Zurück in gewohnter Form

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © Kiepenheuer & Witsch

Die autobiographisch geprägten Romane von Joachim Meyerhoff gehören zu meinen Lieblingsbüchern der vergangenen Jahre. „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, den dritten Band der „Alle Toten fliegen hoch“-Reihe, würde ich sogar ohne Zögern in die Liste meiner fünf Allzeit-Favoriten aufnehmen. Umso erfreulicher also, dass der Autor mit „Hamster im hinteren Stromgebiet“ nach dem nicht ganz so herausragenden vierten Teil „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ wieder zu gewohnter Form zurückfindet.

Das Tragische mit dem Komischen zu verbinden, war schon immer die große Stärke von Joachim Meyerhoff. Dass das auch diesmal wunderbar gelingt, ist angesichts des ernsten und bedrückenden Grundthemas des Buches nicht selbstverständlich. „Hamster im hinteren Stromgebiet“ nämlich beginnt mit einem Schlaganfall, den der damals am Wiener Burgtheater beschäftigte Schauspieler Meyerhoff an einem Freitagnachmittag kurz nach seinem 51. Geburtstag erleidet, als er gerade seiner Tochter bei den Schularbeiten hilft. Trotz einer schnellen Reaktion beginnen bange Stunden, denn der gerufene Notarztwagen fährt wegen der fehlenden Freigabe der Zentrale einfach nicht los. Dabei gilt bei einem Schlaganfall doch die Faustregel „Zeit ist Hirn“, wie der bleibende Schäden befürchtende Protagonist besorgt feststellt.

Natürlich wusste ich, dass ein Lebensfaden jederzeit reißen kann. Dennoch möchte ich davon erzählen, wie es ist, wenn die Selbstverständlichkeit der Existenz von einem Moment auf den anderen abhandenkommt. Man eben noch das war und jetzt dies sein soll.

Joachim Meyerhoff

Ein Schauspieler, der Probleme hat, sich seine Texte zu merken oder gar halbseitig gelähmt ist? Undenkbar — vor allem für einen wie Meyerhoff, der sich immer völlig verausgaben muss, „um auf der Bühne zu leuchten“.

Obwohl sich der Schlaganfall glücklicherweise als weniger schwer herausstellt und eine vollständige Genesung in Aussicht steht (die Ärzte im Wiener Spital sprechen verniedlichend von einem „Schlagerl“), hadert der Erzähler mit seinem Schicksal. Warum er und warum so früh? Gab es Warnzeichen, die er übersehen hatte? Was, wenn dem ersten Schlaganfall noch ein weiterer, deutlich schwererer folgen würde? All diese Gedanken bringen Joachim Meyerhoff um den Schlaf. Überhaupt versucht er, das Einschlafen zu vermeiden, aus Angst, nicht mehr aufzuwachen. So liegt er im Mehrbettzimmer der Intensivstation wach, ruft sich Textzeilen aus Stücken ins Gedächtnis und erinnert sich an Ereignisse aus seinem Leben.

Gerade aus diesen Erinnerungen speisen sich — neben diversen fein beobachteten Absurditäten des Klinikalltags — die komischen Momente des Buches. Herrlich, wie er auf einer Reise in den Senegal mit seiner Lebensgefährtin Sophie in jeglicher Hinsicht an die Grenzen der Belastbarkeit gerät oder wie ein Wortgefecht mit einer Wiener Seniorin vor der Kindertagesstätte seiner Tochter beinahe mit Handgreiflichkeiten endet. Solche zuweilen köstlichen Momente gibt es in „Hamster im hinteren Stromgebiet“ zuhauf, wobei sie trotz eines kurzen Gastauftritts der wunderbaren Großmutter aus „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ („Mooaaahhh!“) gelegentlich ein wenig zusammengewürfelt wirken. Aber so ist das nun einmal, wenn die Gedanken im Kopf Karussell fahren.

Die tragischeren Momente bleiben diesmal länger im Gedächtnis haften als die komischen. Es sind berührende Szenen, wenn es der Erzähler nicht übers Herz bringt, seiner herzkranken Mutter bei einem Telefonat mitzuteilen, dass er einen Schlaganfall hatte und im Krankenhaus liegt, oder wenn er sich nach einem Besuch von Frau und Töchtern fragt, wie er diese missliche Lage nur meistern könnte, wenn er keine Familie an seiner Seite wüsste.

Die „Alle Toten fliegen hoch“-Reihe gilt zwar eigentlich als abgeschlossen, aber dennoch hoffe ich sehr, dass uns Joachim Meyerhoff nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Autor noch lange erhalten bleibt — natürlich stets bei allerbester Gesundheit.

