Sommerhaus, sehr viel später

Viel Gutes habe ich zuletzt über Judith Hermanns neuen Roman „Daheim“ gehört und auch ein kurzes, sehr sympathisches Interview mit der Autorin in der Zeitschrift chrismon hat mein Interesse an dem Buch zusätzlich angefacht. Allerdings wollte zuerst einmal Judith Hermanns Erzähldebüt „Sommerhaus, später“ gelesen werden, das seit einer halben Ewigkeit unangetastet im Regal herumsteht. Meine Taschenbuchausgabe stammt aus dem Jahr 2003 und da es sich um ein Mängelexemplar handelt (vermutlich gekauft in Bamberg, aber genau weiß ich das nicht mehr), dürfte sie wohl seit 2004 oder 2005 in meinem Besitz sein.

Noch mehr Zeit ist seit der Erstveröffentlichung des Buches 1998 vergangen. Damals wurde noch mit D-Mark bezahlt, das Internet war tatsächlich „Neuland“ (beides kommt in den Erzählungen übrigens auch vor) und Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek lobten den „Sound einer neuen Generation“. Das Problem ist nur: Was vor 25 Jahren modern und zeitgemäß war, wirkt heute oft allzu gestrig und womöglich sogar unfreiwillig komisch. In dieser Hinsicht ist „Sommerhaus, später“ allerdings erstaunlich gut gealtert. Die meisten Erzählungen kann man auch jetzt noch problemlos lesen, ohne sich gleich in die Neunziger zurückversetzt zu fühlen. Die Titelgeschichte ist sogar besonders zeitgemäß, handelt es sich beim Sommerhaus doch um ein baufälliges Gutshaus im Märkischen, das ein der Großstadt überdrüssiger Berliner erwirbt. So etwas gab es also auch schon vor der Jahrtausendwende.

Ansonsten konnte ich nicht mit allen Erzählungen so viel anfangen wie mit der großartigen, atmosphärisch dichten Schauergeschichte „Sonja“, in der sich eine merkwürdige, geisterhafte junge Frau im Leben eines Künstlers „verhakt“. Die brennende Großmutter, die von der Insel Bali stammende Frau mit einem Faible für Blondinenwitze, das zerstörte Korallenarmband, das eine Flutwelle auslöst, und der leicht verlotterte, müde Hunter S. Tompson (nicht „Thompson“ wie der Schriftsteller), der einen Kassettenrekorder verschenkt, waren mir teilweise doch ein wenig zu viel des Guten. Durchgängig überzeugt hat mich Judith Hermann dagegen mit ihrem knappen Stil und ihrer poetischen Sprache mit der Vorliebe für schöne, leicht altertümliche Wörter.

Gut möglich, dass ich mir „Daheim“ ebenfalls bald vornehme.

  • Judith Hermann: Sommerhaus, später (Fischer Taschenbuch; 192 Seiten; ISBN: 978-3-596-14770-0).

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Verhängnisvolle Bücherliebe

Die Bände der seit 1912 erscheinenden Insel-Bücherei eignen sich ganz wunderbar, um seine bibliophile Sammelleidenschaft auszuleben. Die mittlerweile kaum noch zu überblickende Zahl an Veröffentlichungen, die enorme Themenvielfalt und die Bandbreite von der günstigen, in jeder Buchhandlung zu erwerbenden Neuausgabe bis zur gefragten, schwer zu bekommenden Rarität bieten Neulingen die Gelegenheit, jederzeit mit dem Sammeln zu beginnen und „alten Hasen“ allerlei Möglichkeiten zur Spezialisierung.

Aber Vorsicht! Darüber, dass aus der an sich eher harmlosen Leidenschaft für schöne Bücher schnell ein Verhängnis werden kann, klärt ausgerechnet ein neuer Band der Insel-Bibliothek auf. „Bibliomanie“ (großartig illustriert von Burkhard Neie), die erste publizierte Erzählung des damals 15-jährigen Gustave Flaubert, erzählt das Schicksal eines allzu wahnhaften Büchersammlers. Giacomo, „ein satanischer und wunderlicher Mensch“, war einst Mönch, wandte sich dann aber von Gott ab, um fortan Bücher mit der gleichen Inbrunst anzubeten. Als Buchhändler in Barcelona ist der Eigenbrötler ständig auf der Jagd nach alten Folianten und seltenen Handschriften.

Dieser Mann hatte, außer mit Büchersammlern und Antiquaren, nie mit irgendwem gesprochen. Er war schweigsam und verträumt, umdüstert und traurig. Er kannte nur einen Gedanken, eine Liebe, eine Leidenschaft: die Bücher.

