J. L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp

Dem DuMont Buchverlag ist es zu verdanken, dass die Romane des 1994 verstorbenen britischen Autors J. L. Carr in wunderbarer Aufmachung (man beachte die Halskrause auf dem Einband des neuesten Buches!) und der hervorragenden Übersetzung von Monika Köpfer nach und nach auch ihren Weg zur deutschen Leserschaft finden. Angefangen mit dem immens erfolgreichen „Ein Monat auf dem Land“ wurden inzwischen fünf der acht Romane des ehemaligen Lehrers und spätberufenen Schriftstellers und Verlegers Carr auf Deutsch veröffentlicht — ganz aktuell das im Original 1988 erschienene „Leben und Werk der Hetty Beauchamp“.

Protagonistin des Romans, der auf Englisch etwas treffender und weniger prätentiös „What Hetty Did“ heißt, ist die 18 Jahre alte Ethel „Hetty“ Birtwisle, eine literaturbegeisterte, altkluge Einserschülerin. Mit ihrer Intelligenz und dem Faible für Lyrik ist Hetty in ihrem Heimatstädtchen im recht dünn besiedelten, landwirtschaftlich geprägten Fenland im Osten Englands eher eine Außenseiterin, und auch in ihrer eher bildungsfernen Familie mit dem jähzornigen Vater fühlt sie sich recht fremd. Einschneidende Ereignisse führen schließlich dazu, dass Hetty kurz nach dem Schulabschluss Reißaus nimmt. Zuerst endet ein Streit mit dem Vater handgreiflich (in der Auseinandersetzung bezieht dieser allerdings sehr zu meiner Freude selbst ordentlich Prügel), dann erfährt Hetty, dass sie — ebenso wie ihr jüngerer Bruder — adoptiert ist. Es gibt also keinen Grund, noch länger an dem Ort zu bleiben, den sie insgeheim schon immer verabscheut hat. Das Ziel steht auch schon fest:

Nach London! In den Büchern landen Ausgestoßene immer dort. Ich habe jedenfalls noch nie von jemandem gelesen, der sein Glück in Stoke-on-Trent gefunden hat.

J. L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp

Durch einen Zufall landet Hetty aber schließlich nicht in London, sondern in Birmingham in der von allerlei liebenswert schrägen Figuren bewohnten Pension der resoluten Rose Gilpin-Jones. Hier legt Hetty erst einmal ihren alten Nachnamen ab und nennt sich fortan Hetty Beauchamp. Aller Aufbruchsstimmung zum Trotz muss sie aber schnell feststellen, dass es im grauen Thatcher-England gar nicht so einfach ist, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen…

Ich hatte gelernt, dass das Leben nicht wie in den Büchern war […]. Auf das Leben war kein Verlass. Das Leben war unberechenbar. Das Leben schwang wild von hier nach da, ohne jeden Sinn. Und meistens geschah es nicht so, wie man von Rechts wegen eigentlich erwarten durfte, dass es geschehen würde.

J. L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp

Dafür, dass „Leben und Werk der Hetty Beauchamp“ bereits fast 35 Jahre auf dem Buckel hat, ist der Roman erfreulich wenig angestaubt. Kein Wunder, denn eine Geschichte wie die der jungen Hetty, die ihren Platz im Leben sucht, kommt eigentlich nie aus der Mode. Abgesehen davon ist das leichtfüßig geschriebene Buch mit seinem feinen Humor und dem teils sarkastischen Witz auch sprachlich ein großes Vergnügen — umso mehr, wenn man sich (anders als ich) sehr gut mit englischer Literatur auskennt, auf die ständig Bezug genommen wird.

Ein besonders interessanter Aspekt nicht nur von „Leben und Werk der Hetty Beauchamp“ ist der Umstand, dass J. L. Carr Figuren und Orte seiner Bücher mehr oder weniger prominent auch immer wieder in seinen anderen Romanen auftreten lässt. Um diese ganzen Querverweise zu verstehen, dürfte es sich also lohnen, das Werk des Briten noch ein weiteres Mal aufmerksam zu lesen, wenn es erst einmal komplett auf Deutsch vorliegt.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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