Alex Beer: Felix Blom. Der Häftling aus Moabit

Nach Kommissar August Emmerich, der in inzwischen fünf Romanen Verbrechen im Wien der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg aufklären durfte, und dem jüdischen Antiquar Isaak Rubinstein, der bislang zweimal im Nürnberg des Jahres 1942 im Einsatz war, schickt Alex Beer mit Felix Blom nun noch einen dritten Ermittler ins Rennen und erweist sich ein weiteres Mal als Meisterin des historischen Kriminalromans.

Schauplatz des ersten Bands der neuen Reihe ist das sich im steten Wandel befindliche Berlin des Sommers 1878. Nicht nur in der Stadt tut sich in dieser Zeit jede Menge, sondern auch im Leben des Protagonisten Felix Blom. Drei Jahre saß der als „Schatten von Berlin“ berühmt-berüchtigte Meisterdieb zuletzt im Gefängnis Moabit in Einzelhaft und gleich nach der Entlassung droht schon wieder Ungemach. Der smarte, dank seiner Raubzüge einst wohlhabende und einem rasanten Lebensstil nicht abgeneigte Blom ist mittel- und obdachlos – gerade einmal drei Tage bleiben ihm, um bei den Behörden Bescheinigungen über eine Bleibe und eine Arbeitsstelle vorzulegen, ansonsten geht es postwendend zurück in Haft. In seiner Verzweiflung verschlägt es den tief gefallenen Ganoven wieder in seine alte Heimat, die heruntergekommene Gasse Am Krögel. In dem gefürchteten Elendsquartier kommt Blom in einer schäbigen Bude unter und findet tatsächlich eine Anstellung in der neu eröffneten, schlecht laufenden Detektei von Mathilde Voss, die ebenfalls gerade einen erstaunlichen Neuanfang hinter sich hat.

Just zu der Zeit, als Felix Blom versucht, in Freiheit wieder Fuß zu fassen, nimmt sich anderswo in Berlin ein junger Konditorgehilfe das Leben. Da bei der Leiche allerdings eine Karte mit der mysteriösen Aufschrift „Binnen dreißig Stunden musst Du eine Leiche sein“ gefunden wird, geht die Polizei davon aus, dass der Suizid des jungen Mannes wohl doch nicht ganz freiwillig war. Wenig später erhält auch Blom eine Karte mit einer ganz ähnlichen Aufschrift und fragt sich, wer wohl hinter dieser Drohung stecken mag. Etwa sein alter Erzfeind Alfred von Mesar, der ihn nicht nur ins Gefängnis gebracht hat, sondern ihm auch seine geliebte Auguste ausgespannt hat? Oder der Gangsterboss Lugowski, der seinen einstmals besten Mann davor warnen möchte, gegen ihn zu arbeiten? Schon Bloms erster Fall als Privatdetektiv ist also nicht nur äußerst persönlich, sondern auch lebensgefährlich.

„Basierend auf einer wahren Begebenheit“ steht auf dem Einband von „Felix Blom. Der Häftling aus Moabit“, was doch ein wenig hoch gegriffen ist. Für die Figur des Felix Blom stand der 1775 geborene Franzose Eugène François Vidoq Pate, der sich vom Gauner zum Privatdetektiv und einem der Begründer der modernen Kriminalistik wandelte, und tatsächlich wurde im Sommer 1878 bei der Leiche eines vermeintlich durch eigene Hand zu Tode gekommenen Konditorgehilfen eine Karte mit der Aufschrift „Binnen dreißig Stunden musst Du eine Leiche sein“ gefunden, aber der Rest der Geschichte ist rein fiktiv. Trotzdem hat Alex Beer natürlich auch für diesen Roman wieder akribisch recherchiert, so dass die Geschichte mit viel Zeitkolorit glänzt – beim Lesen fühlt man sich zuweilen wirklich zurückversetzt ins ebenso aufregende wie schäbige Berlin von vor knapp 150 Jahren. Die tolle Atmosphäre lässt dann auch den etwas arg konstruiert wirkenden, leicht verwirrenden Kriminalfall in den Hintergrund treten. Sicher bleibt in dieser Hinsicht für die Folgebände noch etwas Luft nach oben. Gleiches gilt für die beiden Protagonisten, die zwar einen durchweg sympathischen Eindruck machen, aber vor allem im Falle von Mathilde Voss durchaus Entwicklungspotenzial haben.

Alles in allem aber ist „Felix Blom. Der Häftling aus Moabit“ ein vielversprechender Auftakt für eine neue Reihe, auf deren Fortsetzung man gespannt warten darf. Einem August Emmerich – Band sechs soll dem Vernehmen nach nächstes Jahr erscheinen – kann Felix Blom aber (noch) nicht das Wasser reichen.

