Mariko und Jillian Tamaki: Ein Sommer am See

Ein Sommer am See

Sommerurlaube sind, sofern man sie stets am gleichen Ort zu verbringen pflegt, so sehr von familieninternen Ritualen geprägt wie sonst wohl nur das gemeinsame Weihnachtsfest. Immer der gleiche zeitliche Ablauf, die gleichen Fixpunkte, die seit Jahren erzählten Insiderwitze und ein ständig wachsender Schatz an Anekdoten machen einen irgendwann glauben, es hätte diese Sommerurlaube schon seit unzähligen Jahren gegeben und sie würden sich bis in alle Ewigkeit wiederholen.

Auch Rose, gerade am Anfang der Pubertät, kommt es so vor, als würde sie bereits seit vielen Jahrzehnten mit ihren Eltern jeden Sommer in das immer gleiche Ferienhaus im unspektakulären Örtchen Awago Beach kommen. Die Tage dort fließen in einer gemächlichen Mixtur aus den typischen Strandaktivitäten, dem abendlichen Grillen und Nächten am Lagerfeuer ineinander. Wichtigste Gefährtin für Rose ist die knapp eineinhalb Jahre jüngere Windy, die ebenfalls seit Urzeiten ihre Sommerferien in Awago Beach verbringt. In dem Jahr, in dem “Ein Sommer am See”, die vielfach preisgekrönte — zuletzt mit dem renommierten “Eisner Award” — Graphic Novel der Cousinen Mariko und Jillian Tamaki, spielt, ist jedoch alles ein klein wenig anders als zuvor. Zwischen Roses Eltern kriselt es gewaltig (den sehr traurigen Grund dafür erfahren wir erst gegen Ende) und statt entspannter Fröhlichkeit dominiert ein unguter Wechsel aus lautstarken Streits und zermürbendem Schweigen. Auch mit Windy versteht sich Rose nicht mehr ganz so blendend wie früher: Während Windy nach wie vor Freude an “Kinderkram” wie Sandburgen und klebrigen Süßigkeiten hat, interessiert sich Rose auf einmal für die älteren Teenager aus dem Ort. Vor allem der fast schon volljährige Duncan, der als Aushilfe im örtlichen Tante-Emma-Laden jobbt und objektiv betrachtet ein ziemlicher Versager ist, wird von Rose aus der Ferne angehimmelt. Viel bekommt er davon natürlich nicht mit — einerseits fehlt ihm jegliches Interesse an dem deutlich jüngeren Mädchen, andererseits steckt er gerade in sehr ernstzunehmenden Schwierigkeiten, die seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen.

Mit “Ein Sommer am See” ist Mariko und Jillian Tamaki nicht nur eine ruhig erzählte und mit stimmigen Bildern unterlegte Coming-of-Age-Geschichte gelungen, sondern auch etwas Allgemeingültigeres. Immerhin neigen wir alle dazu, Dinge, die irgendwie schon immer da waren, als selbstverständlich hinzunehmen und ihnen deshalb kaum mehr die Beachtung zu schenken, die sie eigentlich verdient hätten. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir sie zu verlieren drohen. Das offene Ende dieser beeindruckenden, ebenso melancholischen wie humorvollen Graphic Novel — wer weiß, ob ein weiterer gemeinsamer Sommer am See folgt — sollte uns allen eine Warnung sein und zugleich ein Ansporn, den wichtigen Menschen und Dingen in unseren Leben mehr Wertschätzung zu schenken.

♦  Mariko und Jillian Tamaki: Ein Sommer am See. Aus dem Englischen von Tina Hohl, Lettering von Michael Hau. Reprodukt, ISBN 978-3-95640-025-4, 320 Seiten; € 29.

Ben Galliers: Neues Video zu “Love Isn’t All We Need”

Fußballer und Musik: In der Regel ist das keine Kombination, von der man sich allzu geschmackvolle Dinge erwarten darf. Ben Galliers könnte da eine der wenigen Ausnahmen sein, die diese Regel nur bestätigen. Der Engländer kam Anfang des neuen Jahrtausends aus seiner Heimat Coventry nach Deutschland, um sich als Profifußballer zu versuchen. Der große Durchbruch blieb ihm allerdings verwehrt und nach einem kurzen Gastspiel bei Rot-Weiß Essen sowie einer Saison bei Dynamo Dresden widmete er sich fortan seiner zweiten Leidenschaft, der Musik.

