Paula Hawkins: Girl on the Train

Sollte jemand in diesem Sommer nur einen einzigen Spannungsroman lesen, ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass es sich dabei um “Girl on the Train” von Paula Hawkins handelt. Das Thriller-Debüt der in Simbabwe aufgewachsenen Britin hat sich in den USA und Großbritannien mehrere Millionen Mal verkauft, Hollywood hat sich natürlich längst die Filmrechte gesichert und auch in hierzulande kann man kaum eine Buchhandlung betreten, ohne vor einem großen Stapel mit Exemplaren dieses Romans zu stehen.

Girl on the Train

Letzten Endes bedient sich Paula Hawkins in “Girl on the Train” eines klassischen Thriller-Motivs, das man zum Beispiel aus Alfred Hitchcocks auf einer Kurzgeschichte des Autors Cornell Woolrich basierenden “Das Fenster zum Hof” bestens kennt: Jemand beobachtet Details zu einem Verbrechen, aber niemand schenkt dem Beobachter Glauben, weshalb sich dieser dann eben auf eigene Faust mit dem Fall beschäftigt und natürlich schnell in große Gefahr gerät. Die Beobachterin heißt in diesem Fall Rachel, ist Anfang Dreißig und an einem toten Punkt im Leben angekommen. Ihr Kinderwunsch hat sich nicht erfüllt, ihre Ehe ist längst in die Brüche gegangen, sie leidet unter Depressionen und einem inzwischen massiven Alkoholproblem. Dieses hat auch dazu geführt, dass sie ihren Job in einer PR-Agentur verloren hat. Da sie es allerdings bisher nicht übers Herz gebracht hat, ihrer Mitbewohnerin und Vermieterin von dieser letzten Niederlage zu erzählen, fährt sie einfach immer noch jeden Tag mit dem Pendlerzug in Richtung London und schlägt dort bis zum “Feierabend” die Zeit tot.

Ihr Blick aus dem Zugfenster bleibt dabei regelmäßig an ihrer alten Nachbarschaft hängen, an dem Haus, in dem sie und ihr Ex-Mann Tom früher gewohnt haben und in dem Tom nun mit seiner neuen Frau und dem gemeinsamen Töchterchen lebt. Noch größere Aufmerksamkeit bei Rachel weckt aber das junge Paar ein paar Häuser weiter, offenbar erfolgreiche, glückliche Menschen, die genau das Leben führen, das sie sich selbst immer erträumt hatte. So werden “Jason” und “Jess”, wie Rachel die beiden nennt, und die um sie kreisenden Tagträume schnell zu einer Flucht aus dem eigenen, tristen Alltag. Dieses Idealbild wird allerdings erschüttert, als sie eines Tages beobachtet, wie “Jess” im Garten einen anderen Mann küsst. Und es kommt noch schlimmer: Wenig später entdeckt Rachel in der Zeitung einen Artikel über eine junge Frau, die seit ein paar Tagen vermisst wird — daneben ist ein Bild von “Jess” zu sehen, die im wirklichen Leben Megan Hipwell heißt. Rachel, die sich der Vermissten sehr verbunden fühlt und noch dazu glaubt, dass der fremde Mann, den sie in Megans Garten gesehen hat, womöglich mit dem Verschwinden zu tun hat, wendet sich an die Polizei, die sie jedoch für eine verwirrte Wichtigtuerin hält, die nichts zur Lösung des Falls beitragen kann. So bleibt Rachel nichts anderes übrig, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen, was sich als nicht ganz ungefährliches Unterfangen entpuppt…

Ob der ganz große Hype um “Girl on the Train” nun berechtigt ist oder nicht, möchte ich an dieser Stelle gar nicht beurteilen — einige kurzweilige Stunden hat mir der Roman aber auf jeden Fall bereitet. Sprachlich mag Paula Hawkins zwar nicht unbedingt ein großes Meisterwerk gelungen sein, die Struktur ihres Buches mit den tagebuchartigen Kapiteln und der ständig wechselnden Erzählperspektive sowie die Zeichnung ihrer Hauptfiguren, die allesamt auf der einen Seite fast bis zum Ende als potenzielle Verdächtige in Frage kommen, andererseits aber trotz ihrer Schwächen durchaus etwas Sympathisches an sich haben, sind dagegen sehr überzeugend ausgefallen.