Alex Beer: Felix Blom. Der Häftling aus Moabit; Limes Verlag, 368 Seiten, ISBN: 978-3-8090-2759-1.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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Dörte Hansen: Zur See

Das kleine Frieren üben, weil irgendwann das große Frieren kommen wird.

Dieses Zitat ist nicht nur ein wertvoller Tipp, um für den nahenden Winter gewappnet zu sein, sondern auch eine aufs Wesentliche beschränkte Inhaltsangabe von „Zur See“. Wie in den beiden bisherigen Romanen von Dörte Hansen stehen auch diesmal die kleinen und großen Brüche und Veränderungen im Mittelpunkt – persönlich wie auch in größeren Zusammenhängen.

„Zur See“ führt uns auf eine Nordseeinsel, in der Jahrhunderte lang alles dem ewig gleichen Schema folgte: Die einen fuhren zur See, die anderen blieben an Land und warteten (oft vergebens) auf die Väter, Söhne oder Ehemänner. Dazwischen ab und an eine verheerende Sturmflut, von der man sich noch Generationen später erzählte. Irgendwann allerdings wurde weniger zur See gefahren, dafür kamen die Touristen. Erst als Sommerfrischler, die mehrere Wochen blieben, mit den einheimischen Familien am Tisch aßen und keine großen Ansprüche stellten. Später folgten für die immer zahlreicher und unverschämter werdenden Gäste gesichtslose Hotels, Souvenirläden mit allerlei Leuchtturm- und Anker-Kitsch, Kutschfahrten und Touristenfallen mit „authentischen“ Fischgerichten aus der Mikrowelle. Die alteingesessen Insulaner machten entweder als urige Gestalten in Fischerhemden und Trachten mit bei diesem Nordsee-Disneyland, verkauften ihren Grund an Investoren und ihre Häuser an betuchte Wochenendgäste vom Festland oder wurden zunehmend an den Rand gedrängt.

So wie Inselpastor Matthias Lehmann, der während der Urlaubssaison eine Art Seelsorge-Entertainer für die Touristen gibt und die Tagesränder, wie er es nennt, für seine eigentlichen Tätigkeiten in der Gemeinde und sein Privatleben nutzen muss, was leidlich gelingt. Sein Glaube beginnt zu bröckeln und die Ehe leidet – seine Frau Katrin mag zwar nicht von Trennung sprechen, zieht es aber dennoch vor, unter der Woche in einer Wohnung auf dem Festland zu leben („Nicht weg von dir. Weg von der Insel.“).

Noch mehr treffen die nicht mehr rückgängig zu machenden Veränderungen der Insel-DNA die seit Generationen dort lebende Familie von Hanne Sander, Bewohnerin des prächtigsten Kapitänshauses weit und breit. Ihr Mann Jens, einst ein stolzer Kapitän, hat sich vor 20 Jahren als Vogelwart auf eine vorgelagerte, menschenleere Insel zurückgezogen, weil er die Sommergäste in seinem Haus nicht mehr ertragen konnte. Ryckmer, der älteste Sohn und als Kapitän in die Fußstapfen des Vaters getreten, kann nicht vom Alkohol lassen, weshalb er inzwischen keine großen Tanker mehr steuert, sondern nur noch die kleine Touristenfähre und ansonsten in seinem alten Kinderzimmer sitzt, Fluttabellen studiert und darauf wartet, dass der Klimawandel die Insel wegspült. Henrik, der Jüngste, hatte nie etwas anderes im Sinn, als am Strand und am Meer zu sein, verdient mit seinen Treibgut-Skulpturen aber immerhin ganz gut an den wohlhabenden Neu- und Teilzeitinsulanern. Eske, die einzige Tochter der Familie, wollte sofort nach dem Abitur ganz weit weg von der Insel und den ihr verhassten Touristen, ist aber längst wieder zurück. Als Altenpflegerin kümmert sie sich um die langsam aussterbende alte Generation der Insulaner und versucht, die Sprache der Einheimischen zu bewahren und so ein letztes Stückchen vom Ursprünglichen, Echten zu retten.

Auf allen Inseln gibt es eine, die sich schämt für die Fischerhemden und die Kissen mit den Walen und den Ankern in den Hafenläden. Die die Wahrhaftigkeit vermisst und die Touristenautos an die Straßenränder drängelt.

Obwohl die Lektüre des Buches viele gute Gründe liefert, seine Ringelshirts in die Altkleidersammlung zu geben und den nächsten Nordsee-Urlaub zu stornieren, ist „Zur See“ keine bitterböse Abrechnung mit den Auswüchsen des Tourismus an den Küsten. Vielmehr stellt dieser leise Roman mit dem für Dörte Hansen typischen lakonischen Humor eine kaum zu beantwortende Frage: Wie kann ein Leben gelingen, wenn man sich in der Gegenwart zunehmend fremd fühlt, der Rückgriff auf die längst nicht so „gute alte“ Vergangenheit keine Option ist und die Zukunft nur mehr als Bedrohung erscheint? Eine Antwort hat dieses exzellente Buch leider nicht parat.

