Monatsrückblick Februar ’21

📸 Christoph Walter

Die Zeit hatte jetzt starke Rhythmusstörungen, sie ruckte nach vorne, tippelte auf der Stelle, mal blieb sie stehen, mal raste sie und nicht selten tat sie alles zugleich.

Mariana Leky: Die Herrenausstatterin

Auch im zu Ende gehenden Februar hatte die Zeit weiter mit gehörigen Rhythmusstörungen zu kämpfen. Wie es mit dem Leben im Allgemeinen und der Kultur im Besonderen weitergeht, ist nach wie vor kaum abzusehen. Gut gemeinte Initiativen und Vorschläge sind zwar durchaus vorhanden, aber die Kultureinrichtungen liegen größtenteils so verwaist da wie der oben abgebildete Musikpavillon im Februarschnee.
Keine abschließende Antwort auf die Frage „Wie geht es weiter mit der Kultur?“ brachte Mitte des Monats eine Diskussion im Staatstheater Nürnberg. Sehenswert ist das Gespräch mit der Theatermacherin Andrea Maria Erl und dem Schriftsteller Ewald Arenz aber dennoch.

Eine entscheidende Änderung der Gesamtsituation ist wohl auch im März nicht zu erwarten, aber immerhin gibt es doch ein paar Dinge, auf die ich mich freue und die ich gerne empfehle. So erscheint am 25. März mit „Der große Sommer“ ein neuer Roman des bereits erwähnten Ewald Arenz. Am Abend des gleichen Tages steht zudem eine Livestream-Lesung aus dem Münchner Lustspielhaus auf dem Programm — Axel Hacke verspricht nicht weniger als die „lustigsten Texte aus 30 Jahren“. Und in der ARD läuft am 27. März mit „Allmen und das Geheimnis der Erotik“ die inzwischen vierte Verfilmung eines Allmen-Krimis von Martin Suter.

Außerdem lohnt sich jederzeit ein virtueller Besuch bei der Bibliotheca Hertziana, dem Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte in Rom. Während des Lockdowns im vergangenen Frühjahr beauftragte die Einrichtung eine Reihe von Fotografen damit, die Stimmung in den nahezu menschenleeren Innenstädten von Rom und Neapel zu dokumentieren. Herausgekommen sind gleichermaßen beeindruckende wie bedrückende Aufnahmen der „Ruhe mitten im Sturm“, wie es die Fotografen Luciano, Matteo und Marco Pedicini beschreiben. –> ZU SEHEN HIER

Im Februar gelesen:

(aktuell: Olli Jalonen — Die Himmelskugel)

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Mit einem Geist zurück ins Leben

📸 Christoph Walter

Für sehr viele Leserinnen und Leser (mich eingeschlossen) dürfte das 2017 erschienene, immens erfolgreiche „Was man von hier aus sehen kann“ der erste Kontakt mit Mariana Leky gewesen sein. Dabei hatte die Autorin bereits vor ihrem wundervollen Bestseller (der schon seit einer ganzen Weile offenbar fürs Kino verfilmt wird, wobei sich dazu kaum neuere Informationen finden lassen) mehrere Romane und einen Erzählband veröffentlicht, die es wert sind, entdeckt zu werden.

Hauptfigur und Ich-Erzählerin des 2010 erschienenen „Die Herrenausstatterin“ ist die Mittdreißigerin Katja, der wir mitten in einer Lebenskrise begegnen. Zuerst wird sie von ihrem Ehemann Jakob betrogen, dann verliert sie ihre Arbeit als Übersetzerin und schließlich passiert ein noch viel größeres Unglück. Just zu diesem Zeitpunkt tritt ein älterer Mann im schwarzen Anzug in ihr Leben, der eines Tages plötzlich auf dem Rand ihrer Badewanne sitzt und sich als Dr. Friedrich Blank, Altphilologe, vorstellt. Der wunderliche Herr zieht bei Katja ein, spendet ihr Trost und sorgt dafür, dass sie nicht komplett verzweifelt. Ein kleines Geheimnis hat er natürlich auch:

Die Sache ist die: Genaugenommen bin ich nicht mehr am Leben. Ich bin, wenn man so will, extrem weit hergeholt.

Neben dem geisterhaften Blank steht bald ein weiterer Mann vor Katjas Tür, nämlich der kleptomanisch veranlagte Feuerwehrmann und Karatefan Armin. Obwohl Armin Blank nicht sehen kann und sich Katja nicht sicher ist, ob Armin tatsächlich ein echter Feuerwehrmann ist, bricht das seltsame Trio bald zu einer Reise in den holländischen Badeort Zandvoort auf. Auch dort passieren einige Merkwürdigkeiten — unter anderem trifft Armin auf seinen großen Helden, den abgehalfterten Karatefilmstar Ralph McQuincey, der in Zandvoort ein neues Leben als Bademeister beginnen möchte.