Gustave Flaubert: Bibliomanie

Flauberts Protagonist liebt es, Bücher in die Hand zu nehmen, über den Einband zu streichen und das Papier zu befühlen. Er liebt den Geruch von Druckerschwärze, farbige Illustrationen, Vergoldungen und ganz besonders das Wort „Finis“ am Ende eines jeden Werks. Eines dagegen interessiert Giacomo nicht, nämlich der Inhalt der Bücher, denn dummerweise kann er — welch‘ Ironie! — nicht lesen. Ein besonders geschickter Händler ist er ebenfalls nicht. Zuerst verkauft er einen seiner größten Schätze an einen wohlhabenden Studenten, was er sofort bereut, dann kommt ihm ein Priester beim Erwerb einer begehrten Rarität zuvor und schließlich schnappt ihm ausgerechnet der verhasste Konkurrent Baptisto bei einer Auktion das seltenste Buch Spaniens vor der Nase weg. Am Ende gibt es in der knappen Erzählung allerdings keine Gewinner, sondern nur Verlierer, denn allen Beteiligten wird die wahnhafte Liebe zu den Büchern schließlich zum Verhängnis. Ganz besonders schlimm trifft es natürlich wieder den armen Giacomo.

„Bibliomanie“, das sich dank der gelungenen Übersetzung von Erwin Rieger äußerst flüssig liest, hat mich weniger wegen seiner (zum Teil etwas undurchsichtigen) Handlung beeindruckt, sondern wegen zweier anderer Aspekte. Einerseits natürlich, weil sich die Meisterschaft Gustave Flauberts schon in dieser sehr frühen Erzählung andeutet, andererseits aber vor allem, weil die kurze Geschichte von 1836 viele spätere Werke offenbar nachhaltig beeinflusst hat. Mir fielen beim Lesen spontan „Das Papierhaus“ von Carlos María Domínguez, Patrick Süskinds „Parfum“, aber natürlich in erster Linie Carlos Ruiz Zafóns Romane um den „Friedhof der vergessenen Bücher“ ein. Vermutlich gibt es noch zahllose andere Beispiele, die es noch zu entdecken gilt — auch die Suche nach diesen Büchern könnte zu einer (hoffentlich nicht verhängnisvollen) Leidenschaft werden.

  • Gustave Flaubert: Bibliomanie (Insel-Bücherei 2529; 68 Seiten; ISBN: 978-3-458-20529-6).

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Eine Reise durch unsere Natur

Vor gut zwei Jahren gelang Jan Haft mit „Die Wiese“ ein Erfolg sowohl im Buchhandel (eine ausführliche Vorstellung findet sich u. a. bei Elementares Lesen) als auch im Kino. Auch „Heimat Natur“, das neue Werk des renommierten Naturfilmers und Biologen, ist als Doppelveröffentlichung angelegt. Ums Buch geht es in den folgenden Zeilen, der Film soll nach aktuellem Stand am 10. Juni in den Lichtspielhäusern anlaufen.

Widmete sich Jan Haft in „Die Wiese“ noch einem kleinen, überschaubaren Lebensraum — dem „Paradies nebenan“, wie es in der Unterzeile des Films heißt — geht es in „Heimat Natur“ nun um eine Bestandsaufnahme der sieben großen Lebensräume in Deutschland: Alpen, Wald, Fluss, Feldflur, Heide, Moor und Küste. Jedem dieser Ökosysteme nähert sich der Autor auf eine ähnliche Weise. Er erklärt, wie sich dieser Lebensraum im Laufe der Zeit — oft Millionen von Jahren — entwickelt hat und welchen Einfluss der Mensch auf diese Entwicklung genommen hat. Etwa, indem Flüsse begradigt und zu Wasserstraßen ausgebaut wurden oder durch die Intensivierung der Wald- und Landwirtschaft.

Selbst, wer die aktuellen Nachrichten nur am Rande verfolgt, weiß natürlich, dass die meisten Naturräume mit erheblichen Herausforderungen vielfältiger Art zu kämpfen haben. Abschmelzende Gletscher, unbeabsichtigter Stickstoffeintrag in die Meere durch den massenhaften Einsatz von Kunstdünger in der Landwirtschaft, Artensterben, Klimaerwärmung, Dürresommer und vieles mehr lassen für die Zukunft nicht allzu viel Gutes erhoffen. All diese Probleme nennt Jan Haft natürlich, vergisst aber nicht, auch auf die positiven Entwicklungen hinzuweisen, die es tatsächlich ebenfalls gibt. So ist das Wasser unserer Flüsse deutlich sauberer und weniger mit Giftstoffen belastet als noch vor ein paar Jahrzehnten. Auch Wälder und Almwiesen werden heute in der Regel nachhaltiger bewirtschaftet als früher und durch aufwändige Wiederansiedlungsprojekte sind bereits fast oder ganz ausgestorbene Arten zurück in ihrem ehemaligen Lebensraum. Ein gutes Beispiel dafür ist die geplante Auswilderung mehrerer Bartgeier im Nationalpark Berchtesgaden.

Noch gibt es da draußen eine wunderbare Vielfalt, und es blüht und zwitschert und summt. Noch ist es für unsere Heimat Natur nicht zu spät.

Jan Haft

So ist „Heimat Natur“ ein Buch, das trotz all der erwähnten Herausforderungen und Probleme auch Hoffnung macht, dass wir die Kurve vielleicht doch noch kriegen und die vielfältigen natürlichen Lebensräume unserer Heimat erhalten. Der sympathische Plauderton und die Begeisterung, mit der Jan Haft unter anderem von grünen Regenwürmern, Gelbbauchunken und „Zombie-Bäumen“ erzählt, ist jedenfalls ansteckend und macht große Lust darauf, selbst auf Entdeckungsreise zu gehen. Letztlich ist genau das die Voraussetzung dafür, sich selbst für den Erhalt der Natur einzusetzen — nur das, was man kennt und einem am Herzen liegt, kann man schließlich auch schützen.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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  • Der Film „Die Wiese – Ein Paradies nebenan“ läuft am Donnerstag, 3. Juni, um 14.30 Uhr im BR Fernsehen.

„Euphancholie“ und Telefonzellen

Ungezählte Bücher, Filme und Songs drehen sich um diesen einen Sommer, der alles verändert. Ein Sommer, von dem man sich wünscht, er möge ewig weitergehen, der aber dennoch unaufhaltsam auf sein Ende zusteuert. Dabei ist es gar nicht so einfach, dem inzwischen doch recht arg strapazierten Coming-of-Age-Genre noch etwas substanziell Neues hinzuzufügen. Aber oft reicht es ja auch schon, Altbekanntes auf gekonnte Art und Weise und mit ein paar überraschenden Wendungen noch einmal zu erzählen. Gut hinbekommen haben das zuletzt etwa David Nicholls mit „Sweet Sorrow“ und Benedict Wells mit „Hard Land“. Lesenswert sind letzten Endes beide Bücher — falls man nur zu einem davon greifen möchte, muss man sich eben entscheiden zwischen einer Laientheatervorstellung von „Romeo und Julia“, England, Pulp und dem Jahr 1997 (Nicholls) oder „Zurück in die Zukunft“, dem ländlichen Missouri, Bruce Springsteen und dem Sommer 1985 (Wells). Diese ganz besondere Mischung aus Euphorie und Melancholie fangen beide Romane jedenfalls bestens ein. Benedict Wells hat für dieses Gefühl sogar ein Wort kreiert, nämlich „Euphancholie“:

„Einerseits zerreißt’s dich vor Glück, gleichzeitig bist du schwermütig, weil du weißt, dass du was verlierst oder dieser Augenblick mal vorbei sein wird. Dass alles mal vorbei sein wird.“ Sie packte ihr Notizbuch weg. „Na ja, vermutlich ist die ganze scheiß Jugend Euphancholie.“

Benedict Wells: Hard Land

Früher als die beiden bereits genannten Bücher, nämlich ganz zu Beginn der 1980er Jahre, spielt „Der große Sommer“, der neue Roman von Ewald Arenz. Wenn auch zeitlich noch ein wenig weiter weg von meiner eigenen Jugend (der kommt „Sweet Sorrow“ am nächsten), konnte ich mich mit diesem Buch am meisten identifizieren — immerhin spielt die Handlung unweit meiner eigenen Heimat und schulische Misserfolge sind mir ebenso bekannt wie Zehnpfennigstücke für die Telefonzelle. Hauptfigur ist der Schüler Friedrich „Frieder“ Büchner, dessen Sommer zunächst nicht groß, sondern ganz schrecklich zu werden droht. Er hat gerade zum zweiten Mal in Folge das Klassenziel der 9. Klasse verfehlt und steht vor dem Ende seiner Gymnasiallaufbahn, wenn er am Ende der Sommerferien durch die Nachprüfung in Latein und Mathe rasselt. Der Familienurlaub jedenfalls fällt für ihn aus, stattdessen muss er die Ferien bei seinen Großeltern verbringen und sich unter der Aufsicht des strengen Großvaters, einem sehr auf Bildung, Disziplin und Leistung bedachten Chefarzt, auf die entscheidenden Prüfungen vorbereiten. Was für ein Schlamassel!

