Unterwegs mit Büchern

Die britischen Bibliotheken befinden sich seit einer Weile in einem beklagenswerten Zustand (mehr dazu zum Beispiel in diesem SZ-Artikel). Vor allem die kleinen Leih- und Fahrbüchereien in ländlichen, strukturschwachen Gegenden werden entweder kaputtgespart oder gleich ganz geschlossen, was sich nicht gerade positiv auf die Alphabetisierung der jungen Generation auswirkt. Auch dem Bücherbus aus „Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ von David Whitehouse geht es an den Kragen, was die Ereignisse des Romans erst richtig in Gang setzt.

Whitehouse

Wie es sich für einen ordentlichen Roadtrip-Roman gehört, steht mit besagtem Bücherbus ein angemessen außergewöhnliches Gefährt bereit, das gefüllt ist mit mehr oder weniger problemgeplagten Außenseitern. Im Zentrum der Geschichte befindet sich der zwölf Jahre alte Bobby Nusku, der seit dem „Verschwinden“ seiner Mutter (später erfährt man, dass „Verschwinden“ eher euphemistisch zu verstehen ist) mit detektivischer Akribie ihren vermeintlichen Spuren folgt, keinen rechten Draht zu seinem Vater und dessen neuer Freundin hat und obendrein in der Schule schikaniert wird. Als sich schließlich auch noch sein einziger und bester Freund Sunny beim Versuch, sich in einen Cyborg zu verwandeln (!) schwer verletzt und wenig später mit seiner Familie wegzieht, bricht Bobbys Welt vollends zusammen. In Val, die mit der Arbeit als Putzfrau im Bücherbus sich selbst und ihre geistig behinderte Tochter Rosa halbwegs über Wasser hält, findet der Junge eine verständnisvolle Ersatzmutter. Als auch Val, die nach der Schließung der Fahrbibliothek um ihre berufliche Existenz fürchten muss, in eine ernsthafte Krise schlittert, stiehlt das ungleiche Trio, beseelt von der Lektüre unzähliger Bücher, in denen es ja auch immer irgendwie weitergeht, kurzerhand den Bücherbus und macht sich auf eine ungewisse Reise ohne festes Ziel. Auf dem Weg stößt noch der desillusionierte Ex-Soldat und Landsteicher Joe zu dem illustren Grüppchen — auch er hat natürlich einen außergewöhnlichen Lebenslauf mit einigen Geheimnissen und verfolgt seine ganz eigenen Interessen.

„In jedem Buch gibt es irgendeinen Hinweis auf dein eigenes Leben“, sagte sie. „Auf diese Weise sind die Geschichten alle miteinander verbunden. Du erweckst sie zum Leben, wenn du sie liest und dann wirst du das, was darin passiert, auch selbst erleben.“
„Das glaub ich nicht, dass ich Sachen erlebe, die in irgendwelchen Büchern stehen“, sagte er.
„Da irrst du dich aber“, antwortete sie. „Du hast es einfach noch nicht erkannt.“

Kein Zweifel: Die Geschichte, die der 1981 geborene Brite David Whitehouse hier erzählt, hat jede Menge Potenzial, aber ganz so herausragend ist der Roman am Ende leider dennoch nicht geraten. Teilweise ist das wohl dem Umstand geschuldet, dass sich die vielen Bücher, in deren Mittelpunkt schräge Figuren und abenteuerliche Roadtrips stehen, allesamt ein wenig ähneln und es dementsprechend schwer ist, noch etwas aufregend Neues hinzuzufügen. Andererseits wirkt „Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ trotz aller guter Einfälle ein wenig unzusammenhängend. Die einzelnen Kapitel hängen zum Teil beinahe ein wenig in der Luft, ohne dass sich daraus ein großes Ganzes ergibt. Recht oberflächlich bleibt David Whitehouse leider auch bei der Beschreibung seiner Charaktere — das ist sehr schade, weil es doch einige Figuren gibt, von denen man gerne etwas mehr erfahren würde. Allein der im letzten Drittel auftauchende „Baron“ wäre interessant genug, um ihm einen eigenen Roman zu widmen.

