Florian Weber: Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken

Puh, was für ein langer, komplizierter Buchtitel! Bei der Lektüre von Florian Webers drittem Roman erschließt sich der durchaus mehrdeutig zu verstehende Titel dann aber recht schnell. Zu Beginn tappt man jedoch erst einmal im Dunkeln — zum Glück befindet man sich dabei wenigstens nicht in einer so misslichen Lage wie Heinrich Pohl, der Protagonist der Geschichte. Der Mittvierziger treibt nämlich, verzweifelt festgeklammert an einer Styropor-Kühlbox, mitten im offenen Meer und weiß weder, wo er sich befindet (als Leserin oder Leser weiß man, dass es irgendwo zwischen der Küste Floridas und den Bahamas ist), noch, wie er dort hingekommen ist oder warum in seiner Nähe ein bewusstloser Clown, ein Lama und ein Klavier im Wasser herumdümpeln. Sicher ist bereits zu diesem Zeitpunkt, dass das alles kein gutes Ende nehmen kann — davon, wie es überhaupt zu dieser aussichtslosen Situation gekommen ist, erzählt „Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken“.

Nach der Anfangssequenz im Meer wandelt sich der Roman schnell zu einem aberwitzigen Roadtrip. Wir lernen Heinrich Pohl als etwas verzagten Archivar aus München kennen, der schon als Kind seine Zeit am liebsten im vollgestopften Antiquitätenladen seines Onkels Wendelin verbrachte. Einerseits, um seinem wenig liebevollen Vater und den fiesen Brüdern zu entgehen. Anderseits, um den schillernden, oft sehr frei ausgeschmückten Geschichten zu lauschen, die der Onkel zu jedem Stück in seinem Laden erzählen konnte („Konfabulation“ ist ein Stichwort, das man sich in diesem Zusammenhang merken sollte). Inzwischen ist Wendelin knapp 80 Jahre alt, schwer an Lungenkrebs erkrankt und hat eine letzte Bitte an Heinrich: Der Neffe soll den Todkranken auf einer Amerika-Reise von Utah nach Florida begleiten — auf exakt der Route, die Wendelin und dessen damals ebenfalls schwer kranke Frau Kerstin vor mehr als 40 Jahren gereist waren. Heinrich, nicht unbedingt ein großer Abenteurer, willigt zähneknirschend ein und stellt schon bald fest, dass Onkel Wendelin seine letzte Fahrt minutiös geplant hat und mit einigen überraschenden bis schockierenden Wahrheiten herausrücken möchte, die das Potenzial haben, Heinrichs restliches Leben gehörig auf den Kopf zu stellen.

Im Zirkus ist die Welt so bunt, wie sie es immer sein sollte, aber es leider nur selten ist.
Deswegen bin ich immer Zirkus. Ich bin immer Clown.

Florian Weber: Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken

Romane, in denen ungleiche Charaktere auf eine große, lebensverändernde Reise gehen, gibt es inzwischen wie Sand am Meer, aber Florian Webers „Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken“ ist trotzdem eine ganz besondere Geschichte. Zum einen, weil der schluffige Heinrich, der alte Schelm Wendelin und später die resolute Birdy ein Gespann abgeben, an das man sich noch lange erinnert. Zum anderen aber auch, weil Multitalent Florian Weber eine irrsinnige Lust am Erzählen an den Tag legt. Viele unvorhergesehene Wendungen, jede Menge schräge Gestalten und ein schier endloser Fundus an unnützem Wissen — es macht einfach Spaß, dieses Buch zu lesen. Auch, weil „Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken“ kein rosarotes Feelgood-Büchlein ist, sondern weil — ähnlich wie zum Beispiel beim Großmeister John Irving — die komischen Momente dank der tragischen und berührenden Passagen noch heller leuchten dürfen.

  • Florian Weber: Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken (Heyne Hardcore; 320 Seiten; ISBN: 978-3-453-27362-7).
  • Geplante Lesungen: 9. April – München: Volkstheater; 10. April – Schrobenhausen: Herzog-Filmtheater; 25. Oktober – Berlin: Pfefferberg Theater; 27. Oktober – Rostock: Helgas Stadtpalast; 28. Oktober – Hamburg: Nachtasyl.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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