Was sich beim Lesen dieser kurzen Zusammenfassung doch etwas wirr und merkwürdig anhört, ergibt im Roman tatsächlich einen Sinn, wobei sich der wahre Zauber dieses ebenso witzigen wie tröstlichen Buches über Verlust, Freundschaft, Loslassen und den Mut zum Neubeginn erst nach und nach entfaltet. Anders als bei „Was man von hier aus sehen kann“ hat mich die Handlung hier jedenfalls nicht sofort gepackt, sondern brauchte eine gewisse Anlaufzeit. Große Fabulierkunst, die Freude an unkonventionellen Sprachbildern, viel Humor und ein Händchen für herrlich schräge Figuren und Situationen beweist Mariana Leky aber auch in diesem früheren Werk. Fast meint man, in „Die Herrenausstatterin“ einige Elemente zu erkennen, die später auch in „Was man von hier aus sehen kann“ auftauchen. Der weise, aber etwas linkische Blank zum Beispiel könnte durchaus ein naher Verwandter des geschätzten Optikers sein.

Unbedingt empfehlenswert!

  • Mariana Leky: Die Herrenausstatterin (DuMont; 208 Seiten; ISBN: 978-3-8321-6165-1)

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Irgendwann im Kino

Foto von mir (Eintrittskarten aus besseren Zeiten)

Nach wie vor ist nicht abzusehen, wann die Lichtspielhäuser grundsätzlich wieder öffnen dürfen — von der Möglichkeit eines normalen Kinobesuchs wie in Vor-Pandemiezeiten ganz zu schweigen. Wenn es dann aber wieder losgeht, erwartet uns vermutlich eine kaum zu überblickende Fülle an interessanten Filmen. Immerhin warten noch jede Menge Streifen, die eigentlich im vergangenen Jahr anlaufen sollten, auf einen Kinostart. Der neue Bond ist natürlich darunter, aber auch „The French Dispatch“ von Wes Anderson und „Supernova“ mit Colin Firth und Stanley Tucci, dessen Trailer einen ganz hervorragenden Eindruck macht.

Dazu wurde 2020 abgesehen von einer Unterbrechung während der ersten Corona-Welle fleißig gedreht. Zu den aufgeschobenen Filmen kommt also auch noch eine ganze Reihe an neuen Produktionen hinzu, die ebenfalls irgendwann in den leider vermutlich weniger gewordenen Kinos gezeigt werden wollen; Branchenexperten befürchten ein Überangebot und damit einhergehende „Kannibalisierungseffekte“.

Um den Überblick nicht zu verlieren, ist es sicher ratsam, sich eine Liste von Filmen anzulegen, die man keinesfalls verpassen möchte. Drei Literaturverfilmungen sollte man dabei unbedingt auf dem Zettel haben:

  • Die Dreharbeiten zur Verfilmung von Stefan Zweigs „Schachnovelle“ wurden gerade noch vor dem ersten Lockdown und der erzwungenen Drehpause abgeschlossen. Eine Punktlandung, aber der ursprünglich für den 6. Januar 2021 geplante Kinostart für den Film von Regisseur Philipp Stölzl musste natürlich trotzdem verschoben werden. Neuer Starttermin für die deutsch-österreichische Produktion, in der neben Oliver Masucci als Dr. B. auch Birgit Minichmayr, Albrecht Schuch und „Wallander“ Rolf Lassgård zu sehen sind, ist voraussichtlich der 23. September 2021.
  • Sehr optimistisch ist der Starttermin der Kästner-Verfilmung „Fabian — Der Gang vor die Hunde“ (15. April 2021), dessen Dreharbeiten unter der Regie von Dominik Graf bereits im Herbst 2019 abgeschlossen wurden. Die Hauptrolle des Dr. Jakob Fabian spielt Tom Schilling, weitere zentrale Rollen sind mit Albrecht Schuch und Lena Baader besetzt.
  • Zumindest nominell dürfte die Verfilmung von „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (noch ohne Starttermin) die interessanteste Produktion des Trios sein. Die im vergangenen März begonnenen Dreharbeiten mussten pandemiebedingt mehrmals unterbrochen werden und wurden erst im August abgeschlossen. Die Titelrolle im Streifen von Regisseur Detlev Buck, der Thomas Manns unvollendeten Roman gemeinsam mit Daniel Kehlmann für die Leinwand adaptierte, übernimmt Jannis Niewöhner, außerdem finden sich mit Liv Lisa Fries, David Kross, Maria Furtwängler, Joachim Król, Katja Flint und Christian Friedel zahlreiche weitere klangvolle Namen auf der Besetzungsliste.