Zum Glück sind da aber noch Frieders bester Freund Johann, seine jüngere Schwester Alma und natürlich Beate, das Mädchen mit dem flaschengrünen Badeanzug und der Vorliebe für Bossa Nova. Zwischen erster Liebe, unbeschwerten Tagen im Freibad und Abenden auf der Burgmauer hat Ewald Arenz selbstredend eine ganze Reihe teils dramatischer Wendungen eingebaut. Ob der Sommer für Frieder ein gutes Ende nimmt, wird hier nicht verraten. Nur so viel: Manchmal sind die Dinge — und erst recht die Menschen — nicht so, wie sie auf den ersten Blick scheinen.

Abgesehen von der unweigerlich auf einen Höhepunkt zusteuernden Handlung ist „Der große Sommer“ auch sprachlich und atmosphärisch ein großes Vergnügen. All die oft kaum wahrnehmbaren Kleinigkeiten, die den Sommer ausmachen — zum Beispiel ganz spezielle Gerüche und Lichtverhältnisse — lässt Ewald Arenz mit meist nur wenigen Worten lebendig werden. Während der Lektüre wähnt man sich tatsächlich im Sommer. Egal, welche Kapriolen der April gerade schlägt. Ein wunderbarer Roman, der seinem Vorgänger „Alte Sorten“ in nichts nachsteht.

Jetzt war Sommer. Er würde vorbeigehen, aber jetzt war Sommer.

Ewald Arenz: Der große Sommer
  • David Nicholls: Sweet Sorrow (Ullstein Taschenbuch; 512 Seiten; ISBN: 978-3-54806-383-6)
  • Benedict Wells: Hard Land (Diogenes; 352 Seiten; ISBN: 978-3-257-07148-1)
  • Ewald Arenz: Der große Sommer (Dumont; 320 Seiten; ISBN: 978-3-8321-8153-6)

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Botanische Weltreise

Vor knapp drei Jahren legten der britische Botaniker Jonathan Drori, ehemals Kurator der Royal Botanic Gardens in Kew, und die französische Illustratorin Lucille Clerc mit ihrem gemeinsamen Buch „In 80 Bäumen um die Welt“ (mehr dazu u. a. bei Elementares Lesen) einen veritablen Weltbestseller hin. Nun hat sich das Duo einmal mehr zusammengetan und mit „In 80 Pflanzen um die Welt“ (deutsche Übersetzung von Bettina Eschenhagen) einen noch farbenprächtigeren Nachfolger verfasst.

Wie der Titel bereits vermuten lässt, ist das Buch ganz ähnlich aufgebaut wie sein Vorgänger, nur dass der Fokus der Weltreise — von Jonathan Droris britischer Heimat bewegt man sich immer in Richtung Osten — nun eben nicht auf Bäumen, sondern auf Pflanzen liegt. Dank der Vielfalt an Formen und Farben sind die entsprechenden, teils ganzseitigen Illustrationen von Lucille Clerc diesmal eine noch größere Augenweide voller kleiner Details. Allein das Blättern in diesem Buch ist die reine Freude. Lesen sollte man die jeweils eine bis knapp drei Seiten langen Porträts der einzelnen Pflanzen natürlich ebenfalls, denn der mit einem feinen Humor gesegnete Drori versteht es bestens, botanische Besonderheiten mit einer kurzen Kulturgeschichte und kuriosen Fakten zu verbinden.

Wer hätte zum Beispiel vorher gewusst, dass die junge, noch unbekannte Marilyn Monroe einst Artischocken-Ehrenkönigin des kalifornischen Städtchens Castroville war, oder dass vornehme Briten im 18. Jahrhundert gerne eine Ananas als Statussymbol mit sich herumtrugen? Auch die Frage, warum die Banane krumm ist, wird hier ein für alle Mal beantwortet (ohne zu viel verraten zu wollen: die Sonne spielt dabei eine wichtige Rolle). Allerdings erfährt man nicht nur Neues über auch in unseren Breiten fast alltägliche Pflanzen, sondern lernt auch ganz neue Gewächse kennen. Etwa den Ibogastrauch aus Gabun mit seinen psychoaktiven Früchten, die bizarre Welwitschie aus Angola oder die Riesenrafflesie, einen in Malaysia vorkommenden Parasiten mit kohlkopfgroßer Knospe.

