Fabien Toulmé: Dich hatte ich mir anders vorgestellt…

Viele Bücher und Filme, die sich mit Krankheiten oder der Bewältigung von Schicksalsschlägen aller Art auseinandersetzen, sind zwar gut gemeint, aber leider nicht besonders gelungen. Allzu oft wird effekthascherisch auf die Tränendrüse gedrückt oder mit eher plumpen Lebensweisheit um sich geworfen. Die autobiographische Graphic Novel “Dich hatte ich mir anders vorgestellt…”, in der der Franzose Fabien Toulmé die ersten Jahre mit seiner zweiten Tochter Julia beschreibt, ist da zum Glück anders. Unsentimental und stellenweise schockierend ehrlich, aber stets mit viel Wärme erzählt er, wie er und das kleine, mit Trisomie 21 auf die Welt gekommene Mädchen langsam zueinander finden.

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Während der Schwangerschaft von Toulmés Frau Patricia gibt es keine Besonderheiten und das Paar freut sich auf eine gesunde zweite Tochter und eine kleine Schwester für ihre sehr aufgeweckte Erstgeborene Louise. Die Geburt jedoch verläuft nicht ohne Komplikationen und nach bangen Stunden wird bei der kleinen Julia nicht nur ein Herzfehler diagnostiziert, sondern auch Trisomie 21. Für Fabien, der die Ankunft des Babys kaum erwarten konnte und in dessen Kopf nun allerlei Klischeebilder vom Leben mit einem “behinderten” Kind aufploppen, bricht eine Welt zusammen. Der reiselustige Bauingenieur, der lange Zeit in Brasilien, der Heimat seiner Frau und dem Geburtsort von Louise, gelebt hatte, sieht sich bereits als alten Mann, der seine unselbständige Tochter auch als Erwachsene jede Minute umsorgen und seine eigenen Wünsche und Interessen auf ewig hintenanstellen muss. Zwar besucht er Julia regelmäßig in der Klinik, aber es mag ihm einfach nicht gelingen, eine Verbundenheit zu diesem kleinen Wesen herzustellen, geschweige denn, es zu lieben. Stattdessen bemitleidet er sich für sein Schicksal, bricht ständig in Tränen aus und hängt dunklen Gedanken nach. Einmal ertappt er sich sogar bei dem Wunsch, es wäre womöglich besser für die ganze Familie, wenn Julia die Operation zur Korrektur ihres Herzfehlers einfach nicht überlebt.

Auch als Patricia, die ebenfalls Probleme hat, sich mit ihrer Neugeborenen “anzufreunden”, und Julia aus der Klinik nach Hause dürfen, bleibt die Situation angespannt. Einzig Louise begegnet ihrer kleinen Schwester ohne Vorbehalte und liebt sie bedingungslos. Nach und nach bricht aber auch bei den Eltern, die sich umfassend über Trisomie 21 informieren und für ihre Tochter die bestmögliche Familie sein wollen, das Eis und sie beginnen, Julia nicht mehr als Bürde zu sehen, sondern als ein Geschenk, für das es sich lohnt, auch einmal schwierige Momente zu überstehen.

Fabien Toulmé ist mit seiner ersten längeren Graphic Novel nicht nur ein entwaffnend ehrlicher, sehr persönlicher und oft äußerst berührender Erfahrungsbericht gelungen, sondern auch ein starkes Plädoyer für einen offenen, von Neugierde geprägten und liebevollen Umgang mit Menschen, die — aus welchen Gründen auch immer — von der Normvorstellung abweichen. Unbedingt lesenswert!

Fabien Toulmé: Dich hatte ich mir anders vorgestellt…
Deutsch von Annika Wisniewski.
avant-verlag, ISBN: 978-3-945034-34-7, 248 Seiten, € 24,95.

Mattias Boström: Von Mr. Holmes zu Sherlock

Was sich heute ganz besonders großer Beliebtheit erfreut, ist morgen womöglich schon wieder kalter Kaffee. Literarischen Helden geht es da nicht anders als technischen Neuerungen. Sherlock Holmes allerdings hat der Zeitgeist nichts anhaben können: Gut 130 Jahre nach seinem ersten Auftauchen wirkt der von Sir Arthur Conan Doyle ersonnene Meisterdetektiv so rüstig wie eh und je. Warum das so ist, wie der Mythos Sherlock Holmes seinen Anfang nahm und wie sich der Detektiv im Laufe der Jahrzehnte gewandelt hat, beschreibt der schwedische Sherlock-Holmes-Experte Mattias Boström ebenso kenntnisreich wie ausführlich in seinem nun auch in deutscher Übersetzung vorliegenden Buch “Von Mr. Holmes zu Sherlock”.

