{Buch} Das Nest

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Foto: Buchbube

Geld allein macht nicht glücklich, aber es beruhigt die Nerven. Auf manch einen mag dieses alte Kalendersprüchlein zwar zutreffen, aber die Geschwister Plumb gehören eher nicht zu diesem Personenkreis. Immerhin haben sich die vier Schwestern und Brüder bei allen größeren finanziellen Entscheidungen ihres Lebens stets felsenfest auf „Das Nest“ verlassen, einen Fonds, den der inzwischen verstorbene Vater ursprünglich als kleine Sicherheit für seine Kinder angelegt hat, der aber dank einer klugen Investmentstrategie über die Zeit auf einen siebenstelligen Betrag angewachsen ist. Stichtag für die Auszahlung des Fonds ist der demnächst bevorstehende 40. Geburtstag von Melody, der Jüngsten, die ihren Anteil bereits angelegt hat in ein viel zu teures Haus in einem Vorort von New York City und als echte Helikoptermutter plant, ihren Zwillingen Nora und Louisa eine vorzügliche Collegeausbildung zukommen zu lassen. Doch nicht nur sie, sondern auch ihre Geschwister haben das Geld aus dem „Nest“ bereits aufgebraucht, bevor es auf ihrem Konto eingetroffen ist: Jack leistet sich einen schlecht gehenden Antiquitätenladen, für dessen Verluste er ohne das Wissen seines Partners Walker eine Hypothek aufs gemeinsame Wochenendhäuschen aufgenommen hat, und Bea, einst als aufstrebende literarische Hoffnung gefeiert, werkelt seit 15 Jahren ohne große Fortschritte an ihrem Erstlingswerk.

An dieser Stelle könnte der Debütroman der Amerikanerin Cynthia D’Aprix Sweeney bereits zu Ende sein: Der Fonds wird ausbezahlt, alle begleichen ihre Schulden und sind zufrieden. So einfach ist es dann aber natürlich doch nicht (abgesehen davon würde diese extrem dünne Story keinen Roman von gut 400 Seiten tragen), denn Leo, der vierte im Bunde, einst Gründer einer erfolgreichen Entertainment-Website und für seinen rasanten, großspurigen Lebensstil bekannt, leistet sich einen ebenso folgenschweren wie kostspieligen Fehler, der Francie Plumb, die Mutter der Geschwister und bis zur Auszahlung die Verwalterin des „Nest“, dazu veranlasst, ihm mit einem Großteil des Ersparten aus der Patsche zu helfen. Ein feiner Zug, aber für die anderen Geschwister ein ziemlicher Schlag ins Gesicht, zumal der Fonds damit auf eine eher überschaubare Summe zusammengeschrumpft ist, die keinem so recht weiterhilft, was eine Kettenreaktion auslöst, die weit über finanzielle Aspekte hinausgeht.

„Das Nest“ ist ein unterhaltsam geschriebener und kurzweilig zu lesender Familienroman, der sich nicht nur damit begnügt, die Sorgen und Nöte der vier Protagonisten zu beleuchten, sondern auch zahlreiche Nebenfiguren und untergeordnete Handlungsstränge mit einbezieht, die von den Spätfolgen des 11. September über die in absurde Höhen gestiegenen Immobilienpreise in New York bis hin zu Teenagern, die ihre sexuelle Identität suchen und einer sich wandelnden Medien- und Verlagslandschaft eine beachtliche Bandbreite abdecken. Nur selten wirkt der Roman dadurch aber überladen, zumal sich am Ende alle Teile zu einem stimmigen, vielleicht etwas arg optimistischem Gesamtbild zusammenfügen. Ein wenig problematischer ist da schon der Umstand, dass der Roman von seiner ganzen Konstruktion und Dramaturgie her wie die Ausformulierung eines Drehbuchs anmutet — fast so, als hätte Cynthia D’Aprix Sweeney bereits beim Schreiben an eine mögliche Verfilmung gedacht. Etwas mehr Tiefe, vor allem bei der Figurenzeichnung, hätte sicher nicht geschadet, aber insgesamt ist „Das Nest“ ein lesenswertes, gelungenes Debüt. Und als Film könnte man sich die Geschichte wirklich ebenfalls sehr gut vorstellen…


Cynthia D’Aprix Sweeney: Das Nest
Deutsch von Nicolai Schweder-Schreiner.
Klett-Cotta; ISBN 978-3-608-98000-4; 410 Seiten; € 19,95.