Zum Weiterlesen:

Norwegisches Trio

In diesem Herbst erscheinen gleich drei neue Bücher des norwegischen Krimi- und Thriller-Autors Jørn Lier Horst auf Deutsch. In zweien davon gibt es ein Wiedersehen mit dem seit Jahren bekannten und geschätzten Ermittler William Wisting („Wisting und der Atem der Angst“, Teil drei der Cold-Case-Reihe, steht ab Ende November in den Buchläden), das gemeinsam mit Thomas Enger verfasste „Blutzahl“ dagegen ist der erste Band einer neuen Thriller-Serie.

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © Droemer Verlag

Den Auftakt zu diesem „norwegischen Trio“ macht mit „Blindgang“ der zehnte reguläre Wisting-Fall, der im Original bereits 2015 erschienen ist. Dementsprechend spielt die Handlung eine ganze Weile vor den beiden bislang auf Deutsch erhältlichen Cold-Case-Büchern. Bei den höchst unterschiedlichen Veröffentlichungsterminen der beiden Reihen — noch dazu in verschiedenen Verlagen — ist es zuweilen gar nicht so einfach, den Überblick über den zeitlichen Rahmen der Geschehnisse zu behalten. Zur zeitlichen Einordnung für diejenigen, die mit den Krimis um William Wisting bereits vertraut sind: Zu Beginn von „Blindgang“ ist Wistings Tochter Line im achten Monat schwanger und gerade in die Nachbarschaft ihres Vaters gezogen — in den Cold-Case-Fällen schlüpft Opa William ja dann bereits regelmäßig in die Rolle des Babysitters.

Im Zentrum von „Blindgang“ stehen zwei Kriminalfälle, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: Zum einen die Suche nach einem spurlos verschwundenen Taxifahrer, zum anderen der Mord an einer Studentin, die in der Neujahrsnacht bei einem vermeintlich missglückten Raubüberfall erschossen wurde. Als das Taxi des Verschwundenen zusammen mit einem nicht unbeträchtlichen Vorrat an Drogen in einer Scheune entdeckt wird und sich herausstellt, dass die Studentin mit einem Revolver aus dem Safe des jüngst verstorbenen „Schmugglerkönigs“ Frank Mandt ermordet wurde, kommt Bewegung in die Sache und ein Zusammenhang zwischen den beiden Fällen scheint auf einmal wahrscheinlich. Wisting wittert natürlich sofort die richtige Fährte, aber zunächst gibt es allerlei Ungereimtheiten und Mosaiksteinchen, die sich erst nach und nach zu einem stimmigen Bild zusammenfügen.

Einmal mehr macht es großen Spaß, Wisting, seiner Tochter Line und seinen durchweg sympathischen und für Krimiverhältnisse erfreulich „normalen“ Kolleg*innen mehr als 450 Seiten bis zur endgültigen Aufklärung des Falles zu folgen. Hartgesottenen Thriller-Leser*innen könnte „Blindgang“ zu gemächlich und wenig actionreich sein, aber wer — wie ich — eher ein Faible für saubere Ermittlungsarbeit und differenziertere Töne abseits vom eindimensionalen „Gut-Böse-Schema“ hat, kommt hier voll auf seine Kosten. Anderswo tropft das Blut zwischen den Buchseiten hervor, bei Wisting dagegen darf es auch schon einmal menscheln. Und das ist gut so.

  • Jørn Lier Horst: Blindgang (deutsche Übersetzung von Andreas Brunstermann; Droemer Taschenbuch; 464 Seiten; 10,99 Euro). — VIELEN DANK AN DEN VERLAG FÜR DIE BEREITSTELLUNG DES REZENSIONSEXEMPLARS!

~ BESPRECHUNGEN DER BEIDEN ANDEREN NEUEN BÜCHER VON JØRN LIER HORST FOLGEN IM LAUF DER NÄCHSTEN MONATE IN DIESEM ARTIKEL. ~

Lektüre im August

WolffSchon wieder ein Monat (und damit auch dieser seltsame Sommer — zumindest in meteorologischer Hinsicht) vorbei und anders als im Juli, als meine Lektüren in den beiden Monatshälften thematisch jeweils recht gut zusammengepasst haben, war der August eher eine bunte Tüte. Los ging es mit „Liebe machen“, einem unterhaltsamen Roman von Moses Wolff. Mir hat das Buch ein paar vergnügliche, unbeschwerte Lesestunden bereitet, aber die Kritikpunkte, die im Buchperlenblog genannt werden, kann ich dennoch sehr gut nachvollziehen.


pochada„Visitation Street“ von Ivy Pochada knüpfte dann eher wieder an die beiden Bücher aus der ersten Juli-Hälfte an, wobei (Polizei-) Gewalt und Rassismus in der in der Gegenwart angesiedelten Geschichte nicht ganz so sehr im Zentrum stehen wie bei Colson Whitehead und Thomas Mullen. Vielmehr entwirft Ivy Pochada in ihrem Roman ein vielschichtiges Porträt eines Viertels in Brooklyn und dessen Bewohner*innen, die mit allerlei Problemen zu kämpfen haben.


