[Gelesen] Lily King: „Euphoria“

Euphoria
Wenn sich Westler zu weit von der ihnen bekannten „zivilisierten“ Welt fort wagen, nimmt das zumindest in Film und Literatur meist kein gutes Ende. Man denke da etwa nur an „Mosquito Coast“, den mit Harrison Ford in der Hauptrolle verfilmten Roman von Paul Theroux, an dessen Ende dem Protagonisten der Traum von einem autarken Leben im Urwald buchstäblich um die Ohren fliegt, oder an Werner Herzogs „Fitzcarraldo“, an dessen Set sich Klaus Kinski ähnlich exzentrisch verhielt wie die von ihm dargestellte Hauptfigur. Auch August Engelhardt, dessen Lebensgeschichte unter anderem in Christian Krachts „Imperium“ aufgegriffen wurde, starb gequält von Wahnsinn und Mangelernährung, bevor er sein Ideal einer neuen Gesellschaft auf einer abgelegenen Südseeinsel verwirklichen konnte.

Ganz so wild geht es in „Euphoria“, dem aktellen Roman der Amerikanerin Lily King, nicht zu — vielmehr spielt sich ein großer Teil der von einer Episode aus dem Leben der berühmten Anthropologin Margaret Mead inspirierten Geschichte unter der Oberfläche und in den leisen Zwischentönen ab. Anfang der 30er Jahre treffen die jungen Anthropologen Nell Stone, ihr Ehemann Fen und ihr britischer Kollege Andrew Bankson auf einem Weihnachtsdinner in einem Posten in Neuguinea aufeinander, wo sie in umliegenden Dörfern diverse Naturvölker erforschen. Zwischen Nell, trotz ihres jungen Alters bereits eine erfolgreiche und angesehene Vertreterin ihrer Zunft, und dem ruhigen, grüblerischen Bankson, den es eigentlich nur ans Ende der Welt gezogen hat, um weit von seiner herrischen Mutter weg zu sein und der Trauer um seine früh verstorbenen älteren Brüder zu entfliehen, entwickelt sich sofort eine gewisse Anziehungskraft. Auch Fen, ein draufgängerischer und handfester Australier, der seiner Frau ihre Erfolge neidet, nimmt diese Anziehung wahr, ist aber ebenfalls fasziniert von Bankson. Das komplizierte Dreiecksverhältnis hat selbstverständlich auch Auswirkungen auf die gemeinsame Forschung zum (fiktiven, aber ebenfalls von wirklich existierenden Naturvölkern inspirierten) Stamm der Tan, die zunehmend von Fens Einzelgängerei und Geheimniskrämerei belastet wird. Ohne große Knalleffekte, aber dennoch immer deutlicher wahrnehmbar, steuert die Situation schließlich auf eine Katastrophe zu.

Ruhig und subtil beschreibt Lily King auf knappen 260 Seiten abwechselnd aus der Sicht Banksons und Nells Tagebucheinträgen das verhängnisvolle Verhältnis des ungleichen Trios. Vermutlich hätte die Geschichte irgendwo in Europa oder Amerika ein viel harmloseres Ende gefunden, aber die zusehends belastende Abgeschiedenheit und Einsamkeit im tiefsten Urwald sowie die immer stärker werdenden Zweifel am Sinn und Zweck der eigenen Forschung wirken wie ein Brennglas, das den Konflikt zusätzlich anfacht. Dementsprechend nimmt das Buch in seinem Verlauf immer mehr Fahrt auf, so dass man es nach dem eher unspektakulären Beginn gegen Ende kaum noch aus der Hand legen kann.

— Lily King: „Euphoria“ (deutsch von Sabine Roth) ist bei C.H. Beck erschienen, hat 262 Seiten und kostet 19,95 Euro. Die oben abgebildete Version mit der wunderbaren Umschlaggestaltung von Annika Siems ist bei der Büchergilde Gutenberg für 17,95 Euro erhältlich. —

[Mitmachen] Max-und-Moritz-Publikumspreis

Comics

Bereits zum 17. Mal werden in diesem Jahr im Rahmen des Internationalen Comic-Salon Erlangen (26. bis 29. Mai) die renommierten Max-und-Moritz-Preise vergeben. Verliehen werden die Auszeichnungen am Freitag, 27. Mai, auf einer Gala im Markgrafentheater. Ein paar der Preisträgerinnen und Preisträger stehen bereits fest, einige andere werden erst direkt auf der Veranstaltung bekanntgegeben. Mit dem Preis für ihr Lebenswerk wird die französische Comic-Künstlerin Claire Bretécher ausgezeichnet, ihr Landsmann Rénald „Luz“ Luzier erhält für „Katharsis“, seine Aufarbeitung des Terroranschlags auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“, den er wegen seiner Geburtstagsfeier um Haaresbreite verpasste, den Spezialpreis der Jury. Ebenfalls als Preisträger steht der avant-verlag fest, der für seine „Verdienste um das kulturelle Erbe“ geehrt wird.

Weitere Preise werden in den Kategorien „Bester deutschsprachiger Comic“, „Bester internationaler Comic“, „Bester deutschsprachiger Comic-Strip“, „Bester Comic für Kinder“, „Beste/r deutschsprachige/r Comic-Künstler/in“ sowie „Beste studentische Comic-Publikation“ vergeben. Außerdem gibt es natürlich auch diesmal wieder den „Max-und-Moritz-Publikumspreis“, über den wir comicbegeisterte Leserinnen und Leser ab sofort abstimmen können. Die Nominierungsliste wurde gestern bekannt gegeben und umfasst folgende Titel, von denen ein paar bereits in diesem Blog besprochen wurden (ein Klick auf den Titel führt direkt zur jeweiligen Rezension):

— Alfred: „Come Prima“
— Mikiko Ponczek: „Crash’n’Burn“
— Joris Chamblain, Aurélie Neyret: „Crissis Tagebücher“
— Katharina Greve: „Das Hochhaus. 102 Etagen Leben“
— Sarah Burrini: „Das Leben ist kein Ponyhof“
Aike Arndt: „Das Nichts und Gott“
Riad Sattouf: „Der Araber von morgen“
— Jeff Lemire, Dustin Nguyen: „Descender“
— Stefan Dinter, Christopher Tauber u.a.: „Die Toten“
— Wilfried Lupano, Grégory Panaccione: „Ein Ozean der Liebe“
Mariko Tamaki, Jillian Tamaki: „Ein Sommer am See“
— Tobi Dahmen: „Fahrradmod“
— Barbara Yelin: „Irmina“
— Simon Spruyt: „Junker. Ein preußischer Blues“
— Patrick Wirbeleit, Uwe Heidschötter: „Kiste“
— Pierre Bailly, Céline Frapoint: „Kleiner Strubbel“
— Roz Chast: „Können wir nicht über etwas anderes reden? Meine Eltern und ich“
— Birgit Weyhe: „Madgermanes“
— G. Willow Wilson, Adrian Alphona: „Ms. Marvel“
— Satoshi Kon: „Opus“
— Christopher Burgholz: „Penner“
— Mawil: „The Singles Collection (Vom Leben gezeichnet)“
— Joachim Brandenberg: „Tobisch“
— Anna Haifisch: „Von Spatz“
— David Füleki: „78 Tage auf der Straße des Hasses“

Sobald Ihr Euren Favoriten gefunden habt, könnt Ihr ihm hier Eure Stimme geben und die Daumen drücken.

[Gehört] „People Change Their Minds“

Backsteingebäude, Frühlingsblumen, Karohemden und William Fitzsimmons: Das alles mag ich sehr gerne. Deshalb als sanfte Untermalung zum (hoffentlich nicht ganz so grauen und verregneten) Samstag hier das gemeinsam mit Abby Gundersen für das Online-Musikmagazin Count Your Bruises live eingespielte „People Change Their Minds“. In der Studioversion ist der Song auf der jüngst erschienenen EP „Charleroi: Pittsburgh Volume 2“ zu hören.