{Musik} Penny For Your Thoughts

Foto: Christian Zervos
Foto: Christian Zervos

Bei all den Büchern kommt in diesem Blog die Musik (leider) oft ein wenig zu kurz. Heute aber ausnahmsweise nicht, denn das von mir sehr geschätzte Einar Stray Orchestra hat dieser Tage den ersten Vorgeschmack seines kommenden Albums „Dear Bigotry“, das am 17. Februar kommenden Jahres bei Sinnbus erscheinen wird, veröffentlicht, und sowohl Song als auch Video machen enorme Vorfreude auf die dritte LP der Norweger.

Musikalisch knüpft „Penny For Your Thoughts“ an die im Vergleich zum ebenso sperrigen wie famosen Debüt „Chiaroscuro“ etwas eingängigeren, aber dennoch komplexen Stücke des zweiten Albums „Politricks“ an — die Band selbst sagt über die neue Platte, die im letzten Winter an der rauen Nordwestküste Norwegens aufgenommen wurde, Folgendes:

„Die neuen Songs drehen sich um Doppelmoral, eine Hassliebe zu Oslo sowie neue Aspekte unserer religiösen Erziehung. Die maximalistische Klanglandschaft wurde beeinflusst von allem zwischen Arabischem Folk bis Lana Del Rey.“

Aber jetzt hört erst einmal selbst:

Konzerttermine:
11.4.17 Dresden — Societätstheater
12.4.17 Nürnberg — Club Stereo
17.4.17 Freiburg — Waldsee
18.4.17 Köln — Arttheater
23.4.17 Bielefeld — Nrzp
25.4.17 Leipzig — UT Connewitz
26.4.17 Berlin — Berghain Kantine
27.4.17 Hamburg — Nochtspeicher

John Boyne: Die Geschichte der Einsamkeit

Die Geschichte der EinsamkeitMit dem im Jahr 2009 aufgedeckten Missbrauchsskandal in der irischen Kirche beschäftigt sich John Boyne in seinem hervorragenden Roman „Die Geschichte der Einsamkeit“.

Erzählt wird die Handlung des Buches aus Sicht von Pater Odran Yates, der seine Lebensgeschichte Revue passieren lässt. Selbst hat sich der Protagonist nie etwas zu Schulden kommen lassen, aber der jahrzehntelang auch von höchster Stelle vertuschte Kindesmissbrauch durch katholische Priester in seinem Heimatland erschüttert das Weltbild des integren Pater Yates in seinen Grundfesten — vor allem, weil es in seinem engsten Umfeld sowohl Opfer wie auch Täter gibt. Er fragt sich, ob er womöglich nicht doch Schuld auf sich geladen hat, allein schon, weil er jahrelang einem System gedient hat, in dem dunkle Machenschaften an der Tagesordnung waren. Hätte er womöglich schon früher etwas ahnen können und einfach nur die Augen vor dem Offensichtlichen verschlossen? Oder hat er, der einen Großteil seines Berufslebens zurückgezogen als Englischlehrer und Bibliothekar eines Internats verbracht hat, die Arbeit in den Gemeinden — also nahe an den arglosen potenziellen Opfern — aus purem Egoismus Kollegen überlassen, die nichts Gutes im Sinne führten?