Mit seiner Band hat der britische Wahlhamburger nun ein Debütalbum namens “Calm Seas Don’t Make Good Sailors” eingespielt, das am 4. September erscheinen wird. Das vorab veröffentlichte “Love Isn’t All We Need” jedenfalls macht mit seinem zeitgemäßen Folk-Pop schon einmal neugierig auf die Platte. Anfang Oktober gibt Ben Galliers zwei Solo-Konzerte, wenig später folgt eine ausgedehnte Tour im Vorprogramm von Gloria.

Termine:
09.09.15 Hamburg — Kleiner Donner
10.09.15 Münster — Hot Jazz Club
01.10.15 Bremen — Kulturzentrum Lagerhaus (mit Gloria)
02.10.15 Erfurt — Stadtgarten (mit Gloria)
03.10.15 München — Strøm (mit Gloria)
04.10.15 (Ö) Wien — Chaya Fuera (mit Gloria)
09.10.15 Köln — Gloria Theater (mit Gloria)
10.10.15 Hannover — Pavillon (mit Gloria)
11.10.15 Stuttgart — Im Wizemann (mit Gloria)
16.10.15 Essen — Weststadthalle (mit Gloria)
17.10.15 Frankfurt — Sankt Peter (mit Gloria)
18.10.15 Berlin — Astra Kulturhaus (mit Gloria)
23.10.15 Münster — Skaters Palace (mit Gloria)
24.10.15 Hamburg — Grünspan (mit Gloria)
12.11.15 Rostock — Helgas Stadtpalast (mit Gloria)
13.11.15 Leipzig — Werk 2 (mit Gloria)
14.11.15 Magdeburg — Moritzhof (mit Gloria)

Camilla Grebe/Åsa Träff: Mann ohne Herz

Mann ohne HerzSchwedenkrimis spielen gerne im Herbst oder Winter. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um einen dramaturgischen Kniff, der das triste Innenleben der oft seelisch zerrissenen oder schwer depressiven Protagonisten unterstreichen oder einen “würdigen” Rahmen für schlimmste Untaten liefern soll. “Mann ohne Herz”, der vierte Thriller um die ehemalige Stockholmer Psychotherapeutin Siri Bergman, die zu Beginn dieses Falls gerade ihren neuen Job als Profilerin bei der Polizei der schwedischen Hauptstadt aufgenommen hat, ist da anders, da der Zeitraum der Handlung während einer ungewöhnlichen Hitzewelle angesiedelt ist. Auch dahinter darf man einen dramaturgischen Kniff vermuten, da die drückende Atmosphäre der aufgeheizten Großstadt bestens zur Brisanz des Verbrechens passt: Ein aus diversen Fernsehsendungen und Klatschmagazinen bekannter homosexueller Antiquitätenhändler wurde ermordet in seiner Wohnung aufgefunden, das sauber aus dem Körper der Leiche entfernte Herz in eine dekorative Silberschale drapiert. Womöglich die Tat eines verrückten Schwulenhassers, zumal das medienaffine Opfer schon längere Zeit in Internetforen und den sozialen Medien mit derben Kommentaren und mehr oder weniger offenen Drohungen überzogen wurde. Die sehr gezielt und offenbar bestens geplante Durchführung der Tat lässt Siri Bergman und ihre Kollegen allerdings an ein etwas vielschichtigeres Motiv als puren Hass auf Homosexuelle glauben — als es weitere Opfer gibt, scheint sich diese These zu bestätigen.