Dörte Hansen: Zur See; Penguin Verlag, 256 Seiten, ISBN: 978-3-328-60222-4.

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Charlie Corbett: Die zwölf Seelen-Vögel

Zugegeben: Titel und Untertitel dieses Buchs hören sich ein wenig esoterisch an und auf Anhieb ist nicht ganz klar, wohin die Reise eigentlich führt. Handelt es sich um einen leicht spirituell angehauchten Ratgeber oder doch eher ein nüchternes Sachbuch? Ratgeber und Sachbuch stimmen zumindest zum Teil, aber spirituell und nüchtern-wissenschaftlich geht es in „Die zwölf Seelen-Vögel“ dagegen nicht zu. In erster Linie ist Charlie Corbetts Buch nämlich sehr persönlich und am ehesten in der Nähe von Raynor Wynns „Der Salzpfad“ oder Helen Macdonalds „H wie Habicht“ anzusiedeln.

Am Anfang der Geschichte steht ein Schicksalsschlag: Die Mutter des Autors, eine fröhliche Frau und Zentralgestirn der Großfamilie, erkrankt unheilbar an Krebs und stirbt wenig später im Alter von nur 66 Jahren. Für Charlie Corbett, zu diesem Zeitpunkt frisch verheiratet und eigentlich voller Euphorie für die Zukunft, beginnt eine finstere Zeit. Einerseits ist da natürlich die Trauer um die geliebte Mutter, andererseits aber auch die Sorge um den Vater, einen wortkargen Schäfer, der sich immer weiter zurückzieht. Und dann kommen auch noch schwer zu kontrollierende Panikattacken hinzu, die den Alltag und das Arbeitsleben für den Autor zunehmend zu einer Qual machen. Trost und Ablenkung findet Charlie Corbett schließlich in der Natur und vor allem beim Beobachten der Vögel, die ihm in seinem Garten und auf seinen Spaziergängen begegnen. War er zuletzt lange Jahre größtenteils blind und taub durch seine nächste Umgebung geeilt, lernt er nun wieder, auf kleine Details zu achten, genau hinzuhören und im Einklang mit den Jahreszeiten zu leben.

Jeden Tag, jeden Monat, in jeder Jahreszeit erzählt mir die Natur eine Geschichte. Ich höre diesen Geschichten zu und habe es noch nie bereut.

Charlie Corbett: Die zwölf Seelenvögel

„12 Birds to Save Your Life“, so der Originaltitel des von Martin Bayer übersetzen Buchs, mag ein wenig dick aufgetragen sein, aber Charlie Corbett gelingt es sehr anschaulich, den Einfluss unserer gefiederten Freunde auf den Prozess der Trauerbewältigung und seinen Weg zurück ins Leben deutlich zu machen. Etwa, wenn er seine Familie liebevoll mit einem fröhlichen, manchmal zänkischen Schwarm von Sperlingen vergleicht, vom Glück der alljährlichen Rückkehr der Schwalben und Mauersegler erzählt, oder wenn er mit seinem Vater am Grab der Mutter steht und den ersten Zilpzalp des Jahres singen hört.

Allerdings ist „Die zwölf Seelen-Vögel“, wie eingangs bereits geschrieben, nicht nur ein berührendes Memoir, sondern auch eine Aufforderung, selbst nach draußen zu gehen, seine Umgebung bewusst wahrzunehmen und sich mit der Natur und den Lebewesen in der unmittelbaren Umgebung zu beschäftigen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass sich das sehr lohnt und einem immer wieder kleine und größere Glücksmomente beschert, die einem Netflix oder Instagram nicht geben können. Wer bisher noch nicht der Vogelbeobachtung verfallen ist, fängt am besten demnächst damit an:

Wer sich gern intensiver mit der Natur vertraut machen möchte, hat im Winter die beste Gelegenheit, in ihr Trost und Wissen zu suchen. Die Landschaft ist kahl und übersichtlich, die Vögel sind hungrig, man kommt deshalb leicht an sie heran.

Charlie Corbett: Die zwölf Seelenvögel

Und nach der Heimkehr von der Beobachtungsrunde macht man es sich am besten mit einer Tasse Tee bequem, schmökert ein wenig in diesem Buch und staunt nicht zuletzt über die Poesie, die die englische Sprache für Naturbeschreibungen zu bieten hat (ein Schwarm Lerchen ist etwa an exaltation of larks, während ein Starenschwarm als a murmuration of starlings bezeichnet wird).

