Rückzugsorte (1)

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Wenn die wirkliche Welt zu beängstigend und unübersichtlich wird, hilft es immer, sich für ein Weilchen auszuklinken und in eine Bibliothek oder einen Buchladen zurückzuziehen. Zum Beispiel in die oben abgebildete „Buchhandlung Walther König & Designshop im Neuen Museum“ (Luitpoltstraße 5, Nürnberg), die — entsprechend ihrer Lage im bzw. am Neuen Museum Nürnberg — auf Literatur und Bildbände zu den Themen Kunst, Design und Fotografie spezialisiert ist und obendrein allerlei hübsche Designobjekte für zu Hause im Angebot hat.

(Apropos Neues Museum: Im Foyer ist noch bis zum 4. September die sehenswerte, fast schon zur alljährlichen Tradition gewordene Ausstellung „100 beste Plakate Deutschland — Österreich — Schweiz“ zu sehen.)

Der alternde Sherlock Holmes und seine junge Assistentin

King

Spätestens seit dem riesigen Erfolg der BBC-Serie mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman hat fast alles Hochkonjunktur, was in irgendeiner Form mit Sherlock Holmes zu tun hat. Umso erstaunlicher erscheint es vor diesem Hintergrund, dass die Holmes-Reihe der Amerikanerin Laurie R. King, deren 14 Bände (der aktuellste, „The Murder of Mary Russell“, erschien dieses Frühjahr) sich im englischsprachigen Raum seit gut 20 Jahren großer Beliebtheit erfreuen, bei uns keinen rechten Anklang finden will. Der Rowohlt Verlag veröffentlichte zwar einst die ersten vier Bücher der Serie in deutscher Übersetzung, doch seit geraumer Zeit sind auch diese Romane nur noch antiquarisch erhältlich.

Ein Jammer eigentlich, denn schon „Die Gehilfin des Bienenzüchters“, der erste Band, ist ein sehr gelungener, charmanter Pastiche, der stilistisch und vom gesamten Tonfall her ziemlich nahe an die Originale von Sir Arthur Conan Doyle herankommt. Zeitlich sind die Romane von Laurie R. King etwas später angesiedelt als die Werke Doyles und sowohl die Baker Street 221b als auch Dr. Watson (der allerdings weiterhin ein gern gesehener Gast ist) sind passé. Sherlock Holmes, zu Beginn der Handlung im Jahr 1915 Mitte Fünfzig, hat sich — begleitet von seiner treuen Haushälterin Mrs. Hudson — in ein Anwesen im ländlichen Sussex zurückgezogen, wo er sich in erster Linie der Bienenzucht und der wissenschaftlichen Erforschung der Insekten widmet. Während dieser Tätigkeit lernt er die zu diesem Zeitpunkt 15-jährige Mary Russell kennen, ein ebenso neugieriges wie altkluges Mädchen, das es mit dem scharfen Intellekt Holmes‘ locker aufnehmen kann. Fortan fungiert Mary, die schnell bei Sherlock Holmes in die Lehre geht, als Erzählerin der Geschehnisse und quasi als „Ersatz-Watson“ (Laurie R. King, die im Vorwort augenzwinkernd betont, sie sei gar nicht die Autorin dieser Geschichten, sondern hätte nur zufällig die Aufzeichnungen der Mary Russell gefunden und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, schlüpft demnach in die Rolle Arthur Conan Doyles). Diese Idee geht wunderbar auf, denn zum einen ist Mary allein wegen ihres Geschlechts und ihres Alters ein starker Gegenpart zu Holmes, zum anderen ist sie eine deutlich eigenständigere Figur als der zuweilen etwas arg tapsige Dr. Watson.