So bleibt am Ende festzuhalten, dass „Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ ein unterhaltsam zu lesender Roman über die Magie von Freundschaft und guten Büchern ist, der seine vorhandenen Stärken und guten Ansätze leider nicht ganz ausspielt.

David Whitehouse: Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek.
Deutsch von Dorothee Merkel, Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-41884-4, 320 Seiten, 9,99 Euro.

Ein Mann und seine Eule

Die Kombinationen „Frau und Habicht“ (Helen Macdonald: „H wie Habicht“) und „Frau und Schnecke“ (Elisabeth Tova Bailey: „Das Geräusch einer Schnecke beim Essen“) haben in Buchform ja bereits blendend funktioniert, mit „Die Eule, die gern aus dem Wasserhahn trank“ ist nun auch die Paarung „Mann und Eule“ als Taschenbuchausgabe erhältlich. Beim Mann handelt es sich um Martin Windrow, die Eule ist die Waldkauzdame Mumble, die der britische Militärhistoriker und Autor knapp anderthalb Jahrzehnte lang zuerst in seiner kleinen Wohnung im siebten Stock eines Londoner Mietshauses und später in einer geräumigen Voliere im Garten seines Hauses im ländlichen Sussex hielt.

dscn8840

Während die tierischen Begleiter in den beiden anderen genannten Büchern in einschneidenden Lebenssituationen zu ihren Besitzerinnen kamen und ihnen Halt und Beistand in einer schweren Situation gaben (bei Macdonald war es die Trauer nach dem Tod ihres geliebten Vaters, bei Tova Bailey eine rätselhafte, lebensbedrohliche Erkrankung, die sie mehrere Jahre lang ans Bett fesselte), ist die Faszination Windrows für Eulen dem Zufall geschuldet und eher profan. Mitte der siebziger Jahre begeisterten ihn die Greifvögel auf der Farm seines Bruders und dessen Frau — allen voran die zahme Eule Wol — so nachhaltig, dass er sich selbst unbedingt ebenfalls einen Steinkauz anschaffen musste. Das recht mürrische, Wellington getaufte Tier und sein Besitzer wurden allerdings nie warm miteinander, so dass es wohl für keinen der Beteiligten ein Schaden war, als der nachtaktive Jäger in einem unbeobachteten Moment in die Freiheit entwischte. Ganz so schnell aufgeben wollte Windrow nach dieser Pleite allerdings nicht. Der zweite Versuch sollte mit besserer Vorbereitung und vor allem mit einer jungen, noch auf eine Person zu prägenden Eule erfolgen, nämlich eben jener damals nur wenige Wochen alten Mumble, deren plüschigem Charme der Autor von der ersten Sekunde an verfallen war:

Liebe auf den ersten Blick — wenn sie einen spät trifft, dann mit voller Wucht. Mich traf sie mit 34 Jahren, und ich sollte die nächsten fünfzehn Jahre von ihr erfüllt bleiben.

Darüber, ob es sinnvoll und erstrebenswert ist, ein Wildtier ohne Not in einer nicht gerade artgerechten Umgebung zu halten, kann man natürlich geteilter Meinung sein, aber man darf Martin Windrow wohl durchaus hehre Absichten unterstellen. Allein der Umstand, dass er erst viele Jahre nach Mumbles für ihn sehr schmerzhaften Tod wieder einen Blick in die alten Notizbücher werfen konnte, auf deren Einträgen „Die Eule, die gern aus dem Wasserhahn trank“ größtenteils basiert, spricht bereits Bände über die innige Beziehung der beiden ungleichen Partner. So ist es auch wirklich eine große Freude, Windrows liebevollen und mit trockenem britischen Humor gewürzten Erzählungen über seine Jahre mit Mumble, deren Entwicklung und die vielen Rituale, die die beiden pflegten, zu folgen.

Manchmal, so viele Jahre später, erscheint Mumble mir immer noch im Traum; und jedes Mal, wenn dies geschieht, überflutet mich eine Woge zärtlicher Dankbarkeit.