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Die ersten gut 250 Seiten sind der Biographie Sir Arthur Conan Doyles gewidmet, der bereits während seines Medizinstudiums in Edinburgh literarische Ambitionen hegte und in seinem scharfsinnigen Dozenten Dr. Joseph Bell gleich ein passendes Vorbild für Sherlock Holmes fand, den er eigentlich nur ein einziges Mal im Roman “Eine Studie in Scharlachrot” auftreten lassen wollte, um sich dann ernsthafteren Themen als Detektivgeschichten zuzuwenden. Der auch dank des im späten 19. Jahrhundert boomenden Zeitschriftenwesens (viele aktuelle Erzählungen und auch in mehrere Fortsetzungen unterteilte Romane wurden damals oft zuerst in Zeitschriften und erst später — wenn überhaupt — in Buchform veröffentlicht) stetig wachsende Erfolg des Detektivs und der chronische Geldmangel des einen ausschweifenden Lebensstil pflegenden und vieleitig interessierten Conan Doyle führten aber letztlich dazu, dass er bis zu seinem Lebensende immer wieder neue Abenteuer für Sherlock Holmes und Dr. Watson verfasste.

Dass Sherlock Holmes zu einer fast weltweit bekannten Marke wurde, die eine Unzahl von qualitativ meist eher schlechten Nachahmern fand, lag jedoch nicht nur an den Erzählungen und Romanen selbst, sondern auch an den charakteristischen Illustrationen von Sidney Paget, der den Detektiv mit gebogener Pfeife und dem typischen “Deerstalker” darstellte, sowie dem über die Maßen erfolgreichen Theaterstück von William Gillette, in dem auch der junge Charlie Chaplin einst seine erste größere Bühnenrolle spielte. Der wachsende Einfluss des Radios und der Erfolgszug des Tonfilms sorgten für weiteren Aufwind, den Conan Doyle selbst nicht mehr miterleben sollte. Der ehemalige Augenarzt, längst einer der am meisten geachteten Autoren und politischen Kommentatoren Großbritanniens, starb 1930, nachdem er sich in seinen letzten Lebensjahren als einer der führenden Köpfe der damals sehr beliebten Spiritismus-Bewegung finanziell wie gesundheitlich aufgerieben hatte.

Den Nachlass ihres Vaters verwalteten schließlich die beiden exzentrischen, aus Arthur Conan Doyles zweiter Ehe stammenden, vor allem an satten Gewinnen interessierten Söhne Adrian und Denis, die den Detektiv zwar nach Hollywood — besonders erfolgreich in den Verfilmungen mit Basil Rathbone und Nigel Bruce — brachten, aber mehr als einmal in Richtung Pleite steuerten. Obwohl Sherlock Holmes dann und wann ein wenig aus der Mode zu geraten schien, gab es selbst in diesen Zeiten immer wieder neue Veröffentlichungen verschiedenster Art, die sich mehr oder weniger am Original orientierten. Die letzten Jahre markieren dank der Filme von Guy Ritchie, der Romane von Anthony Horowitz und Serien wie “Elementary” und natürlich “Sherlock” mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman einen weiteren Höhepunkt in der Geschichte von Arthur Conan Doyles Detektiv, deren Ende noch längst nicht abzusehen ist.

“Kein anderer Schriftsteller, nicht einmal Shakespeare, kann sich rühmen, eine Figur geschaffen zu haben, die so lebendig ist, dass die Menschen mehr an sie glauben als an den Autor.”

Mit gut 560 Textseiten (der Rest des Buches sind Quellenangaben, ein Register und — sehr praktisch — eine chronologische Übersicht von Conan Doyles Holmes-Texten) hat Mattias Boström, selbst Mitglied der vielfach erwähnten “Baker Street Irregulars”, einem Zusammenschluss beinahe mit wissenschaftlichem Eifer agierenden “Sherlockianer”, ein akribisch recherchiertes, an manchen Stellen fast schon etwas zu ausführliches Mammutwerk vorgelegt. Trotz allem liest sich “Von Mr. Holmes zu Sherlock” nicht wie das trockene Fachbuch eines detailverliebten Chronisten, sondern dank seines stets leicht humorvollen Tonfalls sehr flüssig und kurzweilig. Wer auch nur ein wenig Interesse hegt an Sherlock Holmes, kommt an diesem Buch eigentlich nicht vorbei — oder, in den Worten des Meisterdetektivs ausgedrückt: “Elementary, my dear Watson!”

Mattias Boström: Von Mr. Holmes zu Sherlock. Meisterdetektiv, Mythos, Medienstar
Deutsch von Susanne Dahmann und Hanna Granz.
btb Verlag, ISBN 978-3-442-71336-3, 608 Seiten, € 14,99.

Matthias Nawrat: Die vielen Tode unseres Opas Jurek

Jede Familie hat ihre ganz eigenen Geschichten und Anekdoten, die immer wieder gerne hervorgekramt werden und über die Jahre eine gewisse Eigendynamik entwickeln, die wirklich Geschehenes und Hinzugedichtetes untrennbar miteinander verschmelzen lässt. Aus solchen Anekdoten setzt sich “Die vielen Tode unseres Opas Jurek”, der aktuelle Roman des 1979 geborenen, im Jahr 2014 mit “Unternehmer” für den Deutschen Buchpreis nominierten Matthias Nawrat zusammen, der die Geschichte einer polnischen Familie von der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen bis zu den 90er Jahren erzählt.