[Zitiert] John Irving über Erinnerungen

Straße_der_Wunder

Nach gut 770 Seiten teils vergnüglicher, oft aber auch recht zäher Lektüre muss ich den vielen zwiespältigen Kritiken leider Recht geben: „Straße der Wunder“ ist einer der eher schwächeren Romane von John Irving. Trotzdem hat das Buch aber natürlich auch seine Momente — nachfolgendes Zitat hat mich zum Beispiel sehr berührt, weil es (zumindest meiner eigenen Erfahrung nach) zu hundert Prozent zutreffend ist:

„Wenn man sich an geliebte Menschen — die nicht mehr unter uns weilen — erinnert oder von ihnen träumt, kann man es nicht verhindern, dass sich ihr Ende vor ihre restliche Geschichte schiebt. Man kann sich die zeitliche Abfolge der Ereignisse in seinen Träumen nicht aussuchen, genauso wenig wie die Reihenfolge der Ereignisse, durch die man sich an jemanden erinnert. Im eigenen Kopf — den eigenen Träumen, den eigenen Erinnerungen — fängt die Geschichte manchmal mit dem Nachwort an.“

— John Irving: „Straße der Wunder“ (deutsch von Hans M. Herzog) ist im Diogenes Verlag erschienen, hat 784 Seiten und kostet 26 Euro. —

Adrian Tomine: Eindringlinge

Eindringlinge

Sind Comics Literatur? Und wenn ja, ab welchem Punkt genau? Muss es immer die umfangreiche, in jahrelanger Arbeit entstandene Graphic Novel sein oder können auch ein paar wenige eher schnell dahingezeichnete Seiten höheren Ansprüchen genügen? Über solche — meist doch eher müßige — Diskussionen ist der Kalifornier Adrian Tomine, Jahrgang 1974, längst erhaben, heimst er für seine Arbeiten doch prominentes Lob sowohl aus der Comicszene (unter anderem von Chris Ware) als auch aus der „anspruchsvollen“ Literatur (zum Beispiel von Zadie Smith und Jonathan Lethem) ein.

„Eindringlinge“, eine Sammlung sechs kurzer Geschichten, die während der letzten Jahre vor allem im Magazin „Optic Nerve“ erstmals erschienen sind, erreichen sowohl zeichnerisch als auch erzählerisch ein hohes Niveau. Zeichnerisch, weil die Bandbreite von Adrian Tomine enorm groß ist und einen Bogen vom klassischen, nur wenige Panels umfassenden Zeitungscomicstrip über das, was man gemeinhin aus zeitgenössischen US-Graphic Novels kennt, bis hin zur minimalistischen Ästhetik des japanischen Großmeisters Yoshihiru Tatsumi, spannt. Experimentell oder wie das Werk eines Künstlers, der seinen Stil noch nicht gefunden hat, wirkt das aber nicht, sondern stets durchdacht und geplant — so ist die Titelgeschichte, in der sich ein Mann immer wieder unbemerkt Zutritt zu seiner ehemaligen Wohnung verschafft, in jeglicher Hinsicht eine Hommage an den 2015 verstorbenen Tatsumi. Dieser verloren wirkende Einbrecher ist nicht der einzige Außenseiter, der einem in „Eindringlinge“ begegnet. Überhaupt sind die Figuren, die aus irgendeinem Grund von der Norm abweichen, die erzählerische Klammer, die alle Geschichten in diesem Sammelband zusammenhält. Der Gärtner, dessen künstlerische Ambitionen nicht gewürdigt werden, was ihn in eine ernsthafte Lebenskrise stürzt, die junge Frau, die einem Internet-Pornosternchen zum Verwechseln ähnlich sieht und dadurch immer wieder in peinliche Situationen gerät oder die stotternde Teenagerin, die sich spätestens seit dem Krebstod der Mutter nichts sehnlicher wünscht als Erfolg auf der Comedy-Bühne — das alles sind Charaktere, die gerade am Scheideweg stehen und bei denen völlig offen ist, ob ihre Geschichte ein gutes oder ein schlechtes Ende nehmen wird. Ihnen allen nähert sich Adrian Tomine in der Tradition der amerikanischen Short Story mit genauer Beobachtungsgabe und einem feinen Sinn für Humor, aber niemals mit Häme. Genau das macht „Eindringlinge“ so lesenswert.