Ein wenig getrübt wird die Freude an der Lektüre allerdings durch die etwas eigenwillige und stellenweise zusammengeflickt wirkende Mischung aus Tagebucheinträgen, nachträglichen Erinnerungen und Erläuterungen sowie Wissenswertem über Eulen im Allgemeinen und Waldkäuze im Besonderen, die den Lesefluss dann und wann zum Stocken kommen lässt. Gerade die Passagen über Biologie, Evolution und Mythologie der Eulen sind zwar größtenteils interessant und lehrreich, lesen sich aber fast so trocken wie Lexikonartikel zu dem Thema.

So bleibt am Ende ein leicht zwiespältiger Eindruck zurück: Einerseits ist „Die Eule, die gern aus dem Wasserhahn trank“ ein sympathisches, charmantes und durchaus unterhaltsames Buch, andererseits erreicht es längst nicht die Brillanz von Helen Macdonalds „H wie Habicht“.

Martin Windrow: Die Eule die gern aus dem Wasserhahn trank. Deutsch von Sabine Hübner, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-30788-8, 320 Seiten, 10 Euro.

Im August gelesen

Schon wieder ein Monat vorbei und obwohl sich der Sommer teilweise recht bitten ließ, hatte der August doch gerade gegen Ende viel Sonne und tropische Temperaturen zu bieten. Perfekte Bedingungen also für Ferienlektüre — dicke Schmöker (aktuell bin ich gerade noch mit „Der Circle“ von Dave Eggers beschäftigt), leichte Krimis und ein Wiedersehen mit einem meiner Lieblingsfilme (diesmal in Buchform) standen auf dem Programm.

DSCN8778

{Großartig}
Anthony Doerr — Alles Licht, das wir nicht sehen.
Ein wunderbarer Schmöker (nicht nur) für die Ferienzeit. Klug konstruiert mit verschiedenen Handlungs- und Zeitebenen, mit einer packenden, berührenden Geschichte sowie sympathischen, gut gezeichneten Hauptfiguren. Im letzten Drittel droht der Handlung zwischenzeitlich ein wenig die Puste auszugehen, aber zum Glück bekommt der zu Recht für diesen Roman mit einem Pulitzer Preis ausgezeichnete Anthony Doerr rechtzeitig wieder die Kurve.

{Gut}
Miroslav Nemec — Die Toten von der Falkneralm.
Krimidebüt des aus dem Münchner „Tatort“ bekannten Schauspielers, der sich selbst gleich zum Protagonisten macht und als solcher in eine an Agatha Christie erinnernde Mordserie verwickelt wird. Die mit viel Selbstironie vorgetragenen Anekdoten aus dem Leben des Autors machen den Roman trotz der eher mauen Krimihandlung sympathisch und lesenswert. >> hier entlang zur ausführlichen Besprechung

N.H. Kleinbaum — Der Club der Toten Dichter.
Nicht die Romanvorlage des großartigen Films mit Robin Williams, sondern ein Roman auf Basis des Filmdrehbuchs. Sprachlich kein ganz großes Glanzstück (was womöglich aber vor allem an der holprigen deutschen Übersetzung liegt), aber insgesamt gerade für Freundinnen und Freunde des Films eine lohnenswerte Lektüre.

{Schwach}
Caroline Eriksson — Die Vermissten.
Psychothriller aus Schweden, der leider allzu vorhersehbar und bemüht daherkommt. Nicht verkehrt als Strandlektüre, aber angesichts der vielen lobenden Kritiken doch eher eine Enttäuschung. >> hier entlang zur ausführlichen Besprechung

Miroslav Nemec: Die Toten von der Falkneralm

Die Toten von der Falkneralm von Miroslav Nemec
Bild: Knaus Verlag

Manche Schauspieler verschmelzen über die Jahre so eng mit einer Rolle, dass man irgendwann gar nicht mehr weiß, wo die Privatperson aufhört und die fiktive Figur beginnt. Ein gutes Beispiel ist da wohl Miroslav Nemec, der seit einem Vierteljahrhundert den Kommissar Ivo Batic im Münchner „Tatort“ gibt und gar nicht mehr so recht zu trennen ist von seinem Alter Ego oder seinem langjährigen Serienpartner Udo Wachtveitl alias Franz Leitmayr, dem er über die Jahre auch optisch immer ähnlicher geworden ist. So gesehen ist es nur konsequent, dass Miroslav Nemec für seinen ersten Kriminalroman „Die Toten von der Falkneralm“ gar keinen neuen Protagonisten ersonnen hat, sondern einfach die Figur in einen Kriminalfall stolpern lässt, die ohnehin allen bereits hinlänglich vertaut ist, nämlich sich selbst.