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Erzählt wird die Handlung aus Sicht der beiden jugendlichen Enkel des titelgebenden Opas Jurek, die aus dem traurigen Anlass dessen Todes Anfang der Neunziger mit ihren Eltern aus ihrer neuen Heimat Deutschland für eine Weile nach Polen zurückkehren und sich an allerlei Episoden der Familiengeschichte erinnern: Nach einer weitgehend ruhigen Kindheit in Warschau bricht für Jurek das an, was er lapidar die “schwierige Zeit” nennt. Den Angriff der Wehrmacht auf seine Heimatstadt übersteht er als Soldat weitgehend unbeschadet, aber verärgert darüber, dass die Deutschen ein geplantes Pfannkuchenessen stören. Ähnlich unbedarft stolpert er schließlich in die “weltbekannte Ortschaft Oświęcim”, wo er als Zwangsarbeiter unter elenden Bedingungen am Aufbau des späteren Vernichtungslagers mithelfen muss. Dabei wirkt er in seiner Fassungslosigkeit — am meisten stören ihn die schlechten “kulinarischen” Bedingungen — fast ein wenig wie Roberto Benignis Figur aus “Das Leben ist schön”, die das Grauen nur dank ihres Humors und ihrer grenzenlosen Zuversicht übersteht. Im Anschluss an den Krieg verschlägt es ihn in die Stadt Opole (übrigens der Geburtsort des Autors, der im Alter von zehn Jahren mit seiner Familie nach Bamberg zog), wo er sich als Direktor des “Lebensmittelgeschäfts Nr. 6” mit Geschick und Einfallsreichtum mit den nicht immer einfachen herrschenden Verhältnissen zu arrangieren weiß und sich schnell für höhere Aufgaben empfiehlt. Nebenbei gelingt es ihm, quasi im Alleingang eine funktionierende Fußball-Liga aufzubauen, eine Ladung Brustharnische aus den Regalen eines Delikatessengeschäfts zu verkaufen und unter der Mithilfe eines dubiosen Amerikaners namens Billy-Bob Cadillac den besten jemals gedrehten Western ins triste örtliche Kino zu bringen.

Doch nicht ausschließlich von Jurek erfahren wir Leserinnen und Leser, sondern auch von den nicht minder bewegten Leben einiger Nebenfiguren — allen voran dem Vater der beiden Erzähler, einem begeisterten Alpinisten und Kanada-Fan, der es weder auf nennenswerte Gipfel (dafür aber in den 44. Stock des Warschauer Kulturpalastes) geschweige denn nach Kanada geschafft hat. Oder von Oma Zofia, die es mit dem eigenwilligen Jurek nur aushält, weil sie sich an der Vorstellung, eines Tages nach Paris zu reisen, festklammert wie an einem Rettungsring. Letzten Endes fügen sich die vielen kleinen Episoden zu einer mehreren Generationen übergreifenden Familiengeschichte, die zwar in der Vergangenheit spielen mag, aber auch bis in die Gegenwart hineinreicht. Wer zum Beispiel die Beschreibung der entbehrungsreichen “grauen Zeit” im Hinterkopf hat, versteht besser, warum auffallend viele ältere Polinnen und Polen momentan gegen die rückwärtsgewandte Politik der aktuellen PiS-Regierung demonstrieren.

Mit “Die vielen Tode unseres Opas Jurek” ist Matthias Nawrat ein lesenswerter Schelmenroman mit liebenswert verschrobenen Charakteren gelungen, der an “Forrest Gump” oder Jonas Jonassons Bestseller “Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand” erinnert, aber zwischen Komik und Momenten voll großer Traurigkeit immer seinen ganz eigenen Ton findet. Wer außerdem einen persönlichen Bezug zur polnischen Geschichte und den großen Umwälzungen hat, die hier beschrieben werden, wird an diesem Buch sicher gleich noch mehr Freude haben.

Matthias Nawrat: Die vielen Tode unseres Opas Jurek
Rowohlt Verlag, ISBN 978-3498046316, 416 Seiten, € 22,95.

⇒ Am Donnerstag, 17. März, stellt Matthias Nawrat seinen Roman im Kulturzentrum im Krakauer Haus in Nürnberg (Hintere Insel Schütt 34) vor. Beginn der Lesung ist um 19 Uhr, der Eintritt ist frei.

Ian Fisher: Nero

Ian_FisherNicht zuletzt dank seiner Auftritte bei TV Noir und als Teil der “Tour of Tours” hat sich der Songschreiber Ian Fisher in seiner deutschen Wahlheimat einen gewissen Bekanntheitsgrad erspielt. Mit “Nero” legt er nun ein hinreißend schönes Country-Album vor, das deutlich mehr nach seiner Heimat Missouri (wo er, wie es sich für einen Countrymusiker ja fast schon gehört, auf einer Farm aufgewachsen ist) denn nach seinem aktuellen Wohnsitz Berlin klingt.

Bereits der eröffnende Titelsong, ein ausladender Sechsminüter, der sich auch auf “Cold Roses”, dem grandiosen Country-Doppelalbum von Ryan Adams & The Cardinals, nicht hätte zu verstecken brauchen, setzt ein erstes großes Ausrufezeichen. Danach breitet Ian Fisher eine Sammlung äußerst facettenreicher Songs aus, die mal eher spärlich instrumentiert, mal von Piano, Fiedel und Lap Steel unterstützt werden und ganz oft vom einnehemden Backgroundgesang von Alexia Peniguel zusätzliche Tiefe bekommen. “Too Bad” weckt mit seinem gesprochenen Intro und dem treibenden Bumm-Tschikka-Rhythmus Erinnerungen an Johnny Cash, “Invisible Cities” ist eine schmachtende Ballade, “Again & Again” und “Comin’ Down” sind etwas abgründiger ausgefallen, während sich das beschwingte “Almost Darlin'” auch ganz gut in einer Trucker-Raststätte an irgendeinem Highway machen würde. Nachdenklich geht es schließlich im dunklen “Just Like a Stranger” zu, in dem der Amerikaner sein bisheriges, trotz seines noch jungen Alters erstaunlich bewegtes Leben Revue passieren lässt.

Alles in allem eine wunderbar abwechslungsreiche und zeitlose, dabei aber keineswegs altmodische oder gar angestaubt wirkende Platte — “country music without a country” eben, wie es Ian Fisher selbst nennt. Im Februar und März ist er ausgiebig auf Tournee, ein Konzertbesuch lohnt sich sicher.

Ian Fisher: Nero
Snowstar Records, erscheint am 29. Januar.

Konzerte: 13.2. München — Milla, 19.2. Freiburg — The Great Räng Teng Teng, 20.2. Darmstadt — Bedroomdisco, 23.2. Mainz — Schon schön, 24.2. Stuttgart — Café Galao, 26.2. Offenburg — Kulturbüro, 28.2. Leipzig — Cammerspiele, 2.3. Nürnberg — MUZclub, 3.3. Dresden — Beatpol, 4.3. Berlin — Postbahnhof, 5.3. Köln — Die Wohngemeinschaft, 7.3. Wuppertal — Hutmacher, 8.3. Haldern — Haldern Pop Bar, 9.3. Oberhausen — Druckluft, 10.3. Düsseldorf — Kassette, 11.3. Bielefeld — Falkendom, 12.3. Hamburg — kukuun.


Außerdem neu im Plattenladen:

Bonnie_Prince_BillyEs ist gar nicht so einfach, bei all den Neuveröffentlichungen, Nebenprojekten, neu eingespielten Versionen älterer Sachen und Kollaborationen Schritt zu halten mit dem immensen Output von Bonnie “Prince” Billy. Für die Durchschnittshörerin und den Durchschnittshörer ist “Pond Scum” sicherlich eher zu vernachlässigen, für den Fan ist die Platte, die ein Dutzend spärlich arrangierter Stücke aus drei Besuchen bei den legendären “Peel Sessions” aus den Jahren 1994 bis 2002 vereinigt, dagegen ein echtes Schatzkästchen, allein wegen des bisher unveröffentlichten “Beezle” und dem Prince-Cover “The Cross”. Ansonsten ist “Pond Scum” vor allem ein spannendes Zeitdokument, das Will Oldham in verschiedenen Verfassungen zeigt: Mal wirkt er hoch konzentriert — nachzuhören etwa im wunderbaren “Jolly One (2/15)” — mal eher fahrig, mit wegbrechender Stimme und einem ganz großen Schuss der Kauzigkeit, für die er zu Recht so verehrt wird.

Bonnie “Prince” Billy: Pond Scum
Domino Records, erscheint am 22. Januar.

Gelesen im Jahr 2016, Teil 1

winter

Der Januar ist auch schon wieder zur Hälfte vorbei, David Bowie und Alan Rickman sind zuletzt viel zu früh gestorben und der Winter hat auf eher triste Art und Weise nun doch Einzug erhalten. Grund genug, einmal kurz durchzuatmen und auf die gelesenen Bücher der letzten Wochen zurückzublicken:

Philip Kerr: Der Wintertransfer.- Thriller um den Mord am exzentrischen Trainer des fiktiven englischen Erstligisten London City. Lesenswert vor allem wegen seiner vielen Anekdoten und der Generalkritik an den Auswüchsen des modernen Fußballs vor allem in der finanziell üppig ausgestatteten Premier League, der Kriminalfall wirkt dagegen recht banal. (ausführlichere Rezension)

D.W. Wilson: Als alles begann.- Ohne Zweifel ist der junge Kanadier D.W. Wilson ein großes Erzähltalent, das man sich für die Zukunft merken muss. Dennoch habe ich zu keiner Zeit so recht in sein Romandebüt, eine mehrere Generationen umspannende Familiengeschichte, hineingefunden und es nach knapp 200 mühsamen Seiten wieder zur Seite gelegt.

