Neu im Plattenladen (3)

Heute: Jacob Bellens — My Convictions

Jacob Bellens

Egal, ob mit seinen Bands Murder und — mit Abstrichen — I Got You On Tape oder solo: Der Däne Jacob Bellens ist schon seit Jahren ein erfolgreicher Botschafter in Sachen Melancholie. Anders aber als viele seiner Kollegen, die sich in den Minimalismus flüchten und dabei mit brüchigem Gesang und lustlos gezupfter akustischer Gitarre allzu oft in die Langeweile abgleiten, zeigt der kauzige Mittdreißiger Bellens auf seinem zweiten Soloalbum “My Convictions”, wie man Traurigkeit in zumindest halbwegs optimistischen, sehr abwechslungsreichen Songs transportiert.

Schon im Opener “Fireworks” prallen die Gegensätze aufeinander, wenn zu elegantem Pop an der Grenze zum Kitsch eine Zeile wie “I’m not afraid to die a bitter man” fällt. In eine ähnliche Kerbe schlagen “Another Lung”, in dem der Däne von der Sinnlosigkeit des Daseins erzählt, während die Musik dazu in fröhliche Calypso-Gefilde driftet, und “Missing You”, in dem Bellens zu äußerst gut gelaunten Mitsing-Klängen einer Verflossenen bittere Tränen hinterherweint. Allerdings wissen nicht nur die Stücke zu überzeugen, in denen das scheinbar Unvereinbare aufeinandertriftt, sondern auch die etwas konventionelleren Songs, in denen Melancholisches in ein getrageneres Gewand gekleidet wird, wie in den beiden von Streichern unterlegten Piano-Balladen “Like I Was A Walrus” und “Northern Lights”. Generell ist Jacob Bellens, der zudem mit einer Stimme gesegnet ist, der man gerne zuhört, ein äußerst findiger Arrangeur, was neben dem Titelstück auch das sehr elegante, von einem Hauch Bigband-Flair umwehte “Change of Heart” und “01.010”, das nicht nur wegen seiner Trompete an Element of Crime erinnert, beweisen. {3,5/5}

Jacob Bellens — My Convictions
A Spot in the Sun, bereits erschienen.

Neu im Plattenladen (2)

Heute: The Slow Show — White Water

The Slow ShowAm Anfang war da das Live-Video zu “Dresden”: Haldern Pop Festival, Spiegelzelt, ein Chor, satte Bläser, ein Sänger, der sowohl optisch wie auch stimmlich nahe dran an Tom Smith von den Editors ist, während der Song in seiner Gesamtheit eher Erinnerungen an The National wachruft. Ganz groß! Auch das etwas zurückhaltendere, sich behutsam aufbauende “Bloodline”, die zweite vorab veröffentlichte Single, ließ die Erwartungen an das Debütalbum von The Slow Show weiter ansteigen.

Diese sehr hohe Messlatte überspringt die Band aus Manchester mit “White Water” nun tatsächlich, aber nur recht knapp. Zum ganz großen Wurf fehlen der Platte nämlich ein wenig die besonders guten und überraschenden Ideen — viele der elf Songs sind nämlich doch ein wenig gleichförmig gestrickt und folgen zumeist der Formel “balladesker Auftakt + leichter Tempoanstieg im weiteren Verlauf + sanft leidender Gesang von Rob Goodwin”. Von den Arrangements her wurde allerdings auch bei den eher unspektakulären Stücken keineswegs geschludert, bestes Beispiel sind hier wohl die besonders schönen Streicher in “Testing”, doch auch ansonsten gefallen die klug eingestreuten Passagen mit Geigen, Trompeten und Piano.