Die unbequemen Fragen zum Thema Schuld, die sich die Hauptfigur in John Boynes Roman stellt, sind nicht beschränkt auf das eigentliche Thema des Buches, sondern universell und praktisch auf alle Bereiche zu übertragen. So ist „Die Geschichte der Einsamkeit“ letztlich neben der Kernhandlung auch eine bewegende Familiengeschichte, ein mehrere Jahrzehnte umspannendes Panorama des ewig strauchelnden Irlands sowie ein großartiges Buch über Moral, Loyalitätskonflike und zwischenmenschliche Beziehungen.

Unbedingt lesenswert!


John Boyne: Die Geschichte der Einsamkeit. Deutsch von Sonja Finck. Piper Verlag; ISBN 978-3-492-30992-9; 416 Seiten; € 9,99.

Über den Autor: John Boyne wurde 1971 in Dublin geboren, wo er auch heute noch lebt und arbeitet. Bislang verfasste er mehr als ein Dutzend Romane für Erwachsene und Jugendliche sowie eine Reihe von Kurzgeschichten. Weltweit bekannt wurde er mit seinem im Original im Jahr 2006 veröffentlichten Buch „Der Junge im gestreiften Pyjama“, von dem mehr als fünf Millionen Exemplare verkauft wurden. Im kommenden Februar erscheint John Boynes neuer Roman „The Heart’s Invisible Furies“.

Spannendes Programm 

bamlitBis Anfang Februar ist es zwar noch ein ganzes Weilchen hin, aber das jüngst veröffentlichte Programm des vom 2. bis zum 18.2.2017 stattfindenden Bamberger Literaturfestivals lädt durchaus dazu ein, schon jetzt ein wenig in Vorfreude zu schwelgen. Nach der erfolgreichen Premiere im vergangenen Winter finden nämlich auch zur zweiten Auflage, erneut unter der Leitung von Dr. Thomas Kraft, wieder allerlei prominente Autorinnen und Autoren ihren Weg in die Weltkulturerbestadt bzw. in einige umliegende Orte.

Gleich der Festivalauftakt am Donnerstag, 2. Februar, wartet mit einem echten Hochkaräter auf, gastiert doch kein Geringerer als der großartige Christoph Ransmayr mit seinem gerade erschienenen Roman „Cox oder Der Lauf der Zeit“ im Harmonie-Spiegelsaal. Zwei Tage später liest der auf Festivals dieser Art stets gern gesehene Feridun Zaimoglu in den Haas Sälen, ehe sich mit Alex Capus (Dienstag, 7. Februar; Buchhandlung Hübscher) und Martin Suter (Mittwoch, 8. Februar; Konzerthalle), der sein neues, im Januar erscheinendes Werk „Elefant“ vorstellt, zwei der renommiertesten eidgenössischen Autoren die Ehre geben.

Seine Autobiographie präsentiert der eben 80 Jahre alt gewordene Wolf Biermann am Donnerstag, 9. Februar, im Hegelsaal. Die neuere deutsche Literatur wird unter anderem vertreten durch die Autorin und Übersetzerin Isabel Bogdan, die im Schloss Sassanfahrt in Hirschaid aus ihrem Roman „Der Pfau“ liest (Dienstag, 14. Februar) und durch Saša Stanišic, der seinen Erzählband „Fallensteller“ in die Buchhandlung Hübscher mitbringt (Mittwoch, 15. Februar).

Preisgekrönt ist schließlich der Abschluss des Literaturfestivals am Samstag, 18. Februar, im Harmonie-Spiegelsaal mit dem Auftritt der Literatur-Nobelpreisträgerin von 2015, Swetlana Alexijewitsch.

Ausführlichere Informationen zu allen Veranstaltungen, den teilnehmenden Autorinnen und Autoren sowie Links zum Ticket-Vorverkauf gibt es auf der Homepage des Bamberger Literaturfestivals.