Von der eigentlichen Handlung soll an dieser Stelle gar nicht allzu viel verraten werden — nur so viel: Das Kennenlernen von Mary und Holmes und die ersten Jahre der ungewöhnlichen Freundschaft nehmen eine recht zentrale Stellung in „Die Gehilfin des Bienenzüchters“ ein. So sind bis zum zentralen Fall des Romans nicht nur drei Jahre — Mary ist zu diesem Zeitpunkt bereits volljährig und Studentin in Oxford –, sondern auch gut 200 Seiten verstrichen. Etwas straffer hätte die Geschichte also durchaus ausfallen dürfen, aber auch da ist Laurie R. King ganz nah am Vorbild, kommen doch zumindest die „echten“ Holmes-Romane ebenfalls nicht ganz ohne ein paar Längen aus. Freundinnen und Freunde von Sherlock Holmes kommen hier jedenfalls trotz dieser kleinen Schwäche auf jeden Fall auf ihre Kosten, zumal Mary Russell eine Figur ist, die man schnell ins Herz schließt und der ältere Sherlock Holmes ein wenig milder und nahbarer wirkt.

Es lohnt sich also, in Antiquariaten nach den deutschen Übersetzungen (der hier vorgestellte Roman wurde von Eva Malsch ins Deutsche übertragen) zu stöbern oder gleich auf die englischsprachigen Originale zurückzugreifen.

Filmtipp: „Liberal Arts“

Die Fußball-EM ist vorbei und für die nächsten Tage ist ein Wetter vorhergesagt, das nicht unbedingt zum Biergartenbesuch oder zum endlosen Sitzen auf dem heimischen Balkon bzw. im Garten einlädt. Ideal also, um wieder einmal einen Film anzuschauen.

Liberal ArtsEher durch Zufall bin ich über „Liberal Arts“ (2012), die zweite Regiearbeit des vor allem durch seine Rolle als Ted Mosby in der Erfolgs-Sitcom „How I Met Your Mother“ bekannten Josh Radnor, gestolpert, und war sehr positiv überrascht von der liebenswert erzählten, ebenso berührenden wie klugen Tragikomödie, die trotz ihrer prominenten Besetzung (unter anderem sind Elizabeth Olsen, Richard Jenkins, Elizabeth Reaser und Zac Efron in weiteren Rollen zu sehen) leider nicht allzu viel Beachtung fand und es hierzulande seinerzeit nicht einmal in die Kinos schaffte. Josh Radnor selbst spielt darin den Mittdreißiger Jesse, der an der Zulassungsstelle eines New Yorker Colleges ein sicheres Auskommen hat, aber trotz allem noch nicht so recht im Erwachsenenleben angekommen ist. Am liebsten verbringt er seine Zeit in Buchläden oder trauert den Chancen hinterher, die sich ihm nach dem Uni-Abschluss boten und die er allesamt verpasst hat. Als er zur Verabschiedungsfeier seines ehemaligen Professors Peter Hoberg (Richard Jenkins) an seinen alten Campus zurückkehrt, sind die vergangenen Zeiten auf einmal noch präsenter als ohnehin schon. Ausgerechnet der 16 Jahre jüngeren Studentin Zibby (Elizabeth Olsen) gelingt es, dass Jesse seinen Blick nicht mehr nur auf die Vergangenheit richtet, sondern auch etwas mehr in der Gegenwart ankommt.

Fürchterlich originell mag die Handlung von „Liberal Arts“ zwar nicht unbedingt sein, zumal es ja Dutzende mehr oder weniger gelungene Streifen nach einem ähnlichen Strickmuster gibt und es gerade in Independent-Komödien geradezu zu wimmeln scheint vor etwas verwirrten und linkischen, meist gar nicht mehr ganz so jungen Männern (und gelegentlich auch Frauen), die mit ihrem Leben hadern. So sind es eher die Details, die Josh Radnors bis in die Nebenrollen exzellent besetzten Film positiv von der Masse abheben: Die Hauptfiguren treffen sich gerne in Buchläden und kleinen Coffeeshops, haben ein Faible für handgeschriebene Briefe, diskutieren mit viel Inbrunst, aber wenig Fachwissen über klassische Musik und wirken allesamt so sympathisch, dass man am liebsten selbst mit ihnen befreundet wäre. Wer genau hinschaut, entdeckt zudem jede Menge popkulturelle Anspielungen, nicht zuletzt auf Josh Radnors Paraderolle des Ted Mosby — eigentlich hätte sich das Ende von „Liberal Arts“ auch wunderbar (oder sogar noch besser) als Schlusspunkt für „How I Met Your Mother“ angeboten…