Als prominenter Gast eines „Mörderischen Wochenendes“ in einem Berghotel in Berchtesgaden soll die Romanfigur Miroslav Nemec, die dem „echten“ Miroslav Nemec natürlich sehr ähnlich ist, aus einem Krimi von Henning Mankell lesen und außerdem bei einem Kamingespräch ein wenig aus dem Nähkästchen eines berühmten TV-Kommissars plaudern. Dummerweise verhindert ein aufziehender Sturm, dass alle angemeldeten Gäste pünktlich zum nur per Seilbahn zu erreichenden Hotel anreisen können, weshalb sich am Vorabend der Veranstaltung nur ein kleines Grüppchen eingefunden hat, aus dessen Mitte ein Herr bald tot im hoteleigenen Swimmingpool treibt. Ein tragischer Unfall, wie es zunächst aussieht — als sich aber kurz darauf ein zweiter und ein dritter Todesfall ereignen, steht fest, dass es jemand mit dem „mörderischen Wochenende“ wohl etwas zu genau genommen hat.

Eine fiktive Krimihandlung, vermischt mit etwas Schwank aus dem eigenen Leben als bekannter Schauspieler und „Tatort“-Kommissar — mit seinem Romandebüt wagt sich Miroslav Nemec zugegebenermaßen auf recht dünnes Eis, zumal bei so einer Mixtur durchaus die Gefahr besteht, dass am Ende nichts Ganzes und nichts Halbes herauskommt. Umso erfreulicher ist es da, dass „Die Toten von der Falkneralm“ tatsächlich ein natürlich in erster Linie für Freundinnen und Freunde der Münchner „Tatort“-Episoden unterhaltsames und lesenswertes Buch geworden ist. Der Kriminalfall an sich ist zwar weder schrecklich originell noch fürchterlich spannend, insgesamt aber völlig in Ordnung, da er sich mit Agatha Christie und Patricia Highsmith immerhin an Vorbildern orientiert, mit denen man so gut wie nichts verkehrt machen kann. Der große Pluspunkt des Romans ist sowieso der Tonfall, in dem er geschrieben ist. Der sympathische Plauderton und die große Portion Selbstironie, mit denen Miroslav Nemec die Geschichte erzählt und dabei immer wieder Anekdoten aus seinem wirklichen Leben einstreut — die Verwechslungsgefahr mit dem Kollegen Udo Wachtveitl und der TV-Figur Ivo Batic inklusive — macht viel Spaß und lässt locker darüber hinwegsehen, dass „Die Toten von der Falkneralm“ keine neuen Maßstäbe im Krimi-Genre setzt.

DSCN8750

Miroslav Nemec: „Die Toten von der Falkneralm“. Knaus Verlag; ISBN 978-3-8135-0702-7; 256 Seiten; 19,99 Euro.

Im Rahmen des Münchner Krimifestivals stellt Miroslav Nemec seinen Roman am Samstag, 10. September, im Circus Krone vor. Weitere Lesungen folgen im Lauf des Herbstes — die Termine finden sich hier.

Caroline Eriksson: Die Vermissten

Bild: Penguin Verlag
Bild: Penguin Verlag

„Psychologische Spannung auf höchstem Niveau.“ — ”Ein würdiger Nachfolger von Gillian Flynns ’Gone Girl’.“ — „…eine der heißesten Spannungsautorinnen.“

Jede Menge Vorschusslorbeeren hat die Schwedin Caroline Eriksson für ihren Psychothriller „Die Vermissten“, der in nicht weniger als 25 Ländern erscheint, bereits eingeheimst und auch Vergleiche mit der oben genannten Gillian Flynn oder „Girl on the Train“, dem letztjährigen Erfolgsthriller von Paula Hawkins, ließen nicht lange auf sich warten. Bleibt die Frage, ob all die Aufregung letzten Endes nur heiße Luft ist oder ob „Die Vermissten“, übrigens eine der ersten Neuerscheinungen im deutschen Ableger des Penguin Verlags, tatsächlich das Zeug dazu hat, die Leserinnen und Leser in den letzten Sommerferienwochen kollektiv an die Liegestühle zu fesseln.