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Benjamin Myers: Der längste, strahlendste Tag

Im englischen Original heißt „Der längste, strahlendste Tag“, Benjamin Myers‘ von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann ins Deutsche übersetzte Erzählband, „Male Tears“. Ein deutlich treffenderer Titel, denn obwohl in den über einen Zeitraum von gut anderthalb Jahrzehnten entstandenen Geschichten nicht allzu viele Tränen fließen, handeln sie doch von Männern in Grenzsituationen jenseits der gängigen Klischees von Heldentum und klassischer Männlichkeit.

Viele der Protagonisten sind dabei keine allzu großen Sympathieträger und dementsprechend hält sich das Bedauern für den sadistischen Wildhüter, der eines Tages selbst zur Beute wird, ebenso in Grenzen wie das für den gewalttätigen Alkoholiker, der von seiner Ehefrau vor deren morgendlicher Schwimmeinheit zur Strecke gebracht wird. Andere Hauptdarsteller in den meist zwischen einer und 25 Seiten umfassenden Erzählungen sind zwar weniger bösartig, aber nicht minder jämmerlich. Für den gefeierten Astronauten, der mit dem Leben auf der Erde heillos überfordert ist, bringt man immerhin noch etwas Mitleid auf, für den von den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte überholten ehemaligen Erfolgs-Schriftsteller, der von seiner Frau wegen seiner Vorliebe für Saxofon-Solos aus Songs der 1980er Jahre verlassen wird, dagegen eher nicht.

Besonders stark allerdings sind die Stories geraten, in denen man mit den Protagonisten mitfühlt. Etwa „Wien (Die Jäger im Schnee)“, in der es einen jungen Mann — vermutlich der Autor selbst — beim Betrachten von Pieter Bruegels „Die Jäger im Schnee“ in einer Sonderausstellung im Kunsthistorischen Museum in Wien im wahrsten Sinne des Wortes umhaut. Oder „Snorri & Frosti“ über zwei mürrische alte Holzfäller irgendwo im kargen Norden Europas, die nur noch ihren jeweiligen Bruder haben und deren kleine Welt langsam vom Verschwinden begriffen ist. Eine berührende Geschichte in Dialogform, die nicht nur wegen ihrer Länge von gut 60 Seiten aus der Sammlung heraussticht.

Ansonsten zeigt Benjamin Myers in der kurzen Form all die Qualitäten, die schon seine beiden tollen Romane „Offene See“ und „Der perfekte Kreis“ ausgezeichnet haben. Wunderbare Naturbeschreibungen, einen genauen Blick fürs Detail und Gegensätze zwischen archaischer Brutalität und großer Zärtlichkeit finden sich auch in „Der längste, strahlendste Tag“ zu Hauf.

Ein rundum gelungener Erzählband und eine großartige Ergänzung zu den beiden Romanen!

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Aus dem Lesesessel #3

In der letzten Folge dieser kleinen Reihe ging es unter anderem um die Vorausschau auf ein Gespräch von Claudia Schumacher und Mariana Leky über „das, was uns tröstet“ im Hamburger Literaturhaus. Die Veranstaltung, die ich mir im Livestream angeschaut habe, war äußerst kurzweilig und mindestens so humorvoll wie tröstlich. Mariana Leky sprach über ihre ersten Schreibversuche in Form von Gedichten an ihr Jugendidol Morten Harket von a-ha (die an die Bravo geschickten Werke wurden unverständlicherweise niemals abgedruckt), das Aufwachsen als Tochter eines Psychologenpaars und natürlich das Tröstende in ihren Büchern. Auf die Frage, welche Bücher sie denn trösten, empfahl Mariana Leky unter anderem „Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau“ von Max Scharnigg. Dieser Empfehlung kann ich mich nur anschließen — ein großartiger Roman, den ich demnächst unbedingt ein zweites Mal lesen muss.

Kein „Muss“ sind dagegen Veilchenpastillen, die wie Mon Cheri, Haselnusslikör und Marzipankartoffeln eine Rolle im Werk Mariana Lekys spielen, bei der Verkostung allerdings glatt durchfielen.

Aktuelle Bücher:

Zuletzt gelesen habe ich ein weiteres Buch über Bücher, Bibliotheken und die Liebe zur Literatur im Allgemeinen, nämlich „Die verborgene Bibliothek“ von Alberto Manguel, der gerne als einer „der größten Leser unserer Zeit“ bezeichnet wird. Trotz allerlei kluger Gedanken konnte mich die Sammlung von Essays nicht völlig begeistern. Die Unterzeile „Eine Elegie und zehn Abschweifungen“ sagt zwar eigentlich schon alles, aber trotzdem war es mir stellenweise etwas zu viel an Abschweifung. Interessanter erscheint mir da Alberto Manguels Buch „Fabelhafte Wesen. Dracula, Alice, Superman und andere literarische Freunde“, das jüngst in deutscher Übersetzung erschienen ist.