Trotz einiger Schwächen — hier und da hätte die Handlung sicher auch ein wenig mehr Tempo vertragen können — ist “Girl on the Train” ein sehr kurzweiliger Thriller, den man nur schwer aus der Hand legen kann. Eine ideale Urlaubslektüre also!

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Paula Hawkins: Girl on the Train
Aus dem Englischen von Christoph Göhler.
Blanvalet Verlag
ISBN 978-3764505226; 448 Seiten; 12,99 Euro.

Sommermodus

Zaun

Allzu hektisch geht es in diesem Blog ja ohnehin niemals zu, aber es könnte durchaus sein, dass es in den nächsten Wochen noch ein wenig ruhiger wird. Warum, ist recht schnell erklärt: Im Sommer verbringe ich meine Zeit einfach lieber unterwegs im Freien, mit einem Buch (aktuell das doch recht spannende “Girl on the Train” — Besprechung folgt demnächst) auf dem Balkon, dem Ausprobieren neuer Erfrischungen (Stichwort “Cold Brew”) oder mit dem Hören harmloser, eingängiger Lieder wie diesem hier:

(Homepage Nathan Fox)

Musiktipp: Ciaran Lavery [+ Update Glen Hansard]

Ciaran Lavery sieht aus wie eine jüngere Ausgabe von Glen Hansard, seine wunderbar melancholischen Songs wurden bereits 14 Millionen Mal auf Spotify gestreamt (was dem Musiker wohl dennoch höchstens Einnahmen im Gegenwert von drei Tassen Kaffee beschert haben dürfte) und hierzulande ist er bisher ein nahezu unbeschriebenes Blatt. Das könnte sich diesen Herbst allerdings ändern.

Foto: Colum Coyle
Foto: Colum Coyle

Erste musikalische Sporen in seiner Heimat Irland hat sich der Songschreiber aus dem winzigen Örtchen Aghagallon als Frontmann der Folkrock-Band Captain Kennedy verdient. Seit deren Auflösung ist Ciaran Lavery als Solokünstler mit stetig wachsendem Erfolg unterwegs. Mehrere EPs sind in dieser Zeit entstanden sowie ein Album namens “Not Nearly Dark”. Dieses erscheint im Oktober, knapp zwei Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, nun endlich auch bei uns. Ein wenig später tourt Ciaran Lavery dann durch diverse kleinere Clubs in ganz Deutschland und schon jetzt darf man sich auf lauschige Konzertabende mit wärmenden Liedern freuen.

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Konzerttermine Ciaran Lavery:
17.11.15 München — Strøm 
18.11.15 Stuttgart — Café Galao 
19.11.15 Nürnberg — Club Stereo 
20.11.15 Köln — King Georg 
21.11.15 Mainz — Schon schön 
22.11.15 Darmstadt — BedroomDisco 
24.11.15 Heidelberg — Pret e Ecouter Festival 
25.11.15 Leipzig — Täubchenthal 
26.11.15 Berlin — Privatclub 
27.11.15 Hamburg — Kleiner Donner 
28.11.15 Rees-Haldern — Haldern Pop Bar

Konzerttermine Glen Hansard:
07.10.15 Hamburg — Docks
08.10.15 Berlin — Admiralspalast
10.10.15 Leipzig — Täubchenthal

12.10.15 Köln — Live Music Hall
13.10.15 (CH) Zürich — Volkshaus
17.10.15 (A) Wien — Konzerthaus
19.10.15 München — Kesselhaus

[UPDATE, 1. Juli] Am 18. September veröffentlicht Glen Hansard außerdem sein zweites Solo-Album “Didn’t He Ramble”. Mit “Winning Streak” gibt es schon jetzt einen Vorgeschmack zu hören (und zu sehen), das bereits länger bekannte “Lowly Deserter” wird ebenfalls auf der Platte enthalten sein.