Gillian Flynn: Broken House — Düstere Ahnung.- Die amerikanische Bestsellerautorin mit einer gelungenen Hommage an klassische Spukgeschichten. Ein kurzes, aber großes Lesevergnügen. (ausführlichere Rezension)

Sir Arthur Conan Doyle: Das Zeichen der Vier.- Im zweiten, streckenweise etwas zähen Roman um den Meisterdetektiv aus der Baker Street begleiten wir Sherlock Holmes und Dr. Watson auf die Suche nach einem verloren gegangenen Schatz, der über verschlungene Pfade von Indien nach London gelangt ist. Deutlicher herausgearbeitet als im Vorgänger ist hier Sherlock Holmes’ dunkle Seite (in Form seines Kokain- und Morphium-Konsums, mit dem er sich in Zeiten ohne geistig herausfordernde Fälle zu betäuben pflegt), außerdem betritt Dr. Watsons spätere Ehefrau Mary Morstan die Bühne.

(Als Hörspiel) Judith Schalansky: Atlas der abgelegenen Inseln.- Zwar hat mich die collagenhafte Hörspielumsetzung nicht so recht begeistert und phasenweise meine Nerven arg strapaziert, aber der Inhalt hat mich dann doch neugierig gemacht auf das Buch. (hier zum Nachhören und Herunterladen)

Aktuell lese ich “Die vielen Tode unseres Opas Jurek” von Matthias Nawrat. Zu diesem Buch gibt es dann demnächst (wahrscheinlich) eine etwas ausführlichere Besprechung.

Neue Schallplatten in Kürze (1)

IsbellsIsbells, die belgische Band um Gaëtan Vandewoude, kombiniert auf ihrem dritten, bisher ruhigsten Album melancholischen Folk-Pop mit nachdenklichen Coming-of-Age-Texten. Das Ergebnis darf nicht zuletzt dank des stimmigen Zusammenspiels “analoger” Instrumente (besonders schön ist hier vor allem immer wieder die Trompete) und sachter elektronischer Spielereien zwar insgesamt durchaus als gelungen bezeichnet werden, ein wenig mehr Verve hätte einigen der Stücke allerdings sicher nicht geschadet. Uneingeschränkt empfehlenswert sind der entspannte Titelsong und “The Sound of a Broken Man”, das mit einem unerwartet wuchtigen Finale überrascht.

Isbells: Billy
Zeal Records, erscheint am 15. Januar.

shred_kellyAn Verve mangelt es “Sing to the Night”, dem neuen Album von Shred Kelly, dagegen überhaupt nicht. Im Gegenteil: Am stärksten ist das Quintett aus British Columbia nämlich immer dann, wenn das Tempo besonders hoch gehalten wird, wie etwa im Titelstück (dazu auch bitte das bestens zur Jahreszeit passende, wirklich witzig gemachte Video ansehen) oder dem noch mitreißenderen “Stereo”. Dann klingen Shred Kelly mit ihrer Mixtur aus Power-Pop und erdigem, banjolastigem Folk fast so wie Blink182 beim Versuch, The Lumineers zu covern (oder umgekehrt). Ansonsten bieten die Kanadier soliden, eingängigen Folk-Rock, der dank des wechselnd männlichen und weiblichen Lead-Gesangs nie langweilig wird, aber halt eben auch nicht ganz außergewöhnlich ist.– Konzerte: 18.2. München – Cord Club, 20.2. Stuttgart – Café Galao, 21.2. Berlin – ZUKUNFT am Ostkreuz, 22.2. Hamburg – Molotow, 23.2. Hannover – Ruby Tuesday (Café Glocksee), 27.2. Kiel – Prinz Willy.

Shred Kelly: Sing to the Night
DanCan Music, erscheint am 22. Januar.

Gillian Flynn: Broken House

Broken_HouseUrsprünglich ist “Broken House” als Teil der von George R. R. Martin herausgegebenen, noch nicht als deutsche Übersetzung vorliegenden Anthologie “Rogues” erschienen. Da sich die gut 60 Seiten lange Kurzgeschichte allerdings als echter Kunstgriff erwies — unter anderem wurde sie mit einem “Edgar” ausgezeichnet — und seit dem riesigen Erfolg von “Gone Girl” alles aus der Feder von Gillian Flynn weggeht wie warme Semmeln, dürfte ihrem deutschen Verlag die Entscheidung nicht allzu schwer gefallen sein, die Geschichte separat als fest gebundenes Büchlein in deutscher Sprache zu veröffentlichen.

Bestimmt ein gutes Geschäft für den Verlag und ganz sicher auch eine erfreuliche Sache für uns Leserinnen und Leser, denn “Broken House”, eine Art Hommage an klassische Spukgeschichten (inklusive blutiger Wände), ist tatsächlich sehr gut gelungen. Protagonistin ist eine namenlose junge Frau, die zwar klug und aufgeweckt ist, der das Aufwachsen in ärmlichsten, kleinkriminellen Verhältnissen allerdings viele Chancen auf ein erfolgreiches Leben verbaut hat, so dass sie sich zunächst als Sexarbeiterin und später als Wahrsagerin in einem zwielichtigen Etablissement verdingen muss. Hellseherei und dergleichen tut sie zwar als Hokuspokus ab, aber als Susan Burke ihre Dienste in Anspruch nimmt, wird sie dennoch neugierig. Die wohlhabende Mittvierzigerin berichtet von ihrem zunehmend verschlossen und aggressiv werdenden Stiefsohn Miles, dessen Verwandlung sie auf seltsame Vorgänge in ihrem aus viktorianischer Zeit stammenden Herrenhaus zurückführt.