Neben den bereits angesprochenen, über alle Zweifel erhabenen “Dresden” und “Bloodline” hat “White Water” noch ein paar weitere Höhepunkte zu bieten: “Augustine” kommt zum Beispiel ein wenig schneller und drängender daher und stellt alleine dadurch einen gelungenen Kontrast zum ansonsten eher getragenen Tempo dar. “Paint You Like A Rose” erreicht beinahe die Grandezza von “Dresden”, während das direkt darauf folgende “Flowers to Burn” beinahe poppig ausgefallen ist. Einen gelungenen Schlusspunkt setzt schließlich “God Only Knows” mit seinen feierlichen Bläsern und Rob Goodwins ebenso lakonischer wie tröstlicher Feststellung “it all looks different these days, but it’s still the same, it’s still the same”.

Bleibt festzuhalten, dass The Slow Show mit “White Water” ein mehr als beachtliches Debüt vorgelegt haben — für die Zukunft bleibt aber dennoch ein wenig Luft nach oben. {4/5}

The Slow Show — White Water
Haldern Pop Recordings, erscheint am 6. März.

Tourdaten
21.05.15 Köln — Luxor
22.05.15 Haldern — Haldern Pop Bar
23.05.15 Dortmund — Way Back When Festival
24.05.15 Beverungen — Orange Blossom Festival
25.05.15 Hamburg — Prinzenbar
26.05.15 Berlin — Privatclub
27.05.15 Dresden — Beatpol
28.05.15 (A) Wien — Chelsea
29.05.15 München — Strøm
31.05.15 (CH) Zürich — Papiersaal

Aike Arndt: Das Nichts und Gott

Aike Arndt

Wir erinnern uns: Vor ein paar Jahren hat Aike Arndt mit seinem Büchlein “Die Zeit und Gott” eindeutig nachgewiesen, dass die Erde von Gott höchstpersönlich erschaffen wurde. Natürlich hat das Buch nicht nur die Welt der Wissenschaft gehörig auf den Kopf gestellt, sondern seinen Verfasser (und dessen Verlag) berühmt und unermesslich reich gemacht. Statt sich allerdings bequem zurückzulehnen, hat sich Aike Arndt nun doch aufgemacht, Gott in den Mittelpunkt eines zweiten Bandes namens “Das Nichts und Gott” zu stellen. Schließlich gibt es nach wie vor allerlei unbeantwortete theologische, naturwissenschaftliche und philosophische Fragen, zum Beispiel die nach dem Ursprung des Universums.

Nach der Lektüre des gewohnt liebenswert gezeichneten, 68 Seiten dünnen Bändchens kennt man die (sehr einleuchtende) Antwort darauf und hat zugleich einige neue, äußerst vergnügliche Abenteuer mit Gott, dem gestreiften Zwitterwesen aus der Einzimmerwohnung in Frimmersdorf, und seinen Freunden, dem Mond, dem Teufel und dem Weihnachtsmann erlebt. Das alles ist nicht nur sehr einfallsreich und zuweilen ziemlich klug, sondern kommt auch mit ein paar feinen Seitenhieben auf die hiesige Comiclandschaft daher. Besonders lustig: Die Szene, in der der Stand des Zwerchfell Verlages auf dem Erlanger Comicsalon von zahllosen begeisterten Fans belagert wird, während nebenan bei Reprodukt eine traurige Elendsgestalt auf Besucher wartet.

Sehr empfehlenswert!

Aike Arndt — Das Nichts und Gott
Zwerchfell Verlag
ISBN 978-3943547238
68 Seiten; 12 Euro
[Leseprobe]

Neu im Plattenladen (1)

Heute: Black Yaya – s/t

Black Yaya

Als Gewohnheitstier begegnet man allzu Neuem ja gerne einmal mit einer gewissen Skepsis — vor allem wenn, es sich um Herzensangelegenheiten handelt. Und was, wenn nicht eine Herzensangelegenheit ist Herman Dune, jene Band, die es seit jeher wie kaum eine zweite versteht, Lieder zu schreiben, in die man sich sofort verliebt und die einem selbst im tiefsten Winter das Gefühl geben, gerade den zauberhaftesten Sommer überhaupt zu erleben? Schwierig also, wenn jemand wie David Ivar Herman Dune sich auf einmal Black Yaya nennt und verkündet, ein Soloalbum veröffentlichen zu wollen.