Ganz so eindeutig lässt sich diese Frage auch nach der Lektüre nicht beantworten, zumal das Buch diverse Stärken wie auch einige Schwächen aufweist. Aber von vorne: Während eines spätsommerlichen Bootsausfluges verschwinden Alex und Smilla, der Ehemann und die vierjährige Tochter der Ich-Erzählerin Greta, bei einem kurzen Landgang auf einer kleinen Insel spurlos. Als noch nicht einmal feststeht, ob die beiden über ihrem Spiel womöglich einfach die Zeit vergessen haben oder im morastigen Waldboden feststecken und Hilfe benötigen, ist sich Greta sicher, dass etwas Schreckliches passiert sein muss. Statt sich jedoch sofort an die Polizei zu wenden, reagiert sie hektisch, planlos und unvernünftig. Zunehmend verstrickt sich Greta durch ihre Handlungen und Aussagen in Widersprüche, so dass sich vor den Augen der Leserinnen und Leser ein Mosaik ausbreitet, das es nach und nach zusammenzusetzen gilt. Ob das Verschwinden von Alex und Smilla allerdings mit Gretas Vergangenheit, die voller Schatten und dunkler Geheimnisse steckt, zu tun hat, oder gar mit der Gruppe mysteriöser, dunkel gekleideter Jugendlicher, auf die die Protagonistin im Laufe der Geschichte trifft, soll hier natürlich nicht verraten werden.

DSCN8724Caroline Eriksson gelingt es trefflich, eine für skandinavische Thriller fast schon standesgemäße düstere und beklemmende Atmosphäre mit einem leichten Mystery-Touch heraufzubeschwören. Zudem ist Ich-Erzählerin Greta eine interessante, wenn auch nicht gerade fürchterlich sympathische Protagonistin, die ständig zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Wirklichkeit und Wahn hin- und herschwankt — ein Verwirrspiel, auf das man sich gerne einlässt. So liest sich „Die Vermissten“ zwar flott und kurzweilig, andererseits gelingt es dem Roman nur selten, seine Leserinnen und Leser vollends in den Bann zu schlagen. Dafür ist die Handlung, deren plötzliche Wendungen zumindest zum Teil recht vorhersehbar sind, stellenweise beinahe schon ein wenig zu verworren und konfus. Die Spannungskurve, die sich zu Beginn kontinuierlich aufbaut, flacht im Verlauf der gut 270 Seiten doch ein wenig ab und steigert sich erst zum leider etwas konstruiert wirkenden Schluss hin wieder. Thriller wie die bereits erwähnten „Gone Girl“ oder „Girl on the Train“, die ebenfalls größtenteils von einer unzuverlässigen und wankelmütigen Ich-Erzählerin getragen werden, wirken da insgesamt etwas stimmiger und „runder“.

So bleibt am Ende ein etwas zwiespältiger Gesamteindruck: Ein paar spannende Lesestunden beschert einem „Die Vermissten“ zwar durchaus, aber das ganz große Highlight ist der Roman eben auch nicht.

Caroline Eriksson: „Die Vermissten“. Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn. Penguin Verlag; ISBN 978-3-328-10038-6; 272 Seiten; 13 Euro.

Ferienprogramm (2)

DSCN8723
Momentan herrscht zwar kein richtiges Sommerwetter, aber mit einer Zeitung und Kaffee lässt es sich auf dem Balkon trotzdem aushalten.

Lesenswert: Zumindest für Film und Fernsehen war 1986 ein gutes Jahr und so feiert neben der immer wieder sehenswerten Serie „Irgendwie und Sowieso“ von Franz Xaver Bogner mit „Stand By Me — Das Geheimnis eines Sommers“ (Regie: Rob Reiner) auch einer meiner Lieblingsfilme sein dreißigstes Jubiläum. Im Interview mit Yahoo! Movies erinnern sich die beiden Drehbuchautoren Bruce A. Evans und Raynold Gideon unter anderem an Stephen Kings erste Reaktion auf den Film, der auf dessen Erzählung „Die Leiche“ basiert.