DuveIn einer komplett anderen Welt spielt meine aktuelle und erst zur Hälfte beendete Lektüre. „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ von Karen Duve ist ein gerade in sprachlicher Hinsicht wunderbarer Historienschmöker über die junge Annette von Droste-Hülshoff, ihre ausufernde Familie und allerlei weitere Zeitgenossen wie die Gebrüder Grimm. Mit dem sehr umfangreichen Figurentableau hatte ich vor allem zu Beginn doch einige Probleme, aber mit der Zeit wuchs mir gerade die Hauptfigur, die zwischen den ganzen gezierten Biedermeiergestalten doch sehr emanzipiert und modern wirkt, sehr ans Herz.

Adlige Jungfern und aufstrebende Bürgerinnen zwitscherten wie frisch geschlüpfte Vögelchen. Nicht so Fräulein Nette. Ihr Alt dröhnte ungefragt dazwischen, wenn eine Herrenrunde sich ungestört glaubte, beleidigte die sensiblen Ohren der Männer und erschütterte ihr fragiles Selbstbewusstsein.


Zum Abschluss — wie gehabt — noch zwei kurze Empfehlungen zum Weiterlesen:

  1. Am 10. September erscheint mit „Hamster im hinteren Stromgebiet“ der fünfte Band von Joachim Meyerhoffs „Alle Toten fliegen hoch“-Reihe, in dem sich der Schauspieler und Autor mit seinem vor gut drei Jahren aus nahezu heiterem Himmel erlittenen Schlaganfall und dessen Folgen auseinandersetzt. Im aktuellen ZEIT-Magazin (Ausgabe 36/2020) findet sich ein bei aller Ernsthaftigkeit des Themas äußerst kurzweiliges Interview, das große Lust auf das Buch macht.
  2. Im kommenden Mai wird Nele Pollatschek („Das Unglück anderer Leute“) als Stadtschreiberin in meiner Heimatstadt Ansbach weilen. Über Sinn und vor allem Unsinn solcher Aufenthaltsstipendien für Schriftsteller*innen hat Ronja von Rönne schon vor mehr als fünf Jahren einen auch heute noch uneingeschränkt empfehlenswerten Text geschrieben. Trotzdem bin ich natürlich gespannt aufs Frühjahr 2021.

📷 Coverfotos © Piper Verlag, ars vivendi Verlag, Kiepenheuer & Witsch

Weit weg von Manhattan

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Red Hook, Brooklyn: Am Ende eines flirrend heißen Sommertages tragen die Teenagerinnen Val und June ein rosafarbenes Schlauchboot durch die nächtlichen Straßen ihres Viertels. Sie wollen zu den Piers und dann raus aufs Wasser — dorthin, wo in der Ferne die Lichter Manhattans glitzern wie die Verheißung einer besseren Zukunft. Warum die beiden 15-Jährigen dieses Wagnis eingehen, ist ihnen selbst nicht ganz klar. Sie wollen einfach raus, der Langeweile entfliehen. Überhaupt fühlen sie sich in ihrer Gegend wie Fremdkörper. Sie sind längst keine Kinder mehr, gehören aber auch noch nicht zu den coolen Highschool-Kids. Von den Gangs in den Projects, den Sozialbauten am Rande Red Hooks, halten sie sich lieber fern und die Hipster, die die Gegend zunehmend bevölkern, scheinen sowieso von einem anderen Stern zu kommen. Deshalb eben die Idee mit dem Schlauchboot — die hatte sonst keiner.

Am Ende kommt nur eines der beiden Mädchen zurück an Land: Val wird am nächsten Morgen halb tot am Ufer gefunden, June dagegen bleibt verschwunden. Ein tragischer Unfall oder ein Verbrechen? So oder so haben die Ereignisse weitreichende Folgen für die Figuren, die wir in Ivy Pochodas Roman „Visitation Street“ (deutsche Übersetzung von Barbara Heller) kennenlernen — und zwar nicht nur für die schwer traumatisierte Val. Da ist zum Beispiel Cree, ein etwas eigenbrötlerischer angehender Student aus den Projects, der trotz dünnster Beweislage schnell ins Visier der Polizei gerät:

[…] bei so einem Verbrechen können es die Cops kaum erwarten, einen Schwarzen einzubuchten. Auch wenn es gar kein Verbrechen gibt. Die behalten dich im Auge. An so was muss man denken, wenn man überleben will.

