Am Esstisch mit Rolando Villazón

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Obwohl der Kulturbetrieb langsam wieder anläuft, bleibt die Situation schwierig — die Literaturszene mit abgesagten Festivals und ausgefallenen Lesungen macht da keine Ausnahme. Wie es momentan in Bayern aussieht, hat die SZ dieser Tage zusammengefasst.

Im Literaturhaus München finden seit dem 1. Juli wieder Veranstaltungen statt. Dafür hat man eigens das technisch aufwändige „Studio Salvatorplatz“ eingerichtet, um die Lesungen nicht nur den momentan erlaubten 50 Gästen vor Ort anbieten zu können, sondern als hochwertigen Livestream (zu einem fairen „Eintrittspreis“ von fünf Euro) auch Literaturinteressierten in aller Welt. So wurde bei mir der heimische Esstisch zum Literaturhaus und trotz einiger Skepsis im Vorfeld — ein großer Freund des Streamings bin ich nämlich nicht — hat mich das Konzept sehr überzeugt. Es fühlte sich fast so an, als sei ich tatsächlich bei der Lesung dabei.

Einen großen Anteil am Gelingen der Auftaktveranstaltung nach der langen Corona-Pause hatte natürlich der Gast des Abends, denn mit dem ebenso unterhaltsamen wie umtriebigen Startenor Rolando Villazón, der seinen eben erschienenen dritten Roman „Amadeus auf dem Fahrrad“ vorstellte, hatte man sich gleich einen Hochkaräter eingeladen.

U1_XXX.inddIm Roman geht es um den jungen Mexikaner Vian Maurer, der zu den Salzburger Festspielen reist, um als Komparse an einer Inszenierung von „Don Giovanni“ teilzunehmen. Für den Salzburgfan und Mozartbewunderer die Erfüllung eines lang gehegten Traumes und hoffentlich der Ausgangspunkt für eine erfolgreiche Karriere als Opernsänger. Einzig Vians Vater hat andere Vorstellungen zum Lebensweg des Filius.

Salzburg, Mozart, ein hoffnungsvoller Opernsänger aus Mexiko — das erinnert doch sehr an Rolando Villazóns eigene Geschichte. Immerhin feierte er selbst einst bei den Salzburger Festspielen den Durchbruch und ist mittlerweile Intendant der Mozartwoche. Wie autobiographisch ist „Amadeus auf dem Fahrrad“ also, fragte sich nicht nur Dorothea Hußlein, die kundig durch den Abend führte. Die ebenso einfache wie charmante Antwort des Autors (der, nebenbei bemerkt, fantastische rote Sandalen trug):

Es ist komplett autobiographisch und es ist überhaupt nicht autobiographisch.

Über Parallelen und Unterschiede zwischen dem Protagonisten seines Romans und dem eigenen Werdegang, die Entstehung des Buches und seine Beziehung zu Mozart plauderte Rolando Villazón zwischen den wunderbar pointiert vorgetragenen Leseparts von Stefan Wilkening gewohnt unterhaltsam und wortreich. Ein wenig Ernst ließ sich angesichts der aktuellen Situation natürlich dennoch nicht vermeiden. Dem flammenden Plädoyer Rolando Villazóns, gerade jetzt die Literatur, die Musik, die Kultur allgemein nicht nur mit warmen Worten zu unterstützen, kann ich mich nur anschließen, denn:

Eine Welt ohne Kunst ist keine Welt, in der ich leben möchte.

Weitere Eindrücke von der Lesung finden sich im Blog des Literaturhauses.


Rolando Villazón: Amadeus auf dem Fahrrad (Rowohlt Verlag, 416 Seiten, 26 Euro).
#supportyourlocalbookstore


Weitere Lesungen im „Studio Salvatorplatz“ (Beginn jeweils 20 Uhr):
7. Juli — „Briefe nach Breslau. Meine Geschichte über drei Generationen“ — Maya Lasker-Wallfisch im Gespräch mit Sabine Bode
9. Juli — Matthias Politycki: „Das kann uns keiner nehmen“
14. Juli — Uli Oesterle: „Vatermilch“
16. Juli — „Marcel Reich-Ranicki zum 100. Geburtstag“ — Ein Abend mit Paul Assall und Uwe Wittstock
20. Juli — Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“


📷 Salzburg-Foto von mir, Buchcover © Rowohlt Verlag

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