** Sobald es weitere Neuigkeiten zu den Startterminen der drei vorgestellten Filme gibt, wird dieser Blogeintrag natürlich dementsprechend aktualisiert und ergänzt. **

Ein leiser Held

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © dtv

Mit „Winterbienen“ schaffte es 2019 zum zweiten Mal ein Roman von Norbert Scheuer auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis (die Premiere war bereits zehn Jahre zuvor mit „Überm Rauschen“). Gewonnen hat er den öffentlichkeitswirksamen Preis bislang noch nicht, aber vermutlich kann der Autor aus der Eifel, der Ende dieses Jahres seinen 70. Geburtstag feiert, damit ganz gut leben. Immerhin wurden seine Bücher mit allerlei anderen Literaturpreisen gewürdigt und zu Recht fast durch die Bank von Kritik und Leserschaft gelobt.

Womöglich kann man nach dieser Einleitung schon erahnen, dass auch mir „Winterbienen“ sehr gut gefallen hat — trotzdem an dieser Stelle erst einmal etwas mehr zum Roman:
Hauptfigur des Buches ist Egidius Arimond (die Familie Arimond taucht im Werk Norbert Scheuers in schöner Regelmäßigkeit auf), der seine Erlebnisse und Gedanken zwischen Winter 1944 und dem Kriegsende im Mai 1945 in meist eher knappen Tagebucheinträgen festhält. Arimond ist — so stelle ich es mir jedenfalls vor, denn genaue Angaben werden dazu nicht gemacht — um die Vierzig, lebt wie Norbert Scheuer in einer Kleinstadt in der Eifel und verdient seinen Lebensunterhalt inzwischen als Imker. Ursprünglich war die Bienenzucht, in der Familie von Generation zu Generation weitergegeben, lediglich ein Nebenerwerb, doch seinen eigentlichen Beruf als Latein- und Geschichtslehrer an einem Gymnasium musste er aufgeben. Zwangspensioniert wegen seiner Epilepsie, die ihn in den Augen der Nazis zu einem wertlosen Mitglied der Volksgemeinschaft macht. Dass ihm neben der Pensionierung sowie der Sterilisation nicht noch schlimmere Repressalien drohen, verdankt er vermutlich seinem Bruder Alfons, der als hochdekorierter Flieger hohes Ansehen genießt. Trotz aller Einschränkungen hat die Krankheit auch ein paar Vorteile für den Protagonisten. Anders als die Ehemänner der Frauen, zu denen er amouröse Verhältnisse pflegt, muss er nicht an die Front, sondern kann sich relativ unbehelligt seinen Bienen und in der Bibliothek den Studien über seinen Vorfahren Ambrosius Arimond, einem Mönch aus dem 15. Jahrhundert, widmen.

Dennoch nimmt in den letzten Kriegsjahren auch der Druck auf Egidius Arimond stetig zu. Die vergleichsweise ruhige Eifel gerät durch das Vorrücken der Alliierten von Westen her zunehmend ins Zentrum des Kriegsgeschehens, was sich allein schon an den feindlichen Flugzeugen festmachen lässt, die Tag für Tag in größerer Zahl am Himmel auftauchen. Außerdem sind die Medikamente, auf die er dringend angewiesen ist, nur noch in geringen Mengen und zu astronomischen Preisen erhältlich. Um sich diese leisten zu können, setzt sich Arimond einer zusätzlichen Gefahr aus: er versteckt Juden in einem Stollen im Wald und schmuggelt sie später in präparierten Bienenkästen über die belgische Grenze.

Es überlebt, wer gelernt hat,
im Verborgenen zu leben

Norbert Scheuer: Winterbienen

Es sind teils dramatische und aus heutiger Sicht kaum vorstellbare Dinge, die Egidius Arimond, dessen Figur ein wenig an Lars Westin aus Lars Gustafssons Roman „Der Tod eines Bienenzüchters“ erinnert, in seinem Tagebuch festhält. Dabei macht er kaum einen Unterschied, ob er über Alltägliches wie einen Cafébesuch, die Imkerei oder über den brandgefährlichen Einsatz als Fluchthelfer schreibt. Die Sprache bleibt immer klar, nüchtern und ein wenig distanziert. Einblicke in sein Gefühlsleben gibt er nur selten, doch je weiter der Krieg fortschreitet, desto mehr machen sich Beklemmung und Angst bemerkbar. Besonders eindringlich sind natürlich die Passagen, in denen es um die — nicht immer erfolgreichen — Rettungsaktionen geht. Auch darüber verliert Arimond keine großen Worte, sondern betont stattdessen immer wieder, dass er ja das Geld für seine Medikamente bräuchte. So bleibt die Hauptfigur dieses hervorragenden Romans als ein leiser Held in Erinnerung. Ein unscheinbarer Typ, der im richtigen Moment das Richtige tut.