Am Rande des Wahnsinns

978-3-498-03573-0Ein Autor in der Schaffenskrise zieht sich mit Frau und Kind an einen abgeschiedenen Ort zurück, findet dort aber keine Ruhe und Inspiration, sondern verfällt zunehmend dem Wahnsinn. Was sich nach einer äußerst knappen Zusammenfassung von Stephen Kings Klassiker „Shining“ anhört, ist hier jedoch die grobe Handlung von Daniel Kehlmanns jüngster Erzählung „Du hättest gehen sollen“, einem schnell zu lesenden, luftig gesetzten Büchlein von knapp 90 Seiten.

Mehr noch als Stephen King standen aber Edgar Allan Poe oder H.P. Lovecraft Pate für diese in die moderne Zeit versetzte klassische Schauergeschichte, die ihren Schrecken vor allem daraus bezieht, dass sie so vieles im Ungefähren lässt. Wie es sich für solche Geschichten gehört, beginnt auch „Du hättest gehen sollen“ sehr harmlos. Der namenlose Protagonist, der die Handlung in eher knappen Worten in Form von Tagebucheinträgen erzählt, kommt in der Vorweihnachtszeit mit seiner Ehefrau Susanna und der vierjährigen Tochter Esther in einem abgelegenen, aber sehr schicken Ferienhaus irgendwo in den Bergen an, wo er an einem Drehbuch arbeiten und sich nach getaner Arbeit mit der Familie erholen möchte. Das scheinbare Idyll wird zunächst höchstens durch Spannungen zwischen den beiden Ehepartnern getrübt. So mokiert sich die hoch gebildete Susanna, eine erfolgreiche Schauspielerin, die seit ihrem 40. Geburtstag unter einer Auftragsflaute leidet, allzu gerne über das Künstlergehabe ihres Mannes, dessen Drehbücher eher dem leichten Komödienfach zuzurechnen sind als dem anspruchsvollen Arthouse-Kino, während er einwendet, dass er mit Büchern wie „Allerbeste Freundin II“ immerhin fast im Alleingang die Raten fürs Eigenheim mit Garten abbezahlt. Textnachrichten eines fremden Mannes, die der Protagonist auf Susannas Handy entdeckt, bringen den Haussegen dann schließlich endgültig in Schieflage. Deutlich mehr leidet der Erzähler allerdings unter diversen mysteriösen Ereignissen: Mal begegnet ihm eine seltsame Frau in seinen Träumen, mal machen die wortkargen Dorfbewohner beim Einkauf merkwürdige Andeutungen über das Ferienhaus und mal sieht er beim Blick ins Fenster zwar das Spiegelbild des gesamten Raums, aber nicht sich selbst.

Wer Action und drastische Schockmomente erwartet, dürfte von „Du hättest gehen sollen“ ziemlich enttäuscht sein. Selbst, als die Situation am Ende eskaliert, belässt es Daniel Kehlmann nur bei Andeutungen. Gerade darin liegt aber die große Stärke der Erzählung: Der Protagonist ist ein unzuverlässiger Erzähler, dessen Version der Geschichte wir Leserinnen und Leser Glauben schenken können oder eben nicht. Egal, wie wir uns entscheiden, eine andere Perspektive als die zunehmend beunruhigenden Aufzeichnungen eines Mannes am Rande des Wahnsinns bekommen wir nicht geliefert, was viel Spielraum für allerlei Interpretationen lässt.

So gelungen diese feine, beklemmende Erzählung aber auch sein mag, macht sie doch wieder einmal deutlich, was fehlt: Ein neuer Roman von Daniel Kehlmann nämlich.

Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen
Rowohlt Verlag, ISBN 978-3-4980-3573-0, 96 Seiten, 15 Euro.

Clara Maria Bagus: Vom Mann, der auszog, um den Frühling zu suchen

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Ein Mann sitzt am Fenster, eine Tasse Tee in der Hand, blickt gedankenverloren in den Garten und sehnt nach einem schon viel zu lang dauernden Winter die Ankunft des Frühlings herbei. Mit einem Szenario, das wohl jeder gut nachvollziehen kann und das sich im Laufe der nächsten Monate unzählige Male so oder so ähnlich zutragen dürfte, beginnt „Vom Mann, der auszog, um den Frühling zu suchen“ von Clara Maria Bagus.

Dann allerdings passiert in dieser „Reise zur Leichtigkeit“ etwas, das sich in der Realität wohl eher nicht zutragen dürfte: Der Mann erblickt im Garten einen Vogel und überall, wo sich das farbenprächtige Tier niederlässt, herrscht auf einmal das blühende Leben des Frühlings, während rundherum nach wie vor tiefster Winter ist. Fasziniert packt der namenlose Protagonist schnell das Nötigste zusammen und folgt dem Vogel, was — wie es eben so ist, wenn man als „Fußgänger“ mit einem Vogel Schritt halten möchte — nicht allzu gut gelingt. Schnell hat der Mann sein „Zielobjekt“ aus den Augen verloren und sich noch dazu hoffnungslos verirrt. Obwohl sein eigentliches Vorhaben, dem Vogel und damit dem Frühling zu folgen, offensichtlich gescheitert ist, erlebt er abseits des Weges Dinge und begegnet Menschen, die ihn etwas viel Wertvolleres lehren, nämlich die Kunst, ein gelungenes Leben zu führen.

„Und was glaubst du zu finden?“
„Den Frühling!“, platzte es aus dem Mann heraus, was ihn selbst überraschte.
„Den Frühling? Du gehst Meilen, um den Frühling zu finden? Warum hast du nicht einfach zu Hause gewartet, bis er kommt?“
„Weil das gute Leben nicht einfach vorbeikommt“, sagte der Mann.

Angereichert mit mehreren Fabeln und vielen Gleichnissen, gelingt der in Bern lebenden Clara Maria Bagus mit „Vom Mann, der auszog, um den Frühling zu suchen“, ein ruhig erzähltes modernes Märchen, das ganz ohne den moralischen Zeigefinger auskommt und sich den existenziellen Fragen, die sich wahrscheinlich jeder von uns im Laufe seines Lebens schon einmal gestellt hat, auf eine leichte, aber dennoch kluge Art und Weise widmet. Lesenswert!

Clara Maria Bagus: Vom Mann, der auszog, um den Frühling zu suchen.
Allegria Verlag, ISBN 978-3-7934-2307-2, 208 Seiten, 14 Euro.

Westliche Weisheiten

Bei einem Besuch in einer beliebigen, größeren Buchhandlung fällt auf, dass „fernöstliche Weisheiten“ in allen Variationen etliche Regalmeter füllen. Der Dalai Lama, Lao-Tse, Konfuzius und alles, was in die Schublade „chinesisches Sprichwort“ gesteckt werden kann, erfreut sich ungebrochener Beliebtheit. Demgegenüber fällt ebenfalls auf, dass die Auswahl an Publikationen mit „westlichen Weisheiten“ nicht allzu atemberaubend ist, was allerdings sicher nicht daran liegt, dass die so genannte westliche Welt keine Geistesgrößen hervorgebracht hätte — im Gegenteil, denn immerhin sind das „alte“ Europa und der angloamerikanische Raum gerade in den Naturwissenschaften seit ein paar Jahrhunderten führend.

Und neben ihren bahnbrechenden Erkenntnissen haben die diversen Genies natürlich auch hin und wieder kluge Dinge gesagt, die sich wunderbar zitieren lassen. Zum Beispiel Werner von Siemens:

„Es kommt nicht darauf an, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen, sondern mit den Augen die Tür zu finden.“

oder Georg Christoph Lichtenberg:

„Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durchs Gedränge zu tragen, ohne jemandem den Bart zu sengen.“