Aber siehe da, das schlicht “Black Yaya” betitelte, lediglich neun Songs starke Werk, schlägt zwar einige neue Wege ein, lässt aber kaum jemals einen Zweifel an der musikalischen Vergangenheit seines Urhebers. Der Opener “Flying A Rocket” verzichtet auf die für Herman Dune typischen Schrammelgitarren und bedient sich stattdessen diverser Gerätschaften aus den Anfangstagen elektronischer Musik, aber dank der markanten Stimme und dem wieder einmal sehr eingängigen Refrain ist der Unterschied zwischen Band und Soloauftritt fast schon marginal. Komplett aufgelöst ist er dann wenig später bei “Watchman”, das mit seinem eher zurückgenommenen Arrangement, der Mundharmonika und den an den Sixties geschulten Backgroundchören auch gut auf das 2006 erschienene Herman-Dune-Meisterwerk “Giant” gepasst hätte. Ebenfalls äußerst stark ausgefallen sind das dylaneske “Through the Deep Night”, das von einer lässigen Orgel begleitete “Under Your Skin” und das ausladende “Save Them Little Children”.

Am Ende kann man also beruhig feststellen, dass die anfängliche Skepsis zum Glück unbegründet war: Mit “Black Yaya” erfindet sich David Ivar nicht fundamental neu, sondern bleibt — obwohl viele Songs ein wenig ausgefeilter wirken und nicht mehr ganz so viel DIY-Charme versprühen — stets recht nahe an Herman Dune. Eine sehr vernünftige Entscheidung! {3,5/5}

Black Yaya — s/t
City Slang, erscheint am 27. Februar.

Tourdaten
21.04.15 Berlin — Bang Bang Club
22.04.15 München — Kranhalle
23.04.15 Köln — Luxor
24.04.15 Freiburg — Passage 46

Mord und Totschlag (1)

Heute: Der erste Franken-Tatort

Tatort

Welch ein Glück, eine neue Rubrik zum Thema Krimi gleich mit einer lokalpatriotischen Herzensangelegenheit beginnen zu können, nämlich dem Franken-Tatort. Zugegeben: Ich war ein wenig skeptisch, als damals verkündet wurde, der Bayerische Rundfunk plane, neben den Fällen um die längst etablierten Münchner Ermittler Batic und Leitmayr einen zweiten Tatort — diesmal aus Franken — zu produzieren. Skeptisch natürlich einerseits, weil ich als Franke naturgemäß zu einem gesunden Pessimismus neige, andererseits aber auch, weil meine “Landsleute” bei ihren seltenen Auftritten in den Münchner Folgen eher schlecht weggekommen waren. Einfach gestrickte Zeitgenossen mit plumpem Dialekt, deren Kopf in erster Linie nicht zum Denken dient, sondern vor allem dazu, um Bratwürste in ihn hineinzuschieben. Dementsprechend fürchtete ich, der Franken-Tatort könnte entweder ein “gscheids Gschmarri” oder ein “arger Grampf” werden.

Als dann jedoch erste Details bekannt wurden, verflüchtigten sich meine Befürchtungen zusehends und machten Platz für sachte Vorfreude: Mit Dagmar Manzel, der aus Bamberg stammenden Eli Wasserscheid, dem Fürther Kabarettisten Matthias Egersdörfer (der als Leiter der Spurensicherung wohl am ehesten für den fränkischen Lokalkolorit zuständig sein dürfte) und Fabian Hinrichs wurden sehr sympathische Protagonisten gefunden, wobei vor allem Letztgenannter mit seinem allzu schnell beendeten Engagement als Gisbert im München-Tatort “Der tiefe Schlaf” im Jahr 2012 bereits für sehr viel Wirbel in der Sonntagskrimi-Landschaft gesorgt hatte. Nicht zuletzt wurde mit Max Färberböck zudem ein etablierter Regisseur für die “Der Himmel ist ein Platz auf Erden” betitelte Episode, in der der Mord an einem in finstere Machenschaften verstrickten Professor der Uni Erlangen aufgeklärt werden soll, engagiert.