Zum Abschluss noch ein Tipp aus der Mediathek, nämlich der preisgekrönte TV-Film „Martha Liebermann – Ein gestohlenes Leben“, der lose auf dem 2019 erschienenen Roman „Dem Paradies so fern“ von Sophia Mott basiert.

Falls eines der in diesem Blogpost erwähnten Bücher Euer Interesse geweckt hat, leiht Ihr es am besten in der nächstgelegenen Bibliothek aus oder kauft es in einer unabhängigen Buchhandlung.

Karl Rittner: Die Toten von Wien

Wer diesen Blog einigermaßen regelmäßig verfolgt, weiß, dass ich ein gewisses Faible für historische Kriminalromane aus Wien habe. Glücklicherweise ist die österreichische Hauptstadt neben Berlin einer der beliebtesten Schauplätze dieses Genres, so dass es immer ausreichend Nachschub gibt. In „Die Toten von Wien“ schickt Karl Rittner (das Pseudonym eines österreichischen Schriftstellers und Hochschulprofessors) mit Alexander Baran nun einen neuen Ermittler in den Ring, von dem wir sicher noch öfter hören werden — zumindest riecht das Ende des Buches stark nach Fortsetzung.

Angesiedelt ist die Handlung von „Die Toten von Wien“ im Frühjahr 1922, was sofort an Alex Beers inzwischen fünf Bände umfassende, ebenfalls in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg spielende Reihe um August Emmerich denken lässt. Allerdings sind die Hauptfiguren der beiden Serien äußerst unterschiedlich. Während Beers Protagonist August Emmerich ein eher raubeiniger Typ aus einfachen Verhältnissen ist, der raucht und trinkt und stets nahe der Obdachlosigkeit entlangtaumelt, ist Rittners Alexander Baran Spross eines ungarischen Adelshauses. Die Wirren des Krieges und das damit verbundene Ende der Monarchie haben auch das Leben Barans, der früher Baron Sandor von Baranyi hieß, gehörig auf den Kopf gestellt. Nach Kriegsende heuerte der ehemalige Jurastudent bei der Wiener Polizei an, wo er schnell zum Kriminalkommissär aufstieg. Lustigerweise haben sowohl Alex Beer als auch Karl Rittner ihren Protagonisten jeweils grundverschiedene Gegenparts an die Seite gestellt: Emmerich wird ergänzt von Ferdinand Winter, einem jungen Mann aus gutem Hause, dem beim Anblick von Leichen schnell übel wird. Barans Partner ist Ferdinand Meisel, ein erfahrener Polizist, der seine Fähigkeiten als Boxer gerne auch beruflich einsetzt.

Die Wiener Staatsoper um 1898.

Anders als August Emmerich, der sich oft in den dunkelsten und ärmsten Ecken Wiens herumtreibt, führt „Die Toten von Wien“ Alexander Baran in ein anderes, seiner Herkunft eher entsprechendem Milieu. Allerdings deutet zu Beginn des Romans noch nichts darauf hin, geht es doch zunächst um zwei Todesfälle, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Zum einen wird nahe der Roßauer Lände die misshandelte Leiche einer jungen Tänzerin der Staatsoper gefunden, zum anderen wird ein pensionierter Hofbeamter von einer Tram erfasst und tödlich verletzt. Beim zweiten Fall ist noch nicht einmal klar, ob es sich nicht doch um einen Unfall gehandelt hat, wobei mehrere Zeugen aussagen, der ältere Herr sei vor die Straßenbahn gestoßen worden. Bei den Ermittlungen stellt sich aber natürlich schnell heraus, dass die beiden Morde miteinander zu tun haben. Die Spur führt in die nach der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinands untergegangene Welt des österreich-ungarischen Adels und nicht zuletzt in Alexander Barans eigene Vergangenheit.

Stellenweise ist „Die Toten von Wien“ ein wenig überladen und es ist nicht immer ganz einfach, den vielen Verästelungen der Handlung zu folgen. Für Freundinnen und Freunde des Genres ist der Roman aber trotzdem eine empfehlenswerte Lektüre, weil Karl Rittner eine ganz andere Seite des historischen Wiens beleuchtet als Alex Beer. Deren schmuddeliges Wien der frühen 1920er Jahre ist für mich zwar ein wenig reizvoller, aber wer weiß, wohin es Alexander Baran in Zukunft noch verschlägt?