Den wohl schönsten Dialog des Films liefert sich Jesse mit der Buchhändlerin Ana (Elizabeth Reaser):

Ana: „I just started to feel like reading about life was taking time away from actually living life, so I’m trying to accept invitations to things, say ‚hi‘ to the world a little more.“
Jesse: „That sounds scary. It’s going well?“
Ana: „It’s…okay. I keep thinking I’d be so much happier in bed with a book, and that makes me feel not super cool. I still read tons. I just feel like I’m more aware of a book’s limitations. Does that make sense?“
Jesse: „Yeah, totally.“

Harper Lee über Enttäuschungen

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Wenn ein Mann zu dir sagt: „Das ist die Wahrheit“ und du ihm glaubst und dann feststellst, dass er nicht die Wahrheit sagt, bist du enttäuscht und achtest darauf, dass er dich nicht noch einmal aufs Glatteis führt.
Aber ein Mann, der nach der Wahrheit gelebt hat –, dieser Mann macht aus dir nicht nur einen argwöhnischen Menschen, wenn er dich enttäuscht, er nimmt dir alles.

Nun ist „Gehe hin, stelle einen Wächter“, vor dem ich doch ein Weilchen zurückgeschreckt bin, also ausgelesen und mein finales Urteil fällt erfreulich positiv aus. Obwohl sich die Geschichte insgesamt relativ stark von „Wer die Nachtigall stört“ unterscheidet, Jean Louise zumindest in der Haupthandlung deutlich älter ist und Atticus aufgrund seiner Ansichten nicht mehr zum glänzenden Vorbild taugt, ähneln sich die beiden Bücher zumindest in ihrem Grundton und subtilen Humor doch sehr. Wer bisher keinen der beiden Romane von Harper Lee gelesen hat, sollte zum Einstieg auf jeden Fall die „Nachtigall“ wählen und anschließend bei Gefallen zum „Wächter“ greifen, um noch tiefer in die Welt von Scout, Jem, Dill, Atticus, Hank, Calpurnia und Alexandra einzutauchen. Es lohnt sich auf alle Fälle!

Aktuelle Lektüre: „Gehe hin, stelle einen Wächter“

Es gibt Bücher, vor denen man einen gewissen Respekt hat und deshalb zögert, sie in die Hand zu nehmen, geschweige denn, sie tatsächlich auch zu lesen. Das kann unterschiedliche Gründe haben: Vielleicht, weil ein Roman — bestes Beispiel ist da wohl „Ulysses“ von James Joyce — in der allgemeinen Wahrnehmung als sperrig oder gar qualvoll zu lesen gilt. Eventuell schreckt man aber auch davor zurück, ein altes Lieblingsbuch nach Jahren noch einmal zu lesen aus Angst, es könnte einem nun nicht mehr allzu gut gefallen oder sich am Ende gar als Enttäuschung herausstellen. Und welche Enttäuschung wiegt schwerer als die Erkenntnis, sich in seiner Liebe getäuscht zu haben?

Harper Lee

Ein Buch, das ich längere Zeit überhaupt nicht lesen wollte, ist „Gehe hin, stelle einen Wächter“ von Harper Lee. Und zwar, obwohl — nein, gerade weil — „Wer die Nachtigall stört“, der über Jahrzehnte einzige jemals veröffentlichte Roman der im Februar dieses Jahres verstorbenen Amerikanerin, eines meiner heißgeliebten Lieblingsbücher ist (und zwar auch nach mehrmaliger Lektüre). Schon die Umstände, die dazu führten, dass das Buch überhaupt „entdeckt“ und zur Veröffentlichung freigegeben wurde, wurden heiß diskutiert und machten nicht zuletzt den Eindruck, dass angesichts des doch recht hinfälligen Gesundheitszustandes der Autorin und dem nicht lange zurückliegenden Tod von Alice Lee, die streng über das Werk ihrer jüngeren Schwester wachte, die Gunst der Stunde genutzt wurde, um mit einem prominenten Namen und einer „literarischen Sensation“ jede Menge Geld zu verdienen. Nicht gerade die beste Ausgangssituation, den „Wächter“ mit offenen Armen zu empfangen.

