Vierter Advent, also höchste Zeit, sich ums Aufstellen und Schmücken des Christbaums zu kümmern. Da der klassische Weihnachtsbaum hier vor einer Weile aus Gründen der Bequemlichkeit durch ein nachhaltiges Modell ersetzt wurde, ließ sich das recht mühelos innerhalb der am kürzesten Tag des Jahres mehr oder weniger hellen acht Stunden und 23 Minuten zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang erledigen.
Allerdings zeigte sich beim Zusammenstecken des »Baums«, dass auch ein theoretisch ewig haltbares Modell im Laufe der Zeit ein paar Verschleißerscheinungen zeigt, die vor dem nächsten Weihnachtsfest behoben werden sollten1.
Grundsätzlich lohnt es sich aber wohl durchaus, bei der Anschaffung eines Baumersatzes etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Stichwort »Manufakturqualität«.
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Ausgelesen habe ich derweil »Bread of Angels« von Patti Smith. Das hat mir wieder fast so gut gefallen wie einst »Just Kids« und deutlich besser als »M Train« und vor allem »Im Jahr des Affen«.
Die unbefleckte Erinnerung an unerwartete freundliche Gesten2. Sie sind das Brot der Engel.
Wie bereits erwähnt, mochte ich besonders die Passagen, in denen es um die Familiengeschichte ging – beginnend mit der frühen Kindheit bis zu einem spät gelüfteten Geheimnis um die wahre Abstammung der Autorin. Weniger anfangen konnte ich dagegen mit den Episoden, die eher in eine spirituelle bzw. esoterische Richtung tendierten.
Aber das ist Geschmackssache.
Grundsätzlich gilt: Über Patti Smith nur Gutes. Gäbe es mehr Menschen wie sie, hätten wir sicher weniger Probleme auf dieser Welt.
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Gerne gehört habe ich den ersten von zwei Teilen von »Mona Lisa und ihre Doppelgängerinnen« aus dem DLF-Podcast »Tatort Kunst«. Nachgegangen wird der Frage, ob Leonardo da Vinci womöglich mehrere Variationen seines berühmten Gemäldes geschaffen hat. Hängt vielleicht gar nicht die »echte« Mona Lisa im Louvre?
Erinnert mich bitte vor dem 20. Dezember 2026 daran. ↩︎
Schade, dass es im Deutschen keine griffigere Übersetzung für »a random act of kindness« gibt. ↩︎
Am 12. November 2023 jährte sich der Geburtstag von Vicco von Bülow alias Loriot zum 100. Mal – Anlass genug für das Caricatura Museum in Frankfurt am Main, dem großen Humoristen unter dem Titel »Ach was! Loriot zum Hundertsten« eine umfangreiche Ausstellung zu widmen. Als langjähriger Fan, der von sich behauptet, ganze Passagen aus Sketchen und den beiden Filmen »Ödipussi« und »Pappa Ante Portas« fehlerfrei mitsprechen zu können, durfte ich mir das natürlich nicht entgehen lassen.
Die liebevoll aufgemachte Ausstellung erstreckt sich über alle vier Ebenen des schmucken Museums nahe des Doms und bietet einen umfassenden Überblick über Loriots gesamtes künstlerisches Schaffen. Fürs Bewegtbild wurde ein kleines Kino eingerichtet, zu den Highlights unter den sonstigen Exponaten gehören Drehbücher mit handschriftlichen Anmerkungen Loriots, Folien aus dem Sketch »Herren im Bad« und – besonders schön – das Spielzeug-Atomkraftwerk, mit dem Familie Hoppenstedt an Weihnachten so viel Freude hatte (»Puff!« hat es aber leider nicht gemacht).
Vieles, was es zu sehen gab, war mir natürlich schon hinlänglich bekannt (nicht dazu gehörten allerdings die Bühnenmodelle und andere Exponate von Loriots Opern-Inszenierungen), aber es war trotzdem eine große Freude, das alles gesammelt und gut kuratiert an einem Ort zu sehen. Und überhaupt hat das Wiedererkennen und Erinnern am meisten Spaß gemacht – offenbar nicht nur mir, sondern auch den anderen Besucherinnen und Besuchern. Selten habe ich in so kurzer Zeit so viele unterschiedliche Menschen Loriot-Zitate murmeln hören.