Oder Jonathan, einst ein aufstrebender Broadway-Star, der es aber nie geschafft hat, in die Fußstapfen seiner immens erfolgreichen Mutter zu treten und letzten Endes als Musiklehrer und Gelegenheits-Barpianist in Red Hook gelandet ist, wo er eine falsche Entscheidung nach der anderen trifft. Und natürlich der libanesische Kioskbetreiber Fadi, der aus seinem Laden den sozialen Treffpunkt der Nachbarschaft machen möchte, sich nach dem Vorfall mit dem Schlauchboot aber zunehmend in Klatsch und Tratsch verstrickt. Allen ist gemein, dass sie von einer besseren Zukunft außerhalb ihres Viertels träumen, aber doch nahezu unlösbar mit Red Hook verbunden sind — nicht zuletzt der Geister der Vergangenheit wegen, die durch die Straßen spuken.

Obwohl Ivy Pochodas Roman bereits 2013 entstand (der Nachfolger „Wonder Valley“ liegt schon seit letztem Jahr in deutscher Übersetzung bei ars vivendi vor), könnte er auch gut und gerne in diesem Sommer spielen, wobei die Thematik um „Black Lives Matter“ nur eine eher untergeordnete Rolle einnimmt. Vielmehr ist der Amerikanerin, die einst übrigens unter den Top-50 der Squash-Weltrangliste zu finden war, eine vielschichtige Charakterstudie und ein tolles Porträt eines Viertels und seiner Bewohner*innen gelungen. Die Sprache ist rau, aber doch poetisch, die Figuren sind trotz all ihrer Fehler größtenteils liebenswert und sogar Red Hook strahlt einen gewissen Charme aus, den man als Leser*in unweigerlich mit New York City verbindet.


Ivy Pochoda: Visitation Street (ars vivendi Verlag; 310 Seiten; 22 Euro).
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* Vielen Dank an den ars vivendi Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! *


📷 Beitragsfoto von mir

Ein kurzer Augenblick

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Fehmarn, Anfang September 1970: Auf der Ostseeinsel findet mit dem „Festival der Liebe“ eine Art deutsches Pendant zu Woodstock statt, wobei von Beginn an fast alles schief geht, was nur schief gehen kann. Zahlreiche berühmte Bands sagen ihre Teilnahme kurzfristig ab, auf dem von Wind und Regen gebeutelten Festivalgelände herrschen katastrophale hygienische Zustände, Sponsorin Beate Uhse reist entnervt ab und die Veranstalter werden wegen der chaotischen Organisation beinahe gelyncht. Allerdings gibt es in all dem Durcheinander auch einige Momente, die Musikgeschichte schreiben. Jimi Hendrix absolviert keine zwei Wochen vor seinem frühen Tod seinen letzten Festival-Auftritt und Ton Steine Scherben spielen ihr erstes großes Konzert — den Songtitel „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“ nehmen einige Festivalbesucher allzu wörtlich und lassen das Veranstalterzentrum kurzerhand in Flammen aufgehen.

Während des Hendrix-Konzerts treffen sich die Blicke von Dagmar aus Köln und Götz aus Hamburg — ein winziger, scheinbar unbedeutender Moment, der aber große Auswirkungen auf das weitere Leben der beiden damals 20-Jährigen hat. Wenige Wochen später begegnen sie sich am Eröffnungstag des Oktoberfests an der Bavaria ein weiteres Mal. Abermals werden keine Worte gewechselt und wieder ist es nur ein kurzer Augenblick, der aber einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Und zwar so sehr, dass Dagmar und Götz wie vom Schicksal gelenkt im folgenden Jahr am gleichen Tag zur Bavaria zurückkehren. Diesmal kommt es zu einem Kuss, aber im Wiesn-Trubel verlieren sich die beiden schnell aus den Augen. Lediglich das Versprechen, sich bei der nächsten Oktoberfest-Eröffnung wieder an derselben Stelle zu treffen, können sie sich noch geben. Daraus wird jedoch nichts, denn es kommt dazwischen, was eben ganz oft dazwischenkommt: das Leben. Dagmar wird eine erfolgreiche Journalistin und Götz findet später sein Glück in Griechenland. Die Begegnung auf dem Oktoberfest vergessen die zwei, die sich zwischendurch immer mal wieder sehr nahe kommen, ohne dass sie etwas davon ahnen, allerdings nie. Und ein weiteres Mal greift das Schicksal ein, wobei das auf der diesjährigen Wiesn spielende Finale des Romans wegen der coronabedingten Absage des Bierfestes in der Realität leider gar nicht stattfinden könnte…