Noch deutlich schwerer machte es mir allerdings die kurz vor dem offiziellen Erscheinen des Buches überall zu lesende Entdeckung, dass der wunderbare, gebildete und aufrechte Atticus Finch aus „Wer die Nachtigall stört“, in „Gehe hin, stelle einen Wächter“ ein verbohrter Rassist sei. Der tugendhafte Atticus Finch, der sich nie von spontanen Emotionen leiten lässt, sondern immer klug abwägt, der eine klare und gefestigte Meinung vertritt, aber auch diejenigen nicht verteufelt, die anders denken — kurz: eine der der wunderbarsten Figuren der Literaturgeschichte, von deren Schlage es auch im realen Leben gerade in unseren Zeiten mehr Menschen geben sollte. Wollte ich diese vorbildhafte Figur wirklich in einem ganz anderen Licht sehen? Eigentlich nicht.

Aber andererseits: Es ist doch „nur“ eine fiktive Figur aus einer fiktiven Geschichte und die Welt geht auch nicht davon unter, wenn mir „Gehe hin, stelle einen Wächter“ überhaupt nicht gefällt. Deshalb lese ich den Roman jetzt einfach mal. Auf gehts!


Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter // Deutsch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, DVA Belletristik, ISBN 978-3-421-04719-9, 320 Seiten, € 19,99. Auf dem Foto oben abgebildet ist die Version des Romans aus der Büchergilde Gutenberg, erhältlich für € 18,95.

Sigge Eklund — Das Labyrinth

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Die elf Jahre alte Magda ist spurlos verschwunden — womöglich entführt aus dem Haus ihrer Familie in Stockholm, während sich die Eltern nur hundert Meter weiter in einem Restaurant aufhielten. Eine Ausgangssituation, wie man sie aus Dutzenden Krimis und Thrillern kennt, aber in „Das Labyrinth“ werden nun eben keine Ermittler gleich welcher Couleur aktiv und auch skrupellose Serienmörder, drastische Gewaltszenen und immer weitere Opfer sucht man (zum Glück) vergebens. Abgründe tun sich in Sigge Eklunds Roman aber dennoch auf, wobei das verschwundene Mädchen nur der Aufhänger ist, an dem die Fäden der eigentlichen Handlung angebracht sind.

Erzählt ist „Das Labyrinth“ wechselnd aus der Perspektive von vier Personen, die in einer mehr oder weniger engen Beziehung zu Magda stehen und denen wir zu verschiedenen Zeitpunkten begegnen. Da sind zum einen Martin und Åsa Holm, die Eltern des Mädchens, für die die vermeintliche Entführung der Tochter nur einen weiteren Tiefpunkt in ihrer seit langer Zeit zerrütteten Ehe darstellt. Nach Außen hin ein modernes Paar aus der gehobenen Mittelschicht, brodelt es im Inneren gewaltig. Die Liebe der beiden zueinander ist längst erkaltet, der Umgangston kühl bis bissig und Magda, eine verschlossene Einzelgängerin, kaum mehr als das fünfte Rad am Wagen, zu dem die Eltern keinen rechten Bezug haben. Während Åsa, eine analytisch-unterkühlte Psychotherapeutin, die Gründe für das Verschwinden ihrer Tochter bei sich selbst bzw. Fehlern in ihrer Arbeitsweise sucht, sind für den labilen Martin die Anschuldigungen der Polizei, er selbst könnte seiner Tochter etwas angetan haben, ein weiterer schwerer Schlag. Obwohl er als Programmleiter bei einem großen Verlag eine durchaus ansehnliche Karriere hingelegt hat, fühlt er sich als minderwertiger Verlierer. Die Fußstapfen seines ebenfalls in der Verlagsbranche beschäftigten Vaters waren ihm schon immer zu groß, seine literarischen Ambitionen liegen auf Eis, den Tod des geliebten älteren Bruders hat er auch nach Jahrzehnten nicht verwunden und die eigene Familie ist ihm fremd. Außerdem zu Wort kommen Tom, ein junger Lektor, den Martin in den Verlag geholt hat, und Katja, Toms Exfreundin, der als Schulkrankenschwester seltsame blaue Flecken an Magdas Armen und Rücken auffallen und deren Gedichtband von Martins Verlag recht harsch abgelehnt wurde.