Wunderbar, dass Loriot auch heute noch jede Menge Menschen verschiedener Altersgruppen begeistert, wobei ich mit meinen 41 Jahren doch zu den jüngeren Personen im Museum gehörte. Apropos »jede Menge Menschen«: Obwohl ich an einem Dienstagnachmittag dort war, war es wirklich enorm voll in der Ausstellung. Manche Gänge des verwinkelten Museums waren teilweise kaum zugänglich – gelegentlich hätte ich mir etwas mehr Platz gewünscht, um alles mit ein wenig mehr Ruhe betrachten zu können.
Laut der Frau an der Museumskasse soll der Andrang in der Regel gegen 17 Uhr nachlassen – also lieber etwas später kommen. Die Ausstellung wurde bis zum 12. Mai verlängert, das Caricatura Museum (Weckmarkt 17) hat von Dienstag bis Sonntag jeweils von 11 bis 17 Uhr geöffnet.
Huch, schon wieder August! Gerade fühlt es sich allerdings so herbstlich an, dass es auch gut und gerne Ende September sein könnte. Müsste es dann also nicht eher heißen „huch, erst August“? Egal, August ist August und im Zuge der neulich hier angekündigten Neuerungen ist der Beginn eines neuen Monats ein guter Zeitpunkt, um ab sofort jede Woche ein paar Dinge zu notieren, die ich gelesen und gemacht habe oder die mir aufgefallen und in irgendeiner Art bemerkenswert vorgekommen sind.
Gerade lese ich Domenico Daras Roman „Malinverno oder Die Bibliothek der verlorenen Geschichten“. Auf das Buch bin ich aufmerksam geworden, weil darin zwei Orte eine zentrale Rolle spielen, die mir ebenfalls sehr viel bedeuten und die ich so oft wie möglich aufsuche: Bibliotheken und Friedhöfe. Astolfo Malinverno, der Protagonist und Erzähler des Romans, verbringt als Bibliothekar (mit großer Leidenschaft) und Friedhofswärter (gezwungenermaßen) des fiktiven kalabrischen Dorfes Timpamara schon aus beruflichen Gründen viel Zeit an diesen Orten. Wegen seines Hinkens und des frühen Verlusts beider Elternteile flüchtete sich der Außenseiter Astolfo schon in seiner Kindheit in die Fantasiewelten der Literatur, was zuweilen dazu führt, dass er nur schwer zwischen Realität und Fiktion unterscheiden kann. So verliebt er sich bei einem Kontrollgang über den Friedhof in die Fotografie einer namenlosen jungen Frau auf einem der älteren Gräber – er ist davon überzeugt, in ihr die von ihm schon lange verehrte Emma Bovary zu erkennen. Wohin sich diese fast zur Besessenheit steigernde Schwärmerei noch führt und was es wohl mit dem mysteriösen Mann mit der schweren Reisetasche und den Kopfhörern auf sich hat, der plötzlich regelmäßig auf dem Friedhof auftaucht, werde ich erst noch erfahren.
Die Bibliothek ist mehr als eine Zuflucht für mich, sie ist meine Höhle, meine Fruchtblase. Hier fühle ich mich weniger allein, und was Einsamkeit ist, weiß ich genau.
Domenico Dara: Malinverno
Ein abschließendes Urteil über den Roman kann ich mir also längst nicht erlauben, aber bisher lese ich ihn mit großem Vergnügen. Die Geschichte wird behutsam und auf eine angenehm altmodische Art und Weise erzählt, die Charaktere sind liebenswert verschroben und überhaupt fühlt sich alles wie eine Mischung aus Carlos Ruiz Zafón, Sempé und „Die fabelhafte Welt der Amélie“ an. Das mag ich gerne.