Vordergründig hat der in München lebende Autor, Schauspieler und Musiker Moses Wolff mit „Liebe machen“ einen unterhaltsamen Roman mit einigen fast märchenhaften Elementen geschrieben, der seine beiden Protagonisten durch fünf Jahrzehnte bundesrepublikanischer Geschichte und Popkultur begleitet. Im Hintergrund schwingt aber die beinahe philosophische Frage mit, ob unser aller Leben nicht auch ganz anders verlaufen könnte. Nicht nur bei Dagmar und Götz sind es schließlich die kleinen Zufälle und die auf den ersten Blick unwichtigen Momente, die weitreichende Folgen haben.


Moses Wolff: Liebe machen (Piper Verlag; 288 Seiten; 10 Euro). #supportyourlocalbookstore

* Vielen Dank an den Piper Verlag und den Autor für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! *


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Nimm den Zug!

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In seiner Kindheit und Jugend war der Schwede Per J. Andersson viel mit dem Zug unterwegs — zuerst gemeinsam mit seiner Großmutter in der näheren Umgebung, dann mit Interrail kreuz und quer in Europa. Prägende Erlebnisse, aber irgendwann stieg der Autor, wie viele andere Menschen eben auch, aufs Flugzeug um. In erster Linie aus Gründen der Bequemlichkeit, denn gerade als Reisejournalist, der viel unterwegs ist und oft möglichst schnell von A nach B kommen muss, scheint die Eisenbahn doch das Nachsehen zu haben. Seit ein paar Jahren ist Per J. Andersson allerdings wieder bevorzugt mit dem Zug beruflich und privat auf Reisen — teils aus Gründen des Klimaschutzes, teils aus Nostalgie, aber vor allem, weil Zugfahren oft doch praktischer, schneller und viel schöner ist, als manche Vielflieger meinen.

Wir wollen die Liebe zu den Gleisen besingen, die Vertrautheit mit der Lok und das freie, geschmeidige und ungebundene Bahnreisen. Die Förderung von Zugreisen sollte als ein Angriff auf die destruktiven Kräfte unserer Zeit aufgefasst werden. Unser Ziel ist, Auto und Flugzeug zu zwingen, sich dem Zug zu unterwerfen.

Mit „Vom Schweden, der den Zug nahm und die Welt mit anderen Augen sah“ (Deutsch von Susanne Dahlmann) hat der Besteller-Autor (u.a. „Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine große Liebe wiederzufinden“) nun ein Loblied auf die Eisenbahn geschrieben, das allerdings auch mit kritischen Tönen nicht geizt. Vor allem die in den letzten Jahrzehnten extrem auf Flug- und Autoverkehr fixierte Verkehrspolitik in vielen Ländern kommt verständlicherweise überhaupt nicht gut weg. Die Folgen davon erlebt Per J. Andersson am eigenen Leib, als er versucht, mit regulär verkehrenden Zügen auf der klassischen Route des Orient-Express von Paris nach Istanbul zu reisen. Von der Pracht, die man unter anderem aus Agatha Christies berühmtem Kriminalroman und dessen Verfilmungen kennt, ist nicht mehr viel übrig geblieben: komplizierte Fahrkartenbuchungen, sechs Umstiege und Fahrten mit zum Teil sehr heruntergekommenen Zügen machen eher wenig Lust, sich selbst einmal auf diese Strecke zu wagen.

Das Positive allerdings überwiegt auf den Reisen, die Per J. Andersson unternimmt und auf sehr sympathische, leicht zu lesende Art beschreibt. In den Bernina-Express möchte man am liebsten sofort einsteigen und die Erlebnisse auf den langen Fahrten durch Indien erinnern an Wes Andersons farbenprächtigen Film „Darjeeling Limited“. Hoffnung macht ebenfalls, dass in immer mehr Ländern längst eingestellte Nachtzugverbindungen ein Revival erleben. Besonders tut sich da die österreichische ÖBB mit ihren „Nightjet“-Zügen hervor. Inwiefern die Corona-Krise Auswirkungen auf viele geplante Bahnprojekte hat, wird die Zukunft zeigen, aber insgesamt ist der Eisenbahnverkehr auf einem durchaus guten Weg.