Sehenswert: Jedes Jahr ein Film — nach diesem Rhythmus arbeitet Woody Allen bereits seit Jahrzehnten und daran scheint sich auch trotz des fortgeschrittenen Alters des Regisseurs so schnell nichts zu ändern. Der aktuelle Streifen „Café Society“ läuft am 10. November in den deutschen Kinos an, am Nachfolger (unter anderem mit Kate Winslet und Justin Timberlake in tragenden Rollen) wird bereits gearbeitet. Außerdem ist Woody Allen demnächst in einer für Amazon produzierten, in den sechziger Jahren spielenden Serie namens „Crisis in Six Scenes“ zu sehen, in der er in die Rolle des (natürlich) neurotischen Schriftstellers Sidney Muntzinger schlüpft. Einen ersten Vorgeschmack gibt auf die Serie gibt folgender Trailer:

Ausgezeichnet: Zum zweiten Mal vergibt die Kulturstaatsministerin Monika Grütters in diesem Jahr den Deutschen Buchhandlungspreis. Gut 500 unabhängige Buchhandlungen haben sich für den Preis beworben, 118 davon hat eine Jury unter dem Vorsitz von Iris Radisch nun nominiert. Aus Nürnberg haben es die Buchhandlung Pelzner (Eibacher Hauptstraße 50) sowie die Gostenhofer Buchhandlung (Eberhardshofstr. 17) in die „Endrunde“ geschafft. Die mit unterschiedlichen Preisgeldern honorierten Auszeichnungen werden am 5. Oktober in Heidelberg verliehen.

Ferienprogramm

In der Ferienzeit geht es in diesem Blog ein wenig ruhiger zu. Schließlich ist der August nicht dazu erfunden worden, viele Stunden mit dem Internet zu verbringen, sondern vielmehr dazu, an Gewässern zu sitzen, Sandburgen zu bauen, Eis zu essen und sich den dicken Schmökern zu widmen, für die während des restlichen Jahres die Zeit fehlt (hier momentan das mit dem Pulitzer-Preis gekrönte „Alles Licht, das wir nicht sehen“ von Anthony Doerr). Ein paar Leseempfehlungen, interessante Terminhinweise und andere Kleinigkeiten möchte ich dann und wann aber doch loswerden. Kommt gut durch den Sommer!

DSCN8713
Macht vor, was im Sommer zu tun ist: Das Rhinozeros der polnischen Künstlerin Dorota Hadrian, momentan zu sehen vor dem Nürnberger Opernhaus.

Lesenswert: Der kanadische Journalist und Autor Robert Moor, Verfasser des Buches „On Trails“ (Simon & Schuster), erzählt auf Buzzfeed, wie sich sein Körper während seiner Wanderung auf dem Appalachian Trail verändert hat — und zwar auf eine Art und Weise, die so weit weg ist von dem üblichen Selbstfindungsquatsch diverser anderer Wandermemoiren, dass man sofort Lust bekommt, „On Trails“ einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Diskussionswürdig: Thomas Steinfeld erklärt in der SZ, warum das bejubelte Theaterstück „Harry Potter and the Cursed Child“ letztlich nicht mehr ist als eine beschleunigte Wiederholung der Wiederholung und warum das dort entworfene Gesellschaftsbild wunderbar zum „Brexit“ passt. Eine gekürzte Fassung des Artikels gibt es hier zu lesen.

Für den Terminkalender: Vom 25. bis 28. August findet das diesjährige, mittlerweile 36. Erlanger Poetenfest statt. An diversen Spielorten in der Innenstadt gibt es dann wieder — oft bei freiem Eintritt — Lesungen (allen voran natürlich die beliebte „Revue der Neuerscheinungen“), Diskussionsrunden, Ausstellungen und Workshops, unter anderem mit Deborah Feldman, Tilman Rammstedt, Teresa Präauer, Ilja Trojanow, Herta Müller, Raoul Schrott und Connie Palmen. Der komplette Zeitplan mit allen Veranstaltungen findet sich hier.