Adrian Tomine: Eindringlinge
Deutsch von Björn Laser.
Reprodukt Verlag, ISBN 978-3-95640-071-1, 120 Seiten, € 24.

[Vielen Dank an den Reprodukt Verlag für das Leseexemplar!]

Riad Sattouf: Der Araber von morgen (Band 1)

Der Araber von morgen

Länder wie Syrien oder Libyen nehmen nun schon seit einer ganzen Weile einen recht prominenten Platz in der täglichen Berichterstattung ein. Zwischen all den Schreckensmeldungen, Kommentaren und Analysen kommt aber doch immer wieder eine Frage zu kurz, nämlich die nach dem Leben der durchschnittlichen Bewohnerinnen und Bewohner dieser Länder. Was hat sich in ihrem Alltag geändert? Was treibt sie um? Ist dort alles wirklich so sehr anders als im Westen, wie uns die Beschwörer eines Kampfes der Kulturen glauben machen wollen? Einer, der es wissen muss, weil er in „beiden Welten“ groß geworden ist, ist der renommierte französisch-syrische Comiczeichner und Filmemacher Riad Sattouf, der in „Der Araber von morgen“ seine Kindheit im Nahen Osten Revue passieren lässt. Der erste, im französischen Original erstmals 2014 erschienene Band der weltweit erfolgreichen Kindheitserinnerungen, behandelt die Jahre zwischen 1978 und 1984 und damit die Zeit von Riad Sattoufs Geburt bis zum sechsten Lebensjahr.

Geboren wurde der kleine Riad in Paris als Sohn einer Französin und eines aus der Nähe von Homs stammenden Syrers, der in den Siebzigern mit einem Stipendium an die Sorbonne kam und dort seinen Doktortitel in Zeitgeschichte machte. Nach dem Studienabschluss des Vaters, einem Anhänger des Panarabismus, zog es die Familie nach Libyen, wo eine gut bezahlte Stelle als Universitätsdozent wartete. Bildung und die harte Hand von Diktatoren wie Muammar al-Gaddafi und Saddam Hussein, so die Überzeugung von Abdel-Razak Sattouf, würde die Araber aus ihrer Unmündigkeit und in eine glänzende Zukunft führen, was die Diktaturen dann über kurz oder lang wieder überflüssig machen würde. Die Realität in Gaddafis Volksrepublik sieht allerdings anders aus, denn statt blühender Landschaften herrschen vor allem Tristesse und Magelwirtschaft vor, so dass der Aufenthalt in Libyen nur ein kurzes Zwischenspiel bleibt. Nach der vorübergehenden Rückkehr nach Frankreich geht es in den nächsten vermeintlich aufstrebenden Staat, nämlich ins von Hafiz al-Assad geführte Syrien, die Heimat von Vater Sattouf. Während die Zeit in Libyen für Riad und seine Mutter den Umständen entsprechend gut erträglich war, erwartet sie im ländlichen Syrien ein wahrer Kulturschock: Bittere Armut, raue Sitten und unverhohlener Antisemitismus, den auch Riad — zwar kein Jude, aber wegen seiner blonden Locken ein leicht auszumachender Außenseiter — zu spüren bekommt. Zumindest kann er dank seines jungen Alters dem Spießrutenlauf eines Schulbesuchs zwar noch entgehen, aber das Drängen des immer strenger werdenden Vaters wird zusehends stärker. Von dieser Zeit erzählt dann der zweite, im Februar in der deutschen Übersetzung erschienene Band