Zu diesem Fazit kommt man jedenfalls nach der Lektüre von „Vom Schweden, der den Zug nahm und die Welt mit anderen Augen sah“, dieser sehr kurzweiligen Mischung aus Reisereportage, Kulturgeschichte der Eisenbahn von ihren Anfängen bis in die Gegenwart, und Reiseführer (am Ende der einzelnen Kapitel und im umfangreichen Anhang finden sich allerlei Tipps und Links, die bei der Planung eines Urlaubs mit der Bahn — egal, ob in Europa oder in fernen Ländern — enorm hilfreich sind). Außerdem macht sich schon während des Lesens jede Menge Fernweh und Entdeckungslust breit — ein größeres Lob kann man einem Reisebuch eigentlich kaum machen.


Per J. Andersson: Vom Schweden, der den Zug nahm und die Welt mit anderen Augen sah (C. H. Beck Verlag, 379 Seiten, 16,95 Euro).
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* Vielen Dank an den C. H. Beck Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! *


📷 Beitragsfoto von mir

Lektüre im Juli (2)

OrtheilGing es in der ersten Julihälfte noch um zwei Bücher mit gesellschaftlich relevanten Themen (die Vorstellung eines weiteren Romans zu diesem Themenkomplex folgt im Laufe der nächsten Wochen), stand die zweite Monatshälfte ganz im Zeichen des Urlaubs, den man — ich kann es gar nicht oft genug wiederholen — in diesem Jahr am besten lesend zu Hause verbringt. Zum Beispiel mit dem wunderbaren, hier bereits ausführlich gelobten Italien-Lesebuch von Hanns-Josef Ortheil.


AnderssonFür Eisenbahn-Nostalgiker, begeisterte Zugreisende und alle, die es aus Gründen des Klimaschutzes oder der Entschleunigung gerne werden möchten, empfiehlt sich Per J. Anderssons „Vom Schweden, der den Zug nahm und die Welt mit anderen Augen sah“. Angesichts des leicht irreführenden Titels sei darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Buch um eine Mischung aus Reisereportage, Kulturgeschichte und Reiseführer handelt und keineswegs um einen Roman im Stile der Bestseller von Jonas Jonasson. Das schwedische Original heißt schlicht „Ta tåget“, zu Deutsch also „Nimm den Zug“, was ein treffender, aber wohl nicht ganz so marketingwirksamer Titel ist. Eine ausführlichere Besprechung folgt dieser Tage.


Zum Ende dieses Beitrags noch zwei kurze Empfehlungen zum Weiterlesen:

    1. „Alte Sorten“, den großartigen Roman von Ewald Arenz über zwei ungleiche Frauen, Weinfranken im Spätsommer und alte Birnensorten, gibt es nun auch als günstige Taschenbuchausgabe.
    2. Max Scharnigg hat dem Sprungturm, zumindest für Jugendliche der zentrale Ort eines jeden Freibads, einen herrlichen Artikel gewidmet, bei dem man jeden Satz unterstreichen möchte.

📷 Coverfotos © btb Verlag, C. H. Beck Verlag

Unterwegs in Italien

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Seit Goethes „Italienischer Reise“ ist das Land südlich der Alpen ein Sehnsuchtsziel nicht nur der Deutschen. Und damit beginnt schon die ganze Misere — malerische, oft in den höchsten Tönen besungene Orte ziehen nun einmal ganz viele andere Menschen an und sind auf einmal gar nicht mehr malerisch, sondern überfüllt, laut und ganz dem Kommerz unterworfen. Venedig mag einem da als besonders abschreckendes Beispiel einfallen, aber auch stundenlanges Anstehen vor den Uffizien bei brütender Sommerhitze oder grölende Jungesell*innenabschiede am Adriastrand werfen einen dunklen Schatten auf so manche Italienreise.

Deshalb ist es nicht nur in Corona-Zeiten sinnvoll, die Dinge mit einem gewissen Sicherheitsabstand zu betrachten und sich bequem vom heimischen Leseplätzchen aus von einem kundigen Begleiter herumführen zu lassen. Für Italien kann man sich dabei kaum einen besseren Reiseführer vorstellen als Hanns-Josef Ortheil, für den das Land in den fünf Jahrzehnten seit seinem ersten, prägenden Aufenthalt in Rom als Abiturient zu einer zweiten Heimat geworden ist. Mehr als 15 Bücher des sehr produktiven Schriftstellers drehen sich ganz oder teilweise um Italien — „Italienische Momente“ ist nun eine kommentierte Auswahl von Passagen aus diesen mal fiktiven, mal autobiographischen Werken.

