
Die europäische Geschichte der letzten gut 200 Jahre wirkt auf den ersten Blick wie eine einzige Ahnengalerie genialer weißer Männer. Dass das zum einen daran liegt, dass patriarchale Strukturen Frauen (und allen anderen Personen, die nicht den gängigen Männlichkeitsvorstellungen entsprachen) lange Zeit den Zugang zu höherer Bildung und öffentlicher Teilhabe mindestens erheblich erschwert haben, sollte sich inzwischen herumgesprochen haben.
Davon, dass es zum anderen aber natürlich auch früher sehr wohl viele Frauen gegeben hat, die zwar Großes geleistet haben, aber entweder in Vergessenheit geraten sind oder sogar systematisch aus dem Bild gedrängt wurden, handelt Leonie Schölers Buch „Beklaute Frauen“.
Hinter jedem erfolgreichen Mann steht ein System, das ihn bestärkt; vor allen anderen steht ein System, das sie aufhält.
Leonie Schöler: Beklaute Frauen
Ziel der Historikerin und Journalistin, die mit ihren Beiträgen zu geschichtlichen Themen auch bei Instagram und TikTok ein großes Publikum erreicht, ist es, herauszufinden, wie sich dieses System innerhalb der letzten zwei Jahrhunderte etabliert hat und wie es trotz vieler Veränderungen zum Besseren auch heute noch fortbesteht. Der erste Ausgangspunkt des Buches sind die Französische Revolution und die Revolutionen der Jahre 1848/49. Ohne die tatkräftige Mithilfe zahlreicher Frauen – etwa beim „Brotmarsch“ – hätten die Demonstrierenden damals sicher weit weniger erreicht. Dummerweise profitierten die Frauen am Ende kaum von ihrem Einsatz – der Einfluss von Adel und Kirche schwand in den Folgejahren, an ihre Stelle traten christliche weiße Männer des Bürgertums. Alle anderen gingen weitgehend leer aus.
Ein ernstes Thema, kurzweilig aufbereitet
Für die wenigen Frauen, die dennoch in den Genuss einer höheren Bildung kamen, endete mit Ehe und Kinderkriegen die Laufbahn. Als Forscherin selbst für seinen Lebensunterhalt zu sorgen, war lange schlicht undenkbar, zur finanziellen Abhängigkeit vom Ehemann gab es kaum eine echte Alternative. Und die Frauen, die das Glück hatten, sich doch weiter ihrer Wissenschaft widmen zu können, verschwanden oft im Laufe der Zeit aus den Geschichtsbüchern. Wie die Neurologin Cécile Vogt, die mit ihrem Mann Oskar ein weitgehend gleichberechtigtes Forscher-Duo bildete, das vielfach für den Nobelpreis nominiert war. Während Oskar Vogt heute als Pionier der Hirnforschung gilt, taucht Cécile bestenfalls als Randnotiz auf.
Im wahrsten Sinne des Buchtitels „beklaut“ wurde die Biochemikern Dr. Rosalind Franklin, die Entdeckerin der Doppelhelix-Struktur der DNA. Den eigentlich ihr zustehenden Nobelpreis heimsten 1962 und damit ein paar Jahre nach Franklins frühem Tod drei Männer ein, die zugaben, in den Unterlagen ihrer Kollegin gewühlt und deren Erkenntnisse als die eigenen ausgegeben zu haben. Ein dreister Diebstahl, der aber ohne Konsequenzen blieb.
Und so begegnen wir im Lauf der Lektüre vielen weiteren Frauen, deren Leistungen kleingeredet, Männern zugeschrieben oder sonstwie unter den Teppich gekehrt wurden. Lauter Schicksale, die zusammengenommen allerdings das größere Bild einer systematischen Benachteiligung ergeben.
Heute mag zwar vieles wesentlich besser sein, aber trotzdem wirken die lange etablierten und praktizierten Strukturen auch heute noch nach – in Lehrplänen und Vorstandsetagen ebenso wie in Verlagsprogrammen und an Universitäten.
Zur echten Gleichberechtigung ist es weiterhin ein langer Weg. Kluge (und zugleich unterhaltsame) Bücher wie Leonie Schölers „Beklaute Frauen“ sind ein kleiner, aber nicht zu unterschätzender Schritt auf diesem Weg.
- Leonie Schöler: Beklaute Frauen
Penguin, 416 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3-328-60323-8
** Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar! **
Zum Weiterlesen: Im Buch wird Johanna van Gogh-Bonger erwähnt, ohne deren vielfältiges Engagement aus ihrem Schwager Vincent van Gogh wohl nie der weltberühmte Künstler geworden wären, der er bis heute ist. Ihrer Geschichte hat Simone Meier den Roman „Die Entflammten“ gewidmet.
Ausstellungstipp: Ein Phänomen, das Leonie Schöler in ihrem Buch anspricht, ist das der „wiederentdeckten Frauen“, deren Werk entweder zu Lebzeiten nicht gewürdigt wurde oder nach ihrem Tod in Vergessenheit geraten ist. Eine dieser „Wiederentdeckungen“ ist die schwedische Malerin Hilma af Klint, der die Kunstsammlung NRW in Düsseldorf gemeinsam mit Wassily Kandinsky noch bis zum 11. August die Ausstellung „Träume von der Zukunft“ widmet. Hilma af Klint und der fast gleichaltrige Wassily Kandinsky gelten beide als Pionier*innen der abstrakten Malerei, doch während Kandinsy selbst wenig an Kunst Interessierten zumindest ein Begriff ist, war af Klint lange Zeit nahezu komplett vergessen.