Trotz des brisanten gesellschaftlichen Themas ist “Mann ohne Herz” ein eher konventioneller Thriller, dessen Ende leider beinahe ein wenig uninspiriert und profan ausgefallen ist. Lesenswert ist das Buch aber dennoch, vor allem wegen der verschiedenen Familienentwürfe, die das Geschwister-Duo Camilla Grebe und Åsa Träff seinen Figuren auf den Leib geschneidert hat. Der Vater in einer der wenigen “klassischen” Kernfamilien, die einem während der Lektüre begegnen, bemüht sich nach Kräften, seine homosexuelle Vergangenheit geheim zu halten, ansonsten finden sich zum Beispiel eine verwitwete Frau, die mit einem deutlich jüngeren Partner und dem gemeinsamen Sohn in wilder Ehe zusammenlebt, eine alleinerziehende Mutter, die beinahe am Spagat zwischen Karriere und der Erziehung ihrer drei Kinder (von denen eines obendrein geistig behindert ist) zerbricht, oder ein Mann, der aufgrund seines gefährlichen Jobs keine feste Beziehung eingehen will und sein eigentlich feinfühliges Wesen hinter der Fassade eines großspurigen Machos verbirgt. So unterschiedlich die angesprochenen Menschen auch sein mögen: Wirklich glücklich ist keiner von ihnen. Letzten Endes ist wohl das wirklich Erschreckende an diesem Roman dementsprechend auch die Erkenntnis, dass man heutzutage zwar eine Wahl zwischen den unterschiedlichsten Beziehungs- und Lebensmodellen hat, wirkliche Zufriedenheit aber dennoch genauso schwer zu erreichen ist wie seit jeher.

♦  Camilla Grebe/Åsa Träff: Mann ohne Herz. Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs. btb Verlag, ISBN 978-3-442-74913-3, 448 Seiten; € 9,99.

Weitere Fälle für Siri Bergmann:
— Die Therapeutin
— Das Trauma
— Bevor du stirbst

Paper Beat Scissors: Neues Video zu “Lawless”

Die Essenz zwischenmenschlicher (Liebes-) Beziehungen hat der Regisseur Derek Branscombe aus Montreal auf ästhetisch sehr anspruchsvolle Art und Weise ins Musikvideo zu “Lawless”, der neuen Single von Tim Crabtree alias Paper Beat Scissors, gepackt. Der Song selbst passt sich den Bildern natürlich nahtlos an — ruhige Momente von großer Intimität wechseln sich ab mit kraftvollen Ausbrüchen, über all dem schwebt die sanfte Stimme von Tim Crabtree.

“Lawless” ist zugleich ein Vorgeschmack auf das kommende Album von Paper Beat Scissors. “Let Go” erscheint am 14. August (Forward Music Group), eine Tour durch Österreich und Deutschland folgt in der ersten Oktoberhälfte.

Und nun: Fünf Minuten Zeit nehmen, zurücklehnen und genießen!

Termine:
01.10.15 (Ö) Graz — Orpheum
02.10.15 (Ö) Weyer — Bertholdsaal
03.10.15 (Ö) Wien — Waves Vienna Festival
07.10.15 Köln — Tsunami
08.10.15 Hamburg — Knust Bar
09.10.15 Duisburg — Steinbruch
11.10.15 Münster — Fachwerk
12.10.15 Berlin — Monarch
14.10.15 Mainz — Schon schön
15.10.15 Freiburg — Swamp
16.10.15 Erfurt — Franz Mehlhose

Buchtipps kurz & knapp [No. 1]

Blasmusikpop

Der Debütroman der Österreicherin Vea Kaiser, eine Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, Dorfchronik und Familienroman, hat alles, was ein gelungener Schmöker braucht: Sympathisch schräge Charaktere, große Erzählfreude, viel Witz (nicht zuletzt für Freundinnen und Freunde der Filme von Marcus H. Rosenmüller) und jede Menge brillante Einfälle. Bam Oida! Fix! Kruzisacra! Leiwand!

Vea Kaiser: Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam. Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-04603-8, 496 Seiten; € 9,99.

Diese kurzen Buchempfehlungen findet Ihr jetzt und in Zukunft nebst diversen anderen Bildern auch bei Instagram (@buchbube).

Sommermodus, Teil 2

GetreideDie große Hitze mag zwar erst einmal vorbei sein, aber am etwas ruhigeren “Sommermodus” hat sich nichts geändert. Deswegen an dieser Stelle nur ein paar kurze Empfehlungen zum Lesen, Sehen und Hören.