Am Stück gelesen, enthält „In 80 Pflanzen um die Welt“ fast schon zu viele Informationen. Aber zum schnellen Durchlesen von vorne nach hinten ist dieses wunderbare Buch ja auch gar nicht da. Vielmehr sollte man es als einen dauerhaften Begleiter betrachten, den man immer wieder gerne zur Hand nimmt.

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(K)eine ehrenwerte Familie

Von außen betrachtet muss einem die Familie Bal Mitte der 1990er Jahre vermutlich wie das Musterbeispiel einer wohlhabenden, großbürgerlichen Familie vorgekommen sein. Der Vater ein erfolgreicher, angesehener Richter, drei Kinder, ein herrschaftliches Haus in einem Dresdner Villenviertel. Alles bestens also? Von wegen! Dass mit dieser Familie schon seit Generationen etwas ganz und gar nicht stimmt, wird gleich auf den ersten Seiten von Amanda Lasker-Berlins zweitem Roman „Iva atmet“ mehr als deutlich.

Die Haupthandlung des Buches spielt in der Gegenwart und wird aus Sicht der knapp 33 Jahre alten Iva erzählt. Die jüngste Tochter der Familie Bal arbeitet als Ärztin in einem Krankenhaus und lebt mit Mann und Sohn in Düsseldorf — ihr durchaus solider Lebenswandel ist auch der Grund, warum sie als Erste darüber informiert wird, dass der Vater nach einem Schlaganfall im Sterben liegt. Abgesehen von ihr gibt es nämlich niemanden mehr, der sich in dieser Situation ums Nötigste kümmern könnte. Ivas Mutter hat schon lange eine neue Familie gegründet, die älteren Geschwister sind nur schwer auffindbar. Jette reist durch die Welt und sendet lediglich über ihren Youtube-Kanal ab und an ein Lebenszeichen und was Alexander, der das Elternhaus einst fluchtartig verließ, macht, kann eigentlich niemand so genau sagen.

Während Iva nach Dresden fährt und in dem bedrohlich wirkenden Haus mit den beiden abgestorbenen afrikanischen Köcherbäumen vor dem Eingang unterkommt, beleuchtet Amanda Lasker-Berlin in kurzen Rückblenden die Familiengeschichte ihrer Protagonistin, die ebenfalls eine Meisterin im Verdrängen ist. Nach und nach ergibt sich so ein bedrückendes Bild. Man erfährt von der Großmutter, die die ersten Jahre ihres Lebens im damaligen Deutsch-Südwestafrika verbrachte, mit ihrer Mutter kurz nach der Schlacht am Waterberg nach Deutschland floh und den Völkermord an den Herero zeitlebens in erster Linie als Unrecht betrachtete, das ihr angetan wurde — für die eigentlichen Opfer dieses schrecklichen Verbrechens hat sie dagegen kaum ein Wort des Bedauerns übrig. Man liest vom Großvater, der in der NS-Zeit als Oberkriegsverwaltungsrat Karriere machte, danach aber wie so viele von „nichts gewusst“ haben wollte und im Nachkriegsdeutschland seine Laufbahn unbehelligt als Landtagsabgeordneter fortsetzte. Und natürlich ist da der nun im Sterben liegende Vater, der früher verschwörerische „Gedenkabende“ veranstaltete und sich jegliche Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte mit aller Vehemenz verbat.

Wie diese tot geschwiegene, dunkle Vergangenheit bis in die Gegenwart weiterwirkt und selbst das Leben derer nachhaltig beeinflusst, die keine Schuld auf sich geladen haben, beschreibt Amanda Lasker-Berlin eindringlich in kurzen, fast atemlosen Sätzen. Das liest sich dann zum Beispiel so:

Iva geht zum rechten Köcherbaum, betrachtet ihn genau. Sucht, was Alexander dort gemacht hat. Sie muss genau schauen, findet dann einen Schriftzug. In undeutlichen Buchstaben steht dort: „Ich war einer von euch.“
In Iva wiederholt sich der Satz. Wieder und wieder.

Besonders stark ist „Iva atmet“ gerade in den Passagen, in denen zurückgeblickt wird und sich die einzelnen Puzzleteile nach und nach zu einem halbwegs vollständigen Ganzen zusammensetzen. Nicht ganz mithalten kann da die manchmal etwas konstruiert wirkende, in der Gegenwart angesiedelte Handlung. Lesenswert ist dieser Roman über den persönlichen Umgang mit historischer Schuld, die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte und die allzu lange zur Seite geschobenen deutschen Kolonialverbrechen aber allemal.