Mit einem beeindruckend leichtgängigen Wechsel zwischen kindlicher Naivität und großer Ernsthaftigkeit erzählt der lange Jahre bei Charlie Hebdo beschäftigte Riad Sattouf in „Der Araber von morgen“ von seiner Kindheit zwischen zwei Kulturkreisen und den politischen wie gesellschaftlichen Entwicklungen in den arabischen Ländern der frühen 80er Jahre, die den Weg für die derzeitige Lage maßgeblich ebneten. Dennoch ist die Graphic Novel zu keiner Zeit allzu verkopft und politisch, sondern bleibt durch den Blick des kleinen Riad stets zugänglich und nahe am alltäglichen Leben der normalen Menschen. Was Marjane Satrapi mit „Persepolis“ für den Iran gelungen ist, glückt Riad Sattouf mit „Der Araber von morgen“ für den Nahen Osten. Sehr empfehlenswert!

Riad Sattouf: Der Araber von morgen. Eine Kindheit im Nahen Osten (1978–1984)
Deutsch von Andreas Platthaus.
Knaus Verlag, ISBN 978-3-8135-0666-2, 160 Seiten, € 19,99.

[Vielen Dank an den Knaus Verlag für das Leseexemplar!]

Der seltsamste Film des Jahres?

Swiss Army ManTom Hanks hatte in „Cast Away“ den Volleyball Wilson als Schicksalsgenossen, der in „Swiss Army Man“ ebenfalls auf einer einsamen Insel gestrandete Paul Dano (der in dem Film sinnigerweise Hank heißt und seinem Vorbild auch optisch recht nahe kommt) findet in Manny (gespielt von Daniel Radcliffe) einen treuen Gefährten. Einziger kleiner Nachteil: Manny ist gar nicht mehr am Leben.

„Swiss Army Man“ von Dan Kwan und Daniel Scheinert hat bei seiner Premiere auf dem Sundance Festival bereits hohe Wellen geschlagen, veranlasste er doch einen Teil des Publikums zum fluchtartigen Verlassen des Kinosaals. Diejenigen, die sich den Streifen bis zum Ende anschauten, fanden aber mehrheitlich freundliche Worte dafür. Dank des nun veröffentlichten Trailers haben wir alle die Möglichkeit, uns einen ersten Eindruck von diesem doch sehr seltsamen Film — einer äußerst kruden Mischung aus dem eingangs erwähnten „Cast Away“ und der Kult-Komödie „Immer Ärger mit Bernie“ — zu machen:

In den USA ist „Swiss Army Man“ ab Mitte Juni in den Kinos zu sehen, ein deutscher Starttermin steht bisher nicht fest. Bleibt also noch etwas Zeit, um sich zu überlegen, ob man dafür tatsächlich Geld ausgeben möchte…

Ein Film über Oliver Sacks

When people die, they cannot be replaced.
They leave holes that cannot be filled.

Ich weiß nicht so recht, ob der Begriff „Vorfreude“ angesichts der doch recht traurigen Hintergründe besonders zutreffend ist, weshalb ich lieber von „gespannter Erwartung“ sprechen möchte: Dieser Tage wurde ein erster Ausschnitt aus einem Dokumentarfilm über den im vergangenen August leider verstorbenen Dr. Oliver Sacks veröffentlicht. Kernstück von „Oliver Sacks: His Own Life“ sind Interviews, die der Filmemacher Ric Burns mit dem großartigen Neurologen und Schriftsteller, der zu dieser Zeit bereits wusste, dass es keine Heilung für seine schwere Krebserkrankung mehr gibt, geführt hat. Zusammen mit Gesprächen mit Freunden und Weggefährten sowie diversen Archivaufnahmen sind mehr als 80 Stunden an Material zusammengekommen, die es für Ric Burns zu sichten und in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen galt — eine echte Mammutaufgabe. Wann, wo und in welcher Form es den fertigen Film zu sehen geben wird, ist momentan noch offen, das via TED verbreitete Video ist aber schon einmal sehr berührend ausgefallen.