Lesen: Der etwas alberne Titel und die Covergestaltung haben mich bislang immer davon abgehalten, einen Blick in “Blasmusikpop” von Vea Kaiser zu riskieren. Nun bin ich gut zur Hälfte durch mit dem Debütroman der jungen Österreicherin, deren Zweitwerk “Makarionissi” in diesem Frühjahr erschienen ist, und ziemlich angetan davon. Die gerne vorgebrachten Vergleiche mit John Irving kann ich zwar (noch) nicht ganz nachvollziehen, dafür erinnert mich das Buch aber mehr als nur ein wenig an die Filme des von mir sehr geschätzten Marcus H. Rosenmüller. Auch nicht schlecht…

Sehen: Da im Sommer in der Regel der allergrößte Quatsch in den Kinos läuft (ab heute etwa “Terminator Genisys”), lohnt es sich, etwas ältere Lieblingsfilme ein weiteres Mal anzuschauen oder Streifen zu entdecken, die einem bisher entgangen sind. Zum Beispiel “Ein gutes Herz”, einen herrlich knorrigen Film des Isländers Dagur Kári aus dem Jahr 2009. Brian Cox spielt darin den (natürlich nur nach außen hin) menschenfeindlichen New Yorker Barbesitzer Jacques, der den obdachlosen Lucas (wie immer großartig: Paul Dano) unter seine Fittiche nimmt und in die Geheimnisse des Geschäfts einführt. Neben kauzigen Charakteren und lebensklugen Dialogen erklärt “Ein gutes Herz” außerdem, warum die Zubereitung guten Kaffees eine große Kunst ist, die man gar nicht ernst genug nehmen kann. Allein deshalb schon sehr sehenswert!

Hören: Maurice O’Connor alias Sample Answer hat eine eindrucksvolle Frisur und eine ebenso eindrucksvolle Stimme. Demnächst veröffentlicht der junge Musiker aus Dublin seine Debüt-EP “Good Boy” — der vorab zu hörende Song “Hold On To Me” ist schon einmal ein vielversprechender Vorgeschmack darauf.

Hören II: Noch ein Musiker mit einer eindrucksvollen Haarpracht (allerdings nicht auf dem Kopf, sondern im Gesicht) ist der geschätzte William Fitzsimmons. Demnächst ist der amerikanische Songwriter mit der sanften Stimme wieder einmal für ein paar Konzerte in Deutschland, im Gepäck hat er unter anderem die Lieder seines gelungenen neuen Mini-Albums “Pittsburgh”.

Termine:
28.07.15 Darmstadt — Centralstation (Merck-Sommerperlen)
29.07.15 Marburg — KFZ
05.08.15 Luhmühlen — A Summer’s Tale Festival
08.08.15 Lingen – Alter Schlachthof
09.08.15 Düsseldorf – Zakk (Internationaler Musiksommer)
23.08.15 Köln — Gloria (C/O Pop Festivals)

Paula Hawkins: Girl on the Train

Sollte jemand in diesem Sommer nur einen einzigen Spannungsroman lesen, ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass es sich dabei um “Girl on the Train” von Paula Hawkins handelt. Das Thriller-Debüt der in Simbabwe aufgewachsenen Britin hat sich in den USA und Großbritannien mehrere Millionen Mal verkauft, Hollywood hat sich natürlich längst die Filmrechte gesichert und auch in hierzulande kann man kaum eine Buchhandlung betreten, ohne vor einem großen Stapel mit Exemplaren dieses Romans zu stehen.