Am 22. April um 19.30 Uhr stellt Amanda Lasker-Berlin ihren neuen Roman im Rahmen der „Frankfurter Premieren“ vor. Das von Christoph Schröder moderierte Gespräch kann entweder im Livestream oder danach in der entsprechenden Mediathek angesehen werden.

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Eine verpasste Chance

Vor ein paar Tagen fiel mir beim Aufräumen — neben dem Spazierengehen und Brotbacken derzeit mein liebstes Hobby — ein Kalender aus dem Jahr 2007 in die Hände. Beim Durchblättern stach zwischen all dem Alltäglichen wie Uni-Kram, Ankunftszeiten von Zügen und schnell hingeschmierten Notizen besonders ein Eintrag vom 30. Januar heraus:

Lesung Roger Willemsen
Buchhandlung Hübscher
20 Uhr

Eine schöne Erinnerung, allerdings mit einem nicht unerheblichen Haken. Besucht habe ich die Lesung nämlich nicht. Warum, weiß ich heute beim besten Willen nicht mehr. Vielleicht gab es einfach keine Karten mehr, vielleicht kam mir kurzfristig irgendetwas anderes dazwischen, vielleicht hatte ich keine Begleitung und wollte nicht alleine hingehen.

Seitdem ist viel Zeit vergangen: Ich bin irgendwann aus Bamberg weggezogen, die Buchhandlung Hübscher am Grünen Markt wurde vor ein paar Jahren von Osiander übernommen und Roger Willemsen ist am 7. Februar 2016 viel zu früh gestorben, ohne dass ich jemals eine Lesung von ihm besucht hätte.

Daran lässt sich nun leider nichts mehr ändern — aber immerhin erinnert mich der wiedergefundene Kalendereintrag nachdrücklich daran, die Chancen auch wirklich zu ergreifen, wenn sie sich bieten. Irgendwann, wenn es wieder Lesungen und andere Kulturveranstaltungen gibt.

Auf Entdeckungsreise

Beim Verlag C. H. Beck hat man seit einer Weile ein Herz für Orte, die auf irgendeine Weise besonders oder ungewöhnlich sind. So erschienen von verschiedenen Autoren (aber stets mit Illustrationen von Lukas Wossagk) zuletzt Bücher über „Die seltsamsten Orte der Antike“ und „Die seltsamsten Orte der Religionen“. Pia Volks „Deutschlands schrägste Orte“ (ursprünglich tatsächlich angekündigt als „Die seltsamsten Orte Deutschlands“) reiht sich da trotz des leicht abweichenden Titels nahtlos ein und kommt genau zur richtigen Zeit. Echte Reisen sollten schließlich tunlichst unterlassen werden, aber das Reisen im Lesesessel mit einem Buch vor der Nase ist natürlich uneingeschränkt erlaubt und erwünscht.

Und selbst bei der Entdeckung der Welt von zu Hause aus muss es nicht immer in die Ferne gehen, denn allzu oft findet sich Interessantes und Bemerkenswertes auch in der näheren Umgebung, wie die etwas mehr als 50 von der Autorin ausgewählten und in verschiedene Themengebiete wie „Bizarre Landschaften“, „Obskure Objekte“ oder „Vorstellungswelten“ aufgeteilte Orte beweisen. Um klassische Sehenswürdigkeiten im touristischen Sinne handelt es sich bei den meisten nicht, obwohl einige davon inzwischen ausschließlich Tourismuszwecken dienen. Bestes Beispiel dafür ist die Indoor-Ferienanlage „Tropical Islands“ in Brandenburg. In der riesigen Halle, in der Urlaubshungrige heute künstliche Regenwälder und Sandstrände finden, wollte in den 1990er Jahren eine längst insolvente Firma Luftfrachtschiffe bauen und warten.

Einige der vorgestellten Orte — etwa das Nördlinger Ries — sind von Natur aus so, wie sie sind, die meisten dagegen sind untrennbar mit der wechselvollen Geschichte verbunden. Neben territorialen Verschiebungen, die diverse Enklaven und Exklaven wie Büsingen am Hochrhein oder die sorbischen Dörfer in Sachsen hervorgebracht haben, gehen viele der von Pia Volk ausgewählten „schrägen Orte“ aufs Konto des nationalsozialistischen Größenwahns, der Planungswut der DDR und der „autogerechten“ Umgestaltung der Städte in der Nachkriegszeit oder sind Spätfolgen des Braun- oder Steinkohleabbaus. Allen Orten gemein ist, dass sich hinter ihnen eine spannende Geschichte verbirgt, die es wert ist, erzählt zu werden. Je nachdem, wie viel diese hergibt, erstrecken sich Pia Volks gut recherchierte und in einem sympathischen Tonfall erzählte Reportagen in der Regel über drei bis fünf Seiten.