Gar nicht mochte ich dagegen die Nachricht, dass rund um die Olympischen Spiele in Paris im kommenden Sommer knapp zwei Drittel der rund 230 Bouquinisten ihren Platz am Ufer der Seine vorübergehend verlassen müssen. Zwar wird von angekündigten Protesten geschrieben und davon, dass das letzte Wort in dieser Sache noch nicht gesprochen sei, aber letzten Endes wird sich vermutlich leider doch der seelenlose Kommerz (für mehr steht Olympia schließlich schon lange nicht mehr) gegen die nicht ganz so finanzstarken Bouquinisten – immerhin Teil des nationalen immateriellen Kulturerbes Frankreichs – durchsetzen.
Erfreulicher war der Besuch der kleinen, aber feinen Ausstellung „Malende Frauen – Gemalte Frauen“ mit Werken von Lotte Laserstein, Paula Modersohn-Becker, André Derain und anderen. Grund zur Vorfreude gibt es außerdem auf die Münchner Bücherschau, die in diesem Jahr vom 16. November bis zum 3. Dezember zu sehen ist und im Haus der Kunst (wo sie bereits vor dem Umzug in den Gasteig zwischen 1967 und 1989 stattfand) eine neue und doch alte Heimat gefunden hat. Ein fester Programmpunkt in meinem Jahreskalender!
Willkommen, 2023! Was das neue Jahr bringt, steht natürlich noch in den Sternen, weshalb jetzt ein ganz guter Moment ist, den Blick erst einmal in die Vergangenheit zu richten. 100 Jahre zurück zum Beispiel, wie es Peter Süß in „1923. Endstation – Alles einsteigen!“ tut. Dabei folgt der Autor dem spätestens seit Florian Illies‘ Bestseller „1913“ ebenso beliebten wie bewährtem Muster und lässt die zentralen Ereignisse des turbulenten Jahres in chronologischer Reihenfolge Revue passieren, wobei sich die Abschnitte manchmal nur über einen Satz, manchmal über mehrere Seiten erstrecken.
Da politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen ebenso viel Platz einnehmen wie Kultur, Unterhaltung und Promi-Tratsch, entfaltet sich im Laufe der Lektüre das Bild eines von Gegensätzen geprägten Jahres, das sich nur schwer in wenigen griffigen Schlagworten zusammenfassen lässt. Auf der einen Seite stellt die völlig außer Kontrolle geratende Hyperinflation weite Teile der deutschen Bevölkerung vor existenzielle Nöte, zudem schürt die Besetzung des Ruhrgebiets durch belgische und französische Truppen neue Kriegsängste. Die politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen nutzt der damals 34 Jahre alte Adolf Hitler, um zumindest in Bayern an Einfluss zu gewinnen. Der Putschversuch vom 8. und 9. November misslingt zwar und bringt Hitler eine Haftstrafe ein, aber ohne die Lehren aus dem Jahr 1923 wären die schrecklichen Ereignisse ab 1933 kaum vorstellbar gewesen.
Trotz der vielen Nöte und düsteren Vorboten ist 1923 auf der anderen Seite aber auch von allerlei schillernden Ablenkungen geprägt. Warenhäuser locken mit immer prächtigeren, für die meisten freilich völlig unerschwinglichen Angeboten, eine Begeisterung für Okkultes und Parapsychologisches macht sich breit (sogar bei Thomas Mann, der ansonsten mit der Fertigstellung des „Zauberbergs“ kämpft) und überhaupt stehen die goldenen Zwanziger schon in den Startlöchern.
Hinter jeder Ecke lauert die Katastrophe, und jeder weiß es. Also lasst uns taumeln im Jazz-Delirium! Nichts als ein kurioses Missverständnis, die „goldenen zwanziger Jahre“, die nie golden waren, auf die Zeit zwischen 1924 und 1929 zu begrenzen. Alles ist bereits da in diesem Jahr 1923!