Ryan Bartelmay: Voran, voran, immer weiter voran

“Voran, voran, immer weiter voran” — was sich wie das Mantra eines ehrgeizigen Motivationskünstlers (man denke nur an Oliver Kahns berühmtes “Weiter, immer weiter!”) anhört, bereitet dem Protagonisten von Ryan Bartelmays Debütroman jede Menge Kummer. Dass das Leben immer irgendwie weitergeht, ist für ihn nämlich keineswegs eine Tatsache, aus der sich in schweren Stunden Kraft schöpfen lässt, sondern die Ursache allen Ärgers.

Ryan BartelmayEigentlich hat Chic Waldbeeser, geboren Anfang der Dreißiger in einer Kleinstadt in Illinois, niemals allzu große oder gar unerfüllbare Ansprüche an sein Leben gestellt — ein guter Bruder wollte er sein, später dann ein treuer Ehemann und liebender Vater. Der Wunsch, ein guter Bruder zu sein, platzt schon früh wie eine Seifenblase, weil Chic schlichtweg noch zu jung ist, um seinen etwas älteren Bruder Buddy nach dem Selbstmord des Vaters davor zu bewahren, in ein tiefes Loch zu fallen. Auch die direkt nach Beendigung der Highschool geschlossene Ehe mit Diane steht von Beginn an unter keinem guten Stern, da noch während der Hochzeitsfeier offensichtlich wird, dass sich Chic eher zu Buddys indischer Frau Lijy hingezogen fühlt als zu Diane. Dass Chic wenige Jahre später sogar auf Lijys Vorschlag, ein bei einem Seitensprung entstandenes Kind offiziell als seines auszugeben, damit der “Sündenfall” wenigstens in der Familie bleibt, macht die Situation verständlicherweise nur noch komplizierter. Vollends zerrissen wird die Ehe schließlich durch den tragischen Tod von Sohn Lomax, für den sich Chic verantwortlich fühlt. Ein allzu guter Vater war er nämlich auch nie — einen echten Zugang zu seinem eher an Naturwissenschaften und Fremdsprachen als an Sport und anderen Kindern interessierten Jungen hat er nie gefunden. An eine Trennung denken die beiden Eheleute aber trotz der immer tiefer werdenden Gräben zwischen ihnen nie. Während sich Diane pausenlos essend ins Schlafzimmer einschließt und den Radiosendungen eines Gurus lauscht, der ein glückliches Leben verspricht (ohne davon natürlich in irgendeiner Form tatsächlich glücklicher zu werden), flüchtet sich Chic in eine Traumwelt und denkt zurück an die in seiner falschen Erinnerung wunderbaren, in der Wahrheit eher ganz schrecklichen Flitterwochen mit Diane in Florida. Selbst als er Ende der 90er Jahre, inzwischen verwitwet und in einem Seniorenheim lebend, die zigfach geschiedene Mary Geneseo kennenlernt, fristet er noch immer ein tristes Dasein zwischen Selbsttäuschung und Selbstmitleid…