Seine Spannung bezieht Sigge Eklunds Roman tatsächlich weniger aus der Suche nach Magda bzw. der Aufklärung dessen, was mit dem Mädchen passiert ist (was ja, wie bereits erwähnt, nur eine eher untergeordnete Rolle spielt), sondern vielmehr aus den Rückschlüssen, die man selbst beim Lesen über die beteiligten Personen zieht. Schnell ertappt man sich dabei, dass man banale Dinge dazu benutzt, um daraus Verdächtigungen gegen die jeweiligen Charaktere abzuleiten. Warum sollte Martin zum Beispiel nicht als Mörder seiner Tochter in Frage kommen, wo er sich doch immerhin durch ein sprunghaftes Wesen und plötzliche Ausbrüche von Jähzorn auszeichnet? Oder etwa Tom: Könnte hinter seiner Anteilnahme an Magdas Verschwinden und der allzu großen Bewunderung für seinen Chef nicht auch mehr als die pure Dankbarkeit dafür stecken, dass ihm Martin in einer schwierigen Lebenslage eine Chance gegeben hat? Wenig anders verhält es sich mit den beiden Frauen: Hat Katja womöglich einfach die Ablehnung nicht verkraftet und sich am vermeintlich Schuldigen für ihr Scheitern als Lyrikerin gerächt? Und dass Åsa den plötzlichen Verlust ihrer Tochter so ungerührt hinnimmt, kann doch eigentlich auch nur ein Hinweis auf ihre Schuld sein…

Am Ende gibt es nach einigen Wendungen dann doch noch eine Auflösung, mit der man zufrieden sein kann oder nicht und die man schlüssig oder auch etwas konstruiert finden kann. Selbst wenn Letzteres der Fall sein sollte, liest man „Das Labyrinth“ insgesamt doch mit Gewinn: Die Figurenzeichnung ist Sigge Eklund, der viele Dinge eher andeutet als direkt ausspricht, sehr gut gelungen und das Vorherrschen der leisen Töne sowie die Konzentraion auf zwischenmenschliche Beziehungen heben das Buch positiv von der Masse der sonstigen Spannungsliteratur ab.


Sigge Eklund: Das Labyrinth // Deutsch von Nina Hoyer, DuMont Buchverlag, ISBN 978-3-8321-6367-9, 384 Seiten, € 9,99.

Krimi: Helene Tursten — Jagdrevier

Jagdrevier

Mit ihrer erfolgreichen, zehn Bände umfassenden Reihe um die Göteborger Kommissarin Irene Huss hat sich Helene Tursten eine große Fangemeinde erschrieben, die dank der TV-Verfilmungen mit Angela Kovács noch deutlich weiter gewachsen sein dürfte.