Was dem Buch allerdings ein wenig fehlt, sind ein paar begleitende Fotografien. Dank der zu Beginn eines jeden Kapitels angegebenen Koordinaten lassen sich die Orte zwar in Windeseile auf der Karte und im Internet finden, aber den Kronleuchter in der Kölner Kanalisation oder Väterchen Timofei und dessen auf dem späteren Olympiagelände in München ohne Baugenehmigung errichtete Kapelle hätte man schon gerne direkt beim Lesen vor Augen gehabt.

Trotzdem weckt „Deutschlands schrägste Orte“ die Lust, sich selbst auf Entdeckungsreise zu begeben. Entweder an den ein oder anderen im Buch vorgestellten Ort oder auf eigene Faust vor der eigenen Haustür. „Schräge Orte“ gibt nämlich überall — man muss nur genau hinschauen.

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Fränkischer Doppelgänger

📸 Christoph Walter

Ende Mai 1967 jubelt die Bevölkerung von Rothenburg ob der Tauber zwei prominenten Besuchern zu. Der Schah von Persien ist nebst seiner Gattin zu Gast im westmittelfränkischen Städtchen und winkt der — abgesehen von ein paar „linksgerichteten Studenten“, die gegen den iranischen Machthaber protestieren — begeisterten Masse vom Rathausbalkon aus zu. Eine nicht unerhebliche Kleinigkeit an diesem Bild stimmt aber nicht, denn neben Farah Diba steht gar nicht der echte Schah, sondern mit dem Rothenburger Schuldirektor Bartholomäus König ein Doppelgänger:

In der geschlossenen Psychiatrie im Bezirkskrankenhaus (BKH) Ansbach tobt derweil ein Mann, der wie der König ausschaut, im Wechsel Flüche auf Farsi und auf Englisch ausstößt und behauptet, der Schah von Persien zu sein.

Davon, warum Bartholomäus König, der ebenso wie der Schah am 26. Oktober 1919 zur Welt kam, diesen Schwindel inszeniert hat und was mit ihm passiert, nachdem ihn zwei Agenten des iranischen Geheimdiensts abgeführt und in den Folterkeller des Kriminalmuseums gebracht haben, erzählt Leonhard F. Seidl in seinem Schelmenroman „Der falsche Schah“. In einem lockeren, mal eher bairisch, mal eher fränkisch gefärbtem Plauderton breitet der vor allem für seine Kriminalromane bekannte Autor die Lebensgeschichte seines Protagonisten aus. Humorvoll und mit viel Lokalkolorit — das Buch entstand im Rahmen eines Stipendiums des Kriminalmuseums Rothenburg — aber auch hintersinnig und ernsthaft. Ein nicht unerheblicher Teil der Handlung spielt während der NS-Zeit, in der es König trotz aller Widrigkeiten gelingt, stets anständig zu bleiben und anderen dank seines Schauspieltalents und seiner Cleverness zu helfen. Nach Kriegsende stößt dem Schulleiter sauer auf, dass die Aufarbeitung dieser finsteren Jahre — wenn überhaupt — nur sehr halbherzig geschieht und die Verbrecher von damals oft unbehelligt in Amt und Würden zurückkehren. Großartig gelungen ist in diesem Zusammenhang eine ebenso aberwitzige wie beklemmende Szene, in der für einen Filmdreh falsche SS-Leute durch die engen Gassen der Stadt marschieren und bei nicht wenigen ein „Er ist wieder da“-Gefühl auslösen.

Das Rathaus von Rothenburg — 📸 Christoph Walter

Vor diesem Hintergrund verwundert es auch nicht, dass sich König an dem aus seiner Sicht allzu unkritischen Umgang mit dem Schah-Besuch in seiner Heimatstadt stört und beschließt, einzugreifen. Hätten sich die Geschehnisse dieses kurzweiligen und klugen Romans tatsächlich so zugetragen, wäre es vermutlich nicht zu der Demonstration wenige Tage später in West-Berlin gekommen, auf der der Student Benno Ohnesorg erschossen wurde. So aber bleibt „Der falsche Schah“ in erster Linie ein Plädoyer dafür, Dinge stets zu hinterfragen und immer dann besonders genau hinzuschauen, wenn sich Machthaber allzu sehr bejubeln lassen.