Obwohl die Covergestaltung, die locker zu lesende Sprache und viele amüsante Begebenheiten im Lauf der Handlung den Eindruck eines lustigen und leicht verdaulichen Romans erwecken, ist “Voran, voran, immer weiter voran” in erster Linie ein sehr trauriges, stellenweise sogar bedrückendes Buch. Wir Leserinnen und Leser begegnen zu Beginn einem jungen Paar am Anfang eines verheißungsvollen Lebensweges, auf dem in der Folgezeit jede Menge schief geht. In Jonathan Evisons Roman “Umweg nach Hause” heißt es über eine Figur, sie treffe keine Entscheidungen, sondern die Entscheidungen treffen sie. Ähnlich verhält es sich mit den Charakteren des in Chicago lebenden Autors und College-Dozenten Ryan Bartelmay — vor allem Chic erträgt die erstaunlich lange Reihe von Schicksalsschlägen so stoisch und gleichgültig, dass man ihn manchmal am liebsten packen und schütteln möchte, damit er endlich aufwacht.

Wir haben beide in unserer eigenen Welt gelebt. Vielleicht geht es allen Leuten so. Man verrennt sich so in seine eigenen Sachen, dass man gar nicht merkt, wie die Zeit vergeht, bis ich dann zufällig in den Spiegel schaute oder mich an etwas aus der Vergangenheit erinnerte, und dann brachen all diese Gefühle in mir auf, und ich konnte nichts anderes mehr machen, als mich ins Bett zu legen und an die Decke zu starren.

Eine allzu erbauliche Lektüre ist “Voran, voran, immer weiter voran” also nicht unbedingt, aber dafür, dass der Roman eine ziemlich traurige Geschichte erzählt, liest er sich erstaunlich kurzweilig und unterhaltsam weg. Das mag auch an den kurzen Kapiteln liegen, die munter zwischen den Jahren und Personen hin- und herspringen. Ein wenig Leichtigkeit bei all der bedrückenden Schwere muss eben doch sein. Unbedingt lesenswert!

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Ryan Bartelmay: Voran, voran, immer weiter voran
Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader.
Karl Blessing Verlag
ISBN 978-3896675262; 432 Seiten; 21,95 Euro.

Ein letzter Film mit Robin Williams

BoulevardVor etwas mehr als zehn Monaten — am 11. August 2014 — ist Robin Williams im Alter von nur 63 Jahren leider viel zu früh und unter sehr traurigen Umständen gestorben. Mit “Boulevard” (Regie: Dito Montiel) kommt demnächst ein letzter, sehr ernsthafter Film mit dem großen amerikanischen Schauspieler und Komiker in die Kinos und wenn der Streifen die hohen Erwartungen erfüllt, die der sehr berührende Trailer setzt, könnte es tatsächlich einer seiner besten sein. Einen deutschen Starttermin für “Boulevard” gibt es zwar momentan noch nicht, aber es lohnt sich wohl auf jeden Fall, die Augen danach offen zu halten.

Maybe it’s never too late to finally start living a life you really want.

Robin Williams spielt den 60 Jahre alten Nolan Mack, einen pflichtbewussten und risikoscheuen Mann. Der ewig gleiche Job bei der ewig gleichen Bank macht zwar keine große Freude, sichert aber wenigstens das Auskommen, die Ehe mit Joy (Kathy Baker) ist längst zu einer bequemen Zweckgemeinschaft geworden. Als Nolan jedoch eines Abends zufällig durch eine etwas heruntergekommene Gegend fährt und den von allerlei Problemen geplagten jungen Leo (Roberto Aguire) kennenlernt, nimmt sein unspektakuläres Leben auf einmal eine ungeahnte Wendung…

Am Kiosk: stern Crime

Crime Cover

Die Unterzeile “Wahre Verbrechen”  mag zwar unschöne Erinnerungen an billig produzierte und hastig synchronisierte US-Dokus wecken, in denen Polizisten mit abenteuerlichen Frisuren und scheußlichen Krawatten allerlei Schauriges über ihre spektakulärsten Fälle berichten, aber zum Glück kommt “Crime”, der neue, alle zwei Monate erscheinende stern-Ableger, deutlich subtiler daher als die reißerischen Sendungen aus dem Privatfernsehen.