Und die Künstlerinnen und Literaten? Nun, auch deren Leben sind geprägt von allerlei Gegensätzen. Else Lasker-Schüler leidet an beklemmender Geldnot, was zu diversen Streitigkeiten führt. Bertold Brechts Stern am Theaterhimmel geht endgültig auf, wobei er zunächst von Misserfolg zu Misserfolg eilt – sowohl auf der Bühne als auch im Liebesleben. Kurt Tucholsky dagegen hat erst einmal genug von der Literatur und beginnt mit 33 Jahren eine Banklehre. Der bereits schwer an Tuberkulose erkrankte Franz Kafka lernt mit der 15 Jahre jüngeren Dora Diamant seine letzte große Liebe kennen, während bei Erich Kästner zwar eine Beziehung zerbricht, aber eine erste Erzählung veröffentlicht wird. Ende des Jahres erblickt außerdem einer der ganz Großen das Licht der Welt:
Nirgendwo ein Lichtblick? Doch: Am 12. November wird in Brandenburg an der Havel Loriot geboren.
Mit „1923“ ist Peter Süß ein hervorragendes Buch gelungen, durch das man mit großem Vergnügen hindurcheilt. Dass der Autor in den vergangenen Jahren vor allem für Film und Fernsehen gearbeitet hat, kommt dem Lesefluss dabei sehr zugute – prägende Ereignisse wie der Hitlerputsch werden mit genauer Beobachtungsgabe und viel Gespür fürs richtige Timing dargestellt, während an anderer Stelle Witz und leise Ironie dominieren. Eine äußerst unterhaltsame Geschichtsstunde!
Zum zweiten Mal schickt Leif Karpe seinen kunstsinnigen Ermittler Peter Falcon von New York nach Europa, um ein kniffliges Rätsel zu lösen. Stand in „Der Mann, der in die Bilder fiel“ noch der Impressionismus im Mittelpunkt, begibt sich „Die Göttin, die von Blüten träumte“ nun an die Schauplätze der Renaissance.
Ein Kunstschatz von womöglich unermesslichem Wert lagert im Berliner Bode-Museum, nämlich eine vermeintlich von Leonardo da Vinci geschaffene Wachsbüste der Göttin Flora. Schon seit vielen Jahren tobt ein erbitterter Streit um die Urheberschaft der keine 70 Zentimeter hohen Büste und die gerade überwundene Corona-Krise (der Roman spielt in einer nahen Zukunft, in der wieder weitgehend Normalität herrscht) bietet für einige Akteure einen willkommenen Anlass, ein für alle Mal zu klären, was tatsächlich Sache ist. Die junge Wissenschaftlerin Laura Petreus hat ein neues Datierungsverfahren entwickelt, unter dessen Einsatz am Teilchenbeschleuniger des Louvre geklärt werden soll, ob es sich bei der Flora mit dem an die Mona Lisa erinnernden Lächeln um ein Werk da Vincis handelt oder ob die Büste von einem weit weniger bedeutenden englischen Künstler des 19. Jahrhunderts geschaffen wurde, wie dessen Nachfahren beharrlich behaupten. Finanziert wird die kostenintensive Datierung vom umstrittenen Chemiegiganten und Glyphosat-Hersteller Mortapes, der mit seinem Engagement um die Kunst ein wenig Greenwashing betreiben möchte.
Sollte sich die Büste als echter da Vinci herausstellen, würde dies natürlich auch für das Bode-Museum einen gehörigen Gewinn an Renommee bedeuten und das große Auktionshaus Chroseby würde ebenfalls von einem nach Corona wieder in Schwung kommenden Kunstmarkt profitieren. Dummerweise kommt es aber gar nicht zu der geplanten Datierung, denn zuerst verschwindet Laura Petreus spurlos und dann wird auch noch die Büste gestohlen — auf ganz ähnliche Weise wie im März 2017 die 100 Kilogramm schwere Goldmünze.
Peter Falcon, der Kunsthistoriker und Comichändler, zu dem „die Bilder sprechen“, soll herausfinden, was passiert ist. Seine Suche führt ihn quer durch Europa, aber vor allem natürlich nach Florenz, die Wiege der Renaissance.
Geschicktes Spiel mit Fakten und Fiktion
Krimis und Thriller mit kunstbeflissenen Ermittlern — da denkt man natürlich sofort an Dan Browns genialen Symbolologen Robert Langdon oder an Martin Suters chronisch klammen Lebemann John von Allmen. Von beiden hat Leif Karpe seinem Peter Falcon etwas mitgegeben, wobei der New Yorker doch deutlich bescheidener und zurückhaltender (manchmal allerdings auch etwas blasser) auftritt als der schier allwissende Langdon oder der allzu luxusaffine Allmen.