Im Juli gelesen

Bücher_Juli

Man kann bekanntlich nicht raus aus seiner Haut — aber zumindest probieren kann man es ja mal. So wie der frischgebackene Nicolas-Born-Preisträger Joachim Meyerhoff in „Alle Toten fliegen hoch. Amerika“ (Kiepenheuer & Witsch), dem ersten Teil seiner autobiographisch geprägten Romantrilogie. Während eines Austauschjahres in den USA möchte sich der heutige Schauspieler und Theaterregisseur Mitte der 80er Jahre vom unscheinbaren Teenager und eher schwachen Schüler aus der norddeutschen Provinz zum gefeierten High-School-Basketballstar und Mädchenschwarm wandeln. Selbstredend gelingt ihm das eher mäßig, weil unter anderem mangelndes Basketballtalent, Nasenbluten wegen der ungewohnten Höhenlage seines neuen Wohnortes Laramie im US-Bundesstaat Wyoming und eine familiäre Tragödie dazwischenkommen. All das beschreibt Joachim Meyerhoff so einfühlsam, humorvoll und kurzweilig, dass man sofort danach die beiden anderen Bände seiner Memoiren, „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ und „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, ebenfalls lesen möchte.

Sein altes Ich hat auch Sherlock Holmes nicht ganz abgelegt, als er im Jahr 1915 als Ruheständler und Bienenzüchter im ländlichen Sussex lebt. Dass in ihm immer noch der alte Meisterdetektiv schlummert, muss seine junge Assistentin Mary Russell, ein altkluges Waisenmädchen mit scharfem Verstand, am eigenen Leib erfahren, als sie sich zusammen mit Holmes im Auftakt zu Laurie R. Kings hierzulande nie so recht gewürdigten Krimireihe mit einem verzwickten und lebensgefährlichen Fall konfrontiert sieht. Mehr über „Die Gehilfin des Bienenzüchters“ (Rowohlt Verlag, antiquarisch erhältlich) lest Ihr hier.

Ganz und gar unfreiwillig nicht mehr ganz sie selbst sind die Menschen, die uns der Neurologe Oliver Sacks, dessen Todestag sich am 30. August zum ersten Mal jährt, in den 24 Fallstudien von „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ (Rowohlt Verlag) vorstellt. Wir treffen auf Menschen, die auf einmal den Geruchssinn eines Hundes entwickeln, keine Gesichter mehr erkennen können, ihre eigenen Gliedmaße für die von Fremden halten oder seit einer halben Ewigkeit in einer Zeitschleife gefangen sind. Oliver Sacks betrachtet seine Patienten in seinen Beschreibungen zwar stets humorvoll und augenzwinkernd, aber immer mit viel Empathie und ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Obwohl sich die Forschung in den gut drei Jahrzehnten seit dem ersten Erscheinen des Buches rasant weiterentwickelt hat, ist es auch heute noch eine lohnende Lektüre, die uns lehrt, dass selbst kleinste Unregelmäßigkeiten und Verletzungen unser gewohntes Leben komplett aus der Bahn werfen können. Dankbarkeit für die eigene Gesundheit und das Bewusstsein, dass sich dieser Zustand auch schnell ändern kann — das sind wahrlich nicht die schlechtesten Dinge, die ein Buch bei seinen Leserinnen und Lesern wecken kann.

Rückzugsorte (1)

DSCN8675

Wenn die wirkliche Welt zu beängstigend und unübersichtlich wird, hilft es immer, sich für ein Weilchen auszuklinken und in eine Bibliothek oder einen Buchladen zurückzuziehen. Zum Beispiel in die oben abgebildete „Buchhandlung Walther König & Designshop im Neuen Museum“ (Luitpoltstraße 5, Nürnberg), die — entsprechend ihrer Lage im bzw. am Neuen Museum Nürnberg — auf Literatur und Bildbände zu den Themen Kunst, Design und Fotografie spezialisiert ist und obendrein allerlei hübsche Designobjekte für zu Hause im Angebot hat.

(Apropos Neues Museum: Im Foyer ist noch bis zum 4. September die sehenswerte, fast schon zur alljährlichen Tradition gewordene Ausstellung „100 beste Plakate Deutschland — Österreich — Schweiz“ zu sehen.)