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Aus dem Lesesessel #2

Seit der ersten Folge dieser losen Reihe habe ich „Die Selbstmord-Schwestern“ von Jeffrey Eugenides zu Ende gelesen. Ein teilweise etwas seltsamer und vor allem verstörender (unbedingt mit den Triggerwarnungen „Suizid“ und „Missbrauch“ zu versehender), aber auf jeden Fall empfehlenswerter Roman. So tragisch die Geschichte um die fünf Töchter der Familie Lisbon auch sein mag, ist das Buch dennoch eine über weite Strecken humorvolle Coming-of-Age-Geschichte aus den 1970er Jahren, die neben dem persönlichen Drama der Schwestern auch allerlei weiter gefasste Themen behandelt. Es geht zum Beispiel um den bis heute andauernden Niedergang der einstmals so stolzen Autostadt Detroit, den unaufhaltsamen Lauf der Zeit, und die Frage nach einem selbstbestimmten Leben. Auf Sofia Coppolas Verfilmung aus dem Jahr 1999 habe ich jedenfalls ebenso Lust bekommen wie auf Jeffrey Eugenides‘ mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman „Middlesex“.

Aktuell lese ich einmal mehr einen historischen Krimi aus Wien. Dazu aber demnächst mehr in einem eigenen Beitrag.

Am 22. September ist mit Hilary Mantel eine weitere große Autorin im Alter von nur 70 Jahren überraschend gestorben. Umgehend auf meine Leseliste gewandert sind zwei ihrer frühen (Schauer-) Romane, nämlich „Jeder Tag ist Muttertag“ und „Im Vollbesitz des eigenen Wahns“. Beide sind — wie die meisten anderen Bücher der Britin auch — in der hiesigen Bibliothek momentan vergriffen.

Zum Glück bringt aber nicht nur der Tod gesteigerte Aufmerksamkeit. Dörte Hansen zum Beispiel ist quicklebendig und trotzdem in aller Munde. Einerseits wegen ihres frisch erschienenen Romans „Zur See“ (an dem ich in der Buchhandlung nicht vorbeigehen konnte), zum anderen wegen der Verfilmung ihres Bestsellers „Mittagsstunde“. In Ermangelung eines Kinos in meiner Nähe werde ich den Film vermutlich erst mit ein paar Monaten Verspätung zu sehen bekommen.

Dank den Segnungen moderner Technik sind manche Veranstaltungen, die früher unerreichbar waren, inzwischen problemlos verfügbar. So freue ich mich schon sehr auf einen Livestream aus dem Literaturhaus Hamburg am kommenden Mittwoch (5. Oktober). Claudia Schumacher und Mariana Leky sprechen über „das, was uns tröstet“.

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Aus dem Lesesessel #1

Noch immer liegt Irene Vallejos „Papyrus. Die Geschichte der Welt in Büchern“ auf meinem Nachttisch, aber mehr als ein oder zwei kurze Kapitel des schwergewichtigen Sachbuchs schaffe ich momentan nicht. So faszinierend die Thematik an sich auch sein mag, muss man schon ein großes Faible für die griechische Mythologie oder das alte Rom haben, um zügig mit der Lektüre voranzukommen. Allerdings ist „Papyrus“ eine ganz wunderbare Fundgrube für Bücher, die man schon immer oder unbedingt noch einmal lesen wollte — meine persönliche Wunschliste hat sich in letzter Zeit jedenfalls deutlich verlängert, und erste Positionen darauf durften bereits als „gelesen“ oder zumindest als „in Arbeit“ markiert werden. Zum einen „Die tanzenden Männchen“, eine sehr kurzweilige Sherlock Holmes-Geschichte von Arthur Conan Doyle, die Irene Vallejo zusammen mit Edgar Allan Poes „Der Goldkäfer“ empfiehlt. In beiden Erzählungen geht es um Verschlüsselungstechniken, wobei man zumindest im Falle der „tanzenden Männchen“ den Fortgang der Handlung erahnt, wenn man mit der Idee vertraut ist, dass man einen Text verschlüsseln kann, indem man einen bestimmten Buchstaben durch einen Platzhalter (eine Zahl, ein Symbol oder eben ein Strichmännchen) ersetzt.

Ebenfalls in „Papyrus“ erwähnt wird meine aktuelle Lektüre, „Die Selbstmord-Schwestern“ von Jeffrey Eugenides. Das Buch habe ich mir vor einer halben Ewigkeit im hervorragenden Bamberger Antiquariat „Fundevogel“ gekauft und seit einer halben Ewigkeit steht es nun auch schon im Regal herum. Ein Fehler, denn trotz der niederschmetternden Ausgangslage — die fünf halbwüchsigen Töchter einer Familie begehen binnen eines Jahres Selbstmord — ist das Buch, das aus Sicht verschiedener Nachbarsjungen erzählt wird, bisher erstaunlich vergnüglich.

Apropos „Bücher, die schon ewig ungelesen im Regal herumstehen“: In diese Kategorie fällt bei mir auch „Mein Herz so weiß“, der wohl größte Erfolg des jüngst viel zu früh verstorbenen Javier Marías. Wer schon alles vom Spanier kennt, darf sich dieser Tage über Nachschub freuen, denn mit „Tomás Nevinson“ erscheint ein aktueller Roman von Javier Marías neu in deutscher Übersetzung von Susanne Lange.