Zum Weiterlesen:
Oliver Sacks — Dankbarkeit (Rowohlt Verlag, 64 Seiten, 8 Euro).
Oliver Sacks — On the Move: Mein Leben (Rowohlt Verlag, 448 Seiten, 24,95 Euro; ab Juli auch als Taschenbuch erhältlich).
Oliver Sacks on Learning He Has Terminal Cancer (New York Times)

Neue Perspektiven

Zumindest das Ende des 20. Jahrhunderts dürfte in unser aller Erinnerung noch recht präsent sein, aber dennoch sind natürlich auch diese Jahre längst in die Geschichtsbücher eingegangen. Der britische Autor John Higgs wirft in seinem Buch „Alles ist relativ und anything goes. Eine Reise durch das unglaublich seltsame und ziemlich wahnsinnige 20. Jahrhundert“ einen Blick zurück und erklärt, wie es zu den tiefgreifenden Veränderungen kommen konnte, die dieses Jahrhundert mit sich brachte.

Alles ist relativ

John Higgs vertritt in seinem Buch in erster Linie die These, dass sämtliche Revolutionen und Neuerungen des 20. Jahrhunderts darauf basieren, dass die Menschen begannen, die Dinge aus einer völlig neuen Perspektive zu betrachten, während Erfindungen in früheren Jahrhunderten stets an festen Bezugspunkten ausgerichtet waren und dadurch mehr oder weniger aufeinander aufbauten. So glaubten zum Ende des 19. Jahrhunderts auch führende Naturwissenschaftler, ihr Gebiet sei nahezu erschöpfend erforscht und zukünftige Entdeckungen würden lediglich ergänzender Natur sein. Diese Annahme widerlegte Albert Einstein mit seiner Allgemeinen Relativitätstheorie jedoch gründlich — und zwar, indem er sich vom bisher herrschenden Blickwinkel (oder „Omphalos“, wie es Higgs nach dem griechischen Wort für Nabel nennt), das Universum sei eine Art Schachtel, deren Mittelpunkt die Erde bildet, verabschiedete und mit seiner völlig neuartigen Definition der Raum-Zeit den Weg für vorher nicht einmal theoretisch denkbare neue Erkenntnisse ebnete. Eine ähnliche Loslösung vom damaligen Omphalos vollzog sich laut Higgs fast gleichzeitig zu Einsteins Relativitätstheorie auch in anderen Bereichen: In der Kunst betrachteten die Kubisten den Gegenstand ihrer Malerei aus unterschiedlichen Blickwinkeln, die Loslösung vom starren Rahmen einer vorherrschenden Tonart brachte die atonale Musik hervor und Romane wie „Ulysses“ von James Joyce kamen ohne klassische Erzählstrukturen aus. Spätestens nach dem 1. Weltkrieg lösten sich zudem nach einer viele Jahrhunderte andauernden Vormachtstellung schließlich auch die letzten Kaiser- und Großreiche auf, was letztlich dazu führte, dass das Individuum stärker in den Fokus rückte.

Die Politiker kämpften mit denselben Herausforderungen wie Einstein, Picasso, Schönberg und Joyce: Was können wir tun, nachdem wir nun erkannt haben, dass es keine letztgültige Perspektive gibt, der alle anderen Sichtweisen untergeordnet wären? Wie können wir widersprüchliche Positionen miteinander vereinen? Wie sollen wir vorankommen, wenn unser bisheriges Denken fundamentale Mängel aufweist?