  • Norbert Scheuer: Winterbienen (dtv; 320 Seiten; ISBN: 978-3-423-14780-4)

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Monatsrückblick Januar ’21

Foto von mir (Archivaufnahme vom September 2018)

„Es fängt an, wie es aufgehört hat“ — dieser Titel eines mehr als zehn Jahre alten Clickclickdecker-Songs drängt sich bei der Rückschau auf den Januar geradezu auf. Wir haben ein neues Jahr, sind aber nach wie vor (wie es in besagtem Song heißt) „versunken im dunklen Einheitsbrei“ von 2020. Selbstverständlich habe auch ich neben den tapfer durchgehaltenen täglichen Spaziergängen bei teils gruseligem Wetter jede Menge Zeit zu Hause verbracht.
Übermäßig viel gelesen habe ich allerdings erstaunlicherweise nicht. Gerade einmal vier Bücher (*), von denen nur der Wisting-Krimi knapp über 400 Seiten hatte, stehen auf der Habenseite. Zwei neuere und zwei, die ich nach langer Zeit wieder gelesen habe, nämlich:

  • Beatrix Kramlovsky: Fanny oder Das weiße Land –> mehr dazu hier
  • Otfried Preußler: Krabat –> mehr dazu hier
  • Jørn Lier Horst: Wisting und der Atem der Angst
  • Stefan Zweig: Schachnovelle

(*) begonnen habe ich außerdem mit „Winterbienen“ von Norbert Scheuer — allerdings liegen da noch einige Seiten vor mir

Bei den „Wiederentdeckungen“ war ich überrascht, dass mir die Grundzüge der Handlung noch zu einem großen Teil präsent waren. Und das, obwohl ich (aber nicht nur ich, wie dieser lesenswerte Artikel von Dorothea Wagner im SZ Magazin beweist) den Inhalt eines Buches oft schon vergessen habe, kurz nachdem ich es nach beendeter Lektüre zur Seite gelegt habe.
Auf der anderen Seite gab es aber auch viele Stellen und Aspekte, die mir nahezu völlig unbekannt vorkamen. In der „Schachnovelle“ hat mir nun die Szene besonders gut gefallen, in der Dr. B. nach mehreren Monaten der Isolationshaft in einem spartanisch eingerichteten Zimmer in einem Verhörraum einen Mantel erspäht, dessen Tasche verdächtig ausgebeult ist:

Ich trat näher heran und glaubte an der rechteckigen Form der Ausbuchtung zu erkennen, was diese etwas geschwellte Stelle in sich barg: ein Buch! Mir begannen die Knie zu zittern: ein BUCH!

Nur der Vollständigkeit halber: Dr. B. kann nicht anders, als dieses Buch zu stehlen und in seine Zelle zu schmuggeln. Wer die „Schachnovelle“ kennt, weiß natürlich, dass es sich bei dem Buch um eine Zusammenstellung berühmter Schachpartien handelt, mit deren Hilfe Dr. B. schließlich zum Schachgenie wider Willen wird…

Was nun der Februar bringen mag? Vermutlich noch mehr Spaziergänge und noch mehr Zeit zu Hause. Vielleicht auch wieder mehr Bücher (der dritte Band von Alex Beers Wien-Krimis liegt schon bereit, außerdem gibt es ein neues Buch von Julian Barnes und mit „Hard Land“ erscheint Ende des Monats der nächste Roman von Benedict Wells) und ganz vielleicht sogar den so lange herbeigesehnten Museumsbesuch. Im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg eröffnet am 18. Februar mit „Europa auf Kur. Ernst Ludwig Kirchner, Thomas Mann und der Mythos Davos“ eine sehr vielversprechende neue Sonderausstellung — wie schön wäre es, wenn man sich diese „in echt“ ansehen könnte!

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Zurück im Koselbruch

Beitragsfotos von mir

Zu den unvergessenen Leseerlebnissen meiner Kindheit gehört ohne jeden Zweifel die erste Lektüre von Otfried Preußlers Roman „Krabat“. Ich weiß nicht mehr genau, wie alt ich damals war — vermutlich ein wenig jünger als die vom Verlag als empfohlenes Lesealter angegebenen zwölf Jahre — aber daran, wie sehr mich die auf einer sorbischen Volkssage basierende Geschichte um den Waisenjungen Krabat, den es als Lehrburschen in die verwunschene Mühle im Koselbruch verschlägt, in ihren Bann zog, erinnere ich mich noch sehr genau.

Grund genug, das Buch fast drei Jahrzehnte später noch einmal hervorzuholen. Den perfekten Zeitpunkt zur „Wiedervorlage“ habe ich leider um ein paar Tage verpasst — immerhin spielen einige zentrale Teile der Handlung, inklusive des überraschend kurzen und vergleichsweise wenig spektakulären Showdowns zwischen Krabat und dem Meister in den Raunächten zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag. Egal, denn das Buch hat mich auch so ein weiteres Mal ziemlich beeindruckt und bestens unterhalten. Da die Geschichte im frühen 18. Jahrhundert und damit sowieso in einer längst vergangenen Zeit angesiedelt ist, fallen die Jahre zwischen dem ersten und zweiten Lesen kaum ins Gewicht und überhaupt macht der Roman auch heute noch einen erfreulich frischen Eindruck. Zauberei, ein paar dramatische Wendungen, Freundschaft und ein klein wenig Romatik gehen ja wirklich immer.

„Manches im Leben“, sagte der Altgesell, „kann sich mancher nicht vorstellen, Krabat. Man muß damit fertig werden.“

Otfried Preußler: Krabat

Ich war beim Lesen immer wieder erstaunt, an wie viele Details ich mich tatsächlich noch erinnern konnte. Gerade die Passagen aus den Osternächten, an denen die Müllergesellen bis zum Morgengrauen an einem Ort ausharren müssen, an dem schon einmal ein Mensch ums Leben gekommen ist, waren mir noch sehr präsent. Vermutlich hat mich das früher tief beeindruckt. Andere Sachen dagegen waren mir in der Zwischenzeit komplett entfallen. Dass „Krabat“ nicht nur ein ernster und oft gruseliger, sondern stellenweise auch sehr lustiger Roman ist, hatte ich nahezu vergessen. Herrlich zum Beispiel die Szene, in der die Müllerburschen einen Trupp Werber der kurfürstlichen Armee zum Narren halten und ihnen dann — nach einer Verwandlung in Raben — entwischen („…und zum Abschied bedeckten sie Hut und Schultern des Herrn Obristen — wenngleich nicht gerade mit Ruhm.“).

Manchmal liest man Bücher ein zweites Mal und fragt sich, was man seinerzeit daran gefunden hat. Bei „Krabat“ ist das zum Glück nicht der Fall — Otfried Preußler ist damit ein zeitlos guter Klassiker geglückt. Damals wie heute eines meiner Lieblingsbücher.

  • Otfried Preußler: Krabat (Thienemann; 256 Seiten; ISBN: 978-3-522-20234-3)

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12.000 Kilometer bis Wien

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © Hanser Verlag

Im Herbst habe ich mit großem Vergnügen die ersten beiden Kriminalromane der inzwischen vierbändigen August-Emmerich-Reihe von Alex Beer gelesen, die kurz nach dem Ersten Weltkrieg in Wien spielt. Neben dem Krieg ist auch die Spanische Grippe zu diesem Zeitpunkt bereits vorbei, aber die Nachwehen der beiden Ereignisse sind noch allerorts sicht- und spürbar. Der Protagonist der Romane, Rayonsinspektor August Emmerich, plagt sich mit einer schmerzhaften Kriegsverletzung herum, die ihn fast in die Heroinabhängigkeit treibt und verliert zu allem Überfluss schon im Verlauf des ersten Bandes „Der zweite Reiter“ Familie und Obdach, als der gefallen geglaubte Ehemann seiner Lebensgefährtin überraschend aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt. Mit seinen Problemen passt sich Emmerich damit bestens an die in Wien herrschenden Verhältnisse an — armseliger, schmuddeliger, lebensfeindlicher und trister ist mir die österreichische Hauptstadt bisher noch nicht begegnet.

Genau in dieses Wien, von dessen Trostlosigkeit er allenfalls eine leise Ahnung hat, sehnt sich Karl Findeisen, der Held aus Beatrix Kramlovskys „Fanny oder Das weiße Land“, zurück. Mehr als 12.000 Kilometer liegen zwischen dem zu Beginn des Romans im Frühjahr 1918 bereits seit mehreren Jahren in einem sibirischen Kriegsgefangenenlager ausharrenden Offizier und seiner Heimatstadt. Einziger Lichtblick neben dem Umstand, dass er gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Viktor inhaftiert ist, sind die Briefe seiner Verlobten Fanny, die er wieder und wieder liest, bis er sie nahezu auswendig kann. Durch sie nimmt er Anteil am Aufwachsen seines Sohnes Max, den er zuletzt als Kleinkind gesehen hat, und wird daran erinnert, dass es womöglich doch eine erfreulichere Zukunft jenseits des harten, entbehrungsreichen Lagerlebens geben könnte.

Vor dieser Zukunft liegt aber erst einmal eine wahre Odyssee. Die Wirren nach der russischen Revolution und um den beginnenden Bürgerkrieg nutzen Karl, Viktor und ein paar weitere Mithäftlinge im Frühjahr 1918 zur Flucht. Mit der Transsibirischen Eisenbahn geht es zwar zunächst recht schnell voran, aber angesichts der immensen Weite Sibiriens eben nicht schnell genug. Die für die Rückkehr nach Österreich veranschlagten fünf bis sechs Monate erweisen sich bald als illusorisch; erst recht, als das Grüppchen in Irkutsk auffliegt und dort in ein elendes Gefängnis gebracht wird. Es ist Karls künstlerisches Talent, das ihn und seinen Freunden hier erstmals aus der Misere hilft. Mit Kreativität, Geschick, etwas Verschlagenheit und viel Glück gelingt es ihnen, sich als Kulissenmaler und Bühnenbildner beim von den Kommunisten neu gegründeten Theater zu verdingen und sich Hafterleichterungen sowie letzten Endes eine weitere Fluchtmöglichkeit zu verschaffen. Im Frühling 1919 findet das bereits leicht dezimierte Grüppchen Unterschlupf im Dorf einer deutschstämmigen Mennoniten-Gemeinde. Eine vergleichsweise angenehme Zeit bricht an, aber Wien, Fanny und Max bleiben für Karl nach wie vor unerreichbar fern. Also geht es weiter ins vom Bürgerkrieg besonders gebeutelte Petrograd, das heutige Sankt Petersburg, wo die Zweifel an einer Rückkehr in die Heimat bald ins Unermessliche wachsen — schlimmere Bedingungen als im dortigen Gefangenenlager, wo Erschießungen an der Tagesordnung sind und ständig Häftlinge „verschwinden“, haben die Freunde und Leidensgenossen noch nirgends vorgefunden. Abermals sind es Karls künstlerische Fähigkeiten, die Rettung versprechen. Ein eitler Marineoffizier wünscht sich ein lebensgroßes Porträt in Öl und ist bereit zu einer angemessenen Gegenleistung. In welche Richtung sich der Roman dann trotz einiger weiterer Rückschläge entwickelt, kann man sich vermutlich in etwa denken…

Die brotlose Kunst würde sie alle retten,
noch einmal, wieder und wieder.

Beatrix Kramlovsky: Fanny oder Das weiße Land

Mit „Fanny oder Das weiße Land“ ist der österreichischen Autorin Beatrix Kramlovsky ein wunderbarer Schmöker gelungen, dessen sympathische Figuren einem schnell ans Herz wachsen und mit denen man schon bald mitfiebert. Obwohl sich die Handlung über gut drei Jahre erstreckt, in denen jede Menge passiert, ist der Umfang des Buches mit rund 300 Seiten eher überschaubar, was für eine gewisse Rasanz und wenige Längen sorgt. Die traumatischen Erlebnisse der Soldaten während des Krieges sowie die schlimmen Verhältnisse, mit denen die Gefangenen sowie die russische Zivilbevölkerung in der Zeit danach konfrontiert sind, spart Beatrix Kramlovsky zwar keinesfalls aus, aber dennoch ist es hin und wieder erstaunlich, wie leicht es Karl und Co. fällt, mit ihrem Talent und ihrer Freundlichkeit einen Ausweg zu finden. Überall öffnet sich eine Tür, ergeben sich Möglichkeiten, warten zumindest halbwegs wohlwollende Menschen.

Aber gerade darauf liegt ja auch ganz klar der Fokus des Romans. „Fanny oder Das weiße Land“ ist ein Lobgesang auf die Freundschaft, die Liebe und den Wert von Kunst, Musik, Briefen und Fantasie — besonders in schweren Zeiten und ausweglos scheinenden Situationen, die sich nur dann halbwegs überstehen lassen, wenn man etwas hat, wofür es sich lohnt, weiterzumachen. Oder, um Friedrich Nietzsche das letzte Wort zu geben: „Wer ein Wozu zu leben hat, der erträgt fast jedes Wie.“

  • Beatrix Kramlovsky: Fanny oder Das weiße Land (hanserblau; 304 Seiten; ISBN: 978-3-446-26797-8)
  • Alex Beers Kriminalromane um August Emmerich sind im Limes Verlag bzw. als Taschenbuch bei Blanvalet erschienen.

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Fiona Mozley: Elmet

Beitragsfoto von mir

Für ihr Romandebüt „Elmet“ wurde die Britin Fiona Mozley mit Lob überschüttet und mit Preisen überhäuft — unter anderem schaffte es das 2017 erschienene und nun auch auf Deutsch vorliegende Buch auf die Shortlist des Man Booker Prize. Zu Recht, denn der Erstling der 1988 geborenen Autorin und Buchhändlerin ist wahrlich eine Wucht. Müsste man dem Roman einen Geruch zuordnen, wäre wohl eine Mischung aus Blut, feuchtem Moos und verbranntem Holz die beste Wahl…

Elmet war einst ein unabhängiges keltisches Königreich und lange Zeit Zufluchtsort für allerlei Außenseiter. Letzten Endes hat sich daran bis heute nicht allzu viel geändert, denn die Gegend in der nordenglischen Grafschaft Yorkshire ist geprägt von einer hohen Arbeitslosenquote, Armut und sozialer Ungleichheit. Zu den Menschen, mit denen es das Leben nicht besonders gut gemeint hat, gehören auch John Smythe und seine beiden halbwüchsigen Kinder Cathy und Daniel (der sensible 14-Jährige fungiert im Roman als Ich-Erzähler), die es nach dem Tod der fürsorglichen Großmutter und dem Verschwinden der drogenabhängigen Mutter aus der Stadt in ein selbst gebautes kleines Haus am Waldrand verschlagen hat. Das Leben dort ist einfach, aber letztlich fehlt es der Familie an nichts. Statt zur Schule zu gehen, werden die Kinder von einer älteren Frau aus dem Dorf notdürftig unterrichtet, während John sein Geld mit Gelegenheitsjobs, illegalen Faustkämpfen auf Jahrmärkten und „Gefallen“ für Freunde verdient. In der gesamten Gemeinschaft herrscht eine unsichtbare Hierarchie, auf deren unterster Stufe einfache, arme Leute wie John und seine Kinder stehen, während wenige Großgrundbesitzer das Sagen haben — meist nach den Regeln, die sie selbst aufgestellt haben. So dauert es nicht lange, bis der einflussreiche Mr. Price bei der Familie auftaucht und behauptet, ihr Haus stünde auf seinem Grund und Boden. John will sich das nicht gefallen lassen und wird zu einer zentralen Figur für die ärmeren Arbeiter und Mieter, die sich gegen die Willkür der Grundbesitzer und Arbeitgeber zur Wehr setzen. Allerdings muss er bald anerkennen, dass das über Generationen gewachsene Klassengefüge nicht so einfach zu sprengen ist und dass man sich besser nicht mit den Mächtigen der Gegend anlegt.

In der Wahrheit liegt Macht. Im Aussprechen dessen, was man wirklich meint. In der Geradlinigkeit.

Fiona Mozley: Elmet

Daran, dass John, Cathy und Daniel zu den vom Schicksal arg Gebeutelten gehören, die es nie auf einen grünen Zweig schaffen, lässt Fiona Mozley zu keiner Zeit Zweifel aufkommen. So lässt sich das drohende Unheil bereits in den ruhig erzählten, wenig ereignisreichen ersten Kapiteln von „Elmet“ erahnen. Mit zunehmender Dauer verstärkt sich das Gefühl eines heraufziehenden Sturms immer mehr und der Roman nimmt deutlich an Fahrt auf, bis sich alles in einem drastischen Finale, das nichts für zartbesaitete Leser*innen ist, entlädt. Ein ähnlich dramatischer Showdown ist mir zuletzt vor Jahren in Thomas Willmanns fulminantem Alpenwestern „Das finstere Tal“ begegnet, wobei sich dort schließlich alles einigermaßen zum Guten wendet. In „Elmet“ lässt Fiona Mozley das Ende hingegen weitgehend offen, aber zumindest besteht die vage Hoffnung, dass auf Daniel und Cathy womöglich doch eine etwas freundlichere Zukunft wartet.

Fiona Mozley: Elmet
deutsch von Thomas Gunkel
btb Verlag, 320 Seiten, 12 Euro
ISBN: 978-3-442-77043-4


** Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! **

Frohe Weihnachten!

Beitragsfoto von mir

In den letzten Wochen wurde schon so viel über Weihnachten gesprochen und geschrieben, weshalb ich jetzt nicht auch noch weit ausholen möchte, sondern mich kurz fasse:

Ich wünsche Euch, liebe Leserinnen und liebe Leser, ein frohes, besinnliches Fest und ein paar ruhige Tage mit viel Zeit zum Lesen (vielleicht liegt später sogar das eine oder andere Buch unter dem Baum), Spielen und allem, was Euch sonst in diesem herausfordernden Jahr Freude macht. Bleibt gesund und schaut doch auch im kommenden Jahr ab und an hier vorbei — darüber freue ich mich sehr!

Alex Marzano-Lesnevich: Verbrechen und Wahrheit

Hintergrundfoto von mir, Coverbild © ars vivendi Verlag

Seit ein paar Jahren erfreut sich „True Crime“ stetig wachsender Beliebtheit. Unzählige Bücher, Magazine und Podcasts widmen sich inzwischen der Aufarbeitung älterer Gewaltverbrechen. Allein der Hinweis „nach einer wahren Begebenheit“ sorgt offenbar für ein wohliges Gruseln beim Publikum und lässt gerne vergessen, dass es sich bei einer Mehrzahl der aktuellen Formate um reißerischen Quatsch handelt. Egal, denn „authentisch“ verkauft sich scheinbar gut…

Zum Glück hat das Genre aber auch immer wieder Glanzlichter zu bieten. Allen voran natürlich Truman Capotes wegweisenden Klassiker „Kaltblütig“ oder „Mord im Auftrag Gottes“ von Jon Krakauer. Auch Alex Marzano-Lesnevichs 2017 erschienenes und nun auch auf Deutsch vorliegendes „Verbrechen und Wahrheit“ gehört zweifelsohne zu den bemerkenswerten Vertretern des „True Crime“. Vor allem, weil die Autorin nicht nur ein Verbrechen beschreibt, sondern es mit ihrer eigenen Lebensgeschichte in Verbindung setzt. Die Unterzeile der Originalfassung, „A Murder and a Memoir“, fasst das sehr treffend zusammen.