Girl on the Train

Letzten Endes bedient sich Paula Hawkins in “Girl on the Train” eines klassischen Thriller-Motivs, das man zum Beispiel aus Alfred Hitchcocks auf einer Kurzgeschichte des Autors Cornell Woolrich basierenden “Das Fenster zum Hof” bestens kennt: Jemand beobachtet Details zu einem Verbrechen, aber niemand schenkt dem Beobachter Glauben, weshalb sich dieser dann eben auf eigene Faust mit dem Fall beschäftigt und natürlich schnell in große Gefahr gerät. Die Beobachterin heißt in diesem Fall Rachel, ist Anfang Dreißig und an einem toten Punkt im Leben angekommen. Ihr Kinderwunsch hat sich nicht erfüllt, ihre Ehe ist längst in die Brüche gegangen, sie leidet unter Depressionen und einem inzwischen massiven Alkoholproblem. Dieses hat auch dazu geführt, dass sie ihren Job in einer PR-Agentur verloren hat. Da sie es allerdings bisher nicht übers Herz gebracht hat, ihrer Mitbewohnerin und Vermieterin von dieser letzten Niederlage zu erzählen, fährt sie einfach immer noch jeden Tag mit dem Pendlerzug in Richtung London und schlägt dort bis zum “Feierabend” die Zeit tot.

Ihr Blick aus dem Zugfenster bleibt dabei regelmäßig an ihrer alten Nachbarschaft hängen, an dem Haus, in dem sie und ihr Ex-Mann Tom früher gewohnt haben und in dem Tom nun mit seiner neuen Frau und dem gemeinsamen Töchterchen lebt. Noch größere Aufmerksamkeit bei Rachel weckt aber das junge Paar ein paar Häuser weiter, offenbar erfolgreiche, glückliche Menschen, die genau das Leben führen, das sie sich selbst immer erträumt hatte. So werden “Jason” und “Jess”, wie Rachel die beiden nennt, und die um sie kreisenden Tagträume schnell zu einer Flucht aus dem eigenen, tristen Alltag. Dieses Idealbild wird allerdings erschüttert, als sie eines Tages beobachtet, wie “Jess” im Garten einen anderen Mann küsst. Und es kommt noch schlimmer: Wenig später entdeckt Rachel in der Zeitung einen Artikel über eine junge Frau, die seit ein paar Tagen vermisst wird — daneben ist ein Bild von “Jess” zu sehen, die im wirklichen Leben Megan Hipwell heißt. Rachel, die sich der Vermissten sehr verbunden fühlt und noch dazu glaubt, dass der fremde Mann, den sie in Megans Garten gesehen hat, womöglich mit dem Verschwinden zu tun hat, wendet sich an die Polizei, die sie jedoch für eine verwirrte Wichtigtuerin hält, die nichts zur Lösung des Falls beitragen kann. So bleibt Rachel nichts anderes übrig, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen, was sich als nicht ganz ungefährliches Unterfangen entpuppt…

Ob der ganz große Hype um “Girl on the Train” nun berechtigt ist oder nicht, möchte ich an dieser Stelle gar nicht beurteilen — einige kurzweilige Stunden hat mir der Roman aber auf jeden Fall bereitet. Sprachlich mag Paula Hawkins zwar nicht unbedingt ein großes Meisterwerk gelungen sein, die Struktur ihres Buches mit den tagebuchartigen Kapiteln und der ständig wechselnden Erzählperspektive sowie die Zeichnung ihrer Hauptfiguren, die allesamt auf der einen Seite fast bis zum Ende als potenzielle Verdächtige in Frage kommen, andererseits aber trotz ihrer Schwächen durchaus etwas Sympathisches an sich haben, sind dagegen sehr überzeugend ausgefallen.

Trotz einiger Schwächen — hier und da hätte die Handlung sicher auch ein wenig mehr Tempo vertragen können — ist “Girl on the Train” ein sehr kurzweiliger Thriller, den man nur schwer aus der Hand legen kann. Eine ideale Urlaubslektüre also!

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Paula Hawkins: Girl on the Train
Aus dem Englischen von Christoph Göhler.
Blanvalet Verlag
ISBN 978-3764505226; 448 Seiten; 12,99 Euro.