Mit etwas mehr als 200 Seiten ist „Die Göttin, die von Blüten träumte“ deutlich schmaler als vor allem Browns umfangreiche Thriller und auf Actionszenen verzichtet der Roman nahezu gänzlich. Stattdessen glänzt Karpe vor allem mit einer geschickten Mischung aus Fakten und Fiktion. Von Botticelli bis zum „Decamerone“, das im Verlauf der Handlung eine wichtige Rolle spielt,bekommt man als Leserin oder Leser einen kleinen, kenntnisreichen Crashkurs in Sachen Renaissance und auch viele andere Begebenheiten und Personen in Karpes Buch sind zumindest an Tatsachen angelehnt. Das und der kurzweilige, humorvolle Erzählstil machen „Die Göttin, die von Blüten träumte“ zu einer lohnenden Lektüre für kunstinteressierte Krimifreundinnen und -freunde mit einem Faible für Italien.
Einzig ein etwas aufmerksameres Lektorat hätte man dem Roman gewünscht. So heißt der Chemiekonzern „Mortapes“ an einer Stelle auf einmal „Montarpes“ und auch ansonsten haben sich immer wieder kleinere (aus dem Komponisten Edvard Grieg zum Beispiel wird ein Herr „Krieg“) oder größere („Meine Herren, es ergibt doch keinen Sinn, wenn wir hier uns hier gegenseitig belauern. Ich schlage vor, wie setzen uns und legen die Karten auf den Tisch“, heißt es etwa auf Seite 141 der 1. Auflage) Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen. Kein Drama zwar, aber doch ärgerlich!
Im Herbst habe ich mit großem Vergnügen die ersten beiden Kriminalromane der inzwischen vierbändigen August-Emmerich-Reihe von Alex Beer gelesen, die kurz nach dem Ersten Weltkrieg in Wien spielt. Neben dem Krieg ist auch die Spanische Grippe zu diesem Zeitpunkt bereits vorbei, aber die Nachwehen der beiden Ereignisse sind noch allerorts sicht- und spürbar. Der Protagonist der Romane, Rayonsinspektor August Emmerich, plagt sich mit einer schmerzhaften Kriegsverletzung herum, die ihn fast in die Heroinabhängigkeit treibt und verliert zu allem Überfluss schon im Verlauf des ersten Bandes „Der zweite Reiter“ Familie und Obdach, als der gefallen geglaubte Ehemann seiner Lebensgefährtin überraschend aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt. Mit seinen Problemen passt sich Emmerich damit bestens an die in Wien herrschenden Verhältnisse an — armseliger, schmuddeliger, lebensfeindlicher und trister ist mir die österreichische Hauptstadt bisher noch nicht begegnet.
Genau in dieses Wien, von dessen Trostlosigkeit er allenfalls eine leise Ahnung hat, sehnt sich Karl Findeisen, der Held aus Beatrix Kramlovskys „Fanny oder Das weiße Land“, zurück. Mehr als 12.000 Kilometer liegen zwischen dem zu Beginn des Romans im Frühjahr 1918 bereits seit mehreren Jahren in einem sibirischen Kriegsgefangenenlager ausharrenden Offizier und seiner Heimatstadt. Einziger Lichtblick neben dem Umstand, dass er gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Viktor inhaftiert ist, sind die Briefe seiner Verlobten Fanny, die er wieder und wieder liest, bis er sie nahezu auswendig kann. Durch sie nimmt er Anteil am Aufwachsen seines Sohnes Max, den er zuletzt als Kleinkind gesehen hat, und wird daran erinnert, dass es womöglich doch eine erfreulichere Zukunft jenseits des harten, entbehrungsreichen Lagerlebens geben könnte.