“Es kommt mir vor, als hätte etwas von ihm Besitz ergriffen. Etwas Dunkles, das er auf dem Rücken mit sich herumträgt. Wie einen Insektenpanzer. Als wäre er ein Käfer, so wuselt er durchs Haus.”

Die Protagonistin willig ein, sich das Haus der Burkes genauer anzusehen und es rituell zu “reinigen” — weniger, weil sie an einen tatsächlichen Effekt dieser Maßnahme glaubt, sondern eher, um sich für Folgeaufträge bei Susan Burke und deren finanzkräftigen Freundinnen zu empfehlen, sollte diese eine Besserung von Miles’ Verhalten auf ihr übersinnliches Wirken und nicht etwa auf das Abklingen einer besonders problematischen Phase der Pubertät zurückführen. Schnell stellt sie allerdings fest, dass Miles tatsächlich deutlich seltsamer ist als “normale” Teenager und dass mit dem Haus, in dem in der Vergangenheit offenbar schlimme Dinge geschehen sind, irgendetwas ganz und gar nicht stimmt…

Letzten Endes verbirgt sich hinter der (leider fast zu) schnell ausgelesenen Story doch etwas mehr als nur eine gewöhnliche Gruselgeschichte. Nach mehreren durchaus überraschenden Wendungen lässt uns Gillian Flynn mit einigen offenen Fragen zurück, die wir uns gerne auch einmal selbst stellen können. Gibt es wirklich immer die eine Wahrheit oder liegen viele Dinge doch eher im Ungefähren? Falls Letzteres zutreffen sollte: Entscheiden wir uns lieber für die sichere, langweilige Variante oder lieber für diejenige, die zwar Großes verspricht, aber auch unabsehbare Risiken birgt? Und überhaupt: Wem können und wollen wir eigentlich wirklich zu hundert Prozent vertrauen? Teile der Antworten könnten uns verunsichern…

Gillian Flynn: Broken House — Düstere Ahnung
Deutsch von Christine Strüh.
S. Fischer Verlag, 64 Seiten, ISBN 978-3-596-03683-7, € 6.

Philip Kerr: Der Wintertransfer

der_wintertransferDa sich die Fußball-Bundesliga momentan in der Winterpause befindet, dürfte in den nächsten Wochen ein wenig Zeit bleiben, um einmal ein Buch zu lesen. Am liebsten natürlich eines, das sich um das runde Leder dreht — zum Beispiel “Der Wintertransfer”, den aktuellen Thriller von Philip Kerr. Der schottische Bestsellerautor ist selbst großer Fußballfan und Kenner der englischen Premier League, die — anders als die hiesigen Ligen — keine Winterpause kennt und gerade zwischen die Feiertage ein wahres Mammutprogramm stopft. Schließlich zahlen das Fernsehen und mehr oder weniger dubiose Klubeigentümer von Saison zu Saison immer schwindelerregendere Rekordsummen, so dass die Maschine Premier League eben auch an den eigentlich stillen Tagen weiterlaufen muss. Die zunehmend schamloser werdende Kommerzialisierung des internationalen Profifußballs kritisiert Philip Kerr in seinem Roman ebenso sehr wie den von oftmals zwielichtigen Spielervermittlern betriebenen, als Transfermarkt getarnten Menschenhandel, korrupte Funktionäre, stetig steigende Ticketpreise, Medien, die sich gierig auf jedes Gerücht stürzen, und eitle, beinahe noch halbwüchsige Kicker, denen ihre Ferraris, Designerklamotten und Smartphones oft wichtiger sind als der Sport, mit dem sie Unsummen verdienen. Letzten Endes wird praktisch alles aufgegriffen, was man am modernen Fußball kritisieren kann — und irgendwo lässt sich natürlich auch noch ein Spieler finden, der seine Homosexualität aus Angst vor negativen Reaktionen aus den gegnerischen Fankurven verbirgt und sich in ein Doppelleben flüchtet. Ein wenig überladen wirkt “Der Wintertransfer” wegen dieses Rundumschlags, der wirklich jedes Thema zumindest beiläufig anschneidet, gelegentlich schon ein wenig. Andererseits liest sich die locker geschriebene Mixtur aus Fiktion und zahlreichen echten Anekdoten für Fußballfans — vor allem für diejenigen, die auch etwas für die englische Liga übrig haben — sehr flott und unterhaltsam weg.