Soweit, so vielversprechend — entscheidend ist allerdings noch immer, was dann am Ende dabei herauskommt. Davon kann man sich seit gestern in einem Trailer einen ersten Eindruck machen:

Und ohne jetzt gleich in allzu große Euphorie verfallen zu wollen: Das sieht schon sehr, sehr gut aus, finde ich. Meine Vorfreude auf den 12. April (wie immer natürlich um 20.15 Uhr in der ARD) ist nun immens und ich bin tatsächlich zuversichtlich, dass ich am Ende das höchste Lob verteilen könnte, zu dem der Franke fähig ist: Hadd scho’ bassd, der Daadord! 

Der Franken-Tatort im Netz:
* die Mordkommission Franken bei der ARD
* Blog des Bayerischen Rundfunks
* Facebook
* Twitter

Michael Feuerstack: The Forgettable Truth

Michael Feuerstack

Bei manchen äußerst populären Kunstschaffenden stellt man sich unweigerlich die Frage, worin eigentlich der Ursprung ihres Ruhms begründet liegt. Bei Michael Feuerstack verhält es sich dagegen genau umgekehrt. Seit mehr als 20 Jahren ist der Kanadier aus der Musikszene seiner Wahlheimat Montreal nicht mehr wegzudenken und hat unter seinem langjährigen Bühnennamen Snailhouse, als Mitglied von Bands wie den Wooden Stars, dem Belle Orchestre und den Luyas sowie als Kollaborateur unzähliger weiterer Künstler sowohl in Sachen Quantität als auch Quantität Beachtliches geleistet. Ein großer Star ist der Mann mit dem schütteren Haar dennoch nicht, aber das scheint ihm auch ganz recht zu sein, hat er es sich in seiner Nische doch äußerst bequem gemacht.

“The Forgettable Truth”, das zweite Solo-Album, das Michael Feuerstack unter seinem eigenen Namen veröffentlicht, knüpft dementsprechend auch an Bewährtes und Liebgewonnenes an. Die Stimme so schmeichelnd wie eh und je, die Songs irgendwo zwischen entspanntem, manchmal fast zeitlupenhaften Songwritertum und verspultem Indie-Rock — so lässt sich “The Forgettable Truth” in wenigen Worten zusammenfassen. Sehr schön ausgefallen sind dabei vor allem die Stücke, bei denen der Violinist Sebastian Chow Schützenhilfe leistet, besonders das gemächlich-melancholische “Clackity Clack” und der berührende “Talking Blues”.


Michael Feuerstack: The Forgettable Truth. Forward Music Group, erschienen am 6. Februar.- Konzerte: 21.2. Köln — Weltempfänger, 22.2. Offenbach — Hafen 2, 23.2. Leipzig — Handstand und Moral, 24.2. Kassel — Nordstadt Palast, 25.2. Hamburg — Astra Stube, 26.2. Berlin — Schokoladen, 28.2. Hannover — Oberdeck.

[zuerst veröffentlicht bei you sound great]

Luke Pearson: Was du nicht siehst

Was du nicht siehst

Gerade hat Luke Pearson seine blauhaarige, ebenso altkluge wie liebenswerte kleine Heldin in “Hilda und der Schwarze Hund” auf ihr viertes, wieder von allerlei Fabelwesen bevölkertes Abenteuer geschickt. In “Was du nicht siehst”, ursprünglich bereits 2011 erschienen und vergangenen Herbst auch auf Deutsch veröffentlicht, kommen zwar auch Wesen aus der Zwischenwelt vor, und der schmale Band ist ähnlich detailverliebt gezeichnet wie die zu Recht hochgelobte Hilda-Reihe, schlägt aber deutlich ernstere Töne an. Es geht um die unsichtbaren Mächte, die unsere Wege lenken, um die Geister der Vergangenheit, die Dämonen in unseren Köpfen, das Ende einer einstmals großen Liebe, um Verlust, Entfremdung, Trauer und die Angst, die manchmal übermächtig zu werden scheint.