Die Geschichte eines Verbrechens ist immer auch eine Geschichte über das Land, in dem wir leben, über die Gesellschaft, die uns geprägt hat, sie ist eine Geschichte über uns. Wir begegnen unserer eigenen Schwäche, unserer eigenen Lust, unseren eigenen Ängsten, auch denen vor uns selbst. Was muss passieren, damit ein Mensch zum Täter wird? Wann ist ein Verbrechen gerechtfertigt? Darf man mit dem Falschen das Richtige tun?

Diese Sätze aus dem einleitenden Essay von Frauke Hunfeld bringen im Prinzip recht gut auf den Punkt, worum es in dem ansprechend und zeitgemäß aufgemachten Magazin gehen soll. Dementsprechend ist “Crime” vor allem in seinen ruhigeren, eher differenzierten Auseinandersetzungen mit dem Thema “Verbrechen” stärker als in den längeren Reportagen über spektakuläre, oft in Nordamerika angesiedelte (Mord-) Fälle. Sehr gut gelungen ist zum Beispiel das Psychogramm eines eigentlich grundanständigen, gebildeten älteren Mannes, den eine fatale Mischung aus Einsamkeit, Naivität und Gutmütigkeit letzten Endes zum Bankräuber werden lässt. Oder auch das Interview mit einem Kriminalhauptkommissar, der auf sympathische Art und Weise mit den aus Fernsehen und Literatur bekannten Klischees über Verhörmethoden aufräumt. Apropos Literatur: In einem weiteren, ebenfalls interessanten Interview verrät der vielfach preisgekrönte Autor Friedrich Ani, wie man einen guten Krimi schreibt.

Insgesamt also eine gelungene erste Ausgabe eines über weite Strecken wohltuend unaufgeregten Magazins, in das vor allem Krimi-Freundinnen und -Freunde gerne einen Blick werfen dürfen.

Crime Inhaltstern Crime erscheint im Gruner + Jahr Verlag. Die erste Ausgabe ist bereits am Kiosk erhältlich, hat 138 Seiten und kostet 4,80 Euro. Das nächste Heft kommt am 8. August heraus.

Konzerttipp: Kim Churchill

Foto: Zac Peters
Foto: Zac Peters

Ein ebenso lässiger wie sympathischer Surfertyp mit ausgefeilter Gitarrentechnik und einem Faible für mitreißende Live-Auftritte — nein, ausnahmsweise ist hier gerade nicht von Ben Howard die Rede, sondern von Kim Churchill. Der gerade einmal 24 Jahre alte Australier ist im Jahr 2009 als Gewinner des Straßenmusiker-Wettbewerbs beim renommierten Byron Bay Bluesfest erstmals vor einem größeren Publikum positiv in Erscheiung getreten, war seitdem fast ununterbrochen unterwegs, unter anderem im Vorprogramm von Größen wie Billy Bragg, dem John Butler Trio oder Angus & Julia Stone und drängt mittlerweile auch bei seinen Solo-Konzerten auf stetig größere werdende Bühnen. “Silence/Win”, das Debütalbum des Blondschopfs, erscheint am 7. August in Deutschland, im September stehen dann einige Konzerte bei uns an.

Womöglich bietet sich da bereits die letzte Gelegenheit, Kim Churchill noch einmal in einem kleineren Rahmen zu erleben.

Konzerte:
11.09.15 Stuttgart — Club ZwölfZehn
12.09.15 München — Milla
16.09.15 (A) Wien — Arena
19.09.15 Dresden — Ostpol
20.09.15 Münster — Pension Schmidt
21.09.15 Hannover — Lux
22.09.15 Frankfurt — Sankt Peter Café
23.09.15 Nürnberg — Club Stereo
25.09.15 Berlin — BI NUU
27.09.15 Köln — Studio 672
28.09.15 Heidelberg — Kulturhaus Karlstorbahnhof

Tim Weaver — Erkenne deine Schuld

Erst kürzlich wurde wieder einmal völlig zu Recht bemängelt, dass aktuelle Krimis und Thriller zunehmend auf Brutalität, Folter und Schockmomente setzen, anstatt mit einer gut konstruierten, intelligenten Story und glaubwürdig gezeichneten Charakteren Spannung zu erzeugen. “Erkenne deine Schuld”, der neue Roman des Engländers Tim Weaver, ist zum Glück einer dieser Thriller, die auch ohne abgetrennte Gliedmaße, Ritualmorde und ähnliche Geschmacklosigkeiten zu überzeugen wissen.