So flott und unterhaltsam, dass man fast vergessen könnte, dass im Zentrum des Romans ja ein Mordfall steht, der gelöst werden möchte: Mitten auf dem Spielfeld des neureichen, vom undurchschaubaren ukrainischen Oligarchen Viktor Sokolnikow großzügig finanzierten (fiktiven) Erstligisten London City, wurde ein Grab ausgehoben. Darin findet sich ein Foto von João Zarco, dem ebenso genialen wie streitbaren portugiesische Trainer (ein Schelm, wer hier an den jüngst vom FC Chelsea entlassenen José Mourinho denkt), der veranlasst, den Vorfall unter den Teppich zu kehren, da es sich wahrscheinlich ohnehin um einen geschmacklosen Scherz gegnerischer Ultras oder den kurzentschlossenen Racheakt eines vom aufbrausenden Portugiesen gefeuerten Ex-Spielers handelt. Wenig später kommt Zarco allerdings unter mysteriösen Umständen während einer laufenden Partie im Stadion zu Tode. Während die Polizei bei ihren Ermittlungen im Dunkeln tappt, beauftragt Finanzier Sokolnikow Scott Manson (übrigens der Ich-Erzähler der Geschichte), selbst einst erfolgreicher Profi und zuletzt Zarcos Assistent, den Mörder des Erfolgstrainers auf eigene Faust zu finden. Eine Bitte, die Manson nicht ausschlagen kann: Schließlich winkt ihm als Lohn der Posten des Cheftrainers und seit einem mehrere Jahre zurückliegenden Justizskandal, der ihn unberechtigterweise für knapp ein Jahr ins Gefängnis brachte, hat er sowieso noch ein Hühnchen mit der Polizei zu rupfen.

Neben der bereits ausführlich angesprochenen Fußball-Thematik ist die Art und Weise, wie Philip Kerr die oft doch recht schillernden Figuren im Profigeschäft treffend charakterisiert, die große Stärke von “Der Wintertransfer”. Die Schwäche dagegen lässt sich beim Kriminalfall selbst ausmachen, der zwar ganz große Skandale und Verwicklungen rund ums organisierte Verbrechen vermuten lässt, in der beinahe etwas hastig wirkenden Auflösung aber dann doch recht banal ist. Der Lesefreude tut dies aber kaum einen Abbruch, ist “Der Wintertransfer” doch eben in erster Linie ein Fußballbuch, das zufällig als Thriller daherkommt. Eine empfehlenswerte Lektüre für die Winterpause!

Philip Kerr: Der Wintertransfer
Deutsch von Axel Merz.
Tropen Verlag, ISBN 978-3-608-50138-4, 425 Seiten, € 14,95.

Vorschau: Der homunculus verlag im Frühjahr

Ende Oktober wurde hier der homunculus verlag aus Erlangen vorgestellt, der damals gerade sein erstes, ebenso ambitioniertes wie gelungenes Herbstprogramm in die Buchhandlungen gebracht hatte. Obwohl seitdem erst einige Monate vergangen sind und sich der Winter noch nicht so recht zeigen wollte, steht nun schon das Programm für den kommenden Frühling fest — gerade im Verlagsgeschäft scheint die Zeit eben noch schneller zu verstreichen als sonstwo. Im Folgenden nun also ein kurzer Blick auf die fünf Neuerscheinungen des Frühjahrs, die den im Herbst eingeschlagenen Kurs konsequent fortsetzen und zum Neu- und Wiederentdecken einladen.

YmirHerzstück des Programms ist ohne Zweifel das im März erscheinende Romandebüt von Philip Krömer, seines Zeichens einer der vier Verlagsgründer und beim diesjährigen Open Mike mit dem Preis der taz-Publikumsjury ausgezeichnet. In “Ymir. Oder: Aus der Hirnschale der Himmel” geht es um drei Männer, die sich kurz vor dem 2. Weltkrieg aufmachen nach Island, um die womöglich kriegsentscheidenden Geheimnisse eines angeblich bodenlosen Lochs zu erkunden. Das klingt ein wenig nach einer Mischung aus Jules Verne, H.G. Wells und allerlei Island-Sagas — auf jeden Fall sehr vielversprechend.

Wie bereits im ersten Programm geht es auch diesmal nicht nur um junge Literatur, sondern auch um Klassisches, gerne auch fast schon Vergessenes. So erscheinen mit “Die Hochzeitsreise” und “Wenn wir alle Engel wären” zwei wieder zu entdeckende Romane des mit der “Feuerzangenbowle” berühmt gewordenen Heinrich Spoerl in einem hübsch aufgemachten, “wendbaren” Buch. Als E-Book gibt es mit “Lebensgeschichte eines Rebellen” obendrein die Memoiren des ebenso fast gänzlich aus dem Blickfeld verschwundenen, von den Nazis einst auf den Index gesetzten Autors, Satirikers und Anarchisten Arthur Holitscher. Ebenfalls ein Klassiker, aber natürlich präsent wie eh und je ist Sir Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes”, dessen erstes — hier bereits etwas ausführlicher vorgestelltes — Abenteuer “Eine Studie in Scharlachrot” in einer neu überarbeiteten, illustrierten Fassung die “Kriminalgeschichten”-Reihe fortsetzt.

Tischdecke
Foto: homunculus verlag

Völlig neue Wege beschreiten die Erlanger mit der einzigen Nonbook-Veröffentlichung der kommenden Saison — eine “literarische Tischdecke”, passend für Standard-Biergartentische, dürfte wohl kein anderer Verlag im Programm haben. Klingt verrückt, ist es aber bei genauerer Betrachtung gar nicht, gehört der Biergarten bzw. Bierkeller doch ebenso wie die Literatur zum bayerischen bzw. fränkischen Kulturgut. Bedruckt ist die ab April erhältliche, von Christoph Medicus gestaltete Tischdecke mit diversen Texten, die sich der Biergartenkultur von poetischer wie juristischer (etwa in Form der “Bayerischen Biergartenverordnung von 1999”) Seite nähern. Na dann: Prost!

Mehr zu den hier kurz vorgestellten Veröffentlichungen sowie Leseproben finden sich im ausführlichen Verlagsprogramm.

Ferdinand von Schirach: Terror

von-schirachGeht man nach der Anzahl der Inszenierungen, dürfte “Terror” von Ferdinand von Schirach wohl das Theaterstück der aktuellen Spielzeit sein (anstehende Premieren sind unter anderem am 14. Februar am Staatstheater Nürnberg und am 19. Februar am Metropoltheater München). Nun ist das großartige, kluge und hochaktuelle Stück, ergänzt um eine Rede, die der 1964 geborene Autor und Strafverteidiger anlässlich der Verleihung des “M100-Sanssouci”-Medienpreises an die französische Satire-Zeitung Charlie Hebdo gehalten hat, auch in Buchform erhältlich.

“Terror” greift ein seit dem 11. September 2001 oftmals diskutiertes Horrorszenario auf, nämlich die Entführung eines Passagierflugzeuges durch Terroristen mit der Absicht, die gekaperte Maschine als fliegende Bombe einzusetzen. In dem Stück steht der Luftwaffenmajor Lars Koch vor Gericht, der einen entführten, mit 164 Passagieren und Crew-Mitgliedern besetzten Airbus entgegen eines Grundsatzurteils des Bundesverfassungsgerichts eigenmächtig abgeschossen hat, um zu verhindern, dass ihn die Entführer in die mit rund 70.000 Menschen gefüllte Allianz-Arena lenken, in der gerade das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen England stattfindet. Angesichts der Tatsache, dass “Terror” lange vor den Ereignissen des 13. Novembers geschrieben wurde, ein Szenario von fast schon beängstigender Weitsicht.

Zu klären sind in dem Prozess, über dessen Ausgang das Theaterpublikum in der Funktion als Schöffen entscheidet (je nach Votum wird der Dritte Akt dann in einer von zwei verschiedenen Versionen — “schuldig” oder “nicht schuldig” — aufgeführt), folgende Fragen:

“Durfte Lars Koch diese 164 Menschen töten? Gibt es Situationen in unserem Leben, in denen es richtig, vernünftig und klug ist, Menschen zu töten? Und mehr noch: in denen alles andere absurd und sogar unmenschlich wäre?”

Unbequeme Fragen, die nicht nur im Raum stehen, sondern die einen dank des Kniffs mit dem Amt des Schöffen als Zuschauerin oder Zuschauer (bzw. Leserin oder Leser) des Stücks direkt ansprechen und mehrere Male in ein echtes moralisches Dilemma stürzen. Sowohl die Staatsanwältin, die mit dem Grundgesetz und vor allem der Unantastbarkeit der Menschenwürde argumentiert, als auch Lars Kochs Verteidiger, der einen übergesetzlichen Notstand ins Feld führt, nach dem der Major mit dem Tod von 164 Menschen und der Rettung mehrerer Zehntausend anderer schlichtweg das kleinere Übel gewählt hat, vertreten eine nachvollziehbare, durchdachte und vernünftige Linie. Egal, zu welchem persönlichen Urteil man letzten Endes gelangt, dominiert doch das Gefühl, dass es manchmal — vor allem, wenn es um Terrorismus oder Krieg geht — Situationen gibt, die so monströs und unvorstellbar sind, dass eine eindeutige Einteilung in “richtig” oder “falsch” schlichtweg nicht greift.

In der eingangs erwähnten Rede warnt Ferdinand von Schirach allerdings davor, dass uns solche Situationen lähmen oder zu planlosen Reaktionen verleiten:

“Es ist albern zu glauben, der Staat sei dem Terror gegenüber schutzlos. Aber jetzt nützen uns weder Kriegsgeschrei noch blindwütige Aktion. Nur die Besonnenheit, nur die Verfassung, nur die Rechtsstaatlichkeit werden uns auf Dauer schützen können. Wenn wir die Regeln verraten, die wir uns selbst gegeben haben, werden wir verlieren.”

Nicht lange nach dieser Rede kehrte der Terror nach Paris zurück und die Reaktionen der Mächtigen sind allseits bekannt: Gerede von Krieg, überstürzter Aktionismus. Vermutlich also genau die falsche Reaktion, aber wer kann das schon mit absoluter Gewissheit sagen?

Ferdinand von Schirach: Terror
Piper Verlag, ISBN 978-3-492-05696-0, 176 Seiten, € 16.