Selbst in einem Krimi, der im Frühjahr 1947 spielt, sind die Parallelen zur Gegenwart sofort präsent. Gleich auf Seite sechs von »Berliner Monster« von Jürgen Tietz heißt es:
Die Zeiten waren unsicher. Die Zukunft war ungewiss. (…) Darüber strahlte ein blauer Frühlingshimmel, so blau, als wäre nichts geschehen.
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Glück hatte ich zuletzt bei meinen Besuchen am öffentlichen Bücherschrank. Womöglich trudeln langsam die Weihnachtsgeschenke ein, die die Beschenkten nicht so recht zu überzeugen wussten. Ich freue mich jedenfalls darauf, die beiden Bücher zu lesen.
Etwas überrascht hat mich, dass der Co-Autor von »Amrum« Philipp Winkler ist, der vor ein paar Jahren mit seinem Roman »Hool« auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stand.
Gerade lese ich für eine Rezension anderswo»Die Superkraft der Pflanzen« von Kathy Willis. Die Autorin, Professorin für Biodiversität in Oxford und ehemalige wissenschaftliche Direktorin der Königlichen Botanischen Gärten von Kew, erklärt darin, welche positiven Auswirkungen es auf unser Wohlbefinden hat, wenn wir uns mit Pflanzen umgeben oder uns in der Natur aufhalten.
Quasi die wissenschaftlich fundierte Version von dem, was sich an diesen ersten angenehmen Frühlingstagen bei einem Spaziergang am eigenen Leib erfahren lässt. Alles wirkt momentan ein klein wenig freundlicher – und das, obwohl in der Landschaft nach wie vor eher die Braun- und Ockertöne dominieren.
Mit einigen farbenfrohen Ausnahmen natürlich (Krokusse und Zitronenfalter habe ich auch schon gesichtet):
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Mehr Sachbuchtipps hat wie jeden Monat die Lesart auf Deutschlandfunk Kultur. Mit dem erstmals 1991 erschienenen »Vom Trost der Bäume« von Mario Rigoni Stern findet sich auch ein Buch zu einem Naturthema unter den Empfehlungen – ein Klassiker des italienischen Nature Writing.
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Auch bei Deutschlandfunk Kultur, aber ein ganz anderes Thema: Book bans sind in amerikanischen (Schul-) Bibliotheken schon länger an der traurigen Tagesordnung. Kein Wunder, dass sich die Situation unter der Präsidentschaft des Mannes, dessen Namen ich – frei nach Axel Hacke – nicht nennen werde, weiter verschärft hat. Man möchte einfach nur noch schreiend wegrennen.
Ausgelesen habe ich »Wackelkontakt« von Wolf Haas. Über Konstruktion und Inhalt des Romans wurde überall schon so viel geschrieben, dass ich das nicht auch noch einmal wiederholen muss. Vor allem, weil es tatsächlich recht schwer ist, näher auf die Handlung einzugehen, ohne gleich zu viel zu verraten.
Nur so viel: Obwohl mich die Geschichte an sich nicht unbedingt brennend interessiert hat, war »Wackelkontakt« das erste Buch, das mich in diesem Jahr beinahe uneingeschränkt begeistert hat.
Gerätselt habe ich allerdings über einen Aspekt, der neulich auch im Literarischen Quartett angesprochen wurde: Die beiden Erzählstränge des Romans sind verknüpft durch Bücher, die von den Hauptfiguren des jeweils anderen Handlungsstrangs gelesen werden. Die Geschichte setzt sich also immer dann fort, wenn jemand zum Buch greift. Allerdings umfassen die beiden Handlungsstränge sehr unterschiedliche Zeitspannen. Ob dieses Konstrukt in der »Wirklichkeit« tatsächlich funktionieren könnte? Ich bin mir da nicht sicher.
Aber egal, denn die Art und Weise, wie Wolf Haas die beiden Erzählstränge miteinander verknüpft und die Geschichte zu einem überzeugenden Ende bringt, ist schon ein echter Einserschmäh. Allein deswegen lohnt sich die Lektüre von »Wackelkontakt« sehr.
Und natürlich auch wegen Zitaten wie diesem hier:
»Empathie« begann zu grassieren. Wahrscheinlich bestand ein direktes Verhältnis zum gleichzeitigen Aussterben dessen, was der Begriff bezeichnet. So ließ sich auch erklären, warum »Empathie« ausgerechnet von jenen Menschen bei jeder sich bietenden Gelegenheit im Mund geführt wurde, die über das Mindeste nicht verfügten, nämlich über ein normales menschliches Mitgefühl.
Für alle, die Protagonist Franz Escher obendrein mit seiner Puzzleleidenschaft angesteckt hat, gibt es das Covermotiv des Romans übrigens auch als Puzzle mit 1000 Teilen. Die Herausforderung dürfte weniger darin bestehen, das schrecklich flirrende Bild zusammenzusetzen, sondern vor allem darin, währenddessen nicht verrückt zu werden.
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Neu auf der Leseliste notiert habe ich diese Woche: