzsimmons allerdings keine allzu große Überraschung darstellt — mit allzu fröhlichen Pop-Hits ist der Amerikaner ohnehin noch nie in Erscheinung getreten. Einzig das mit einer stoischen Basslinie und einem Drum-Computer ausgestattete “Better” fällt ein wenig aus der Reihe, während die restlichen, weitgehend akustisch gehaltenen Lieder eine geerdete, warme Stimmung verbreiten. Ausnehmend schön ist dabei neben “Falling on My Sword” und dem Titelsong vor allem das von einem Cello und hingetupften Klavierklängen begleitete “Ghosts of Penn Hills”.

Insgesamt eine sehr gelungene, ebenso melancholische wie Trost spendende kleine Platte!


William Fitzsimmons: Pittsburgh. Grönland Records, bereits erschienen.

Konzerte:
22.07.15 Lörrach — Rosenfelspark
23.07.15 (A) Feldkirch — Poolbar Festival
28.07.15 Darmstadt — Merck-Sommerperlen
29.07.15 Marburg — KFZ
31.07.15 Leipzig — Parkbühne Geyser Haus
05.08.15 Luhmühlen — A Summer’s Tale
08.08.15 Lingen — Schlachthof
09.08.15 Düsseldorf — Zakk
21.08.15 St. Pölten — Frequency Festival
23.08.15 Köln — Pop Festival

Gabriel Rios: This Marauder’s Midnight

Foto: PR

Foto: PR

In seiner Wahlheimat Belgien ist der aus Puerto Rico stammende Gabriel Rios bereits seit einer ganzen Weile eine echte Hausnummer — mit seinem vierten Studioalbum “This Marauder’s Midnight” macht sich der 36-Jährige nun auf, den Rest des Planeten mit seinem sachten Kammerpop zu verzaubern. Daran, dass das gelingen könnte, besteht kein Zweifel, wobei natürlich auch gesagt werden muss, dass die Songs des Mannes, der in Gent einst Malerei und Bildhauerei studierte, nicht unbedingt massentaugliches Radiogedudel sind. Zum Glück, denn bei aller Eingängigkeit haben die zwölf Stücke auf “This Marauder’s Midnight” genügend Ecken und Kanten, um auch nach einigen Hördurchgängen immer noch Überraschendes zu bieten.

Der Einstieg ins Album ist mit dem großartigen, an Ben Howard erinnernden “Gold” wunderbar gelungen und auch danach wird das hohe Niveau weitgehend gehalten. “Apprentice” etwa kippt teilweise ins Dramatische, “Police Sounds” ruft bei genauerem Hinhören tatsächlich Erinnerungen an The Police wach, “Song No. 7″ besticht mit besonderer Lässigkeit und “Young Goods” ist neben dem bereits erwähnten “Gold” der zweite große — wenn man das denn so nennen will — Hit der Platte. Dabei strahlen alle Stücke dank der durchgängig akustisch gehaltenen Instrumentierung — neben den stetigen Begleitern Amber Docters van Leeuwen am Cello sowie Ruben Samama am Kontrabass und Klavier gibt es noch diverse Bläser zu hören — und Gabriel Rios’ charakteristischer, recht hoher Stimme eine große Wärme aus.

So entsteht in der Gesamtheit ein Album, das äußerst einnehmend ist, ohne dabei nur eine Sekunde lang aufdringlich oder gar anbiedernd zu wirken. Eine große Empfehlung!


Gabriel Rios: This Marauder’s Midnight. Sony Music, bereits erschienen.

Konzerte:
09.06.15 Duisburg — Steinbruch
10.06.15 Stuttgart — Goldmarks
11.06.15 Erlangen — E-Werk
12.06.15 Dresden — Beatpol
13.06.15 Magdeburg –Moritzhof Scheune
14.06.15 Wiesbaden — Schlachthof
18.06.15 Saarbrücken — Garage
19.06.15 München — Milla
20.06.15 Erfurt — Franz Mehlhose
21.06.15 Köln — Theater der Wohngemeinschaft

John Verdon: Die Unbarmherzigkeit des Augenblicks

John VerdonZu Beginn dieses Blog-Eintrags erst einmal ein Geständnis: Ja, ich mag Filme mit Nicolas Cage in der Regel ganz gerne. Natürlich nicht, weil es sich bei ihnen um ganz große Kunst handelt, oder weil Herr Cage (der immerhin einmal einen Oscar gewonnen hat) der beste Schauspieler weit und breit ist, sondern, weil sie meist genau das halten, was sie versprechen — knappe zwei Stunden gute Unterhaltung. Zu diesem Zweck darf dann meinetwegen gerne auch einmal etwas zu dick aufgetragen werden.

Was das nun mit “Die Unbarmherzigkeit des Augenblicks”, dem neuen Thriller des Amerikaners John Verdon, zu tun hat? Nun, das Buch könnte ich mir wunderbar als Verfilmung mit Nicolas Cage in der Hauptrolle vorstellen. Dieser würde dann Dave Gurney spielen, einen brillanten Mordermittler der New Yorker Polizei, der sich trotz seiner erst 49 Jahre bereits im Ruhestand befindet (die genaueren Umstände dafür erfährt man wohl in den drei früheren Romanen der Gurney-Reihe, die man allerdings gar nicht kennen muss, um Spaß an diesem Band zu haben) und mit seiner Frau Madeleine in einem idyllischen Landhaus weitab vom Schuss lebt. So ganz hat er sich mit der vielen Freizeit und dem beschaulichen Landleben sehr zum Verdruss seiner Ehefrau jedoch noch nicht angefreundet, weshalb er nicht unglücklich ist, als sein alter Kollege, der raubeinige, mittlerweile als Privatdetektiv wirkende Jack Hardwick, auftaucht und ihn um Hilfe bei einem Fall bittet, an dem er gerade arbeitet. Hardwick vertritt zusammen mit einem Anwalt Kay Spalter, die wegen des Mordes an ihrem Mann, dem ebenso reichen wie zwielichtigen Immobilienunternehmer und Gouverneurs-Kandidaten Carl Spalter, im Gefängnis sitzt. Obwohl sie — wie jede Menge andere Menschen auch — ein Motiv gehabt hätte, den unangenehmen Millionär aus dem Weg zu schaffen, glaubt Hardwick an von korrupten Polizisten manipulierte Beweise und setzt alles daran, dass das Gerichtsverfahren gegen Kay Spalter neu aufgerollt wird. Gurney ist schnell mit im Boot, überprüft den angeblichen Tathergang — Spalter wurde während der Beerdigung seiner Mutter mit einem Scharfschützengewehr aus einem weit entfernten Gebäude erschossen — und findet natürlich schnell heraus, dass weder die Ehefrau noch die meisten anderen vagen Verdächtigen als Schuldige in Frage kommen. Bei den weiteren Ermittlungen kommt er einem skrupellosen Auftragsmörder auf die Schliche, der ebenso gewissenhaft wie verrückt zu sein scheint und schnell auch Gurney und seine Mitstreiter im Visier hat.

Obwohl es John Verdon nicht ganz vermeiden kann, auf einige altbekannte Thriller-Zutaten und ein paar holzschnittartige Charaktere (wie zum Beispiel Hardwicks Informantin beim Bureau of Criminal Investigation, die nicht nur über einen scharfen Verstand verfügt, sondern auch noch eine exotische Schönheit mit einer Vorliebe für knapp geschnittene Freizeitoutfits ist) zurückzugreifen, ist “Die Unbarmherzigkeit des Augenblicks” in seiner Gesamtheit doch ein empfehlenswertes Buch, das rund 570 Seiten spannende Unterhaltung bietet. Dave Gurney ist ein äußerst sympathischer Ermittler, dessen Handlungen und oft kluge Gedankengänge man gerne mitverfolgt, und über weite Strecken ist der Roman ein nicht allzu effekthascherischer Whodunit mit ein paar überraschenden Wendungen. Das Finale schließlich mag dann in seiner ganzen Krachigkeit vielleicht ein paar Nummern zu groß ausgefallen sein, dient aber letztlich doch der Sache. Das ist bei John Verdon eben nicht anders als in einem Film mit Nicolas Cage.


John Verdon: Die Unbarmherzigkeit des Augenblicks. Deutsch von Friedrich Mader. Heyne Verlag, 576 Seiten, ISBN 978-3-453-41830-1, € 9,99.

Weitere Romane der Dave-Gurney-Reihe:
♦ Die Handschrift des Todes (2010)
♦ Schließe deine Augen (2011)
♦ Gute Nacht (2012)

Schönes Wochenende [KW 19/15]

Walden

Ein Blick in den “Field Guide”, der dem neuen “Walden”-Magazin beiliegt. Natürlich mit einem Auszug aus dem namensgebenden Buchklassiker.

Angelehnt an Henry David Thoreaus Klassiker ist der Titel des neuen Magazins “Walden”, dessen erste Ausgabe seit gestern am Kiosk erhältlich ist und das sich laut eigener Angabe an alle — vorwiegend aber wohl Männer — richtet, “die gerne draußen unterwegs sind”. So wie mich eben. Ob ich mir allerdings demnächst selbst ein Kanu bauen oder meine Arschbomben-Technik verfeinern werde, lasse ich einmal dahingestellt. Die liebevoll-rustikale Aufmachung des Heftes hat mich, ebenso wie der Artikel über den legendären Aussteiger Chris McCandless und die grandiosen Zeichnungen des Kartographen Matthew Rangel, jedenfalls vollauf überzeugt.



The T.S. Eliot Appreciation Society — dahinter verbirgt sich nicht etwa, wie der Name eigentlich vermuten lässt, ein Zirkel von Verehrerinnen und Verehrern des englischen Lyrikers und Literaturnobelpreisträgers von 1948, sondern der Songschreiber Tom Gerritsen aus Utrecht. Die “Einmanngesellschaft” hat jüngst ihr neues Album “A New History” veröffentlicht und kommt Ende Juni für ein paar Konzerte nach Deutschland.

Termine:
24.06.15 Grevenbroich — Kultus
25.06.15 Köln — Kulturcafé Lichtung
26.06.15 Bad Rehburg — Romantik
27.06.15 Lübeck — Tonfink
28.06.15 Hamburg — Hasenschaukel
29.06.15 Berlin — Posh Teckel
01.07.15 Berlin — Bar Ä



Der junge Isländer Axel Flóvent wurde hier schon einmal lobend erwähnt. Nun, da der Veröffentlichungstermin der neuen EP “Forest Fires” (erscheint am 25. Mai bei Trellis Records) näher rückt, darf mit “Dancers” ein weiterer, ebenfalls äußerst gelungener Song daraus angehört werden.

Hop Along: Painted Shut

Foto: PR

Foto: PR

Längere Zeit war es eher ruhig um Saddle Creek, die legendäre Plattenfirma aus Omaha, Nebraska, die in den Nullerjahren mit Bands wie Bright Eyes, Cursive, Neva Dinova oder Azure Ray ordentlich für Wirbel sorgte. Aktuell stehen wieder ein paar neue Veröffentlichungen an, die vielversprechendste davon ist sicherlich “Painted Shut”, das zweite Album des aus Philadelphia stammenden Quartetts Hop Along.

Ursprünglich von der Folk-Sängerin Frances Quinlan als Soloprojekt gegründet, wuchs Hop Along dank der Unterstützung von Joe Reinhart (Gitarre), Tyler Long (Bass) und Mark Quinlan (Schlagzeug) schnell zu einer vollwertigen Band an, orientierte sich in erster Linie am Indie-Rock der 90er Jahre und verschaffte sich zunächst in der lokalen Musikszene, später unter anderem als Vorgruppe von The War On Drugs landesweite Aufmerksamkeit. Mit “Painted Shut” stößt die Band nun in ganz neue Sphären vor, ohne dafür großartig vom gewohnten Pfad abzuweichen. Ohnehin ist es wohl die größte Stärke von Hop Along, dass sie das Rad nicht neu erfinden wollen, solange der Karren rollt. Vorwiegend inspiriert vom Indie-Rock der vergangenen zwei Dekaden, preschen die meisten der zehn neuen Songs ordentlich nach vorne und setzen lieber auf verzerrte Gitarren denn auf zur Zeit allgegenwärtiges schmückendes Beiwerk wie Streicher oder Bläser. Dass sich auf “Painted Shut” am Ende nicht nur Stücke wie das furios lärmende “Waitress” finden, sondern auch eher akustisch Gehaltenes wie “Happy to See Me” und “Well Dressed”, sowie das großartige “Horseshoe Crabs” (ein heißer Kandidat für den Titel “Song des Jahres”), das diese beiden Pole auf beeindruckende Art und Weise vereint, liegt sicher auch an Frances Quinlans Folk-Vergangenheit. Von dieser zeugen auch die Texte — ein immer wiederkehrendes Thema ist das tragische Leben der beiden Musiker Buddy Bolden und Jackson C. Frank –, die in ihrer Schonungslosigkeit und der Beschäftigung mit dem ländlichen Amerika vergangener Zeiten an Schriftsteller wie John Steinbeck und nicht zuletzt an aktuelle Musikerkollegen wie die Two Gallants erinnern. Auffälligstes Merkmal von Hop Along ist allerdings zu jedem Zeitpunkt die Stimme Frances Quinlans, die vom zärtlichen Säuseln über verzweifeltes Flehen bis hin zu wütendem Geschrei die ganze Bandbreite so gekonnt abdeckt, dass es eine wahre Freude ist.

Kurz gesagt: Großartige Sängerin, tolle Band, hervorragendes Album!


♦ Hop Along: Painted Shut. Saddle Creek Records, erscheint am 8. Mai, eine Deutschland-Tour der Band ist für Herbst 2015 geplant.  

St. Beaufort: Immer noch Spaß an Banjo und Mandoline

Dass Mumford & Sons keine Lust mehr auf Banjo und Mandoline haben, konnte man jüngst im Vorfeld der Veröffentlichung von “Wilder Mind”, dem neuen Album der Briten, überall lesen. Deutlich weniger oft war dagegen davon die Rede, dass St. Beaufort nach wie vor große Freude an Banjo und Mandoline haben, spielen die beiden Instrumente — nebst der akustischen Gitarre und dem mehrstimmigen Gesang — doch eine zentrale Rolle in den Songs des amerikanisch-kanadisch-deutschen Trios. Bluegrass und traditioneller Folk amerikanischer Prägung sind das Steckenpferd der in Berlin beheimateten Band und hört man sich das eben erschienene, schlicht “St. Beaufort” betitelte Debütalbum von Henric Hungerhoff, Joe Jakubczyk und Derek Ullenboom an, wähnt man sich eher irgendwo in den Catskill Mountains denn in der grauen Hauptstadt. Auch nicht schlecht…

Das komplette Album kann auf der Bandcamp-Seite von St. Beaufort in voller Länge angehört und bei Gefallen direkt in digitaler Form oder als CD erworben werden.

Nächste Konzerte:
16.05.15 Meßdunk (Brandenburg) — Kloster Lehnin
23.05.15 Berlin — Das Hotel Mariannenstraße
05.06.15 Berlin — Fabisch
12.06.15 Berlin — Kallasch&
20.06.15 Berlin — Kietzer Sommer
19.07.15 Frankfurt/Main — Sommerwerft Festival
25.07.15 Hamburg — Mobile Blues Club
25.07.15 Hamburg — Duckstein Festival

Jonathan Evison: Umweg nach Hause

Umweg nach Hause

Immer wieder ein gerne bemühtes Roman-Thema: Der Road-Trip, vorzugsweise mit ungleichen, liebenswert verschrobenen Charakteren, die aus irgendeinem Grund quer durchs Land brausen, skurrile Dinge erleben und auf ihrem Weg weitere, nicht minder verschrobene Gestalten aufgabeln. Damit wäre in groben Zügen auch schon die Geschichte von Jonathan Evisons Roman “Umweg nach Hause” umrissen, aber selbstverständlich steckt ein wenig mehr in dem im Original bereits 2012 unter dem Titel “The Revised Fundamentals of Caregiving” erschienenem Buch.