Bild: Reprodukt.

Bild: Reprodukt.

Für Optimismus bleibt auf den knapp 40 Seiten so gut wie kein Platz und gerade die letzten Panels von “Was du nicht siehst” sind von einer fast herzzerreißenden Traurigkeit. So deprimierend das alles auch klingen mag — Luke Pearson ist hier ein kleines Meisterwerk gelungen, das nicht zuletzt auch jede Menge Trost spendet.


Luke Pearson: Was du nicht siehst. Reprodukt, 40 Seiten, ISBN: 978-3-95640-008-7, 14 Euro.


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Carlos María Domínguez: Das Papierhaus

Das Papierhaus

Unter einem Schmöker stellt man sich gemeinhin ein dickes Buch mit vielen Seiten und einer umfangreichen Handlung vor, in der man sich stundenlang verlieren kann. Dass ein echter Schmöker mit einer großen Geschichte manchmal aber auch in einem äußerst schmalen, viel zu schnell zu Ende gelesenen Bändchen Platz findet, beweist der Argentinier Carlos María Domínguez mit seiner Erzählung “Das Papierhaus”.

Im Frühjahr 1998 kaufte Bluma Lennon in einer Buchhandlung in Soho eine alte Ausgabe der Gedichte von Emily Dickinson und wurde an der nächsten Straßenecke, als sie gerade beim zweiten Gedicht angelangt war, von einem Auto überfahren.

Bücher verändern das Schicksal der Menschen.

Besagte Bluma Lennon beschäftigte sich vor ihrem plötzlichen Tod im Fachbereich Hispanistik der ehrwürdigen Universität Cambridge als Dozentin und Wissenschaftlerin mit spanischsprachiger Literatur. Ein Posten, der nun dem namenlosen Erzähler der Geschichte, einem aus Argentinien stammenden Mann, zufällt. Auf dessen Schreibtisch landet wenig später ein an Bluma adressiertes Päckchen, das ein arg mitgenommenes und von Zementstückchen bedecktes Exemplar von Joseph Conrads Roman “Die Schattenlinie” enthält. Der Absender hat das Buch wohl einst von Bluma geschenkt bekommen — darauf deutet eine Widmung hin — und wollte es nun aus einem unbekannten Grund an sie zurückgeben. Ohne genau zu wissen, warum, ist unser Erzähler sofort von dem mysteriösen Päckchen und dessen staubigem Inhalt fasziniert und beschließt, dem in der Widmung erwähnten Carlos — offenbar ein Mann, den Bluma einst auf einem Autorenkongress in Monterrey kennengelernt hatte — den Roman persönlich zusammen mit der traurigen Todesnachricht zu überbringen. Bei seinem nächsten Heimatbesuch recherchiert der Erzähler weiter und erfährt, dass es sich bei Carlos um einen gewissen Carlos Brauer, einen leidenschaftlichen Büchersammler aus Uruguay handelt, der in der Vergangenheit auf allerlei Auktionen zugegen war und sich im Laufe der Zeit eine beachtliche Bibliothek aufgebaut hat. Über den aktuellen Aufenthaltsort Brauers lässt sich allerdings nichts weiter in Erfahrung bringen, dafür weiß ein anderer Büchernarr Ungewöhnliches bis Beunruhigendes über seinen verschwundenen Sammlerkollegen zu berichten:

Irgendwann hatte er so viele Bücher — über zwanzigtausend, glaube ich –, dass er die Bücherregale in seinem keineswegs kleinen Wohnzimmer quer stellen musste wie in einer öffentlichen Bücherei. Sogar im Bad standen an allen Wänden Bücher, und sie sind ihm nur deshalb erhalten geblieben, weil er kein warmes Wasser mehr laufen ließ, um den Dampf zu vermeiden. Er duschte kalt, im Sommer wie im Winter.