Diese und 48 weitere Weisheiten hat der renommierte Wissenschaftsautor und Universalgelehrte Ernst Peter Fischer in seinem Buch „Noch wichtiger als das Wissen ist die Phantasie“ (in leicht abgewandelter Form wird dieses Zitat Albert Einstein zugeschrieben) zusammengetragen. Eine schöne Idee, aber fürs Poesiealbum eignen sich die Kollegen aus Fernost doch irgendwie besser, weil ihre Zitate etwas griffiger daherkommen. Dass „griffiger“ nicht unbedingt „tiefsinniger“ bedeuten muss, zeigt Ernst Peter Fischer gleich in der Einführung zu diesem Buch, wenn er eine beliebte Weisheit des Dalai Lama („Wenn du sprichst, wiederholst du nur, was du schon weißt, wenn du aber zuhörst, kannst du unter Umständen etwas neues erfahren.“) mit Hilfe Heinrich von Kleists als zumindest diskussionswürdig entlarvt.

Während „Noch wichtiger als das Wissen ist die Phantasie“ als bloße Aphorismen-Sammlung allerdings eher entbehrlich ist, glänzt das Buch auf einem ganz anderen Gebiet. Jeder Weisheit folgt nämlich eine kaum mehr als drei Seiten umfassende Kurzbiographie der jeweils zitierten Person. Ganz große Tiefe ist bei einem solch begrenzten Platz natürlich nicht zu erwarten, aber die Art und Weise, wie Ernst Peter Fischer Leben und Werk der Betreffenden charakterisiert und in einen größeren Zusammenhang einordnet, ist ebenso kenntnisreich wie unterhaltsam.

So ist „Noch wichtiger als das Wissen ist die Phantasie“ ein äußerst gelungenes, kluges Lesebuch, das man immer wieder gerne in die Hand nimmt und das dazu einlädt, sich intensiver mit hinreichend bekannten Größen wie Isaac Newton, Marie Curie und Charles Darwin auseinanderzusetzen oder andere, einer größeren Öffentlichkeit nicht ganz so geläufigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie James Clerk Maxwell, Barbara McClintock oder Jacques Monod eingehender kennenzulernen.


Ernst Peter Fischer: Noch wichtiger als das Wissen ist die Phantasie.
Penguin Verlag, ISBN 978-3-328-11111-5, 320 Seiten, 9 Euro.

kuerbis

Vermutlich dachte Anne Shirley, die Hauptfigur aus Lucy Maud Montgomerys vor allem im englischsprachigen Raum äußerst beliebter Kinderbuchreihe, bei ihrer Liebeserklärung an den Oktober an die paar wenigen sonnigen Tage, an denen alles in ein wunderbares Licht und satte Farben getaucht ist, das Laub beim Spaziergang durch den Wald oder Park so schön raschelt und es sich beim Kaffeetrinken und Zeitunglesen in der Nachmittagssonne fast noch ein wenig sommerlich anfühlt, ehe beim Heimkommen in den schon kühleren Abendstunden eine wärmende Kürbissuppe wartet.

Dass die Realität meistens ganz anders aussieht, weiß jeder, der schon morgens auf der Fahrt mit dem Rad zur Arbeit frierend feststellen muss, dass Handschuhe eine gute Idee gewesen wären, als Brillenträger mit ewig beschlagenen Gläsern oder hartnäckigem Nieselregen zu kämpfen hat und der beim Heimkommen in der Dunkelheit nicht von einer warmen Suppe, sondern von einer kalten Wohnung erwartet wird. Aber auch diesen schmuddeligen Tagen lässt sich ja durchaus etwas Positives abgewinnen: Wenn die Abende länger werden und man beim besten Willen keine Lust hat, sich länger als nötig im Freien aufzuhalten, bleibt schließlich wieder genug Zeit für Bücher, Serien und Filme (*) — und das ist doch auch gar nicht so schlecht.

In diesem Sinne: Ein geruhsames Herbstwochenende!