Gar nichts mit den bisher erwähnten Büchern hat „Junge mit schwarzem Hahn“ zu tun, das ich neulich ebenfalls gelesen habe. An den Debütroman von Stefanie vor Schulte hatte ich hohe Erwartungen, die allerdings leider nur zum Teil erfüllt wurden. Die düstere Grundstimmung und die märchenhaften Elemente (vom jugendlichen Helden über einen sprechenden Hahn bis hin zu einer verrückten, kinderraubenden Fürstin und dem obligatorischen Happy End ist wirklich alles dabei) mochte ich sehr gerne, die etwas vorhersehbare Geschichte und die arg simple — für Märchen aber letztlich nicht untypische — Figurenzeichnung haben mich dagegen nicht ganz überzeugt. Kann man lesen, muss man aber nicht!

Falls eines der in diesem Blogpost erwähnten Bücher Euer Interesse geweckt hat, leiht Ihr es am besten in der nächstgelegenen Bibliothek aus oder kauft es in einer unabhängigen Buchhandlung. Zum Beispiel in Konstanz bei „Homburger & Hepp“ am Münsterplatz, wo auch das Foto oben entstanden ist.

Im August gelesen

Schon wieder ist ein Monat vorbei und diesmal habe ich es leider verpasst, alle meine Lektüren auf einem Foto festzuhalten. Vielleicht klappt es ja im September wieder — als kleine Gedächtnisstütze sind diese Übersichtsbilder schließlich nicht schlecht.

Verglichen mit dem sehr erfreulichen Lesemonat Juli war der August nicht ganz so ertragreich. Allein schon hinsichtlich der Seitenzahl, aber auch hinsichtlich der Qualität des Gelesenen. Echte Ausreißer nach unten gab es zum Glück keine, aber ob auf der anderen Seite ein großes Highlight dabei war, wird sich erst im September noch herausstellen. Los ging es in den heißen Tagen zu Beginn des Monats mit zwei weiteren Krimis. „Bittersüße Zitronen“, den zweiten Capri-Krimi von Luca Ventura, habe ich recht gern gelesen (sogar lieber als den Vorgänger „Mitten im August“), wobei mich die ganze Machart schon sehr an die von den Öffentlich Rechtlichen produzierten TV-Krimis von diversen touristisch interessanten Orten erinnert hat — hübsche Kulisse und ein bestenfalls halbinteressanter Kriminalfall. (⭐⭐⭐)

Deutlich origineller fand ich da schon „Die Tote im Sturm“, den Auftakt zu einer neuen Schwedenkrimi-Reihe von Kristina Ohlsson. Sympathische Hauptfiguren und ein klug konstruierter Fall zum Miträtseln sind die Pluspunkte des angenehm unblutigen Krimis, den man sicher auch auf weniger als 540 Seiten hätte erzählen können. Getrübt wurde das Lesevergnügen allerdings durch die seltsame Entscheidung des deutschen Verlags, des Rätsels Lösung bereits im Titel auszuplaudern. (⭐⭐⭐1/2)

Nach so viel Mord und Totschlag durfte es dann mal wieder ein Klassiker sein, nämlich Truman Capotes „Die Grasharfe“ aus dem Jahr 1951. Mordopfer gibt es hier keine, wenngleich ein junger Mann bei einem Aufruhr eine Schussverletzung erleidet. Grund für die Auseinandersetzung ist die Besetzung eines Baumhauses durch ein Grüppchen von der Welt (und vor allem von der herrischen Verena Talbo) gegängelter Außenseiter um die kindlich-naive Dolly (Verenas Schwester) und den Waisenjungen Collin (Verenas Neffe). Ein humorvoller Südstaaten-Roman mit ernsthaften Untertönen, aber so recht gepackt hat mich das schmale Buch trotzdem nicht. (⭐⭐⭐)

Als großer Höhepunkt könnte sich schließlich „Papyrus“ herausstellen, Irene Vallejos ausgiebige Reise durch „die Geschichte der Welt in Büchern“. Nach gut 120 von — ohne den umfangreichen Anhang — rund 660 Seiten bin ich sehr angetan von der Lektüre. Die Erzählweise der Spanierin ist fesselnd, dazu erweist sie sich als wahre Meisterin der Abschweifung und des Exkurses. Vielleicht stören der manchmal fehlende Fokus und die kaum zu überblickende Masse an Fakten später noch ein wenig, aber bisher macht das Buch viel Freude. Und meine Lese- und Filmliste ist auch schon wieder ein ganzes Stück länger geworden.