  • Leonhard F. Seidl: Der falsche Schah (volk Verlag; 192 Seiten; ISBN: 978-3-86222-335-0).

Zum Weiterlesen: „Mehr Schein als Sein“ (Interview mit dem Autor in der Süddeutschen Zeitung).

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Eine Zeit des Aufbruchs

📸 Christoph Walter

Olli Jalonen ist erst der zweite finnische Schriftsteller, dem das Kunststück gelungen ist, gleich zweimal mit dem wichtigsten Literaturpreis seines Heimatlandes ausgezeichnet zu werden. Seinen zweiten Finlandia-Preis erhielt der 1954 geborene Jalonen für seinen Roman „Taivaanpallo“, der unter dem Titel „Die Himmelskugel“ nun auch in der deutschen Übersetzung von Stefan Moster vorliegt.

Die 1679 einsetzende Handlung des nicht nur wegen seines Umfangs von gut 550 Seiten schwergewichtigen Buches ist jedoch nicht im hohen Norden angesiedelt, sondern auf der Insel St. Helena im Südatlantik. Hier lebt der sieben Jahre alte Ich-Erzähler Angus, ein Junge aus einfachen Verhältnissen, den der aufstrebende englische Astronom Edmond Halley bei seiner Forschungsreise auf die Insel im Jahr zuvor unter seine Fittiche genommen hatte. Im Auftrag Halleys beobachtet der wissbegierige und mit einem wachen Verstand gesegnete Angus tagsüber Vögel und in der Nacht den Sternenhimmel. Der größte Wunsch des Jungen ist es, seinem Idol in London als Gehilfe zur Hand zu gehen und eines Tages selbst Wissenschaftler zu werden. Dafür bemüht er sich nach Kräften und lernt bei Pastor Burch, seinem späteren Stiefvater, eifrig Lesen, Schreiben und Rechnen. Der Pastor selbst ist zwar — immerhin befinden wir uns erst ganz am Anfang des Zeitalters der Aufklärung — neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen keineswegs abgeneigt, sieht in ihnen aber in erster Linie Gottesbeweise. Die Ausführungen von Pastor Burch, die weite Teile der ersten 250 Seiten des Romans dominieren, sind dabei sehr ausführlich ausgefallen, so dass sich die Lektüre streckenweise arg zieht.

Edmond Halley, ca. 1687 — 🎨 Thomas Murray

Danach nimmt „Die Himmelskugel“ aber zum Glück mehr Fahrt auf. Im Jahr 1684 ist ein tyrannischer neuer Gouverneur in St. Helena an der Macht, zudem schickt sich eine katholische Sekte an, die größtenteils protestantischen Inselbewohner — darunter auch Angus und seine Familie — zu unterdrücken. Der Pastor will seine Verbindung zu Halley nutzen, um einen Hilferuf nach England zu senden. Als Überbringer der Nachricht bietet sich der inzwischen zwölfjährige Angus an, der als blinder Passagier auf dem altersschwachen Schiff „Berkeley Castle“ die gefährliche Überfahrt wagen soll. Die aus heutiger Sicht kaum vorstellbaren Zumutungen dieser langen Seereise beschreibt Olli Jalonen wunderbar anschaulich und auch Angus‘ staunender Blick auf London, aus seiner Sicht eine Stadt von unglaublichen Ausmaßen, ist dem Autor bestens geglückt. Überhaupt ist der zweite Teil des Romans der deutlich stärkere. Die unmittelbar bevorstehende Zeitenwende, die junge Gelehrte wie Edmond Halley einzuleiten im Begriff sind, ist auf fast jeder Seite spürbar. Gleichzeitig merkt man stets auch die Widerstände, auf die der wissenschaftliche Fortschritt noch allerorten trifft. Dieses Spannungsverhältnis und die Begeisterung und Neugier, mit der Angus alles Neue aufsaugt, machen „Die Himmelskugel“ zu einem lesenswerten Roman. Schade nur, dass es so lange dauert, bis sich das Buch von seiner besten Seite zeigt!

Der Herr Pastor hat mich das Lesen gelehrt, und Herr Halley lehrt mich noch viel mehr, nämlich das Denken. Auf der Welt liegen so viele Dinge hinter der Unwissenheit verborgen, dass man nicht alles durch Lesen lernt, sondern darüber nachdenken und zum Beispiel Versuche machen muss, wenn man nicht im Kopf abwägen und entscheiden kann, welches Ergebnis das richtige ist.

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