Tim Weaver

David Raker, ehemaliger Journalist und nun als Privatermittler auf vertrackte Vermisstenfälle spezialisiert, hat es diesmal mit einem ganz besonders kniffligen Fall zu tun: Leonard Franks, ein hochdekorierter und allseits beliebter Polizist im Ruhestand, war nur mal kurz vor der Tür seines Hauses im beschaulichen Dartmoor, um ein wenig Feuerholz zu holen und ist dabei spurlos verschwunden. Nichts deutet auf ein Verbrechen oder einen Unfall hin und dass der als bodenständiger Familienmensch bekannte Mittsechziger seinem ruhigen Leben auf dem Land freiwillig den Rücken gekehrt hat, darf auch ausgeschlossen werden. Die einzige Spur, die Raker zu Beginn verfolgen kann, ist der Umstand, dass sich Franks auch nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Polizeidienst noch dann und wann mit älteren Fällen beschäftigt hat. Vor allem der längst eindeutig aufgeklärte Mord an einer jungen Frau scheint den Verschwundenen nicht mehr losgelassen zu haben. Im Laufe seiner Ermittlungen stellt Raker allerdings schnell fest, dass dieses fast 20 Jahre zurückliegende Verbrechen nur die Spitze des Eisberges ist.

Auch wenn das Cover mit den blutigen Dornen auf den ersten Blick etwas anderes vermuten lässt, ist “Erkenne deine Schuld” kein besonders reißerisch aufgemachter Thriller. Tim Weaver versteht es, auch ohne viel Blutvergießen oder gar übertriebene Gewaltdarstellungen eine spannende Atmosphäre aufzubauen und vor allem im ersten Teil des Romans, in dem man als Leserin oder Leser komplett im Dunkeln tappt, macht sich ein zunehmendes Gefühl der Beklemmung breit. Umso mehr der sympathische Ich-Erzähler und Protagonist David Raker im weiteren Verlauf die Puzzleteile des Falls zusammenfügt, desto konventioneller wird die Handlung allerdings. Natürlich weiß Raker bald nicht mehr, wem er trauen kann und obendrein heftet sich eine dunkle Gestalt an seine Fersen — Elemente, die man auch in zig anderen Thrillern in ganz ähnlicher Form findet. Der Spannung tut dies jedoch kaum einen Abbruch, weil Tim Weaver mit ein paar wirklich überraschenden Wendungen aufwartet. Gegen Ende hin, als “Erkenne deine Schuld” schon eher zum Familiendrama geworden ist, nehmen die Überraschungen dann jedoch fast ein wenig überhand, was etwas konstruiert und überladen wirkt.

Trotz dieser kleineren Schwächen ist der fünfte Teil der David-Raker-Reihe ein wohltuend unblutiger, spannender und streckenweise auch recht unkonventioneller Thriller, dessen Lektüre sich auf jeden Fall lohnt.

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Tim Weaver: Erkenne deine Schuld. Deutsch von Karin Dufner. Goldmann Verlag, ISBN 978-3-442-48268-9, 576 Seiten, € 9,99.

Husky — Ruckers Hill

HuskyDie australische Band Husky — benannt nach ihrem Frontmann Husky Gawenda — liefert auch auf ihrem zweiten Album “Ruckers Hill” glasklaren, an den 60ern und 70ern geschulten Folk-Pop ab, der stets ein wohltuendes Maß zwischen gefälliger Eingängig- und sympathischer Schwurbeligkeit hält. Bereits der die Platte eröffnende Titelsong überzeugt mit seinem sachten Arrangement und dem an die Fleet Foxes erinnernden mehrstimmigen Gesang, während das folgende “Saint Joan” oder “I’m Not Coming Back” deutlich beschwingter und ohrwurmtauglicher daherkommen. “Heartbeat” wartet mit einem leichten Country-Einschlag auf, “Mirror” ist die melancholische Ballade des Albums, “Leaner Days” verliert sich in experimentelleren Gefilden und mit dem äußerst einnehmenden “Fats Domino” ist den Jungs aus Melbourne obendrein noch ein potenzieller Sommerhit geglückt.

Insgesamt also ein gelungenes Zweitwerk, das mit seinen 13 Songs jedoch fast ein wenig zu umfangreich ausgefallen ist, um es ohne kleinere zwischenzeitliche Durchhänger in einem Rutsch durchzuhören. In kleineren Häppchen genossen, machen Husky allerdings großen Spaß.- ♦♦♦½


Husky: Ruckers Hill. Erschienen bei Embassy of Music als CD, LP und digitaler Download.

Vorschau: St. Katharina Open Air

Sommerzeit (und seit heute haben wir ja Sommer, zumindest aus meteorologischer Sichtweise) ist Festivalzeit. Zum Glück finden sich als Alternative zu den üblichen Massenveranstaltungen diverse Gegenpole mit einer beschaulicheren Atmosphäre und einem anspruchsvolleren Programm. So öffnet zum Beispiel auch in diesem Sommer die wohl schönste Freiluft-Spielstätte Nürnbergs vom 19. Juni bis zum 26. Juli wieder ihre Pforten zum St. Katharina Open Air, das ein vielfältiges Programm zwischen Folk, Pop, Jazz, Soul, Tanz und einer sehr freien Adaption der “Zauberflöte” zu bieten hat.

Das Eröffnungskonzert der Veranstaltungsreihe bestreitet die junge Schweizerin Anna Aaron (Freitag, 19. Juni), deren dunkle Chansons ihr bereits Vergleiche mit prominenten Kolleginnen wie Sophie Hunger (die am 4. September im Serenadenhof übrigens ebenfalls ein Nürnberg-Gastspiel gibt) und PJ Harvey eingebracht haben. In der Woche danach geben sich die Münchner Blues-Hoffnung Jesper Munk (Donnerstag, 25. Juni) sowie die Kölner Lieblinge Erdmöbel (Freitag, 26. Juni) die Ehre, ehe am Sonntag, 28. Juni, der Club Stereo mit einem — bereits ausverkauften — “Picknick in der Ruine” sein 10. Jubiläum feiert.

Anfang Juli gastieren dann die vielköpfige Berliner Formation 17 Hippies (Freitag, 3. Juli) und die Lokalmatadoren Wrongkong (Samstag, 4. Juli) auf der Bühne in der Ruine des ehemaligen Klosters in der Nürnberger Innenstadt, am Freitag, 17. Juli, kommt das gefeierte American Songbirds Collective um Kyrie Kristmanson wieder einmal nach Franken, ehe das jazzige Sunday Night Orchestra und der Songwriter Ron Spielman am Sonntag, 26. Juli, die diesjährige Spielzeit beschließen.

Richtig Schluss ist damit in der Katharinenruine für diesen Sommer aber natürlich noch nicht, stehen doch nur eine Woche nach Festivalende noch zahlreiche Konzerte im Rahmen des Bardentreffens auf dem Programm.


♣ Informationen zu allen auftretenden Künstlerinnen und Künstlern, dem Karten-Vorverkauf sowie dem vergünstigten Fünfer-Ticket gibt es auf der Homepage des Festivals.