Nach „Papyrus“ widme ich mich in den ersten Tagen des meteorologischen Herbstes dann dem Anfang August leider verstorbenen Jean-Jacques Sempé. Zwei Zusammenarbeiten mit Patrick Süskind habe ich mir herausgesucht, nämlich das wunderbare „Das Geheimnis des Fahrradhändlers“ (Text und Illustrationen von Sempé, deutsche Übersetzung von Süskind) und „Die Geschichte von Herrn Sommer“ (Text von Süskind, Illustrationen von Sempé).

Kristina Ohlsson: Die Tote im Sturm

Mit den Urlaubsorten ihrer Kindheit verbindet viele Menschen eine lebenslange Beziehung — erst recht natürlich, wenn sie das Glück hatten, ihre Ferien Jahr für Jahr am gleichen Ort verbringen zu dürfen. Oft zieht es diese Menschen auch als Erwachsene immer wieder an die liebgewonnenen Plätze ihrer Kindheit zurück. Meist natürlich, um mit ihren eigenen Kindern Urlaub zu machen, manchmal aber auch, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. So wie August Strindberg (nicht der August Strindberg übrigens — „Die Tote im Sturm“ spielt in der Gegenwart und die Namensgleichheit ist einzig und allein der Fantasie der Autorin geschuldet), der nach einem Jahr voller Schicksalsschläge sein altes Leben als Vermögensverwalter in Stockholm hinter sich lässt und sich in einem idyllischen Fischerdörfchen an der schwedischen Westküste, wo seine Großeltern einst ein Sommerhäuschen besaßen, niederlässt. Der Mittvierziger, ein sympathischer Zeitgenosse mit einem Faible für analoge Dinge, hat ein insolventes Bestattungsinstitut (nebst Leichenwagen, den er dank der etwas lebensbejahenderen Optik kurzerhand gelb lackiert) gekauft, in dessen Räumlichkeiten er einen Secondhand-Laden eröffnen und auch wohnen möchte. Bis die entsprechenden Renovierungsarbeiten abgeschlossen sind, kommt er in einem kleinen Häuschen unter, das er zu einem verdächtig günstigen Preis von einem freundlichen älteren Ehepaar gemietet hat.

Neben der Ankunft August Strindbergs in Hovenäset gibt es am Abend Ende August, an dem die Geschichte des Krimis beginnt, ein weiteres Ereignis. Agnes Eriksson verlässt während eines aufziehenden Sturms das Haus, das sie gemeinsam mit ihrem Mann und dem Sohn im Teenageralter bewohnt, und verschwindet spurlos. Die Suche nach der beliebten Lehrerin wird sofort eingeleitet, bleibt aber erfolglos. Ist Agnes während des Sturms ins Wasser gefallen und ertrunken? Hat sie ihre Familie vorsätzlich verlassen, um ein Geheimnis zu vertuschen, das nicht ans Licht kommen durfte? Oder hat ihr Verschwinden mit einem 30 Jahre alten Mordfall zu tun, der sich just in dem Haus ereignet hat, in dem August nun lebt und das von den Bewohnern Hovenäsets nur „das Eishaus“ genannt wird?

Man weiß es nicht und tatsächlich bleibt fast bis zum Ende des mehr als 500 Seiten starken Romans offen, was an diesem Abend mit Agnes passiert ist. Dass man es aber trotz der von Kristina Ohlsson geschickt konstruierten Handlung doch sehr schnell ahnt, liegt an einer äußerst seltsamen Entscheidung des deutschen Verlags. „Stormvakt“ (zu Deutsch „Sturmwache“) heißt der Krimi im schwedischen Original recht neutral — der deutsche Titel „Die Tote im Sturm“ und der „Mord“, der in roten Lettern hinten auf dem Einband versprochen wird, plaudern da schon deutlich mehr aus. Unverständlich vor allem angesichts einer Geschichte, in der es weniger um die Suche nach einem Mörder geht, sondern eher um die Rekonstruktion von Ereignissen.

Sieht man von dem Spoiler im Titel aber einmal ab, ist dieser August Strindberg eine echte Bereicherung für das Genre des Schwedenkrimis. Sympathische, gut gezeichnete Charaktere, eine ruhige, aber keineswegs langatmige Erzählweise (wobei ein paar Seiten weniger sicher nicht geschadet hätten) und der Verzicht auf blutrünstige Szenen sind die großen Pluspunkte von „Die Tote im Sturm“. Zudem hat Kristina Ohlsson mit dem Thema Familie — in ihrer gelingenden, aber oft auch in ihrer dysfunktionalen Erscheinungsform — einen roten Faden gewählt, der dem Roman eine zusätzliche Ebene und etwas mehr Tiefe gibt.

Nächstes Jahr darf man sich auf den nächsten Krimi um August Strindberg und die Polizistin Maria Martinsson freuen. Bleibt zu hoffen, dass der deutsche Titel dann mit etwas mehr Bedacht gewählt wird.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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