Sommermodus

Zaun

Allzu hektisch geht es in diesem Blog ja ohnehin niemals zu, aber es könnte durchaus sein, dass es in den nächsten Wochen noch ein wenig ruhiger wird. Warum, ist recht schnell erklärt: Im Sommer verbringe ich meine Zeit einfach lieber unterwegs im Freien, mit einem Buch (aktuell das doch recht spannende “Girl on the Train” — Besprechung folgt demnächst) auf dem Balkon, dem Ausprobieren neuer Erfrischungen (Stichwort “Cold Brew”) oder mit dem Hören harmloser, eingängiger Lieder wie diesem hier:

(Homepage Nathan Fox)

Musiktipp: Ciaran Lavery [+ Update Glen Hansard]

Ciaran Lavery sieht aus wie eine jüngere Ausgabe von Glen Hansard, seine wunderbar melancholischen Songs wurden bereits 14 Millionen Mal auf Spotify gestreamt (was dem Musiker wohl dennoch höchstens Einnahmen im Gegenwert von drei Tassen Kaffee beschert haben dürfte) und hierzulande ist er bisher ein nahezu unbeschriebenes Blatt. Das könnte sich diesen Herbst allerdings ändern.

Foto: Colum Coyle
Foto: Colum Coyle

Erste musikalische Sporen in seiner Heimat Irland hat sich der Songschreiber aus dem winzigen Örtchen Aghagallon als Frontmann der Folkrock-Band Captain Kennedy verdient. Seit deren Auflösung ist Ciaran Lavery als Solokünstler mit stetig wachsendem Erfolg unterwegs. Mehrere EPs sind in dieser Zeit entstanden sowie ein Album namens “Not Nearly Dark”. Dieses erscheint im Oktober, knapp zwei Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, nun endlich auch bei uns. Ein wenig später tourt Ciaran Lavery dann durch diverse kleinere Clubs in ganz Deutschland und schon jetzt darf man sich auf lauschige Konzertabende mit wärmenden Liedern freuen.

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Konzerttermine Ciaran Lavery:
17.11.15 München — Strøm 
18.11.15 Stuttgart — Café Galao 
19.11.15 Nürnberg — Club Stereo 
20.11.15 Köln — King Georg 
21.11.15 Mainz — Schon schön 
22.11.15 Darmstadt — BedroomDisco 
24.11.15 Heidelberg — Pret e Ecouter Festival 
25.11.15 Leipzig — Täubchenthal 
26.11.15 Berlin — Privatclub 
27.11.15 Hamburg — Kleiner Donner 
28.11.15 Rees-Haldern — Haldern Pop Bar

Konzerttermine Glen Hansard:
07.10.15 Hamburg — Docks
08.10.15 Berlin — Admiralspalast
10.10.15 Leipzig — Täubchenthal

12.10.15 Köln — Live Music Hall
13.10.15 (CH) Zürich — Volkshaus
17.10.15 (A) Wien — Konzerthaus
19.10.15 München — Kesselhaus

[UPDATE, 1. Juli] Am 18. September veröffentlicht Glen Hansard außerdem sein zweites Solo-Album “Didn’t He Ramble”. Mit “Winning Streak” gibt es schon jetzt einen Vorgeschmack zu hören (und zu sehen), das bereits länger bekannte “Lowly Deserter” wird ebenfalls auf der Platte enthalten sein.

Ryan Bartelmay: Voran, voran, immer weiter voran

“Voran, voran, immer weiter voran” — was sich wie das Mantra eines ehrgeizigen Motivationskünstlers (man denke nur an Oliver Kahns berühmtes “Weiter, immer weiter!”) anhört, bereitet dem Protagonisten von Ryan Bartelmays Debütroman jede Menge Kummer. Dass das Leben immer irgendwie weitergeht, ist für ihn nämlich keineswegs eine Tatsache, aus der sich in schweren Stunden Kraft schöpfen lässt, sondern die Ursache allen Ärgers.

Ryan BartelmayEigentlich hat Chic Waldbeeser, geboren Anfang der Dreißiger in einer Kleinstadt in Illinois, niemals allzu große oder gar unerfüllbare Ansprüche an sein Leben gestellt — ein guter Bruder wollte er sein, später dann ein treuer Ehemann und liebender Vater. Der Wunsch, ein guter Bruder zu sein, platzt schon früh wie eine Seifenblase, weil Chic schlichtweg noch zu jung ist, um seinen etwas älteren Bruder Buddy nach dem Selbstmord des Vaters davor zu bewahren, in ein tiefes Loch zu fallen. Auch die direkt nach Beendigung der Highschool geschlossene Ehe mit Diane steht von Beginn an unter keinem guten Stern, da noch während der Hochzeitsfeier offensichtlich wird, dass sich Chic eher zu Buddys indischer Frau Lijy hingezogen fühlt als zu Diane. Dass Chic wenige Jahre später sogar auf Lijys Vorschlag, ein bei einem Seitensprung entstandenes Kind offiziell als seines auszugeben, damit der “Sündenfall” wenigstens in der Familie bleibt, macht die Situation verständlicherweise nur noch komplizierter. Vollends zerrissen wird die Ehe schließlich durch den tragischen Tod von Sohn Lomax, für den sich Chic verantwortlich fühlt. Ein allzu guter Vater war er nämlich auch nie — einen echten Zugang zu seinem eher an Naturwissenschaften und Fremdsprachen als an Sport und anderen Kindern interessierten Jungen hat er nie gefunden. An eine Trennung denken die beiden Eheleute aber trotz der immer tiefer werdenden Gräben zwischen ihnen nie. Während sich Diane pausenlos essend ins Schlafzimmer einschließt und den Radiosendungen eines Gurus lauscht, der ein glückliches Leben verspricht (ohne davon natürlich in irgendeiner Form tatsächlich glücklicher zu werden), flüchtet sich Chic in eine Traumwelt und denkt zurück an die in seiner falschen Erinnerung wunderbaren, in der Wahrheit eher ganz schrecklichen Flitterwochen mit Diane in Florida. Selbst als er Ende der 90er Jahre, inzwischen verwitwet und in einem Seniorenheim lebend, die zigfach geschiedene Mary Geneseo kennenlernt, fristet er noch immer ein tristes Dasein zwischen Selbsttäuschung und Selbstmitleid…

Obwohl die Covergestaltung, die locker zu lesende Sprache und viele amüsante Begebenheiten im Lauf der Handlung den Eindruck eines lustigen und leicht verdaulichen Romans erwecken, ist “Voran, voran, immer weiter voran” in erster Linie ein sehr trauriges, stellenweise sogar bedrückendes Buch. Wir Leserinnen und Leser begegnen zu Beginn einem jungen Paar am Anfang eines verheißungsvollen Lebensweges, auf dem in der Folgezeit jede Menge schief geht. In Jonathan Evisons Roman “Umweg nach Hause” heißt es über eine Figur, sie treffe keine Entscheidungen, sondern die Entscheidungen treffen sie. Ähnlich verhält es sich mit den Charakteren des in Chicago lebenden Autors und College-Dozenten Ryan Bartelmay — vor allem Chic erträgt die erstaunlich lange Reihe von Schicksalsschlägen so stoisch und gleichgültig, dass man ihn manchmal am liebsten packen und schütteln möchte, damit er endlich aufwacht.

Wir haben beide in unserer eigenen Welt gelebt. Vielleicht geht es allen Leuten so. Man verrennt sich so in seine eigenen Sachen, dass man gar nicht merkt, wie die Zeit vergeht, bis ich dann zufällig in den Spiegel schaute oder mich an etwas aus der Vergangenheit erinnerte, und dann brachen all diese Gefühle in mir auf, und ich konnte nichts anderes mehr machen, als mich ins Bett zu legen und an die Decke zu starren.

Eine allzu erbauliche Lektüre ist “Voran, voran, immer weiter voran” also nicht unbedingt, aber dafür, dass der Roman eine ziemlich traurige Geschichte erzählt, liest er sich erstaunlich kurzweilig und unterhaltsam weg. Das mag auch an den kurzen Kapiteln liegen, die munter zwischen den Jahren und Personen hin- und herspringen. Ein wenig Leichtigkeit bei all der bedrückenden Schwere muss eben doch sein. Unbedingt lesenswert!

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Ryan Bartelmay: Voran, voran, immer weiter voran
Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader.
Karl Blessing Verlag
ISBN 978-3896675262; 432 Seiten; 21,95 Euro.