Im Laufe seiner in die verschiedensten Bereiche aus Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft gegliederten Ausführungen verliert John Higgs seine Theorie vom sich verändernden Blickwinkel zwar immer öfter aus den Augen und widerspricht sich zum Teil auch ein wenig (so waren diverse Ereignisse des 20. Jahrhunderts eben doch auch wieder hauptsächlich eine Folge früherer Ereignisse oder Erfindungen — ohne den Zusammenbruch der Großreiche wäre es zumindest in dieser Form wohl nicht zum 2. Weltkrieg gekommen, und auch die Erforschung des Weltalls mit dem Höhepunkt der Mondlandung wäre wohl ohne die Grundlagen der Raketenforschung zu militärischen Zwecken während des Kalten Krieges nie möglich gewesen), aber insgesamt sind die grundlegenden Aussagen von „Alles ist relativ und anything goes“ schlüssig und lassen sich gut nachvollziehen. Überhaupt gelingt es John Higgs größtenteils ausgezeichnet, seine Leserinnen und Leser zu fesseln. Manche Kapitel, wie zum Beispiel das über die Auswüchse des ungezügelten Finanzmarktes oder den Klimawandel, bieten wenig Neues und wurden in den vergangenen Jahren einfach bereits erschöpfend behandelt, aber gerade dann, wenn sich das Buch abseitigeren Themen und schillernden Figuren des letzten Jahrhunderts widmet, wird es zugleich sehr interessant und äußerst unterhaltsam. So zählen die Passagen über den genialen Raketenwissenschaftler und verrückten Okkultisten Marvel Whiteside Parsons und die Erläuterungen der Grundlagen der Quantenmechanik anhand des Beispiels eines Boxkampfes zwischen Wladimir Putin und einem Känguru zu den Glanzlichtern des Buches.

Neben dem vielfältigen und kurzweiligen Überblick über das 20. Jahrhundert liegt die große Stärke von „Alles ist relativ und anything goes“ letzten Endes vor allem darin, dass das Buch neugierig macht und die Lust weckt, in einzelne der beschriebenen Bereiche etwas tiefer einzusteigen.

John Higgs: Alles ist relativ und anything goes
Deutsch von Michael Bischoff.
Insel Verlag, ISBN 978-3-458-17663-3, 379 Seiten, € 25.

Endlich Gründonnerstag (3)

Diesmal mit einer etwas größeren Verspätung: Die Wochen“vorschau“. Angesichts der nahenden Feiertage wird es bis zur nächsten Ausgabe von „Endlich Montag“ wohl auch noch ein Weilchen dauern. Schöne Ostertage! 

Straße der WunderZum Lesen: Es ist so weit — seit dieser Woche ist „Avenue of Mysteries“, der neue Roman von John Irving, auch in der deutschen Übersetzung erhältlich. Ganz bewusst habe ich mich vorher überhaupt nicht mit „Straße der Wunder“ (Diogenes Verlag) — so der deutsche Titel — beschäftigt, um das Buch ganz „unbelastet“ zu lesen, wobei mir die eher mauen Kritiken natürlich nicht entgangen sind. Wer aber doch vorab ein wenig mehr erfahren möchte, kann ja einen Blick auf dieses Interview aus der „Welt“ werfen.

Ende Mai kommt John Irving übrigens für drei Lesungen nach Deutschland: 23. Mai — Berlin (Großer Sendesaal im Haus des Rundfunks), 25. Mai — Hamburg (Thalia Theater), 27. Mai — München (Residenztheater).


Zum Anhören: In einer gerechteren Welt wäre die kanadische Band Folly & The Hunter eine ganz große Nummer, tatsächlich ist sie aber nach wie vor „nur“ einem kleineren Publikum ein Begriff. Dieses aber schätzt das Quartett aus Montreal seit jeher für seine unglaubliche Melodieverliebtheit und die Fähigkeit, Songs zu schreiben, die auch in den dunkelsten Stunden ein wenig Trost spenden können. „Awake“ (Outside Music), das dritte Album der Kanadier, knüpft nahtlos an die beiden hervorragenden Vorgänger „Residents“ und „Tragic Care“ an und ist mit Verspätung nun auch bei uns zu haben.


Zum Ansehen: Angesichts der — natürlich völlig verdienten — Verehrung, die Bill Murray allerorten zuteil wird, vergisst man gerne, dass der Mann mit dem unvergleichlich traurig dreinblickenden Knautschgesicht in seiner Karriere auch jede Menge mittelmäßige bis schlechte Filme gedreht hat. „Rock the Kasbah“, der heute in den Kinos anläuft und Bill Murray als abgehalfterten Musikmanager nach Afghanistan schickt, scheint leider eher in diese Kategorie zu fallen. Zumindest wirkt schon der Trailer des neuen Streifens von Barry Levinson („Rain Man“) sehr klischeelastig — aber eventuell reißt es Bill Murray ja dann doch noch raus…