Mit „Jagdrevier“, seit Anfang des Jahres auch in deutscher Übersetzung erhältlich, beginnt die Schwedin eine neue Krimireihe, in deren Mittelpunkt die 28 Jahre alte Polizistin Embla Nyström und ihre Kollegen von der Göteborger Sondereinheit MEB stehen — aufmerksame Tursten-Leserinnen und -Leser kennen die neue Ermittlerin sicher bereits aus ihrem Gastauftritt im Huss-Krimi „Das Brandhaus“. In ihren ersten Fall schlittert die Hobbyboxerin und Tochter eines Hippie-Paares eher durch Zufall. Als Gast ihres verwitweten Onkels Nisse, der in den Wäldern um Göteborg einen Bauernhof bewohnt, nimmt sie während ihres Urlaubs wie jeden Herbst an der Elchjagd teil. Normalerweise eine Routineangelegenheit ohne nennenswerte Vorfälle, doch diesmal ereignen sich bereits zu Beginn der Jagdwoche seltsame Dinge. Als dann auch noch ein Mitglied der Jagdgesellschaft tot aufgefunden wird und ein weiteres spurlos verschwindet, ist es mit der Ruhe endgültig vorbei — erst recht, als herauskommt, dass die beiden seit ihrer Jugend befreundeten, sehr einflussreichen Männer mit mysteriösen Postsendungen bedroht wurden und der tödliche Autounfall eines dritten Freundes im Vorjahr womöglich doch kein tragisches Unglück war. Der Täterkreis scheint angesichts der nur gut ein Dutzend Personen umfassenden Jagdgesellschaft überschaubar, wobei vor allem der etwas mysteriöse Neuling Peter Hanssen, in den sich Embla Nyström dummerweise sofort verguckt hat, Verdacht erregt.

Helene Tursten ist mit „Jagdrevier“ ein solider, wenn auch nicht überragender Auftakt zu ihrer neuen Reihe gelungen: Die herbstlichen Wälder Schwedens bilden einen Handlungsort mit viel Atmosphäre und die überschaubare Zahl an möglichen Verdächtigen auf recht eng begrenztem Raum bietet die besten Voraussetzungen für ein Kammerspiel mit immer neuen Wendungen und überraschendem Ausgang. Leider steuert der Roman — mit etwas mehr als 250 Seiten eine erfreulich kompakte und schnell zu lesende Abwechslung zu all den Krimi-Wälzern mit 500 und mehr Seiten — nach seinem ruhigen und vielversprechenden Einstieg auf ein doch ziemlich vorhersehbares und letztlich recht banales Ende zu. Die Protagonistin Embla Nyström selbst bleibt ebenfalls ein wenig blass, die kurzen Rückblenden in ihre bewegte Vergangenheit lassen aber auf eine spannende Entwicklung in den nächsten Fällen hoffen. Auch ihre beiden Kollegen, der väterlich-gemütliche Göran Krantz und der leicht überforderte junge Familienvater Hampus Stahre, sind durchaus Figuren, von denen man gerne mehr lesen möchte. So sieht man dem Nachfolger trotz der etwas zwiespältigen Gefühle nach der Lektüre von „Jagdrevier“ dennoch mit Vorfreude entgegen — bei ihrem nächsten Auftritt sollte sich Embla Nyström dann aber schon ein wenig steigern.


Helene Tursten: Jagdrevier // Deutsch von Lotta Rüegger und Holger Wolandt, btb Verlag, ISBN 978-3-442-71313-4, 256 Seiten, € 12,99.

Kurz: Ian McEwan — Solar

Solar

Darum geht es:
Über den Zeitraum eines knappen Jahrzehnts (mit Schlaglichtern auf den Jahren 2000, 2005 und 2009 sowie allerlei Rückblenden) begleiten wir den alternden Physik-Nobelpreisträger Michael Beard auf dem Weg zu seinem wohl letzten Coup, der Erforschung und Entwicklung einer alternativen (Sonnen-) Energiequelle. Außerdem haben wir daran Teil, wie der Protagonist mit deutlich weniger Erfolg versucht, ein geordnetes Privat- und Liebesleben zu führen.

Das bleibt von der Lektüre:
Die für alle durchschnittlich begabten Menschen doch recht tröstliche Erkenntnis, dass geniale Fähigkeiten auf einem eng begrenzten Fachgebiet nicht davor schützen, in allen anderen — vor allem den zwischenmenschlichen — Bereichen des Lebens komplett zu versagen.