Rom nimmt dabei einen besonderen Stellenwert ein. Wie erwähnt, war die Ewige Stadt nicht nur die erste Italienerfahrung des damals hoffnungsvollen jungen Pianisten, sondern auch später im Leben immer wieder das Ziel längerer Aufenthalte, zum Beispiel als Stipendiat in der Villa Massimo, der Deutschen Akademie. Natürlich darf im Rom-Part des Buches auch der alte Goethe nicht fehlen, dem wir bei seiner Ankunft in der Stadt im Oktober 1786 begegnen.

Auch in Venedig spazieren wir mit einem berühmten Schriftsteller umher, nämlich mit Ernest Hemingway, dem Ortheil im vergangenen Jahr den Roman „Der von den Löwen träumte“ widmete. Außerdem erfahren wir, dass Hanns-Joseph Ortheil bei seinem ersten Venedig-Besuch 1970 gleich der Trauerfeier von Igor Strawinsky beiwohnte und lernen, was eine gute Bar, Dreh- und Angelpunkt des italienischen Soziallebens, ausmacht:

Die Qualität einer Bar bemisst sich nicht selten an der Qualität ihres Cappuccino. In schlechten Bars verliert sich der dünne Schaum schon beim Servieren im Caffè und löst sich schon bald in einer milchigen Brühe auf; in einer guten Bar aber ist er beinahe so steif wie Eierschnee und kragt leicht über den Rand der Tasse. Wenn Du sie jetzt an die Lippen setzt, spürst Du zuerst das weiche Schaumbett der Milch, dann strömt der Caffè aus der Tiefe nach und lagert sich auf diesem Bett, es ist, als hättest Du eine luftige, flüssige Praline zu Dir genommen.

Später geht es weiter nach Sizilien, wo die Feinheiten des Dorfklatsches ergründet werden und natürlich an die Strände der Adria, wo sich die Zeit im besten Fall zwischen Liegestuhl und dem sanften Meeresrauschen komplett auflöst.

„Italienische Momente“ ist ein wunderbares Sommerbuch, das zum neugierigen Flanieren und zum Entdecken der Bücher des großen Erzählers und feinen Beobachters Hanns-Josef Ortheil einlädt, es aber auch verzeiht, wenn man mal ein paar Seiten überfliegt oder sogar überblättert.


Hanns-Josef Ortheil: Italienische Momente (btb Verlag, 320 Seiten, 12 Euro). #supportyourlocalbookstore

* Vielen Dank an den btb Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! *


📷 Beitragsfoto von mir

Noch lange nicht das Ende

Hannes Wittmer 2 (Fotocredit - Christoph Naumann)_BLOG

Eigentlich sollte Hannes Wittmer gerade irgendwo in Kanada unterwegs sein. Aber weil in dieser Zeit viele Dinge ganz anders sind als sie eigentlich sein sollten, lebt der Musiker nun eben auf einem Campingplatz bei Würzburg in einem selbst ausgebauten Campingbus — seine Wohnung hatte er im Vorgriff auf seine geplante Reise bereits gekündigt.

Immerhin blieb in den zwangsläufig sehr ruhigen letzten Monaten jede Menge Zeit, um neue Songs zu schreiben, die nun auf der EP „Das Ende der Geschichte“ (der Titel bezieht sich auf Francis Fukuyamas berühmte These aus den Neunzigern, die sich inzwischen als grandiose Fehleinschätzung herausgestellt hat) zu hören sind. Vier Lieder über „Ängste, Ratlosigkeit, Hoffnung, die menschliche Natur und das Abschiednehmen von Altbekanntem“, wie Hannes Wittmer selbst sagt. Und gerade mit dem Abschiednehmen von Altbekanntem kennt sich der Unterfranke schließlich bestens aus: Seine musikalische Laufbahn führte ihn unter dem Pseudonym Spaceman Spiff bis nach Hamburg zum Indie-Vorzeigelabel Grand Hotel Van Cleef, außerdem veröffentlichte er mit Finn-Ole Heinrich das literarisch-musikalische Gemeinschaftsprojekt „Du drehst den Kopf, ich dreh den Kopf“ und spielte zahllose Konzerte. Im Jahr 2018 entschied Hannes Wittmer schließlich, dem Musikbusiness komplett den Rücken zu kehren und auf eigene Faust weiterzumachen. Unter seinem bürgerlichen Namen veröffentlichte er das Album „Das große Spektakel“, das er ausschließlich auf seiner Homepage als Stream und zum Download auf „Pay what you want“-Basis anbot. Genauso verhält es sich nun auch mit „Vom Ende der Geschichte“, das es auf jeden Fall wert ist, ein paar Euro (oder auch ein paar mehr) in den virtuellen Hut des klugen und sympathischen Songschreibers zu werfen.