Mit einer ruhigen, poetischen Sprache erzählt Carlos María Domínguez in diesem nicht einmal 90 Seiten starken, wunderbar aufgemachten und von Jörg Hülsmann grandios illustrierten Büchlein von der Liebe zur Literatur und den Büchern. Eine Leidenschaft, die unzähligen Menschen schon viel Freude bereitet hat, manchmal aber nicht ganz ungefährlich ist. Bluma Lemmon und Carlos Brauer ist sie — wenn auch auf ganz unterschiedliche Art und Weise — letzten Endes zum Verhängnis geworden.

Eine große Empfehlung!


Carlos María Domínguez: Das Papierhaus. Insel Verlag, 89 Seiten, ISBN: 978-3-458-17615-2, 12 Euro.


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Paul Auster: Bericht aus dem Inneren

Bericht aus dem Inneren

Im Lauf der Jahre hat sich Paul Auster bereits einige Male mit seiner eigenen Vergangenheit beschäftigt und autobiographische Bücher vorgelegt, die sich in ihrer Form allerdings doch recht deutlich von klassischen Autobiographien unterschieden. Zuletzt widmete sich der Amerikaner im “Winterjournal” seinem Körper und dem Älterwerden, in “Bericht aus dem Inneren” geht es nun um die eigene Kindheit.

Im ersten, ebenfalls “Bericht aus dem Inneren” betitelten, knapp 100 Seiten langen Teil, ruft sich Paul Auster in einer Art Selbstgespräch Erinnerungen aus den frühen bis mittleren 50er Jahren — also die Zeit, in der er zwischen fünf und zwölf Jahre alt war — ins Gedächtnis. Diese nicht chronologisch geordneten, sondern wild durcheinandergewürfelten “Erinnerungshappen” erstrecken sich über mehrere Seiten oder nur einige Sätze, werden an anderer Stelle noch einmal aufgegriffen und miteinander verknüpft oder stehen einfach für sich selbst. Hin und wieder ist das ein wenig verwirrend, liest sich aber insgesamt erstaunlich kurzweilig. Dabei ist das, was wir Leserinnen und Leser vom jungen Paul Auster erfahren, nicht allzu aufregend oder außergewöhnlich. Es handelt sich eben um einen ganz normalen Mittelschichts-Jungen aus den 50er Jahren, der mit seiner Familie am Rande einer amerikanischen Kleinstadt wohnt, für die Sportstars seiner Zeit schwärmt, mit seinen Freunden gerne Baseball spielt und die Sommermonate im Ferienlager verbringt. Mit etwas gutem Willen könnte man die Freude am Lesen und die ersten ungelenken Schreibversuche als Vorboten der späteren Schriftstellerlaufbahn deuten, aber an sich könnte es sich bei dem beschriebenen Jungen auch um den späteren Buchhalter John Miller oder irgendeinen anderen Durchschnitts-Amerikaner handeln.

Etwas Geduld braucht es schließlich auch beim Lesen von “Zwei Schläge auf den Kopf”, den zweiten Teil des Buches, in dem Paul Auster — erneut in der Du-Form, die er konsequent durchhält — minutiös zwei Filme beschreibt, die ihn in seiner Kindheit bzw. frühen Jugend sehr beeindruckt haben. Spannender wird es dann jedoch in “Zeitkapsel”, lernen wir hier doch die frühen Tage des Autoren von Weltruf kennen. Anhand von Briefen, die er an seine damalige Freundin und spätere Ehefrau Lydia Davis geschrieben hat, lässt Paul Auster die Jahre zwischen 1966 und 1969 Revue passieren — eine Zeit des Aufruhrs, nicht nur weltpolitisch, sondern auch im Leben des College-Studenten. Die Briefe, die er seiner damals in London lebenden Freundin aus New York und Paris, wo er ein Auslandsjahr verbringt, schickt, zeigen einen leidenschaftlichen und sprunghaften jungen Mann, der mit aller Kraft, aber größtenteils nicht unbedingt zielgerichtet am Aufbau einer Existenz als Autor arbeitet. Dabei macht er nicht immer einen besonders gefestigten Eindruck, pendelt der Tonfall seiner offenbar recht hastig verfassten Briefe meist zwischen großer Euphorie und tiefster Depression:

In mir ist eine furchtbare Schüchternheit, die mich selbst in den simpelsten gesellschaftlichen Situationen lähmt — eine Abneigung zu sprechen, eine Befangenheit, die meine Einsamkeit noch steigert. […] Meine Grübeleien und meine Melancholie sind unheilbar … Und doch habe ich das Gefühl, im Innersten stark zu sein — dass ich nie zusammenbrechen werde, egal wie schlimm es noch kommen mag. In gewisser Hinsicht macht mir das am meisten Angst …

Abgerundet wird “Bericht aus dem Inneren” von einem “Album”, das Bilder von den im Buch angesprochenen politischen Ereignissen, von Sportlern, Politikern, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und zeitgenössischen Filmen zeigt. Auch für diese Bildersammlung gilt letzten Endes das, was für das gesamte Buch gilt: Schon recht interessant, aber eben auch ein wenig fragmentarisch und anstrengend — für Freundinnen und Freunde Paul Austers bestimmt dennoch eine sehr gewinnbringende Lektüre.


Paul Auster: Bericht aus dem Inneren. Rowohlt Verlag, 368 Seiten, ISBN 978-3-498-00089-9, Euro 19,95.

Deutscher Hörbuchpreis: Die ersten Gewinner stehen fest

Deutscher Hörbuch Preis

Hörbücher und ich — innige Freunde sind wir bisher nicht geworden, was aber wohl in erster Linie an mir und meiner erschreckend geringen Aufmerksamkeitsspanne liegt als am zunehmend größer werdenden Angebot äußerst gelungener Hörbücher und -spiele. Der Entschluss, künftig mehr Literatur zu hören, bringt mich aber schon zum nächsten Dilemma, nämlich der Frage, zu welchem Hörbuch ich denn nun greifen soll und warum ich das gesprochene Wort ausgerechnet in diesem Fall der Buchform vorziehen sollte. Bis ich eine Antwort darauf gefunden habe, vertraue ich wohl einfach dem Rat von Expertinnen und Experten und halte mich erst einmal an ein paar der Produktionen, die dieses Jahr beim Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet werden. Gerade die von Wolf Haas selbst eingelesene Version seines aktuellen Brenner-Krimis “Brennerova” (ausgezeichnet in der Kategorie “Beste Unterhaltung”), Frederick Laus Interpretation von Verena Güntners Debüt “Es bringen” (“Bester Interpret”) und Roger Willemsens Politikbetrieb-Betrachtung “Das Hohe Haus — Ein Jahr im Parlament” (“Bestes Sachhörbuch”) haben auf Anhieb mein Interesse geweckt…


Weitere Auszeichnungen:
Beste Interpretin: Maria Koschny für “Das Jahr, nachdem die Welt stehen blieb” von Claire Furniss
Bestes Hörspiel: Rimini Protokoll für “Qualitätskontrolle oder warum ich die Räuspertaste nicht drücken werde!”
Beste verlegerische Leistung: Lübbe Audio für “Easy Does It. CRO, die Maske und der ganze Rest”
Bestes Kinderhörbuch: Bekanntgabe am 5. Februar
Partnerpreis “Bestes Hörbuch des Jahres der hr2-Hörbuchbestenliste”: Dieter Wellershoff für “Ans Ende kommen”
Publikumspreis “HörKules”: Abstimmung noch bis zum 15. Februar auf www.hoerkules.de möglich


♠ Der Deutsche Hörbuchpreis 2015 wird am 11. März im Vorfeld der lit.Cologne im WDR Funkhaus in Köln verliehen. Die von Götz Alsmann moderierte Veranstaltung wird von WDR5, hr2-Kultur, NDR Kultur und Antenne Saar live im Radio übertragen. Außerdem zeigt das WDR Fernsehen am 14. März ab 23.45 Uhr eine Zusammenfassung der Preisverleihung. Alle weiteren Informationen zu den diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträgern, der Longlist und der Jury gibt es auf www.deutscher-hoerbuchpreis.de.