Das ist gut:
Ian McEwan ist ein feiner Beobachter und großartiger Stilist, der viel Freude daran hat, seine Hauptfigur genüsslich zu zerlegen und als völligen Unsympathen dastehen zu lassen. Abgesehen davon gibt es einige sehr lustige Szenen, zum Beispiel, wenn Beard während einer Arktisexpedition fest davon überzeugt ist, sein Penis sei abgefroren, oder wenn er auf einer Zugfahrt einem finster wirkenden Sitznachbarn von der Statur eines Türstehers versehentlich die Chips wegfuttert.

Das ist nicht so gut:
Ab und an zieht sich die Lektüre ein wenig in die Länge und außerdem kommt das Ende etwas abrupt. Ansonsten keine Beanstandungen.

Ein ähnliches Buch:
Dave Eggers — Ein Hologramm für den König


Ian McEwan: Solar (2010) // Deutsch von Werner Schmitz, Diogenes Verlag, ISBN 978-3-257-24174-7, 416 Seiten, € 11,90.

James Rebanks: Mein Leben als Schäfer

Die nächste Sachbuchempfehlung — demnächst gibt es dann auch mal wieder „Fiction“ an dieser Stelle.

Der Sachbuchbube

Seit gut 600 Jahren betreibt die Familie von James Rebanks Schafzucht im Lake District, einem pittoresken, bergigen Landstrich im Nordwesten Englands, der jedes Jahr zahllose Touristen anzieht und mit seinem rauen Charme Generationen von Dichtern, Schriftstellern und intellektuellen Stadtflüchtigen inspiriert hat. Gerade die schwärmerischen Lobgesänge auf den Lake District waren es letzten Endes, die James Rebanks dazu bewogen haben, ein Buch über die „einfachen“ Menschen wie seine Vorfahren und sich selbst zu schreiben, die mit ihrer harten Arbeit die Gegend deutlich mehr geprägt haben als Städter auf einer kurzen Landpartie.

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Mein Großvater gehörte einfach jener vergessenen schweigenden Mehrheit von Menschen an, die lebten, liebten, arbeiteten und starben, ohne viele schriftliche Spuren zu hinterlassen. In den Augen anderer war er damit im Grunde ein Niemand, und auch uns, eine Nachkommen, wird man als Niemande betrachten. Aber das ist ja der springende Punkt: Genau solche Niemande haben durch ihre Anstrengungen Landschaften wie diese erst…

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Schuhe im Baum

In einem Baum in Nürnberg hängen alte Schuhe. Warum nur?

Der Sachbuchbube

Schuhe

Weshalb genau die Schuhe auf diesem Bild am Baum vor der Katharinenruine in der Nürnberger Innenstadt baumeln, weiß wohl nur die ehemalige Besitzerin oder der ehemalige Besitzer. Alte Schuhe an Ästen, Ampeln oder Stromleitungen sind aber kein neues Phänomen und oft hängen die Paare auch gar nicht so einsam herum wie die hier abgebildeten, sondern treten — ähnlich der allgegenwärtigen (und mittlerweile ziemlich nervigen) Liebesschlösser an Brücken — gleich im Rudel auf. In einigen Großstädten ist aus den zurückgelassenen Schuhen inzwischen fast ein alltäglicher Anblick geworden und mit „shoe tossing“ oder „shoefiti“ hat der Trend natürlich auch einen Namen.

Die Theorien, woher der Brauch, ausgediente Schuhe an den Schnürsenkeln zusammenzuknoten und an öffentlichen Orten zurückzulassen, sind recht unterschiedlich. Der Ursprung allerdings lässt sich im angloamerikanischen Raum finden, zum Beispiel bei jungen Männern, die den Verlust ihrer Jungfräulichkeit auf diese Weise zur Schau stellten. Gerade aus den USA ist überliefert, dass Drogendealer oder verfeindete…

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