Protagonist und Erzähler des Romans ist der 40-jährige Benjamin Benjamin, dessen bemerkenswert einfallsloser Name bereits auf einen wenig aufregenden Charakter hindeutet. Jedenfalls hatte Ben das Glück nur ganz selten auf seiner Seite, sein Leben mit Aushilfsjobs und später als leicht überforderter Familienvater und Hausmann hätte er aber sicher ganz gut ausgehalten. Doch nicht einmal das ist ihm vergönnt, denn eine schreckliche Tragödie — die genaueren Umstände erfahren wir Leserinnen und Leser in kurzen Rückblenden — löscht das kleine Glück von jetzt auf gleich unwiederbringlich aus.

Hören Sie zu: Alles, was Sie zu wissen glauben, jede Beziehung, die Sie für sicher gehalten haben, jeder Plan und jede Möglichkeit, über die Sie nachgedacht haben, jede Idee und jede Anstrengung, die Sie ausgebrütet haben, kann Ihnen vom einen Augenblick zum nächsten geraubt werden. Früher oder später wird das auch passieren. […] Denn keine sichere Basis, keine Willensanstrengung und keine Gewohnheit wird Sie davor schützen: nichts ist unzerstörbar.

Ben kämpft sich zurück ins Leben und landet nach einer Umschulung zum Krankenpfleger bei Trevor, mit dem es das Schicksal noch schlechter gemeint hat. Der Teenager, der mit seiner alleinerziehenden Mutter auf einer Farm lebt, leidet an einer seltenen Form des Muskelschwunds, die ihn an den Rollstuhl fesselt und ihn immer weiter bewegungsunfähig macht. Diverse Umstände, die hier jetzt nicht in aller Ausführlichkeit erläutert werden sollen, führen schließlich dazu, dass sich Ben und Trevor in einem klapprigen Van auf den Weg quer durch die USA machen, um Trevors lange Zeit abwesenden Vater (natürlich ist auch er eine traurige Gestalt — die einzige in dem Buch übrigens, die etwas arg überzeichnet und slapstickhaft wirkt) in Salt Lake City aufzusuchen. Unterwegs passieren, wie ganz zu Beginn dieses Blogeintrags bereits angedeutet, allerlei kleinere und größere Missgeschicke und auch weitere, vom Leben gezeichnete “Beifahrer” wie die junge Ausreißerin Dot, die hochschwangere Peaches und ihr nichtsnutziger Freund Elton, lassen nicht lange auf sich warten.

Letzten Endes ist es die x-te Variation einer altbekannten Geschichte, die Jonathan Evison in “Umweg nach Hause” erzählt, aber dennoch lohnt sich die Lektüre dieses über weite Strecken sehr kurzweiligen Buches. Bei allen Schwächen, die Evison seinen Charakteren auf den Leib geschrieben hat, gibt er sie zu keinem Zeitpunkt der Lächerlichkeit preis, sondern lässt sie stets Würde und Haltung bewahren. Ben, die Figur, von der wir am meisten erfahren, mag zwar in gewisser Weise ein ziemlicher Versager sein, der hin und wieder selten dämliche Entscheidungen trifft, aber in erster Linie ist er doch ein gebrochener Mann, der stets nur das Beste für seine Familie und sich wollte, dem dabei aber oft unglaubliches Pech in die Quere gekommen ist.

So gelingt “Umweg nach Hause” letzten Endes das seltene Kunststück, seine Leserinnen und Leser einerseits bestens zu unterhalten, sie andererseits aber auch nachdenklich und vielleicht sogar mit einem etwas dankbareren Blick auf ihr eigenes Leben zurückzulassen.


Jonathan Evison: Umweg nach Hause. Deutsch von Isabel Bogdan. Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-04659-5, 384 Seiten; € 19,99.

Ebenfalls von Jonathan Evison auf Deutsch erhältlich und ebenfalls empfehlenswert: Alles über Lulu. Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-04491-1, 384 Seiten; € 9,99.