🎧 Zum Anhören von „Das Ende der Geschichte“ bitte hier entlang.

🚩 Geplante Konzerte: 28. August — Köln (Stadtgarten), 29. August — Essen (Zeche Carl), 4. September — Ludwigsburg (Scala), 6. September — Erlangen (E-Werk), 12. September — Hamburg (Knust Lattenplatz), 13. September — Lüneburg (Schröders Garten).


📷 Beitragsfoto © Christoph Naumann

Lektüre im Juli (1)

u1_978-3-596-70253-4In seinem mit allerlei Preisen (darunter so renommierte wie der Pulitzer Preis und der National Book Award) ausgezeichneten  und mit Lob überhäuften Roman „Underground Railroad“ (übersetzt von Nikolaus Stingl) macht Colson Whitehead aus dem titelgebenden informellen Netzwerk, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schwarze Sklaven aus den Südstaaten bei der Flucht in den Norden oder nach Kanada unterstützte, kurzerhand eine echte, in unterirdischen Tunneln verkehrende Eisenbahnlinie. Ein Kniff, der beim Lesen des Buches meist gar nicht so spektakulär rüberkommt, wie er auf den ersten Blick scheint. In einem Absatz allerdings wird klar, warum Colson Whitehead dieses fantastische Element gewählt hat — immerhin erklärt sich in wenigen Sätzen, wie das finstere Kapitel der Sklaverei die Geschichte der Vereinigten Staaten maßgeblich geprägt hat und bis in die Gegenwart hineinwirkt:

Lumblys Worte fielen ihr ein: „Wenn man sehen will, was es mit diesem Land auf sich hat, dann muss man auf die Schiene. Schaut hinaus, während ihr hindurchrast, und ihr werdet das wahre Gesicht Amerikas sehen.“ Es war also von vornherein ein Witz. Auf ihren Fahrten herrschte vor den Fenstern nur Dunkelheit, und dort würde auch immer nur Dunkelheit herrschen.

Fazit: Trotz einiger Längen in der Handlung unbedingt lesenswert. Ein ebenso lehrreicher wie aufwühlender Roman, der noch lange nachwirkt.


csm_9783832165048_1d3078b837„Darktown“ (übersetzt von Berni Mayer), der erste Teil von Thomas Mullens gleichnamiger Trilogie, die im November mit dem dritten Band „Lange Nacht“ abgeschlossen wird, spielt ebenfalls im Süden der USA, aber knapp ein Jahrhundert nach „Underground Railroad“. Die Sklaverei ist im Jahr 1948 längst abgeschafft, es gibt eine kleine schwarze Mittelschicht und das Atlanta Police Department hat erstmals eine Einheit farbiger Polizisten aufgestellt, darunter der College-Absolvent und Predigersohn Lucius Boggs sowie der Kriegsveteran Tommy Smith, die beiden Protagonisten des Romans. Von Gleichberechtigung kann aber trotz dieser Errungenschaften längst keine Rede sein: Boggs, Smith und ihre Kollegen sind allerhöchstens Beamte dritter Klasse ohne besonders weitreichende Befugnisse, Atlanta ist fein säuberlich nach Hautfarben getrennt (der Titel des Buches spielt auf das Viertel Sweet Auburn an, das von den weißen Bewohnern der Stadt abschätzig „Darktown“ genannt wird) und der Rassismus ist so tief in Gesellschaft und Institutionen verwurzelt wie eh und je. Selbst- und Lynchjustiz, weiße Seilschaften, Polizeigewalt, soziale Ungerechtigkeit und Korruption sind nur die schlimmsten der Probleme, mit denen sich Boggs und Smith bei der Aufklärung des Mordes an einer jungen farbigen Haushälterin herumschlagen müssen. Dabei ist der Kriminalfall letztlich nur der Motor, der die Handlung vorantreibt — vielmehr ist Thomas Mullen ein düsteres und oft brutales, aber an manchen Stellen auch Hoffnung machendes Gesellschaftsporträt geglückt, das zwar in der Vergangenheit spielt, aber über weite Strecken auch heute noch erschreckend aktuell ist. Eine ganz große Empfehlung!

💡 Mehr über Thomas Mullens „Darktown“-Romane gibt es beim Kaffeehaussitzer,  eine Auswahl afroamerikanischer Literatur findet sich bei der SZ.


📷 Coverfotos © S. Fischer Verlag, Dumont Verlag