Vor dieser Zukunft liegt aber erst einmal eine wahre Odyssee. Die Wirren nach der russischen Revolution und um den beginnenden Bürgerkrieg nutzen Karl, Viktor und ein paar weitere Mithäftlinge im Frühjahr 1918 zur Flucht. Mit der Transsibirischen Eisenbahn geht es zwar zunächst recht schnell voran, aber angesichts der immensen Weite Sibiriens eben nicht schnell genug. Die für die Rückkehr nach Österreich veranschlagten fünf bis sechs Monate erweisen sich bald als illusorisch; erst recht, als das Grüppchen in Irkutsk auffliegt und dort in ein elendes Gefängnis gebracht wird. Es ist Karls künstlerisches Talent, das ihn und seinen Freunden hier erstmals aus der Misere hilft. Mit Kreativität, Geschick, etwas Verschlagenheit und viel Glück gelingt es ihnen, sich als Kulissenmaler und Bühnenbildner beim von den Kommunisten neu gegründeten Theater zu verdingen und sich Hafterleichterungen sowie letzten Endes eine weitere Fluchtmöglichkeit zu verschaffen. Im Frühling 1919 findet das bereits leicht dezimierte Grüppchen Unterschlupf im Dorf einer deutschstämmigen Mennoniten-Gemeinde. Eine vergleichsweise angenehme Zeit bricht an, aber Wien, Fanny und Max bleiben für Karl nach wie vor unerreichbar fern. Also geht es weiter ins vom Bürgerkrieg besonders gebeutelte Petrograd, das heutige Sankt Petersburg, wo die Zweifel an einer Rückkehr in die Heimat bald ins Unermessliche wachsen — schlimmere Bedingungen als im dortigen Gefangenenlager, wo Erschießungen an der Tagesordnung sind und ständig Häftlinge „verschwinden“, haben die Freunde und Leidensgenossen noch nirgends vorgefunden. Abermals sind es Karls künstlerische Fähigkeiten, die Rettung versprechen. Ein eitler Marineoffizier wünscht sich ein lebensgroßes Porträt in Öl und ist bereit zu einer angemessenen Gegenleistung. In welche Richtung sich der Roman dann trotz einiger weiterer Rückschläge entwickelt, kann man sich vermutlich in etwa denken…
Die brotlose Kunst würde sie alle retten, noch einmal, wieder und wieder.
Beatrix Kramlovsky: Fanny oder Das weiße Land
Mit „Fanny oder Das weiße Land“ ist der österreichischen Autorin Beatrix Kramlovsky ein wunderbarer Schmöker gelungen, dessen sympathische Figuren einem schnell ans Herz wachsen und mit denen man schon bald mitfiebert. Obwohl sich die Handlung über gut drei Jahre erstreckt, in denen jede Menge passiert, ist der Umfang des Buches mit rund 300 Seiten eher überschaubar, was für eine gewisse Rasanz und wenige Längen sorgt. Die traumatischen Erlebnisse der Soldaten während des Krieges sowie die schlimmen Verhältnisse, mit denen die Gefangenen sowie die russische Zivilbevölkerung in der Zeit danach konfrontiert sind, spart Beatrix Kramlovsky zwar keinesfalls aus, aber dennoch ist es hin und wieder erstaunlich, wie leicht es Karl und Co. fällt, mit ihrem Talent und ihrer Freundlichkeit einen Ausweg zu finden. Überall öffnet sich eine Tür, ergeben sich Möglichkeiten, warten zumindest halbwegs wohlwollende Menschen.
Aber gerade darauf liegt ja auch ganz klar der Fokus des Romans. „Fanny oder Das weiße Land“ ist ein Lobgesang auf die Freundschaft, die Liebe und den Wert von Kunst, Musik, Briefen und Fantasie — besonders in schweren Zeiten und ausweglos scheinenden Situationen, die sich nur dann halbwegs überstehen lassen, wenn man etwas hat, wofür es sich lohnt, weiterzumachen. Oder, um Friedrich Nietzsche das letzte Wort zu geben: „Wer ein Wozu zu leben hat, der erträgt fast jedes Wie.“
Beatrix Kramlovsky: Fanny oder Das weiße Land (hanserblau; 304 Seiten; ISBN: 978-3-446-26797-8)
Alex Beers Kriminalromane um August Emmerich sind im Limes Verlag bzw. als Taschenbuch bei Blanvalet erschienen.
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