Aber von Anfang an: Im Jahr 2003 tritt Alex Marzano-Lesnevich, damals Jura-Studentin in Harvard und selbst Kind zweier Anwälte, eine Praktikumsstelle in einer Kanzlei in Louisiana an. Dass es ausgerechnet diese Kanzlei ist, ist kein Zufall, liegt ihr Tätigkeitsschwerpunkt doch darin, Wiederaufnahmeverfahren für zum Tode Verurteilte anzustrengen. Der ideale Ort für die Erzählerin, die eine vehemente Gegnerin der Todesstrafe ist und glaubt, nichts könne sie jemals von dieser Überzeugung abbringen. Doch dann geschieht gleich zu Beginn des Praktikums etwas Unvorhergesehenes: Alex Marzano-Lesnevich sieht Videoaufnahmen von Ricky Langley, einem Klienten der Kanzlei, dessen Fall bald neu verhandelt werden soll. Gut zehn Jahre zuvor war Langley, ein einschlägig bekannter Sexualstraftäter, wegen des Mordes an einem kleinen Jungen zum Tode verurteilt worden. Nun sollte die Todesstrafe in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt werden — an der Täterschaft des zum Zeitpunkt des Mordes 26 Jahre alten Ricky Langley bestand indes nie ein Zweifel. Umso mehr sich die angehende Juristin in den Fall einliest, umso mehr kommt sie zu einer erschreckenden Erkenntnis, die in keiner Weise mit ihren Idealen vereinbar ist: Sie will, dass der Mann für seine Tat mit dem Leben bezahlt.

An dieser Stelle zieht Alex Marzano-Lesnevich, die auch wegen der Erfahrung im Fall Ricky Langley nach Abschluss ihres Studiums keine Karriere in der Justiz verfolgte, sondern sich dem Schreiben und Unterrichten zuwandte, eine weitere Handlungsebene ein, nämlich die Erlebnisse ihrer eigenen Kindheit. Aufgewachsen ist die Autorin in einer dem ersten Anschein nach bilderbuchhaften Familie, auf der jedoch schon immer ein paar dunkle Schatten lasteten, über die gerne geschwiegen wurde. Im Zentrum des Ganzen stand der Großvater, der Alex und eine ihrer Schwestern jahrelang sexuell missbrauchte und sich vermutlich auch schon früher an fremden Kindern vergangen hatte.

Jedes Mal, wenn wir die Geschichte erzählen würden, könnten wir sie anders erzählen.

Alex Marzano-Lesnevich: Verbrechen und Wahrheit

Äußerst geschickt und in einer klaren, nüchternen Sprache verknüpft Alex Marzano-Lesnevich diese beiden Ebenen und schafft es so, ein stimmiges Gesamtbild zu zeichnen. Dabei bleibt „Verbrechen und Wahrheit“ stets vielschichtig und vermeidet vorschnelle Urteile. Reißerische Passagen finden sich in dem Buch nicht und auch von der „Faszination des Bösen“, die in anderen Werken des Genres gerne beschworen wird, ist hier zum Glück nichts zu spüren. Im Gegenteil: Den leider allzu oft sträflich vernachlässigten Opfern wird viel Platz eingeräumt und selbst die Täter sind keine holzschnittartigen Monster, sondern Menschen, die ihrer schrecklichen und nicht zu rechtfertigenden Vergehen eben auch über gewisse positive Charaktereigenschaften verfügen.

Letztlich wird jede Geschichte davon beeinflusst, wer sie erzählt und welche Perspektive der oder die Erzähler*in wählt. Alex Marzano-Lesnevich jedenfalls hat in ihrem Buch eine sehr persönliche und faszinierende Perspektive gefunden, die dafür sorgt, dass man noch lange über die Lektüre nachdenkt.

** Auf der Webseite von Alex Marzano-Lesnevich finden sich zahlreiche Fotos, Videos und interessante Einblicke in die Recherche zum Buch. **

Alex Marzano-Lesnevich: Verbrechen und Wahrheit
aus dem Englischen von Sigrun Arenz
ars vivendi Verlag, 390 Seiten, 23 Euro
ISBN: 978-3-7472-0190-9

** Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! **