Der alternde Sherlock Holmes und seine junge Assistentin

King

Spätestens seit dem riesigen Erfolg der BBC-Serie mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman hat fast alles Hochkonjunktur, was in irgendeiner Form mit Sherlock Holmes zu tun hat. Umso erstaunlicher erscheint es vor diesem Hintergrund, dass die Holmes-Reihe der Amerikanerin Laurie R. King, deren 14 Bände (der aktuellste, „The Murder of Mary Russell“, erschien dieses Frühjahr) sich im englischsprachigen Raum seit gut 20 Jahren großer Beliebtheit erfreuen, bei uns keinen rechten Anklang finden will. Der Rowohlt Verlag veröffentlichte zwar einst die ersten vier Bücher der Serie in deutscher Übersetzung, doch seit geraumer Zeit sind auch diese Romane nur noch antiquarisch erhältlich.

Ein Jammer eigentlich, denn schon „Die Gehilfin des Bienenzüchters“, der erste Band, ist ein sehr gelungener, charmanter Pastiche, der stilistisch und vom gesamten Tonfall her ziemlich nahe an die Originale von Sir Arthur Conan Doyle herankommt. Zeitlich sind die Romane von Laurie R. King etwas später angesiedelt als die Werke Doyles und sowohl die Baker Street 221b als auch Dr. Watson (der allerdings weiterhin ein gern gesehener Gast ist) sind passé. Sherlock Holmes, zu Beginn der Handlung im Jahr 1915 Mitte Fünfzig, hat sich — begleitet von seiner treuen Haushälterin Mrs. Hudson — in ein Anwesen im ländlichen Sussex zurückgezogen, wo er sich in erster Linie der Bienenzucht und der wissenschaftlichen Erforschung der Insekten widmet. Während dieser Tätigkeit lernt er die zu diesem Zeitpunkt 15-jährige Mary Russell kennen, ein ebenso neugieriges wie altkluges Mädchen, das es mit dem scharfen Intellekt Holmes‘ locker aufnehmen kann. Fortan fungiert Mary, die schnell bei Sherlock Holmes in die Lehre geht, als Erzählerin der Geschehnisse und quasi als „Ersatz-Watson“ (Laurie R. King, die im Vorwort augenzwinkernd betont, sie sei gar nicht die Autorin dieser Geschichten, sondern hätte nur zufällig die Aufzeichnungen der Mary Russell gefunden und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, schlüpft demnach in die Rolle Arthur Conan Doyles). Diese Idee geht wunderbar auf, denn zum einen ist Mary allein wegen ihres Geschlechts und ihres Alters ein starker Gegenpart zu Holmes, zum anderen ist sie eine deutlich eigenständigere Figur als der zuweilen etwas arg tapsige Dr. Watson.

Von der eigentlichen Handlung soll an dieser Stelle gar nicht allzu viel verraten werden — nur so viel: Das Kennenlernen von Mary und Holmes und die ersten Jahre der ungewöhnlichen Freundschaft nehmen eine recht zentrale Stellung in „Die Gehilfin des Bienenzüchters“ ein. So sind bis zum zentralen Fall des Romans nicht nur drei Jahre — Mary ist zu diesem Zeitpunkt bereits volljährig und Studentin in Oxford –, sondern auch gut 200 Seiten verstrichen. Etwas straffer hätte die Geschichte also durchaus ausfallen dürfen, aber auch da ist Laurie R. King ganz nah am Vorbild, kommen doch zumindest die „echten“ Holmes-Romane ebenfalls nicht ganz ohne ein paar Längen aus. Freundinnen und Freunde von Sherlock Holmes kommen hier jedenfalls trotz dieser kleinen Schwäche auf jeden Fall auf ihre Kosten, zumal Mary Russell eine Figur ist, die man schnell ins Herz schließt und der ältere Sherlock Holmes ein wenig milder und nahbarer wirkt.

Es lohnt sich also, in Antiquariaten nach den deutschen Übersetzungen (der hier vorgestellte Roman wurde von Eva Malsch ins Deutsche übertragen) zu stöbern oder gleich auf die englischsprachigen Originale zurückzugreifen.