(*) Für alle, die ein paar Heimkino-Empfehlungen wünschen, hier noch zwei Tipps:
1) The Casual Vacancy — Ein plötzlicher Todesfall (2015); In der britischen Mini-Serie (drei Folgen á jeweils knapp 60 Minuten) nach J.K. Rowlings gleichnamigem Roman — dem ersten unter ihrem eigenen Namen, in dem es nicht um Harry Potter geht — löst der überraschende Tod des jungen Gemeinderatsmitglieds Barry Fairbrother in der Kleinstadt Pagford ein wahres Erdbeben aus. Beim Ringen um die Neubesetzung des freien Postens stellt sich nämlich schnell heraus, dass es in dem Städtchen längst nicht so idyllisch zugeht, wie es den Anschein macht und dass selbst die angesehensten Gemeindemitglieder ihre Leichen im Keller haben. Manchmal ein wenig überdreht inszeniert, aber dank des überzeugenden Ensembles und der feinen Balance zwischen Ernsthaftigkeit und britischem Humor durchaus sehenswert.
2) Monuments Men (2014); Der fünfte Spielfilm unter der Regie von George Clooney handelt von einer alliierten Sondereiheit, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von den Nazis geraubte Kunstwerke aufspürt. So heiter der Streifen — nicht zuletzt dank Bill Murray und John Goodman — stellenweise auch sein mag, so ernst sind die Fragen, die er aufwirft: Gibt es Kunstwerke, die von so unschätzbarem Wert sind, dass man für ihren Schutz Menschenleben riskieren darf? Was bleibt von einer Gesellschaft, wenn man sie ihrer Vergangenheit und ihrer Kultur beraubt? Ein toller Film und eine lohnende Ergänzung zu Anthony Doerrs Roman „Alles Licht, das wir nicht sehen“, der größtenteils zur gleichen Zeit spielt und sich einer ganz ähnlichen Thematik widmet.

Empfehlungen aus dem „Bücherbus“

Obwohl „Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ von David Whitehousewie hier ausführlicher besprochen — ein eher mittelprächtiger Roman ist, lässt sich aus den im Lauf der Geschichte erwähnten Büchern eine durchaus hübsche Leseliste mit vielen Klassikern für Jung und Alt (unten in alphabetischer Reihenfolge) zusammenstellen, mit der man den Herbst und Winter über beschäftigt sein dürfte:

  • Lewis Carroll: Alice im Wunderland (illustriert von Benjamin Lacombe, Jacoby & Stuart)
  • Roald Dahl: Charlie und die Schokoladenfabrik (Rowohlt)
  • Roald Dahl: Matilda (Rowohlt)
  • Antoine de Saint-Exupéry: Der kleine Prinz (Nikol Verlag)
  • Ian Fleming: Tschitti-Tschitti-Bäng-Bäng (auf Deutsch zur Zeit nicht erhältlich, Originalausgabe bei Candlewick)
  • Frances Hodgson Burnett: Der geheime Garten (Gerstenberg)
  • Ted Hughes: Der Eisenmann (auf Deutsch zur Zeit nicht erhältlich, Originalausgabe bei Faber & Faber)
  • Rudyard Kipling: Das Dschungelbuch (Steidl)
  • Clive King: Ein Freund wie Stig (auf Deutsch zur Zeit nicht erhältlich, Originalausgabe bei Puffin)
  • C.S. Lewis: Die Chroniken von Narnia (Gesamtausgabe bei Ueberreuter)
  • Herman Melville: Moby Dick (Insel Verlag)
  • J.K. Rowling: Harry Potter (alle Bände bei Carlsen)
  • John Steinbeck: Von Mäusen und Menschen (dtv)
  • Robert Louis Stevenson: Die Schatzinsel (Insel Verlag)
  • Jonathan Swift: Gullivers Reisen (Reclam)
  • Mark Twain: Die Abenteuer von Tom Sawyer (S. Fischer)
  • Mark Twain: Huckleberry Finn (Insel Verlag)